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Mittwoch, 5. August 2009

anonym oder für alle erkennbar?

diese frage beschäftigt mich seit meinen ersten zeilen hier.

wieviel zeig' ich her von mir, im klartext? in diesem weblog wünsche ich mir einen ort für meine kleinen geschichten, für anekdoten aus meinem leben, aber auch für gedanken über die große göttin & die welt: mal kreativ, mal kritisch, mal kitsch.

mo jour - on the beach

ich möchte mein innerstes nicht verstecken, will nicht 'so tun, als ob ....' – das habe ich die meiste zeit meines lebens getan. es hat mich sehr krank gemacht.

ich habe beschlossen, hier im "büro für besondere maßnahmen" so offen zu sein, wie mein herz und derzeitiges wissen um die welt es nur zulassen. was namen, wohnort, umfeld angeht, werde ich lebewesen und dinge anonymisieren, pseudonymisieren, mit wörtern verfremden – vorerst zumindest, als 'besondere maßnahme', um mich selbst zu schützen.

noch spüre ich auch angst, wenn ich mich oute mit einzelheiten, die 'in der welt da draußen' – also jenseits von meinem schreibtisch mit der schönen aussicht – gar nicht immer so gut angesehen sind. manchmal schäme ich mich sogar. ich weiß, dass menschen, die mir neugierig wohl wollen, mich hier erkennen werden. seid willkommen!

andererseits weiß ich, dass ich mit meinen themen nicht allein bin auf dieser welt. ganz im gegenteil: wir sind millionen!

da sind schwer zu durchbrechende tabus. immer noch! es ist in dieser gesellschaft nicht opportun, wenn man nicht ganz oben mitschwimmt – darüber wird höchstens in der dritten person gesprochen. das passiert immer nur den anderen. die armen! aber nur ganz ganz selten erzählen die menschen selbst, was es für sie bedeutet, wie es ihnen damit geht.

genau das ist es aber, was arbeitslosigkeit mit zunehmender armut & vereinsamung, seelische & körperliche 'unzulänglichkeiten' und – wie unappetitlich! - wechseljahres- & andere altersphänomene so schlimm, so unerträglich machen: zum stillschweigen verurteilt zu sein! darüber spricht man nicht! was sollen denn die nachbarn denken?! also redet man nicht darüber - weil man sich schämt und weil man angst hat, abgestempelt und stigmatisiert zu werden.

wenn ich öffentlich erzähle, dass ich – trotz bester ausbildung und ausgestattet mit einem mensatauglichen intelligenzquotienten - ergänzend hartz4 beziehe, kriege ich dann überhaupt jemals wieder einen auftrag?

wenn ich hier offen erzähle, dass ich - seit vielen jahren trockene - alkoholikerin bin, wird mich jemals wieder jemand einstellen?

wenn ich erzähle, dass ich bisweilen – trotz allen mutes, trotz aller zuversicht, trotz allen humors – völlig verzweifelt heulend depressiv in der ecke sitze, weil mein leben seit einigen jahren immer nur schrumpft … - wird das hier noch jemand lesen wollen?

wenn ich erzähle, dass ich mit mitte vierzig schon in den wechseljahren stecke, dass meine ehemals schöne taille sich auf nimmerwiedersehen verabschiedet und in einen matronenspeckgürtel verwandelt hat – wird jemals wieder ein mann mich liebevoll anschauen?

nun ja. es ist, wie es ist.

meine gutbürgerliche nachbarschaft will solcherlei nicht hören. das einzige, was wir gemeinsam haben, ist die schöne aussicht ins rebenland. mehr nicht.
für diese nachbarschaft tue ich weiterhin 'so, als ob …' ich die erfolgreiche selbständige unternehmerin sei.

mit mir vertrauten menschen aber - und hier im weblog, für all die andern, denen es auch so geht! - da will ich ganz sein dürfen. weil das heilen hilft - deswegen ist es einen versuch wert. oder was meint ihr?


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Kommentare :

  1. Liebe Mo Jour,
    dieser Artikel hat mich sehr bewegt. Ich habe deinen Blog erst heute gefunden und deshalb nehme ich mir das Recht auf einen solch verspäteten Kommentar. Ich hoffe, das ist in Ordnung.

