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Samstag, 11. Januar 2014

Internationale Affairen

- Ein Wortgeplänkel  -

Eine Affäre, so weiß unser aller Duden, kann eine unangenehme Angelegenheit sein, ein peinlicher Fall, Vorfall oder Zwischenfall, ebenso wie eine Liebschaft, ein Verhältnis – oder auch einfach nur ein Sache.

Die Wikipedia wittert gleich überall negative Schlagzeilen: „Der Begriff Affäre bezeichnet einen Skandal in Politik, Wirtschaft oder Medien, ein sexuelles Liebesabenteuer, das oft gleichzeitig mit einer bestehenden Partnerschaft stattfindet, oder eine unangenehme, dunkle, peinliche oder skandalöse Angelegenheit.

Internationale Geschäftsaffären

Eine Affaire ist Sache, Angelegenheit, Geschäft – so nüchtern sieht es mein Französisch-Wörterbuch.

Meine persönlichen Affären sind ganz allein meine Angelegenheit, und meine Sachen gehen niemanden sonst etwas an.

Besitze ich meine Affären über die nationale Landesgrenze hinweg, so handelt es sich um inter-nationale Affären.

Zum Beispiel:

Mein Urlaubsgepäck? Je nach Reiseziel eine nationale oder internationale Affäre.

Ein Brief, eine Postkarte, ein Päckchen? Je nach aktuellem Aufenthaltsort der AdressatInnen können auch die zu internationalen Affären werden.

Ja sogar ich selbst werde zur internationalen Affäre, sobald ich mich außerhalb Deutschlands aufhalte.

Im Gegensatz zu meinen Siebensachen, die allesamt nur Affären sind, kann ich selbst nicht nur Affäre sein, sondern auch welche haben.

Also:
Sobald ich ins Ausland reise, bin ich eine internationale Affäre. Mein Gepäck ebenso. Gleichzeitig habe ich aber auch welche, nämlich mindestens die Anzahl meiner Gepäckstücke.

Und jetzt wird es kompliziert! Ich kann nämlich auch mehr internationale Affären haben als meine Gepäckstücke an der Zahl sind, und dazu muss ich mich nicht einmal ins Ausland begeben.

Das ist immer dann der Fall, wenn ein weiterer Mensch an der Affäre teilnimmt.

Bin ich im Ausland und der andere Mensch dort ein Inländer, hat er eine internationale Affäre. Ich hingegen habe zusätzlich zur internationalen Affäre vermutlich einen Urlaubsflirt.

Bin ich im Ausland und der andere Mensch kommt aus einem Drittland, dann haben wir beide eine internationale Affäre, noch dazu exterritorial.

Bin ich bei mir zu Hause und begegne einem Menschen von jenseits meines nationalen Horizonts, auch dann handelt es sich um eine internationale Affäre. Und zwar für beide.

Handelt es sich bei dem Ausländer zusätzlich um einen Whistleblower, der z. B. wie Edward Snowden überall Dinge herumerzählt, die für andere – z. B. für die Regierung der USA - sehr peinlich sind, dann führt das unter Umständen zu weiteren internationalen Affären von bislang unbekanntem Ausmaß.

Aber zurück zu mir. Ich hatte und ich war in meinem Leben schon mehrere internationale Affären. Sie waren mehr oder weniger amüsant. Skandalös waren wir selten. Manche waren sogar sexy, und wenn ich daran denke, habe ich bis heute ein genüsslich-verschmittstes Lächeln im Gesicht.

Das lag aber keinesfalls nur daran, dass diese zwischenmenschlichen Affären internationaler Natur waren oder in Drittländern stattfanden.

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Montag, 29. Juli 2013

make today count

- rosenworte zum montag -

darf ich vorstellen: die erste blüte einer neuen rose, die ich im frühjahr gepflanzt habe. sie ist blutrot. sie ist kugelrund. sie duftet. sie ist perfekt - eine edle frau:

Astrid Gräfin von Hardenberg

ich zähle jede blüte. jeden tag. weil jeder tag zählt. weil das bißchen rosenduft so wichtig ist in meinem leben.

bisher ist es mir noch nicht gelungen, wohlgerüche für späteres wiederhervorzaubern zu digitalisieren. da muss dann mein analoges gehirn mir helfen mit seiner eingebauten memory-funktion. oder mein unschlagbarer lieblingsrosenduft aus dem flacon.

ein tag, an dem ich rosen rieche, ist ein tag, der zählt. ein tag der zählt, das ist für mich ein erfolgreicher tag. diesen erfolg definiere ich jedoch nicht nach zahlen. es mag etwas sein, das zählbar ist - aber dennoch weit mehr qualitäten hat als eine ziffernfolge auf dem kontoauszug.

make today count*

heute füge ich meinem 'lebenskonto erfahrungen haben-seite' also einen weiteren rosenduftenden tag hinzu. damit ist der heutige tag für mich wertvoll.

aber wie übersetze ich den kurzen, tiefsinnigen imperativ in meine deutsche muttersprache? seit tagen kaue ich auf diesen drei simplen wörtern herum.

mach dein heute wertvoll ?!?! 

eine eingängige übertragung muss her! etwas ebenso 'knackiges'! hat nicht eineR von euch eine gute idee?


* "MAKE TODAY COUNT" ist ein buchtitel des amerikanischen bestsellerautors John C. Maxwell. nur der vollständigkeit halber. ich kenne weder das buch noch den autor näher. er ist mir sogar eher suspekt mit seinem zwang zum erfolg und zur lebensoptimierung. aber ich mag diesen imperativ.
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Freitag, 28. Juni 2013

zyklen

ein wortgeplänkel

keine drei tage mehr, dann ist das jahr 2013 zur hälfte vorbei. vergangene woche war sommersonnenwende. seither werden die tage schon wieder kürzer.

mittsommerberg 2013

die zeit rast, gnadenlos wie eine planierraupe. wenn sie einer doch wenigstens auch die falten glätten würde! es kommt mir vor wie ein fingerschnipp, diese sechs monate seit der letzten wintersonnenwende. als ich mich so gefreut habe, dass die tage nun wenigstens nicht mehr kürzer werden.

woran liegt das, dass die zeit kürzer zu werden und schneller zu vergehen scheint, wenn wir älter werden?

zum einen, denke ich, liegt es an einem 'mehr' an insgesamt gelebter zeit. das mathematische verhältnis einer gewissen zeitspanne zur insgesamt gelebten zeit verändert sich und erscheint uns dadurch weniger lang. ein beispiel:

ist eine fünf, dann macht ein halbes jahr satte zehn prozent des bisherigen lebens aus. das ist viel! mit fünfzig, da sind sechs monate gerade mal noch ein prozent. ein prozent ist viel weniger als 10 prozent, das ist allen klar und logisch. also kommen uns auch im alter sechs monate verhältnismäßig kürzer vor als in der jugend – auch wenn objektiv gesehen sechs monate natürlich immer gleich lang sind.

und: ein prozent von irgendetwas – was ist das schon?! falls wir das verlieren, das ist nicht so schlimm. wir haben ja noch 99 andere!

ein anderer aspekt erscheint mit der, dass es im alter weniger neues gibt. als kind traf ich fast täglich auf neues, entdeckte ich ständig unbekanntes, es gab mehr überraschungen!

jetzt im alter … nun ja. ich drehe mich im hamsterrad meiner nicht einmal selbst gewählten verpflichtungen und komme nicht vorwärts. nichts schönes passiert mehr. nichts wirklich spannendes gibt es mehr zu entdecken. nur katastrophen geben noch eine zäsur.

