Besondere Ereignisse erfordern besondere Maßnahmen. Denn irgendwas is' immer ....
[über den Umgang mit Katzen & Vermietern - und andere wichtige Dinge im Leben einer Frau]
Als Künstler fasziniert er mich seit meiner Studienzeit: Marcel Duchamp (*28. Juli 1887), voll feiner Ironie in seinen Werken, hintergründig und aufmüpfig, intelligent und immer mit mindestens einem Augenzwinkern, dada und surreal. Eine seiner wichtigsten Arbeiten nannte er selbst "Das unbekannte Meisterwerk".
Duftendes Leben, Liebe, Rose
Rose Sélavy war eines seiner Pseudonyme, dem er später - wegen der klareren Aussprache - noch ein kleines "r" voransetzte:
rRose Sélavy - Eros, c'est la vie, a rose ... Die Liebe - das ist das Leben. Dazu ließ er sich von Freund Man Ray in Frauenkleidern fotografieren.
Mit Wortspielen solcher Art gab Duchamp der Kunstwelt Rätsel auf und verwirrte sein Publikum, indem er u.a. den Zufall konservierte und wiederholbar machte in seinen "Norm-Stoppagen", die heute zur Sammlung des MoMA Ney York gehören.
Kunst kommt nicht immer von Können. Wobei Können in Verbindung mit Kunst sicher nicht von Schaden ist. Können allein reicht aber bei weitem nicht aus, damit so etwas wie Kunst entsteht.
Marcel Duchamp hat aufgeräumt mit dem Mythos, dass Kunst immer nur gut sein muss. Statt dessen hielt er Kunst für "die einzige Tätigkeitsform, durch die der Mensch als Mensch sich als wahres Individuum manifestiert".
"Ich möchte ganz einfach sagen, daß Kunst gut, schlecht oder indifferent sein kann, aber daß wir sie, gleich mit welchem Beiwort, Kunst nennen müssen: schlechte Kunst ist immer noch Kunst, wie ein schlechtes Gefühl doch ein Gefühl ist."
Hier entlang geht es zu einem Interview der BBC mit Marcel Duchamp, entstanden in seinem Todesjahr 1968. Ironisch und heiter wirkt der Künstler über seinen Tod hinaus. Auf seinem Grabstein in Rouen steht:
"D'ailleurs, c'est toujours les autres qui meurent" (Übrigens, es sind immer die anderen, die sterben.)
Wer tiefer eintauchen möchte in die Welten des Marcel Duchamp, dem empfehle ich die Bücher von Thomas Zaunschirm, der es in seiner Zeit als Gastprofessor in Freiburg verstanden hat wie kein anderer, Kunst spannender als jeden Krimi zu vermitteln.
(Damals, in den 80er Jahren, als mein Leben noch Inhalte hatte ...)
Zum Teil habe ich das erfüllt und Euch an allerlei mehr oder weniger besonderen Maßnahmen teilhaben lassen.
Jubiläums-Berg
Was ich damals nicht hatte, war ein ausgearbeitetes Konzept, und das gibt es bis heute nicht. Ich schreibe einfach drauflos, was mir durch den Kopf geht und aus den Fingern in die Tastatur purzelt.
Mal aus dem Alltag, mal Erfundenes, mal eine Rubrik wie die Rosenworte oder die kurzen Maßnahmen. Ich fange etwas an, fange noch etwas anderes an, höre das eine oder andere auf, setze wieder ein – und auf diese Weise ist das Büro für besondere Maßnahmen über die Jahre wie ein aus Texten und Bildern gewebter Teppich zu einem Spiegelbild meiner Seele und meines Lebens geworden.
Mein Leben ist eben auch so: Nicht planbar. Immer wieder Rückschläge, immer wieder aufstehen, neue Versuche und Experimente, mich neu zu erfinden und irgendwie auf dieser Welt einen Platz für mich zu schaffen, an dem ich mich wohlfühle und bleiben möchte.
Ich bin und bleibe mein eigenes Überrschungspaket – ganz so, wie ich es damals im ersten Beitrag angekündig hatte. Ich hoffe, ihr nehmt mir das nicht übel.
Nun fällt der 5. Geburtstag meines Blogs – nette Koinzidenz! – auf den 10. Geburtstag des Mietvertrags für meine Wohnung.
Als ich vor einem Jahrzehnt in dieses helle, luftige Dachgeschoss mit der grandiosen, fast täglich sich ändernden Aussicht auf den B-Berg (meinen „Büro-Berg“) einzog, stand ein gigantischer Blauglockenbaum direkt vor meinem Balkon, nur dreieinhalb Meter vom Haus entfernt.
Das Gute daran: Der Specht wohnte darin und kam immer zum Klopfen, zusammen mit vielen anderen Vogeltieren und Insekten. Außerdem hat der Baum mit den großen herzförmigen Blättern das halbe Dach beschattet und meiner Wohnung an heißen Sommertagen zu einem angenehmen Klima verholfen.
Das weniger Gute an dem Baum war: Er verstellte mir die Aussicht und machte die Wohnung dunkler. Meinen Südbalkon beschattete er gar so vollkommen, dass dort nicht einmal Nachtschattengewächse gedeihen wollten.
Aber nicht nur sein Schatten war gigantisch, sondern auch seine Wurzeln. Sie hatten im Lauf der Jahrzehnte das Fundament des Wohnhauses gesprengt. Mehr als 20 cm breite Lücken klafften zwischen den Grundmauern.
Deswegen wurde der majestätische Baum vor zweieinhalb Jahren Stück für Stück abgesägt und abgetragen – nicht einfach nur gefällt, denn dabei hätte er Haus und Garten stark beschädigen können.
Seither habe ich mehr Licht im Büro für besondere Maßnahmen. Das ist schön. Endlich gedeihen auch mediterrane Kräuter wie Thymian und Salbei auf dem Balkon. Es freut mich, dass ich hier oben endlich auch Wohlriechendes in meiner Nase habe – denn der Gestank der dieselgetriebenen Weinbergs-Trecker, die täglich laut und ungezählt unter meinem Balkon den Hügel hinauf in die Reben brettern, ist erheblich.
Nie zuvor habe ich in so lauter und bedrohlicher Atmosphäre gewohnt wie hier auf dem angeblich so idyllischen Dorfe. Dagegen war es in meiner Berliner Wohnung, gleich um die Ecke vom belebten Kurfürstendamm, geradezu totenstill.