    Aus meiner Vita habe ich gelernt: Ehrlichkeit macht frei. Ich bin eine transsexuelle Polizistin und lebe ganz offen damit. Vom Tag des Outing an waren viele Probleme Geschichte.
    Ich bin völlig pleite und verschuldet durch Scheidung, Unterhalt und Insolvenz der Gattin: Ich mache daraus kein Geheimnis, meine Kollegen wissen das. Ehrlichkeit macht frei.

    Ich hab immer so gehandelt, von mir ganz ehrlich zu erzählen, ohne die Angelegenheit aufzubauschen.
    Für mich hat das super funktioniert und ich kenne auch andere Menschen mit anderen Problemen, denen es ähnlich erging.

    Toller Blog, hier lese ich jetzt öfter.
    Viele Grüße aus Kiel,
    - Svenja -

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  2. Leider habe ich weder Aufträge, Kritik noch Lob oder Fragen für dich.

    Aber du hast etwas viel Wichtigeres getan: Du hast mich tief berührt mit dem, was und wie du es hier schreibst. Dafür danke ich dir sehr!!!

    Ich habe beim heutigen Beitrag angefangen zu lesen und bin im "Rückwärtsgang" nun hier angekommen... und ich werde gerne wieder herkommen.

    Ganz herzliche Grüße

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  3. liebe Bär-Bellinda, na dann: willkommen im büro für besondere maßnahmen, nimm platz und trink ein täßchen rosentee. wenn das kein lob ist von dir, dann weiß ich nicht, wie es schöner aussehen sollte! ich freue mich unendlich, dass das, was ich hier aufschreibe, kreise zieht wie ein ins wasser geworfener stein und in anderen - manchmal sogar mir ganz unbekannten frauen - positive impulsive auslöst. danke für deine wunderbare rückmeldung: das tut sooooo gut!

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  4. Man braucht sich kein Ruhmesblatt umhängen, wenn man sich als Beamter in irgendeiner Lebensform outet. Ob man sich outet, hängt unmittelbar mit dem beruflichen Status zusammen. Beamte sind gut geschützt, die darf man nicht einfach ungestraft diskriminieren, mobben oder rauswerfen. Für alle anderen Berufsgruppen gilt das nicht, da ist möglicher Weise absolute Vorsicht geboten. Trotz alledem können dadurch (selbst als Beamter), dass man sich outet, auch Familienmitglieder und Freunde in zweiter Linie geschädigt werden, selbst wenn das unbeabsichtigt geschieht. Bloggen ist nun mal, wenn sie personalisiert geschieht Exhibitionismus pur (was ja nicht verwerflich ist, wer´s mag), eine Art neues Showbiz auf andere Art. Man kann sogar sein Publikum durchsieben, ob es nett ist oder lieber rausgeworfen wird.
    Dieser Blog ist auf jeden Fall klasse!

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  5. liebeR anonym,
    vielen dank für deine rückmeldung. ich freue mich über das lob!

    was das outen angeht, teile ich deine meinung nicht ganz:

    auch beamte können opfer von mobbing werden - und bis das mal bewiesen oder gar rechtskräftig unterbunden wird, ist es ein langer, kräftezehrender weg. wenn es denn überhaupt so weit kommt. mobbing funktioniert bekanntermaßen perfide und unterschwellig. da hilft dann auch kein kündigungsschutz. sich mit lebensumständen an die öffentlichkeit zu wagen, die nicht opportuner mainstream sind, ist in meinen augen immer mutig.

    dabei macht es für mich einen großen unterschied, ob jemand aus persönlicher geltungsssucht heraus pikante détails ausplaudert ("exhibitionismus"*) oder aus innerer notwendigkeit einen weg sucht, um dinge ans licht zu bringen, die gesellschaftlich gern unter den teppich gekehrt werden - um nicht selbst daran zugrunde zu gehen. letzteres ist für mich auch immer politisch, denn totschweigen kann - wie das wort schon sagt - töten.

