Achtung. Achtung. Achtung.
Wir sind umgezogen!

Januar 2021

Das Büro für besondere Maßnahmen ist ab sofort erreichbar auf mojour.de

Nach und nach werden alte Beiträge – ggf. aktualisiert und überarbeitet – dorthin umziehen. Bitte folgen ... :-)

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Freitag, 27. September 2013

postkasten

- besondere maßnahme no. XXXI -

könnt ihr euch noch erinnern, wann ihr die erste email geschrieben habt? an wen? oder von wem ihr die erste elektronische post erhalten habt?

ganz ehrlich? ich weiß es nicht mehr. es muss irgendwann ende der 90er jahre des vorigen jahrtausends gewesen sein, ist also im grunde noch gar nicht so lange her. vor allem, wenn ich bedenke, dass ich schon seit anfang der 80er jahre mit computern arbeite.

Blaubeeren aus Russland

was ich noch sehr gut weiß, ist, dass sich einige pressestellen sehr darüber wunderten, dass ich in meiner redaktion eines berliner ard-senders bis zum ende des jahres 2000 keine persönliche email-adresse hatte (das wurde als unnötig betrachtet) – während ich privat schon längst online vernetzt war.

anfangs freute ich mich sehr über das papierärmere büro. es war eine erleichterung, weniger altpapier zum container tragen zu müssen. dass aber irgendwann mein analoger postkasten mit ausnahme von rechnungen und unerfreulicher post vom amt so gut wie leer bleiben würde – das konnte ich mir damals nicht vorstellen.

heutzutage kommen kaum noch persönliche briefe oder karten an. der briefträger, den ich früher sehnsüchtig erwartete, weil er mir oft so schöne bunte dinge mit abenteuerlichen briefmarken aus der fremde brachte, hat seinen zauber verloren.

im digitalen zeitalter kommen nicht nur urlaubsgrüße als sms, als allgemein gehaltene rundmail oder gleich als öffentlich auf facebook gepostetes knipsefoto, sondern sogar todesanzeigen. der persönliche gruß, die handverlesene karte samt liebevollst abgeschleckter briefmarke sind pure nostalgie.

Englische Telefonzelle aus Thailand

innehalten unterwegs oder manchmal auch im alltag, sich über den eigenen standort klar werden und den daheim verweilenden oder freundInnen in der ferne handschriftlich mitteilen, wie es gerade geht und dass ich an sie denke - das wird zumeist nur noch als lästige zeitverschwendung und unnötige geldausgabe angesehen.

schade.

längst ist mein postkasten kaum mehr als dekoration am hauseingang. es gibt keine überraschungen mehr. seit jahren schon öffne ich die briefkastenklappe nicht mehr in neugieriger vorfreude, sondern mit einem angstvollen klumpen im magen. auf rechnungen und deutschgraue amtsbriefe würde ich gerne verzichten. die teure edelstahlkiste könnte man von mir aus ruhig abhängen. das darf ich als gute bürgerin aber nicht.

da ich weder den briefkasten entfernen noch den empfang unliebsamer post abstellen kann, musste für das postalische gleichgewicht eine besondere maßnahme her:

vor ein paar monaten habe ich mich angemeldet bei Postcrossing. das ist eine art versandportal für echte postalische schneckenpostpostkarten. wenn ich eine postkarte schreiben möchte, erhalte ich eine zufällige anschrift irgendwo auf der welt. sobald meine postkarte dort als 'angekommen' registriert wird, wird meine adresse an jemand anderen verlost.

das projekt Postcrossing besteht als webseite seit 2005. mehr als vierhunderttausend "postcrossers" haben bisher fast 20 millionen postkarten weltweit hin und her und kreuz und quer geschickt.

anfangs war ich skeptisch. aber es funktioniert – unkompliziert und kostenlos, und es macht spaß.

Orchideen aus Israel

es ist natürlich ein unterschied, ob mir ein guter freund von seinem ausflug ans andere ende der welt einen lieben herzensgruß schickt – oder ob eine unbekannte aus irgendwo mir ein paar freundliche zeilen smalltalk auf eine postkarte schreibt.

trotzdem: in jeder karte steckt ganz viel persönliches, liebevolles gestalten und nachdenken über die frage „wie kann ich dieser fremden person, deren anschrift mir nun mitgeteilt wurde, eine freude machen?“

es ist nicht ganz das „echte“ gefühl - eher ein bißchen 'pseudo'. wie kaffeesurrogatextrakt - und doch bringt es in meinen täglichen gang zum briefkasten wieder ein bißchen vorfreude, so wie früher. ich lass ihn noch eine weile hängen.

postcrossingkarten schreibe ich zwei bis drei mal im monat. fast ebenso viele erhalte ich auch.

mein persönlicher nebeneffekt: zusätzlich schreibe ich auch wieder mehr postkarten an 'meine' leute, die in aller welt verstreut leben. einfach so. ich hoffe, sie finden das nicht allzu schrullig.


