Achtung. Achtung. Achtung.
Wir sind umgezogen!

Januar 2021

Das Büro für besondere Maßnahmen ist ab sofort erreichbar auf mojour.de

Nach und nach werden alte Beiträge – ggf. aktualisiert und überarbeitet – dorthin umziehen. Bitte folgen ... :-)

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Sonntag, 26. August 2012

probezeiten

wunder no. 10

nicht nur die probezeit der katze habe ich vor kurzem erfolgreich bestanden und abgeschlossen (sie hat beschlossen, bei mir zu bleiben), sondern auch die ersten sechs monate auf meiner halben zeitarbeitsstelle im verlag habe ich bärinnenstark hinter mich gebracht.

Dolceaqua - Brücke über die Nervia
das war schon anfang mai, als ich aus meinen italienischen zeiten zurückkam. ich war sehr froh, dass ich als redaktionsaushilfe so lange durchgehalten hatte, dass meine kündigungsfrist nun nicht mehr nur zwei, sondern sogar vier wochen betrug.

so viel sicherheit hatte ich fast noch nie zuvor in meinem leben! wir erinnern uns: zu beginn meiner zeitarbeitskarriere im dezember des vergangenen jahres war die kündigungsfrist genau einen tag lang, vierundzwanzig stunden!

immer um zwei monate war mein einsatz verlängert worden, dreimal insgesamt, zum schluss bis ende juli. auch davon erfuhr ich im mai, allerdings mit bitterem beigeschmack. es hatte mir zwar keiner konkret gesagt, aber ich spürte es doch: diese verlängerung war die letzte. die erkrankte kollegin war längst genesen und hatte - unter anderem mit meiner unterstützung - alle rückstände aufgearbeitet. ob meine zeitarbeitsfirma mich danach noch woanders hätte unterbringen können, ist fraglich.

von wegen übernahmeoption! war das doch nur die lockende karotte gewesen, die die zeitarbeitsfirma mir die ganze zeit vor die nase gehalten hatte? mit der in den medien ständig geworben wird? die meist unhaltbare versprechung, dass zeitarbeit wirklich nur 'auf zeit' ist? und ich eselin war brav hinterhergetrottet?!

ja.
und nein.

ja, weil es in der bisherigen abteilung für mich definitiv nicht weiterging.

nein, weil genau zur selben zeit in einer anderen abteilung im haus eine stelle als redaktionsassistenz neu ausgeschrieben wurde: teilzeit, unbefristet. meine große chance!

nach rücksprache mit dem alten team habe ich mich beworben, wurde eingeladen zum vorstellungsgespräch, später ein kennenlernkaffee mit den neuen kollegInnen - und wurde genommen! nicht zuletzt, weil ich bereits im haus gearbeitet hatte und mir vieles bereits vertraut ist; weil die vorgesetzten untereinander geredet haben, was zu bereden war.

als halb-interne quereinsteigerin aus der zeitarbeit hatte ich den entscheidenden vorsprung. für diese chance bin ich allen beteiligten unendlich dankbar!

ich war - einmal im leben! - zur richtigen zeit am richtigen ort! plötzlich ging alles ganz leicht, und deswegen hat nun für mich an anderer stelle eine neue probezeit gerade erst begonnen:

auch wenn ich im selben betrieb bin, so ist in der neuen redaktion doch sehr vieles neu für mich: die inhalte, das team, der umgangston. es ist fast so, als ob ich nun in einer anderen firma arbeite - aber eben nicht ganz.

endlich habe ich auch einen eigenen festen arbeitsplatz (in mehrfacher hinsicht) - und wandere nicht länger von einem schreibtisch zum anderen - wo immer gerade platz ist, weil jemand urlaub macht oder krank ist. statt dessen gibt es sogar ein schild an 'meiner' großraumbürotür, auf dem - alphabetisch eingeordnet - mein name zwischen den anderen steht. ich bin jetzt mittendrin.

leider sind auch hier im 'reichen südwesten' die einstiegslöhne erheblich gesunken. ich verdiene nur noch ein bruchteil von dem, was mir 'früher' im 'armen nordosten' mal gezahlt wurde. deswegen kann ich auf ergänzendes arbeitslosengeld im augenblick noch nicht verzichten. immerhin ist mein gehalt ein bißchen mehr als in der zeitarbeit. das amt kann sich also freuen. ich werde billiger. es fehlt nicht mehr viel.

meine zwanzig stunden wochenarbeitszeit darf ich auf vier tage legen, welch ein luxus! nach einer solchen stelle habe ich mehr als zehn jahre gesucht: eine, die zwar nicht so ganz 'meins' ist - aber einigermaßen erträglich, vielleicht sogar hin und wieder spannend, die mir die basics finanziert, eine durchaus anspruchsvolle herausforderung - aber weder mich noch meine gesundheit überfordert.

sogar meine ärztin hat mir gratuliert. auch sie ist der meinung, dass ich jetzt erst einmal alle kraft auf die erfolgreiche einarbeitung legen und mich nicht zusätzlich belasten sollte (das amt und der vermieter sehen das leider nicht so. aber davon ein andermal - heute ist party!).

das wichtigste ist jetzt, dass ich das halbe jahr probezeit gut bestehe und auch tatsächlich in den unbefristeten vertrag übernommen werde.

es sieht ganz danach aus, als hätte ich einen arbeitsplatz gefunden, an dem ich bleiben kann.
und will.
und soll!

ein wunder!
eine brücke über den reißenden fluß!

damit ist von meinen vielen, mich so unendlich belastenden lebensbaustellen wenigstens bei einer alles bestmöglich auf den weg gebracht und - so hoffe ich - ein heiteres geradeaus in sicht.
ich werde jedenfalls von meiner seite alles dafür tun.


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Dienstag, 1. Mai 2012

autoschlüssel

seit jeher bin ich eine eher vorsichtige, manchmal auch ängstliche frau. seitdem ich prekär lebe und versuche, mit meinen finanziellen mitteln, die bisweilen unterhalb des existenzminimums liegen, das maximum an mir möglichem luxus zu leben, bin ich in vielen angelegenheiten noch zurückhaltender geworden.

impatiens (fleißiges lieschen) gefüllt - farbe: porzellanrosa


mein luxus ist immer relativ. ich entscheide oft sehr genau, wofür ich meine paar kröten ausgebe und wofür nicht. manches, was im existenzminimum nicht vorgesehen ist, leiste ich mir trotzdem. das sparen an anderer stelle ist kaum möglich. ich tue es trotzdem und verzichte bisweilen auf dinge, auf die andere niemals verzichten könnten.

eines meiner luxusgüter ist das kleine alte auto. es hat fast zwanzig jahre auf dem kilometerzähler. ein ford fiesta in black, mein 'kleines schwarzes'. es fährt immer noch zuverlässig, wenn auch nicht sehr schnell.

seit dem letzten TÜV im herbst 2010 gab es keine nennenswerten reparaturen. nur ab und zu ein neuer satz zündkabel, wenn mal wieder der marder ausgerechnet unter meiner motorhaube sich sattgefressen hatte.

das einzige, was mich seit dem letzten TÜV wirklich etwas gestört hat, war das schloss an der fahrertür: es war ausgeleiert und ließ sich mit dem schlüssel zwar zu-, aber nicht wieder aufschließen.

schloß ich das auto ab, so musste ich vor der nächsten fahrt erst umständlich die beifahrertür aufschließen, von dort ins auto hineinkrabbeln, innen auf den fahrersitz klettern und die fahrertüre von innen öffnen. das war die sichere variante.

weil ich aber nicht nur ängstlich sein kann, sondern auch so dermaßen bequem, dass es meine vorsicht bisweilen aushebelt, ließ ich das auto immer offen stehen. der gerechtigkeit halber schloß ich weder die fahrer- noch die beifahrertüre mehr ab. anderthalb jahre lang. es passierte nichts. mein harmloses landleben hat auch seine positiven seiten.

auch wenn ich mal in die stadt fuhr, ließ ich die fiesta immer offen stehen. oft auch die fenster einen spalt weit heruntergekurbelt, damit es sich nicht so aufheizte, wenn es in der sonne stand. es heizte sich zwar trotzdem auf, aber sonst passierte nichts.

hin und wieder dachte ich daran, das defekte türschloss einmal zu erneuern oder ein noch funktionierendes gebrauchtes irgendwo günstig aufzutreiben. aber vor dem aufwand des aus- und einbauens bzw. den damit verbundenen kosten schreckte ich zurück.

autowerkstätten gehören zu den orten, um die ich als prekär lebende frau lieber einen großen bogen mache. einerseits aus kostengründen. da gab es schon oft böse überraschungen. andererseits auch wegen des bisweilen vorkommenden respektlosen umgangs der werkstattmänner mit mir als kundin. auch da habe ich als frau schon böse überraschungen erlebt.

in puncto autoreparaturen fahre ich also eine bisweilen leichtsinnige vermeidungsstrategie.

was dann in diesem frühjahr mit der fiesta passierte, kündigte sich schon eine weile vorher an und war sehr lästig:

nicht mehr nur das schloss der fahrerseite funktionierte nicht mehr. auch das schloss der heckklappe für den kofferraum ging erst immer schwerer, dann nur noch manchmal und schließlich überhaupt nicht mehr auf.

der befürchtete zeitpunkt war gekommen: mit der defekten fahrertür, das konnte ich noch irgendwie dingeln. aber eine defekte kofferraumklappe – das ging gar nicht mehr! ich musste etwas unternehmen. eine reparatur musste her, wenn nicht gar zwei!

es dauerte mehrere wochen, bis ich an einem besonders mutigen tag (und auch im hinblick darauf, dass ich mit dem auto eine etwas größere reise plante) mich zum dörflichen werkstattmann meines vertrauens wagte.

der ist sehr nett und korrekt und zieht einem keinesfalls schon mit blicken das geld aus der tasche. freundlich sah er sich zunächst meinen schlüssel an. klare diagnose: „total abgenutzt.“ ob ich noch die schlüsselnummer hätte oder zumindest einen zweitschlüssel?

