Achtung. Achtung. Achtung.
Wir sind umgezogen!

Januar 2021

Das Büro für besondere Maßnahmen ist ab sofort erreichbar auf mojour.de

Nach und nach werden alte Beiträge – ggf. aktualisiert und überarbeitet – dorthin umziehen. Bitte folgen ... :-)

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Montag, 7. Juli 2014

BfbM – ein halbes Jahrzehnt

­Heute vor fünf Jahren habe ich dieses Blog eröffnet, nannte es forsch „Büro für besondere Maßnahmen“ und versprach meinem damals noch nicht vorhandenem Publikum jede Menge 'Unfug en gros & en détail'.

Zum Teil habe ich das erfüllt und Euch an allerlei mehr oder weniger besonderen Maßnahmen teilhaben lassen.

Jubiläums-Berg

Was ich damals nicht hatte, war ein ausgearbeitetes Konzept, und das gibt es bis heute nicht. Ich schreibe einfach drauflos, was mir durch den Kopf geht und aus den Fingern in die Tastatur purzelt.

Mal aus dem Alltag, mal Erfundenes, mal eine Rubrik wie die Rosenworte oder die kurzen Maßnahmen. Ich fange etwas an, fange noch etwas anderes an, höre das eine oder andere auf, setze wieder ein – und auf diese Weise ist das Büro für besondere Maßnahmen über die Jahre wie ein aus Texten und Bildern gewebter Teppich zu einem Spiegelbild meiner Seele und meines Lebens geworden.

Mein Leben ist eben auch so: Nicht planbar. Immer wieder Rückschläge, immer wieder aufstehen, neue Versuche und Experimente, mich neu zu erfinden und irgendwie auf dieser Welt einen Platz für mich zu schaffen, an dem ich mich wohlfühle und bleiben möchte.

Ich bin und bleibe mein eigenes Überrschungspaket – ganz so, wie ich es damals im ersten Beitrag angekündig hatte.  Ich hoffe, ihr nehmt mir das nicht übel.

Nun fällt der 5. Geburtstag meines Blogs – nette Koinzidenz! – auf den 10. Geburtstag des Mietvertrags für meine Wohnung.

Als ich vor einem Jahrzehnt in dieses helle, luftige Dachgeschoss mit der grandiosen, fast täglich sich ändernden Aussicht auf den B-Berg (meinen „Büro-Berg“) einzog, stand ein gigantischer Blauglockenbaum direkt vor meinem Balkon, nur dreieinhalb Meter vom Haus entfernt.

Das Gute daran: Der Specht wohnte darin und kam immer zum Klopfen, zusammen mit vielen anderen Vogeltieren und Insekten. Außerdem hat der Baum mit den großen herzförmigen Blättern das halbe Dach beschattet und meiner Wohnung an heißen Sommertagen zu einem angenehmen Klima verholfen.

Das weniger Gute an dem Baum war: Er verstellte mir die Aussicht und machte die Wohnung dunkler. Meinen Südbalkon beschattete er gar so vollkommen, dass dort nicht einmal Nachtschattengewächse gedeihen wollten.

Aber nicht nur sein Schatten war gigantisch, sondern auch seine Wurzeln. Sie hatten im Lauf der Jahrzehnte das Fundament des Wohnhauses gesprengt. Mehr als 20 cm breite Lücken klafften zwischen den Grundmauern.

Deswegen wurde der majestätische Baum vor zweieinhalb Jahren Stück für Stück abgesägt und abgetragen – nicht einfach nur gefällt, denn dabei hätte er Haus und Garten stark beschädigen können.

Seither habe ich mehr Licht im Büro für besondere Maßnahmen. Das ist schön. Endlich gedeihen auch mediterrane Kräuter wie Thymian und Salbei auf dem Balkon. Es freut mich, dass ich hier oben endlich auch Wohlriechendes in meiner Nase habe – denn der Gestank der dieselgetriebenen Weinbergs-Trecker, die täglich laut und ungezählt unter meinem Balkon den Hügel hinauf in die Reben brettern, ist erheblich.

Nie zuvor habe ich in so lauter und bedrohlicher Atmosphäre gewohnt wie hier auf dem angeblich so idyllischen Dorfe. Dagegen war es in meiner Berliner Wohnung, gleich um die Ecke vom belebten Kurfürstendamm, geradezu totenstill.

Sogar Rosen blühen inzwischen auf meinem Schattenbalkon, drei Stück, in Kübeln. Sie duften! So lange ich hier noch ausharre, will ich es wenigstens schön haben vor Augen und in meiner Nase.

Gleichzeitig reduziere ich meine anderen Habseligkeiten, lasse nicht nur eigenes Körpergewicht sondern auch angesammelten Ballast los, mache mich so leicht wie möglich und suche nach einer neuen Wohnung, die nicht nur mir und der Katze ein Zuhause bietet, sondern auch mindestens einer meiner drei dornigen Begleiterinnen.

Denn nicht nur Blog-Geburtstag und Mietvertrag fallen zusammen, auch mein ungeliebter Vermieter hat ein gigantisches Gefühl für Timing:

Auf den Tag genau zehn Jahre nach meinem Einzug hier legte er mir die Wohnungskündigung in den Briefkasten. Er hat sich einen Eigenbedarf aus den Rippen geleiert, um mich endgültig und beschleunigt loszuwerden.

Seine Enkelkinder sollen hier im Haus übernachten, wenn sie aus der Ferne zu Besuch kommen. Meinetwegen, dann brauchen sie wenigstens nicht mehr an seiner Wohnungstür herumhängen, die armen Würmer. In seiner 140-m²-Butze in der Bel-Etage geht das natürlich nicht, zu eng! Deswegen kündigt er mir, obwohl die dritte Wohnung im Haus wegen einer kürzeren Kündigungsfrist viel schneller zu haben wäre und obendrein im Erdgeschoss liegt, mit Terrasse und Gartenzugang - was für Kleinkinder ja gewiss günstiger wäre als ein Feriendomizil unterm Dach …

Ihr erinnert Euch? Der Quetschenquäler hasst mich, weil ich nicht bereit bin, ihn zu jeder Tages- und Nachtzeit in meine Wohnung zu lassen, wenn er sich nicht vorher angekündigt hat. Er hasst mich noch mehr, weil ich mich von ihm weder anbrüllen noch herumkommandieren lasse. Er hasst mich ohne Unterlass, weil ich es nicht in Ordnung finde, wenn er mir ohne Vorwarnung für Stunden das Telefon abstellt und die Internetleitung kappt, weil er 'mal eben kurz' was reparieren muss. Er brüllt mich an und knallt mit den Türen, hat mich im Keller schon mit dem Messer in der Hand bedroht, ein ander Mal auf der Treppe angerempelt und fast zu Fall gebracht.

Sein „Eigenbedarf“ ist natürlich vorgeschoben, um mich loszuwerden. Mit anwaltlicher Unterstützung kann und werde ich dagegen vorgehen – falls ich wirklich keine andere Wohnung finde und mehr Zeit brauche … Denn die Atmosphäre hier macht mich schon lange krank, ich muss und will hier sowieso raus, samt Katze und Kräutern und Duftrose – und irgendwie kriege ich das schon hin. Trotz allem. Trotz posttraumatischer Belastungs- und "halbautistischer" Reizfilterstörung, trotz Depressionen, trotz Erwerbslosigkeit und kontinuierlicher Unterkapitalisierung.

Mein Leben hier im Haus der katholischen Spießer ist schon viel zu lange viel zu sehr vergiftet und viel zu belastend für mich. Seit Jahren werde ich gemobbt, nicht gegrüßt, böse angesehen, ignoriert, beschimpft, beleidigt, respektlos behandelt. Diese Vermieter sind Krafträuber erster Güte.

Ich suche schon lange eine andere Wohnung (muss ja auch, von Amts wegen) und setze seit Jahren alle mir möglichen und verfügbaren Hebel in Bewegung, auch wenn die mir unendlich klein und unzureichend erscheinen, wenn Angst und Alpträume mich nicht schlafen lassen, in Hass und blutiger Selbstverletzung enden. Es wird, es muss mir gelingen, für mich endlich einen Platz zu finden, an dem ich in Frieden leben kann.

Der Umzug selbst wird eine gigantische "Besondere Maßnahme" werden. Irgendwie werde ich es überleben. Wie alles andere auch.

Das bin ich mir und diesem Blog schuldig. Bis es so weit ist, bitte ich um Verständnis, wenn ich hier weiterhin etwas „auf Sparflamme“ köchle. Ich habe so viel zu sagen und zu erzählen, aber es ist meist so belastend für mich, dass mir die Kraft zum Aufschreiben fehlt.

Vorerst freut Euch bitte weiterhin über mehr oder weniger kurze Rosenworte und den harmlosen Katzen-Kontent "nebenan" bei Ginivra.

Auf die nächsten fünf Jahre!

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Donnerstag, 7. Juli 2011

2 gebloggerte jahre

das büro für besondere maßnahmen feiert geburtstag. wir werden zwar erst zwei - aber für eine besondere maßnahme ist das schon ganz schön lebenslang!

rosenduft: compassion - design: mo jour

seit zwei jahren lasse ich euch teilhaben an den besonderen maßnahmen, mit denen ich die besonderen aufgaben meines lebens, meines alltags bewältige. anfangs kamen sie ungefähr wöchentlich, und ich habe sie nummeriert. irgendwann habe ich – zahlenmäßig – den überblick verloren.

eine zeitlang gab es sogar kurze maßnahmen. kleine pausenfüller, weil es nur so aus mir heraussprudelte. die kommen vielleicht auch irgendwann wieder. derzeit sprudelt es bei mir nicht so dolle, aus gründen.

als ob's geplant wäre wie ein geburtstagsgeschenk vom allmächtigen server, zeigt mir meine statistik seit ein paar tagen genau hundert regelmäßige leserInnen an. schick! ich weiß, dass andere über diese zahl von oben herab lächeln werden. für mich aber ist das echt viel.

schließlich ist das büro für besondere maßnahmen ein nischenprodukt. hier gibt es im allgemeinen nix zu gewinnen (ausnahmen zersetzen die regel). ich reite nicht auf mainstreamwellen. zeitgeschehen findet bei mir fast nicht statt. das hier ist ganz eigen, und ich freue mich immer noch über jeden einzelnen klick, jeden tag aufs neue. danke euch allen!

natürlich nehme ich es so nebenbei sehr gerne mit, dass ich nun von der gamma-bloggerin zur beta-bloggerin aufgestiegen bin. fürs alpha-bloggen brauche ich mindestens tausend klicks am tag. also haltet euch ran!

wer diese blogger-schubladisierung erfunden hat, ist mir nicht bekannt. irgendwer braucht halt kategorien. so eine einordnung lehne ich im grunde kategorisch ab. das ist wie mit der sogenannten ersten, zweiten und dritten welt. die nummer sagt gar nichts - weder über die qualität der regierungen noch über das wohlbefinden der einzelnen menschen. es hilft nur denen da oben, ihr gewissen zu beruhigen, weil sie sich dann besser fühlen können, wenn sie in der teuersten etage wohnen.