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Mittwoch, 11. Mai 2011

in der blauen bar

eine erfundene memoire

lässig schiebt sie sich auf einen hocker, lehnt sich an die theke und grinst erwartungsvoll. angelos, ihr lieblingskellner, hat sie nicht kommen sehen. er steht mit dem rücken zu ihr und ist gerade damit beschäftigt, einen berg frischen joghurt auf ein müsli zu türmen. liebevoll verziert er die portion mit weintrauben, bananenscheiben und schokostückchen. dann krönt er das luxusfrühstück mit einer goldgelben honigspirale.

In the Blue Bar, πλατεία σαπφο, 1986

er ist so konzentriert in seiner arbeit, dass er anna noch nicht einmal im spiegel bemerkt. anna liebt es, ihm bei der arbeit zuzusehen. sie hält das für einen perfekten tagesbeginn: angelos lächelt sanft vor sich hin, jeder handgriff sitzt, er tanzt sein persönliches müsli-ballet. die blue bar ist berühmt für ihr frühstücksmüsli mit sahnejoghurt und orangenblütenhonig. manch ein tourist kommt nur deswegen hierher.

da sind sie alle gleich, die deutschen touristen, denkt anna: otto dumpfbacke will am ballermann auf mallorca sein wiener schnitzel, und emma rucksacktouristin will mitten in der ägäis ihr biomüsli. gehupft wie gesprungen: hauptsache, in der fremde ist es nicht allzu fremd, sonst fühlen wir uns nicht richtig wohl.

angelos ist fertig mit seinem werk, dreht sich um und strahlt sie an: „guten morgen du schöne. was darf es sein?“ anna schluckt. dieser mann schafft es noch nach mehr als fünfundzwanzig jahren, sie mit einem einzigen blick zu verzaubern. angelos, der engel, strahlt nicht nur mit den augen, nicht nur sein mund lächelt. dieser mann ist glücklich im leben, und davon möchte er aller welt etwas abgeben.

„einen milchkaffee bitte, extra stark.“ strahlt anna zurück. angelos hätte nicht fragen brauchen. so lange kennen sie sich. aber es gehört zum ritual. „möchtest du ein glas wasser dazu?“ auch das fragte er sie jedes mal. er hatte ihr einmal erzählt, dass er sich hüte, seine gäste in schubladen zu stecken. es sei das geheimnis seines erfolgs, jeden gast auch beim hundertsten mal noch so zu behandeln, als ob er gerade eben die blue bar zum ersten mal betreten hätte. angelos verschenkte aufmerksamkeit und respekt. seine gäste belohnten ihn mit treue.

so vieles hatte sich geändert in dem kleinen dorf direkt am meer: skala eressos auf der insel lesbos. mitte der achtziger jahre hatte sie diesen strand für sich entdeckt; den feinen sand, der doch grob genug war, um nicht in allen ritzen lästig festzusitzen; die türkisblaue, kristallklare bucht mit der kleinen vorgelagerten insel, der all ihre sehnsucht galt.

jetzt bin ich wieder hier. nach all den jahren. anna seufzt und nippt am heißen milchkaffee. der ist so, wie er sein soll. das ist beruhigend, wenn nach so vielen jahren nicht nur fremde sie empfängt. so vieles ist anders. hat sich verändert. nicht nur hier. auch in annas leben.

aber die blue bar ist geblieben und lebt. angelos strahlt wie eh und je, ist nur ein bißchen runder geworden. noch mehr lachfalten. mit einem sanften stubser holt er anna aus ihren gedanken zurück ins hier und jetzt: „schau mal, da kommt miranda. sie hat käsekuchen gebacken. magst du ein stück?“

„unbedingt. ein großes! kalimera miranda, ti kanis?!“ anna lacht. nie hätte sie erwartet, auf einer griechischen insel kurz vor der türkischen küste den leckersten käsekuchen ihres lebens zu essen.

σκάλα ερεσού, λέσβος / μυτιληνη 1986

miranda, die wunderbare, war damals angelos freundin gewesen und hatte ihn in der blue bar unterstützt. irgendwann zwischendurch hatte sie ein paar jahre in deutschland verbracht und eine ausbildung zur konditorin gemacht. in einem fünf-sterne-haus. typisch miranda. dachte anna. sie kennt keine kompromisse und will immer nur das beste. das war schon damals so. ihr herzlicher, zupackender ehrgeiz hatte die blue bar wirtschaftlich stabil gemacht. jetzt stehen ihre torten und pasteten in allen reiseführern.

