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Montag, 5. April 2010

klapperstorch im weltwunder

das war eine schöne überraschung, als ich neulich vorgestern das dritte weltwunder der antike besuchte: oben auf der letzten noch verbleibenden säule des artemistempels liegt ein bewohntes storchennest. mit mindestens einem storchenkind drin, das von mama und papa storch fleißig mit frischen fröschen und babyschildkröten gecatert wird. das große klappern gehört hier ganz natürlich zum handwerk:


artemis hätte das sicher gefallen, denn sie gilt nicht nur als göttin der tiere, sondern auch als jagende bestimmerin über geburt und sterben, die erde selbst. artemis war nie verheiratet, keinem manne untertan, sie war frei und kinderlos - und wurde verehrt als beschützerin der frauen jeglichen alters und der kinder.

der ihr geweihte tempel bei ephesos an der türkischen ägäisküste war groß wie ein fußballfeld und dreißig meter hoch. jede menge platz also für angemessene verehrung. eine der vielen tempelvarianten, die im lauf der zeiten entstanden und wieder verfielen, war so schön, dass er in der antike zum weltwunder erklärt wurde. übrig ist davon leider nicht mehr viel: die weiße pracht der letzten version wurde in byzantinischer zeit als marmorsteinbruch vernutzt.

die einzige säule, die symbolhaft noch steht (von ehemals mehr als 120), ist so hoch wie die berliner altbauten aus der gründerzeit: traufhöhe 14 meter. das sind immerhin rund dreiviertel ihrer ursprünglichen größe. die säule steht auch nicht zufällig noch da (das wäre dann ein doppeltes weltwunder), sondern wurde neuzeitlich aus vorhandenen resten mit zement zusammengeklebt. das vermittelt immerhin einen ungefähren eindruck.

sonst gibt es da nix mehr, ein paar große steinblöcke liegen herum. in der woche vor meinem besuch hatte es heftig geregnet, ein großteil des geländes steht noch unter wasser: tümpel und sumpfwiese, teils bedeckt von quietschegrünen algen. eine gänsefamilie in formation marschierte hindurch.

da das ehemalige tempelgelände außer der einen säule, den paar herumliegenden trümmern und einer handvoll souvenirständen optisch nicht viel zu bieten hat, halten die touristen hier meist nur für ein beweisfoto – wenn überhaupt. es kostet noch nicht einmal eintritt. die antike ruinenstadt ephesos nebenan ist da weitaus spektakulärer. bloß das meer ist nicht mehr da, wo es früher mal war.

auch ephesos habe ich mir angesehen, und es ist wirklich beeindruckend – aber die dazu berichteten fakten hatten mit den wirklich wichtigen dingen im leben einer frau nicht viel zu tun. ich fand es wenig aufschlußreich, zu erfahren, welcher kaiser wann welchen triumphbogen oder welches theater oder welche bibliothek gebaut oder abgerissen hat.

es ist – wie so oft in der HIStorie - als hätten dort überhaupt keine frauen gelebt, obwohl die stadt schon in der antike rund eine viertel million einwohnerInnen gehabt haben soll. frauen waren wohl auch hier den herren nicht der rede wert – höchstens als jungfräuliche priesterinnen der großen göttin kommen sie vor. das können ja aber nicht alle gewesen sein. HERstory wurde nirgendwo aufgeschrieben.

angesichts dessen wundert es mich wenig, dass so ein riesiger tempel zu ehren der größen göttin quasi zu nichts zerfällt, während das angebliche bordell der antiken hafenstadt noch vergleichsweise prima erhalten ist.

da ich bei artemis also meine ruhe hatte, bin ich ganz lange auf den trümmern im sumpf gehockt, habe die schildkröten beobachtet, den fröschen zugehört, die schöne duftende frühlingsluft genossen und die relative stille. ich fand diesen platz bemerkenswert, fast magisch - und von einer ganz einzigartigen energie, wie ich sie noch nirgendwo gespürt habe. dieses tempelgelände ist ein ort von sehr sehr großer kraft, ohne zweifel.