ob ich nun zwölf leserInnen habe oder zwanzigtausend – das sagt über die qualität meiner inhalte erst mal gar nichts. vielleicht gibt es aufschluss über meine marketing-qualitäten (ausbaufähig - hilfe!).

mehr klicks ließen auch nicht unbedingt den schluss zu, dass sich mehr menschen wirklich für meine inhalte interessieren. ich könnte ja auch ständig nur über gewinnspiele schreiben; ich könnte so tun, als ob ich mehrmals täglich millionen verlose ... und hätte millionen leserInnen!

okay okay, ich werde darüber nachdenken! angesichts meiner prekären lage und als als besondere maßnahme wäre so ein geschäftsmodell vielleicht durchaus einen versuch wert. dann lebe ich von werbung, sms-gebühren und teuren 190er-nummern. zeit und kraft für inhalte wäre dann wohl keine mehr.

mit dem gewinnspiel* fange ich aber probeweise gleich mal an, schließlich habe ich einen grund zu feiern, das getränk dazu ist auch vorhanden und ihr seid alle herzlich eingeladen:

meine besondere maßnahme zum zweiten blog-geburtstag ist ein kleiner wettbewerb!

ich suche die „besonderste maßnahme 2011“. zu gewinnen gibt es unter anderem eine flasche champagner** – und ich freue mich auf viele viele beiträge!

außerdem habe ich ganz wunderschöne notizblögge (note-blogs) erfunden (siehe foto) und mit ganz viel liebe selbst gefummelt, innendrin ist feinstes cremegelbes umweltfreundliches TCF-papier! die gibt es ebenfalls zu gewinnen!  darauf könnt ihr dann eure eigenen besonderen maßnahmen allerbestens festhalten.

unterdessen geht es hier weiter mit meiner "milden wilden mischung". das habe ich von anfang an versprochen, und daran ändert sich nichts.


*ps.
sponsorInnen für das blog sind weiterhin zahlreich willkommen! sonst läuft das mit dem gewinnspiel verkehrt und ich gewinne mal wieder nix, sondern habe nur ausgaben ....

**pps.
falls der/die gewinnerIn no 1 keinen champagner mag [das kenn' ich ;-)] gibt es etwas anderes. in diesem fall geht die flasch' an no. 2



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Mittwoch, 16. Februar 2011

working poor II

ich arbeite gern. ehrlich. ich finde es toll, dinge zu tun und dafür geld zu kriegen, mit dem ich dann meinen lebensunterhalt bestreiten kann.

knospe: amaryllis

leider funktioniert das in den letzten jahren immer weniger. mein leben als freie radikale wurde zunehmend prekär: die honorare fürs texten, übersetzen, als dozentin oder kursleiterin reichen mir schon lange nicht mehr. im grunde mache ich nur noch diverse ehrenämter. für gemeinnützige vereine.

immerhin wurden mir deren aufwandsentschädigungen bis zu der höhe, die 1-euro-jobber kriegen (also rund 160 euro im monat), bislang nicht aufs arbeitslosengeld2 angerechnet. diese regelung soll mit der neuberechnung der regelsätze übrigens wegfallen. dann werden übungsleiterpauschalen als einkommen angerechnet. so viel zur ‚erhöhung von hartzIV' und ‚verbesserung der zuverdienstmöglichkeiten‘.

also habe ich gedacht, ich wechsel mal die branche, werde dienstleisterin und entdecke eine marktlücke. und zwar was echt nettes, wo ich nicht ständig allein am schreibtisch sitze, sondern viel rumkomme und wieder mehr mit menschen zu tun habe: eine ganz besondere maßnahme!

seit oktober habe ich an einer schicken idee gebastelt und entwickelt, recherchiert und gedingelt, vorbereitet und geplant. ich habe mit behörden gesprochen, mit  potentiellen kundInnen und diversen fachleuten. meine idee hat durchaus aussicht auf erfolg. ich könnte sofort loslegen, bräuchte noch nicht mal einen kredit.

aber halt! ich bin arm, lebe am prekären rand der gesellschaft (obwohl ich weder bildungsferne schicht bin noch einen migrationshintergrund habe) und beziehe hartz4. da kann eine sich nicht einfach selbständig machen! das muss vorher beim amt beantragt werden:

auf meine freundliche anfrage, wie denn die modalitäten seien, wenn ich mich neben dem bezug von alg2 im zunächst geringfügigen umfang im gewerblichen nebenerwerb selbständig betätigen möchte, kam nach nur viereinhalb wochen eine antwort vom „jobcenter“ meiner zuständigkeit:

die gute nachricht: ich brauche keinerlei genehmigung vom amt. das ist doch schon mal was! nur die gewerbeanmeldung. kein problem so weit.

was ich aber dringend brauche, ist die „Anlage EKS – Erklärung zum Einkommen aus selbständiger Tätigkeit, Gewerbebetrieb (…) im Bewilligungszeitraum“. ohne die geht gar nichts. auszufüllen und zu beantragen im voraus. ungefähr fünf seiten kleinstbedrucktes dinA3-format quer bedruckt. dazu ungefähr sieben seiten kleinstbedruckte erklärungen und „ausfüllhilfen“. meine freundin sagte „so ein formular muss man sich auch erst mal ausdenken können. dazu bedarf es einer gewissen gesinnung.“

alle zu erwartenden ausgaben und eingaben soll ich penibelst nach monaten aufgeschlüsselt für sieben monate im voraus hellsehen. für jeden bleistift, für jedes stück papier brauche ich einen beleg bzw. einen kostenvoranschlag. was ich nicht plane, gilt nachher nicht als ausgabe. dann zählen nur die einnahmen.

ich darf auch nicht einfach anschaffen, was mir sinnvoll erscheint: das fräulein vom amt hat da ein gutes wörtchen mitzureden und kann mir meine betriebsausgaben nach persönlichem gutdünken als „nicht angemessen“ aberkennen. wenn ich also den luxusbleistift aus dem fachgeschäft kaufe und nicht den aus dem hier-alles-china-billig-laden, ist das meine privatverzweiflung.

ein paar kleinigkeiten wie internetdomain und telefon, die ich während meiner planung schon bezahlt habe, werden ebenfalls nicht als betriebsausgaben anerkannt. klar, die habe ich ja auch vom regelsatz bestreiten können.

was mich nun völlig verwirrt und ausbremst: als alg2-empfängerin muss ich doppelte buchführung machen. eine fürs finanzamt und eine zweite völlig andere fürs arbeitslosenamt. denn „steuerrechtliche bestimmungen“ gelten nicht im jobcenter.

zum beispiel die fahrtkosten: ‚normale‘ selbstständige dürfen pro gefahrenen kilometer 30 cent als betriebsausgabe absetzen. emma arbeitnehmerin immerhin noch 30 cent pro entfernungskilometer als werbungskosten – also halb so viel wie die selbständige.

die selbstständige alg2-bezieherin hingegen muss mit 10 cent pro kilometer auskommen. obwohl ich nur ein klitzekleines sparauto besitze, decken die 10ct noch nicht mal die benzinkosten. den rest muss ich vom regelsatz bestreiten.

so rechnet das amt mich ‚reich‘, noch bevor ich überhaupt einen einzigen cent eingenommen habe. von dem hochgerechneten einkommen werden mir dann wiederum rund 80% vom alg2 abgezogen.

mal ganz abgesehen davon, dass ich mich frage, wie die mir zugeteilte freundliche sachbearbeiterin beim amt das alles beurteilen und dann auch noch korrekt berechnen will. sie hatte ja schon schwierigkeiten mit den grundrechenarten, als sie im vergangenen jahr nur mit den zwei zahlen von meinem brutto- und nettosold als hochschulsekretärin zu kämpfen hatte.

kein einziger ihrer bescheide war auf anhieb korrekt. neben all dem kokolores, den ich sonst an der backe hatte, musste ich ihr auch noch nachhilfe in den einfachen grundrechenarten addition und substraktion erteilen. von den schwierigeren wie plutimikation und diversion ganz zu schweigen!

mein fazit, leider: meine gerade erst knospende idee ist gestorben. erstens, weil ich mir nicht leisten kann, meine selbständigkeit mit dem regelsatz zu finanzieren. zweitens, weil ich den stress nicht ertrage, noch mehr mit dem amt zu tun haben zu müssen.

schade drum – deutschesland scheint irgendwie nicht zu wollen, dass arbeitslose aktiv und tätig werden. ich bin sehr frustriert.

die tollen formulare EKS gibt es übrigens bei der arbeitsagentur zum download. nur für den fall, dass mir vielleicht jemand helfen möchte und findet, dass das alles gar nicht so schlimm ist, wie es aussieht: arbeitsagentur.de > Formulare > Formulare für Bürgerinnen und Bürger > Arbeitslosengeld II


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Montag, 8. November 2010

flattr - der flatterknopf

ihr habt ihn bestimmt schon entdeckt, den kleinen grünen button in der linken spalte, unter dem foto vom duftenden rosenblütentee:


rose: fisherman's friend (austin) / rosenblütentee im glas


das büro für besondere maßnahmen verwendet diesen button seit etwa vier monaten. schon längst mal wollte ich ein paar zeilen schreiben über das was und warum und meine erfahrungen damit. heute ist es endlich so weit.

