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Januar 2021

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Sonntag, 20. April 2014

Reisen in Burma

- Verlosung zum Welttag des Buches 2014 -

Leise schmatzte der Marmor unter meinen nackten Füßen. Es war noch früh am Tag, die Sonne stand nicht allzu zu hoch. Trotzdem musste ich im Schatten bleiben, um mir nicht die Fußsohlen zu verbrennen. Meine Flipflops hatte ich am Eingang zu Hunderten anderen gestellt. Das Heiligtum wollte mich barfuß. Stufe um Stufe, Fußtaps für Fußtaps stieg ich den Hügel hinauf. Das hier war heiliger als der Kölner Dom meiner Kindheit: Die goldene Shwedagon Pagode in Yangon, der größten Stadt von Myanmar.

Reisen in Burma

Wir befinden uns im Jahr 1981. Ich war erst neunzehn. Myanmar hieß damals noch Burma oder auch Birma, die Hauptstadt war Rangoon. Mein Visum galt genau sieben Tage, länger durften Touristen aus dem Westen nicht einreisen, um die von der Militärregierung abgeschottete und auf Sozialismus getrimmte Bevölkerung nicht zu verderben.

Im Grunde wusste ich nichts von diesem Land. Ich hatte nur gehört, dass es sehr geheimnisvoll, sehr fremd und sehr sehr schön sein sollte. Im Jahr 1981 gab es weder Handy noch Internet, keine Wikipedia und kein Smartphone mit „wo-bin-ich-denn-hier-überhaupt-gelandet“-App. Ein paar vage Seiten in meinem Südostasien-Reiseführer, und ich als reiselustige Teenagerin dazwischen.

Ich war allein unterwegs und hatte noch nicht einmal einen Fotoapparat dabei. Weder sprach ich burmesisch, noch konnte ich die zauberhafte Kringelschrift entziffern. Aber ich war neugierig und wollte in der kurzen mir zur Verfügung stehenden Zeit so viel wie möglich sehen.

Meine Erinnerung an diese Woche in Birma ist inzwischen ziemlich verblasst. Nur einzelne Szenen - bunt, glasklar und mit scharfen Konturen - ragen heraus aus dem freundlichen Nebel der Vergangenheit.

Meine nackten Füße auf blankem Marmor im Schatten der goldenen Pagode ist eine davon.

Juchzende, vor Vergnügen quietschende Kinder, rittlings auf einem riesigen Wasserbüffel, der auf dem Damm eines Reisfeldes entlang galoppierte, eine andere.

Das schwimmende Kloster auf dem Inle-See ist mir wegen der vielen Katzen im Herzen geblieben. Die Mönche hatten ihnen kleine Kunststücke beigebracht. Mit der Vorführung bedankten sie sich für Spenden, und ich staunte entzückt.

In Mandalay und Maymyo gab es keine Autos. Man bewegte sich in Pferdekutschen, auf Fahrrädern und Ochsenkarren, zu Fuß. Körbeweise krabbelnde Kakerlaken auf dem Markt. Ich fragte mich damals, was die Menschen damit wohl anstellten.

Die lange Fahrt im hoffnungslos überfüllten Zug: Meinen Sitzplatz auf der harten Holzbank hatte ich nur meinem Sonderstatus als Touristin zu verdanken. Zwischen den vollgepackten Gepäcknetzen waren Schnüre gespannt, auf denen reihenweise Kohlköpfe und anderes Gemüse zum Trocknen hing. Die Toilette war besetzt von einer Ziege, drei Hühnern und einem Hahn im Korb. Im Gang, in den Gepäcknetzen, auf den Plattformen am Waggonende, sogar auf dem Dach saßen-standen-lagen Menschen. Wir mussten schließlich mitsamt unserem Gepäck durchs Fenster aussteigen, weil jeder Quadratzentimeter Boden besetzt und keinerlei Durchkommen war.

In meinen Tagebüchern von damals steht kaum etwas über diese Woche. Zu dicht war die Reise, zu groß das Unterwegssein. Zum Aufschreiben war keine Zeit geblieben. Nicht einmal ein Souvenir habe ich noch von dieser Traumwoche.

Nun gibt es ein Buch, das meiner Erinnerung ein wenig auf die Sprünge hilft. Von Alice Schwarzer und Bettina Flitner. „Reisen in Burma“ heißt es.

Es ist ein großes Buch geworden. Schwer. Und fest. Ein Bilderbuch, vor allem. Ganz altmodisch. Es ist schön. Es atmet Zeitgeschichte, es ist persönlich und dennoch nicht unpolitisch, eine Momentaufnahme. Oder vielleicht besser: Viele Momentaufnahmen. Der Versuch eines Puzzles.

Flitners Bilder aus einer verwunschenen und doch modernen Welt, die heute nicht weniger rätselhaft und widersprüchlich ist als damals: Sie ziehen in Bann und nehmen mit auf die Reise, wecken Fernweh und machen mir wehmütiges Reisefieber.

Schwarzers Texte erzählen wohltuend sanft von persönlichen Eindrücken und Begegnungen, fast zärtlich.

Das ist der Zauber von Burma. Anders als zärtlich kann man diesem Land kaum begegnen. Selbst dann nicht, wenn man weiß um die Brutalität von Geschichte und Gegenwart, um Naturkatastrophen und menschliche Grausamkeiten. Oder auch genau deswegen. Denn die Menschen selbst sind unverändert liebenswürdig, schön, stolz - und fröhlich.

Vielleicht steht auch deswegen der alte Landesname im Titel. „Reisen in Myanmar“ wäre nicht halb so poetisch.



Nun zur Verlosung:

Am 23. April vor dreihundertachtundneunzig Jahren starb William Shakespeare. Ungefähr. Dieser literarische Trauertag wurde 1995 von der UNESCO zum Welttag des Buches erklärt.

Aus diesem Anlass haben die GeschichtenAgentin Dagmar und Christina von Pudelmützes Buchwelten die Aktion „Blogger schenken Lesefreude“ gestartet, an der sich im vergangenen Jahr mehr als 1000 (!sic!) Blogs beteiligten, und auch das Büro für besondere Maßnahmen hatte ein Buch verlost.

Auch in diesem Jahr mache ich wieder mit und darf mit freundlicher Unterstützung des Dumont Verlags ein Exemplar des wunderbaren Burma-Bilderbuchs verlosen:
„Reisen in Burma“ von Alice Schwarzer (Text) und Bettina Flitner (Fotos)
Dumont, Köln 2012
160 Seiten, ISBN 978-3-8321-9424-6, Ladenpreis 34,95 EUR

Bis zum Abend des 23. April 2014 (Mittwoch, 23:59 Uhr) habt Ihr Zeit, teilzunehmen. Wer das Buch gewinnen möchte, braucht nur eine klitzekleine Rätselfrage beantworten:

Wie heißt die Hauptstadt von Myanmar?

Einfach die Antwort unten in einen Kommentar schreiben und dabei eine gültige E-Mail-Adresse hinterlassen (die wird nicht veröffentlicht, wenn ihr sie im entsprechenden Feld eintragt). JedeR ab 18 Jahren darf EINmal teilnehmen. Bei mehr als einer richtigen Antwort entscheidet das Los, und der oder die GewinnerIn wird am Donnerstag, 24. April 2014 per E-Mail benachrichtigt. Ich gebe keine Daten an Dritte weiter, versende das Buch nur innerhalb Deutschlands und schließe den Rechtsweg aus. Viel Glück!


Nachtrag am 25. April 2014
Zur Auflösung des Rätsels und Gewinner-Bekanntgabe geht es bitte hier entlang.

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Montag, 25. November 2013

Wandelrosen

Die Rosenworte zum Montag ....

.... auch heute wieder eher kurz und knapp, weil ich mich an einem Ort befinde, an dem das Internet kein breites Band hat:

Wandelröschen (lantana camara) am Meer

"Wenn der Wind des Wandels weht, 
bauen die einen Mauern, die anderen Windmühlen." 
(evtl. aus China*)

.... noch wieder andere setzen die Segel .... oder ziehen einfach mit dem Wind ein Stück weiter, wohin auch immer es sie wehen mag ....

Ich wünsche ein starkes und gelassenes Herz in stürmischen Zeiten.

*当变化的风吹起时,有人会造墙,有人会造风车
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Montag, 18. November 2013

Geduld

- Rosenworte zum Montag - 

Heute mal aus dem näheren Osten, von Schams-e Tabrizi (persischer Mystiker, 13. Jhdt., Lehrer und Freund von Mevlana Dschalal ad-Din ar-Rumi

Moschee in Side (Türkei)

"Geduldig sein bedeutet nicht, etwas untätig zu ertragen. 
Geduldig sein bedeutet, genug Weitsicht zu besitzen, 
um auf das Ergebnis am Ende zu vertrauen. 
Geduld ist, den Dorn zu betrachten und die Rose zu sehen."