Sogar Rosen blühen inzwischen auf meinem Schattenbalkon, drei Stück, in Kübeln. Sie duften! So lange ich hier noch ausharre, will ich es wenigstens schön haben vor Augen und in meiner Nase.
Gleichzeitig reduziere ich meine anderen Habseligkeiten, lasse nicht nur eigenes Körpergewicht sondern auch angesammelten Ballast los, mache mich so leicht wie möglich und suche nach einer neuen Wohnung, die nicht nur mir und der Katze ein Zuhause bietet, sondern auch mindestens einer meiner drei dornigen Begleiterinnen.
Denn nicht nur Blog-Geburtstag und Mietvertrag fallen zusammen, auch mein ungeliebter Vermieter hat ein gigantisches Gefühl für Timing:
Auf den Tag genau zehn Jahre nach meinem Einzug hier legte er mir die Wohnungskündigung in den Briefkasten. Er hat sich einen Eigenbedarf aus den Rippen geleiert, um mich endgültig und beschleunigt loszuwerden.
Seine Enkelkinder sollen hier im Haus übernachten, wenn sie aus der Ferne zu Besuch kommen. Meinetwegen, dann brauchen sie wenigstens nicht mehr an seiner Wohnungstür herumhängen, die armen Würmer. In seiner 140-m²-Butze in der Bel-Etage geht das natürlich nicht, zu eng! Deswegen kündigt er mir, obwohl die dritte Wohnung im Haus wegen einer kürzeren Kündigungsfrist viel schneller zu haben wäre und obendrein im Erdgeschoss liegt, mit Terrasse und Gartenzugang - was für Kleinkinder ja gewiss günstiger wäre als ein Feriendomizil unterm Dach …
Ihr erinnert Euch? Der Quetschenquäler hasst mich, weil ich nicht bereit bin, ihn zu jeder Tages- und Nachtzeit in meine Wohnung zu lassen, wenn er sich nicht vorher angekündigt hat. Er hasst mich noch mehr, weil ich mich von ihm weder anbrüllen noch herumkommandieren lasse. Er hasst mich ohne Unterlass, weil ich es nicht in Ordnung finde, wenn er mir ohne Vorwarnung für Stunden das Telefon abstellt und die Internetleitung kappt, weil er 'mal eben kurz' was reparieren muss. Er brüllt mich an und knallt mit den Türen, hat mich im Keller schon mit dem Messer in der Hand bedroht, ein ander Mal auf der Treppe angerempelt und fast zu Fall gebracht.
Sein „Eigenbedarf“ ist natürlich vorgeschoben, um mich loszuwerden. Mit anwaltlicher Unterstützung kann und werde ich dagegen vorgehen – falls ich wirklich keine andere Wohnung finde und mehr Zeit brauche … Denn die Atmosphäre hier macht mich schon lange krank, ich muss und will hier sowieso raus, samt Katze und Kräutern und Duftrose – und irgendwie kriege ich das schon hin. Trotz allem. Trotz posttraumatischer Belastungs- und "halbautistischer" Reizfilterstörung, trotz Depressionen, trotz Erwerbslosigkeit und kontinuierlicher Unterkapitalisierung.
Mein Leben hier im Haus der katholischen Spießer ist schon viel zu lange viel zu sehr vergiftet und viel zu belastend für mich. Seit Jahren werde ich gemobbt, nicht gegrüßt, böse angesehen, ignoriert, beschimpft, beleidigt, respektlos behandelt. Diese Vermieter sind Krafträuber erster Güte.
Ich suche schon lange eine andere Wohnung (muss ja auch, von Amts wegen) und setze seit Jahren alle mir möglichen und verfügbaren Hebel in Bewegung, auch wenn die mir unendlich klein und unzureichend erscheinen, wenn Angst und Alpträume mich nicht schlafen lassen, in Hass und blutiger Selbstverletzung enden. Es wird, es muss mir gelingen, für mich endlich einen Platz zu finden, an dem ich in Frieden leben kann.
Der Umzug selbst wird eine gigantische "Besondere Maßnahme" werden. Irgendwie werde ich es überleben. Wie alles andere auch.
Das bin ich mir und diesem Blog schuldig. Bis es so weit ist, bitte ich um Verständnis, wenn ich hier weiterhin etwas „auf Sparflamme“ köchle. Ich habe so viel zu sagen und zu erzählen, aber es ist meist so belastend für mich, dass mir die Kraft zum Aufschreiben fehlt.
Vorerst freut Euch bitte weiterhin über mehr oder weniger kurze Rosenworte und den harmlosen Katzen-Kontent "nebenan" bei Ginivra.
Eine Duftmischung von Rosen, Jasmin und einem "Aldehyd-Akkord" verzaubert seit bald 100 Jahren nicht nur französische Nasen.
Es war 1921, am 5. Tag des 5. Monats, als Madame Coco Chanel der Weltöffentlichkeit ihr Parfum No. 5 präsentierte, das bis heute als erfolgreichster Damenduft aller Zeiten gilt. Noch zu ihren Lebzeiten soll es der Modemacherin mehr als 15 Millionen Dollar allein an Lizenzgebühren eingebracht haben.
Veronique B. - Aufbruch ins neue Rosenjahr
Nun muss ich wohl zu meiner Schande gestehen, dass ich die No. 5 von Chanel nicht mag. "Schade um die schönen Rosen", denke ich jedes Mal, wenn mir ein Hauch davon in die Nase weht.
Den ersten Hauch echten Rosendufts, den genieße ich nun schon seit Tagen, ungewöhnlich früh in diesem Jahr. Meine schöne Veronika auf dem südlichen Schattenbalkon treibt dutzende Knospen, die ersten sind kurz vor dem Aufbruch ... Ihr Duft ist Verheißung und Versprechen zugleich:
... und plötzlich weißt du:
Es ist Zeit, etwas Neues zu beginnen,
und dem Zauber des Anfangs zu vertrauen.
(Meister Eckhart, 1260 - 1328)
Die Rosen werden sich frei entfalten, sie werden duften und leuchten. Wollen wir es ihnen gleichtun!
Jedes Mal, wenn ich an einem Montag die Quellen durchforste nach einer Frau, der ich meine "Rosenworte" widmen könnte, bin ich entsetzt, wie wenige Frauen der Geschichte bekannt sind.