„und ich darfs essen...“ der käsekuchen ist köstlich, anna grinst vergnügt. hinter der theke stehen miranda und angelos arm in arm und strahlen sie an.

„weißt du noch, wie dein flugzeug nicht starten konnte, weil so ein schrecklicher gewittersturm war, damals, anfang mai? und wie du mit dem taxi zurückgekommen bist, den ganzen weiten weg vom flughafen ans andere ende der insel hierher zu uns nach eressos mitten in der nacht? wir haben uns sehr darüber gefreut, dich noch ein weilchen um uns zu haben!“

miranda freut sich wirklich, mich wiederzusehen. denkt anna und erinnert sich an dieses schöne frühjahr. fast zwei monate hatte sie damals hier verbracht mit einer übersetzung im gepäck: vormittags dicke wörterbücher und japanische lyrik auf der terrasse des ferienhauses, nachmittags strandleben und abends die bar. der verpasste flug hatte ihr eine aufenthaltsverlängerung von zwei wochen beschert.

anna schaut auf von milchkaffee und käsekuchen, blickt in die strahlenden gesichter und fragt sich wehmütig „warum eigentlich bin ich damals nicht für immer hier geblieben?“

im memoriam blue bar, plateia sappho, skala eressos (mytilini/lesvos), 1986


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Mittwoch, 20. Oktober 2010

50 jahre

ein halbes jahrhundert. unvorstellbar. noch älter als ich ist dieser alte toaster, der ein hochzeitsgeschenk für die eltern war.

wendetoaster: rowenta, 1960

es handelt sich um einen klappen- oder wendetoaster modell E5214 von rowenta, noch produziert im von robert weintraud 1884 gegründeten stammwerk in offenbach, bevor die firma anfang der 60er jahre von amerikanischen investoren übernommen wurde. der ist also noch richtig gute ‚deutsche wertarbeit‘ sozusagen.

trotzdem hat dieser toaster in der familie meiner kindheit regelmäßig für ärger gesorgt. die brotscheiben darin werden ‚halbautomatisch‘ gewendet, indem man die klappe weit nach unten öffnet. dann dreht sich das brot wie von selbst. aber es gibt weder timer noch abschaltautomatik, die toasts wollen immer beobachtet und im genau abgepassten augenblick gewendet sein.

die mutter war damit oft überfordert, weil sie gleichzeitig noch die eier mit speck zubereiten, kaffee kochen, frühstückstisch decken, den kohleofen einheizen, die lockenwickler aus den eigenen haaren nehmen, uns wecken und den vater aus dem bett locken musste.

immer wieder wurden ihr die toastscheiben kohlpechrabenschwarz. den brotkoks haben wir dann mit einem messer über dem spülstein abgeschrappt. wenn der geruch kippte von duftendem golden toast zum angebrannten brot, wussten wir, dass spätestens da auch mutters sonntagslaune gekippt war.

der alte 'turn-over' ist also weder praktisch noch pflegeleicht, deswegen wurde er irgendwann gegen ein anderes modell ausgetauscht: eines, das die fertig getoasteten scheiben auswirft, sobald sie die gewünschte bräunung haben.

trotzdem liebte ich den rowenta heiß und innig. vielleicht, weil er den eltern nicht gut genug war. da hatten wir etwas gemeinsam. vor allem aber deshalb, weil nicht nur genormte toastscheiben reinpassen, sondern auch mal ein halbes brötchen, auch kanten oder unegal abgeschnittene brotscheiben. weil er mich achtsamkeit lehrt und konzentration.

als ich mit achtzehn jahren in eine eigene wohnung zog, nahm ich den alten toaster mit und wieder in betrieb. er ist mir bis heute treu geblieben.

ich habe ihn aber auch nie verraten. einmal hat die mutter mir einen ihrer ‚praktischen‘ automatik-toaster aus dem ewigen quelle-katalog geschenkt. ich habe die annahme verweigert. die mutter verstand das nicht. die mutter verstand mich nicht.

in den dreißig jahren, die wir miteinander verbracht haben, mein toaster und ich, habe ich oft das chrom poliert, die elektrik ein paar mal repariert, abgebrochene bakelit-teile wieder angeklebt, ihm eine neue schnur spendiert.

das erstaunliche ist nicht, dass ich dieses oder andere geräte – wie die 20-jährige caffettiera zum beispiel - schon so lange in meinem haushalt habe. erschreckend ist vielmehr, dass ich schon so alt bin, dass die dinge so lange bei mir gewesen sein können.