das fiesta habe ich vor fünf jahren gebraucht gekauft aus zweiter oder dritter hand, unterlagen gab es keine mehr dazu. aber ein ersatzschlüssel ist tatsächlich noch vorhanden. der besteht aber nur aus schlüsselbart und sonst fast nix. den kriege ich im schloss nicht gedreht und benutze ihn deswegen nicht.

der kompetente werkstattmann empfahl, erst mal den schlüssel nachmachen zu lassen und es damit zu probieren. kosten seiner diagnose und empfehlung der konkurrenz: null.

die große fordwerkstatt in freiburg ist eigentlich direkt nebenan von da, wo ich derzeit in der redaktion arbeite. ich bin schon oft daran vorbeigeradelt. ein paar tage später, in denen ich erst einmal wieder neuen werkstattkonfrontationsmut sammelte und nach einem vorsichtig mich vorbereitenden informationstelefonat fuhr ich mutig auf den ford-parkplatz stellte meine kleine alte schwarze gurke lässig zwischen den neuen gefühlt fünfmal so großen boliden ab. das sah putzig aus.

hineinmarschiert zum servicepoint. aufgabe erklärt. herr servicepoint besah sich den alten schlüssel, marschierte damit hinaus zum auto, wollte kaum glauben, dass das noch fährt und versuchte, mir vier neue schlossbolzen zu verkaufen. ich bügelte das freundlich ab mit dem hinweis darauf, dass demnächst ein neuer TÜV fällig sei – und wenn mein kleines schwarzes den bestanden habe, würde ich anschließend gegebenenfalls auch über neue schlossbolzen à 100 öre inklusive einbau das stück nachdenken. aber nicht jetzt.

er gab sich geschlagen und schlug mir einen neuen schlüssel vor, den könne die werkstatt gleich anfertigen. genau das war es, was ich im telefonat am vortag herausgefunden hatte: rohlinge vorrätig, anpassen kostet rund 13 euro.
für die wartezeit von etwa fünfzehn minuten bot herr servicepoint mir einen stuhl und einen kostenlosen kaffee an – und verschwand mit meinem schlüssel im werksbereich.

ich nahm dankend an. der kaffee war lecker.

der schlüsselschleifermeister höchstpersönlich brachte mir sein werk und ging mit mir noch einmal hinaus auf den parkplatz. alle schlösser inklusive zündschloss funktionieren mit der neuanfertigung einwandfrei. neue schlösser braucht es erst einmal nicht.

der preis: erleichternde 12euro99, inklusive mehrwertkaffee.

das einzig schwierige an der sache: jetzt muss ich mich erst einmal wieder daran gewöhnen, mein auto auch abzuschließen. oft vergesse ich es noch aus alter gewohnheit. oder ich bin ganz überrascht, wenn ich einsteigen will und die fahrertür verschlossen vorfinde.

nach anderthalben jahren ist das eine gewaltige umstellung. aber sicherer ist es doch. das ist mir gerade wichtig. ich werde euch zu gegebener zeit wissen lassen, warum.

bisweilen schmunzele ich über meine vermeidungsstrategien und darüber, wie sehr ich mir das leben doch selbst auch schwer mache mit meinen ängstlichkeiten. aber es ist, wie es ist:

für mich war es eine große heldinnentat, diese aufgabe zu lösen. für andere wäre es klickerkram, nicht mal ein zucken mit der wimper. ich aber bin froh und dankbar, dass mir das – wie so vieles andere auch – ohne alkohol gelungen ist.


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Sonntag, 4. März 2012

frisch verliebt

kaum zu fassen, aber das gibt es noch: ich bin verliebt! seit mittwoch, um fünfzehnuhrzehn.

fast zweieinhalb jahre sind vergangen, seitdem meine letzte katze starb. mafia cioccolata war 18 jahre alt und schwer krank. ein halbes jahr zuvor hatte frau maier uns verlassen. sie war fast 19 – und ebenfalls sehr krank.

nachdem die mir von einer freundin zeitweilig anvertraute katzebutz sich im vergangenen oktober auf den weg nach china gemacht und mich ebenfalls verlassen hatte, war meine wohnung kalt und leer und sehr sehr einsam.

wie ich den winter ohne katze überstanden habe, weiß ich schon gar nicht mehr. zum glück war ich zumindest unter der woche etwas abgelenkt durch die neue arbeitsstelle. im verlag ist es hell und geheizt.

noch vor wenigen wochen war ich ganz fest der meinung, keine eigene katze mehr zu wollen, weil ich mit meinen prekären finanzen nicht die verantwortung für ein anderes lebewesen übernehmen wollte. ich kriege mich ja schon selbst kaum ausreichend ernährt.

statt dessen wollte ich lieber ab und zu mal ein tier in pflege nehmen, auf zeit.

aber während ich noch am rechner saß, um einen flyer zu basteln, den ich in den tierarztpraxen und katzenfutterboutiquen der nachbarschaft hätte auslegen wollen, da wuchsen meine einsamkeit und die sehnsucht nach kätzischer zuwendung ins unermessliche.


drei tage später geschah das februarwunder: ganz unerwartet hat das jobcenter eingelenkt und mir die volle miete für weitere drei monate zugestanden. eine fette nachzahlung blinkte fröhlich und ganz überraschend auf meinem konto. eigentlich hat diese nachzahlung nur die lücke gefüllt. aber uneigentlich hatte ich dadurch in meinem dispolimit wieder etwas mehr luft.

„reichtum“ hatte mir die tarotkarte aus der neujahrsnacht für den februar vorhergesagt. da war er!

„die kaiserin folgt ihrem innersten gesetz“ hieß an jenem mittwoch bei zinnoberfluss.

reichtum!? innerstes gesetz?! ich fuhr sofort ins tierheim meines vertrauens und ließ mich durch die katzenzimmer führen.

da war sie. im vierten zimmer. dutzende andere hatte ich gesehen, aber sie sah mich. quasi mitten in den weg setzte sie sich und wollte nicht einen zentimeter weichen. aus großen bernsteingoldenen augen sah sie mich an. ich kam nicht an ihr vorbei. sie sprang auf die obere ablage und breitete sich in ihrem körbchen vor mir aus, unwiderstehlich!


sie ließ sich sogar von mir anfassen: kein zurückweichen kein fauchen keine abwehr. ich bin dein! schien sie mir zu telepathieren. protest zwecklos, entkommen unmöglich. die goldenen katzenaugen hielten mich in ihrem bann. zack! unsterblich verliebt. kein zurück mehr.

die pflegerin erzählte, dass sie vor rund einem jahr als pensionskatze eingezogen und dann von den besitzern nicht abgeholt worden war, sehr scheu und zurückhaltend sei. auch ich kann hemmungslos schüchtern sein: die katze her zu mir!

seither steht mein büro für besondere maßnahmen wieder unter kätzischer regie. die neue büromieze heißt Ginivra. in anlehnung an königin Gwenhwyfar aus der artussage. das bedeutet die schöne, die weiche; es bedeutet auch "die weiße fee" - bezaubernde Gini!

eine eigene webseite hat sie auch schon. aber Ginivra ist nicht so der literarische typ, sagt sie. es kann also sein, dass ihr blog eher eine art fotoalbum wird.

Ginis fellfarbe, übrigens, ist ein verdünntes schildpatt. das kannte ich vorher gar nicht. aber zum glück gibt es ja das internet. da wird nicht nur ziemlich genau erklärt, wie diese farbe genetisch zu stande kommt, sondern auch, dass sie bei manchen züchtern angeblich sehr beliebt sei und auch blau-creme heißt oder tortie. meine neue katze ist also ein süßes törtchen. ein sweet pie! *hach*

wir grinsen uns eins. denn im grunde ist Ginivra graubraun gesprenkelt, also nix besonderes: „en fussisch julche met bläcke fööß“ - von irgendwie undefinierbarer farbe - wie man in meiner geburtsstadt sagen täte.

das einzige, was mir bislang unangenehm aufgefallen ist: ihre farbe beißt sich ein wenig mit der farbe des aktuellen teppichbodens. helles holz als untergrund wäre besser, sowieso - so wie wir das früher hatten, als ich noch in berlin lebte.

nun, wir werden uns arrangieren. Ginivra und ich. ansonsten verstehen wir uns bestens.

immerhin habe ich jetzt endlich eine katze, die nicht nur bei nacht, sondern auch am tage grau ist. das finde ich sehr schön!