Rote Rosen im April - für Rosa
Männer! Immer nur Männer! Seitenweise! Jahrtausendelang! Als ob Frauen nie gelebt hätten. Als ob Frauen niemals etwas Bemerkenswertes getan oder Berichtenswertes erreicht hätten. In all den Jahrhunderten nicht. Es ist empörend, wie sehr unsere Frauenleben und fraulichen Lebenswelten von der Männerwelt da draußen ignoriert werden. Immer noch. Immer wieder! Nicht nur in Lexika, in den Nachrichten. Auch in der Wikipedia will es nicht besser werden.
Sie war Stimme und Organisatorin der Frauenbewegung vor dem zweiten Weltkrieg. Sie kämpfte für das Frauenwahlrecht. Sie machte sich stark gegen das Berufsverbot für verheiratete Frauen. Sie war Aktivistin und Initiatorin verschiedener Organisationen:
Rosa Manus war Jüdin, und sie war politisch. Das wurde ihr im von den Nazis besetzten Amsterdam zum Verhängnis: Im August 1941 wurde sie wegen ihrer „pazifistischen und internationalen Neigungen“ verhaftet und später deportiert.
Rosa Manus starb am 28. April 1943 im Konzentrationslager Ravensbrück (evtl. auch in Auschwitz).
Der 16. Dezember ist der Geburtstag der englischen Schriftstellerin Jane Austen (*1775 - 1817).
Die historische Gallica Rose
"Jenny Duval" (18./19. Jhdt.)
Ihre Werke - wie z. B. "Emma", "Stolz und Vorteil", "Sinn und Sinnlichkeit"- gehören zu den Klassikern der Weltliteratur, werden bis heute gelesen und wurden erfolgreich verfilmt.
Sie liebte aber auch die Rosen, hegte sie in Ihrem Garten - und widmete Ihnen verschiedene Verse, die sich allesamt auf das Wort "Rose" reimen (ein genüßlicher Nonsens, nachzulesen bei Pemberley).
Auch die heutigen Rosenworte kurz vor Weihnachten stammen aus Jane Austens Feder:
"Rücksicht auf die Verwandten ist die Wurzel
allen weihnachtlichen Unglücks."
Habt glückliche Vorweihnachts- und Weihnachtstage!
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Sappho, geboren um 612 vor unserer Zeitrechnung, war die früheste Dichterin der griechischen Antike, und der/die Erste überhaupt, die das Wort "Ich" in ihren Werken benutzte. Somit gilt Sappho - sprich: [ßapfò] - als die Begründerin der 'modernen' Lyrik.
Ihre wenigen erhaltenen Werke sind von einzigartig klarer Schönheit, seit Jahrzehnten beflügeln ihre Worte meinen Alltag.
Rose vor antiker Mauer, Pamphylien
Sappho war auch die erste, die die Rose "Königin aller Blumen" nannte:
Es erröten wie die Mädchen nun die Hecken, seht nur hin,
Oh die Rose, ach, die Rose ist der Blumen Königin!
Rosen beschatten alle Hänge;
traumlos rieselt der Schlaf von ihren bebenden Blättern.
Wenn Zeus den Blumen eine Königin geben wollte,
müßte die Rose diese Krone tragen.*
Wenn das auch eher eine Poesie für den frühen Sommer sein mag, mir ist heut sehr danach, mir das Novembergrau da draußen mit rosigen Gedanken etwas erträglicher zu machen.
Traumlos rieselt mein Winterschlaf ... ach wenn das doch möglich wäre! Ich würde erst wieder erwachen wollen, wenn die Rosen neue Knospen treiben, und nicht nur in meiner Erinnerung zärtlich duften!
An manchen Tagen muss ich ganz weit zurück gehen in die Ursprünge der Philosophie, um mich des Menschenrechts auf einen eigenen Lebenssinn zu vergewissern und ihn mir wieder neu zu stiften.
Das ist immer dann besonders wichtig, wenn das Jobcenter als Unterstützer meiner prekären Lebensumstände mich - so wie derzeit - unter Ignoranz sämtlicher fachärztlicher Atteste und klinischer Gutachten mal wieder in die Depression "fördert und fordert".
Félicité Parmentier, Belgien 1843
Um intellektuell nicht vollends zu verlottern, habe ich mich ausnahmsweise** mit der Aristoteleschen Glückseligkeit beschäftigt und bin - etwas platt verkürzt - zu folgendem Ergebnis gekommen:
Herr Aristoteles hielt die Glückseligkeit (Eudämonie, aus dem griechischen εὐδαιμονία = einen guten Dämon haben) als "seelisches Glück" für das höchstes Gut und Endziel des menschlichen Handelns.
Das bedeutet, durch gelingende, rechtschaffene Lebensführung und wohlwollendes Schicksal ein seelisches Wohlbefinden zu erreichen inklusive äußerlicher, körperlicher und seelischer Güter.
Den Weg dahin gestaltet jede nach eigener Façon und Möglichkeit mit bestmöglichem Menschenverstand.
Nach dieser erklärenden Präambel nun meine Rosenmontagsworte:
Mögen die Damen und Herren vom Amt
sich bei der Auslegung der (Hartz4-)Paragraphen
rechtschaffen wie gute Dämonen verhalten und
kraft ihres Verstandes zu der Erkenntnis gelangen,
dass es ihrer persönlichen Glückseligkeit
überhaupt nicht zuträglich ist,
wenn sie mir die meine zu verhindern trachten.
PS. **Aristoteles war der Meinung, die Frau sei ein verfehlter Mann. Deswegen ist er für mich im Allgemeinen keine ernst zu nehmende Autorität und ich bin mir nicht sicher, ob seine Theorie der Glückseligkeit überhaupt auf die weibliche Mehrheit der Bevölkerung in unserem Land anwendbar ist. Einen Versuch ist es mir dennoch wert - als besondere Maßnahme quasi.
vor ungefähr einem jahr erhielt ich ein kleines geldgeschenk von einer leserin* in der wunderbaren absicht, dass ich nicht nur über steine, sondern auch über schöne momente stolpern möge.
nun, ich habe die summe noch im herbst in einen rosenstock, beste erde und einen schönen terracotta-kübel investiert, eine immergrüne alchemilla dazu kombiniert und das ganze über den winter auf meinem balkon ruhen lassen, gut eingepackt.
im frühjahr wurde ausgepackt, regelmäßig angesehen, schädlinge entfernt, pilze gebannt, wegen später fröste noch einmal eingepackt, später erneut ausgewickelt, mit rosenpflaster verarztet, geschnitten und drei mal täglich auf dem halbschattigen balkon hin und her geschoben, damit sie immer in der sonne steht.
mehr als vierzig blüten hat die schöne Veronika mir im lauf des sommers geschenkt. sogar jetzt noch treibt sie neue knospen. gerade so, als ob sie mir vor dem winter eine ganz besondere freude machen wollte.
die blüten machen sich bestens in der vase, der ganze raum ein rosenaroma. über diese duftigen momente stolpere ich gerne!
um es mit dem kleinen prinzen zu sagen: ich habe diese rose gezähmt, habe sie mir vertraut gemacht, und nun bin ich für sie verantwortlich.