wenn man zum beispiel drei wochen lang urlaub macht – was ja heutzutage eine seltenheit ist, aber stellt euch das einfach mal vor, so wie es früher üblich war – drei wochen am stück irgendwo anders, wo man noch nie war, wo es schön ist und spannend!

da kam einem die erste woche auch immer verhältnismäßig länger vor, weil es so viel neues zu entdecken gab, weil so viel noch unerlebtes wirklichkeit wurde. welch ein genuss! in der mittleren woche wurde dann das „neue“ zur gewohnheit und in der letzten woche dachte man schon wieder ans kofferpacken. von tag zu tag schien der urlaub schneller zu vergehen! obwohl doch jeder tag 24 gleich lange stunden hat.

und erst die großen ferien, damals! sechs unendlich lange wochen am stück! voller abenteuer, voller ungewissheit, auf jeden fall aber ohne diesen schrecklichen zwang, jeden morgen denselben weg in die immer selbe schule latschen zu müssen. welch eine freiheit!

was aber sind heute noch sechs wochen? die vergehen im alltagstrott und sind nicht weiter der rede wert, weil es mindestens so lange braucht, bevor man einen arzttermin bekommt. oder eine antwort auf das schreiben ans amt – wenn überhaupt. da passiert nicht groß etwas in der zwischenzeit.

es scheint gerade so, als ob sich andere von meiner zeit ernähren. oder zumindest ziemlich verschwenderisch damit umgehen.

ein tag ist ein guter tag, wenn nichts kaputt geht, wenn ich nicht betrogen, nicht bedroht und nicht belogen werde. wenn kein scheußlicher brief vom jobcenter auf dunkeldeutschgrauem papier im echten postkasten liegt und auch keine böse email im virtuellen online-speicher eintrudelt.

dann muss man schon froh sein. wenn aber leben nur noch die abwesenheit von unglück und schikanen bedeutet, dann ist vom leben nicht mehr wirklich viel übrig – und es ist auch kein gelungenes.

gelungenes leben bedeutet doch freiheit! sollte es zumindest. so steht es im grundgesetz. wenn eine nicht in freiheit lebt, fühlt die gelebte zeit sich seltsam schal an und vergeht – in der rückschau – schneller. viel zu schnell. weil die tage sich gleichen wie ein ei dem anderen.

genau umgekehrt verhält es sich mit der aktuell gelebten zeit im sogenannten hier und jetzt, der erlebten gegenwart: wenn eine das hier und jetzt nicht liebt, wenn sie unfrei ist, dann vergeht die gegenwart zäh und klebrig wie kaugummi. nämlich fast gar nicht. alle stunden, alle tage fühlen sich irgendwie gleich an.

in freiheit gelebte aktuelle gegenwart hingegen vergeht sehr schnell: „wie im flug,“ sagt man auch so schön. frei und fliegend, ein sehr lebendiges bild. in der rückschau erscheint einem die in freiheit gelebte zeit dann länger, weil man so vieles zu erinnern und zu erzählen hat.

wer aber im hamsterrad gefangen ist und nur hofft, dass es nicht aufhört sich zu drehen, weil das leben sonst vorbei wäre, die hat später weder etwas schönes zu erinnern noch zu erzählen.

da ist es egal, ob eine sich sechs tage, sechs wochen, sechs monate oder sechs jahre leben lang im kreis gedreht hat.

das, denke ich, macht den größten unterschied.

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Mittwoch, 23. Januar 2013

zuversicht

ein wortgeplänkel

es ist januar. im tal hängt ein undurchsichtig grauer himmel, aus dem es nasses, gefrorenes zeugs auf die kalte erde schmeißt. seit wochen schon.

der job ist gekündigt, das konto leer, neue aufträge sind nicht absehbar.

„zuversicht“ heißt das zauberwort der stunde. ach, was sage ich?! des tags! der woche! des monats! des jahres! meines ganzen lebens gar!

die ersten tulpen 2013 - porzellanrosa geflammt

ohne zuversicht geht nichts. an tagen wie diesen, wenn alles grau in grau versinkt, wenn es nicht hell werden will, weder draußen noch in meinem herzen - dann ist ihr allerdings nur schwer beizukommen.

zuversicht, was ist das eigentlich?

„optimismus“, sagen die einen - „glauben an das gute“, sagen die anderen. es könnte aber auch ein gefühl sein. oder eine lebenseinstellung. ein flüchtiger gedanke oder eine charaktereigenschaft: „vertrauen in den eigenen weg“ - so würde ich es wohl selbst umschreiben. aber ist das nun ein knubbel im kopf? oder eher eine windung im darmhirn?

mag sein es ist - wie eine gute freundin es einmal formuliert hat: „die fähigkeit, positiv zu denken angesichts schwieriger lebensumstände“

ja, das trifft es wohl. aber was tun, wenn schon wieder etwas schief geht, das mit so viel erwartungsvoller energie gestartet wurde? was tun, wenn die kraft nicht ausreicht, um den widrigen lebensumständen die stirn zu bieten?

„man muss an so vielen fronten stark sein“ - sagte eine kollegin, als wir beim mittagessen in der verlags-kantine über die verschiedenen lebensaufgaben sprachen. und sie, die sonst immer alle herausfordernd anblitzt, senkte resigniert den blick.

"so viele fronten", sagte sie. nicht nur ein einzelner kampf, zu dem sie herausgefordert ist. für solche fälle gibt es das wort „zuversicht“ auch im plural. „zuversichten“ heißt es dann. so kann man für jede einzelne front eine eigene zuversicht haben, dass man den kampf gewinnt - oder zumindest locker und lebendig durchkommt.

wieviele zuversichten braucht der mensch? und wieviele hat er? werden sie uns in die wiege gelegt? kriegt jedeR gleich viel? sind unsere zuversichten irgendwann alle aufgebraucht? woher kriegen wir dann neue? basteln wir zuversichtlich welche selbst? werden zuversichten in fabriken hergestellt, und wir müssen sie dann kaufen? oder werden zuversichten gezüchtet und vermehrt, geerntet oder geschlachtet und auf dem wochenmarkt angeboten? kriegen wir sie vielleicht geschenkt? oder gilt „wenn weg, dann weg“ - wie bei besonders günstigen und nur begrenzt vorrätigen sonderangeboten? müssen wir gut auf sie aufpassen? etwa in den kühlschrank legen, damit sie länger halten? oder in einen blumentopf pflanzen, damit sie gut gedeihen?

wenn es zuversichten im plural gibt, sind die dann alle gleich? oder gibt es für jede lebenslage eine andere zuversicht, große und kleine, dicke und dünne, rote und gläserne und eckige und heiße? woher weiß ich, welche art von zuversicht für meine aktuelle lebenssituation die jeweils bestmögliche ist?

und falls ich die benötigte art von zuversicht gerade nicht vorrätig habe, woher kriege ich die dann? kann man sie überhaupt vorrätig haben? oder nimmt man lieber eine frische?

wenn das alles so kompliziert ist mit den zuversichten, wäre es dann nicht besser, gleich auf sie zu verzichten? ökologischer? nachhaltiger? wohin wird eigentlich eine nicht mehr benötigte bereits benutzte zuversicht entsorgt? kann eine qualitativ hochwertige zuversicht sich nach gebrauch in ihr gegenteil verkehren und irgendwo-irgendwann-irgendeinen schaden anrichten? brauchen wir ein produktmanagement und eine DIN-zertifizierung?

man ist ja lieber vorsichtig mit solch ungreifbaren begriffen ...

und doch … irgendwo höre ich es leise flüstern. ich verstehe jedes wort, auch wenn ich es nicht immer glauben kann. aber ich bin ganz sicher: die zunge meiner rheinländischen kindheit lügt nicht.

artikel 3 des kölschen grundgesetzes lautet:
„et hät noch emmer joot jejange“
(es ist bisher noch immer gut gegangen)

und das ist für mich der inbegriff aller zuversicht - ganz egal, ob in der luxus- oder in der alltagsversion!