'flattr' ist englisch und bedeutet „schmeicheln“. wer den button klickt, landet im portal von flattr, einem micro-payment service. dort kann jedeR mitmachen für einen monatlichen betrag von mindestens zwei euro, auch wer keine eigene webseite hat. anderen webseiten, die ebenfalls dabei sind, kann man als ausdruck von dank & wohlwollen einen kleinen geldbetrag zukommen lassen, indem man den 'flatterknopf' - so nenn' ich den neudeutsch für mich - auf deren seite anklickt.

hin und wieder benutze ich flattr, um anderen blogs, die ich gut und wichtig und erfreulich finde, ein bißchen anerkennung zu spendieren.

vor allem aber benutze ich es regelmäßig, um mich bei meiner lieblings-tageszeitung für deren unschlagbaren kostenlosen onlinedienst zu bedanken. ein abo der taz könnte ich mir – prekär wie ich derzeit bin - nämlich nicht leisten. trotzdem habe ich sie täglich auf meinem schreibtisch. das finde ich gigantisch generös.

ich selbst habe übrigens via flattr bisher nicht einen einzigen cent bekommen. weder hier im büro für besondere maßnahmen noch drüben im katzencontent. das grämt mich nicht. es bestätigt allerdings eine vermutung, die ich von anfang an hatte:

flattr wird den kleineren blogs nicht viel bringen. statt dessen findet eine art umverteilung statt von vielen ‚kleinen‘ blogbetreiberInnen hin zu großen contentanbietern, bei denen sich dann das geld mehr oder weniger sammelt.

immer und an jedem flatterklick verdient natürlich flattr selbst, nämlich 5% von jedem euro, der zwischen den webseiten hin oder her fließt. am meisten aber verdient das onlinezahlungsportal paypal. die kriegen mindestens 5% von jedem euro, der bei flattr eingezahlt wird.

das wurmt mich ein bißchen. runde 10% vom kuchen nur für die verwaltung sind für meinen geschmack ein bißchen viel. andererseits will so ein portal ja auch gedingelt sein, und das kostet eben.

am meisten wurmt mich natürlich, dass ich nicht selbst auf die geniale idee gekommen bin, mich für das hin- und herschieben von geld bezahlen zu lassen. dann hätte das büro für besondere maßnahmen inzwischen eine luxus-aussicht.

aber was nicht ist, kann ja noch werden:

wer sich also bei mir einschmeicheln möchte oder wer sich von meinen texten und bildern so dermaßen geschmeichelt fühlt, dass sie ganz dringend ein paar cent dafür ausgeben möchte, macht den flattr und klickt sich da durch:

(hier steht seit Dezember 2014 kein Link mehr. Warum nicht? Siehe unten)

dies ist übrigens ein reines erklärstück. keine werbesendung. ich erhalte keinerlei provision. leider.





ps1.

das Büro für besondere Maßnahmen hat über Flattr bisher folgende schmeicheleinheiten erhalten:
2010 - 0,90 €
2011 - 0,22 € 
2012 - 1,07 €
2013 - 0,33 € 
2014 - 0,12 €
summe einnahmen seit 2010: 2,64 €

das Büro für besondere Maßnahmen hat über Flattr bisher an andere webseiten verschmeichelt:
2010 - 18,00 €
2011 - 22,00 €
2012 - 33,00 € 
2013 - 25,00 €
summe ausgaben seit 2010: 98,00 €

(stand juni 2014)


ps2.
(im Dezember 2014)

Meine Ausgaben im Micro-Payment-Service "flattr" haben in den fünf Jahren meiner Teilnahme die Einnahmen um das fast 40-fache überstiegen. Irgendwann muss man auch den schmeichelhaftesten Realitäten ins Auge sehen – DAS hat sich nicht gelohnt. Zudem hat flattr die Konditionen sehr zu meinen Ungunsten verändert. Daher habe ich das Experiment im Herbst 2014 beendet und (als besondere Maßnehme!) meinen Account bei flattr nicht erneuert. Damit verbunden habe ich natürlich auch alle Links dorthin entfernt. Falls ich einen übersehen habe, dürft Ihr mich gerne darauf hinweisen.
Allen, die mich auf diese Weise unterstützt haben, an dieser Stelle noch einmal einen herzlichen Dank!

Auch die Option, mir über paypal etwas zu spendieren, habe ich eingestellt. Trotzdem freue ich mich aufgrund kontinuierlicher Unterkapitalisierung auch weiterhin über jede Unterstützung. Wer mir also unbedingt etwas (finanziell) Gutes tun will, schreibt mir bitte eine eMail, dann finde ich eine Möglichkeit – die allerdings nicht mehr anonym sein wird. 

Merci & 1000Rosendank!

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Samstag, 18. September 2010

wieder da

seit einer ganzen woche schon bin ich back in my home-office. und mag hier noch gar nicht ankommen: (gefühlte) berge von post türmen sich und wollen beantwortet sein. stapel von formularen wollen ausgefüllt und abgeschickt werden. kontakte wollen reaktiviert, verabredungen getroffen und termine vereinbart werden und dann muss auch noch das auto zum tüv. baaah.

welcomebackhome-berg

kann gar nicht sagen, ob dieser orga-alltagskram anstrengender ist oder die tatsache, dass ich wieder voll für meinen eigenen haushalt verantwortlich bin. da habe ich ja in heiligendamm gelebt wie eine königin: musste weder kochen noch putzen noch einkaufen noch abwaschen noch aufräumen. das allerbeste: ich musste auch nicht staubsaugen! welch ein luxus.

damit ist jetzt natürlich schluss, ich stehe wieder mitten im leben. will sagen: ich bin wieder prekär! meine aussicht ist unverändert: zumindest optisch ganz wunderschön.

derzeit habe ich überhaupt keinen literarischen dreh. mo jour ist beschäftigt mit sortieren und aufräumen. innerlich und äußerlich.

das büro für besondere maßnahmen macht ein bißchen inventur. auch das muss mal sein.


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Mittwoch, 21. Juli 2010

geschafft? geschafft!

gegen ende habe ich die arbeitsstunden rückwarts gezählt und jeden tag ein stück vom maßband abgeschnitten.

barke: schwanenweiher, breisach

und dann ist mir der abschied gestern doch schwergefallen. von den menschen. nicht von der arbeit. es gab kolleginnen, die geweint haben, weil ich gegangen bin, weil sie mich so sehr vermissen werden. ich habe auch geweint, mit sehr gemischten gefühlen.

ich weinte tränen der verzweiflung, eben weil ich mich dort so sehr abschneiden und verengen musste, um die arbeit einer verwaltungsangestellten machen zu können. und ja! es hätte doch auch einfach ein netter arbeitsplatz sein können, oder?! wenn schon die bezahlung nicht über den eines 1-euro-jobs hinausging. war es aber nicht.

warum ist der arbeitsalltag im deutschen grauland oft so schwer und schwierig und freudlos, so kleinkariert und streng reglementiert? für lachen und menschlichkeit scheint kaum jemals platz zu sein. obwohl das doch niemals die arbeitskraft mindern, sondern ganz im gegenteil erst alle energien so richtig in fluss bringen könnte.

woher kommt dieses deutsche vorurteil, dass – wer lachen kann und charmant sein, angeblich nicht richtig arbeiten will, statt dessen faul sei und „nicht bei der sache“? ich halte es da lieber mit dem dalai lama, der einmal sagte (oder schrieb) „wenn leute lachen, sind sie fähig zu denken“. namastè!

aber dort, nun ja. ich will ja niemandem böses unterstellen. aber ich hatte doch des öfteren den eindruck, dass da menschen unterwegs waren mit der maxime „wer zuerst lächelt, hat verloren.“ ich habe meine würde gewahrt und mich nicht daran gehalten.

nicht geweint habe ich bei der obligatorischen verabschiedung im beisein vieler kollegInnen. da habe ich mich da so dermaßen zusammengerissen, dass ich mich jetzt kaum noch an die situation erinnern kann – weder an menschen noch an worte. ich bekam nicht nur ein offizielles abschiedsblümchen, sondern gleich mehrere sehr persönliche geschenke und grußkarten verbunden mit der bitte, den kontakt nicht abzubrechen. das weiß ich noch, weil die beweise jetzt hier vor mir auf dem tisch liegen. das berührt mich sehr. ich habe spuren hinterlassen, und ich habe so vieles bekommen im herzen. das ist in geld und gold nicht aufzuwiegen.

im nachhinein weine ich tränen der erleichterung, weil ich meine vertragspflicht erfüllt habe und fertig bin. ich habe auf diesem arbeitsplatz sooo sehr gelitten. auch wenn ich das dröge hochschul-, verwaltungs- und wissenschafts-speak in den fast sieben monaten einigermaßen verstehen gelernt habe – so war ich doch bis zum schluss nicht darin heimisch und habe mich immer gefühlt wie auf einem giftgrünen planeten in einer feindlichen galaxie. jetzt darf ich wieder nach hause und bin erst einmal damit beschäftigt, den weg zu mir selbst zurück zu finden.

gleichzeitig bin ich stolz, eben WEIL ich durchgehalten habe bis zum schluss, meinen vertrag „ordentlich“ erfüllt: keine unnötigen krankheitszeiten produziert, bei aller not eine gute kollegin gewesen und korrekte arbeit abgeliefert sowieso – auch wenn ich mich dabei oft fast zu tode gelangweilt habe oder bis an die grenzen genervt war.

ich fühlte mich auch oft überfordert, weil es zwar jede menge arbeitsaufträge gab, aber fast keine einarbeitung: die informationen, die notwendig waren zur erledigung, die musste ich mir oft erst mühsam selbst beschaffen bzw. hellsehen. das war überaupt kein schönes arbeiten, weil meistens nicht einmal die auftraggeberInnen wussten, was genau zu tun war.

stolz und dankbar bin ich – in aller demut – dass ich das alles durchgehalten habe, ohne einen rückfall in den alkohol zu machen. das ist bei allem das wichtigste für mich – und die oberste bedingung, um meine jetzt neu wiedergewonnene „freiheit“ so gut wie möglich genießen zu können.

etwas angst ist gerade auch dabei, weil ich nach der sommerpause vorerst wieder nur von zu hause aus arbeiten werde, da ist auswärts noch nichts in sicht. das wird mir wahrscheinlich nicht ganz leicht fallen, dann wieder ohne spiegelung im außen leben zu müssen: niemand, der/die regelmäßig 'guten morgen' zu mir sagt und so'n zeug, was für „alle anderen“ ganz normal zum leben dazugehört. nichts wird passieren, das ich nicht selbst vorher geplant und organisiert habe.

statt dessen werde ich wieder tag und nacht den vermieter auf seinem akkordeon dudeln und dazu pseudomelodisch jaulen hören. weia. aber darüber kann ich immer noch jammern, wenn es dann so weit ist ;-)

fröhlich bin ich jetzt, und das ist wirklich wunderbar! das fühlt sich fast so unbeschwert an wie früher als kind, dieses jubelnde „die doofe schule ist aus! zeugnis ist gut! ein langer wilder sommer liegt vor mir!“

das ist und bleibt wohl immer die schwierigste und gleichzeitig schönste aufgabe in meinem leben: die zu werden und zu sein, die ich wirklich bin.

nun also zurück zu mir: freie radikale – mit allen vor- und allen nachteilen. yessss!


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Mittwoch, 7. Juli 2010

nach einem jahr ….