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Donnerstag, 8. Dezember 2011

bärenstark

wunder no. 7

manchmal passieren die dinge im leben so schnell, dass mir schier schwindlig wird. gerade so, als ob ich in einem dieser wirbelnden karusselldinger sitze und nicht mehr raus kann, obwohl mir längst schlecht ist vor lauter aufregung.

manchmal muss es eben Lindt sein. [danke k!]

ich brauchte die kraft einer bärin, um auf den füßen zu bleiben. da steh ich nun – und habe eine unbefristete arbeitsstelle. seit anfang des monats. teilzeit. in einem der größten verlage des landes.

nach den ersten arbeitstagen kann ich sagen: das ist im grunde genau die stelle, nach der ich seit gut zehn jahren gesucht habe. sie finanziert meine basis. fast. nur noch ein bißchen mehr, damit es auch für die wohnung reicht – und dann ist der rest fröhliche kür.

plötzlich stehe ich wieder ganz anders in der welt. klar: ich werde meine freien kapriolen fortsetzen! die kolumnen, die kurse, das büro für besondere maßnahmen. aber zunächst setze ich prioritäten: auf diesem neuen arbeitsplatz will ich nicht nur die probezeit überstehen!

die bezahlung ist …. übertariflich. die tarife sind zwar nicht so dolle, aber egal. immerhin ist es mehr als an der hochschule im vergangenen jahr.

die sache hat einen kleinen haken, den ich respektvoll vernachlässige, weil sonst alles stimmt: der unbefristete vertrag läuft über eine zeitarbeit. mein einsatz auf der jetzigen stelle ist zunächst auf mehrere monate befristet – allerdings mit ausdrücklicher übernahmeoption.

es geht um formalien: die arbeit ist da, aber der zusätzliche arbeitsplatz von der geschäftsleitung noch nicht bewilligt. also springt zunächst das budget für aushilfen ein, bis anderweitig fakten geschaffen wurden.

für mich ist das eine riesige chance! ich kann mich noch einmal neu orientieren, darf vieles dazulernen. muss mich zunächst nicht festlegen. darf reinschnuppern und mich bewähren. ich fasse es noch gar nicht, so groß ist mein glück.

es war alles anders als beim letzten stellenantritt vor ziemlich genau zwei jahren: die erste reaktion auf meine online-bewerbung bei der personalvermittlung (vor gut vier wochen) kam diesmal schon am selben tag. keine vierundzwanzig stunden später saß ich bereits im vorstellungsgespräch. der personaler freundlich, wertschätzend. keinerlei fangfragen! ein profi.

man werde meine unterlagen weitergeben und mich dem auftraggeber als geeignete bewerberin empfehlen. dann dauerte es zwei geduldige wochen, bis die rückmeldung kam: der verlag wollte mich kennen lernen, ende november. yesss!

ich starb vor aufregung und machte mit der besten freundin eine modenschau, um ein geeignetes outfit festzulegen. nach fast sechs jahren in hartzIV ist von den feinen vorzeige-klamotten der rundfunkredakteurin von damals nicht mehr viel übrig. ausgaben für textile neuanschaffungen sind derzeit nicht vorgesehen. wir fanden einen kompromiss aus second hand, unkaputtbarem hess natur und italienischen schuhen.

neu für mich: für einen einzigen job zu zwei verschiedenen vorstellungsgesprächen zu gehen. meine aufregung war enorm, der gemessene blutdruck lag knapp unter 200. ich habe es ausgehalten.

aber auch das zweite gespräch verlief sehr angenehm: sachlich, freundlich, professionell. wertschätzend. gar kein personaler dabei. statt dessen der abteilungsleiter und der redaktionsleiter – also genau die menschen, mit denen ich nun im arbeitsalltag zu tun habe.

danach hatte ich zwar ein gutes gefühl, war aber total verunsichert. zu viele demütigungen habe ich erfahren in den vergangenen jahren, zu viele leere versprechungen gehört. zu stark die konkurrenz: oft hatten nur nuancen den ausschlag gegeben. immer hatte ich verloren. die bewerbungen habe ich schon längst nicht mehr gezählt.

diesmal habe ich gewonnen. der erlösende anruf kam gleich am tag darauf: arbeitsbeginn in wenigen tagen! das war vergangene woche. inzwischen stecke ich schon mitten in der einarbeitung.

nun bin ich wieder teil der erwerbstätigen bevölkerung. mein leben hat einen rahmen, in den ich mich einfügen kann. das wort 'freizeit' bekommt einen stellenwert, den es lange nicht hatte. welch ein genuss!

täglich gehe ich hinaus in die welt, erledige meine aufgaben in einem kleinen, kollegialen team. ich werde gesehen.

dass es das wieder gibt für mich, empfinde ich als großes wunder. ich hatte nicht mehr daran geglaubt. nun ist es einfach so. es geht mir sehr sehr gut damit.

nicht so gut geht es mir mit dem ergänzenden arbeitslosengeld 2, auf das ich zunächst noch angewiesen bin: 'eigentlich' sollte jetzt das jobcenter ein einsehen haben und mir die wohnung lassen. wo ich doch meinen lebensunterhalt zum größten teil endlich wieder selbst verdiene.

aber pustekuchen: erst gestern kam ein neuer bescheid, dass meine miete ab 01.01.2012 nur noch 'in angemessener höhe' anerkannt werden soll. dann reicht mein eigener verdienst nicht mehr zum leben: nach abzug der miete bleiben mir noch knappe 150 euro für lebensmittel, strom, telefon/internet, versicherungen etc.

ich bin also weiterhin mit überleben beschäftigt. trotz allem: mein motto für dieses jahr war gut gewählt: „erwarte nichts. lebe genügsam von überraschungen.“

es bewahrheitet sich nun, dass ich sogar darauf vertrauen kann. diese überraschung zum jahresende, der unbefristete vertrag, macht mich fast satt. ein paar bären sind noch übrig, für noch mehr kraft, die ich jetzt dringend brauchen werde.

ich habe einen bärenhunger!


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Donnerstag, 1. Dezember 2011

mehr licht

ziemlich genau fünf wochen ist es nun her, dass ich wegen heftigst konkreter suizidgedanken in der psychiatrischen klinik war. die fünf tage, die ich dort verbracht habe, hatten und haben für mich große nachwirkungen.

ich schrieb ja bereits, dass durch die organisierte nichtbehandlung, die ich dort erfuhr, wie durch ein wunder meine inneren selbstheilungskräfte aufs schönste reaktiviert wurden.

im außen wurde dies noch unterstützt durch eine enorme klimatische veränderung in meinem wohnumfeld. die schöne aussicht in meinem 'büro für besondere maßnahmen' ist noch schöner geworden:

der baum ist weg. der riesengroße dunkelgrüne baum direkt vorm fenster ist nicht mehr. vorm balkon also nun keine grüne wand mehr, die meinen blick verdunkelt.


die hausbesitzer mussten den stattlichen, mehr als dreißig jahre alten blauglockenbaum fällen lassen, weil er sehr nah am haus stand und die wurzeln das fundament angegriffen haben. viertelmeterbreite mauerspalten taten sich auf!

zum anderen war er von innen verfault, die dicken äste und teile des stammes waren hohl. wir alle hatten angst vor einem großen unglück bei jedem gewitter!

der abschied von meinem schönen märchenbaum war zunächst auch traurig. ab sofort keine blaue glockenelfe mehr, die mich mit nussschalen bewirft. kein schwarzweißer buntspecht mit rotem käppi, der mich schon frühmorgens ausdauernd wachklopft. auch kein heiserer grünspecht mehr, dessen ruf klang, als ob er mich wiehernd auslachte.

die frechen spatzen und die munteren meisen zwitschern und tschilpen nun in der hecke. nicht weit weg. aber keine flugversuche des nachwuchses mehr direkt vor meinen augen (und dem der katze).

auch die amsel hat einen neuen platz gefunden, ebenso wie die schwarzen krähen:


das ist also meine neue aussicht: freie sicht aufs schönste bergundtalpanorama. fürs erste wurde auch gleich in der nachbarschaft ein mobiler ersatzbaum installiert. das soll wohl den abschied vom echten baum etwas erleichtern. mein ausblick übers tal ist dem der krähen gleich. wie die meckeropas in der muppetshow hocken die zwei dort oben und mokieren sich über die kleine welt da unten. ich mokiere mit.

der amselmann sitzt nun nicht mehr oben im baum, sondern auf der obersten kranetage und übt schon mal neue strophen fürs frühjahr, die treue flötenseele.

im büro für besondere maßnahmen ist jetzt mehr licht – die sonne scheint mir direkt herein. manchmal blendet sie mich beim arbeiten. dann sitze ich mit sonnenbrille vor dem klapprechner.

es ist auch wärmer geworden in der wohnung: ich darf keine schokolade mehr liegen lassen auf dem tisch. also esse ich sie gleich. das kommt mir entgegen.

wie es im sommer wird, wenn kein grünes schattendach mein nest unterm giebel mehr kühlen wird, bleibt abzuwarten.

auch das mikroklima im ganzen haus wird sich ändern. wenn auch der hausbesitzer mit seinen nicht nur lärmenden, sondern auch erdbebenden heimwerkergeräten mir erhalten bleibt. gerade jetzt ist er damit beschäftigt, den von den baumfäll- und baumstumpfausgrabearbeiten leicht ramponierten garten mit einem benzinmotorbetriebenen vertikutierer der marke extralaut gründlichst umzupflügen. mit getöse! seit einer dreiviertelstunde! schließlich sollen die vierzig quadratmeter wiese bis zum nächsten frühjahr wieder zum gestriegelten golfrasen getrimmt werden ....

man hätte denken können, dass ich mich an diesem ungewöhnlich warmen ersten dezembernachmittag auch mal mit einem kaffee auf den balkon hätte setzen können. aber bei dem lärm ertrage ich das nicht.

naja. irgend was is' immer, das wissen wir ja schon. daher genieße ich heute nur das neue licht. auch das tut mir schon gut, geht mir unter die haut bis ins herz: es ist, als ob ich in eine andere, noch schönere wohnung zurückgekehrt wäre.

das gibt mir neue kraft. nicht nur die real existierende aussicht, auch meine lebensan- und aussichten werden wieder lichter. manches ändert sich. ich ändere mich, kann plötzlich das eine oder andere heiterer sehen, lasse die dinge ein wenig entspannter auf mich zukommen und an mir vorbeifließen.

ich kümmere mich um zeugs, das schon lange unerledigt herumlag und mich – stumm vorwurfsvoll – belastetete. nun räume ich's auf und weg, repariere und sortiere aus. eins nach dem andern. das macht ein aufgeräumtes gefühl. neues kommt auf mich zu, das spüre ich genau.

es ist noch längst nicht alles wieder 'gut' in meinem leben. aber vieles ist gut auf den weg gebracht. gleichzeitig bin ich völlig verwundert, wo so viel alte und neue kräfte plötzlich herkommen. schön ist das, und ich genieße es sehr!

eine von euch schrieb mir im sommer in die kommentare „man soll nicht fünf minuten vor dem wunder die hoffnung aufgeben.“ also habe ich die hoffnung nicht aufgegeben. das war mal ne echte besondere maßnahme! und siehe da: die energie von 'mehr licht' ist ein wunder, ganz sicher.

ein weit größeres wunder ist übrigens derzeit noch >>>in arbeit. davon mehr, sobald es vollbracht ist!