"C’est le temps que tu as perdu pour ta rose qui fait ta rose si importante." ***
*
großer rosendank an WY. ich freue mich täglich! **
benannt wurde die rose nach der schweizer schmuckdesignerin Véronique Brandon, die in bemerkenswerter unabhängigkeit kreativ ist. ***
"Die Zeit, die du an deine Rose verloren hast, sie macht deine Rose so
wertvoll." - sprach der fuchs zum kleinen prinzen, im 21. kapitel. den
französischen originaltext von Antoine de Saint-Exupéry, übrigens, gibt es hier als kostenloses ebook.
wie oft stoße ich
an meine grenzen! öfter noch stoßen andere an meine grenzen - und dann
ist es meine aufgabe, diese klar zu setzen und - um not zu wenden - auch
zu verteidigen.
Fast ohne "Dornen": Clematis Rose (John Scarman, 2005)
rosen haben ihre grenzen meist schon eingebaut: sie schützen sich mit ihren eigenen stacheln.
daran,
finde ich, ist sich gut vorbild nehmen. schließlich will ich mich frei
entfalten und blühendes leben sein. so notwendig ein zaun bisweilen
auch sein mag - er darf mich weder einengen noch prominenter selbstzweck meines lebens werden.
darum
will ich nur so viel energie auf den zaun verwenden, wie gerade eben
nötig ist, um nicht von irgendwelchen alten eseln gefressen zu werden.
ansonsten pflege ich meine stacheln.
es soll ja menschen geben, die ihren geburtstag am todestag einer namensvetterin feiern.
sicher eher zufällig, denn genau wie jeden tag auch noch irgend jemand anders geburtstag hat, stirbt auch täglich irgend jemand anders - das kann eine nicht immer wissen.
Colette (Meilland 1994)
dann wiederum gibt es freundinnen, die genau das bemerken und mit einem freundlichen zitat kommentieren:
Mon Dieu! Que la vieillesse est donc un meuble inconfortable! *
(Colette - in: Correspondance, le 5 décembre 1949)
alles gute!
*
Was ist doch das Alter für ein unbequemes Möbelstück!
darf ich vorstellen: die erste blüte einer neuen rose, die ich im frühjahr gepflanzt habe. sie ist blutrot. sie ist kugelrund. sie duftet. sie ist perfekt - eine edle frau:
Astrid Gräfin von Hardenberg
ich zähle jede blüte. jeden tag. weil jeder tag zählt. weil das bißchen rosenduft so wichtig ist in meinem leben.
bisher ist es mir noch nicht gelungen, wohlgerüche für späteres wiederhervorzaubern zu digitalisieren. da muss dann mein analoges gehirn mir helfen mit seiner eingebauten memory-funktion. oder mein unschlagbarer lieblingsrosenduft aus dem flacon.
ein tag, an dem ich rosen rieche, ist ein tag, der zählt. ein tag der zählt, das ist für mich ein erfolgreicher tag. diesen erfolg definiere ich jedoch nicht nach zahlen. es mag etwas sein, das zählbar ist - aber dennoch weit mehr qualitäten hat als eine ziffernfolge auf dem kontoauszug.
make today count*
heute füge ich meinem 'lebenskonto erfahrungen haben-seite' also einen weiteren rosenduftenden tag hinzu. damit ist der heutige tag für mich wertvoll.
aber wie übersetze ich den kurzen, tiefsinnigen imperativ in meine deutsche muttersprache? seit tagen kaue ich auf diesen drei simplen wörtern herum.
mach dein heute wertvoll ?!?!
eine eingängige übertragung muss her! etwas ebenso 'knackiges'! hat nicht eineR von euch eine gute idee?
* "MAKE TODAY COUNT" ist ein buchtitel des amerikanischen bestsellerautors John C. Maxwell. nur der vollständigkeit halber. ich kenne weder das buch noch den autor näher. er ist mir sogar eher suspekt mit seinem zwang zum erfolg und zur lebensoptimierung. aber ich mag diesen imperativ.
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wie jedes jahr zur schönsten rosenblüte, habe ich heute meinen alljährlichen ausflug ins landhaus ettenbühl gemacht. da ich diesen mini-urlaub bereits vor drei jahren zur besonderen maßnahme erklärt habe, wäre heute eigentlich die aufnahme in den club der rituale an der reihe gewesen.
nun ist aber heute montag. deswegen gibt es statt dessen ein paar rosenworte dazu. rituale laufen nicht davon.
Ettenbühler Rosen-Restaurant - Entrée
im rosenduftigen schatten sitzen an einem der schönsten sommertage ... nicht zu heiß mit leichter brise, von kelch zu kelch die nase wandern lassen, so lang die füße tragen ... dazu die begleitung einer lieben freundin, die genauso verzückt und rosenberauscht ist wie man selbst ... so eine rosen-wandel-schnupper-kur sollte eigentlich jede frau sich regelmäßig gönnen.
ob's verjüngt? ob's schön macht?! schnurzpiepenwurscht! denn glücklich macht es und stark - und solche augenblicke sind selten im prekären alltag.
Ein Kelch, ein Blatt, ein Dorn
An irgendeinem Sommermorgen –
Ein Schälchen Tau – Bienen, ein oder zwei –
Ein Windhauch – Rascheln in den Zweigen –
Und ich bin eine Rose!
dass eine älter wird, merkt sie auch daran, dass die dinge, ereignisse und menschen, an die sie sich erinnert, immer länger zurückliegen.
da ist bisweilen schönes, trauriges, nutzloses, wahres und lustiges dabei.