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Montag, 14. Oktober 2013

Reisetante

- RosenReiseworte zum Montag - 

Es gibt so Tage, da bin ich einfach nur dankbar, dass ich nicht in einem früheren Jahrhundert lebe und mich (fast gar) nicht an irgendeine ständische oder gesellschaftlich vorgeschriebene Kleiderordnung halten muss.

Ich darf Hosen tragen wann immer ich will, darf laufen und springen, zwei Treppenstufen auf einmal nehmen und Fahrrad fahren und - wenn ich es könnte - breitbeinig auf einem Pferderücken sitzen.

Taggia, Ligurien

Für die Weltreisende Ida Pfeiffer zu Beginn des 19. Jahrhunderts war das nicht selbstverständlich. Hätte ich als junge Frau schon von ihr gewusst - sie wäre mein großes Vorbild gewesen.

"…wie lächerlich mußte ich in langen Kleidern aussehen, als ich dabei immer noch lief und sprang und mich in allem benahm wie ein Junge."**

Nichts gegen lange Kleider! Aber ich bin sehr froh, dass ich die Wahl habe, ob und wann ich eines anziehe!


**Ida Pfeiffer (geboren am 14. Oktober 1797) über ihre Zeit als Teenager, gefunden in der Datenbank alter Baedeker-Ausgaben.
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Montag, 9. September 2013

herbst. zeitlos.

- rosenworte zum montag -

der späte sommer ist "meine" jahreszeit. deswegen heißt er auch altweibersommer. es ist die zeit der zeitlosen gewächse. nicht rose noch lilie und dennoch schön anzusehen, wenn der herbst kommt:

Weder Krokus noch Safran: Herbstzeitlose

der gärtnerin ein hübsches glück, der landwirtin eher unglück ist die lila herbstzeitlose: hochgiftig für mensch und tier. in der homöopathie hingegen gilt sie als heilend gegen gicht.

so hat denn auch diese schönheit ihre zwei seiten, mindestens - je nach standpunkt der betrachterin. ich bin sehr froh, dass es in unserer durch und durch optimierten und rationalisierten zeit noch orte gibt, an denen blumen auch mal giftig sein dürfen, ohne dass ihnen gleich mit dem flammenwerfer zuleibe gerückt wird.

Wiese am Kirnbergsee, Hochschwarzwald
zeitlos. zwecklos. unbehelligt vom botanischen rassismus, der unweigerlich in einen pflegeleichten rentnergarten gipfelt. deswegen augen auf, damit uns das erspart bleibe:

"trau nicht dem ort,
an dem kein unkraut wächst"

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Montag, 1. Juli 2013

rosenausflug

- rosenworte zum montag - 

wie jedes jahr zur schönsten rosenblüte, habe ich heute meinen alljährlichen ausflug ins landhaus ettenbühl gemacht. da ich diesen mini-urlaub bereits vor drei jahren zur besonderen maßnahme erklärt habe, wäre heute eigentlich die aufnahme in den club der rituale an der reihe gewesen.

nun ist aber heute montag. deswegen gibt es statt dessen ein paar rosenworte dazu. rituale laufen nicht davon.

Ettenbühler Rosen-Restaurant - Entrée


im rosenduftigen schatten sitzen an einem der schönsten sommertage ... nicht zu heiß mit leichter brise, von kelch zu kelch die nase wandern lassen, so lang die füße tragen ... dazu die begleitung einer lieben freundin, die genauso verzückt und rosenberauscht ist wie man selbst ... so eine rosen-wandel-schnupper-kur sollte eigentlich jede frau sich regelmäßig gönnen.

ob's verjüngt? ob's schön macht?! schnurzpiepenwurscht! denn glücklich macht es und stark - und solche augenblicke sind selten im prekären alltag.

die rosenworte dazu heute von der dichterin Emily Elizabeth Dickinson (1830-1886):
Ein Kelch, ein Blatt, ein Dorn
An irgendeinem Sommermorgen –
Ein Schälchen Tau – Bienen, ein oder zwei –
Ein Windhauch – Rascheln in den Zweigen –
Und ich bin eine Rose!
was sonst?!

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Mittwoch, 9. Januar 2013

die göttin vergessen

kommen reisende mit dem schiff übers mittelmeer, so leuchtet die kleine stadt Selimiye an der pamphylischen küste schon von weitem:

Apollon-Tempel - Side (Türkei)

der apollon tempel wurde römisch erbaut im 2. jahrhundert vor unserer zeit, byzantinisch zerstört etwa 500 jahre später - und vor rund 30 jahren eigens für die touristen als fassade wieder hergerichtet im postmodernen ruinenstil. dazu wurden die besterhaltenen stücke aufeinander gestellt wie der klötzchenbaukasten. lücken und wackelnde elemente wurden aufgefüllt mit zement und beton.

der rest liegt mehr oder weniger sortiert herum. des riesige marmorpuzzle wird erschwert durch den umstand, dass es ursprünglich einmal zwei tempel waren, viele originalstücke längst verschwunden sind, gesichtete teile erst kürzlich nummeriert wurden und zwischendurch auch noch eine bischofsbasilika am selben platz stand.

vom zweiten, größeren tempel ist heute fast nichts mehr zu sehen. ein paar fundamente noch, abgewetzte säulensockel. man stolpert drüber und merkt doch nicht, wie wichtig der platz einmal war:

das heiligtum von athene, patronin des seehandels und verehrt als schutzgöttin der antiken hafenstadt Side. hauptamtlich war athene zuständig für die ressorts weisheit, strategie und kampf, nebenbei auch noch für kunst, handwerk und handarbeit.

athene galt als klug und intelligent; als streitschlichterin, die nur in den krieg zog, wenn er sich nicht vermeiden ließ. sie hat keinen ihrer kriege verloren und zählt zu den drei 'jungfräulichen' göttinnen: wie hestia und artemis war auch athene nicht 'verheiratet' und auf keinen mann angewiesen. eine starke frau also.

bevor ich mich auf den weg ins türkische side machte, wusste ich schon, dass es ihren tempel nicht mehr gibt. an seiner stelle sei nun ein café, las ich irgendwo. voller vorfreude sah ich mich täglich in diesem café sitzen mit blick aufs meer, ausgerüstet mit stift und notizbuch meinen kaffee trinken und - athenens göttliche energie tanken! tja. pustekuchen! nach dem café suchte ich lange, weil da keines ist.

auch nach dem platz, an dem der athene-tempel einst stand, suchte ich lange. weil er so nichtssagend ist, dass alle einfach drüberlatschen. dabei ist es direkt neben dem wiederhergestellten apollon-portal: ein paar weiß-rote absperrgitter um bettgroße ausgrabungen und viel freier platz drumherum. that's it.

bis ich das wusste, habe ich eine menge menschen danach gefragt. es war ein richtiger 'athene in side spurlos verschwunden'-krimi ....

ich fragte einen türkischen reiseführer, der einer deutschen reisegruppe das antike ensemble erklärte. athene kam nicht darin vor. auf mein nachfragen antwortete er sehr herablassend, dass es an dieser stelle immer nur einen apollon-tempel gegeben habe. niemals einen athene-tempel.

wie ich später herausfand, stand er dabei genau vor dem blechschild, auf dem mehrsprachig erklärt wird, wie die beiden tempel früher einmal angeordnet waren. er verdeckte es mit seinem sonnenschirmchen.

ich fragte andere touristInnen: nichts als ahnungsloses schulterzucken. „athene? nein? hier ist nur ein apollon-tempel.“ was nicht zu sehen ist, das existiert auch nicht.

ich fragte die laden- und restaurantbesitzer entlang der angrenzenden einkaufsstraße. sie wollten mir alle etwas verkaufen, mir einen heißen tee oder einen frisch gepressten granatapfelsaft servieren. ich wollte weder tee noch teppich, blieb stur und erntete hohn und gelächter.

„einen athene-tempel? nein, den haben wir nicht, hatten wir noch nie. niemals nicht. wo soll das sein?“

athene ist schon längst nicht mehr der rede wert. sie wurde erst vom christentum, dann vom islam für entbehrlich gehalten und ist in vergessenheit geraten.

ich fand den ort der göttin am späten nachmittag, als ich mir die alten steine rund um apollon noch einmal ansah; ich entdeckte die blechtafel mit dem grundriss und - abseits an die mauer der ehemaligen basilika gelehnt, noch ohne festen platz - eine weitere blechtafel mit ein paar erklärenden worten.