was wusste ich denn mit achtzehn, werwiewo ich mit ende vierzig sein würde? dass dann alles anders wäre, als ich es mir als teenager erträumte – dass ausgerechnet dieser toaster aber unverändert dabei wäre?

zu meiner herkunftsfamilie habe ich ‚aus gründen‘ seit jahren keinen kontakt mehr. trotzdem habe ich natürlich gewisse daten im kopf. die eltern begehen heute goldene hochzeit. ohne den toaster.

wir wünschen - trotz allem - liebe, gesundheit und glück aus der ferne und feiern hier ein eigenes fest: herzlichen glückwunsch zum 50. geburtstag, mein toaster!


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Mittwoch, 30. Juni 2010

retro: junineumond 4

bevor mein sommer in brd südwest tatsächlich körpertemperaturen erreicht, mir gehirn und laptop womöglich ganz flüssig werden, hier nun der letzte teil meiner kleinen japanischen love story.


geblieben ist mir außer der sweet memory ein inzwischen völlig abgenudeltes denon tape mit alten aufnahmen von nina simone aus den frühen sechziger jahren (unter anderem einer wunderbaren blues-version von cotton-eyed joe), die wir in jener nacht hörten – und ein unscharfes foto, das meine erinnerung foppt.

[zum nachlesen, was vorher war: teil 1 und teil 2 und teil 3]

junineumond vierter teil:

die rosa plastikschlappen brachten den kaffee. das lenkte sie einen moment lang ab. der kaffee war heiß und stark und gut. sie mußte ihn gerade erst frisch aufgebrüht haben. es war genau das, was sie jetzt brauchte. das dumpfe gefühl in ihrem kopf schwand für eine weile. das gefühl, sich wie in einem surrealistischen film zu bewegen, blieb.

während er seinen reis aß, plauderten sie belanglosigkeiten. nicht viel, nur gerade eben so viel, dass sie den kontakt zueinander nicht verloren. immer wieder pausen, in denen sie durch die fensterscheibe das hektische treiben der geräuschlosen welt da draußen verfolgten. es war wie im kino: stumm­film. lange pausen, wenn sie sich nur ansahen. immer noch hungrig. anders. hauthungrig.

sie bestellten noch einen kaffee. sie ging zur toilette. als sie sich toiletten­papier nahm und die rolle sich in bewegung setzte, war eine spieluhr darin versteckt: „üb’ immer treu und redlichkeit...“ klimperte es blechern. sie grinste. auch das gehörte wohl zum film.

sie ließ sich zeit. aus dem café hörte sie nun klavierspiel. sie wußte, dass er für sie spielte und wurde noch etwas langsamer.

als sie in den gastraum zurückging, war sie erstaunt, wie voll der klang des klavieres war. der ganze raum schien nur noch aus tönen zu bestehen.

er sah zu ihr auf, entzücken in den augen: das klavier war bis zur unkennt­lichkeit verstimmt, und er war begeistert ob der unerwarteten töne, die seine professsionellen hände ihm entlockten. so etwas hatte er noch nicht erlebt. wie ein kind saß er da und lauschte dem, was eigentlich wie sein lieblings­stück von thelonious monk hätte klingen sollen. jede einzelne taste barg eine neue überraschung, er konnte gar nicht genug kriegen.

sie lachte ihn an. setzte sich an den tisch zurück, badete in der eigenartigen musik, sah ihm beim spielen zu. und genoß es.

auch das gehörte zum film: es hätte gar kein gestimmtes, wohltemperiertes klavier sein können. unmöglich. er spielte nur für sie, ein nie zuvor gehörtes konzert, das es so nie wieder geben würde. dafür liebte sie ihn umso mehr!

da bleischwere gefühl kam zurück, ihr körper forderte den ausgelassenen schlaf. sie konnte sich kaum noch bewegen. selbst das heben der kaffee­tasse schien ihr plötzlich unmöglich. seine töne verzauberten und lähmten sie.

die alte frau im blümchenkleid stand jetzt hinter der theke und starrte gebannt auf diesen seltsamen pianisten, der ihr altes totgeglaubtes piano wieder zum leben erweckte. oder war sie es, die ihn hypnotisierte und sein spiel erst möglich machte?

es schien eine ewigkeit zu vergehen, ehe er des spielens müde wurde und freudestrahlend zu ihr zurückkehrte. nicht, ohne sich höflich bei der alten dame mit den grauen ringelsöckchen bedankt zu haben, dass sie ihm das spielen auf ihrem instrument erlaubt hatte. trug sie wirklich lockenwickler im haar?

