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Mittwoch, 16. September 2009

besondere maßnahmen I: bewerbung schreiben


wer keine arbeit hat und welche sucht, oder wer arbeit hat aber nicht genug verdient und zeit übrig hat, um noch mehr zu arbeiten – dem bleibt es nicht erspart: man muss eine bewerbung schreiben. mindestens eine.

eine bewerbung ist eine art werbespot. bloß will man kein produkt verkaufen, sondern einen menschen: sich selbst. die wikipedia definiert es so:

„Eine Bewerbung ist ein Leistungsangebot, mit dem der Bewerber den Adressaten davon überzeugen will, dass er sich für eine bestimmte Aufgabe eignet.“

das klingt doch ganz schlicht und einfach. aber: jedeR macht es schlicht und einfach anders! und jedeR arbeitgeberIn hat schlicht und einfach eigene vorstellungen, die im vorfeld nicht bekannt gegeben werden.

wie man sich mit größtmöglicher erfolgsaussicht bewirbt, wissen bewerbungsbücher und volkshochschulkurse und beratungsfirmen und …. die große suchmaschine mit dem doppel-O: das stichwort 'bewerbung' brachte mir innerhalb von nur 0,37 sekunden zehnmillionenunddreihunderttausend treffer.

bevor ich die alle abgearbeitet und ausgewertet hätte, wäre es wahrscheinlich zeit für den ersten rentenantrag.

aber so lange warte ich nicht. ich schreibe die bewerbung sofort (und das tue ich ziemlich oft):

in deutschland gibt es eine eigene bewerbungskultur. man darf nicht ganz die wahrheit schreiben – wie in einem richtigen werbespot eben auch: da werden vorzüge angepriesen, aber menschliche lebenswahrheiten und andere missgeschicke fallen unter den tisch. wenn das 'schein-bare' selbstbild der personalabteilung gefällt, werden am ende 'bare scheine' daraus: der begehrte arbeitsvertrag.

bevor es aber soweit kommt, gilt es, eine ganze reihe von tabus einzuhalten:

wer zum beispiel eine weile arbeitslos war, muss das auf jeden fall vertuschen. es gehört sich nicht, vom staat ernährt worden zu sein. nicht einmal dann, wenn man ohne eigenes verschulden die frühere arbeit verloren hat. es gilt als ungehörig, obwohl es mittlerweile kaum noch einen menschen gibt in deutschland, der nicht zumindest eine kurze zeit seines lebens ohne offiziell anerkannte und angemessen honorierte beschäftigung war.

kinder? scheidung? krankheit? andere bewältigte krisen? bloß nicht! dabei wären doch gerade die souverän gemeisterten unwägbarkeiten des alltags oder eine in würde durchlebte zeit der arbeitslosigkeit ein guter beweis für belastbarkeit und funktionierendes krisenmanagement. menschlich eben. aber das zählt nicht.

das tut weh, nicht die sein zu dürfen, die ich bin. obwohl erwerbslosigkeit in diesem staat seit jahrzehnten für millionen von menschen zum alltag gehört, darf sie immer nur 'den anderen' passieren. daher muss ich in der bewerbung so tun, als ob ich kein mensch sei, sondern eine maschine mit immer gleichem – natürlich unglaublich hohem – kreativem output in immer gleicher bestqualität.

außerdem gehört in deutschland – völlig unzeitgemäß – immer noch ein foto zum bewerbungsstandard. trotz aller antidiskriminierungsgesetze und aller beteuerungen von 'gleiche chancen für alle'. in anderen ländern sind bilder längst verboten. im standardisierten lebenslauf der EU sind übrigens auch keine mehr vorgesehen. weil man weiß, dass schöne menschen die schöneren jobs kriegen und das schönere gehalt. unabhängig von der qualifikation.

ich spiele das spiel mit, weil ich keine andere wahl habe. meine bewerbung ist von vorne bis hinten durchkomponiert, mehrfach gecoacht und von verschiedensten fachleuten für sehr gut und tadellos befunden, wird immer wieder aktualisiert und auf den jeweiligen potentiellen arbeitgeber neu zugeschnitten. als ob ich mein leben im nachhinein noch ändern könnte! aber ich tu's. in meinem bewerbe-spot bin ich ein zielgruppenorientiertes chamäleon.

leider bislang erfolglos. seit mehr als acht jahren versuche ich, zumindest eine halbtagsstelle zu ergattern, die mir die basics in meinem leben finanziell absichern würde: miete, heizung, strom, internet und versicherungen. mehr will ich ja gar nicht. den rest dingel' ich schon irgendwie.

all die absagen untergraben mein selbstwertgefühl. ich bin nur noch ein schatten meiner selbst. kein vergleich mehr mit der brillianten, zuversichtlichen frau von vor ein paar jahren, als ich noch ausreichend bezahlte arbeit hatte. das wirkt sich auf alle lebensbereiche aus.

mit kognitiver disziplin versuche ich immer wieder, mich davon zu überzeugen, dass es nicht an mir liegt, wenn mal wieder der große umschlag mit absage im briefkasten liegt: wenn ich bei nachfrage herausfinde, dass es für eine halbtagsstelle fast dreihundert bewerberInnen gab – es ist wirklich eine lotterie.

ich bin eine frau, ich bin über 40, hochbegabt und gut ausgebildet.

gerade warte ich mal wieder. die beste bewerbung hatte ich abgeschickt auf eine stelle, für die ich zu hundert prozent qualifiziert bin. das ist mehr als drei wochen her. das warten macht mürbe. die stimmung ändert sich. von anfangs zuversichtlich und hoffnungsfroh hin zu schmutztümpel-depressiv: mit jedem tag sinkt die chance auf eine persönliche einladung, steigt die wahrscheinlichkeit des wieder mal „leider müssen wir Ihnen mitteilen .... andere Bewerberin entschieden .... keine Bewertung Ihrer Person und beruflichen Qualifikation ....“

heutzutage bin schon dankbar, wenn die unterlagen überhaupt zurückkommen. das ist schon längst nicht mehr üblich. bei online-bewerbungen scheint es sogar standard, entweder sofort eingeladen oder ganz ignoriert zu werden. bewerbungen, die ohne eingangsbestätigung oder absage immer noch irgendwo im orbit kursieren, habe ich nicht gezählt. die anderen übrigens auch nicht.


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