Tempel der Athene, Side

athenes heiligtum stand - ebenso wie das ihres männlichen kollegen aus dem olymp* - an exponierter stelle. es muss gigantisch schön und sehr beeindruckend gewesen sein, beide tempel nebeneinander zu sehen.

ich wage zu behaupten, dass man dem platz - auf der vordersten landzunge der schmalen halbinsel mit einem rundum-ausblick aufs meer - die göttliche energie bis heute anmerkt. das war für mich ein großer kraftort. so oft wie möglich war ich dort, saß oder stand einfach so herum. beobachtete das volk. spürte vergangene zeitalter und hörte die götter tuscheln.

apollon begegnete ich in der vollmondnacht: er kam als großer weißer hund, platzierte sich majestätisch auf einer halben marmorsäule und zeigte mir sein schönes profil. sehr lange saß er unbeweglich so da. ich habe ihn den platz nicht verlassen sehen.

athene kam als kleine, schwarz-grau gestromte katze. sie besuchte mich täglich im hotel, schlich über den balkon in mein zimmer. schnurrend berichtete sie, wie zwei verehrungslose jahrtausende an ihr vorüberzogen. sie hat nichts verloren. weder von ihrer schönheit, noch von ihrer macht.



ps.*
der olymp, übrigens, oberhaus der griechischen zwölfgötter, war ganz paritätisch besetzt - gleichermaßen gegendert - mit sechs göttinnen und sechs göttern. daran sollten sich regierungen, aufsichtsräte und andere männerclubs der gegenwart ein beispiel nehmen. die frauenquote ist keineswegs eine erfindung der neuzeit. seit jeher gehört uns die hälfte des himmels.

Montag, 7. Januar 2013

granatapfelsaft

besondere maßnahme no. XXVI

es ist doch schön, auf einem planeten zu leben, der so wunderbar vielfältig ist, dass auch nach einem halben jahrhundert aufenthalt hier immer noch täglich dinge vorkommen können, die nie zuvor gesehen gehört geschmeckt gespürt waren.

türkischer Granatapfelsaft, frisch gepresst

mein neuestes highlight ist … dieser tiefst dunkelrote, köstlich süßherbe frisch gepresste granatapfelsaft. besonders lecker fand ich ihn (das ist auf dem bild nicht zu sehen, gehörte aber zum gesamtarrangement) mit meeresrauschen im ohr, einer sanften brise auf der haut, einer schnurrenden katze auf den knien und serviert von einem charmanten lächeln südländischer herkunft.

das alles gibt es für nur einen euro am strand westlich von side, türkisches mittelmeer: am unbebauten teil hinter den ruinen der antiken stadt.

warum ausgerechnet da? in der touristen-hochburg von germanisch-türkien schlechthin, wo sonnenhungrig reisende ausgenommen werden wie hierzulande die weihnachtsgans?

nun, das kleine business am unbevölkerten beach war eine erholsame ausnahme vom ausgenommen werden. da standen einfach ein paar stühle vorne am strand, drei meter von der wasserkante weg, wo ich (wie aufmerksame blogleserInnnen wissen) egal an welchem strand der welt gerne mit nackten füßen genüßlich kilometerlang am meer entlang plitsche: meine lebenslange lieblingsbeschäftigung, zu der ich leider viel zu selten komme.

die händler in side sind - so hörte ich sagen - die dreistesten der ganzen türkei, was nepp und kundenfängerei angeht. ob das so stimmt, kann ich nicht bestätigen, weil ich nicht sehr viele orte in der türkei kenne. dass aber die händler in side bisweilen unverschämt, überteuert und sehr unangenehm klebrig sein können, habe ich selbst erlebt. „mein“ granatapfelsafthersteller und -verkäufer war eine rühmliche ausnahme.

Granatapfelsaftproduktion am Strand von Side

herr serdar saß hinter seinem tisch mit blick aufs meer und wartete geduldig auf kundschaft. kein rufen kein säuseln kein brüllen kein palaver kein überreden kein geschwalle keine blumigen versprechungen und erst recht kein beleidigtes schimpfen, wenn man das angebot nicht wahrnehmen wollte. sein saft kostete einen euro - wie überall sonst auch. ich darf daran erinnern, dass es hierzulande für einen euro mal gerade einen granatapfel gibt - wenn er günstig ist.

ich mochte die schlichtheit seiner ausrüstung auf dem leicht verwitterten kunststofftisch: die schon etwas rostige aber funktionstaugliche saftpresse, das obst auf dem einem tablett, auf dem anderen gläser, strohhalme und servietten; das vom blutroten saft getränkte holzschneidebrett mit den vielen schnittnarben vom großen messer. sonst nichts.

side im späten herbst. saftdurstige touristen gab es an dieser stelle des strands nicht mehr viele. in den oft langen pausen kraulte der mann seinen strandkater romeo. bei einem späteren besuch überließ er ihn mir vertrauensvoll.

Granatapfelsaftproduzent mit Firmenkater Romeo

„efendi nar suyu” - mister pomegranate juice am herbstlichen mittelmeer, sanfte brandung und kribbelnder sand zwischen meinen nackten zehen, blutroter saft und katze. das war mein kleines paradies.

meinen saft übrigens habe ich ganz alleine getrunken. nie, niemals! käme ich auf die idee, mein stück vom paradies mit einem mann zu teilen. wir wissen ja, was für eine katastrophe biblischen ausmaßes dabei herausgekommen ist: eva war einfach zu nett, als sie ihren paradiesischen granatapfel mit adam teilte.


PS.
zu hause im südwesten der republik ist übrigens die firma Jacoby der saftladen meines vertrauens: regional und bio seit bald 100 jahren - quasi bei mir um die ecke. die haben einen - wie ich finde - sehr guten und vor allem bezahlbaren granatapfelsaft im angebot. (nein, dies ist keine werbesendung. zumindest keine bezahlte.)

Sonntag, 3. Juni 2012

deutsche augenblicke

zwei wochen lang habe ich das sanfte klima an der italienischen riviera genossen, ein italienischer moment reihte sich an den anderen. mein leben in einer postkarte - atemraubend schöne aussichten ließen mich tief durchatmen. meine seele war mitten drin ganz weit weg.

dixan: portofino 24ore
dann überfällt es eine schon beim nachhausekommen, den koffer noch in der hand: ein deutschgrauer amtsbrief im kasten, eine anonyme botschaft auf dem AB.

„der alltag hat mich wieder“ - sagen die leute dann gerne, sehr treffend und sehr unschön. das will ich doch gar nicht! ich mag mich nicht vereinnahmen lassen von traurigen pflichten!

es ist eine gratwanderung: meinen pflichten nachzukommen, mich den aufgaben des alltags zu stellen – und mir trotzdem im herzen 'italienische momente' zu bewahren und zu erleben, während ich in echt einen deutschen augenblick nach dem anderen auszuhalten habe.

deutsche augenblicke – die sind nicht gerade berühmt für lebensfreude und leichtigkeit ….

also versuche ich, meiner erinnerung und genussfähigkeit auf die sprünge zu helfen. eine gute methode, millionenfach erprobt und bewährt: man bringt sich was mit, ein souvenir, ein stückchen italienisches dolcefarniente!

die erwachsenen meiner kindheit liebten den bunten, nutzlosen trillefitt, der dann jahrelang mehr oder weniger dekorativ im regal stand, bis er deutschgrau eingestaubt sich dem alltag des ehemaligen urlaubers angepasst hatte: die flamencopuppe aus spanien, den gondoliere aus venedig.

jedem das seine – hauptsache, es funktioniert!

für mich funktionieren als 'erinnerungshelfer' dinge, die sich benutzen oder verbrauchen oder aufessen lassen:

küchenutensilien, oliven und öl, ein schönes kleidungsstück, gerne auch notebooks aus papier (schon mal einen schreibwarenhändlicher nach der kapazität eines notizbuchs gefragt?! wieviel MB hat dieses moleskine?!) ….

in diesem jahr habe ich etwas ganz neues für mich entdeckt: ein geschirrspülmittel! natürlich mit absicht, weil ich doch meinen abwasch so sehr hasse. aber dixan sei dank duftet das waschwasser jetzt nach „portofino um mitternacht“.

nicht, dass ich jemals in Portofino gewesen wäre, schon gar nicht um mitternacht am 'feinen hafen'. ich kann mir auch nicht vorstellen, dass es dann dort nach spüli riecht. ich würde das auch keinem ort auf der ganzen welt wünschen, nach spüli zu duften – zu welcher tageszeit auch immer.

fragt mich nicht, warum ich mich für 'portofino 24.00 ore' entschieden habe, obwohl es auch die variante 'capri 18.00 uhr' gegeben hätte. wo es doch auch auf Capri so schön sein soll, wegen der der blauen grotte und so. ich habe einfach beide probegeschnuppert, und portofino ist hängengeblieben. es riecht etwas kräuterwürzig mit einem hauch von bootsmotorenöl.

trotzdem: meine hausarbeit macht mir seither ein kleines bißchen mehr spaß. weil ich dann so vor mich hin grinsen kann bei dem gedanken, wie sehr doch die werbung auch bei mir funktioniert: ich habe eine illusion gekauft. auf mein gehirn ist verlass, es macht eine schöne erinnerung daraus:

das erleichtert die sache erheblich und verzaubert meine deutsche haushaltspflicht in einen italienischen augenblick!