.... ist ....
.... ein besonderes ereignis?!

aber hallo, und ob! heute vor einem jahr hat mo jour das büro für besondere maßnahmen eröffnet. wir feiern also geburtstag, mit großem vergnügen und bei schönstem sommerwetter!

b-berg: sommergrün

an tagen wie heute erinnert mich die aussicht aus meinem bürofenster zweifellos an diesen standard-desktop von windoof: „grüne idylle“ heißt der. ihr wisst, was ich meine: genau so isses hier.

in meinem eröffnungsbeitrag vom siebten juli vor einem jahr war ich noch ziemlich schüchtern. schließlich hatte ich keine ahnung, was da auf mich zu kommt, wenn ich von jetzt auf gleich meine wörter ins WeltWeiteWeibernetz tröte. so ganz ohne vorankündigung. noch nicht einmal eine erlaubnis hatte ich mir eingeholt, kein formular ausgefüllt, keinen antrag gestellt. ich habe es einfach gemacht!

seither ist dieses weblog woche um woche an text, leserInnen, themen und intensität gewachsen: eine wöchentliche kolumne, so in etwa hatte ich mir das vorgestellt – den rahmen ganz vorsichtig abgesteckt, so dass ich auch meinen eigenen (viel zu oft viel zu perfektionistischen) ansprüchen würde gerecht werden können; um mich nicht selbst zu überfordern.

eine „milde wilde mischung“ hatte ich mir versprochen – und wenn ich zurückblicke auf dieses erste jahr, dann ist es genau das geworden. oh wie ich mich darüber freue!

nun habe ich mir selbst (und meinem geneigten publikum) gegenüber ein ganzes jahr lang wort gehalten. das macht mich froh, und es macht mich auch stolz. denn es zeigt, dass ich sehr wohl etwas aufbauen und durchhalten kann – wenn es nur das richtige ist!

natürlich, da habe ich sofort wieder diese böse alte stimme im ohr, die mir vorwirft: „nie bringst du was zu ende, ständig fängst du was neues an – nun mach doch erst mal das eine fertig .... und bleib‘ dann auch dabei!“ sie haben meine neugier, meine gier auf neues nicht ertragen, wollten mich kleinkariert und vorhersehbar, mich kontrollieren können.

aber ätschbätsch! nun habe ich etwas gefunden, wo ich jeden tag anders sein darf und doch immer ich selbst: ich schreibe mich in die welt. dabei darf ich sogar mich und meine meinung ändern! das tut so verdammt gut, dass ich mir kein schöneres mojour-geburtstagsgeschenk machen könnte, als mir vorzunehmen, genau so weiterzumachen!

mich zu ändern, das war mir verboten. ungefähr seitdem ich mit sechs in die schule kam und behauptet habe, lehrerin werden zu wollen. das hat der mutter gefallen, das war was solides, "vernünftiges". seither hat sie mich darauf festgenagelt. schonungslos. wie sie mich auf alles festgenagelt hat, was ich jemals tat oder äußerte, das ihre zustimmung fand.

wann immer wir uns sahen – und das war nach meinem auszug kurz nach meinem 18. geburtstag nicht mehr sehr oft – rief sie freudestrahlend „kind! du hast dich ja gar nicht verändert!“ für sie war das ein kompliment. für mich ein indiz, dass sie mal wieder weder richtig hinschaute noch zuhören wollte.

den führerschein gemacht? - kind, du hast dich ja gar nicht verändert!

das abitur bestens bestanden? - kind! du hast dich ja gar nicht verändert!

dreiviertel jahr weltreise durch südostasien, auf eigene faust und allein? - kind, du hast dich ja gar nicht verändert!

zum studium in eine andere stadt gezogen, ganz weit weg? - kind, du hast dich ja gar nicht verändert!

tausendmal unglücklich verliebt gewesen? - kind! du hast dich ja gar nicht verändert!

diverse jobs gemacht, um mein studium zu finanzieren? - kind! du hast dich ja gar nicht verändert!

zum weiteren studium in eine andere stadt gezogen, noch weiter weg? - kind, du hast dich ja gar nicht verändert!

anderthalb jahre in japan studiert? .... hah! auf keinen fall hätte ich es ertragen, wieder diesen standardsatz zu hören, der mich und meine seele gnadenlos in ihr kindchenschema presste und dort auf immer und ewig einbetonieren wollte. zumindest eine äußerlich unübersehbare veränderung musste her.

zwei tage vor dem rückflug ließ ich also in kyoto meine bernsteinfarbenen locken schwarz färben. kohlpechrabenblaujapanerschwarz! der friseur und alle seine mitarbeiterInnen rieten mir ab, weinten sogar und wollten mir meinen wunsch auf keinen fall erfüllen. ich redete in meinem schönsten kyoto-dialekt, dass ich innerlich schon längst eine japanerin sei und nun nur noch die äußere anpassung fehle ....

ihr seht, auch damals schon war ich fachfrau für besondere maßnahmen.

und was war? nach der landung in FfM besuchte ich gleich die mutter. sie hatte sich nach einer brustkrebs-op vorzeitig selbst aus der klinik entlassen. verantwortungslos! ihre begründung: sie wollte angeblich nicht, dass ich, kaum zurück auf wiedervereinigtem deutschen boden, als erstes in ein krankenhaus würde fahren müssen.

sie sah schlecht aus und schaffte es nicht, sich zu schonen. statt dessen versuchte sie, in ihrem garten bäume auszureißen, um den nachbarn zu imponieren. mir wäre sehr viel wohler gewesen, sie in ärztlicher obhut zu wissen.

diese mutter jedenfalls sah mich und meine schwarzen locken an, abschätzend mit kritisch strengem blick. dann sagte sie: „na, an die neue haarfarbe muss ich mich ja nun erst einmal gewöhnen. aber sonst hast du dich doch nicht verändert, oder?!“

vielleicht kommt ja daher mein bedürfnis, jeden tag auf alles mögliche mit einer anderen besonderen maßnahme reagieren zu dürfen, ohne dass mir jemand reinredet und von mir erwartet, dass ich mich auf keinen fall verändere. ich mach das einfach. das tut mir gut. das ist mo jour. mo jour ist jeden tag ein bißchen anders. und doch immer die gleiche. auch das ist eine besondere maßnahme!

dazu gratuliere ich mir mit 7-zwerge-kindersaft. auf in die nächste runde!


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Samstag, 19. Juni 2010

aushalten

obwohl ich seit fast elf jahren keinen schluck alkohol mehr getrunken habe, merke ich doch immer wieder, dass ich durch und durch ein süchtiger mensch bin.


wenn mir etwas nicht passt, dann gerate ich schnell an meine grenzen und ich weiß nicht, wie ich all das unangenehme unerträgliche auch nur fünf minuten länger aushalten soll.

früher tat es dann oft ein alkoholhaltiges getränk. die methode „jetzt brauch ich erst mal einen cognac“ half schon der achtzehnjährigen über aufregung, enttäuschung, langeweile, schrecken, wut, angst, müdigkeit, ekel oder unwohlsein hinweg und beruhigte meine flatternden nervenenden. zumindest zeitweilig. mehr als zwanzig jahre lang.

heutzutage, fast fünfzig, flattern meine nervenenden nicht weniger als damals. irgend etwas reizt mich immer, und ich sollte mich doch allmählich daran gewöhnt haben. habe ich aber nicht. äußere einflüsse können mich so sehr nerven, dass ich sogar von mir selbst genervt bin.

warum kann ich nicht einfach mal pflegeleicht sein und alles toll finden? kann ich aber scheinbar nicht, und deswegen führt für mich am ungeliebten aushalten kein weg vorbei.

wenn es etwas gäbe, das so wirkt wie alkohol – ohne abhängig zu machen mit der zeit – ich wäre sofort süchtig danach! das gibt es aber nicht, und auch deswegen führt für mich am ungeliebten aushalten kein weg vorbei.

die anonymen alkoholiker bitten in diesem fall den sogenannten lieben gott um ausreichend gelassenheit, dinge auszuhalten, die sie nicht ändern können.

gelassenheit ist eine gute sache. mit gelassenheit allein ist es bei mir aber nicht getan. für mich ist diese ständige aushalterei von irgend etwas unabänderbarem ein wahnsinns-balanceakt, der mich schier übermenschliche kräfte kostet.

schon damals im entzug sagte die mir wohl wollende sozialarbeiterin: „Sie werden viele pausen brauchen. es kann sehr anstrengend sein, etwas nicht zu tun.“ mit „nichts tun“ meinte sie „keinen alkohol trinken“.

also arbeite ich nicht nur an meiner gelassenheit, sondern auch an meiner kraft. kraft zum aushalten.

herablassende vorgesetzte, die in emails die betreffzeile zur befehlszeile umfunktionieren? aushalten.
täglich kopfschmerzen? aushalten.
angst, dass das auto oder sonstewas kaputtgeht und kein geld für eine reparatur da ist? aushalten.
tinnitus ohne pause? aushalten.
finanznöte, weil das amt mal wieder keine kapazitäten hat, anträge zeitnah zu bearbeiten und dann auch noch richtig zu rechnen? aushalten.
die einsamkeit einer freien radikalen? aushalten.
kein tag ohne tränen, seit jahren? aushalten.
entsetzliches akkordeongedudel mit vermietergejaule aus der wohnung unter mir? aushalten.
alpträume nacht für nacht? aushalten.

vor lauter aushalten und ausruhen vom aushalten komm ich dann kaum noch zu was anderem.

derzeit zum beispiel ist das so: ich weiß ja, dass es nur noch fünf wochen sind, dann darf ich aus meinem ungeliebten hochschulbüro wieder ausziehen. trotzdem fallen mir das hingehen, das dortsein von tag zu tag schwerer. aber ich halte aus.

nach vier stunden aushalten dort bin ich so erschöpft, dass ich – kaum daheim – dieselbe zeit an mittagschlaf brauche, um zu mir zurück und zumindest einigermaßen wieder in meine mitte zu finden. so viel kraft hat es mich gekostet. früher mal, da hätte mir der konsum von einem piccolöschen vorgegaukelt, wieder fit zu sein. in meiner trinkerinnenendzeit wäre es dann eher eine magnum gewesen als ein piccolo. aber das ist lange her.

auch früher schon habe ich solche jobs gemacht, nur für geld. da ging das aushalten noch ganz gut. zum einen hat mir damals der alkohol „geholfen“. der andere unterschied zu heute ist, dass diese jobs früher so gut bezahlt waren, dass ich nach zwei monaten aushalten anschließend mein semester damit finanzieren konnte oder eine weltreise.

da war noch hoffnung dabei. ich habe prioritäten gesetzt und verschiedenes ausgehalten, um etwas anderes zu erreichen und in der gewissheit, dass danach etwas besseres kommt.

heutzutage finanziert so eine arbeitsstelle noch nicht einmal mein existenzminimum – geschweige denn könnte ich etwas zurücklegen für ein besseres „danach“. keine hoffnung mehr. das ist das schlimmste.

ob es danach besser wird, wenn ich weiterhin brav aushalte bis zum schluss, nur meiner würde wegen: das kann ich natürlich jetzt noch nicht sagen.

aber eines weiß ich gewiss: es wird anders werden. und nur dann kann es auch besser werden.

also halte ich weiter aus, zähle jetzt die stunden rückwärts und bin schon unter hundert. jeden tag nach dienstschluss wird das maßband ein stück kürzer. der countdown läuft. die hoffnung stirbt zuletzt.