Montag, 14. November 2011

männerverträge

in der schule haben wir ungefähr in der sechsten klasse das grundgesetz besprochen. wie wichtig das sei und dass es für alle gilt. besonders artikel 3 hatte es mir angetan. da steht unter anderem:
(2) Männer und Frauen sind gleichberechtigt. Der Staat fördert die tatsächliche Durchsetzung der Gleichberechtigung von Frauen und Männern und wirkt auf die Beseitigung bestehender Nachteile hin.
das habe ich damals geglaubt. ich ging davon aus, dass das gerechterweise in alle richtungen gilt. man möge mir meine leichtgläubigkeit verzeihen. ich war ja noch ein kind.

hurenzelt

in der schule wurde ich später gesiezt und mit 'fräulein xx' angesprochen, die wenigen jungen herren aber niemals mit 'herrlein' oder – passender, da ich ja nicht 'damelein' hieß – 'männlein'. die jungs waren ohne umweg über eine verniedlichung gleich 'herr xy'.

das wort 'mobbing' war noch nicht erfunden. aber aus eigener erfahrungn wusste ich schon, wie schlimm es sich anfühlt, ignoriert und nicht für voll genommen zu werden. die eltern beherrschten das perfekt. es war, als käme ich in der familie nicht vor. sie kannten meinen namen nur dann, wenn sie vor anderen über mich herzogen oder wenn ich das missfallen meiner erziehungsberechtigten erregt hatte: mit drohendem unterton.

ansonsten war ich quasi nicht existent und hatte für mich selbst zu sorgen. das tat ich dann auch. ich fühlte mich ungeborgen, hatte oft angst und habe schon als studentin mit den zähnen geknirscht.

ich hatte also früh gelernt: wer für nicht erwähnenswert gehalten und ignoriert wird, wird benachteiligt (gemobbt) und ist nicht gleichberechtigt. ergo: wer frauen aus der sprache ausschließt, steht nicht auf dem boden des grundgesetzes.

ich studierte unter anderen brotlosen geisteswissenschaften auch philosophie und stellte fest: ich komme (fast) nicht vor. wenn der herr philosoph von menschen sprach, meinte er 'männer'. sprach er von frauen, schrieb er das explizit und meistens negativ. auch die herren philosophen bewegten sich also keineswegs immer auf den pfaden des grundgesetzes. sie waren ja auch meist schon viel älter und zu ihrer zeit gab es das noch nicht. trotzdem waren ihre worte oft gesetz und deren verbreitung an philosophischen seminaren wurde mit viel öffentlichem geld gefördert.

das gefiel mir nicht. irgendwann bekam ich annegret stopczyks nachschlagewerk in die finger: „was philosophen über frauen denken“ (Mathes & Seitz, 1980). als ich das buch durchhatte, war mir schlecht: so dermaßen schlecht dachten die kerle zumeist über unsereins. falls mal einer ausnahmsweiswe gut über uns dachte, wurde er gleich von seinen zeitgenossen auf dem scheiterhaufen verbrannt (giordano bruno). wutentbrannt warf ich die kaltschleimigen frösche kant, schopenhauer, nietzsche, heigegger und wie sie alle hießen an die wand. sie verwandelten sich nicht in prinzen, sie hatten ihre daseinsberechtigung verwirkt. zähneknirschend studierte ich dann doch zumindest so lange weiter, bis ich alle voraussetzungen für die zulassung zur abschlussarbeit erfüllte.

was bei den philosophen gang und gäbe war – nämlich dass frauen nicht weiter erwähnenswerte nebengeschöpfe sind – fiel mir mehr und mehr auch in allen möglichen alltagsbereichen auf. ganz besonders ärgert es mich in formularen und verträgen, wenn ich - noch heute! - als mann angesprochen werde und als solcher unterschreiben soll: unter dem strich, auf dem ich meine emma normalmensch verzeichnen soll, stehen leider auch im jahre elf des dritten jahrtausends immer noch und viel zu häufig männliche wörter wie: „Kunde, Antragsteller (arbeitsamt), Rundfunkteilnehmer (GEZ), Kontoinhaber (banken), Versicherungsnehmer (versicherungen, versicherungsmaklerInnen) ….“

„aber nun seien sie doch nicht so zickig,“ heißt es gerne chauvial von oben herab, wenn ich auf die grundgesetzlich garantierte gleichberechtigung verweise und um eine zumindest geschlechtsneutrale formulierung bitte, die ich frohgemut unterzeichnen könnte. „es sind doch der einfacheren lesbarkeit halber immer beide geschlechter gemeint.“

pah. faule ausrede und verlogen obendrein! erst kürzlich (2009) schrieb eine deutsche zeitung (in etwa): „der deutsche durchschnittsbürger .... lebt allein auf 42m² .... hat 1,4 handies .... 0,75 autos .... 0,1 motorrad .... und einen 14,5cm langen penis im erigierten zustand.“ solange solche sätze in deutschen texten stehen dürfen, solange ist das argument 'frauen sind in der männlichen sprachform immer mitgemeint' schlichtweg unzutreffend.

weiterhin: sogar die UNESCO weiß, dass die deutsche sprache zu einer gewissen geschlechter-ungerechtigkeit neigt. sie weiß weiter, dass es ohne die sichtbarmachung von frauen in der sprache keine gleichberechtigung gibt, wie sie im grundgesetz garantiert wird. ihre „Richtlinien für einen nicht-sexistischen Sprachgebrauch“ - datieren aus dem jahr 1993 und sind noch längst nicht überholt, leider.

das habe ich erst neulich wieder festgestellt, als ich – wie bereits berichtet – mit meinen paar kröten zu einer good bank wandern wollte. fast alle formulare, AGB, infos etc. waren in der männlichen form gehalten. pffft. ich schrieb an den kundenservice, dass ich nicht kundin werden wolle, wenn sie frauen nicht als kundinnen wahrnehmen. die GLS antwortete sehr nett, dass sie eigentlich alle texte längst gegendert hätten und sich das nicht erklären könnten. man werde dem sofort nachgehen. schließlich hätten sie eine entsprechende ethik. nur leider leider, die formulare kämen von einem juristischen, sehr 'konservativen' verlag – die könne man nicht ändern. liebe GLS, ich überleg's mir noch!

besonders grimmig aber bin ich derzeit mit einer deutschen versicherung, die extrem hochglanzfreundlich um mich warb und mir in kooperation mit meiner krankenkasse eine ergänzende zahnersatzversicherung verkaufen wollte.

als ich bei der versicherung anrief und freundlich, aber bestimmt darauf hinwies, dass das antragsformular nicht mehr zeitgemäß - da nur für männliche antragsteller - sei, damit frauen diskriminiere und gegen das grundgesetz verstoße, war die antwort des forschen hotline-schnösels etwa so: „da sind Sie zu pingelig. wir reden Sie im briefkopf an mit 'Frau mo jour', wir bieten einen frauentarif - was wollen Sie denn noch? ist Ihnen denn unser gutes preisleistungs-leistungs-verhältnis egal?“

„bei nazis kaufe ich auch nicht, und wenn die noch so billig sind. ich möchte als kundin wahrgenommen werden, und wenn Sie mich als solche nicht respektieren, dann will ich ihre kundin nicht sein.“ - darauf beendete er das gespräch mit dem satz „dann wollen wir Sie als kunde auch nicht haben“ und legte auf.

ich war platt und habe sofort alle anderen verträge bei dieser versicherung gekündigt. tja. dumm gelaufen.

nun überlege ich trotzdem hin und her, ob ich den antrag nicht doch als mann unterschreibe, zähneknirschend. die konditionen sind in der tat ziemlich gut: die zerknirschten zähne würden dann von der versicherung ersetzt.