Veronique B.
eine meiner erinnerungsperlen aus der jugend ist ein kleines rotes buch, "Lebenszeichen" hieß es, von brigitte heidebrecht. ich war 17 oder 18, also offiziell so gut wie erwachsen, als sie es im selbstverlag veröffentlichte und ich es in einer kölner buchhandlung neben der kasse fand.
heidebrecht schrieb klare, kurze worte. lyrische prosa. eingängig. bei fast allem habe ich heftig genickt.
das büchlein habe ich nicht mehr, aber meine erinnerung hat die worte noch fast alle beieinander. diese zum beispiel:
Seit ich mich selbst
einigermaßen
verstehe
bewege ich mich
mit einer gewissen
selbst-verständlich-keit
meine persönliche selbstverständlichkeit scheint über die jahrzehnte hinweg im wandel zu sein. das ist in ordnung für mich, denn ich lerne und lebe erfahrungen, lebenslang. dennoch gibt es auch konstanten, die bleiben.
mein 'rosiges' selbstbild etwa, das immer aus den drei komponenten "duftende blüten, üppige blätter und wehrhafte stacheln" besteht. zeitweilig bin ich auch nur ein stock mit nix dran - aber sehr winterhart.
es ist doch immer wieder spannend, was mein langzeitgedächtnis so als be-merkenswert selektiert.
was vor zwei wochen mich duftend verwöhnte, vor einer woche tapfer den kopf hängen ließ - ist heute trocken raschelnde vergangenheit: meine erste rose 2013. aber sie duftet immer noch, irgendwie, und hält die erinnerung an sich selbst lebendig.
der raschelnde Rest, fast verduftet
hoffentlich entzündet sie sich nicht auch selbst, wie so manch hitziger krisenherd. man könnte meinen, einer davon sei heute auf meinem balkon: 36,2 grad im schatten zeigt das außenthermometer.
aber alles friedlich hier, zum glück: eine etage tiefer dudelt der vermieter unverdrossen rosamunde auf seiner quetschekommode, auf dem teppich rollt sich die katze dreimal umeinander und erwartet dafür eine belohnung, und ich schwitze so vor mich hin.
durch den kopf gehen mir heute worte wie soldaten. 50. jahrestag des DDR-volksaufstands 17. juni 1953; in Istanbul brennen der Gezi- und der Taksimplatz. die wasserwerfer sind dort nicht unterwegs, um feuer zu löschen.
als ich noch zur schule ging, damals in den 70er jahren des 20. jahrhunderts, lernten wir schülerInnen die parole "nie wieder krieg!"
das fanden wir gut, und das erschien mir sinnvoll. mein großvater hatte zwei weltkriege er- und überlebt, die eltern je einen. viele meiner vorfahren haben diese kriege nicht überlebt. der zweite indochinakrieg (bei uns besser bekannt als vietnamkrieg) war noch nicht wirklich vorbei.
wir waren uns alle einig: krieg ist schlimm. wir wollten keinen mehr.
aber immer hat sich irgendwer irgendwo nicht daran gehalten. es gibt tatsächlich menschen, die wollen krieg. und ich verstehe nicht, warum.
mein ganzes leben lang gab es immer krieg. irgendwo. manchmal weit weg, manchmal durch die medien in meinem wohnzimmer, dann wieder in meinem herzen.
die vererbten traumata der eltern, mein mitgefühl mit allen, die leiden, aber auch feindseligkeiten in meinem eigenen alltagleben. warum? was hat der einzelne mensch davon, einen anderen zu zerstören und an einem friedlichen leben zu hindern?
ich weiß keine antwort auf diese frage. ich will immer noch keinen krieg. und muss doch damit umgehen.
aus diesem anlass leihe ich mir meine heutigen rosenmontagsworte bei einer der klügsten frauen unserer zeit:
"Möge alles, was [Kriegsteilnehmerinnen und] Kriegsteilnehmer aller Seiten an Destruktivem in
die Welt senden, niemanden treffen, sondern sich umkehren und sie
selber treffen."
(Angelika Aliti, Das Maß aller Dinge, 2000, S. 68)
die ergänzung in den eckigen klammern stammt von mir. ich habe die erfahrung gemacht, dass frauen keineswegs das friedfertigere geschlecht sind. leider. auch wenn ich das gerne so hätte. ich kann noch nicht einmal mich selbst immer davon ausnehmen.
und deswegen gibt es auch noch ein ergänzungsrosenwort von mir, mal wieder ein stacheliges!
"wer nicht für einen hinterhältigen, verlogenen und intriganten kotzbrocken gehalten werden will, der/die braucht sich ganz einfach nur nicht wie ein hinterhältiger, verlogener und intriganter kotzbrocken zu verhalten."
in diesem jahr ist friesia die (vermutlich) letzte blühende duftrose von meinen zwölf dornen-feen, die auf dem garagendach wohnen. friesia, die so frisch nach zitronen duftet; die besonders frostharte, unermüdlich blühende, die auch im mai die erste war nach dem winterschlaf.
in der vergangenen woche habe ich diese eine nachzüglerblüte vom strauch geschnitten. innerhalb eines tages ist sie auf meinem schreibtisch verduftet und hat sich fallen lassen. seitdem liegen ihre petalen da herum und trocknen vor sich hin. sonnengelb. ich mag sie gar nicht wegräumen. draußen ist es grau.
herr de saint-exupéry ließ seinen kleinen prinzen sagen: „ce qu'ils (les hommes) cherchent pourrait être trouvé dans une seule rose …“ - „was der mensch sucht, kann er in einer einzigen rose finden.“
das finde ich zwar etwas übertrieben und plakativ, denn es gibt ne menge, was mir fehlen würde, wenn ich im leben nur diese eine rose hätte und keine mietzekatze, zum beispiel. oder all das andere zeug und erst die menschen, die mir wichtig sind. da gibt es durchaus einiges, wonach ich in meiner rose vergeblich suchen könnte.
aber es steckt schon eine menge wunder in jeder einzelnen von ihnen: nicht nur schönheit und duft der blüten. auch das wehrhafte der stacheln, das nährende der hagebutten. dass sie sorgfalt lehrt und verantwortungsgefühl, aufmerksamkeit fordert und pflege. weil sie mir vormacht, wie das geht: pause machen! weil sie hoffnung macht, zuversicht und die gewißheit, dass sie im nächsten sommer wiederkommt.
auf all das möchte ich keinesfalls verzichten - alors je suis responsable de la rose....