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Freitag, 11. Mai 2012

momenti italiani

momenti italiani

„für die italienischen momente im leben“ hat es mal in einer werbung*** geheißen. den namen des produkts erinnere ich nicht. wahrscheinlich hat es für mich nichts mit italien zu tun oder es kommt aus sonstigen gründen nicht vor in meinem leben.

der ausdruck aber ist hängengeblieben, und ich denke oft darüber nach.

sind alle augenblicke, die ich hier in Sanremo verbringe, italienisch schon allein deswegen, weil ich mich auf italienischem hoheitsgebiet befinde? oder braucht es für das augenblicksprädikat „italienisch“ noch etwas anderes? bin ich gar so dermaßen „deutsche“, dass mir echte italienische augenblicke gar nicht möglich sind?

wenn mich jemand (meist eine amtsperson) nach der staatsangehörigkeit fragt, sage ich im allgemeinen: „mein pass ist deutscher.“ und denke mir dazu: „... aber mein herz ist erdling.“ schließlich ist es nicht mein verdienst, dass ich mich ausgerechnet innerhalb der deutschen landesgrenzen dauerhaft und ohne visum aufhalten darf. da bilde ich mir nichts drauf ein.

für den planeten aber, auf dessen oberfläche ich gast bin, fühle ich mich in gewisser weise verantwortlich: ich möchte hier keinen schaden anrichten. das ist das mindeste. zum wohlergehen der erde beitragen können, wäre mir noch lieber.

am liebsten wäre mir, so etwas wie achtsame spuren hinterlassen zu können. so dass frau terra am ende sagt: „vielen dank, dass Sie hier waren, mo jour. bitte beehren Sie uns bald wieder“ und mir freundlich die reinkarnationsfomulare in die hand drückt.

also in etwa so, wie ich das auch hier mit meiner ferienwohnung halte: ich behandle alles mit liebevollem respekt, mache nichts kaputt, lege eher noch etwas dazu und werde auf jeden fall positive energie hinterlassen, so dass die besitzer am ende sagen können: „schön, dass Sie da waren. wir werden uns jederzeit freuen, Sie wieder begrüßen zu dürfen.“

das wäre ein guter „erdlingsmoment“.

zuück zu den italienischen momenten im leben. was macht die aus?

eine gewisse leichtigkeit? sicher. dazu ganz gewiss auch ein augenzwinkerndes „sich selbst nicht zu ernst nehmen.“ ein bißchen 'dolce far niente' – im positiven sinne von „nicht nur stur und verbissen (=deutsch) vor sich hin arbeiten, sondern sich selbst auch pausen zu gönnen und diese dann (ohne schlechtes deutsches gewissen!) zu genießen.

italienische momente können für mich auch solche sein, in denen es mal laut und deutlich wird (palaver palaver porca madonna!); wenn man danach mit einem freundlichen „va fanculo“ und einem schulterzuckenden „che me ne frega“ auseinandergeht. völlig egal, wer recht hatte!

aber es scheint mehr als das zu sein. auch eine gewisse sinnlichkeit gehört für mich dazu, sowie den/die andere/n respektvoll im auge zu behalten.

vielleicht sehe ich das alles gerade viel zu romantisch, schließlich bin ich hier in ferien, ein zahlender gast und gerne gesehen. das ist ja daheim in d-land nicht so. da bin ich dann auch weniger etnspannt.

italienische momente sind auch manchmal ganz konkret:

wenn ich zum beispiel die schwere einkaufstasche trage, plötzlich eine duftwolke von jasmin um die ecke weht und sie mir plötzlich viel leichter vorkommt.

oder wenn ich abends alleine im restaurant sitze, und plötzlich kommt vom nachbartisch eine rose herübergewandert mit einem freundlichen gruß und sonst gar nichts – ohne erwartung einer gegenleistung.

italienische momente sind für mich auch im straßenverkehr, wenn die mopeds mich rechts und links gleichzeitig überholen, sich an mir vorbeischlängeln, mir andere auf meiner fahrbahn entgegenkommen – da komme ich echt an meine grenzen, weil ich den verkehr lieber 'gut geregelt' habe. aber dann geht doch immer alles gut. hauptsache flott und locker durchkommen. wen interessiert da eine doppelte durchgezogene linie?!

oder wenn ich auf dem hier geliehenen fahrrad unterwegs bin: ohne licht weder vorne noch hinten, noch nicht mal katzenaugen, ohne klingel, ohne gangschaltung, laut klappernd als wolle es gleich auseinanderfallen, von zwei bremsen funktioniert nur die eine halbwegs … ähem. von einem offiziellen fahrradverleih! aber dann ist die aussicht so zum durchatmen schön, die meeresbrise so durftig – da stört das olle fahrrad mich gar nicht mehr. täte es mich stören, wenn ich auf dem weg zur arbeit wäre? vermutlich. der weg zur arbeit gehört für gewöhnlich nicht zu den italienischen momenten eines lebens.

ist es ein italienischer moment, wenn ich nachts extra das fenster offen lasse, um das meer rauschen zu hören – aber nicht schlafen kann, weil der kühlschrank im zimmer viel zu laut ist? inzwischen stelle ich ihn nachts ab, den kühlschrank.

wie müssten situationen in meinem alltag sein, damit ich sie zu 'italienischen momenten' erklären kann? sind die zutaten eher äußerlicher art, wie guter duft, angenehme geräusche, ein paar strahlend freundlicher augen? oder ist es eher die innere einstellung, momente welcher art auch immer als italienisch empfinden zu können? hier in bella italia ist ja auch nicht immer alles eitel sonnenschein und pure postkartenidylle.

hat es mit einem verzicht auf einen gewissen teil meines effektiven perfektionismus zu tun? würde ich das wollen?

die frage scheint eher – und das ist sie nach jeder reise, ganz egal wohin: „wie kann es mir gelingen, etwas von der entspannten gelassenheit meiner freizeit in den knallhart zähneknirschenden deutschen alltag hinüberzuretten? so dass ich mehr kraft habe, mich den deutschgrauen brutalitäten zu stellen?“

leider habe ich keine antwort darauf, weil ich mir hier zwei wochen leben mit scheuklappen erlaube und alles unangenehme ausblende so gut es eben geht, um den entsetzlichen druck zu lindern, der mir sonst die luft zum atmen raubt.

eiskalte briefe vom amt auf häßlichem grauen papier im postkasten zu finden, ist eindeutig kein italienischer moment. was könnte man dagegen halten, um traumata zu lindern? ein bißchen gluckern der espressomaschine reicht mir da jedenfalls nicht.

italienische momente im leben – das ist viel mehr, als ein paar azurblaue pixel jemals zum ausdruck bringen könnten. deswegen habe ich 'heute leider kein foto' für euch.



*** 
nachtrag:
das war natürlich der herr angelo, 1993:
ohne diesen charmanten 'errn wären so ein paar körnchen gefriergetrockneten kaffees mit gezuckertem magermilchpulververschnitt niemals zu 'italienischen momenten' aufgestiegen.
'eilige madonna!



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Montag, 7. Mai 2012

lido annunziata

riviera für anfänger #1

wenn man ans meer fährt, freut man sich aufs meer. davon gehe ich mal aus. das meer ist einfach da, gehört irgendwie allen und jeder darf hin und rein. einfach so. 


 einfach so?! überall?! wild und frei?! wie naiv!

von der ostsee weiß ich ja schon, dass es an manchen abschnitten kurtaxe kostet, wenn man die strandpromenade betreten, ja sogar überschreiten und ans, womöglich auch ins wasser will. und wehe, du kannst deinen ausweis nicht vorzeigen, wenn die kontrolle kommt! wenn quallen im wasser sind und du dann doch lieber nicht rein willst, kriegst du dein geld nicht zurück. pech gehabt.

auf der griechischen insel korfu gab es an manchen abschnitten liegestühle mit sonnenschirm zu mieten. der strand wurde von der gemeinde stückweise gegen gebühr bzw. höchstgebot bzw. schmiergeld verpachtet. trotzdem durfte man sein handtuch beliebig irgendwo parken und auch kostenlos baden gehen – nur eben nicht auf einer unbezahlten sonnenliege.

hier an der riviera ist der strand dicht. da gibt es kaum noch ein quadratzentimeterchen, das nicht kommerziell genutzt wird. ausgenommen die drei nassen meter entlang der wasserkante. da habe ich noch einmal glück gehabt! das ist transitzone, spazierengehen dort erlaubt – mein geliebtes wasserplitschen gratis.

die kostenlosen zugänge zum strand aber sind sehr schmal und liegen ziemlich weit auseinander. die muss eine erst finden! man darf da nicht einfach über kostenpflichtiges terrain geradewegs ans meer marschieren. oh no!