schweigend leerten sie die kaffeetassen. weiterhin blicke statt berührungen. matte, träge bewegungen. sie mochten nicht mehr bleiben und mochten auch nicht gehen, da sie um die grelle hitze wußten, die draußen wieder über sie herfallen würde. zuviel für müde, sehnsüchtige körper.

es half nichts. sie konnten nicht im café mittagschlaf halten. sie zahlten, und begleitet vom klimpern des wechselgeldes schnarrte die stimme: „bitte kommen sie bald wieder einmal her und spielen sie für mich.“ dabei zwinkerte sie ihn mit beiden augen an. „ja, bitte lassen sie mich bald wieder einmal spielen. es ist ein ganz besonderes klavier.“ er verbeugte sich.

sie verließen die kühle höhle aus rotem plüsch. die welt draußen empfing sie wie eine wand aus lähmender hitze und licht und lärm. schweiß perlte aus allen poren. das war das ende des films. all der zauber des morgens schien im café zurückgeblieben zu sein. allein die müdigkeit blieb ihnen und der schmerz der erbarmungslosen mittagssonne in den ungeschützten augen.

er brachte sie nach hause. vorsichtig schloß sie das hohe gartentor. nur ja keine überflüssige bewegung und kein geräusch zuviel. durch die schmiedeeisernen gitterstäbe hindurch verschränkte er seine hände in die ihren, zog sie zu sich heran zu einem letzten kuß. sie sah ihm nach, wie er durch die schmale gasse davonging. die katze. die große uhr im haus schlug zwölf. high noon.

als sie ein paar tage später noch einmal wie zum abschied die hauptstraße an derselben stelle entlangging, war das café verschwunden.

.... schnörkelgeigenschluchz: the end

abspann: diese körper haben nie zueinander gefunden. wir sind uns noch ein-, zweimal begegnet an diesen letzten junitagen in kyoto. immer öffentlich.

als ich im flieger saß nach hongkong - genau heute vor zwanzig jahren -, da sah ich ihn grinsend auf der rechten tragfläche sitzen. die ganze zeit. er baumelte mit den beinen und zwinkerte mir zu. ganz sicher.


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Montag, 28. Juni 2010

retro: junineumond 3

mir tut nicht nur die pause gut, sondern auch die hitze: ich schwitze gern! welch eine schöne koinzidenz, dass die hiesigen sommertemperaturen immer mehr denen aus der geschichte entsprechen: um die 37 grad waren es an jenem sonntag vor zwanzig jahren, meinem letzten in japan. hier der dritte teil meiner leicht surrealen seifenoper:


wir erinnern uns: unsere heldin ist verkatert [teil 1] und blickt beim aufwachen in ein lächelndes gesicht [teil 2], mit dessen charmantem besitzer sie nun frühstücken wird:
sie hatte keine sonnenbrille, und die gleißende hitze schmerzte in den augen.
er kannte die schleichwege und selbst die kleinsten gassen der umgebung, ihr weg führte sie an mehreren cafés vorbei. sie waren alle geschlossen. welch ein sonntagmorgen. die große odyssee auf der suche nach einer tasse kaffee, durch die hitze, durch das licht.

auf der hauptstraße schließlich fanden sie eins, das geöffnet hatte. sie hatte es noch nie bemerkt, vorher, obwohl sie fast täglich hier entlang gekommen war. all die zeit war es ihr völlig verborgen geblieben, daß es an dieser stelle ein café gab. sie wunderte sich. es hätte ihr doch auffallen müssen. sie kannte doch sonst jedes haus und jedes geschäft in diesem stück der straße.

sie zögerten erst, hineinzugehen. es hatte überhaupt nichts gemeinsam mit der art von café, die sie sonst besuchten. es war nicht gestylt und nicht designed, und mit der dichten, vergilbten raffgardine vor dem fenster wirkte es eher in sich zurückgezogen.

aber immerhin: durch die gardine hindurch konnten sie einen tisch in der fensternische erkennen, und der war frei. sie gingen hinein.

das erste, was ihnen auffiel: die klimaanlage funktionierte. sie waren froh, der grellen hitze entkommen zu sein, und sie sanken in die roten plüsch­sessel, mit dem gesicht zum fenster.

beim eintreten war ihnen von jenseits der theke ein krächzendes „kommen sie nur herein!“ entgegengetönt. doch ihre augen, noch geblendet von der sonne draußen und noch nicht gewöhnt an das halbdunkel hier drinnen, hat­ten nicht erkennen können, wer zu dieser stimme gehörte.