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Mittwoch, 13. Juli 2011

spießige geranien?

kurze maßnahme no. 23

hier in meiner südwestdeutschen wahlheimat fallen mir jedes jahr im sommer die vielen geranien auf den balkonen und vor den fenstern ins auge. egal, ob ich in meinem kleinen winzerdorf oder sonstewo unterwegs bin.

gasse in burkheim am kaiserstuhl

nicht, dass ich in meiner westdeutschen jugend oder später in berlin keine geranien gekannt hätte. mein auge freut sich immer sehr über die bunten farbtupfer im deutschgrauen einerlei.

aber ständig habe ich die stimme eines längst verflossenen verliebten im ohr, der einmal sagte: „geranien sind spießig. geh blooß nicht nach süddeutschland. da hängen tonnenweise geranien von den balkonen!“

also freut sich mein auge ein bißchen weniger. leider. denn eigentlich sind ja nicht die blumen spießig, sondern die menschen, die hinter diesen blumenkästen leben. angeblich. und mit spießigen leuten will ich lieber nichts zu tun haben. da bin ich wie mein alter freund.

aber meinen südwesten mag ich doch. die – meist – freundlichen bewohner mag ich auch. sie wehren sich gegen kernkraftwerke und gegen laute eisenbahnstrecken. da sind wir einer meinung.

im grunde mag ich auch geranien. ich hätte sogar selbst welche, wenn sie denn auf meinem schattenbalkon gedeihen würden. alles habe ich versucht, aber es ist zwecklos: das vorgezogene dach und der große blauglockenbaum vor dem südfenster lassen im sommer kaum licht durch. ich sehe hier eine pflanze nach der anderen eingehen. nicht einmal nachtschattengewächse wollen hier gedeihen.

„geranien stinken wie nasse türklinken. kauf die blooß nicht!“ hatte der berliner freund mir meine balkonbepflanzung madig gemacht. ehrlich gesagt, ich weiß bis heute nicht, wie nasse türklinken stinken. damals habe ich trotzdem ein paar geranien gekauft. weil sie fast von alleine wachsen und so schön bunt sind. außerdem schützen sie mit ihrem geruch meine wohnung vor mücken - und damit vor allem mich!

aber spießig wollte ich deswegen nicht geschimpft werden. wer will das schon? nicht mal spießer wollen das. aber lässt man deswegen seine geranien vertrocknen? keineswegs. die können doch nichts dafür!

statt dessen frage ich mich, woran mein freund die gesinnung der leute im winter erkennen will, wenn die geranien von den balkonen verschwunden sind.


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Mittwoch, 18. Mai 2011

der rentnergarten

ein rentnergarten ist – wie das wort schon sagt – das gegenteil vom kindergarten. wo kinder wachsen, lebendig laut und bunt sind und sich täglich entwickeln, sind ältere leute eher ruhig in sich zurückgezogen, bewegen sich nicht mehr so viel und bevorzugen gedeckte farben.

Buchs im Rentnergarten

wenn kinder in ihren garten gehen, dann wollen sie herumtollen und barfuß über taufrisches gras hüpfen. sie wollen wilde bienen sehen und torkelnde schmetterlinge an kunterbunten blumen.

den älteren leuten ist so viel aufruhr zu viel. das macht arbeit. deswegen gibt es im rentnergarten keine wiesen mehr und keine bunten blumen. und erst recht kein unkraut!

pflegeleicht soll es sein, das seniorenbeet, das ganze jahr über adrett anzusehen ohne dramatische veränderungen.

seit ein paar jahren schon beobachte ich diese entwicklung. immer mehr gärten und vorgärten werden zu steinwüsten, sparsam bepflanzt mit immergrünem buchs, mit zypressen und falschen lebensbäumen. alles pflanzen, die diese bezeichnung kaum verdienen, weil sie sich nur unmerklich verändern.

thuja, buxbaum, efeu - gehören meiner meinung nach höchstens auf den friedhof (bloß bitte auf keinen fall auf mein grab, falls ich da mal lande). mögen vielleicht ältere menschen diese gewächse genau deswegen? wegen des grufti-looks? weil sie öfter auf den friedhof gehen als junge leute? weil mit den jahren immer mehr verwandte, freunde und bekannte schon für immer dorthin gezogen sind?

mag ja sein. dass manche menschen sich aber schon zu lebzeiten die friedhofsoptik in den eigenen vorgarten holen, wird mir immer fremd bleiben. brauchen sie es wirklich so nahe vor augen, dass ihre tage gezählt sind, dass der countdown schon läuft?

natürlich würden sie sich das niemals eingestehen. das neue gartendesign hat allein praktische gründe, sagt der rentnergärtner dann trotzig mit vorgeschobener unterlippe. außerdem heißt das im gartenfachmann-fachjargon natürlich nicht rentnergarten, sondern marketing-speak neumodisch "steingarten im toskana-stil".

schon klar. spitzkantiger grauer schotter, buxbaumkugeln und säulenzypressen waren schon immer die erkennungszeichen der toskanafraktion, wussten Sie das nicht?!

"Toskana" im Markgräflerland

ich hatte da zwar andere toskanatypische klischees im kopf - wie brunello di montalcino, den pittoresken ponte vecchio oder uralte knorrige olivenbäume - aber man lernt ja nie aus. auch eine freie radikale kann und will nicht alles wissen.

toscana feeling durch mediterranes design, das klingt weltmännisch, weitgereist und wohlhabend. das ist dolce far niente und macht was her! aber nicht nur den nachbarn beeindrucken und neidisch machen soll der rentnergarten, er soll auch pflegeleicht sein. so steht es in den hochglanzprospekten der rentnergartenprofis.

pflegeleicht ist eines meiner alltime-bestgehassten wörter. das kommt in einer reihe mit bügelfrei, praktisch und zeitsparend. gleichbedeutend mit stil- und lieblos, unachtsam und scheintot.

das allertoskanatypischste am rentnergarten ist wohl die tatsache, dass dort noch nicht einmal mehr unkraut wächst. schluss mit dem wildwuchs, sturm und drang ist kindergartenkram! ein dickes vlies liegt als grasverhüterli zwischen erdreich und schotterschicht. da wächst garantiert nichts durch. die faden stoffbahnen werden sorgsam mit steinen bedeckt, bis sie unsichtbar sind. soll keiner sagen können, dass das unordentlich aussieht!

irgendwie kann ich das ja noch nachvollziehen, diese unkrautphobie. unkrautjäten ist das bügeln des gartens. grauslige pflicht – wenn man denn meint, es tun zu müssen. körperlich anstrengend ist es obendrein, in gebückter haltung oder knieend im beet unwillkommenes grünzeug samt wurzeln aus dem boden zu rupfen. das ist beschwerlich, nicht erst im alter – aber dann erst recht. unkrautfreie beete sind wie bügelfreie hemden: es gibt sie nicht wirklich. wer daran glaubt, macht sich selbst etwas vor.

zurück zum rentnergarten: auch das büro für besondere maßnahmen hat neuerdings ein stückchen pseudo-toscana am haus. sehr sauber. sehr ordentlich. sehr steril. sehr leblos.

weil das für die hausleute praktisch ist. es ist so dermaßen praktisch, dass man jetzt auf dem balkon im ersten stock keine blumenkästen mehr bepflanzen darf, weil sonst die herabfallenden geranienblütenblätter auf den schönen grauen steinen landen und letztere unschön bunt verfärben könnten.

da bin ich jetzt aber echt froh. geranien konnte ich noch nie leiden, dieses spießige gewächs!