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Samstag, 1. Mai 2010

gedanken am tag der arbeit - eine hochschulsekretärin berichtet

sekretärin sein an einer hochschule in baden-württemberg, das ist für mich eine ganz ganz öde, inhaltsleere arbeit, bei der sehr viele qualitäten und kenntnisse vorausgesetzt werden - inklusive hellseherischer fähigkeiten.



von der struktur her ist die stelle so angelegt, dass man kaum jemals eine aufgabe konzentriert am stück erledigen und ‚abhaken‘ kann: es gestaltet sich als unendlich schwierig und langwieriges unterfangen, die für einen ablauf notwendigen informationen alle in akribischer detektivarbeit zusammenzutragen und geduldigst von den betreffenden einzuholen; darüber hinaus wird man ständig unterbrochen durch email, telefon oder publikum in der tür.

es wird eine ständige verfügbarkeit erwartet: ich bin dienerin für ein gutes dutzend verschiedener damen und herren sowie für ein paar hundert studierende. immer freundlich, immer aufmerksam, immer alles im blick und überblick, auf alles gefasst und auch für unvorhergesehenes kompetent. jedeR einzelne ist der meinung, dass ihre aufgaben und anfragen die allerwichtigsten sind und sofort – am besten vorgestern - erledigt werden müssen.

es gibt keinerlei erfolgserlebnisse, obwohl man den ganzen tag mit höchster konzentration beschäftigt ist und tausenderlei im kopf haben muss. ich weiß am abend nicht mehr, womit ich den tag eigentlich verbracht habe. außerdem muss ich so dermaßen viele dröge verwaltungsablaufdétails und deutschgraues vorschriftenchaos in meinen armen kopf hineinhämmern, dass mir ganz schwindlig und übel wird. ich verstopfe und lähme mein hirn tagsüber mit hohlem zeug – abends fühle ich mich ausgebrannt und leer!

die arbeit als „mädchen für alles und kindermädchen für alle“ macht mir keinerlei freude, ist langweilig und nervig. richtige pausen gibt es nicht, denn ein essen in der mensa schmeckt selten gut und findet in einer lärmenden, unruhigen atmosphäre statt, die überhaupt nicht erholsam ist. obendrein besteht eine mittagspause mit den kollegInnen meist in der verlagerung des arbeitsplatzes an einen anderen ort, weil wir dort arbeitsabläufe besprechen und für den arbeitsbetrieb wichtige informationen austauschen. trotzdem wird diese zeit natürlich als ‚pause‘ abgezogen, auch wenn ich erschöpfter an den arbeitsplatz zurückkehre, als ich vor dem essen ohnehin schon war.

es ist eine typische frauenstelle: ohne aussicht auf verbesserung und völlig perspektivlos, es werden umfangreiche qualifikationen und höchste einsatzbereitschaft abverlangt – bezahlt wird aber ein ‚tarif‘ der nur eine stufe höher liegt als der für eine ungelernte arbeitskraft. einige meiner kolleginnen dort sind examinierte lehrerinnen aus anderen (bundes-)ländern, die in BaWü nicht unterrichten dürfen. die meisten haben einen mehr oder weniger gut verdienenden (ehe-)mann, retten sich dort vor häuslicher langeweile und freuen sich über einen zuverdienst – müssen davon aber nicht ‚leben‘.

bei meinen 85% stellenumfang reicht das gehalt nicht einmal für meinen eigenen lebensunterhalt, so dass ich nebenher mich mit dem arbeitsamt um hartz4 streiten muss, damit mein verdienst aufs existenzminimum aufgestockt wird, weil ich sonst meine miete nicht pünktlich und regelmäßig zahlen kann. derzeit erhalte ich vom amt monatlich etwa 180 euro „aufstockendes arbeitslosengeld II“.

all das stresst mich dermaßen, dass meine freizeit nicht mehr ausreicht, um mich zu regenerieren. ich schlafe fast nicht mehr, habe u.a. alpträume, chronische kopfschmerzen und tinnitus. ich lebe mit einem ständigen emotionalen und stressbedingten „jetlag“: schon wenn ich aufstehe ist mir übel vor angst und ekel, ich fahre heulend zur arbeit und nach dienstschluss reicht meine contenance – wenn es gut geht – gerade bis ins auto, wo ich erst mal sitze, mich irgendwie beruhigen muss und ganz lange nicht losfahren kann. an schlechteren tagen reicht meine fassade nicht einmal bis zur stechuhr.

erst recht nicht reicht meine kraft dafür aus, (wie vom amt erwartet) nebenher weiteres geld zu verdienen, um finanziell unabhängig zu sein. ich bin ja schon froh, wenn ich nur meinen eigenen haushalt einigermaßen gedingelt kriege. nicht einmal für ausgleichende freizeitaktivitäten habe ich kraft oder kapazitäten (vom geld dafür ganz zu schweigen).

über all das hatte ich ja vor kurzem schon einmal hier berichtet. danach habe ich mit vielen menschen lange, unterstützende gespräche geführt, die dann zu einer entscheidung führten, die mir wirklich nicht leicht gefallen ist:

aus all den genannten gründen bin ich nicht bereit und auch gesundheitlich gar nicht in der lage, meine stelle auf dem kontingent von 85% weiter zu verlängern. meine ärztin hat im april symptome eines akuten burnouts diagnostiziert und möchte mich lieber heute als morgen krankschreiben. weder die kolleginnen noch die vorgesetzten aber haben etwas davon, wenn ich immer wieder krank werde und ausfalle – ich selbst schon gleich gar nicht.

um die vereinbarten 34 wochenstunden ohne krankheitsausfälle bis zum vertragsende ordentlich und in würde ableisten zu können, habe ich darum gebeten, die arbeitszeit auf vier arbeitstage legen zu dürfen, so dass in der wochenmitte ein tag frei bleibt zum luftholen. dies wurde mir von der institutsleitung erlaubt, dafür bin ich sehr dankbar.

eine weiterbeschäftigung unter den gegebenen bedingungen kommt für mich nur in frage, wenn die arbeitszeit auf zwanzig wochenstunden (und auch das arbeitspensum entsprechend) reduziert und auf drei, höchstens vier arbeitstage in der woche verteilt wird.

der dann noch niedrigere verdienst würde vom amt weiterhin auf das gesetzlich garantierte existenzminimum aufgestockt, so dass meine finanzielle situation sich kaum verändert, gleich ob ich 20 oder 34 stunden in der woche arbeite. der unterschied zur vollen arbeitslosigkeit beträgt in keinem fall wesentlich mehr als die zuverdienst-differenz eines ein-euro-jobs (maximal 160 euro monatlich) zu „nur-hartz-vier“.

der derzeitige stand der verhandlungen: eine verkürzung meiner arbeitszeit ist aufgrund der stellenstruktur (und dem wegen sparmaßnahmen drohenden verlust der restlichen stunden für die hochschule) nicht möglich.

weil mein entschluss ziemlich kurzfristig und sehr radikal ist, habe ich meinen vorgesetzten angeboten, bis zum ende des semesters zu bleiben und auf halber stelle zumindest das nötigste zu erledigen, so dass mehr zeit bleibt, eine geeignete nachfolgerin für mich zu finden – und nicht mein weggang zusätzlichen stress für die anderen sekretärinnen bedeutet, die ja ohnehin schon genug zu buckeln haben und meine aufgaben dann auch noch mit übernehmen müssten.

das entscheidende kriterium für meinen aufhör-entschluss war dieser eine augenblick, als ich mir erlaubte, mir einmal ganz intensiv vorzustellen, wie sich das anfühlt, wenn ich dort schon bald nicht mehr hin müsste: ein einziges aufatmen und lockerlassen ging durch meinen körper, meine seele konnte wieder lächeln – große linderung!

nun werde ich also die kommenden drei monate durchhalten irgendwie, freue mich auf die zeit ‚danach‘ - und habe gleichzeitig große angst davor, wieder zurück zu müssen in diese demütigende mühle von „hartz4-und-sonst-gar-nichts“.

aber vorher kommt ja noch die reha im sommer. yesss!


PS.
[aktualisiert juni 2013]
dringend wichtig, fast vergessen: es gibt bundesweit verschiedene initiativen, die sich für eine leistungsgerechte(re) bezahlung von hochschulsekretärinnen einsetzen. diese sind teilweise von ver.di, teils hochschulintern organisiert.
die umfassendsten information habe ich bei der Heidelberger Sekretärinnen Initiative Excellent gefunden. reinschauen lohnt sich!
da ist also einiges im gange, zumindest was die bezahlung angeht.



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Mittwoch, 14. April 2010

kollateralschaden oder „100 tage im amt“

"eigentlich wollte ich nur einen brief zum postkasten bringen. aber dann bin ich aus versehen nach paris gefahren. so fertig war ich mit den nerven."


das wäre eine nette geschichte geworden! aber nein. leider ist meine realität nicht so poetisch. es war kein brief, sondern die caffetiera. ich bin auch nicht nach paris gefahren, sondern ich habe das ceranfeld zertrümmert.

es ist mir noch nie gelungen, wirklich auszubrechen und alles hinter mir zu lassen. statt dessen mache ich irgendeinen unfug, dessen negative auswirkungen nur ich selbst zu spüren bekomme. nach außen hin funktioniere ich bestens, bin immer freundlich und adrett. innerlich zerfleischt es mich.

ich bin fertig mit den nerven, das ist das einzige was stimmt: ich wußte nicht, wohin mit meiner anspannung, mit meinen kopfschmerzen, mit meiner wut, mit meinem tinnitus, mit meiner verzweiflung, mit meiner angst.

jetzt kann ich nichts mehr kochen auf dem herd. aber die caffetiera ist heile geblieben. das ist gut, denn die benutze ich auf dem gaskocher, nicht elektrisch. meine kontinuierliche versorgung mit milchkaffee in ausreichender dosis ist also gewährleistet.

derzeit geht es bei mir um die große frage: „tu ich‘s – oder tu ich‘s nicht“. ich stelle fest: manchmal kann eine besondere maßnahme auch darin bestehen, etwas nicht zu tun. das dumme ist, dass – egal ob ich es tue oder nicht tue – in beiden fällen die aussichten sehr schlecht sind für mich.

es geht um meinen arbeitsplatz. der vertrag ist ja befristet bis ende mai. von anfang an habe ich mich da nicht wohl gefühlt. ich habe mir große mühe gegeben, mich einzuarbeiten, mich einzupassen, mich zu gewöhnen, meinen kopf auszuschalten. es geht nicht.

dabei kann ich noch nicht einmal sagen, was es genau ist, das mich da so fertig macht. genau so wenig, wie ich sagen kann, was ich eigentlich zu tun habe. ich bin in diesem büro nicht nur mädchen für alles, sondern scheinbar auch kindermädchen für alle. dabei hatte ich anfangs gedacht, ich hätte es mit erwachsenen menschen zu tun.

den ganzen tag bin ich mit entfremdeter arbeit beschäftigt. tue nur dinge, die andere für wichtig halten, wann sie es für wichtig halten und wie sie es für wichtig halten. alles muss am besten vorgestern schon erledigt sein. es gibt keinerlei inhalte. nur einen großen grauen mausetoten verwaltungsapparat, den ich bedienen muss. bloß ohne bedienungsanleitung.