nun kam sie auf sie zu, diese stimme, um ihnen eine fast schon verwitterte, in schnörkeligen schriftzeichen gemalte karte zu bringen.

die stimme gehörte zu einer frau. sie war mindestens anderthalb kopf kleiner als sie selbst, der körper leicht gedrungen, wie zusammengestaucht, und der kopf schien ohne hals direkt auf den schultern zu sitzen. sie trug ein ver­waschenes kittelkleid von irgendwie roter farbe mit streublümchen-muster. darüber eine halbe küchenschürze, die war fleckig und vergraut, ließ aber ebenfalls die ehemalige existenz eines blümchenmusters erkennen. ihre kurzen beine steckten in söckchen von undefinierbar braun-grauer farbe, die sich locker um die fesseln in falten legten. die söckchen wiederum steckten in leuchtend rosa plastikschlappen.

zum ersten mal fragte sie sich, ob es in diesem land wohl auch so etwas wie hexen gäbe. wenn es welche gäbe, dann würden sie sicher so aussehen wie diese caféfrau. heutzutage zumindest.

sie war gar nicht unfreundlich, obwohl sie die einzigen gäste waren und offensichtlich die ruhe ihres sonntagmorgens gestört hatten. höflich nahm sie ihre bestellung entgegen, und während er auf einen gebra­tenen reis wartete - im set mit einer tasse kaffee - und sie auf ihren kaffee ohne gebratenen reis, hatten sie zeit genug, sich im café umzusehen.

überall roter plüsch, verblichen und fadenscheinig. vor den fenstern vergilbte raffgardinen. ein altes klavier an der einen wand. darauf spitzendeckchen und plastikblümchen. sie waren die einzigen gäste. es gab keine musik, das einzige geräusch war das ungeduldige säuseln der klimaanlage. fenster und türen schlossen dicht, so daß der großstadtverkehr draußen tonlos tobte.

sie saßen wie in einer anderen welt, für die menschen, die draußen vorbei­hasteten, unerreichbar. sie sahen sogar bekannte gesichter, die sie durch die scheibe hindurch ansahen und doch nicht wahrnahmen.

sie sahen sich an. und grinsten. hier wäre es kühl genug gewesen. die klimaanlage funktionierte hervorragend. er sah ihr tief in die augen. schöne augen hatte er. sie bemerkte es nicht zum ersten mal: von einem tiefen braun, schräggestellt - keine schlitzaugen. eher wie die einer katze. ruhig und klug. offen und neugierig. nie zuvor war sie in diesem land einem mann mit so offenen augen begegnet.

sie erwiderte seinen blick. wieder grinsten sie. berührungen in der öffentlich­keit waren nicht vorgesehen im land des lächelnden wahnsinns.

jede zelle ihres körpers sehnte sich.
so weit teil 3 meiner japanischen seifenoper.... fortsetzung folgt.
[bitte hier entlang zum 4. teil]


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Freitag, 25. Juni 2010

retro: junineumond 2

meine aktuelle besondere maßnahme besteht darin, mir das aushalten meines blöden bürolebens ein wenig zu erleichtern, indem ich nix neues produziere, sondern euch an meinem "japan-jubiläum" teilhaben lasse.


nun also der zweite teil meiner japanischen seifenoper:
[teil 1 zum nachlesen bitte hier entlang ...]
ihr erinnert euch? sommer in japan 1990, mein abschiedsfest am 23. juni – die nacht verbringe ich beim damals aktuellen subjekt meiner begierde. so ging‘s weiter:
sie hatte einen dicken kopf. kein wunder nach dem vielen alkohol der ver­gangenen nacht. kein wunder vor allem nach dem vielerlei alkohol der ver­gangenen nacht. im grunde haßte sie diese feste, zu denen jeder zu trinken mitbrachte, was ihm gerade einfiel. sie war dann gezwungen, alles mögliche durcheinander zu trinken. nein: sie bevorzugte die wohl organisierten feste, bei denen sie von anfang an bei einer sorte alkohol bleiben konnte.
sie mußte unwillkürlich lachen. es war ihr eigenes fest gewesen.
sie hatte einen schrecklich schlechten geschmack im mund. sie scheute sich geradezu, sich von ihm küssen zu lassen, weil sie sicher war, daß er sie dann abstoßend würde finden müssen - so wie auch sie selbst schlecht schmeckende männermäuler schon immer verabscheut hatte.
verlangen nach einem kaffee.
kaffee?
das kaffeepulver war ausgegangen.
sie mußte schmunzeln über dieses deutsche wort „ausgegangen“: fort­gegangen und noch nicht zurückgekehrt. sie stellte sich marschierendes kaffeepulver vor. ein bild, daß zu ihrem surrealistischen gefühl gut paßte. marschierendes kaffeepulver auf ausgang. irgendwo downtown, vielleicht. unterwegs von einer kneipe zur andern.
dann tee?
er stieg aus dem bett. langsam und mit wunderschönen, katzenhaften bewe­gungen, um heißwasser zu bereiten.
ein kätzischer mann. der abschied würde ihr schwer fallen. warum mußte sie ausgerechnet jetzt auf einen kätzischen mann stoßen, wo sie doch in nur­mehr fünf tagen dieses land, aus dem sie immer nix wie weg hatte wollen, vom ersten tag an schon, nun endgültig verlassen sollte?!
er kam ihr vor wie ein wunderschönes, ein bitteres abschiedsgeschenk. abschied zartbitter. es blieben noch einhundertvierundvierzig stunden. immerhin.
sie rechnete nach. ihre tage waren gerade erst vorbei - und selbst, wenn sie es noch so sehr wollte: sie blieb nicht lange genug, um von ihm schwanger zu werden.
ein seltsamer gedanke, das. daran war sicher nur die große hitze schuld.

