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Montag, 31. Oktober 2011

check in: strange planet

notizen aus dem landeskrankenhaus . 1
[dieser text ist entstanden am 26.10.2011, dritter tag meines aufenthalts]

als ich am vorigen sonntag schrieb, dass ich nun in eine klinik gehe wegen meiner andauernden depressionen und zunehmenden tendenz, mich selbst zu verletzen, hatte ich keinerlei ahnung, was mich erwartet und worauf ich mich da eigentlich einlasse.


die tage und nächte davor war ich in angst und panik; habe das jobcenter verflucht, die klinik und die ganze welt, am allermeisten mich selbst - weil ich so unfähig bin, mit diesem entsetzlichen druck eines drohenden zwangsumzugs angemessen umzugehen.

anlass für die einweisung war meine unvorsichtige bemerkung der ärztin gegenüber, dass ich angesichts meiner hoffnungslosen alltagsumstände lieber tot wäre als lebendig. sie ist erschrocken und hat das sehr ernst genommen.

da sie der meinung war, dass es schnell gehen müsse und weil ich kassenpatientin bin, residiere ich nun im für meinen wohnort zuständigen landeskrankenhaus, dem ZPE. das zentrum für psychiatrie hat keinen sonderlich guten ruf, aber andere fachkliniken haben längere wartezeiten und fielen deswegen aus.

zusätzlich saßen schlimmste vorurteile und befürchtungen fest in meinem kopf: alte bilder aus der 50er-jahre-psychiatrie voller zwangsjacken, gummizellen, mit medikamenten dumpfgestellte zombiepatientInnen ....

ich schrieb ja bereits, dass ich dazu tendieren kann, es mir selbst schlecht gehen zu lassen, um andere zu bestrafen. so als ob ich selbst gift nähme in der hoffnung, dass die anderen daran zugrunde gehen, auch wenn sie nicht einmal den hauch einer ahnung davon haben, wie sehr sie mich verletzt und gedemütigt haben.

wartet's nur ab, dachte ich. nun gehe ich in die psychiatrie und ihr seid schuld, doofes jobcenter! ich bin schließlich nicht die erste kluge und starke frau, die an der brutalen männerwelt zugrunde geht und in der klapse landet (hierzu empfehle ich die wunderbaren bücher „Wahnsinnsfrauen“ I bis III von Luise F. Pusch).

um es vorweg zu nehmen: meine schlimmen und schlimmsten befürchtungen sind nicht in erfüllung gegangen. ich bin auf einer offenen psychotherapeutischen krisenstation gelandet. nicht in einem irrenhaus.

die meisten hier sind ausgesprochen nett zu mir. ich muss keine medikamente nehmen, wenn ich nicht will. ich werde nicht eingesperrt, darf mich nicht nur im haus und auf dem parkähnlichen, weiten klinikgelände frei bewegen, sondern auch ganz und gar rausgehen und bis sonstewo hinmarschieren - vorausgesetzt, ich sage vorher bescheid und bin rechtzeitig zur nachtruhe wieder zurück.

ich brauche keine zwangsjacke tragen und dämmre nicht sediert vor mich hin. auch bin ich nicht abgeschnitten von der welt: das handy auf dem zimmer ist erlaubt, das netbook darf ich – außerhalb der station - zur zeit zwei stunden am tag benutzen.

aus therapeutischen gründen nicht länger, und das reicht mir auch vorerst für einen täglichen text. allerdings muss ich mich dafür ins kühle kahle besucherzimmer setzen und jederzeit bereit sein, meine textsitzung sofort zu beenden, falls sich hier eineR der mitpatientInnen mit besuch aufhalten möchte.

sehr dankbar bin ich dafür, dass sofort ein bett auf der therapiestation frei war und ich nicht erst in die psychiatrische aufnahme musste. bis zu dreissig patientInnen leben im 'haus no.12' in zwei- und drei-bett-zimmern. ich habe großes glück, bin in einem zwei-betten-zimmer untergebracht.

es gibt keine wirkliche privatsphäre: katzenwäsche hinter dem vorhang am waschbecken im zimmer, duschbad für alle und toiletten sind ein stück den gang hinunter. ich bin es nicht gewohnt, zu jeder tages- und nachtzeit beobachtet zu werden, ständig für alle ansprechbar zu sein, mich ununterbrochen in gesellschaft zu bewegen. das finde ich sehr anstrengend.