ihr habt ihn bestimmt schon entdeckt, den kleinen grünen button in der linken spalte, unter dem foto vom duftenden rosenblütentee:
rose: fisherman's friend (austin) / rosenblütentee im glas
das büro für besondere maßnahmen verwendet diesen button seit etwa vier monaten. schon längst mal wollte ich ein paar zeilen schreiben über das was und warum und meine erfahrungen damit. heute ist es endlich so weit. 'flattr' ist englisch und bedeutet „schmeicheln“. wer den button klickt, landet im portal von flattr, einem micro-payment service. dort kann jedeR mitmachen für einen monatlichen betrag von mindestens zwei euro, auch wer keine eigene webseite hat. anderen webseiten, die ebenfalls dabei sind, kann man als ausdruck von dank & wohlwollen einen kleinen geldbetrag zukommen lassen, indem man den 'flatterknopf' - so nenn' ich den neudeutsch für mich - auf deren seite anklickt. hin und wieder benutze ich flattr, um anderen blogs, die ich gut und wichtig und erfreulich finde, ein bißchen anerkennung zu spendieren. vor allem aber benutze ich es regelmäßig, um mich bei meiner lieblings-tageszeitung für deren unschlagbaren kostenlosen onlinedienst zu bedanken. ein abo der taz könnte ich mir – prekär wie ich derzeit bin - nämlich nicht leisten. trotzdem habe ich sie täglich auf meinem schreibtisch. das finde ich gigantisch generös. ich selbst habe übrigens via flattr bisher nicht einen einzigen cent bekommen. weder hier im büro für besondere maßnahmen noch drüben im katzencontent. das grämt mich nicht. es bestätigt allerdings eine vermutung, die ich von anfang an hatte: flattr wird den kleineren blogs nicht viel bringen. statt dessen findet eine art umverteilung statt von vielen ‚kleinen‘ blogbetreiberInnen hin zu großen contentanbietern, bei denen sich dann das geld mehr oder weniger sammelt. immer und an jedem flatterklick verdient natürlich flattr selbst, nämlich 5% von jedem euro, der zwischen den webseiten hin oder her fließt. am meisten aber verdient das onlinezahlungsportal paypal. die kriegen mindestens 5% von jedem euro, der bei flattr eingezahlt wird. das wurmt mich ein bißchen. runde 10% vom kuchen nur für die verwaltung sind für meinen geschmack ein bißchen viel. andererseits will so ein portal ja auch gedingelt sein, und das kostet eben. am meisten wurmt mich natürlich, dass ich nicht selbst auf die geniale idee gekommen bin, mich für das hin- und herschieben von geld bezahlen zu lassen. dann hätte das büro für besondere maßnahmen inzwischen eine luxus-aussicht. aber was nicht ist, kann ja noch werden: wer sich also bei mir einschmeicheln möchte oder wer sich von meinen texten und bildern so dermaßen geschmeichelt fühlt, dass sie ganz dringend ein paar cent dafür ausgeben möchte, macht den flattr und klickt sich da durch:
(hier steht seit Dezember 2014 kein Link mehr. Warum nicht? Siehe unten) dies ist übrigens ein reines erklärstück. keine werbesendung. ich erhalte keinerlei provision. leider.
ps1. das Büro für besondere Maßnahmen hat über Flattr bisher folgende schmeicheleinheiten erhalten: 2010 - 0,90 € 2011 - 0,22 € 2012 - 1,07 € 2013 - 0,33 € 2014 - 0,12 € summe einnahmen seit 2010: 2,64 € das Büro für besondere Maßnahmen hat über Flattr bisher an andere webseiten verschmeichelt: 2010 - 18,00 € 2011 - 22,00 € 2012 - 33,00 € 2013 - 25,00 € summe ausgaben seit 2010: 98,00 €
(stand juni 2014)
ps2. (im Dezember 2014)
Meine Ausgaben im Micro-Payment-Service "flattr" haben in den fünf Jahren meiner Teilnahme die Einnahmen um das fast 40-fache überstiegen. Irgendwann muss man auch den schmeichelhaftesten Realitäten ins Auge sehen – DAS hat sich nicht gelohnt. Zudem hat flattr die Konditionen sehr zu meinen Ungunsten verändert. Daher habe ich das Experiment im Herbst 2014 beendet und (als besondere Maßnehme!) meinen Account bei flattr nicht erneuert. Damit verbunden habe ich natürlich auch alle Links dorthin entfernt. Falls ich einen übersehen habe, dürft Ihr mich gerne darauf hinweisen. Allen, die mich auf diese Weise unterstützt haben, an dieser Stelle noch einmal einen herzlichen Dank!
Auch die Option, mir über paypal etwas zu spendieren, habe ich eingestellt. Trotzdem freue ich mich aufgrund kontinuierlicher Unterkapitalisierung auch weiterhin über jede Unterstützung. Wer mir also unbedingt etwas (finanziell) Gutes tun will, schreibt mir bitte eine eMail, dann finde ich eine Möglichkeit – die allerdings nicht mehr anonym sein wird.
kurze maßnahme no 15 ist mein alljährlicher ausflug in den spektakulärsten park der umgebung. immer im juni oder juli, wenn die rosen am schönsten blühen! landhaus ettenbühl heißt der zaubergarten, in dem ich am liebsten ganz und gar verduften möchte, alles alltagsgrau vergessen kann und die schnöden gerüche der zuvielisation ebenso.
hier, wo rosen die bäume hinauf wachsen bis in den himmel, ist tatsächlich alles rosenduft wie sonst nie in meinem leben. ein paar stunden lang, mitten in den sanften hügeln des markgräflerlands: im milden schatten sitzen, bienen summen und brunnen plätschern hören. den duft von rosen und lavendel in der nase.
erholung für meine sinne wie selten. in diesem jahr schon sommerhitze, manche blüten morbide welk und erschöpft von sonne und regen. es gibt keine schönheit ohne den wandel!
gewandelt bin ich auch durch das neue labyrinth, erst kürzlich eröffnet. dichte hecken über augenhöhe, kein ausweg in sicht. der imaginäre faden immer in meiner hand - wie ich es von ariadne in knossos lernte – hat mich sicher geleitet.
am ende der reise durch den majestätischen schattenschutz der mammutbaumallee geschritten wie die kaiserin auf dem weg zum festmahl.