zum glück ist noch vorsaison. da ist es nicht ganz so streng - aber die vorbereitungen sind bereits in vollem gange. die riviera macht sich startklar für den sommer und takelt sich auf wie eine gealterte diva:

als erstes wird der damenbart abrasiert, die stoppeln sind häßlich. im falle meines strands bedeutet das: die verrotteten, stinkigen algen und aller anderer strandmüll werden stück für stück zusammengefegt und abtransportiert – oder dem nachbarn hingeschoben.

dann kommt die grundierung. wenn ich bislang immer gedacht habe, dass der sand am sandstrand aus dem meer kommt, so werde ich hier eines besseren belehrt: der sand für den goldgelben rivierastrand kommt aus dem baumarkt, wird hier lasterweise angekarrt und mit dem caterpillar bulldozer fein säuberlich schicht für schicht aufgetragen, geglättet, fixiert. sozusagen die grundlage fürs beach make-up, in einem freundlichen – na, nennen wir die farbe mal – saharabeige. ungefähr einen halben bis einen meter dick – je nach finanzieller lage und renommé der strandbarbetreiber.


eines ist schon mal klar: einen löffel voll sand als souvenir für meine sandstrand-sandsammlung daheim brauche ich von hier gar nicht erst mit nach hause nehmen. den könnte ich auch gleich aus dem bauhaus holen … auch muscheln finden sich hier kaum. die wenigen sehen so perfekt aus, dass ich mich schon frage, ob die von anfang an unter den geläuterten sand gemischt werden zu einem gewissen prozentsatz. könnte ja sein. für die zahlenden strandgäste. souvenir ist souvenir.

zwischendurch der gärende grünalgen-damenbart wird zum ärgernis: er wächst schnell nach, muss täglich entfernt werden. das machen die privaten. an den öffentlichen stellen sammelt sich der gärende schmodder in stinkenden bergen. gerne mal einen meter hoch. da macht das kostenlose baden dann auch keinerlei spaß mehr …

zurück zum beach make up. damit das makellos bleibt wie auf den postkarten, werden flugs überall verbotsschilder aufgestellt: ballspielen verboten, hunde und andere tiere verboten, lagern verboten, lärmen verboten … im übertragenen sinne: unsere diva benutzt einen altmodischen, nicht lange haltbaren lippenstift: küssen verboten – sonst blättert die farbe ab.

der rest der strandtakelage – wie ketten, glitzerfummel, strassgehänge, ringe, haarspangen und so zeug – kommt dann nach und nach in form von neuanstrich der umkleidekabinen, aufstellen erster sonnenliegen an regenfreien tagen, installieren lauter beschallung, erweiterung der speisekarte, reparatur der orgelnden minikinderkarussells, bepflanzen neuer blumenkübel … man kennt das auch von diversen internetgames, wo man immer noch ein upgrade kaufen kann, damit die kundInnen zufriedener sind, geduldiger bleiben und mehr geld ausgeben.

dass unsereins mehr geld ausgibt, ist ja der zweck der ganzen aktion: unsere alternde diva will ein ausverkauftes haus, vertickt ihre karten zu höchstpreisen! wie bei der premiere in der oper sind auch die strandliegen und sonnenschirme unterschiedlich teuer: nicht nur abhängig davon, ob man sie für einen halben oder einen ganzen tag nutzen möchte, sondern je nachdem, ob man auf der loge sitzt oder im orchestergraben.

will sagen: nicht nur im theater, sondern auch am strand kostet die erste reihe mindestens doppelt so viel wie die letzte. denn hinten hört und sieht man fast nix mehr vom meer. dafür hört man dort lauter strandansagen.

genau das bedeutet der titel: ein lido annunziata ist ein angesagter strand. einer, der bewacht wird von jemandem, der das sagen hat. der auch sagt, ob man ins wasser darf oder nicht. vor allem lautet die ansage, was es kostet.

(um ehrlich zu sein: wenn ich für meine täglichen strandspaziergänge zusätzlich bezahlen müsste, dann könnte ich sie mir nicht leisten. leider.)

ich bin sehr sehr froh, dass ich hier zu einer jahreszeit über der strandpromenade logiere, in der außer meeresrauschen tatsächlich kaum etwas zu hören ist. nur ab und zu rumpelt die sandstrandplanierraupe …

bevor sich der vorhang hebt und der große rummel losgeht, bin ich längst wieder weg. aber bis dahin - finde ich es hier wirklich so richtig richtig schön!


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Samstag, 5. Mai 2012

nel blu

ins blaue hinein“ - das sagt man bei uns ja gerne mal, wenn man die richtung noch nicht so genau weiß.

auch bei mir ist die richtung derzeit alles andere als klar. weil ich nachdenken muss, mich neu sortieren will. nachspüren, in welchem maße ich die diagnose „autistin“ in mich hineinintegrieren will, kann – und inwiefern ich sie nicht doch lieber außen vor lasse.



asperger syndrom? was ist das schon!? das hat irgendein mann sich ausgedacht. in den letzten jahren avanciert zur modediagnose. eine prima methode, um hochbegabte, eigensinnige querdenkerInnen zu pathologisieren. denn denkende menschen können ja ziemlich lästig sein für die allgemeinheit.

das asperger syndrom zählt aber nicht als hochkreative methode und besondere fähigkeit empfindsamer und intelligenter menschen, mit einer für sie in hohem maße belastenden umwelt im eigenen sinne (= eigensinnig) und angemessen umzugehen, sondern es gilt als behinderung. what a quatsch!

das kann sich nur eine neurotpye ausdenken von durchschnittlicher intelligenz. jemand, die keine, aber auch gar keine ahnung davon hat, wie anstrengend es sein kann, als mensch mit einem iq von über 140 sich ständig selbst ausbremsen zu müssen, nur um von den 'normalos' einigermaßen verstanden zu werden.

nur mal zum vergleich: es wäre nicht weniger anstrengend, als durchschnittlich intelligenter mensch (angenommer iq = 100) eine einprozentige minderheit zu sein. alle anderen würden auf einem iq von 60 dahindümpeln, sich aber für 'normal' halten, weil sie ja in der mehrheit sind. da würde doch auch der 100er-iq-typ rein aus selbstschutz ein paar überlebensmechanismen entwickeln, die den 60ern sicher sehr merkwürdig und 'unnormal' vorkämen ....

asp.syn ist nicht messbar. es ist nicht ansteckend. es ist eine variante im gehirn, für die es ein paar merkmale gibt. merkmale, die – jedes für sich genommen – alle auch als merkmale von hochbegabung oder von posttraumatischer belastungsstörung gedeutet werden können. so habe ich das bisher zumindest verstanden.

so what? mein asperger autismus ist also – wenn überhaupt – ein webfehler in den synapsen. wahrscheinlich aber eher ein sehr ausgefallenes, seltenes webmuster. kein fehler:

it's not a bug. it's a feature!“

trotzdem muss ich da weiter darüber nachdenken. selbst ohne diese neue diagnose wäre auch mal wieder eine auszeit fällig gewesen: von einem wenig erfreulichen, anstrengenden alltag einerseits.

von meiner diagnose 'PTSD' andererseits. denn auch das wurde ja nur diagnostiziert, fortan ich damit allein gelassen. therapie ist nicht mehr, kontingent aufgebraucht. klinik macht derzeit keinen sinn, sagt die ärztin, da müsste ich vorher stabiler sein. zur fortgesetzten retraumatisierung und weiteren destabilisierung aber trägt ja seit jahren munter das hartz-IV amt bei. neuerdings auch der vermieter noch zusätzlich. nicht stabil genug, keine traumatherapie. keine traumatherapie? ja dann kann sie auch umziehen, sagt das amt (und der vermieter sowieso, diese tumbe neurotype).

also nachdenken. zurück in meine mitte mitte finden.

wo könnte das besser gehen als an einem ort, wo tag und nacht sanftes wellenrauschen meinen tinnitus übertönt? wo ein strahlendes blau meinen düsteren gedanken einen heiteren anstrich gibt? wo der duft von 'lavendel, oleander und jasmin' nicht aus der waschmaschine kommt, sondern mich hinter jeder wegbiegung neu anweht, 'in echt'?



also bin ich ins blaue „dolce far niente“ gefahren. dorthin, wo das 'azzurro' und das 'blu dipinto di blu' ihren ursprung haben. vor allem dafür war es wichtig, dass die türen an meinem kleinen alten auto wieder abschließbar sind. nein, keine falschen vorurteile. es geht hier einzig und allein um mein subjektives gefühl von sicherheit:

wenn ich mich sicherer fühle, bin ich entspannter. wenn ich entspannter bin, kann ich besser nachdenken.