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Sonntag, 6. November 2011

honig sei dank!

kurze maßnahme no. 24

da ich alleine lebe, passiert in meinem alltag nur selten etwas, das ich nicht selbst geplant und vorbereitet habe. noch seltener passiert es, dass sich in meiner wohnung dinge befinden, die ich nicht selbst hereingetragen habe.


genau ein solches ding aber fand sich vor einer woche bei meiner rückkehr aus dem krankenhaus auf meinem großen tafeltisch: ein hübsches kleines päckchen, eingewickelt wie früher in glänzendes braunes packpapier und sorgfältig von hand beschriftet.

was das wohl sein konnte? und von wem? ich kramte in meinem hochkarätigen kombinierkästchen nach möglichkeiten: hatte ich etwas bestellt oder bei ebay ersteigert, das noch nicht angekommen war? auch geburtstag hatte ich nicht, hochzeitstag habe ich keinen und pulitzerpreise kommen nicht mit der post.

ich liebe geheimnisvolle pakete, dann bin ich wie ein kind: ritschratsch runter mit dem papier und reingeguckt!

ein honig war drin, von maltesischen bienchen im thymian gesammelt, den mir eine treue leserin von ihrer ferienreise mitgebracht und quer durch die republik geschickt hat. dazu ein paar schnuckels für den katzebutz und ein handgeschriebener brief.

sehr geehrte Frau Dinktoc, mit diesem geschenk haben Sie mich zu tränen gerührt. zum einen, weil ich honig so sehr liebe. zum anderen, weil es gar nicht anders sein kann, als dass Sie die ganze zeit an mich gedacht haben: vor dem einkauf, beim aussuchen, bezahlen, transportieren, verpacken, zur post bringen. so viel zuwendung! zum dritten, weil ausgerechnet honig so schwer(wiegend) ist im koffer und heikel. nichts ist trauriger als klebrig süße scherben im gepäck.

der honig ist köstlich und kostbar – und stillt meine unterschwellige sehnsucht nach südlicher zuwendung.

ich freue mich sehr und sende ein herzliches DANKE!!! welch eine besondere maßnahme! dafür hätten Sie glatt noch einen preis verdient!

möge das gute, das Sie aussenden, in vielfacher weise zu Ihnen zurückkehren.


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Mittwoch, 16. März 2011

insel des glücks

wohl die größte ironie an der ganzen katastrophe rund um das kernkraftwerk in der japanischen präfektur fukushima:

fukushima - japanisch 福島 - bedeutet ‚insel des glücks‘. ausgerechnet.


fukushima ist knappe 14.000 quadratkilometer groß, also etwas kleiner als schleswig-holstein. mit rund 2 millionen einwohnern ist es etwas dünner besiedelt als unser nördlichstes bundesland. städte und dörfer konzentrieren sich dicht gedrängt entlang der küste. die berge – wie in japan üblich - sind fast unbewohnt.

an der küste entlang gibt es die wichtigsten straßen und eisenbahn-verbindungen. ein großteil davon wurde durch das erdbeben und die anschließende tsunami zerstört. deswegen ist es derzeit so schwierig, dorthin zu gelangen – für lieferungen mit nahrungsmitteln, medikamenten, aufräumgeräten, akw-rettungs-equipment gibt es fast keine transportwege mehr.

auf seiner webseite wirbt fukushima um investoren und die ansiedlung von firmen mit sechs großen vorteilen. einer davon:

„Fukushima supplies a stable industrial infrastructure with few earthquakes and disasters, as well as plentiful water resources.“ (Fukushima verfügt über eine stabile industrielle Infrastruktur mit nur wenigen Erdbeben und Katastrophen sowie reichliche Wasserquellen.)

fukushima - seit fünf tagen insel des unglücks, hilflos. ein beben, ein großes wasser, eine schier endlose reihe atomarer katastrophen.

jiji, eines der größten japanischen online-nachrichten portale, meldet 6.600fache strahlung, 20km vom akw fukushima entfernt.

nun sollen die schmelzenden reaktorkerne mit wasserwerfern gekühlt werden. heute schneit‘s. hilft das vielleicht ein bißchen?

für die obdachlos gewordenen und evakuierten hunderttausende menschen hingegen macht das winterwetter die situation nur noch schwieriger.

mein gehirn will die bilder und informationen, die es im TV und internet sieht, einfach nicht zu einer realität koordinieren. es ist alles so surreal.

fukushima hat ein angenehmes klima am meer, den gleichen breitengrad wie sizilien. in knapp zwei wochen wird in japan die kirschblüte beginnen: ein landesweites frühlingsfest, das dem verlauf der kirschblüte von süden nach norden folgt und sich alljährlich über mehrere wochen hinzieht.

so sehr ein japanisches symbol für frieden und wohlstand, dass es im japanischen völlig ausreichend ist, „hanami - 花見 - blüten-sehen“ zu sagen. ohne den zusatz ‚kirschen‘: jedeR weiß, dass damit immer und ausschließlich kirschblüten gemeint sind.

falls es dann im land der glücksinseln und den anderen von den katastrophen betroffenen landesteilen japans noch kirschbäume gibt, wird das ein seltsamer anblick. zartrosafarbene, duftige pracht zwischen trümmern und geborstenen atommeilern.

ich sage jetzt, dass bis dahin das allerschlimmste nicht passiert sein wird, dass es nach all den katastrophen doch noch ein wunder gibt. das sage ich jetzt! ich sage es dem universum und amatarasu omikami - der großen mutter sonnengöttin - und allen anderen kosmisch zuständigen.

die menschen in fukushima können doch nichts dafür, dass machtgeile regierungen und geldgeile energiekonzerne weltweit so eine schreckenstechnik forcieren. bloß, weil man aus dem angereicherten uran für die brennstäbe auch bomben bauen könnte - aus nem windrad aber nicht. könnte man diejenigen verantwortlichen jetzt mal bitte alle zum löschen und kühlen einteilen?!


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Samstag, 20. November 2010

glückskind

es gibt so tage, da könnte ich zwitschern vor freude. da passieren in meinem prekären leben dinge, von denen ich nicht mal mehr zu träumen wage. aber plötzlich sind sie echt und wahr.

amsel 

neulich vor einem monat zum beispiel. da bekam das kleine alte auto nach vielen reparaturen gegen teuer geld eine neue TÜV-plakette. gegen sehr teuer geld, das ich im grund gar nicht besitze – und doch irgendwie aufgetrieben habe, weil mir das kleine alte auto so wichtig ist. es ist schwarz.

wenn es im vergangenen jahr eine doppelte abwrackprämie gegeben hätte für autos, die doppelt so alt sind: ich hätte sie vielleicht doch genommen. so aber habe ich diesen schrottwahnsinn nicht mitgemacht. das wäre mir zu billig gewesen. für nur zweieinhalbtausend ocken hätte ich mein kleines schwarzes nicht hergegeben.

die neue TÜV-plakette war gerade mal drei tage alt, da krachte unterm auto der auspuff ab. großer schreck! und große angst, jetzt noch mehr teure reparatur bezahlen zu müssen.

mein büro liegt ein bißchen am berg, die autowerkstatt ist weiter unten im dorf. wenn das auto mal nicht anspringt, kann ich einfach runterrollen. notfalls macht der werkstattmann auch hausbesuche. das ist ein echter schatz.

der werkstattschatz machte große augen, als er den weggebrochenen auspuff an der letzten schelle hängen sah. es war ihm wohl auch peinlich, dass sowohl er als auch der TÜV-man die marode stelle übersehen hatten.

nahm er also das auto sofort auf seine halbautomatische hebebühne, besah den schaden, diagnostizierte, dass er das mal eben schweißen könne und schickte mich auf einen spaziergang in die reben.

als ich nach einer knappen stunde zurück kam, saß der auspuff wieder gerade und hatte die schönste verstärkte und kunsthandwerklich verzierte schweiss- und lötnaht von allen. an der stelle geht der auspuff sicher nie wieder kaputt.

kosten der reparatur? „nix. das schenk ich dir.“ jetzt hat das kleine alte auto einen eingebauten talisman mit schutzengel. ich bin entzückt. meine innere finanzministerin ist es auch.

da war ich glückskind vor einem monat, und in dieser woche schon wieder:

auch der klapprechner, auf dem ich die besonderen maßnahmen produziere, ist nicht mehr der jüngste. er ist zwar noch nicht so alt wie das kleine schwarze auto, aber auch schon seit 2003 auf dem markt. kleiner als der große graue kasten davor. und schwarz.

im grunde tut der klapperrechner ganz zuverlässig, was ich will; hat ein starkes 2giga-herz und für meine zwecke ausreichend graue speicherzellen. vor gut zweieinhalb jahren habe ich ihn gebraucht gekauft bei einem rentner in einem der schönen nachbardörfer.

seit einer ganzen weile aber hat das kleine schwarze notebook eine ziemlich lästige eigenart: es geht bei der arbeit einfach aus. ohne vorwarnung. mittendrin. zack! bildschirm schwarz. digitale schlafkrankheit.

wenn ich‘s danach wieder hochfahre, erscheint eine horrormeldung, weiß auf schwarzem bildschirm: ‚bad RTC battery‘. großer schreck, immer wieder!

mit bösen BIOS-batterien habe ich keine erfahrung. immer wieder habe ich den rechner einfach durch mehrfaches ein- und ausschalten ans laufen gekriegt. datum und uhrzeit wieder neu eingestellt. tutto va bene bis zum nächsten mal.

es blieb die angst, dass mein kleines schwarzes notizbuch irgendwann mausetot bleiben könnte nach so einem absturz. und dass trotz bester datensynchronisierung auf externer festplatte die schönsten maßnahmen verloren gehen könnten.

angst auch, weil computerreparatur ja teuer ist, neues notebook gleichzeitig mit neuer TÜV-plakette sowieso jenseits meines prekären budgets. da habe ich ganz schüchtern den notebook-man im anderen dorf kontaktiert, ob er wohl eine idee habe, woran das liegt und ob man da was machen könne.

prompte email zurück „Bitte bringen Sie das Notebook zu mir. Ich werde es Ihnen reparieren. Es ist nur eine Kleinigkeit.“

als ich das laptop hinbrachte und nach den reparaturkosten fragte, sagte er „das kostet fast nichts.“

als ich das laptop wieder abholte und nach den reparaturkosten fragte, sagte er: „das kostet nichts.“

es war nur eine lötstelle. nebenbei hat der notebookschatz innen und außen alles geputzt, hat katzenhaare und kekskrümel entfernt und sogar die pfeilnachoben-taste repariert, die ich immer mit tesafilm gefixed hatte.

nun hat auch das kleine schwarze notebook einen eingebauten talisman mit schutzengel. ich bin entzückt. meine innere finanzministerin ist es auch.

er wollte wirklich gar kein geld. den mitgebrachten rotwein feinherb aus der winzergenossenschaft gegenüber und das stück blütenkäse aus dem bioladen hingegen nahm er gerne. ich war sehr gerührt.

ich bin sehr gerührt. so viel glückskind!
das es menschen gibt, die nicht nur das geld sehen, die andere werte leben.
das ist gut.
das tut gut.
das stärkt mein herz!