Nachtrag im Februar 2013:
Hier geht es zur Fortsetzung.
Schlimmer geht immer!

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Mittwoch, 9. März 2011

meine vorbilder

ein schulaufsatz

als ich noch ein kleines mädchen war, wollte ich unbedingt lehrerin werden. die klassenlehrerin in der grundschule war mein großes vorbild. zumindest verehrte ich sie sehr. am meisten verehrte ich sie, weil sie mir gute noten gab. sie hatte die macht über wohl und wehe aller schulkinder. mir wollte sie wohl.

erdmännchen? erdweibchen?

meine grundschullehrerin war mir nicht wirklich ein vorbild. ich kannte sie ja kaum. aber sie war die erste frau in meinem leben, die nicht nur hausfrau war. sie hatte einen eigenen beruf, sie verdiente eigenes geld, sie war von niemandem abhängig, durfte sogar ihre eigene meinung sagen. andere leute (also ich und meine schulkameradInnen) mussten tun, was sie sagte - und wir mussten es gut machen, sonst gab es schlechte noten. ja: sie hatte macht. das gefiel mir.

meine eigenen eltern taugten als vorbild wenig. der vater meist fort zur arbeit. war er zu hause, saß er entweder vor dem fernseher, schnarchte auf dem sofa oder lag nach der nachtschicht im bett. er war ein sehr abwesender vater. außerdem war er ziemlich dick, furzte und rülpste nach belieben: SEINE vorbilder waren mittelalterliche ritter. ich mochte ihn nicht. ich ekelte mich. er war mir peinlich.

auch die mutter war mir wenig vorbild mit ihrer eiskalten ungeduld. sie arbeitete zwar auch hin und wieder, dies und das - ließ aber regelmäßig durchblicken, dass ihr das alles zu viel sei und dass sie das nur für uns täte - also nur für die schwester und für mich - weil wir uns sonst nichts hätten leisten können. sie war oft schlecht gelaunt und zog sich immer wieder mit migräne in ihr schlafzimmer zurück.

ich verbrachte sehr viele tage meiner kindheit auf zehenspitzen, weil entweder der vater oder die mutter absolute ruhe brauchten. ich lernte: weil es mich gibt, geht es den eltern schlecht. nein: zu hause kein vorbild nirgends.

nach der grundschule waren mir auch die lehrerinnen auf dem gymnasium kein vorbild mehr: allesamt strenge alte jungfern. die meisten ziemlich schmallippig. zwar gab es die eine oder andere lehrerin, die ich sehr liebte - meine kunstlehrerin zum beispiel: sie war mit einem blinden goldschmied verheiratet und wunderbar feinfühlig. vor den meisten aber hatte ich angst. so furchterregend wollte ich nun wirklich nicht werden.

mit den vorbildern hatte ich es also nicht leicht. frauen, denen ich hätte ähnlich werden wollen, gab es wenige. die, die ich verehrte, fanden in den strengen augen der eltern keinen gefallen.

bezaubernde jeannie, die war super! wie sie immer ihren willen kriegte und den mann an der nase herumführte. wunderbar! leider nicht realistisch - dieses vorbild taugte höchstens für den karneval.

eine geistreiche, kluge philosophin wollte ich werden, wie simone de beauvoir. als ich erfuhr, welchen preis sie dafür zahlte im zusammenleben mit herrn sartre, schrumpfte sie vor meinen augen zusammen. was nicht heißt, dass ich ihre texte nicht trotzdem bewunderte.

ganz enorm beeindruckt hat mich die schweizerin isabelle eberhardt, die in männerkleidern allein durch die sahara ritt, romane schrieb und reiseberichte: „ohne Schreiben gibt es keine Hoffnung für mich in diesem verfluchten Leben in ewiger Finsternis”. das war ich! alleine in die wüste, das habe ich mich aber dann doch nicht getraut. und schon mit 26 sterben wollte ich auch nicht.

irgendwann blieb keine mehr übrig, und lange zeit wollte ich sein wie verschiedene männer. als vorbilder wählte mir natürlich nur die allerberühmtesten: pablo picasso oder marcel duchamp, charles bukowski oder tom waits zum beispiel.

ich habe tatsächlich geglaubt an das, was mir in der schule beigebracht worden war: dass männer und frauen gleichberechtigt seien und gleiche chancen hätten.

ich dachte, ich könnte mich frei bewegen auf diesem planeten, könne sagen was ich denke und tun, was mir beliebt und meinem wesen entspricht. riskant leben, ein bißchen bohème sein - trotzdem respektiert werden und anerkennung finden. wie andere männer eben auch.

ich habe mir lange vorgemacht, dass das möglich sei. dabei war das vielleicht der größte irrtum meines lebens. und der kraftraubendste.

es war sehr schmerzlich, einzusehen, dass ich nicht frau sein kann und trotzdem leben wie ein mann. wie deprimierend! damit waren alle meine vorbilder hinfällig. egal welchen geschlechts.

mit den jahrzehnten lernte ich, dass es im leben sowieso nicht in erster linie um vorbilder geht, sondern darum, die zu werden und zu sein, die ich wirklich bin. mit ganzem herzen ich selbst und sonst gar nichts.

allerdings gehe ich bis heute nicht davon aus, dass “die zu sein, die ich bin” ein erreichbares endziel ist, an dem ich perfekt und fertig wäre. welch eine schreckenslangweilige vorstellung!

“sein, wer man wirklich ist” - das ist vielmehr ein immerwährender prozess, in dem ich mich - hoffentlich - bis an mein lebensende befinden werde. ich gehöre ganz sicher nicht zu den menschen, die irgendwann von sich behaupten wollen oder können, sie seien fertig. ich möchte mein leben lang lernen, mich ein leben lang verändern und womöglich sogar täglich neu erfinden dürfen.

wenn mir das gelingen könnte, in liebevoller achtsamkeit - dann wäre ich mein eigenes vorbild.


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Mittwoch, 27. Oktober 2010

ein goldenes gefühl – sicherheit

das leben ist ein ständiger fluss, alles ist in stetigem wandel. manches ändert sich einmal im lauf des lebens, anderes öfter – bisweilen sogar täglich. das macht vielen menschen angst. sie wollen, dass alles so bleibt, wie es ist. schlimmer noch: womöglich soll alles so bleiben, wie es schon immer war. dabei vergessen sie, dass auch die dinge und angelegenheiten und vor allem die menschen, wie wir ihnen heute begegnen, nur durch wandel geworden sind.

rettungsring: seebrücke heiligendamm

wandel aber darf in deren augen nicht sein, denn dann könnte womöglich das, was ihnen jetzt lieb und teuer ist, die goldenen schätze ihres lebens, sich ändern, verschwinden, zu etwas für weniger wertvoll gehaltenem werden. dabei ist auch die frage wichtig, was denn wertvoll überhaupt ist. muss es messbar, vergleichbar sein? ist ein lottogewinn wertvoller als das lächeln eines geliebten menschen? wir entscheiden selbst!