mein blauer luxus: eine wohnung direkt über der strandpromenade, die in dieser jahreszeit noch erfreulich ruhig ist.

eine weile keine verpflichtungen. kein arroganter vermieter. keine graue redaktion. keine blöde post vom amt. nicht mal nachrichten. soll die welt doch untergehen, das erfahre ich noch früh genug – und ändern könnte ich es ohnehin nicht.

es ist das erste mal seit mehr als fünfeinhalb jahren, dass ich länger als eine woche 'urlaub' habe. das geld für die reise habe ich mir von meinem dispokredit geliehen.

ich bin im blauen, ohne selbst blau zu sein. mein letzter besuch in diesem land liegt fünfzehn jahre zurück. auch damals war es mai. ich war allein auf sardinien. es war wunderschön. alles blühte! ich liebe diese eigensinnige insel. ein freund, der eigentlich hatte mitfahren wollen, sagte in ziemlich letzter minute ab. ich war sehr einsam. der wein war ausgezeichnet. ich betrank mich täglich.

auch diesmal bin ich allein. nicht auf sardinien, aber alles blüht. ich muss es bei lebendigem leibe aushalten, das eine wie das andere. keine drogen außer koffein und schokolade. jedenfalls kein alkohol.

das rauschen des meeres besänftigt meine wunde seele. mit jedem wellengang, den ich an der wasserkante entlang unternehme, glätten sich meine zerquälten nervenenden – von denen sich jedes einzelne zerfranst fühlt wie ein gespaltenes paragraphenzeichen. ungefähr zwei mal täglich eine stunde, das ist meine therapie.

schade nur: ich kann von hier aus nichts ändern an meinem leben, nichts verbessern, nichts erleichtern. aber vielleicht kann ich etwas kraft tanken für den schrecklichen alltag, für den ich dann wohl demnäxt auch noch einen schwerbehindertenausweis brauchen werde.

vielleicht kann ich neue strategien entwickeln, doch noch mal die weichen neu stellen, die richtung ändern.

und nein, ich will nicht bleiben wie ich bin. diese vorstellung, auch in meinem letzten lebensdrittel immer nur unglücklich und einsam zu sein und ständig in vielerlei hinsicht gegen meinen willen gefickt zu werden, ist keineswegs aufmunternd. genauso wie der gedanke daran, dass ich mein duftendes, wellenrauschendes azzurro-blu demnächst wieder werde verlassen müssen, ganz und gar unerträglich ist.

eigentlich möchte ich mich in diesem wunderschönen blau am liebsten in ein wunderschönes blaues nichts auflösen.

als zen-buddhistische philosophin aber weiß ich doch: das nichts ist nicht nichts, nicht einmal das blaue.

was wäre ich dann?! und wo bin ich überhaupt?!



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Dienstag, 1. Mai 2012

autoschlüssel

seit jeher bin ich eine eher vorsichtige, manchmal auch ängstliche frau. seitdem ich prekär lebe und versuche, mit meinen finanziellen mitteln, die bisweilen unterhalb des existenzminimums liegen, das maximum an mir möglichem luxus zu leben, bin ich in vielen angelegenheiten noch zurückhaltender geworden.

impatiens (fleißiges lieschen) gefüllt - farbe: porzellanrosa


mein luxus ist immer relativ. ich entscheide oft sehr genau, wofür ich meine paar kröten ausgebe und wofür nicht. manches, was im existenzminimum nicht vorgesehen ist, leiste ich mir trotzdem. das sparen an anderer stelle ist kaum möglich. ich tue es trotzdem und verzichte bisweilen auf dinge, auf die andere niemals verzichten könnten.

eines meiner luxusgüter ist das kleine alte auto. es hat fast zwanzig jahre auf dem kilometerzähler. ein ford fiesta in black, mein 'kleines schwarzes'. es fährt immer noch zuverlässig, wenn auch nicht sehr schnell.

seit dem letzten TÜV im herbst 2010 gab es keine nennenswerten reparaturen. nur ab und zu ein neuer satz zündkabel, wenn mal wieder der marder ausgerechnet unter meiner motorhaube sich sattgefressen hatte.

das einzige, was mich seit dem letzten TÜV wirklich etwas gestört hat, war das schloss an der fahrertür: es war ausgeleiert und ließ sich mit dem schlüssel zwar zu-, aber nicht wieder aufschließen.

schloß ich das auto ab, so musste ich vor der nächsten fahrt erst umständlich die beifahrertür aufschließen, von dort ins auto hineinkrabbeln, innen auf den fahrersitz klettern und die fahrertüre von innen öffnen. das war die sichere variante.

weil ich aber nicht nur ängstlich sein kann, sondern auch so dermaßen bequem, dass es meine vorsicht bisweilen aushebelt, ließ ich das auto immer offen stehen. der gerechtigkeit halber schloß ich weder die fahrer- noch die beifahrertüre mehr ab. anderthalb jahre lang. es passierte nichts. mein harmloses landleben hat auch seine positiven seiten.

auch wenn ich mal in die stadt fuhr, ließ ich die fiesta immer offen stehen. oft auch die fenster einen spalt weit heruntergekurbelt, damit es sich nicht so aufheizte, wenn es in der sonne stand. es heizte sich zwar trotzdem auf, aber sonst passierte nichts.

hin und wieder dachte ich daran, das defekte türschloss einmal zu erneuern oder ein noch funktionierendes gebrauchtes irgendwo günstig aufzutreiben. aber vor dem aufwand des aus- und einbauens bzw. den damit verbundenen kosten schreckte ich zurück.

autowerkstätten gehören zu den orten, um die ich als prekär lebende frau lieber einen großen bogen mache. einerseits aus kostengründen. da gab es schon oft böse überraschungen. andererseits auch wegen des bisweilen vorkommenden respektlosen umgangs der werkstattmänner mit mir als kundin. auch da habe ich als frau schon böse überraschungen erlebt.

in puncto autoreparaturen fahre ich also eine bisweilen leichtsinnige vermeidungsstrategie.

was dann in diesem frühjahr mit der fiesta passierte, kündigte sich schon eine weile vorher an und war sehr lästig:

nicht mehr nur das schloss der fahrerseite funktionierte nicht mehr. auch das schloss der heckklappe für den kofferraum ging erst immer schwerer, dann nur noch manchmal und schließlich überhaupt nicht mehr auf.

der befürchtete zeitpunkt war gekommen: mit der defekten fahrertür, das konnte ich noch irgendwie dingeln. aber eine defekte kofferraumklappe – das ging gar nicht mehr! ich musste etwas unternehmen. eine reparatur musste her, wenn nicht gar zwei!

es dauerte mehrere wochen, bis ich an einem besonders mutigen tag (und auch im hinblick darauf, dass ich mit dem auto eine etwas größere reise plante) mich zum dörflichen werkstattmann meines vertrauens wagte.

der ist sehr nett und korrekt und zieht einem keinesfalls schon mit blicken das geld aus der tasche. freundlich sah er sich zunächst meinen schlüssel an. klare diagnose: „total abgenutzt.“ ob ich noch die schlüsselnummer hätte oder zumindest einen zweitschlüssel?

das fiesta habe ich vor fünf jahren gebraucht gekauft aus zweiter oder dritter hand, unterlagen gab es keine mehr dazu. aber ein ersatzschlüssel ist tatsächlich noch vorhanden. der besteht aber nur aus schlüsselbart und sonst fast nix. den kriege ich im schloss nicht gedreht und benutze ihn deswegen nicht.

der kompetente werkstattmann empfahl, erst mal den schlüssel nachmachen zu lassen und es damit zu probieren. kosten seiner diagnose und empfehlung der konkurrenz: null.

die große fordwerkstatt in freiburg ist eigentlich direkt nebenan von da, wo ich derzeit in der redaktion arbeite. ich bin schon oft daran vorbeigeradelt. ein paar tage später, in denen ich erst einmal wieder neuen werkstattkonfrontationsmut sammelte und nach einem vorsichtig mich vorbereitenden informationstelefonat fuhr ich mutig auf den ford-parkplatz stellte meine kleine alte schwarze gurke lässig zwischen den neuen gefühlt fünfmal so großen boliden ab. das sah putzig aus.

hineinmarschiert zum servicepoint. aufgabe erklärt. herr servicepoint besah sich den alten schlüssel, marschierte damit hinaus zum auto, wollte kaum glauben, dass das noch fährt und versuchte, mir vier neue schlossbolzen zu verkaufen. ich bügelte das freundlich ab mit dem hinweis darauf, dass demnächst ein neuer TÜV fällig sei – und wenn mein kleines schwarzes den bestanden habe, würde ich anschließend gegebenenfalls auch über neue schlossbolzen à 100 öre inklusive einbau das stück nachdenken. aber nicht jetzt.