es war noch genau ein teebeutel übrig geblieben, den er geschickt durch zwei tassen wandern ließ. ihr gefiel dieser junggesellenhaushalt, die schwe­relosigkeit des gelebten provisoriums. sie hatte männer schon öfter beneidet um ihre sorglosigkeit, mit der sie am morgen danach feststellen konnten, daß der kaffee gerade ausgegangen war. sie selbst hätte sich nichts schlimmeres vorstellen können, als eines morgens aufzuwachen, ohne kaffee im haus zu haben. bei anderen leuten fand sie das dagegen immer romantisch. seltsamerweise. sie, die immer ein ganzes hamsternest voll hatte von kaffeepulver, tee und schokoladenkeksen.

es machte ihr spaß, ihn zu beobachten. manchen menschen gehörte einzig schon für die schönheit ihrer bewegungen der erste preis verliehen. wenn es so etwas gegeben hätte.
der da hätte obendrein noch einen preis verdient für samtweiche seiden­glatte haut. diese zauberhaut war selbst für niveareklame noch viel zu gut.
nachdem sie das hier, nachdem sie den hier erlebt hatte - wie sollte sie jemals wieder den anderen lieben, der dort in dem fernen land, das sie aus längst vergessenen gründen ‘heimat’ nannte, auf sie wartete? lieber wollte sie alleine bleiben für den rest ihres lebens, als sich an dessen nordischer haut weiter wundzuscheuern.

er hatte eine platte aufgelegt. um ihr einen gefallen zu tun vielleicht, und daß sie sich weniger in der ferne fühlen möge, war es das berühmte klavier­konzert, das an ihrem geburtsort aufgenommen worden war. sie war damals gerade dreizehn gewesen, und das wort ‘jazz’ hatte noch nicht zu ihrem fremdwörterschatz gehört.
er brachte ihr den tee ins bett, legte sich wieder daneben. große göttin, war der schön! das war ja wirklich wie im film.
der heiße tee tat ihr gut, vertrieb das kopfweh ein wenig.

er grinste sie an, ziemlich frech: „ich will...“ er suchte nach dem deutschen wort, und als er es dann gefunden hatte und aussprach, klang es, als läge es auf einem silbertablett: „...geschlechtsverkehr!“ etwas überrascht über die unerwartete und in diesem land der versteckten anspielungen ungewohnte direktheit, sah sie ihn ziemlich erstaunt an, und dann mußten beide im sel­ben moment lachen: da war das beiderseitige verlangen - und gleichzeitig diese hitze, die einfach alles unmöglich machte.
so lagen sie noch eine weile beieinander, träumten von berührungen, die nicht stattfanden. waren träge zufrieden.
in solchen augenblicken können einhundertvierundvierzig stunden eine unglaublich lange zeit sein.

sie beschlossen, sich auf die suche zu machen nach einem café fürs früh­stück. während sie sich langsam anzog, dachte sie daran, wie gekonnt er sie erst vor ein paar stunden ausgezogen hatte. die katze.
beim hinausgehen bedachte die vermieterin, die gerade vor dem haus die blumen goß, sie mit einem mißtrauischen blick. das gehörte wohl dazu, zum film.

so weit teil 2 meiner japanischen seifenoper .... fortsetzung folgt.
demnäxt.
[zum dritten teil bitte hier entlang ....]