gegen das darfnichtsein des wandels gibt es versicherungen, zu kaufen an jeder straßenecke, in jeder form und für alles denkbare, ja sogar undenkbare. ganz schlaue verkaufen versicherungen für die unwandelbarkeit von dingen, die es noch gar nicht gibt. für die sich also erst noch etwas wandeln müsste, damit sie überhaupt entstehen können. welch ein selbstbetrug!

das einzig sichere am wandel ist, dass wir ihn nicht planen können. wenn die angst vor dem wandel zur angst wird, dass die welt sich nicht im geplanten sinne wandele – dann wird das bedürfnis nach sicherheit zur absurdität, die angst vor der unsicherheit wächst ins unermeßliche.

wenn aber nichts sich wandeln darf, dann kann – konsequent logisch gedacht - auch nichts mehr besser werden, sich zum guten wenden. welch eine schreckliche vorstellung, welch ein gefängnis!

allein durch die ängste vor dem wandel wird das goldene gefühl von sicherheit zu einem unerreichbaren ideal. das ist fataler irrtum: denn wir haben jede menge sicherheit im leben, goldene momente im hier und jetzt. genau jetzt ist das, was ich in händen halte oder im kopf habe, mir sicher. und jetzt. und jetzt. nicht gestern, nicht morgen. es ist eine frage der inneren einstellung und der eigenen entscheidung, täglich aufs neue sich im wandel der welten sicher und golden zu fühlen.


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Mittwoch, 1. September 2010

reizklima III

wie ich schon mehrfach berichtete, befinde ich mich derzeit in heiligendamm an der ostsee in einer gegend mit absolut guter reiner frischer luft. die klinik hat eine fachabteilung für atemwegserkrankungen.

mecklenburgische bäderbahn

besonders asthmakranke hoffen hier auf linderung. die lungenkranken werden meist in den zimmern der ersten etage untergebracht, direkt über dem eingang. von dort haben sie die schönste aussicht direkt auf die schienen der bäderbahn „molli“.

rein optisch ist gegen den kleinen nostalgischen zug nichts einzuwenden. auch von meinem fenster aus sind der kleine bahnhof und die schienen zu sehen. sehr pittoresk!

der molli wird von dampflokomotiven gezogen, die mit braunkohle beheizt werden. das qualmt und stinkt wie weiland mein kachelofen in berlin, wenn ich aus versehen briketten der marke „rekord“ gekauft hatte.

der molli schnaubt eingleisig zwischen bad doberan und kühlungsborn. die züge treffen sich halbwegs auf dem zweigleisigen heiligendammer bahnhof und fahren hier aneinander vorbei.

immer zur vollen stunde ist molli-alarm, zwischen sieben uhr früh und sieben uhr am abend. dann schließt sich mit heiterem klang die schranke und bleibt so lange unten, bis der zug von west nach ost angekommen und der zug von ost nach west abgefahren ist.

das kann schon mal gute zehn minuten dauern. die ganze zeit stehen und stauen sich dann die autos. direkt vor der klinik. unter der asthmaabteilung. mit laufendem motor.

während abgaswolken und dampfschwaden lustig vereint in der sonne wirbeln, hält drinnen im saal der chefarzt einen vortrag über die vorzüge der seeluft und betont, wie wichtig es sei, mit dem rauchen aufzuhören.

die überdachte raucherInnenecke ist fünfzig meter vom klinikeingang entfernt und stets gut frequentiert. geraucht wird auf dem weg dorthin, unter den fenstern der asthmakranken.

ich atme tief durch, freue mich über die gute luft und darüber, dass zumindest nikotin nicht mehr mein thema ist.


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Dienstag, 30. März 2010

der absatzmarkt

vor ein paar jahren mal gab es eine werbung, die war so gut gemacht, dass sie sich bis heute in meinem gedächtnis verhakelt hat. auf drei ganzen rechten seiten hintereinander in einer sogenannten frauenzeitschrift.

erste seite: großes fragezeichen. zweite seite – die frage: „worauf stehen die schönsten frauen?“ ich rätselte mit und fragte mich „bad pritt? jenny dopp? mon cheri?“ auf der dritten seite die antwort: „auf italienischen schuhen“.



aha. welch ein effekt! damals fand ich das lustig, diese werbekampagne der italienischen schuhindustrie. in der tat ist die mehrheit meiner schuhe italienischer herkunft.

wenn ich mir diesen satz heute so anschaue, dann macht das schöne wortspiel vor allem eines deutlich: frauen, so scheint es, stehen „auf“ schuhen, nicht „in“ schuhen. das finde ich seltsam.

wieso nicht „in schuhen .... stehen gehen laufen“ - so wie bei siebenmeilenstiefeln? da steh ich drin – nicht drauf!

dann stelle ich mir die absatzfrage - und kriege das gruseln. der öffentlich getragene absatz ist in den letzten jahren steil nach oben gegangen: hat es mit den model-casting-shows im fernsehen zu tun, dass high-heels in immer schwindelerregenderen höhen nicht nur die schuhgeschäfte füllen, sondern in zunehmendem maße auch fraußenfüße im alltag verformen? was frauen früher mal für höchstens ein paar stunden anläßlich einer festivalgala oder eines opernbesuchs an ihren füßen duldeten, muten sich heute arbeitende frauen den ganzen tag lang zu. was ist das für ein phänomen, dass – je selbst-ständiger wir frauen unsere leben gestalten (wollen), ein umso haltloseres schuhwerk unser tempo drosselt und unser fort-schreiten schier unmöglich macht, ja sogar zum scheitern verurteilt?!

barbiepuppenschuhe habe ich die dinger früher immer genannt. so welche wollte ich auch haben, klar! als teenager. natürlich nur unter der voraussetzung, „darauf“ selbst nicht laufen zu müssen – allenfalls bis zur güldenen kutsche oder – noch besser: bis dass der traumprinz mich auf sein ross hievt. ansonsten sollte es ausreichen, darin dekorativ herumzusitzen und die verlängerten beine elegant übereinanderzulegen.

ich habe es versucht. als teenager. ich stand auf sieben zentimetern absatz plus drei zentimeter plateausohlen in quietschegelben slingpumps. siebziger jahre. ich war fünfzehn oder sechzehn jahre alt. aber es kam kein prinz, weder mit kutsche noch zu pferd. so stieg ich wieder herab, nach ungefähr sechs wochen.

auf den hohen absätzen hatte ich keinen sicheren boden unter den füßen. ich mochte nicht auf stöckeln wackeln, nicht auf zehenspitzen balancieren müssen, bloß weil männer mich dann angeblich noch mehr sexy finden könnten. eine sehr unsichere methode, entschied ich.

seither ist für mich bei viereinhalb zentimetern absatzhöhe schluss. höher steig ich nicht hinauf. meinen knochen zuliebe. ich habe nur ein paar füße, die haben bald ein halbes jahrhundert auf dem spann, die sollen noch mindestens vier jahrzehnte halten. was meine schuhe angeht, das sind alles solche, in denen ich einen „guten auftritt“ habe. ich will vorwärts schreiten, locker schlendern können, am liebsten barfuß tanzen.

einzige ausnahme sind - mit fünfeinhalb zentimetern - meine ungenagelten flamencoschuhe. die bieten mir festen halt, die gehen auch draußen. ich trage sie seit fast zwanzig jahren. die wievielte version derzeit mit mir unterwegs ist, habe ich nicht gezählt. die liebe ich sehr. sie taugen notfalls als waffe, und ausreichend sexy sind sie auch:

mit vergnügtem grinsen erinnere ich einen meiner verliebten. es war sommer in der großen stadt, zu den flamencos trug ich das kleine schwarze leinenkleid. wir wurden stürmisch miteinander, und er raunte mir heiser ins ohr: „oh laß bloooß die schuhe an!“

ansonsten aber ist mir mit hohen absätzen, als sei meine wiegende hüfte gefesselt, das hohlkreuz wird verstärkt und schmerzt. meine knöchel werden instabil, ich habe angst abzustürzen, kann auch nicht mehr effektiv wegrennen, wenn‘s mal brenzlig wird – und tanzen kann ich damit schon gleich gar nicht: ich bin "auf" high heels nicht geerdet.