[wer hätte je gedacht, dass ich mal ein loblied auf – wenn auch ausgewählte – männer schreiben würde?! das ist die besonderste maßnahme von allen.]


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Sonntag, 5. September 2010

schnapszahl

hier und da habe ich ja schon mal erwähnt, dass ich keinen alkohol trinke. niemals nicht. das mache ich nicht aus jux und dollerei, sondern weil ich ein süchtiger mensch bin.

ostseebad rerik: hafen

früher mal, da habe ich bisweilen so viel bierweinsektgrappa getrunken, dass ich alles doppelt sah. am ende war es im täglichen schnitt eine gute flasche wein.

jahrelang hatte ich versucht, weniger zu trinken. jahrelang war mir das nicht gelungen. aber nie war ich ernsthaft auf die idee gekommen, mit dem trinken ganz aufzuhören. wozu auch?

meine trinkmenge von durchschnittlich etwas mehr als einer flasche wein am abend lag schließlich nur knapp über dem, was deutsche weintrinkervereine und bierbrauerverbände als gesundheitsfördernd anpreisen.

ich wollte doch keinen herzinfarkt! also trank ich roten wein.
für die nerven trank ich hefeweizen, wegen des vitamin B - und zwar reichlich ....
zum beruhigen trank ich cognac.
weißen wein trank ich aus prinzip.
sekt sowieso, denn der macht ja nicht besoffen, sondern kieksig (also schon beinahe damenhaft).
all das andere zeug trank ich, weil es mir einfach schmeckte.

jedenfalls war ich eine großmeisterin im verdrängen unangenehmer wahrheiten. ich erzählte zwar allen, dass ich alkoholikerin sei - im grunde aber doch nur, um zu kokettieren. in wirklichkeit war ich nämlich keine, dachte ich: "alkoholiker, das sind die anderen - nicht ich!"

im sommer 1999 stellte ich endgültig fest: „ich trinke zu viel. wenn ich jetzt weiter trinke, dann kippt es, und mein weg geht nur noch abwärts.“ ich lief gefahr, mir alles, was ich so mühsam und hart erarbeitet und aufgebaut hatte, wieder zu zerstören.

noch stimmte die fassade: ich hatte meinen traumjob, den allerliebsten lieblingsmann, die wohnung ein schmuckkästchen, ein funktionierendes auto, zwei ausgesprochen eigensinnige katztiere - und gute leberwerte! ich wollte, dass das so bleibt.

im september 1999 hatte ich vier dienstfreie wochen. zeit genug für eine entgiftung, ohne dass es irgendwem im sender auffallen würde.

für den ersten freien montag vereinbarte ich einen beratungstermin in der ambulanz des entgiftungskrankenhauses meines vertrauens. der berater war mir nicht sonderlich sympathisch, aber er nahm mich ernst. er fragte nach meinen trinkgewohnheiten und sagte, dass für mich eine stationäre entgiftung tatsächlich in frage käme.

insgeheim war ich etwas enttäuscht, hatte ich doch gehofft, dass er mich wieder heimschickt mit den worten, dass bei mir alles in ordnung sei. bei mir war aber gar nicht alles in ordnung, und so bat ich um aufnahme zur entgiftung für die folgende woche.

warum ich nicht gleich am nächsten tag kommen wolle? bett wäre frei! er respektierte meine antwort, dass ich noch einen artikel zu schreiben hatte mit deadline am freitag und mich um die versorgung meiner zwei katzen kümmern müsse.

so kam es zum aufnahmetermin am 6. september 1999 – einem montag. den rest der woche schrieb ich meinen artikel und trank schon nix mehr, um die bevorstehende entgiftung zu unterstützen. mir ging's ziemlich schlecht dabei. aber von kaltem entzug hatte ich damals noch nichts gehört. ich schob alle symptome auf die nervosität wegen des bevorstehenden krankenhausaufenthaltes.

der artikel wurde mit ach und weh am freitag fertig. für die katzen fand ich eine pflegestelle.

ich verabschiedete mich vom alkohol am samstag, 4. september und trank den sonntag nix. auf diese weise ist meine abstinenz von anfang an ein sonntagskind gewesen: heute wie damals war der fünfte september ein sonniger sonntag.

genau elf jahre sind es heute, die ich alkoholfrei lebe. die zahl 11 ist echt. keine eine ziffer, die ich doppelt seh. meine erste "trockene schnapszahl", sozusagen. schnapszahlen der anderen art sollen in meinem leben nicht mehr vorkommen. wenn auch sonst so viel schiefgeht und ich so oft so unglücklich bin: wenigstens das gelingt mir, und meiner würde zuliebe soll das auch so bleiben.

dafür bin ich sehr dankbar und angemessen stolz.

über die vielen "warums" meines alkoholkonsums mit sich entwickelnder sucht und die nicht weniger vielen "wies" des alkoholfreien alltags werde ich noch das eine oder andere schreiben. es ist ja keine selbstverständlichkeit, süchtig zu werden. erst recht ist es keine selbstverständlichkeit, von heute auf morgen wieder damit aufzuhören.

so war das auch nicht - weder das eine noch das andere. keine einfachen themen, über die zu schreiben ich immer wieder mut und einen neuen anlauf brauche. schließlich steckt das klischee der "versoffenen schlampe" noch tief in den köpfen.

selbst heute - nüchtern wie nie zuvor in meinem leben - schäme ich mich bisweilen und habe große angst, in diese schublade gesteckt zu werden.

ein sehr vielschichtiges thema also. es wird mehr als eine besondere maßnahme brauchen, um das alles aufzudröseln ....


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Mittwoch, 4. August 2010

4HfM

die kurze maßnahme no. 19 hat das rote eichhörnchen im haselstrauch mir beschert, als es mir vier noch grüne zaubernüsse vor die füße warf, gleich an meinem ersten tag hier.



nun spiele ich „vier haselnüsse für mo jour“: jedes mal, wenn ich ein kleines wunder brauche, nehme ich davon eine, kneife die augen ganz fest zu und werfe die nuss über die rechte schulter hinter mich.

nuss no. 1 hatte ich gleich eingesetzt, um in ein luftigeres zimmer umziehen zu dürfen. das hat hervorragend geklappt.

nuss no. 2 habe ich heute verbraucht, weil es im großen speisesaal mit 240 leuten so dermaßen unerträglich laut war, dass mein tinnitus verrückt gespielt hat und ich das essen nicht mehr geschmeckt habe. die mahlzeiten waren eine riesige belastung für mich. seit heute habe ich einen ruhigeren platz.

vier wunder für sechs wochen: das ist sehr viel. ich freu' mich schon auf die nächsten zwei!

…. alles ist, wie es soll.


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Samstag, 3. Juli 2010

einen rosengarten? versprochen!

kurze maßnahme no 15 ist mein alljährlicher ausflug in den spektakulärsten park der umgebung. immer im juni oder juli, wenn die rosen am schönsten blühen! landhaus ettenbühl  heißt der zaubergarten, in dem ich am liebsten ganz und gar verduften möchte, alles alltagsgrau vergessen kann und die schnöden gerüche der zuvielisation ebenso.


hier, wo rosen die bäume hinauf wachsen bis in den himmel, ist tatsächlich alles rosenduft wie sonst nie in meinem leben. ein paar stunden lang, mitten in den sanften hügeln des markgräflerlands: im milden schatten sitzen, bienen summen und brunnen plätschern hören. den duft von rosen und lavendel in der nase.

erholung für meine sinne wie selten. in diesem jahr schon sommerhitze, manche blüten morbide welk und erschöpft von sonne und regen. es gibt keine schönheit ohne den wandel!


gewandelt bin ich auch durch das neue labyrinth, erst kürzlich eröffnet. dichte hecken über augenhöhe, kein ausweg in sicht. der imaginäre faden immer in meiner hand - wie ich es von ariadne in knossos lernte – hat mich sicher geleitet.


am ende der reise durch den majestätischen schattenschutz der mammutbaumallee geschritten wie die kaiserin auf dem weg zum festmahl.