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Mittwoch, 23. Juni 2010

retro: junineumond 1

vor lauter aushalten fehlt mir zur zeit der literarische dreh. sogar besondere maßnahmen zu schreiben für mein geliebtes büro empfinde ich als zusätzliche belastung. ich erlaube mir daher, euch virtuell an meinem vergangenen leben zu beteiligen:



vor genau zwanzig jahren war ich in japan. nach fast anderthalb jahren im land der aufgehenden sonne war für den 30. juni mein rückflug gebucht über hongkong; am 1. juli 1990 sollte ich landen in frankfurt am main, pünktlich zur deutschen währungsunion. das war ein ziemlicher kulturschock rückwärts.

vorher aber genoss ich meine letzte woche in kyoto. am 23. juni gab ich mein abschiedsfest. kurz danach entstand dieser text:
junineumond

hell war es draußen schon lange. nach der dunkelheit der mondlosen nacht hatten sie es gemeinsam hell werden sehen hinter den bergen im osten der stadt. ehe sie miteinander eingeschlafen waren auf seinem schmalen bett.
sie hatte sich gewundert, wie gut das ging mit ihm. mit anderen männern war das nie gegangen. auf so schmalen betten. war er vielleicht doch mehr als ein „schmales“ abenteuer?

es war heiß. sehr heiß. nackt lagen sie nebeneinander. schwitzend. die feuchtheiße luft legte sich über sie so schwer und atemraubend wie groß­mutters dicke winterbettdecke und machte sie schwitzen. feuchtheiß. der tag würde unerträglich werden.
die hitze allein hätte ihr gar nicht so viel ausgemacht. es war die luftfeuchtig­keit, die die hitze unerträglich machte und selbst die kleinste bewegung mit immer neuen schweißausbrüchen bestrafte.

sie war bleischwer müde und gleichzeitig hellwach. sie mochte dieses glasklare, surrealistische gefühl nach so langen, viel zu kurzen nächten wie der letzten.
wie lange mochten sie geschlafen haben? vier stunden? oder drei? oder vielleicht auch nur zwei? sie konnte es nicht sagen.
das fest war bis kurz nach vier gegangen. daran konnte sie sich noch erin­nern. dann war sie vielleicht um halb fünf bei ihm gewesen. oder etwas früher. dann hatte er ihr einen tee gekocht, sie hatten musik gehört und geredet. sie hatten es draußen hell werden sehen und den vögeln gelauscht, wie sie den morgen begrüßten. den sonntagmorgen.

die uhr zeigte irgendetwas zwischen neun und zehn. so genau vermochte sie das ohne brille nicht zu sehen. es war ihr auch egal. sie hatte ohnehin nicht vor, durch den griff nach der brille einen neuerlichen schweißausbruch zu provozieren.

als sie die augen aufschlug, da hatte er sie angelächelt. sie hatte es schon immer sehr geliebt, beim aufwachen in das lächelnde gesicht eines gelieb­ten menschen zu sehen. passiert war es ihr allerdings höchst selten. entwe­der sie hatten nicht gelächelt, oder sie hatte sie nicht geliebt. so war sie zu dem schluß gekommen, daß es so etwas eigentlich nur im film gibt.
nun hatte er sie tatsächlich angelächelt beim aufwachen. es war wie im film. dafür liebte sie ihn umso mehr.
mit erstaunen stellte sie fest, daß sie die ganze zeit auf seiner schulter schlafend verbracht hatte. auch das war ihr mit anderen männern selten passiert. aber seine war genau richtig gewesen, um ihr müdes haupt darauf zu betten: nicht zu hart, nicht zu muskulös, als daß sie einen steifen nacken gekriegt hätte. und auch nicht zu schmalbrüstig, als daß sie hätte angst haben müssen, ihn zu zerdrücken.
dafür liebt sie ihn gleich noch ein bißchen mehr.
nackt lagen sie nebeneinander auf dem schmalen bett. sahen sich freundlich und träge an, die körper naßglänzend von schweiß. hin und wieder eine hand, die zärtlich über die nassen linien des anderen körpers schwamm.
es war heiß. selbst zum liebe machen war es zu heiß. später sollten sie erfahren, daß es der heißeste tag des jahres war. viel zu heiß für ende juni. sowas kam sonst nur im august vor, nach der regenzeit. dieses jahr aber war alles wie verdreht. eine regenzeit fast ohne regen. statt dessen war der juni ungewöhnlich heiß. feucht war es trotzdem. die luft war wie geschwän­gert von wasser, ohne sich abregnen zu können....

so weit teil 1 meiner japanischen seifenoper .... fortsetzung folgt. demnäxt.
[zum zweiten teil bitte hier entlang ...]


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