er gab sich geschlagen und schlug mir einen neuen schlüssel vor, den könne die werkstatt gleich anfertigen. genau das war es, was ich im telefonat am vortag herausgefunden hatte: rohlinge vorrätig, anpassen kostet rund 13 euro.
für die wartezeit von etwa fünfzehn minuten bot herr servicepoint mir einen stuhl und einen kostenlosen kaffee an – und verschwand mit meinem schlüssel im werksbereich.

ich nahm dankend an. der kaffee war lecker.

der schlüsselschleifermeister höchstpersönlich brachte mir sein werk und ging mit mir noch einmal hinaus auf den parkplatz. alle schlösser inklusive zündschloss funktionieren mit der neuanfertigung einwandfrei. neue schlösser braucht es erst einmal nicht.

der preis: erleichternde 12euro99, inklusive mehrwertkaffee.

das einzig schwierige an der sache: jetzt muss ich mich erst einmal wieder daran gewöhnen, mein auto auch abzuschließen. oft vergesse ich es noch aus alter gewohnheit. oder ich bin ganz überrascht, wenn ich einsteigen will und die fahrertür verschlossen vorfinde.

nach anderthalben jahren ist das eine gewaltige umstellung. aber sicherer ist es doch. das ist mir gerade wichtig. ich werde euch zu gegebener zeit wissen lassen, warum.

bisweilen schmunzele ich über meine vermeidungsstrategien und darüber, wie sehr ich mir das leben doch selbst auch schwer mache mit meinen ängstlichkeiten. aber es ist, wie es ist:

für mich war es eine große heldinnentat, diese aufgabe zu lösen. für andere wäre es klickerkram, nicht mal ein zucken mit der wimper. ich aber bin froh und dankbar, dass mir das – wie so vieles andere auch – ohne alkohol gelungen ist.


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Sonntag, 1. Januar 2012

zwanzischzwöllef

so. nun ist es da, das jahr 2012, in dem angeblich die welt untergehen wird. bloß weil die maya nicht weiter in die zukunft zählen wollten.

weiß wie schnee, rot wie blut: rose schneewittchen, neujahr 2012

ich glaube nicht daran, dass die welt aufhören wird zu existieren. genau deswegen (und gleichzeitig: trotzdem!) mache ich vorerst damit weiter, hier und auch in meinem sonstigen leben, die welt zu retten mit der einen oder anderen besonderen maßnahme.

nur für den fall, dass die welt doch noch untergeht: dann soll es wenigstens aufgeräumt sein.

bitte seid auch weiterhin meine gäste:

wir befinden uns nun im dreizehnten jahr des dritten jahrtausends. das wird zumindest eine menge wirbel geben, da bin ich mir sicher. denn wie wir alle wissen: nach der wilden 13 ist nichts mehr wie es vorher war.

als jahresmotto für mein jahr 2012 habe ich daher ein zitat des japanischen dichters matsuo basho (17. jhdt.) gewählt:

jeder tag ist eine reise.
die reise selbst
ist das zuhause.

weil für mich das leben eine form des reisens ist. eine reise, auf der ich tag für tag neuem begegne und gleichzeitig beständig dem alter entgegenziehe. weil ich mich immer mitnehme - ganz egal wohin ich auch gehe - ist es besonders wichtig, dass auch das herz weiß, wo es wohnt.

wenn eine eine reise macht, dann kann sie was erzählen. genau das habe ich hier weiterhin vor. ich freu' mich schon drauf!

so weit für heute.
nun auf ins frische jahr!

es wird das jahr des wasser-drachen - dazu ein andermal mehr ....


kleiner exkurs am rande:
im japanischen original sieht mein jahreszitat für 2012 so aus
日々旅にして、旅を栖とす
mit hilfe der umschrift können auch nicht japanerInnen den wunderbaren rhythmus des verses entdecken:
hibi tabi-ni shite, tabi-o sumikatosu


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Mittwoch, 11. Mai 2011

in der blauen bar

eine erfundene memoire

lässig schiebt sie sich auf einen hocker, lehnt sich an die theke und grinst erwartungsvoll. angelos, ihr lieblingskellner, hat sie nicht kommen sehen. er steht mit dem rücken zu ihr und ist gerade damit beschäftigt, einen berg frischen joghurt auf ein müsli zu türmen. liebevoll verziert er die portion mit weintrauben, bananenscheiben und schokostückchen. dann krönt er das luxusfrühstück mit einer goldgelben honigspirale.

In the Blue Bar, πλατεία σαπφο, 1986

er ist so konzentriert in seiner arbeit, dass er anna noch nicht einmal im spiegel bemerkt. anna liebt es, ihm bei der arbeit zuzusehen. sie hält das für einen perfekten tagesbeginn: angelos lächelt sanft vor sich hin, jeder handgriff sitzt, er tanzt sein persönliches müsli-ballet. die blue bar ist berühmt für ihr frühstücksmüsli mit sahnejoghurt und orangenblütenhonig. manch ein tourist kommt nur deswegen hierher.

da sind sie alle gleich, die deutschen touristen, denkt anna: otto dumpfbacke will am ballermann auf mallorca sein wiener schnitzel, und emma rucksacktouristin will mitten in der ägäis ihr biomüsli. gehupft wie gesprungen: hauptsache, in der fremde ist es nicht allzu fremd, sonst fühlen wir uns nicht richtig wohl.

angelos ist fertig mit seinem werk, dreht sich um und strahlt sie an: „guten morgen du schöne. was darf es sein?“ anna schluckt. dieser mann schafft es noch nach mehr als fünfundzwanzig jahren, sie mit einem einzigen blick zu verzaubern. angelos, der engel, strahlt nicht nur mit den augen, nicht nur sein mund lächelt. dieser mann ist glücklich im leben, und davon möchte er aller welt etwas abgeben.

„einen milchkaffee bitte, extra stark.“ strahlt anna zurück. angelos hätte nicht fragen brauchen. so lange kennen sie sich. aber es gehört zum ritual. „möchtest du ein glas wasser dazu?“ auch das fragte er sie jedes mal. er hatte ihr einmal erzählt, dass er sich hüte, seine gäste in schubladen zu stecken. es sei das geheimnis seines erfolgs, jeden gast auch beim hundertsten mal noch so zu behandeln, als ob er gerade eben die blue bar zum ersten mal betreten hätte. angelos verschenkte aufmerksamkeit und respekt. seine gäste belohnten ihn mit treue.

so vieles hatte sich geändert in dem kleinen dorf direkt am meer: skala eressos auf der insel lesbos. mitte der achtziger jahre hatte sie diesen strand für sich entdeckt; den feinen sand, der doch grob genug war, um nicht in allen ritzen lästig festzusitzen; die türkisblaue, kristallklare bucht mit der kleinen vorgelagerten insel, der all ihre sehnsucht galt.

jetzt bin ich wieder hier. nach all den jahren. anna seufzt und nippt am heißen milchkaffee. der ist so, wie er sein soll. das ist beruhigend, wenn nach so vielen jahren nicht nur fremde sie empfängt. so vieles ist anders. hat sich verändert. nicht nur hier. auch in annas leben.

aber die blue bar ist geblieben und lebt. angelos strahlt wie eh und je, ist nur ein bißchen runder geworden. noch mehr lachfalten. mit einem sanften stubser holt er anna aus ihren gedanken zurück ins hier und jetzt: „schau mal, da kommt miranda. sie hat käsekuchen gebacken. magst du ein stück?“

„unbedingt. ein großes! kalimera miranda, ti kanis?!“ anna lacht. nie hätte sie erwartet, auf einer griechischen insel kurz vor der türkischen küste den leckersten käsekuchen ihres lebens zu essen.

σκάλα ερεσού, λέσβος / μυτιληνη 1986

miranda, die wunderbare, war damals angelos freundin gewesen und hatte ihn in der blue bar unterstützt. irgendwann zwischendurch hatte sie ein paar jahre in deutschland verbracht und eine ausbildung zur konditorin gemacht. in einem fünf-sterne-haus. typisch miranda. dachte anna. sie kennt keine kompromisse und will immer nur das beste. das war schon damals so. ihr herzlicher, zupackender ehrgeiz hatte die blue bar wirtschaftlich stabil gemacht. jetzt stehen ihre torten und pasteten in allen reiseführern.

„und ich darfs essen...“ der käsekuchen ist köstlich, anna grinst vergnügt. hinter der theke stehen miranda und angelos arm in arm und strahlen sie an.