am liebsten hätte ich an diesem quakenden froschteich auf den steinen unter der säule einen kleinen hulatanz zu ehren der göttin aufgeführt. das hätte ihr sicher gefallen. ich gestehe: ich habe es nicht gewagt. man darf nicht vergessen, dass ich mich hier in einem islamischen land befinde und sehr froh bin, mich als ungläubige frau alleine draußen überhaupt frei bewegen zu dürfen. ich wollte niemanden provozieren und habe getanzt nur in meinen gedanken.

die idee, ausgerechnet in meinem siebenmalsiebten lebensjahr eine wallfahrt zum tempel der artemis bei ephesos zu unternehmen – und das ausgerechnet an einem karfreitag, verdanke ich der heiteren koinzidenz, dass meine eine woche osterurlaub aus finanziellen gründen hier stattfindet: möglichst auf der sicheren sonnenseite, unbedingt direkt am meer und eventuell badebare temperaturen – das waren meine bedingungen. da gab es für mein budget nicht viele möglichkeiten.

im grunde reicht es mir, so viel wie möglich am strand auf und ab zu laufen und bei langeweile ein paar alte steine besichtigen zu können.

dass ich auf einen solchen schatz an alter heiligkeit und mystischer atmosphäre stoßen würde – nicht im traum hätte ich daran gedacht! es ist fast, als wäre ich schon einmal dort gewesen, früher mal. viel früher. durch ephesos bin ich gestapft mit schlafwandlerischer sicherheit, die erklärungen habe ich gar nicht gewollt, ich habe mich bestens ausgekannt. von ferne hörte ich die sprechgesänge der menge im großen amphitheater zu ehren der artemis. stundenlang. das theater dort ist groß, die akustik ist selbst in der ruine noch gigantisch. stellt euch ein steinernes halbrundes stadion vor, gefüllt bis auf den letzten platz. unfassbar.

eine der artemis zugesprochenen pflanzen übrigens - artemesia vulgaris (beifuß) – gilt als besonders wohltuend in den wechseljahren: artemisia regt die hypophyse an, wirkt krampflösend, kreislauffördernd und wird empfohlen als universalentgiftungspflanze für frauen, weil sie die ausscheidung von stoffwechselschlacken über harn, schweiß und menstruationsblut unterstützt.

auch das andere kraut der großen göttin artemis hat in meinem leben lange eine rolle gespielt: artemisia absinthium, die grüne fee. wie oft habe habe ich mir wermut auf die schwermut gekippt, um den schmerz zu lindern und das schreckliche gefühl, nicht gut genug zu sein.

aber das ist lange her. jetzt ist erst einmal die heilende seite von artemis für mich zuständig, für ein ganzes weilchen. das hoffe ich zumindest.


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Kommentare :

  1. mal wieder ein super text, liebe mo jour.
    ein attribut der artemis ist die hirschkuh, die hirschkuh= yael (hebräisch). das gefühl, an einem ort schon mal gelebt zu haben, kenn ich von der kärnterischen stadt maria saal, meine güte, wie ich das kenne.

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  2. liebe yael, das ist ja spannend, wie sich da beziehungen auftun ;-) hier ist ein ausführlicher artikel über artemis mit dem foto einer statue: da wird sie von einem hirschen begleitet http://www.kristian-buesch.de/seven_wonders_of_the_world/artemision_von_ephesos2.htm - andere mythen ordnen ihr die katze zu. das wäre ja dann wieder eher meines ....

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  3. Liebe Mo, du schreibst wirklich wunderbar. Deine Texte zu lesen, egal welches Thema, bereitet Freude. Es gibt Texte, bei denen der Inhalt zweitrangig ist, weil allein die Wortwahl Spaß macht. Bei deinen Texten ist das der Fall. Du schreibst einfach, klar und sehr anschaulich. Man fühlt, was du schreibst - und das ist Können!

    Liebe Grüße
    Renate

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  4. liebe Renate, vielen dank für das große lob! ich freue mich sehr, dass du dich im 'Büro für besondere Maßnahmen' wohlfühlst! tasse rosenblütentee gefällig und ein paar kekse dazu?!

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