… ist so ein wort, dass es offiziell fast nicht gibt. nicht einmal die wikipedia hat derzeit einen artikel dazu. wörter wie ehre und respekt hingegen sind der wikipedia durchaus bekannt.
rosenblüten: louise odier
herablassung aber ist scheinbar nicht gesellschaftsfähig, igitte! - wird auch selten ganz direkt in der öffentlichkeit praktiziert: passiert nicht offen, sondern als abwertung versteckt zwischen den zeilen, im zwischenmenschlichen subtext.
ich habe lange gebraucht, um herauszufinden, dass es – nicht nur, aber auch - herablassung ist, die mir meine derzeitige arbeitsstelle so unerträglich macht.
im bewerbungsgespräch bin ich damals unter anderem gefragt worden, wie das denn für mich wäre, wo ich doch für die stelle als sekretärin eindeutig überqualifiziert sei, dann auch eher „niedere“ arbeiten verrichten zu müssen wie fotokopieren und botengänge.
meine damalige antwort war, dass ich persönlich zwischen den einzelnen arbeiten keine hierarchie sehe, egal ob ich eigene texte schreibe, fremde texte abtippe, zur post laufe oder ein fax verschicke. die aufgaben sind andere – aber nicht besser oder schlechter, nicht mehr oder weniger wert. auch ich als mensch fühle mich nicht mehr oder weniger wert, wenn ich das eine oder das andere mache (dass die lohntabellen das anders sehen, steht auf einem anderen blatt).
ich habe das auch wirklich so gemeint, damals. seitdem ich den dalai lama interviewt habe, kann ich auch holz aufsammeln im wald. da fühle ich mich nicht schlecht mit. vorausgesetzt, das team stimmt.
genau das ist der punkt an meiner aktuellen arbeitsstelle: das team stimmt nicht. es gibt einfach keines. ich bediene ein konglomerat von wissenschaftlerInnen, von denen die meisten nur ihr eigenes fortkommen im sinn haben. die sekretärinnen sind daran zwar irgendwie beteiligt, werden aber nicht wertgeschätzt als wichtig für das ergebnis der eigenen arbeit. jedeR ist seine eigene diva.
die herablassung, die mir begegnet, ist vielfältig und meist subtil. und zwar so subtil, dass sie sich von mir zunächst unerkannt in meinen arbeitsalltag festgesetzt hat. ich hatte einfach nicht damit gerechnet, dass so etwas passieren könnte. nicht in einem umfeld, in dem ich gebildete, weltoffene menschen erwartete; nicht bei der elite der nation, die die ehrenwerte aufgabe hat, lehrerInnen für ganze generationen zukünftiger kinder auszubilden; die alle abitur haben, langzeitstudiert sind mit hochdekorierten abschlüssen und eigentlich vernetzt denken können sollten.
nein, es sind nicht alle gleich, und ich will hier auch nicht alle über einen kamm scheren. ich begegne dort auch menschen, die ich inzwischen sehr sehr gerne mag. solche, die sich neben dem pädagogentum noch ein mensch-sein bewahrt haben.
beispiele für herablassende behandlung im alltag passieren mir dort viele, aber sehr subtil. ich kann das dann oft gar nicht richtig einordnen. spüre nur, dass ich mich immer schlechter, immer kleiner, immer wertloser fühle und weiß gar nicht so genau, woher das eigentlich kommt.
in der vergangenen woche bin ich dem auf die schliche gekommen. viel zu oft höre ich einen respektlosen, abwertenden und diskriminierenden unterton. unterm scheißgrinsefreundlichen deckmäntelchen: „ich prof(in) bin alles, du sekretärin bist nichts, hast keine ahnung weil du sowieso zu dumm bist und hast es deswegen auch nicht weiter gebracht im leben als bis auf diese schlecht bezahlte unqualifizierte hausfrauenstelle.“ das wird natürlich niemals offen ausgesprochen – ist aber doch immer wieder deutlich herauszuhören. herablassung eben. kastendenken.
es gibt da vor allem eine professorin, die sich gerne von vorn bis hinten bedienen lässt, die mich mit vorliebe durch die gegend kommandiert „springen sie da mal kurz rüber“, mich „mal eben schnell“ hin und her zitiert, mir zig-seitenweise unleserlich hingeschmierte bleistiftkritzeleien zum abtippen hinwirft (eine zumutung, das sagen alle ….) und immer alles sofort und unter großem zeitdruck erledigt haben will. wehe man wagt widerworte, dass möglicherweise noch tausend andere dinge vorher zu tun seien. oder dass gar keine kapazitäten mehr frei sind, weil man gerade noch zwei abwesende kolleginnen vertreten muss und 200 prozent arbeitsauslastung mit einer halben stelle einfach nicht zu schaffen sind.
ich hatte mir also erlaubt zu erwähnen, dass andere aufgaben vorrang haben, ich das gewünschte nicht am selben tag noch (zwanzig minuten vor feierabend!) abarbeiten könne und dass ich im übrigen nicht ihre privatsekretärin sein. da legte sie los und fauchte mich an, dass ich nur eine sekretärin sei wie alle anderen auch, dass ich das gefälligst alles zu erledigen hätte, weil es zu meinen ureigensten aufgaben gehöre.
als gnädige frau professorin von gottes gnaden ließ sie so ihre reaktionäre und diskriminierende gesinnung durchblicken, nicht zum ersten mal übrigens. so fassungslos war ich da, dass ich ihr ins gesicht sagte „sie behandeln mich wie eine dienstmagd. das verbitte ich mir.“
die kollegin, der ich später davon erzählte, fand mich mutig. ich fand mich eher wütend und bin es noch.
eine andere professorin, für die ich neulich in sehr langwieriger kleinarbeit viele buchseiten schön leserlich gescanned und zu pdfs gebastelt habe, beschwerte sich anschließend bei mir darüber, dass die pdf mit knapp 2MB doch viel zu groß seien. ich schluckte und gab zu, dass ich nicht wüßte, wie es kleiner ginge. tags drauf kam sie wieder in mein büro, sie habe sich nun bei ihrem mann erkundigt, der sei it-fachmann und habe ihr bestätigt, dass die pdf-dateien für den inhalt von der größe her völlig angemessen seien.
aha. unterschwellige botschaft: „du „sekretärin“ weißt gar nichts (sekretärin arbeitet erst seit 1985 mit computern, aber das interessiert professorin nicht). was du sagst und machst ist nicht der rede wert. erst wenn mein mir angetrauter „it-fachmann“ (der ist ja auch ein mann!) dasselbe macht und bestätigt, ist es in ordnung.“
soweit zur herablassung und zu meinem fazit: wenn ich meine arbeit (und damit mich) als so abgewertet wahrgenommen und gespiegelt kriege, dann kann ich meinem persönlichen anspruch, alle aufgaben als „nicht hierarchisch“ anzusehen, nur schwer gerecht werden. dazu habe ich nicht genug kraft im herzen. ich brauche die unterstützung der anderen, die das ähnlich sehen wie ich.