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Sonntag, 16. Mai 2010

unfug en gros & en détail III - die blaue glockenelfe

von den sonnenstrahlenkindern habe ich euch ja schon berichtet. aber hier in den weinbergen passieren noch ganz andere dinge: zur zeit habe ich etwas stress mit der blauen glockenelfe im blauglockenbaum vor dem südbalkon.

blauglockenbaum (paulownia tomentosa)

dabei ist das ein großes glück, dass die überhaupt da ist. denn blaue glockenelfen sind in unseren breitengraden noch seltener als die ohne­hin schon rare chinesische pawlonia, von dem ein großes exemplar im garten der vermieter steht.

der blauglockenblumenbaum, der so heißt wegen der großen blauen blütenstände im mai, wächst hier wie ein wunder. aus den schönen blauen blüten werden im sommer saftige grüne blauglocken­baum­nüsse, die dann im herbst an den zweigen trocknen und braun werden.

diese nüsse sind groß wie murmeln, innen fast hohl, und sie raschelklappern im wind. für diese ver­wandlung braucht der blauglocken­baum enorm viel kraft und wärme. beides kommt hier in den weinbergen von der sonne, aber auch aus dem vulkangesteinsboden. davon profitiert der blau­glocken­baum. und auch die kleine blaue glockenelfe.

blaue glockenelfen sind nämlich noch verfrorener als blauglockenbäume. unsere hier ist aus versehen mit dem samen­korn des baumes aus südchina herübergekommen.

ihr sagt, das geht nicht, dass die blaue glockenelfe im samenkorn des blau­glockenbaumes herübergekommen ist! ja wie denn sonst?!die blaue glockenelfe ist doch ganz ganz klitzeklein, nur wie ein streichholz so groß. und alle welt weiß, dass die blauen glockenelfen nachts am liebsten und immer in den samen-nüsschen des blauglockenbaumes schlafen, weil sie da so sanft hin und her geschaukelt werden.

unsere blaue glockenelfe, die war schon in ihrer heimat dafür bekannt, dass sie besonders gern und besonders viel in diesen schönen nussbettchen geschlafen hat. am liebsten jeden tag in einem anderen, wenn noch genügend da waren.

als die blauglockenbaumsamen zum versand verpackt wurden, hat die blaue glockenelfe das einfach verschlafen. der chinesische gärtner hatte keine ahnung, dass er da quasi einen blinden passagier geerntet hat. er wußte noch nicht einmal, dass es blaue glocken­elfen überhaupt gibt.da kann man mal wieder sehen, dass die menschen in china auch nicht viel klüger sind als wir hier.

tja. da war die blaue glockenelfe ganz allein. weil sie sich alleine etwas fürchtete, ist sie einfach in der nussschale liegen geblieben. sie ist auch geblieben, als aus dem blauglockenbaum­samenkorn erst ein kleines blauglocken­bäumchen wurde, das man samt elfe in die weinberge verpflanzte. und jetzt, wo aus dem kleinen blauglockenbäumchen ein großer starker blauglockenbaum geworden ist, da bleibt sie natürlich erst recht. denn blauglockenbaumnüsse gibt es nur am blau­glockenbaum. und wo sollte sie sonst schlafen?

weil die blaue glockenelfe hier ganz allein ist wie eine mutterseele ohne ihre gewohnte zahlreiche verwandt­schaft und weil sie immer ein bißchen friert in ihrem blauen glockenkleidchen, ist sie – besonders in diesem jahr, wo der winter so lang war - oft ein bißchen zickig vor lauter heimweh. im grunde aber ist sie genau so schön und gut und wunder­bar wie ihr wohnbaum.

es war natürlich eine riesige umstellung vom fernen china hierher nach germany südwest. aber blauglockenbaum bleibt blau­glocken­baum, und das ist die haupt­sache! so lange sie so lange sie will in ihren nüsschen schlafen kann, geht es der blauen glockenelfe gut und alles andere ist ihr piepegal. außer wenn sie geweckt wird. das kann sie schon mal gar nicht leiden!

nun ist es ja aber so, dass es da noch den dorfspecht gibt. der hat eine rote mütze auf dem kopf und kommt jeden morgen, um sein früh­stück aus dem blauglockenbaum herauszu­klopfen. meistens bringt er noch seinen kumpel mit. der kumpelspecht hat auch eine rote mütze auf dem kopf. dann klopfen sie zu zweit. so sind sie, die männer: jede menge lärm schon vor dem frühstück!

die blaue glockenelfe kann bei dem lärm natürlich nicht weiter schlafen und wird wach von dem ganzen spechts­geklopfe. dann ist sie sauer. aber wie! sie ist immer ganz indigniert, wenn sie schon vor dem wachwerden aufstehen muss!

ganz empört krabbelt sie dann aus ihrer schlafnuss und guckt sich kurz an, wer da so früh schon so laut klopft. sie nimmt die nuss, in der sie bis gerade eben noch geschlafen hat und schmeißt sie nach dem specht. oder nach dem kumpelspecht.

für uns menschen wäre das natürlich unvorstellbar, jeden morgen mit dem eigenen bett nach dem wecker zu schmeißen oder sonstewem. das ist aber nur des­wegen so, weil in jeder wohnung für jeden menschen immer nur ein bett steht. wenn man das morgens weg­schmeißt, hätte man ja für die nächste nacht keines mehr.

bei den blauen glockenelfen ist das anders. denn sie leben ja nicht in wohnun­gen, sondern immer nur auf blauglocken­bäumen. auf jedem blau­glocken­baum gibt es unzählige blau­glockenbaumsamen­nüsse. immer. die fallen nämlich im winter nicht ab wie die blätter, sondern sie bleiben hängen. damit die blauen glocken­elfen auch im sommer und sowieso immer darin schlafen können.

ganz egal zu welcher tages- oder jahres­zeit: wenn eine blaue glockenelfe müde wird, dann legt sie sich zum poofen direkt in die nächste nuss. so einfach kann das leben sein!

schlafnüsse gibt es für die blaue glocken­elfe also immer genug. des­wegen kann sie es sich auch leisten, ihre verschlafene nuss morgens gleich nach dem aufstehen mit karacho durch die gegend zu pfeffern.

den beiden spechten macht das übrigens gar nichts, denn sie haben ja rote mützen auf dem kopf. selbst wenn sie von so einer blauglockenbaum­nuss mal getroffen werden sollten: die roten mützen schützen sie vor dem gröbsten.

um ehrlich zu sein: die kleine blaue glockenelfe ist immer noch ziemlich nacht­blind, wenn sie so wachgeklopft ihr gute­nachtnüsschen durch die gegend schmeißt. deswegen hat sie auch den specht oder seinen kumpel noch nie getroffen.

leider passiert es immer öfter, dass ihre nuss aus versehen auf meinem balkon landet. wenn ich zufällig gerade die blumen gieße, muss ich mich schnell ducken. sonst landet die blauglockenbaumnuss an meinem kopf statt bei den spechten. das wäre mir sehr unangenehm. denn ich habe ja nicht so eine schützende rote mütze auf dem kopf wie die beiden spechtjungs.

einmal hätte die blaue glockenelfe mit ihrer wurfnuss fast die katze getroffen. obwohl die katze gar nicht geklopft hatte. meine katzen haben nie am frühen morgen an irgend­einem baum herum geklopft! niemals nicht. nirgendwo.

na ja.
jedenfalls liegen immer ziemlich viele samennüsse vom blauglockenbaum auf meinem balkon herum und unten im garten auch. was mit denen weiter passiert, das erzähle ich euch ein andermal. und auch, wie lustig das mit der blauen glockenelfe sein kann, wenn sie gute laune hat!


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Montag, 5. April 2010

klapperstorch im weltwunder

das war eine schöne überraschung, als ich neulich vorgestern das dritte weltwunder der antike besuchte: oben auf der letzten noch verbleibenden säule des artemistempels liegt ein bewohntes storchennest. mit mindestens einem storchenkind drin, das von mama und papa storch fleißig mit frischen fröschen und babyschildkröten gecatert wird. das große klappern gehört hier ganz natürlich zum handwerk:


artemis hätte das sicher gefallen, denn sie gilt nicht nur als göttin der tiere, sondern auch als jagende bestimmerin über geburt und sterben, die erde selbst. artemis war nie verheiratet, keinem manne untertan, sie war frei und kinderlos - und wurde verehrt als beschützerin der frauen jeglichen alters und der kinder.

der ihr geweihte tempel bei ephesos an der türkischen ägäisküste war groß wie ein fußballfeld und dreißig meter hoch. jede menge platz also für angemessene verehrung. eine der vielen tempelvarianten, die im lauf der zeiten entstanden und wieder verfielen, war so schön, dass er in der antike zum weltwunder erklärt wurde. übrig ist davon leider nicht mehr viel: die weiße pracht der letzten version wurde in byzantinischer zeit als marmorsteinbruch vernutzt.

die einzige säule, die symbolhaft noch steht (von ehemals mehr als 120), ist so hoch wie die berliner altbauten aus der gründerzeit: traufhöhe 14 meter. das sind immerhin rund dreiviertel ihrer ursprünglichen größe. die säule steht auch nicht zufällig noch da (das wäre dann ein doppeltes weltwunder), sondern wurde neuzeitlich aus vorhandenen resten mit zement zusammengeklebt. das vermittelt immerhin einen ungefähren eindruck.

sonst gibt es da nix mehr, ein paar große steinblöcke liegen herum. in der woche vor meinem besuch hatte es heftig geregnet, ein großteil des geländes steht noch unter wasser: tümpel und sumpfwiese, teils bedeckt von quietschegrünen algen. eine gänsefamilie in formation marschierte hindurch.

da das ehemalige tempelgelände außer der einen säule, den paar herumliegenden trümmern und einer handvoll souvenirständen optisch nicht viel zu bieten hat, halten die touristen hier meist nur für ein beweisfoto – wenn überhaupt. es kostet noch nicht einmal eintritt. die antike ruinenstadt ephesos nebenan ist da weitaus spektakulärer. bloß das meer ist nicht mehr da, wo es früher mal war.

auch ephesos habe ich mir angesehen, und es ist wirklich beeindruckend – aber die dazu berichteten fakten hatten mit den wirklich wichtigen dingen im leben einer frau nicht viel zu tun. ich fand es wenig aufschlußreich, zu erfahren, welcher kaiser wann welchen triumphbogen oder welches theater oder welche bibliothek gebaut oder abgerissen hat.