fast alles muss ich selbst herausfinden. sehr kafkaesk. ich weiß nie, ob meine arbeit nun gut ist oder richtig oder angemessen oder vielleicht voll daneben? das bewirkt bei mir ein ständiges gefühl der überforderung. ich kann nicht hellsehen, aber es wird scheinbar erwartet.

fachlich bin ich komplett unterfordert, was auf eine paradoxe weise zu meiner überforderung beiträgt. ich darf nicht selbst denken wollen. nur schreckliche verwaltungsformulare am computer ausfüllen, zeugs fotokopieren, post hin und her tragen, fremder leute texte tippen.

ich muss mich sehr verarmen, um diese arbeit tun zu können. es gibt nicht fünf minuten am tag, die mir auch nur ansatzweise spaß machen. es gibt keine erfolgserlebnisse, dafür jede menge druck. es ist ein hamsterrad im knast, die pädagogische horrorschule. es zerquält mich.

es gibt auch keine echte pause. die mittagszeit wird zwar von der arbeitszeit abgezogen, aber das essen mit kollegInnen ist reden über die arbeit, in der mensa: ohrenbetäubender lärm, es riecht nicht gut und schmeckt selten. keine erholung, sondern zusätzliche belastung.

in den ersten wochen habe ich so dermaßen mit den zähnen geknirscht vor anspannung und wut und frust, dass mir drei kronen abgeplatzt sind. das war kein spaß, aber teuer.

derzeit fahre ich jeden morgen heulend zur arbeit. schminke ich mich neu, vor dem aussteigen. im rückspiegel. wenn ich gut bin, halte ich ohne tränen durch bis zum feierabend. dann reicht meine contenance so gerade eben noch, bis ich wieder im auto sitze. ganz lange kann ich nicht losfahren, weil es mich so sehr weint und schüttelt.

meine freie zeit reicht nicht aus, um abzuschalten und wieder runterzukommen. mein seelischer jet-lag wächst täglich, ebenso als entspannungsphantasie die vodka-flasche vor meinem inneren geistigen auge. die frage „tu ich‘s – oder tu ich‘s nicht“ bekommt einen erschreckend lebensbedrohlichen aspekt.

vor wochen schon bin ich gefragt worden, ob ich bleiben und den vertrag verlängern möchte, bis anfang 2012. das wäre eine aussicht auf fast zwei jahre regelmäßiges einkommen! pünktlich die miete zahlen können! so viel sicherheit hatte ich noch nie zuvor in meinem leben.

leider ist die bezahlung so dermaßen grottenschlecht, dass ich monat für monat noch 200 euro vom hartz-amt dazu kriege, um auf mein existenzminimum zu kommen. zusätzlich habe ich nun fast 1000 euro schulden mehr, weil ich für januar angeblich doppeltes geld bekommen habe. das ist eine seltsame amtslogik und rechtlich abgesichert. meine situation verbessert sich dadurch nicht.

als ich im märz gefragt wurde, ob ich bleiben möchte, war ich natürlich erst einmal erfreut. und geschmeichelt. schließlich war das die erste positive reaktion auf meine arbeit dort nach mehr als zwei monaten, mein erstes feedback. wenn sie mich behalten wollen, muss meine arbeit doch ganz in ordnung sein.

wenn ich bleibe, habe ich gefragt, könnte ich dann meine stundenzahl reduzieren? weil mir sonst die kraft zum leben vollends abhanden kommt. das ist leider nicht möglich. ich habe trotzdem zugesagt. nun liegt der vertrag zur unterschrift bereit, und ich weiß nicht mehr, was ich tun soll.

unterschreibe ich, mache ich mich auf dauer unglücklich und riskiere obendrein meine gesundheit, meinen klaren kopf. ganz schlecht.

unterschreibe ich nicht, bin ich bald wieder voll in hartz4. auch ganz schlecht.

vorgestern habe ich bei der ard fernsehlotterie gewonnen. der gewinn ist einer hartz4-aufstockerin angemessen: zehn deutsche euro (das ist seit jahren mein monatlicher einsatz). die darf ich behalten. aber sie reichen nicht einmal für die reparatur des ceranfelds. erst recht nicht für eine fahrkarte nach paris.


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Sonntag, 31. Januar 2010

working poor?

hatte ich neulich noch ganz zuversichtlich geschrieben, dass der lohn auf meiner neuen stelle am monatsende zumindest für die miete reichen würde, belehrt mich nun die realität eines besseren:



das monatsende ist da. das monatsgeld ist nicht da. ich kann also morgen, am nächsten monatsersten, meine miete – mal wieder – nicht bezahlen.

dass mein neuer lohn nicht besonders viel sein und kaum zum leben reichen würde, das war mir schon klar: ich hatte ausgerechnet, dass der nettolohn aus meiner 85%-stelle weit unter dem betrag liegen wird, den ich vor rund zehn jahren als arbeitslosengeld aus einer halben stelle erhalten hatte.

nun gut, es ist meine entscheidung, dass ich mich darauf eingelassen habe – denn es ist alles besser als arbeitslos oder prekär selbständig zu sein. ich habe es auch gut getroffen: ein eigenes büro, ausreichend geheizt, sehr humane arbeits- und regelmäßige freizeiten, freundliche gebildete menschen um mich herum. ich stehe nicht irgendwo an einem fließband, nicht in einer lauten zugigen fabrikhalle, ich muss nicht im akkord eklige schweinswurst in plastik verpacken und es gibt auch keinen widerlichen chef, der nach dem falschen rasierwasser stinkt und meint, ausgerechnet mir erklären zu müssen, wo‘s im leben lang geht. ich muss noch nicht einmal eine uniform tragen.

also kein grund zum jammern, im grunde.
aber wovon soll ich leben, wenn mir kein geld gezahlt wird? wie soll ich arbeiten, wenn ich mir nichts zum essen kaufen kann?

das arbeitslosenamt weigert sich vorläufig, mir auch nur einen weiteren cent zu zahlen. die schreiben mir – im demütigenden kasernenton, wie immer – dass sie in meiner angelegenheit keinen finger mehr rühren geschweige denn irgend etwas ausrechnen und erst recht kein geld bezahlen werden, bevor ich nicht abrechnung des arbeitgebers und kontoauszüge mit nachweis über zeitpunkt und höhe des geldeingangs vorgelegt habe. es gibt aber keinen geldeingang bislang. was soll ich also vorlegen? was bin ich auch so dumm, unbedingt arbeiten zu wollen!

der gehaltsabrechner von meiner arbeitgeberin heißt „landesamt für besoldung und versorgung“. ich erhalte von dort auch keinen lohn oder gar ein gehalt. nein. ich beziehe bezüge. wie beim bettwäschewechsel. es ist mir egal, wie sie es nennen. hauptsache, die bezahlung für die von mir geleistete arbeit wird korrekt berechnet und pünktlich ausgezahlt in deutschen euro. denn auch eine nichtsoldatin will gut besoldet und versorgt sein.

gerade das aber scheint das amt nicht als seine oberste pflicht anzusehen, sondern eher dafür zuständig zu sein, für das land geld zu sparen, indem es fällige zahlungen möglichst lange hinauszögert:

ich hatte alle papiere und anträge und formulare und eidesstattliche versicherungen etcpp rechtzeitig und vollständig abgegeben und eingereicht. ich war ganz brav, wirklich. obwohl mir der im schrecklichsten amtsdeutsch abgefasste papierkram sehr suspekt war. ich habe mich verbissen durchgebissen und war ohne einschränkung kooperativ.

dann kam die erste verdienstbescheinigung mit einem vorläufigen nettolohn, der weit unter meinem hartz4 geld lag – inklusive der aufforderung, doch gefälligst endlich meine lohnsteuerkarte einzureichen. ich verstand es nicht. die lohnsteuerkarte hatte ich mit allem anderen gleichzeitig abgegeben.

ich rief an bei frau landesverzögerungsamt. sie teilte mir mit, dass all meine schön sortierten papiere am posteingang erst einmal auseinander gerissen und in die einzelnen mehr oder weniger zuständigen landesbesorgungsamtsabteilungen verteilt werden. aha.

und die lohnsteuerkarte? die musste erst eingescannt werden, da gab es wohl einen stau am scanner, weil dort viel betrieb sei wegen der häufung neuer lohnsteuerkarten zum jahresanfang. jedenfalls habe sie selbige noch nicht erhalten aber da, in der ferne, ja das könnte sie sein …

aha. das schwäbische erbsenzähleramt verschlampt also meine unterlagen im scannerstau und dann wird natürlich mir unterstellt, dass ich dafür verantwortlich sei. *grmblfx*. nicht ärgern, kleine mo! in fast fünfzig jahren bundesrepublik deutschland hattest du zeit genug, zu lernen, dass ein deutsches amt keinen fehler macht, ja geradezu übermenschlich fehlerfrei ist!

ich fühle mich wie kafkas kleine schwester, verloren im großen grauen schloss. leere gänge, verschlossene türen. vergebliches warten. hin und her und auf und ab. niemand zuständig.

frau landesbesorgungsamt machte mir schließlich ein huldvolles angebot, das weit hinter ihren eigentlichen pflichten zurückblieb: mir des gehalt anhand der nun doch vorliegenden lohnsteuerkarte noch einmal neu zu berechnen und die mir zustehende differenz dann im nächsten monat mit auszuzahlen.

im nächsten monat?! aber gnädige frau! hartz4 ist schon zum leben zu wenig. aber ein arbeitslohn, der fast fünfzig prozent darunter liegt?! ich soll dem land ein zinsloses darlehen gewähren?! ich habe korrekt gearbeitet und erwarte dafür auch eine korrekte bezahlung!

sie hatte ein noch huldvolleres einsehen und bot mir an, den mir zustehenden differenzbetrag als abschlag noch vor monatsende zu überweisen. das war vor zehn tagen. ich habe auch eine schriftliche bestätigung erhalten. bloß das geld nicht.

die von mir angegebene bankverbindung habe ich ein halbes dutzend mal nachkontrolliert. aus angst, dass der fehler vielleicht doch bei mir liegen könnte. aber so oft ich auch die zahlen vergleiche: sie bleiben korrekt. der ausbleibende geldeingang ist nicht korrekt.

ist das die strafe dafür, dass ich gewagt habe, bei einem deutschen amt vorzusprechen und auf einen fehler hinzuweisen? neinneinnein, die meinen das nicht persönlich. deutsche ämter sind einfach so. ich muss acht geben, dass ich nicht zu allem anderen auch noch einen verfolgungswahn entwickle.

geld ist jedenfalls keins mehr da.
mein dispo ist weit überzogen, wie immer.
ich knirsche mit den zähnen vor wut und angst und verzweiflung.
was sage ich bloß meinem arroganten spießervermieter?
es schnürt mir die luft ab.
ich hoffe auf morgen.
oder übermorgen.
still halten. nicht aufregen.
tief durchatmen.
geduld haben.
jetzt bloß nicht rückfällig werden.
ich habe schon schlimmeres überstanden ...