    insofern gilt für mich als journalistin und als mensch nach wie vor:
    "Es ist und bleibt die revolutionärste Tat, das laut zu sagen, was ist."

    es bleibt meine eigene gratwanderung, ob ich das unter pseudonym mache oder für alle persönlich erkennbar, denn ich weiß um meine eigene verletzbarkeit.

    ps.
    * Exhibitionismus
    ist (lt. Wikipedia) "eine sexuelle Neigung, bei der die betreffende Person es als lustvoll erlebt, von anderen Personen nackt oder bei sexuellen Aktivitäten beobachtet zu werden." ich wünsche mir einen achtsamen umgang mit "schubladen-wörtern". wenn ich im 'büro für besondere maßnahmen' erzähle, was ich erlebe und erlebt habe, dann geht es mir dabei nicht um (sexuellen) lustgewinn.

    wichtig ist für mich vor allem, erfahrungen und gedanken zu teilen und mitzuteilen, mich darüber auszutauschen und - im schönsten fall! - festzustellen, dass ich mit vielem zwar alleingelassen, aber doch niemals ganz alleine bin.

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  6. Ich habe mich auch lange damit beschäftigt, ob ich anonym schreiben soll oder nicht, mich aber aus ähnlichen Gründen wie Du genauso entschieden - vor allem aber auch, um nicht meine Familie und Freunde ungewollt zu "outen" mit den Anekdoten, in denen sie vorkommen.
    Ich finde das völlig ok - weiter so!

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  7. hallo knete, danke fürs mutmachen!
    .... und schade, dass du keinen link hinterlassen hast - ich wäre ja schon neugierig, was du schreibst ;-)
    nach wie vor bin ich der meinung, dass die möglichkeit, sich selbst zu schützen und im internet anonym zu veröffentlichen, ganz dringend erhalten bleiben muss.
    alles andere würde einem 'berufsverbot' gleichkommen.
    trotz aller anonymität entwickeln sich hier für mich sehr reale, ganz wunderbare kontakte; netzwerke voller guter energie entstehen.
    mit klarnamen wäre mir das niemals möglich gewesen.

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  8. liebe mo jour,

    vielen Dank noch einmal für deinen kommentar auf www.madame-li.com. er hat mich nun bis hierher geführt und ich bin sehr berührt. da ich da ich gerade unterwegs bin, komme ich demnächst wieder, aber ganz sicher, denn das anliegen, das Du hier beschreibst, liegt mir auch sehr am herzen. es ist für uns alle an der zeit, uns nicht mehr nur als fassade zu sehen, sondern, als lebendige menschen, die oft eher auf dem bauch robben, als auf einem weißen schimmel reiten. und dies macht gerade unsere würde und schönheit aus. danke!
    madame li aka christine li

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  9. madame li, willkommen!
    die kaiserin selbst zu besuch - ich fühle mich sehr geehrt und sende ein herzliches danke für deinen zuspruch, für würde und schönheit.
    komm gerne wieder: ich freue mich sehr, wenn du in meiner milden, wilden mischung etwas findest, das du mitnehmen magst.

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  10. Hallo mo jour,
    für mich absolut nachvollziehbar, dass Du anonym bleiben möchtest. Jeder Gedanke, den Du "oben" geäußert hast ist wahr und sich einmal zu outen, kann man nicht rückgängig machen. Leider. Auch wenn ich auf diesem Artikel aus purer Neugierde gelandet bin und wissen wollte, wer hier so gut schreibt und es immer noch nicht weiß... ;)
    Toller Blog, ich werde mit Sicherheit wiederkommen
    Lieber Gruß
    Jeanny

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    Antworten
    1. hallo jeanny,

      die anonymität tatsächlich zu wahren, ist gar nicht immer einfach. dieses thema ist nach fast vier jahren unverändert aktuell.
      danke fürs nette kompliment - und doch! ich weiß es ... ist ja schließlich mein beruf :-)

      freut mich, dass es dir gefällt im Büro für besondere Maßnahmen: lass dich ruhig nieder, nimm einen rosen-tee und ein virtuelles muffin auch, wenn du magst.
      bis zum näxten mal & alles liebe,

      mo jour

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