es ist – wie so oft in der HIStorie - als hätten dort überhaupt keine frauen gelebt, obwohl die stadt schon in der antike rund eine viertel million einwohnerInnen gehabt haben soll. frauen waren wohl auch hier den herren nicht der rede wert – höchstens als jungfräuliche priesterinnen der großen göttin kommen sie vor. das können ja aber nicht alle gewesen sein. HERstory wurde nirgendwo aufgeschrieben.

angesichts dessen wundert es mich wenig, dass so ein riesiger tempel zu ehren der größen göttin quasi zu nichts zerfällt, während das angebliche bordell der antiken hafenstadt noch vergleichsweise prima erhalten ist.

da ich bei artemis also meine ruhe hatte, bin ich ganz lange auf den trümmern im sumpf gehockt, habe die schildkröten beobachtet, den fröschen zugehört, die schöne duftende frühlingsluft genossen und die relative stille. ich fand diesen platz bemerkenswert, fast magisch - und von einer ganz einzigartigen energie, wie ich sie noch nirgendwo gespürt habe. dieses tempelgelände ist ein ort von sehr sehr großer kraft, ohne zweifel.

am liebsten hätte ich an diesem quakenden froschteich auf den steinen unter der säule einen kleinen hulatanz zu ehren der göttin aufgeführt. das hätte ihr sicher gefallen. ich gestehe: ich habe es nicht gewagt. man darf nicht vergessen, dass ich mich hier in einem islamischen land befinde und sehr froh bin, mich als ungläubige frau alleine draußen überhaupt frei bewegen zu dürfen. ich wollte niemanden provozieren und habe getanzt nur in meinen gedanken.

die idee, ausgerechnet in meinem siebenmalsiebten lebensjahr eine wallfahrt zum tempel der artemis bei ephesos zu unternehmen – und das ausgerechnet an einem karfreitag, verdanke ich der heiteren koinzidenz, dass meine eine woche osterurlaub aus finanziellen gründen hier stattfindet: möglichst auf der sicheren sonnenseite, unbedingt direkt am meer und eventuell badebare temperaturen – das waren meine bedingungen. da gab es für mein budget nicht viele möglichkeiten.

im grunde reicht es mir, so viel wie möglich am strand auf und ab zu laufen und bei langeweile ein paar alte steine besichtigen zu können.

dass ich auf einen solchen schatz an alter heiligkeit und mystischer atmosphäre stoßen würde – nicht im traum hätte ich daran gedacht! es ist fast, als wäre ich schon einmal dort gewesen, früher mal. viel früher. durch ephesos bin ich gestapft mit schlafwandlerischer sicherheit, die erklärungen habe ich gar nicht gewollt, ich habe mich bestens ausgekannt. von ferne hörte ich die sprechgesänge der menge im großen amphitheater zu ehren der artemis. stundenlang. das theater dort ist groß, die akustik ist selbst in der ruine noch gigantisch. stellt euch ein steinernes halbrundes stadion vor, gefüllt bis auf den letzten platz. unfassbar.

eine der artemis zugesprochenen pflanzen übrigens - artemesia vulgaris (beifuß) – gilt als besonders wohltuend in den wechseljahren: artemisia regt die hypophyse an, wirkt krampflösend, kreislauffördernd und wird empfohlen als universalentgiftungspflanze für frauen, weil sie die ausscheidung von stoffwechselschlacken über harn, schweiß und menstruationsblut unterstützt.

auch das andere kraut der großen göttin artemis hat in meinem leben lange eine rolle gespielt: artemisia absinthium, die grüne fee. wie oft habe habe ich mir wermut auf die schwermut gekippt, um den schmerz zu lindern und das schreckliche gefühl, nicht gut genug zu sein.

aber das ist lange her. jetzt ist erst einmal die heilende seite von artemis für mich zuständig, für ein ganzes weilchen. das hoffe ich zumindest.


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Sonntag, 21. März 2010

in memoriam - katzengeschichte no 5

„jetzt ist sie schon wiiieder weg!“ - ich hatte bloß kurz das fenster aufgemacht und zack! war mii-zeh maier nach draußen entwitscht. wir wohnten erst seit kurzem in der nähe vom flughafen, und meiner älteren katze schien es hier überhaupt nicht zu gefallen. dabei hatte ich mich auch den beiden katztieren zuliebe für die wohngemeinschaft im reihenhäuschen mit garten entschieden.


„jetzt wohnst du in berlin-westdeutschland,“ hatte eine freundin leicht spöttisch gesagt. sie fand meine neue wohngegend spießig. ich hingegen empfand die fliegersiedlung in der gartenstadt von neu-tempelhof nach langen jahren im sozialen brennpunkt zwischen kreuzberg und neukölln - wo ich schon mal im eigenen treppenhaus mit dem messer bedroht worden war - als wohltuend harmlos.

das haus war auch ganz hübsch, eins von den fritz-bräuning-häusern, sozialer wohnbau aus den 1920er jahren. ich empfand es als ehre, dort wohnen zu dürfen.

die katze hingegen war ständig unterwegs. für wochen! das ging von anfang an so. sie hatte sehr viel schneller gemerkt als ich, dass das nicht das richtige war für uns: das haus lag in der ein-/ausflugschneise des innenstadtflughafens. ende der neunziger jahre war in tempelhof noch mächtig betrieb. die flugzeuge warfen ihre lauten schatten auf den frühstückstisch. je nach wetterlage schmeckte nicht nur der salat nach kerosin.

ob es nun der flughafen war, der meiner katz‘ nicht in den kram passte oder der kater aus der nachbarschaft, der unser wohnzimmer als transit benutzte auf seinem weg vom garten über das vordach durch mein zimmer in die oberen stockwerke, wo er bei den mitbewohnern willkommen war - egal!

ich verbrachte einen großen teil von sommer und herbst damit, suchezettel aufzuhängen an laternenmasten oder in tierarztpraxen sowie in den gärten im umkreis von einem dreiviertel kilometer nach der katze zu fahnden.

mal rief mich jemand an, er habe die katze gesehen, und ich hatte zumindest einen ungefähren anhaltspunkt für meine suche. mal ließ sie sich finden, mal nicht. wenn ich sie gefunden hatte, bedeutete das noch lange nicht, dass sie sich auch einfangen ließ. sie schien zu wissen, dass ich sie ins ungeliebte haus zurückbringen würde und wich mir aus – ganz egal wie viel schabefleisch ich ihr auch hinhielt.

mein zweites katztier – mafia cioccolata - war geduldiger und blieb bei mir. sie war schon immer die häuslichere gewesen von den beiden. aber richtig wohl gefühlt hat auch sie sich nicht in dem haus, wo wir meist fenster und türen geschlossen halten mussten wegen des anderen katers und sie sich nicht frei bewegen konnte.

anfang juli 1998 waren wir umgezogen. im august war mii-zeh das erste mal weg. ich fand sie wieder, nach wochen. im september war sie das zweite mal weg. ich fand sie wieder. am 9. oktober verschwand sie endgültig aus dem leonhardyweg. ich suchte sie sehr, wochenlang - aber ich fand sie nicht. im geiste sah ich sie abwechselnd mit sonnenbrille, köfferchen und ticket auf dem rollfeld stehen und auf ihren flieger warten oder bei einer alten dame rundum verwöhnt auf dunkelroten samtkissen mit goldrand thronen.

was der katze nicht gefiel, war auch für mich nicht gut: peu à peu bemerkte ich neben den lästigen flughafenbegleiterscheinungen andere unappetitlichkeiten: unter der treppe türmten sich schimmelnd leere bierflaschen, die mitbewohner züchteten wissenschaftliche experimente im kühlschrank – und mir wurde verboten, unangenehmes auszusprechen, weil doch das kind ein waldorfkind war und keinerlei disharmonie vertrug.

ab mitte oktober war ich wieder auf wohnungssuche. einen neuen mietvertrag für ein schmuckstück von altbauwohnung am oberen kurfürstendamm gab es bereits ende november, kurz vor weihnachten zog ich endlich um. ich hatte nur noch eine katze: mafia schmiss sich auf die frisch abgezogenen dielen, sie liebte das hochbett und den kleinen balkon, die kartons ganz oben auf dem regal waren ihr ausguck.

an mii-zeh maier dachte ich oft. es tat weh, nicht zu wissen, was aus ihr geworden war. ging es ihr gut? hatte sie sich ein feines plätzchen gefunden? die hoffnung, sie wiederzufinden, hatte ich aufgegeben und versuchte, mich mit dem verlust des geliebten tieres zu arrangieren. ich produzierte in der masurenallee viele viele hörfunkbeiträge und erhielt im januar 1999 die chance, als feste freie regelmäßig für die kulturwelle zu arbeiten.

als ich am ersten februar aus dem funkhaus kam, blinkte der anrufbeantworter, eine jungenstimme: „ich glaube, wir haben ihre katze gefunden, bitte rufen sie zurück.“

es war ein kalter wintertag. schnee in berlin, die straßen vereist. mii-zeh hatte vor dem tempelhofer st.-josefs-krankenhaus fast einen verkehrsunfall verursacht, als sie über die straße gelaufen war. der junge hatte sie beobachtet, sie hatte hunger und ließ sich von ihm einfangen. er brachte sie zu sich nach hause, öffnete die kapsel an ihrem halsband, das sie trotz der langen zeit da draußen in der millionenstadt nicht verloren hatte.

er fand darin meine alte telefonnummer. damals war die telekom noch sehr streng: wenn man in berlin von einem stadtteil in den anderen zog, durfte man die telefonnummer nicht mitnehmen. ich hatte auf der alten leitung eine tonbandansage schalten lassen, dass die nummer sich geändert hatte – mit angabe der neuen rufnummer. dieser service war kostenlos, immerhin.

der junge hatte die alte nummer gewählt. hatte dem tonband geduldig zugehört, sich die neue nummer notiert und mich dort noch einmal angerufen. er hatte tatsächlich meine katze gefunden!