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Samstag, 16. Januar 2010

working class girl

diesmal habe ich euch lange warten lange warten lange warten lassen auf einen neuen text. und das, obwohl die abstimmung fürs bloggermädchen läuft und ich doch ‚eigentlich‘ produzieren müsste was das zeug hält, um einen guten eindruck zu machen.



ich konnte nicht. ich war eingeschneit und ausgeflogen. ich hatte keine kraft. geschweige denn muße für einen auch nur halbwegs kreativen text. in dieser woche war nix mit „regelmäßiger mittwochskolumne“. kann sein, dass ich meine kreativen wesensanteile dauerhaft auf das wochenende verschieben werde.

aber nun kommt‘s. der bericht nach den ersten zwei wochen „mo jour im selbstversuch als hochschulsekretärin“. „wie isses denn so?“, werde ich immer wieder gefragt in diesen tagen. so isses:

seit anfang des jahres stecke ich in einer fast vollzeit-stelle und bin mit entfremdeter arbeit beschäftigt. die umstellung zu meinem früheren – wenn auch hartzig, so doch – selbstbestimmten leben ist gewaltig. will sagen: ich verbringe einen großen teil meiner lebenszeit und energie darauf, dinge zu erledigen, die andere für wichtig halten, und das auch noch in deren rhythmus und tempo. ich teile das schicksal von vielen millionen menschen hier und sonstewo auf der welt. im grunde also nix besonderes. für mich aber ist es doch neu:

diese umstellung ist so gewaltig für mich, dass mir schier schwindlig wird. alles zerrt an mir herum, ich fühle mich wie in einer zentrifuge, finde überhaupt keine zeit mehr zum 'verarbeiten' von all dem neuen und schlafe fast gar nicht, weil mein kopf nicht zur ruhe kommt. ich bin müde, so müde, so dermaßen ‚außermir‘ - dass ich das gefühl habe, mich ständig in einem parallel-universum zu bewegen. das bin ich nicht. aber das bin ich doch! es fühlt sich alles so unecht an, so surreal.

obendrein habe ich noch allerlei „altlasten“ aus meinem vorigen leben. da das ‚ehrenhalber‘ fast nur aus erwachsenenbildung bestand, habe ich in diesem monat zusätzlich zum ‚dienst am land‘ (yess, ich bin jetzt teilzeit-bedienstet, samt eid und angemeldeter nebenbeschäftigung!) - fast jeden abend in der woche eine veranstaltung an der backe. kurse, gruppen, seminare. das kann und will ich jetzt nicht einfach absagen. was ich begonnen habe, möchte ich gut zu ende bringen.

diese abendgeschichten waren mir früher rettung aus isolation und dringend wichtiges mini-zubrot zum arbeitslosengeld. in der jetzt neuen situation aber empfinde ich sie wie eine last, die mir kräfte raubt, die ich gar nicht mehr habe.

die derzeitige witterung tut ein übriges und erleichtert mir die umstellung keineswegs. ich habe ja schon mal geschrieben, dass ich schnee nicht leiden kann. schnee macht mir angst und panik, raubt mir den atem. ich fühle mich beklemmt, kriege keine luft mehr. ich bin fast erstickt im schnee, früher mal, aber das ist es nicht allein. ich fühle schnee grausam und bedrohlich: schnatterkalt, grellhell, knallhart mit scharfen, gefährlichen eiskanten. schnee und eis rauben mir den boden unter den füßen, weil ich wie auf eiern laufen muss. sie rauben mir meine welt, weil nix mehr so aussieht wie es ist. ich verliere alle sicherheit. am liebsten würde ich mir den bauch mit tannennadeln vollschlagen, mich in den winterschlaf kuscheln unter dem gut geheizten kachelofen und erst dann wieder aufwachen müssen, wenn die temperaturen draußen konstant über 20 °C liegen.

es geht mir – körperlich, energetisch - also noch gar nicht so gut zur zeit. und doch gibt es auch ganz wunderbare neue aspekte: sehr schönes, warmes, von dem ich unbedingt noch berichten will jetzt:

ich bemerke sehr wohl, dass mir die neue arbeit auch kraft gibt. es ist, als sei ich aus gefühlten hundert jahren tiefschlaf der arbeitslosen einsamkeit erwacht – da ist es wohl kein wunder, wenn ich anfangs noch etwas benommen bin.

vielleicht ist es das größte verbrechen der neuzeit, menschen überhaupt arbeitslos werden zu lassen. die tatsache, dass so viele einzelne dann nicht mehr eingebunden sind in den kreislauf von kreation und rekreation, von produktion und reproduktion, dass es morgens keinen wirklichen grund mehr gibt, aufzustehen, dass man nur noch geld ausgeben kann, aber keines mehr verdienen darf – dass man obendrein noch gedemütigt und als schmarotzerIn beschimpft wird, der/die gar nicht arbeiten will – all das hinterlässt tiefe spuren und wunden im menschen und damit auch in der gesellschaft, die vielleicht nie wieder heilen werden.

ich jedenfalls genieße es sehr, wieder täglich mit einem freundlichen ‚guten morgen‘ begrüßt zu werden, und das gleich mehrfach! ich freue mich unendlich, wenn menschen mich anlächeln, sobald sie mich sehen, dass sie danke sagen, wenn ich eine aufgabe gut erledigt habe, dass neben allem fremdneuanstrengenden auch immer noch zeit ist für eine tasse tee und einen kurzen plausch mit kollegInnen, die mich auf jede nur erdenkliche art unterstützen. ich bin tief dankbar, dass ich wieder regelmäßig menschen um mich habe – mit all ihren verschiedenen, schönen und schrulligen eigenheiten, und dass am monatsende das geld zumindest für die miete reichen wird.

es fühlt sich alles sehr lebendig an!


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Mittwoch, 16. Dezember 2009

wunder no. 2: rücke vor auf los

.... und ziehe monatlich deutsche euro 1000 ein!

es wird sogar ein bißchen mehr sein als das, auch netto noch. die stelle von neulich – die nach dem fiesen bewerbungsgespräch: ich habe sie doch noch gekriegt! die erste wahl hat etwas besseres gefunden und wieder abgesagt. ganz kurzfristig rief es mich an, das personalbüro aus der hochschule meines vertrauens: ob ich die sekretariatsstelle noch machen wolle. ich habe mir fünf tage bedenkzeit erbeten, mit gefühlten dreiundneunzig menschen lang und ausgiebig darüber gesprochen und diskutiert und therapiert und mich dann dafür entschieden.




nun fasse ich es noch gar nicht: vor mir auf dem arbeitstisch in meinem büro für besondere maßnahmen liegt ein unterschriebener arbeitsvertrag: 85 % teilzeit. befristet für knappe fünf monate, beginnend mit dem ersten januar 2010. tausenderlei formulare und erklärungen und belehrungen wollen noch ausgefüllt und unterschrieben und wieder zurückgegeben, diverse atteste und bescheinungen eingeholt und abgegeben sein.

ich habe es noch gar nicht alles genau durchgelesen. aber ich glaube, irgendwo muss ich auch bestätigen, dass ich keine schläferin bin.

so kompliziert wie diesmal war es für mich noch nie, eine arbeit zu beginnen! meistens waren die menschen froh, wenn ich für sie arbeiten wollte, und ich habe nach einer kurzen besprechung einfach irgendwie angefangen und irgendwann ein honorar gekriegt. verträge gab es nur selten. der letzte vertrag, den ich unterschreiben durfte, war der rahmenvertrag beim öffentlich rechtlichen rundfunk.

der öffentlich rechtliche rahmen besagte, dass ich bereit war, mich unbegrenzt totzuarbeiten, ohne daraus jemals irgendeinen rechtsanspruch auf eine feste anstellung ableiten zu können. andererseits war der arbeitgeber nicht verpflichtet, mir aufträge zu erteilen. top & go! ich konnte also nie im voraus wissen, ob die honorare reichen würden für die miete am monatsende. es hing ja auch noch davon ab, ob die redaktionsassistentin alles korrekt und rechtzeitig abrechnete. ich erinnere mich an viele viele male, wo ich meinen netten berliner vermieter um einen aufschub bat. er zeigte jedes mal verständnis. dennoch war mir das jedes mal auch unendlich peinlich.

das wird jetzt anders, und diese aussicht erscheint mir wie die reinste erholung! ich darf genau 33,58 stunden in der woche arbeiten. diese zeit wird mir bezahlt, egal ob zu tun ist oder nicht. wenn weniger zu tun ist, kann ich im büro sitzen bleiben und gute laune verbreiten. wenn länger zu tun ist, kriege ich dafür freie zeit an anderer stelle.

überhaupt das allerbeste: geregelte arbeitszeiten! keine späten überstunden, keine nachtschichten, keine wochenenddienste. ich bin entzückt! das bedeutet auch: ich habe geregelte freizeit! das ist echte wertvolle freie zeit dann! denn: wenn eine weniger freie zeit hat, dann ist sie auch mehr wert.

etwas vergleichbares hatte ich zuletzt anfang der neunziger jahre. damals war ich für ein paar monate als bürokraft in einer zeitarbeitsfirma angestellt. die haben mich auf jobs geschickt von der schreibstubenmieze bei der bank meines misstrauens bis hin zur chefsekretärin im mittelstand. der mittelstandschef hätte mich damals gerne behalten. das ging natürlich nicht, denn ich musste doch erst noch rundfunkredakteurin werden und den dalai lama interviewen.

jetzt bin ich als journalistin endgültig gescheitert und kehre zur sekretärin zurück. daher trete ich die stelle mit sehr gemischten gefühlen an, denn es ist für mich auch ein - zumindest zweitweilig empfundener - gesellschaftlicher, ein sozialer abstieg damit verbunden. nicht, dass ich jemals das gefühl gehabt hätte, oben gewesen zu sein! ich doch nicht. und doch ….

der tarif für den öffentlichen dienst ist so mager, dass ich weiterhin beim hartzamt aufstocken muss, um auf mein existenzminimum zu kommen. das werde ich dann auch tun. obwohl es mir sehr schwer fallen wird, den gepflegten damen im personalamt die entsprechenden vordrucke zum ausfüllen zu geben. wer in diesem land will, worauf er einen gesetzlichen anspruch hat, muss sich was schämen und demütig katzbuckeln. ich werd's überleben und gegebenenfalls darüber berichten.

mein traumjob ist das also leider nicht, was da nun auf mich zukommt. trotzdem freue ich mich natürlich. dieser arbeitsvertrag wirkt besser als jedes pharmazeutische antidrepessivum. nach neun langen jahren ohne versicherungspflichtige beschäftigung (vom minimum für die künstlersozialkasse einmal abgesehen) werde ich wieder ein fast vollwertiges mitglied der bürgerlichen gesellschaft sein: zu 85 prozent, um genau zu sein. yeah! hosianna! zündet die lichter an!

meine vielen ehrenämter, die ich mir in all den jahren als daseinsberechtigung zugelegt habe, werde ich dann peu á abgeben und zurückfahren. die kostenlosen übersetzungen für das kinderhilfswerk, stapelweise: canceln! ehrenamtliche seminare in projektmanagement für nen appel ohne ei: canceln! die geschäftsführung eines gemeinnützigen vereins: minimieren! keine vorträge mehr ohne honorar. schluss mit der sittenwidrigen selbstausbeutung!

bloß meine abendkurse an der volkshochschule zweimal im jahr, die werde ich weiter machen. denn die sind zwar auch schlecht bezahlt, aber energetisch das reinste honigbonbon für mein herz.

ach ja, das büro für besondere maßnahmen bleibt natürlich geöffnet. mo jour wird nur zeitweilig die perspektive wechseln und über andere aussichten berichten.

gefeiert haben wir gestern abend übrigens auch schon, die teure treue freundin und ich: mit rosenblütenbiozisch. das kann ich sehr empfehlen!