„weißt du noch, wie dein flugzeug nicht starten konnte, weil so ein schrecklicher gewittersturm war, damals, anfang mai? und wie du mit dem taxi zurückgekommen bist, den ganzen weiten weg vom flughafen ans andere ende der insel hierher zu uns nach eressos mitten in der nacht? wir haben uns sehr darüber gefreut, dich noch ein weilchen um uns zu haben!“

miranda freut sich wirklich, mich wiederzusehen. denkt anna und erinnert sich an dieses schöne frühjahr. fast zwei monate hatte sie damals hier verbracht mit einer übersetzung im gepäck: vormittags dicke wörterbücher und japanische lyrik auf der terrasse des ferienhauses, nachmittags strandleben und abends die bar. der verpasste flug hatte ihr eine aufenthaltsverlängerung von zwei wochen beschert.

anna schaut auf von milchkaffee und käsekuchen, blickt in die strahlenden gesichter und fragt sich wehmütig „warum eigentlich bin ich damals nicht für immer hier geblieben?“

im memoriam blue bar, plateia sappho, skala eressos (mytilini/lesvos), 1986


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Sonntag, 30. Januar 2011

gegangen

sie war mir nicht einmal besonders nah. räumlich.
wir haben ein paar urlaubswochen miteinander verbracht.
mehrmals. ein paar jahre her.


täglich waren wir umeinander.
wir haben viel gelacht.
wir haben dieselben katzen gekrault.
von herz zu herz gesehen.

ich war ihr gast.
sie: die seele des hauses.
älter als ich.
aber nicht alt genug, um meine mutter zu sein.

und doch:
sie war die mutter
meiner sonnigen zeiten.

wie ich das kristallklare meer liebe -
das nie wütend wurde.
so habe ich sie geliebt -
die manchmal sehr wohl wütend wurde.

athanasía - die unsterbliche.
jetzt ist sie fort.
ich fasse es nicht.


todesnachrichten
kommen heutzutage per email.

in meinem herzen
ein loch.


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Mittwoch, 1. September 2010

reizklima III

wie ich schon mehrfach berichtete, befinde ich mich derzeit in heiligendamm an der ostsee in einer gegend mit absolut guter reiner frischer luft. die klinik hat eine fachabteilung für atemwegserkrankungen.

mecklenburgische bäderbahn

besonders asthmakranke hoffen hier auf linderung. die lungenkranken werden meist in den zimmern der ersten etage untergebracht, direkt über dem eingang. von dort haben sie die schönste aussicht direkt auf die schienen der bäderbahn „molli“.

rein optisch ist gegen den kleinen nostalgischen zug nichts einzuwenden. auch von meinem fenster aus sind der kleine bahnhof und die schienen zu sehen. sehr pittoresk!

der molli wird von dampflokomotiven gezogen, die mit braunkohle beheizt werden. das qualmt und stinkt wie weiland mein kachelofen in berlin, wenn ich aus versehen briketten der marke „rekord“ gekauft hatte.

der molli schnaubt eingleisig zwischen bad doberan und kühlungsborn. die züge treffen sich halbwegs auf dem zweigleisigen heiligendammer bahnhof und fahren hier aneinander vorbei.

immer zur vollen stunde ist molli-alarm, zwischen sieben uhr früh und sieben uhr am abend. dann schließt sich mit heiterem klang die schranke und bleibt so lange unten, bis der zug von west nach ost angekommen und der zug von ost nach west abgefahren ist.

das kann schon mal gute zehn minuten dauern. die ganze zeit stehen und stauen sich dann die autos. direkt vor der klinik. unter der asthmaabteilung. mit laufendem motor.

während abgaswolken und dampfschwaden lustig vereint in der sonne wirbeln, hält drinnen im saal der chefarzt einen vortrag über die vorzüge der seeluft und betont, wie wichtig es sei, mit dem rauchen aufzuhören.

die überdachte raucherInnenecke ist fünfzig meter vom klinikeingang entfernt und stets gut frequentiert. geraucht wird auf dem weg dorthin, unter den fenstern der asthmakranken.

ich atme tief durch, freue mich über die gute luft und darüber, dass zumindest nikotin nicht mehr mein thema ist.


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Montag, 28. Juni 2010

retro: junineumond 3

mir tut nicht nur die pause gut, sondern auch die hitze: ich schwitze gern! welch eine schöne koinzidenz, dass die hiesigen sommertemperaturen immer mehr denen aus der geschichte entsprechen: um die 37 grad waren es an jenem sonntag vor zwanzig jahren, meinem letzten in japan. hier der dritte teil meiner leicht surrealen seifenoper:


wir erinnern uns: unsere heldin ist verkatert [teil 1] und blickt beim aufwachen in ein lächelndes gesicht [teil 2], mit dessen charmantem besitzer sie nun frühstücken wird:
sie hatte keine sonnenbrille, und die gleißende hitze schmerzte in den augen.
er kannte die schleichwege und selbst die kleinsten gassen der umgebung, ihr weg führte sie an mehreren cafés vorbei. sie waren alle geschlossen. welch ein sonntagmorgen. die große odyssee auf der suche nach einer tasse kaffee, durch die hitze, durch das licht.

auf der hauptstraße schließlich fanden sie eins, das geöffnet hatte. sie hatte es noch nie bemerkt, vorher, obwohl sie fast täglich hier entlang gekommen war. all die zeit war es ihr völlig verborgen geblieben, daß es an dieser stelle ein café gab. sie wunderte sich. es hätte ihr doch auffallen müssen. sie kannte doch sonst jedes haus und jedes geschäft in diesem stück der straße.

sie zögerten erst, hineinzugehen. es hatte überhaupt nichts gemeinsam mit der art von café, die sie sonst besuchten. es war nicht gestylt und nicht designed, und mit der dichten, vergilbten raffgardine vor dem fenster wirkte es eher in sich zurückgezogen.

aber immerhin: durch die gardine hindurch konnten sie einen tisch in der fensternische erkennen, und der war frei. sie gingen hinein.

das erste, was ihnen auffiel: die klimaanlage funktionierte. sie waren froh, der grellen hitze entkommen zu sein, und sie sanken in die roten plüsch­sessel, mit dem gesicht zum fenster.

beim eintreten war ihnen von jenseits der theke ein krächzendes „kommen sie nur herein!“ entgegengetönt. doch ihre augen, noch geblendet von der sonne draußen und noch nicht gewöhnt an das halbdunkel hier drinnen, hat­ten nicht erkennen können, wer zu dieser stimme gehörte.

nun kam sie auf sie zu, diese stimme, um ihnen eine fast schon verwitterte, in schnörkeligen schriftzeichen gemalte karte zu bringen.

die stimme gehörte zu einer frau. sie war mindestens anderthalb kopf kleiner als sie selbst, der körper leicht gedrungen, wie zusammengestaucht, und der kopf schien ohne hals direkt auf den schultern zu sitzen. sie trug ein ver­waschenes kittelkleid von irgendwie roter farbe mit streublümchen-muster. darüber eine halbe küchenschürze, die war fleckig und vergraut, ließ aber ebenfalls die ehemalige existenz eines blümchenmusters erkennen. ihre kurzen beine steckten in söckchen von undefinierbar braun-grauer farbe, die sich locker um die fesseln in falten legten. die söckchen wiederum steckten in leuchtend rosa plastikschlappen.

zum ersten mal fragte sie sich, ob es in diesem land wohl auch so etwas wie hexen gäbe. wenn es welche gäbe, dann würden sie sicher so aussehen wie diese caféfrau. heutzutage zumindest.

sie war gar nicht unfreundlich, obwohl sie die einzigen gäste waren und offensichtlich die ruhe ihres sonntagmorgens gestört hatten. höflich nahm sie ihre bestellung entgegen, und während er auf einen gebra­tenen reis wartete - im set mit einer tasse kaffee - und sie auf ihren kaffee ohne gebratenen reis, hatten sie zeit genug, sich im café umzusehen.

überall roter plüsch, verblichen und fadenscheinig. vor den fenstern vergilbte raffgardinen. ein altes klavier an der einen wand. darauf spitzendeckchen und plastikblümchen. sie waren die einzigen gäste. es gab keine musik, das einzige geräusch war das ungeduldige säuseln der klimaanlage. fenster und türen schlossen dicht, so daß der großstadtverkehr draußen tonlos tobte.

sie saßen wie in einer anderen welt, für die menschen, die draußen vorbei­hasteten, unerreichbar. sie sahen sogar bekannte gesichter, die sie durch die scheibe hindurch ansahen und doch nicht wahrnahmen.

sie sahen sich an. und grinsten. hier wäre es kühl genug gewesen. die klimaanlage funktionierte hervorragend. er sah ihr tief in die augen. schöne augen hatte er. sie bemerkte es nicht zum ersten mal: von einem tiefen braun, schräggestellt - keine schlitzaugen. eher wie die einer katze. ruhig und klug. offen und neugierig. nie zuvor war sie in diesem land einem mann mit so offenen augen begegnet.

sie erwiderte seinen blick. wieder grinsten sie. berührungen in der öffentlich­keit waren nicht vorgesehen im land des lächelnden wahnsinns.

jede zelle ihres körpers sehnte sich.
so weit teil 3 meiner japanischen seifenoper.... fortsetzung folgt.
[bitte hier entlang zum 4. teil]


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