wie ferngesteuert schnappte ich mir den katzenkorb, schlitterte mit meinem alten auto quer durch die schon dunkle stadt; verursachte einen stau, als die batterie mitten auf einer großen kreuzung versagte und starthilfe brauchte – und kniete plötzlich in einer fremden wohnung vor einem großen ohrensessel, unter dem sich meine! meine! meine! katze mit angstvoll leuchtenden augen verkrochen hatte.

ich bedankte mich, zahlte einen finderlohn und brachte das wunder mii-zeh maier nach hause: mehr als vier monate lang hatte sie sich in der großstadt alleine draußen durchgeschlagen, den ganzen langen winter lang. sie war unverletzt, sie war gesund, sehr schlank und unverändert schön.

in der „neuen“ wohnung schnupperte sie kurz an fressnapf und katzenklo, gab ihrer tochter mafia cioccolata einen nasenstüber, stieg die treppe zum hochbett hoch und setzte sich schnurrend auf die regalkartons als hätte sie nie etwas anderes getan.

die schwierigste aufgabe war jetzt, meinem damaligen vermieter vorsichtig zu erklären, dass ich plötzlich zwei katzen hatte. der milde dr. M duldete sie freundlich.

nur wenige tage später hat die telekom das tonband mit der umzugsmeldung abgeschaltet.
mii-zeh maier war weiterhin oft und lange draußen unterwegs, aber sie lief nie wieder weg.
wir hatten danach noch zehn schöne jahre miteinander.
wo sie war und was sie erlebt hat in jenem winter 1998/99 allein im wilden und gefährlichen großstadtdschungel - das hat sie mir nicht erzählt.
die nacht vom 21. auf den 22. märz vor einem jahr war ihre letzte.


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Mittwoch, 24. Februar 2010

kurze maßnahme no. 2: rosenhoffnung

es gibt ja so tage im leben, da passieren kleine wunder. oft sind das diese seltsamen koinzidenzen von scheinbar ganz unscheinbaren dingen, die mir eine große freude bereiten und - ja, wer weiß?! - mir sogar ein glücksgefühl bescheren können:


der schnee ist endlich weg, meine rosen draußen öffnen schon die augen. ein guter tag also, um mit der pflege zu beginnen und vorab ein bißchen was gegen den im sommer regelmäßig auftretenden pilzbefall zu unternehmen.

wie ich so mit der – bienchenungiftigen, versteht sich! - spritzbrühe hantiere (wobei ich sehr darauf achten muss, nicht gegen die ständig wechselnde windrichtung zu arbeiten), zupft louise odier mich mit ihren stacheln am ärmel und grinst mich an: sie hat – schneller als alle anderen! - ihr erstes blättchen entfaltet.

frech, keck und unerschrocken ob der fröste, die vielleicht noch kommen könnten: ich liebe sie! „ja, ich will,“ flüstert sie im vorfrühlingshauch, „bald wieder blühen, auf deinem schreibtisch verduften, dir beim wannenbad gesellschaft leisten und deine rosigste freundin sein.“

ich bin noch ganz gerührt von soviel rosenglück, mag mich kaum von louise auf dem garagendach verabschieden. zwischendurch fängt es an zu regnen, die sonne steht schon fast waagerecht überm tal, und wie ich mich umdrehe sehe ich das da:


so ist das also. es gibt zeiten, da wohne ich fast am fuße des regenbogens. auf jeden fall weiß ich wo er anfängt, und auch das ende ist gar nicht weit weg!


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Sonntag, 14. Februar 2010

goldene maßnahme no 1

als ich das „büro für besondere maßnahmen“ im juli vergangenen jahres eröffnete, tat ich dies in der absicht, mir ein eigenes kleines forum zu schaffen für die vielen krausen geschichten und gedanken, die mir aus dem kopf purzeln, wenn ich ihn nicht ausquetsche wie eine zitrone, sondern einfach mal gucke, was da so kommt; wenn ich mir die zeit nehme und texte so schreibe, wie andere leute fahrrad fahren: einfach aus spaß an der (inneren) bewegung und ohne jeglichen ehrgeiz, dass dabei jemals etwas vorzeigbares herauskommen müsse.

die möglichkeit, dass mein büro für besondere maßnahmen nicht nur produziert und (her-)ausgibt, sondern dass auch etwas hereinkommen könnte, daran habe ich damals nicht im entferntesten gedacht. das ist dann einfach passiert!

da habe ich gelernt, dass es im internet sein kann wie überall im leben: ich bewege mich, gebe einen impuls, stupfe das mobile an – das ganze bewegt sich, kommt in einem neuen gleichgewicht zur ruhe. meine kleine welt ändert sich, und auch ich sortiere mich neu.

so stelle ich fest: mein output kommt hier und da an, ohne dass ich ‚everybody‘s darling‘ sein muss. es kommen rückmeldungen, rückhalt und unterstützung. ich begegne neuen menschen, meinungen, seinsweisen. digital und in echt. es wachsen (ver-)bindungen in alle welten, die ohne dieses weblog gar nicht hätten entstehen können. das ist inter-net. das ist untereinander vernetzt. ich bin verblüfft. ich bin entzückt!

ich schreibe nicht nur, sondern ich schau auch zu, was andere machen. ohne werten zu müssen, ohne kopieren zu wollen. einfach: erst mal gucken, was und wie die das machen - dann mal sehen! und siehe da: „aha! so kann es also auch gehen. darauf war ich allein noch gar nicht gekommen.“ das ist spannend!

hin und wieder stolpere ich bei meinen virtuellen streifzügen durchs WeltWeiteWeibernetz über echte kronjuwelen. die berühren mein herz, die helfen mir weiter, die begleiten meinen lebensweg. die tun mir gut, die machen mich manchmal sogar glücklich. denen möchte ich gerne danke sagen.

deswegen habe ich eine ganz besondere maßnahme erfunden: die goldene!

was mache ich jetzt damit? werde ich meine goldene maßnahme verleihen? anordnen? durchführen? soll ich goldene maßnahmen treffen, ergreifen oder verschenken?

nix da. keine bedingungen! die goldene maßnahme gibt es ab sofort in unregelmäßigen abständen. wie ich sie vergebe, entscheide ich jedes mal aufs neue. spontan und subjektiv. ich bin jury, ich bestimme adressatin und zeitpunkt. ich halte die laudatio. oder auch nicht. je nach dem ….

so. jetzt aber endlich …. das büro für besondere maßnahmen proudly presents …. tataaaa ….. trommelwirbel …. große fanfare …. tuschschsch

hier ist die goldene maßnahme no. 1 ….



für nathalie bromberger und ihr begabung/blog!

von nathalie habe ich so viel gelernt über intelligenz, über hochbegabung und so vieles, was damit zusammenhängt, dass ich mir selbst ein großes, ein sehr großes stück näher gekommen bin. ganz oft, wenn ich ihre texte lese, dann fließen tränen der erleichterung und hören gar nicht mehr auf, weil so viel alter schmerz noch da ist und weggespült sein will: endlich einmal schreibt da jemand, wie es mir seit sooo vielen jahren geht – und dass das völlig ‚normal‘ sei, wie ich bin. auch wenn andere das ‚komisch‘ finden oder ‚unheimlich‘.

weil hochbegabung eben nicht nur ein hoher iq ist, sondern noch ganz viele andere facetten hat. eine hohe empfindsamkeit anderer sinne, zum beispiel. das wurde von meinem umfeld aber nie nicht als besondere fähigkeit gesehen, sondern war den anderen eher lästig: „sei doch nicht immer so empfindlich, du zickige mimose!“

oder dass ich ganz ganz viel zeit für mich brauche, in aller ruhe – weil ich oft mehr eindrücke aufnehme als andere von außen und mehr zeit brauche, um all das zu verarbeiten. während andere denken, dass ich „unproduktiv“ sei und nix zustande bringe: „du stiers‘ immer nur löcher in die luft.“ oder „du träumst!“

oder auch, dass ich ganz begeistert tausenderlei zeugs anfange, weil ich neu-gierig bin. und es überhaupt nicht schlimm finde, das irgendwann auch wieder sein zu lassen, ohne damit besonders erfolgreich gewesen sein zu müssen. es interessiert mich einfach nicht mehr. etwas anderes ist plötzlich spannender. dann heißt es gerne mal „du bringst nix zu ende. was man anfängt, muss man auch fertig machen!“ ähem. wieso?! ich muss doch erst einmal etwas kennenlernen dürfen, bevor ich wissen kann, ob ich mich intensiver/länger damit beschäftigen will oder nicht?! außerdem habe ich mich natürlich sehr wohl einigen gesellschaftlichen anforderungen angepasst und durchaus vieles fertig gebracht in meinem leben, das wird dann nur gerne übersehen ….

jedenfalls hatte ich diese alten botschaften „sei eine andere!“ - „du bist nicht gut genug!“ - „du bist immer so …. /du bist zu …. !“ „du bist so kompliziert.“ - „du bist unerträglich. ich halte es mit dir nicht mehr aus!“ sehr verinnerlicht – und habe es immer noch.

irgendwie ist immer krieg in meiner seele, weil so viele menschen von mir woll(t)en, dass ich gegen mich selbst ankämpfe und eine andere bin. das geht natürlich nicht, und das macht mich sehr unglücklich.

von nathalie habe ich nun gelernt, dass einige meiner „eigenarten“, genau so in mir angelegt sind wie meine haarfarbe oder meine schuhgröße. dass ich mir das nicht ‚abgewöhnen‘ kann noch muss – und dass ich das genau so wenig wegtherapieren kann wie die grübchen in meinen wangen. seit dem ich das weiß, kann ich anders damit umgehen. das lässt mich sehr viel friedlicher sein mit mir selbst – und das wiederum empfinde ich als großes geschenk.

das lesen im begabung/blog hat sich erwiesen als goldene maßnahme für mich selbst. und deswegen verschenke ich selbige jetzt an die, die‘s erfunden hat. merci, nathalie!


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