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Mittwoch, 11. November 2009

besondere maßnahmen VII – gehe zurück auf los

.... und ziehe nicht monatlich deutsche euro 1000 ein!

mit gut 1500 euro brutto dotiert war die sekretärinnen-stelle, auf die ich mich kürzlich beworben habe. öffentlicher dienst, 85 % teilzeit. zunächst befristet auf viereinhalb monate. nach abzug aller steuern, abgaben und sozialversicherungen wären davon rund zwei drittel übrig geblieben. kaum mehr als mein arbeitslosengeld, aber immerhin.



um es vorweg zu nehmen: ich habe die stelle nicht gekriegt. einmal mehr heißt es also für mich: ätschbätsch! vergeblich bemüht, umsonst gehofft – alles bleibt wie es ist. es ist nicht einmal der hauch der idee einer ahnung von besserung meiner derzeitig prekären lage in sicht.

ich war eingeladen! diese unerhörte ehre ist mir in den jahren seit meinem vierzigsten geburtstag nur ganz ganz selten widerfahren. das letzte persönliche bewerbungsgespräch liegt mehr als vierzehn monate zurück.

damals hatte ich sogar eine mündliche zusage für eine der drei neu zu besetzenden stellen erhalten. wochen später lag dann doch wieder nur der ungeliebte große umschlag mit nichtssagender standardabsage im briefkasten. haha – reingefallen! auf mündliche absprachen kann man sich doch heutzutage nicht mehr verlassen, du dummerchen!

diesmal waren außer mir nur zwei andere kandidatInnen eingeladen. die derzeitige stelleninhaberin ist eine bekannte von mir. sie wird zum jahresende die stadt verlassen, hatte mir den tipp gegeben, mich zu bewerben und mich sogar ihren vorgesetzten empfohlen – da hatte ich mir realistische chancen ausgerechnet.

in den schönsten farben hatte ich mir ausgemalt, wie schön das sein könnte, nach all den jahren wieder finanziell unabhängig zu sein und nicht mehr zu diesem blöden hartz-amt zu müssen. wenn zwar auch weiterhin sparsam, so doch selbst über mein geld entscheiden zu können!

auch wenn ich dort kaum mehr verdient hätte als mein arbeitslosengeld: abzüglich der dann fälligen fahrtkosten, GEZgebühren und höherer krankenkassenzuzahlung hätte ich sogar einiges weniger gehabt als jetzt. aber egal! ich will arbeiten! für geld!

im gespräch fand ich mich gut: angemessen souverän, nicht zu dick aufgetragen, meine hochbegabung nicht raushängen lassen. immer gut blickkontakt gehalten, auch mal gelacht, bei fangfragen weder patzig geworden noch aufmüpfig.

tja. ich war wohl gut – aber nicht gut genug.

fairerweise kam die telefonische absage noch am selben tag. man habe lange diskutiert und die entscheidung sei sehr schwer, dann aber doch auf die mitbewerberin gefallen: weil die mehr 'vom fach' sei.

aha. mal wieder so eine typisch deutsche absage: wer einen schein hat mit stempel drauf gilt als 'vom fach'. jahrzehntelange erfolgreiche erfahrung ohne schein mit stempel gilt nicht als 'vom fach'.

am telefon habe ich mich noch sehr zusammengerissen. diese eiskalte personalerblondine wollte ich auf keinen fall merken lassen, wie sehr ihre absage mich in einen abgrund der hoffnungslosigkeit stürzte. ich blieb höflich, korrekt und freundlich, bedankte mich sogar für den schnellen bescheid und die persönlichen worte.

nachdem ich das telefon abgestellt hatte, ging gar nix mehr. meine perspektive war futsch, meine façon auch und ich habe den nachmittag, den abend und die nacht durchgeheult. bin mit tränen im gesicht wach geworden und habe mir den frühstückskaffee versalzen.

soll ja ganz gut sein, wenn man gleich weinen kann, weil es den ganzen psychostressdreck rausspült aus körper und seele. bloß ist in meinem leben schon seit langem immer so dermaßen viel psychostress, dass ich mich innerhalb der letzen jahre nicht an einzigen tag erinnern kann, an dem ich nicht zumindest eine zeitlang heulend in der ecke gesessen wäre. oft waren es eher zwei zeiten lang oder mehr.

so viel augenantifaltencrème kann ich gar nicht benutzen, um diese tränensäcke jemals wieder auszubügeln. hartz4 macht häßlich!

im lauf des vormittags spürte ich, wie meine verzweifelte enttäuschung sich allmählich in wut verwandelte. wie konnten die sich das nur entgehen lassen?! diese einmalige chance?! mich hochqualifiziertes goldschatzstück zu einem solchen dumpinglohn?! pah! selber schuld!!

jetzt, aus etwa dreißig stunden abstand betrachtet, war dieses bewerbungsgespräch eines der fiesesten, die ich jemals erlebt habe.

habe ich eigentlich schon erwähnt, dass ich mich auf ein hochschul-sekretariat mit publikumsverkehr beworben habe? dass in der 'prüfungskommission' zwei lehrstuhlinhaberinnen, die personalerchefin und eine personalrätin saßen?

die vier haben es nicht einmal gemeinsam geschafft, mir auch nur ansatzweise mitzuteilen, welche aufgaben ich dort eigentlich zu erfüllen gehabt hätte. es gab nicht eine einzige frage, in der eindeutig nach für die zu besetzende stelle notwendigen qualifikationen gefragt wurde.

statt dessen spielten sie mit mir spekulatives stehgreiftheater:

„stellen Sie sich vor, Sie kommen an ihrem ersten arbeitstag hierher und niemand ist da. die ganze hoschschule ist leer. wie kommen Sie an die informationen, die Sie brauchen, um Ihre arbeit zu erledigen?“ wie bereits gesagt, man hatte mir weder mitgeteilt, was denn meine arbeit eigentlich sei – noch wie die aufgaben unter den insgesamt drei fakultätssekretärinnen aufgeteilt sind.

ich sagte nicht, dass ich wohl kaum ins gebäude reingekommen wäre, wenn nicht einmal der hausmeister da wäre. ich habe auch nicht gesagt, dass ich mich dann erst mal hinsetze und in meinem eigenen kalender nachschaue, ob ich mich vielleicht im datum geirrt haben könnte und aus versehen an einem sonntag gekommen bin. erst recht nicht habe ich gesagt, dass ich mir dann erst mal nen kaffee kochen, ne halbe stunde warte, ob noch jemand kommt und – wenn das nicht der fall sei, stinkesauer wieder heimgehen würde. unausgesprochen blieb auch, dass ich es für ausgesprochen unkollegial hielte, mich an meinem ersten arbeitstag ohne einarbeitung so dermaßen auflaufen zu lassen. für mich wäre das ein kündigungsgrund.

„was tun Sie, wenn einer der professoren Sie unangemessen laut und ungerecht vor anderen herunterputzt und niederbrüllt?“ - „wie gehen Sie damit um, wenn eine professorin merkt, dass Sie gerne texten und Ihnen immer öfter solche aufgaben überlässt? zusätzlich?“ - „was machen Sie, wenn dann auch die kollegin merkt, dass Sie das gut machen und neidisch wird, weil Sie bei den professoren so gut dastehen?“

solcherlei fragen ließen mich vermuten, dass es sich bei der ganzen abteilung in der tat um einen ziemlich unkollegialen haufen durchsetzungsunfähiger profilneurotiker und pädagogisch wertloser choleriker handelt. insgesamt hatte ich den eindruck, dass hier nicht eine sekretärin gesucht wurde, sondern eine konfliktmanagerin und mediatorin, die den kommunikationsstau gegen größte widerstände wieder in fluss bringen soll.

„.... und wenn die kollegin Ihnen dann auch noch textaufgaben zuschustert, weil Sie weiß, dass Sie das gut können und sie selbst macht es nicht so gerne?“ - „.... und wenn Sie so viel texten, was ja keine klassische sekretariatsaufgabe wäre – würden Sie dann nicht mehr geld haben wollen?!“ - ja wie jetzt?! ziehen die mir geld ab, wenn ich mal zwei stunden mit niederqualifiziertem fotokopieren zubringen muss?!

„.... es wird niemand mehr da sein, der Sie einarbeiten kann, wenn Sie im januar hier anfangen. wären Sie bereit, im monat vorher 'sich einzubringen' (ohne bezahlung versteht sich!) und sich das wichtigste zeigen zu lassen?“

ja. gegen jede überzeugung, dass einarbeitung zur arbeitszeit gehört: ich wäre dazu bereit gewesen, als diese frage im bewerbungsgespräch gestellt wurde. ich wollte die stelle. ich wollte arbeiten.

aber jetzt, nachdem ich mich noch einmal gut sortiert und alles revue habe passieren lassen, bin ich geradezu dankbar, dass ich diesen job in einer so staubig unkollegialen atmosphäre nicht werde machen müssen. das riecht doch geradezu nach kompetenzrangelei, respektloser unachtsamkeit, diffuser überforderung und mobbing schon im ansatz. typischer frauenjob eben. mit typisch niedrigem frauenlohn obendrein.

bei allem inneren aufruhr, übrigens, war ich nicht eine sekunde damit beschäftigt, darüber nachzudenken, ob ich diese blöde katastrophe in einer badewanne voll schampus ersäufen soll und mich gleich mit.

ich stelle also fest, dass ich über eine ganz erstaunliche resilienz verfüge. das macht mich nicht reich – aber stark. und es bereichert mein leben!


postscriptum am 17. dezember 2009:
die geschichte hat eine fortsetzung


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