neulich abends beim fernsehen habe ich mich gefragt, ob es lena meyer-landrut wohl so ähnlich geht derzeit. meyer-landrut wird deutschland beim eurovision song contest 2010 vertreten. sie hat stefan raabs casting show gewonnen.

kann sein, ich mache mich jetzt hier unbeliebt. ich gestehe es trotzdem: ich finde lena meyer-landrut gut! ich habe ein paar der wettbewerbs-shows gesehen. ich mag es, wie sie singt. ich mochte ganz besonders ihre art, sich natürlich und ungekünstelt zu bewegen. in turnschuhen ist sie einfach so über die bühne gehüpft: lebendig. ungezwungen. ungezähmt. das fand ich sehr charmant.

seitdem sie vom publikum zur deutschen teilnehmerin für oslo gewählt wurde, trägt sie bei auftritten so dermaßen hohe absätze, dass sie nicht mehr sicher auftreten kann. sie stakst kippelig auf die bühne, bewegt sich kaum noch vom fleck. wenn sie stufen abwärts steigt, halte ich angstvoll den atem an, ob sie das wohl sturzfrei überlebt.

ein jammer – und ich frage mich: warum um alles in der welt lässt sie das mit sich machen?! ich halte sie für intelligent und modern und kann mir nicht vorstellen, dass zehn zentimeter schuhabsatz den plattenabsatz in dem maße steigern werden, dass das eine derartige verstümmelung ihres „auftritts“ rechtfertigt.

auf high heels ist sie nicht mehr sie selbst. mit dem lied, das sie in oslo singen wird, ist sie es leider auch nicht. darin singt sie, dass sie vor lauter liebe zum abhängigen satelliten wird auf einer umlaufbahn, in deren mittelpunkt der oder die geliebte steht.

okay, sie ist achtzehn. ich verzeih‘s ihr. mit den besten wünschen für oslo – und mit noch mehr guten wünschen für ihr leben, damit sie ganz ganz schnell merkt, wie gigantisch gut es sein kann, als unabhängiger sonnenstern im universum selbst zu leuchten, statt als satellit um andere zu kreisen. und dass es nicht an der höhe des schuhwerks liegt, ob eine mehr oder weniger geliebt wird.


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Sonntag, 28. Februar 2010

ritual* no 1: sonntagsfrühstück

es hat mal einen menschen gegeben, der hat mir ins gesicht gesagt, dass er mich schrullig findet. irgendwie. das hat mich ein bißchen irritiert.

ein blick in den duden erklärt schrullen als „wunderliche angewohnheiten, marotten, ticks, spleens oder macken“. oder gar: „(oft von älteren menschen) befremdende, meist lächerlich wirkende angewohnheiten“.


ähem. bin ich ein ‚älterer mensch‘? das ist relativ und kommt auf die bezugsperson an. klar, ich bin älter als meine jüngere schwester und noch ne ganze menge anderer leute. aber das war schon immer so. trotzdem hätte ich mich als zweijährige sicher nicht als ‚älterer mensch‘ bezeichnet. vielleicht ist man ein älterer mensch, wenn man älter ist als die hälfte der bevölkerung?

das weibliche durchschnittsalter in deutschland liegt bei 45,2 jahren. tja. da bin ich jenseits. definitiv. ich muss mich wohl damit abfinden: ich bin eine alternde frau. das kann jeder passieren.

leider habe ich damals nicht weiter nachgefragt, und deshalb ist mir bis heute unklar, was derjenige mit dem prädikat „schrullig“ genau gemeint hat. vielleicht hatte ich angst vor der antwort. wir waren danach auch nicht mehr sehr lange befreundet.

wollte er sagen, dass ich schrullen habe? oder wollte er sagen, dass ich eine schrulle sei? haben oder sein - das ist die frage! auch hier:

schrullen haben, kann nämlich auch bedeuten, dass man „tolle einfälle“ hat, also gute ideen. geht aufs niederdeutsche zurück. dann wäre es ein nettes kompliment gewesen. ich denke jedoch, derjenige war des niederdeutschen nicht mächtig. er war eher niederträchtig.

deswegen befürchte ich fast, er wollte mir unterstellen, dass ich eine schrulle** sei, und das ist nun wiederum etwas ganz gemeines, in männeraugen zumindest: „die bezeichnung für eine ältere, eigensinnige frau mit einer abseits der norm liegenden persönlichkeit und charaktereigenschaften, die im allgemeinen als seltsam oder verwirrt bis leicht verrückt angesehen werden“ - sagt das wikiwörterbuch. madonna!

wenn ich mir diese definition aber mal auf der zunge zergehen lasse, so wort für wort …. dann stelle ich fest, wie sich mir mehr und mehr ein verschmittstes grinsen im gesichte breit macht. dass ich älter bin, hatten wir ja oben schon geklärt. dazu eigensinnig? nicht mainstream? außergewöhnlich, von mir aus auch ‚leicht verrückt‘? na, immer her damit! mit dem größten vergnügen oute ich mich hier als schrullentrulla!

nachdem das also mal raus ist, kann ich jetzt - in verbindung mit meinen schrulligen angewohnheiten – endlich zu meinem eigentlichen sonntagsthema kommen:

was andere vielleicht ‚schrullig‘ nennen, das sind für mich ‚rituale‘. also sachen, die ich immer wieder tue auf immer die gleiche art und weise, und das schon seit vielen vielen jahren. diese dinge geben mir halt im leben, sie strukturieren meinen alltag. deswegen sind sie mir wichtig, lieb und teuer. ich muss nicht jedes mal neu drüber nachdenken, ob ich was wann wie warum mache: ich mach‘s einfach, weil ich‘s so mache.

mein sonntagsfrühstück zum beispiel. das gibt es seit meiner kindheit. es ist vielleicht das einzig schöne, was ich damals hatte und das ich mir in mein erwachsenenleben gerettet habe. sonntags gibt es bei mir "eier mit speck auf toast". fast immer. regelmäßig. toastbrot deshalb, weil die bäckerin damals sonntags noch nicht geöffnet hatte. frische brötchen gab es bei uns nur samstags. und sonntags eben toastbrot. aus dem altmodischen toaster, der an den seiten klappen hat wie flügel. da steckt man die toastscheiben rein. wo das toastbrot drin anbrennt, wenn man es nicht rechtzeitig wendet und rausholt. das hüpft nicht von alleine.

diesen toaster meiner kindheit besitze ich noch. er funktioniert bestens. sonntag um sonntag. ich habe ihn all die jahre gut gehütet. er war ein hochzeitsgeschenk für die eltern. gute deutsche wertarbeit. aus edelstahl. im oktober wird er ein halbes jahrhundert alt sein. älter als ich.

während der toaster das brot röstet, habe ich die zeit im auge. gleichzeitig schneide ich den mageren speck in feine scheiben, gebraten wird der in butter, weil das so gut duftet. ich habe noch die großmutter im ohr: „kind, du musst den speck in butter braten. damit fängt man männer!“ das schien ja was tolles zu sein. wer jetzt denkt, ich hätte hier einen käfig voller kerle im haus, die sämtlich opfer meiner speckschrulle wurden, irrt: ich habe sie immer wieder freigelassen.