„hüte dich vor einem entschluss, zu dem du nicht lächeln kannst.“
das mache ich beim nächsten mal besser: als ich den vertrag verlängerte, habe ich geseufzt, die zähne zusammengebissen und die stirn gerunzelt. jetzt habe ich noch acht wochen giftgrün-deutschgraues-pädagogen-paralleluniversum vor mir. countdown läuft, und auch ich konzentriere mich nur noch auf mein eigenes "fortkommen".
ps.
der duft von louise odier hilft mir gerade, so manches rosiger zu sehen
das ist das allerschönste im jahr! der erste echte rosenduft nach langer stockstacheliger winterpause. in diesem jahr hat die sonnenzitronengelbe rose friesia das rennen gemacht. so wie sie aussieht, so duftet sie auch: rosensonnig und leicht nach zitrone.
rose: friesia
darüber heute ein blauer himmel von fast unverschämt wolkenloser nacktheit! eigentlich sollte ich nicht traurig sein, so lange es etwas so schönes gibt.
ich bin aber doch traurig und weiß gar nicht, wo all diese tränen immer noch herkommen. seit tagen, wochen, monaten, jahren schon gibt es nicht einen einzigen tag, an dem ich nicht eine ziemlich lange zeit lang mit tränen im gesicht in irgendeiner ecke hocke und nicht weiß, wohin mit mir.
antidepressiva haben nicht geholfen. nicht pflanzliche und nicht chemische. ablenkung hilft manchmal, eine zeitlang. selbst (das ohnehin selten gewordene) reisen hilft nur noch bedingt. es ändert ja doch alles nichts, egal wie sehr ich mich auch anstrenge.
mein leben ist so eng, so ausweglos. ich hab‘s voll gegen die wand gefahren und weiß nicht, wie ich aus all dem jemals wieder rauskommen soll.
die einsamkeit ohne familie, ohne partnerschaft frisst mich auf; die finanziellen probleme rauben mir den schlaf; die verhasste arbeit lässt mir keine luft zum atmen und das leben in einem haus, in dem ich mich nicht willkommen fühle, macht mich vollends unfrei.
ich wage mich kaum aus der wohnung, wenn ich nicht unbedingt muss. selbst zu den rosenkübeln auf dem garagendach schleiche ich mich nur unter vorbehalt, weil ich der vermietersippe nicht begegnen mag.
zur arbeit fahre ich tapfer, vier mal die woche, weil ich beschlossen habe, das bis zum sommer dort durchzuhalten. auf halber stelle. ich funktioniere so gut es geht. auch wenn es mir schwer fällt, mich wie eine dienstmagd behandeln lassen zu müssen.
neulich mal sagte eine der professorinnen „ich verstehe nicht, dass MAN ihnen frei gibt, wenn hier so viel zu tun ist.“ die passende antwort „gnädige frau, ich habe einen arbeitsvertrag, der nur eine begrenzte wochenarbeitszeit vorsieht, und daran halte ich mich.“ fiel mir leider erst auf der treppe ein. ein treppenwitz eben.
dieselbe professorin hat es auch schon fertig gebracht, mir für das anfertigen von fotokopien und das senden eines faxes anerkennend den oberarm zu tätscheln. als ob ich ein pferd sei. dann wieder nennt sie am telefon nicht einmal ihren namen und rattert gleich los mit aufträgen. oder sie kommt grußlos in mein büro, knallt mir ihre sachen auf den tisch „das muss soundso“. dazu ein scheißfreundlich schleimiges grinsen von oben herab. keine widerrede!
ein professor schreibt in emails an entfernte kollegen mit cc an mich „darum kümmert sich meine sekretärin“. aha. ich bin also nicht institutsangestellte, sondern 'seine'. und ich erfahre cc, was ich zu tun habe, werde nicht einmal mehr persönlich damit beauftragt geschweige denn gefragt, ob ich das überhaupt machen kann. man(n) verfügt über mich. bin ich eine leibeigene?
sogar studierende scheinen davon auszugehen, dass hinter einer tür, auf deren schild steht „sekretärin“ alles mögliche sitzt, bloß kein mensch. sie halten sich weder an sprechzeiten noch an ein minimum an höflichkeit im zwischenmenschlichen umgang.
anklopfen funktioniert meist noch, aber ein „herein“ abwarten, das geht schon nicht mehr. erst recht nicht ein freundliches „guten morgen“. das ist wohl einfach zu viel verlangt.
ich bin die bürohure, die ständig allen für alles zur verfügung zu stehen hat. alles und jeder ist wichtiger als die arbeit, auf die ich mich eigentlich konzentrieren müsste – und die ewig lang dauert, weil ich ständig unterbrochen werde und mich dann erst mühsam wieder hineinfinden muss.
wenn ich einmal etwas nicht weiß, in diesem riesenbildungskonzern, dann wehe! „Es HAT Sie aber zu interessieren, ob ich meine Veranstaltung finde - ich zahle schließlich Studiengebühren!“ oder „Warum sind Sie hier überhaupt Sekretärin, wenn Sie noch nicht einmal Auskunft geben können?!“ sind studentische standardsprüche.
cholerische anfälle, wenn mal eine raumbuchung nicht funktioniert – ausgerechnet von dem dozenten, den ich wegen seiner penetranten rasierwasserwolke schon aus der ferne unerträglich finde.
bloß weil ich nett sein wollte, und weil ich so ein beklopptes verantwortungsgefühl habe und die kolleginnen nicht im stich lassen wollte, habe ich den vertrag verlängert bis zum ende des semesters. neun wochen noch. countdown läuft.
während andere ihre pfingsfeiertage genießen, hocke ich hier und schreibe ein ausführliches fax an das arbeitslosenamt mit der inständig demütigen bitte, bitte bitte mein ergänzendes arbeitslosengeld rechtzeitig vor dem monatsende neu zu berechnen, wo ich doch jetzt nur noch drei fünftel von dem verdiene, was vorher ohnehin zum leben nicht gereicht hat.
wieso habe ich mich eigentlich zu anfang dieses textes so sehr darüber gewundert, dass ich immer so abgrundtief traurig bin? es ist doch alles prekär wie eh und je, also her mit dem luxus! ich genieße die optisch schöne aussicht und den gelben rosenduft so gut es geht.