das zimmer hat ein großes fenster auf den garten hinaus nach südwesten, sonne ab nachmittags bis zum sonnenuntergang. zu öffnen geht es nur einen spaltbreit, damit sich niemand hinunter stürzt. lüften ist dadurch etwas schwierig.

therapeutisch ist mir hier bislang noch nicht viel passiert. am ersten tag – also vorgestern - gab es ein aufnahmegespräch am späten nachmittag. gestern und heute eine sogenannte kurzvisite. da sitzen dann morgens um neun rund zehn patientInnen im kreis mit der zugeordneten therapeutin und erzählen alle in insgesamt etwa fünfzehn minuten, wie die nacht war und wie es ihnen geht. ungefähr 90 sekunden für jede. „vielen dank, mir geht es gut. keine beschwerde.“ passt.

ich freue mich über drei mahlzeiten am tag, die ich nicht selbst zubereiten muss. auch kein planen, kein einkauf vorher, kein abwasch und aufräumen danach. luxus! das essen selbst ist …. nicht weiter erwähnenswert.

die mahlzeiten selbst übrigens zählen als therapiezeiten. naja. besser als nichts. für wie lange ich hier sein werde? keine ahnung. wie die therapie konkret aussehen wird? keine ahnung. wann ich in den genuss meines ersten therapeutischen einzelgesprächs komme? keine ahnung. ich bin ja auch erst den dritten tag da.

schade, dass man mir das geld, das der aufenthalt hier kostet, nicht zur freien verfügung gibt. ich könnte mich einmieten in einem haus am meer, noch eine gute freundin mitnehmen und es mir für sehr lange zeit sehr gut gehen lassen.

man könnte das geld auch dem jobcenter geben. das würde - bei einem tagessatz von ca. 150 euro - meine wohnung für eine ziemlich lange zeit finanzieren.

ganz abgesehen davon, dass ich das arbeitslosengeld vielleicht gar nicht so lange bräuchte, wenn der ständige druck, überhaupt umziehen zu müssen und mir eine wohnung zu finden, die es gar nicht gibt, endlich wegfiele. eine krankschreibung habe ich jetzt „bis auf weiteres“. in dieser zeit kann ich weder arbeiten noch umziehen, koste also doppelt. das jobcenter macht mich nicht nur krank, sondern auch teuer für die allgemeinheit.

am liebsten würde ich eine lange, abenteuerliche weltreise von dem geld machen. aber die wird leider nicht von der krankenkasse finanziert.

fortsetzung folgt ….



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Kommentare :

  1. Das ist der Irrsinn den nur Betroffene sehen. Das Amt wird einen Dreck tun und (falls es ihnen bewusst ist) darauf hinzuweisen, die Politiker rechnen es sich schön und die breite Masse glaubt eh der Obrigkeit.

    Trotz allem ist es schön dass du es "scheinbar" gut getroffen hast und hoffentlich gestärkt aus dem Aufenthalt heraus gehen wirst.

    Viele liebe Grüße von einer bisher stillen Mitleserin und Grüße auch ans Äuglein

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  2. meine liebe,

    wie gut, von dir zu lesen, mo!
    alles gute, liebe, kraft und fähige therapeuten von mir für die weitere zeit.

    deine patricia, in gedanken bei dir

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  3. auch in meiner seele, in meiner familie, leider. vielleicht nicht nur "leider", denn diese schwierigen seelenzustände schenken einem sensibilitäten....
    gruß von sonja

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  4. hallo mo,

    ich bin therapeut in einer psychiatrischen klinik und ich verstehe dich ganz gut. ich kann mir auch vorstellen, was für ´nen krieg du mit den ämtern führst, bzw. noch führen wirst...

    dabei wünsche ich dir viel kraft und ausdauer und eine frage zu deiner "krankheit", kennst du die genaue diagnose (mit icd nr)?

    lg muggasegl

    ps: kannst mal bei mir reinschauen, da berichte ich über die patienten und unsere aktivitäten

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  5. vielen dank für die guten wünsche - sie sind schon fast alle ziemlich wahr geworden ;-) --> http://mojour.blogspot.com/2011/11/dem-kuckucksnest-entflogen.html

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  6. @muggasegl:
    ich werde nen teufel tun und hier mein icd10 posten ;-)

    nur so viel:
    ich nenne es "frühkindlich sexuell traumatisierte kreative hochbegabte".
    die ärztin nennt es "rezidivierende depression".
    andere nennen es PTBS.
    oder akut: burnout/boreout.

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