die eier werden gut verkleppert mit einem schluck milch, einer prise zucker und etwas sojasauce. zum schluss noch ein schwapp sprudelwasser: das macht mein rührei fluffig locker. über den knusprigen speck gießen und stocken lassen. pfeffern salzen fertig! wichtig ist eine gute pfanne. auch da bin ich perfekte schrulle: das ei darf weder anbeppen noch schwarz werden.

ich nehme auch immer nur mageren speck. und das, obwohl ich sonst so gut wie kein schweinefleisch esse. "eier mit speck auf toast" ohne speck - das geht einfach nicht. so mit anfang zwanzig war ich mal zum frühstück eingeladen bei jemand anders, das war in basel. da gab es ebenfalls eier mit speck, oh wunder! der mann kam auch aus dem rheinland. wir haben sehr darüber gelacht, über unser beider traditionelles früchstücksei. der hat aber keinen mageren speck benutzt, sondern fetten. da war klar: der kommt aus düsseldorf.

dazu habe ich dann gerne einen frischen orangensaft oder einen becher darjeeling. und eines der brandenburgischen konzerte von bach. seit ungefähr dreißig jahren. fast jeden sonntag.

böse zungen könnten jetzt von ‚zwangsneurose‘ reden. sollen sie ruhig, wenn die das brauchen. aber wehe, es sagt noch mal eineR „junge frau“ zu mir, und sei es auch nur aus versehen – dem werde ich zeigen, was ne schrulle is‘! ab sofort bin ich nur noch „gnädige frau“ - wenn schon "älter", dann aber auch richtig!


* rituale sind ganz spezielle besondere maßnahmen
** schrulle ist feminin. hat wer ne ahnung oder eine idee, wie das männliche gegenstück heißen könnte?
wenn wir es analog zu macke - macker bilden, vielleicht schruller?


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Donnerstag, 19. November 2009

wortgeplänkel I - zeit

„eine zeitlang“, diesen ausdruck benutzte ich neulich einmal in einem anderen zusammenhang.

„täglich eine zeitlang“, so schrieb ich, „tue ich dieses oder jenes“ – und dann habe ich den begriff auch noch gesteigert bzw. geradezu verdoppelt, indem ich behauptete, ich täte dieses oder jenes manchmal sogar „zwei zeiten lang“.

gerade so, als ob ich wüßte, wie lang eine zeit sei, oder gar so als ob ich die alleingültige formel erfunden hätte, was die zeit ist.



du dummchen, wird jetzt jemand dazwischenrufen, das brauchst du gar nicht erst erfinden, das hat doch längst jemand anders erledigt, samt nobelpreis dafür gekriegt! seither messen wir die zeit in sekunden, minuten, stunden, tagen, wochen, monaten und jahren. und damit man immer weiß, wie spät es ist, hat der mensch eine uhr.

aha. natürlich habe auch ich eine uhr – mehrere sogar. und meistens weiß auch ich ziemlich genau, wie spät es ist. denn nur noch ganz wenige uhren gehen nach der wiener wasserleitung (meine blaue badezimmeruhr, zum beispiel).

uhren gehen neuerdings (um zeitgenau zu sein, seit 1978) nach der atomuhr. die deutsche atomzeit wird hergestellt vom physikalisch-technischen-bundesamt in braunschweig. damit die dort im ptb keine unzeiten herstellen, gibt es ein bundesdeutsches zeitgesetz.

das zeitgesetz regelt die gesetzliche zeit. es macht die zeit allerdings nicht selbst, es verwaltet sie bloß – auf dass der amtsschimmel immer pünktlich dahergeritten komme.

damit die leute sich nicht ständig verpassen - egal ob sie gesetzliches mit ihrer zeit tun oder nicht - wird die gesetzliche zeit mehr oder weniger regelmäßig und zeitgleich in den medien verkündet.

aber nicht in allen ganz genau, sondern bloß im fernsehen und im radio. ausgerechnet in dem medium aber, das nach der zeit benannt wurde - nämlich der zeitung - wird die zeit nicht ganz genau verkündet, sondern eher vage. am ungenauesten ist die geschriebene zeit, also die zeitangabe, die man aus zeit-schriften erfährt.

früher hatten wir noch die zeitansage im telefon, erinnert ihr euch? die gibt es heute auch noch, aber nicht mehr unter der nummer 119. als kind war ich davon völlig fasziniert und habe der netten dame vom amt mit ihrem piep sehr oft und sehr lange zugehört.

aber selbst, wenn die heutige computerstimme mit sinuston mir noch so genau sagen kann, wie spät es ist – damit weiß ich doch immer noch nicht, wie lang 'eine zeit lang' ist.

ist eine zeit so lang wie das ticken des weckers braucht, um die zeit in scheiben zu hacken?

oder ist eine zeit so lang wie der kuckuck in der nachbarswohnung benötigt, um sich dröhnend aus seinem uhrenkästchen herauszukatapultieren und mir mit metallischem ruf meinen mittagschlaf zu zerstören?

woher weiß ich, wenn meine freundin erzählt, sie sei eine zeit lang verheiratet gewesen, wie lang ihre zeit war?

ist ihre verheiratete zeit genau so lang wie meine, wenn ich sage 'ich bin schon eine ganze zeit lang single'?

ist 'eine ganze zeit lang' mehr als 'eine (einfache) zeit lang'? es hört und fühlt sich irgendwie so an – obwohl doch eins schon ein ganzes ist und kein kaputtes bruchstück …. oder irre ich mich?

spannend finde ich auch, dass zeit als kostbar gilt, obwohl sie doch von niemandem hergestellt wird – man sie also eigentlich auch nicht verkaufen kann.

die menschen verkaufen ihre zeit aber doch, gegen jede logik! zeit ist geld, sagen sie dann, werden ganz hektisch und haben überhaupt gar keine zeit mehr.

seltsam ist auch, dass die zeit verschiedener menschen unterschiedlich viel wert ist. frauenzeit zum beispiel ist weniger wertvoll als männerzeit. durchschnittlich gesehen. das weiß man nicht erst, seitdem die neuesten statistiken mal wieder beweisen, dass frauen nicht nur in unserem land ein fünftel bis ein drittel weniger geld für ihre arbeit erhalten als männer.

aber wieso? jeder mensch hat täglich die gleichen vierundzwanzig stunden zeit, um sein leben zu leben und um alles zu tun, was gut und wichtig ist. frauen haben nicht mehr zeit als männer. warum sollen wir mehr lebenszeit investieren, um denselben lohn zu erhalten?

das verstehe ich nicht. noch weniger aber kann ich verstehen, dass nicht nur arbeitszeit mit geld bezahlt wird.

gerade heute erst las ich in unserem ländlichen jedewoche-kostenlosimbriefkasten-anzeigenkäseblatt eine stellenanzeige, in der ein/e „freizeitverkäufer/in“ gesucht wird.

ja wie jetzt? soll ich nicht nur meine arbeitszeit, sondern auch noch meine freizeit verkaufen? auch das noch? ist freizeit dann mehr wert als arbeitszeit oder weniger? wie lang ist überhaupt eine freizeit, wenn ich sie verkaufe?

wenn ich eine zeit lang meine freizeit verkaufe: was passiert mit der nicht verkauften arbeitszeit? und vergeht die zeit dann doppelt so schnell? schnell vergeht die zeit doch sowieso, egal ob ich sie verkaufe oder nicht!

denn während ich hier eine zeit lang über die zeit schrieb, ist es draußen schon dunkel geworden – und wie lang meine zeit lang ist, weiß ich immer noch nicht.


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