Achtung. Achtung. Achtung.
Wir sind umgezogen!

Januar 2021

Das Büro für besondere Maßnahmen ist ab sofort erreichbar auf mojour.de

Nach und nach werden alte Beiträge – ggf. aktualisiert und überarbeitet – dorthin umziehen. Bitte folgen ... :-)

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Freitag, 20. Juni 2014

Weltmusik für die Weltmeisterschaft

Als ehemalige freie Mitarbeiterin verschiedener Weltmusikredaktionen nehme ich die Fifa Fußball Weltmeisterschaft 2014 in Brasilien zum Anlass, in die Archive zu steigen und die Spiele des Tages jeweils mit passender Musik zu begleiten - täglich bis zum Finale am 13. Juli 2014.

Papaya Salad w/ Coconut Milk & Lime Juice

Jeden Tag präsentiere ich dem geneigten Publikum mehrere Musik-Tipps: Für jedes Spiel, jedes Land - mal neue, mal klassische, mal traditionelle Musik, möglichst abseits der Mainstream-Routen.

Bekanntes wiederhören - auch in unerwarteter Weise, Neues entdecken: Ich hoffe, es ist für viele von Euch etwas dabei. Bei gleicher Qualifikation wird die Musik von Frauen bevorzugt. Ich bin absolut parteiisch!

Das Ganze findet statt auf der Facebook-Seite des Büro für besondere Maßnahmen und ist garantiert (fast) fußballfrei. Es ist so eingestellt, dass ihr es sehen könnt, ohne bei Facebook angemeldet oder eingeloggt zu sein. (Diesen Hinweis poste ich hier nur einmal - die Musiktipps findet Ihr "aus organisatorsichen Gründen" ausschließlich auf Facebook).

Schaut doch mal rüber! Und abonniert die Facebook-Seite ... Ich freue mich über jeden Besuch und danke für Euer Interesse!

Schönste Sommergrüße aus der temporären Musikredaktion für besondere Maßnahmen!

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Montag, 10. März 2014

Edie Brickell

- Rosenworte zum Montag -

Ein Leben lang hab' ich mich nicht getraut und kämpfe bis heute darum, mir zumindest hin und wieder zu erlauben, die zu sein, die ich bin: Kreativ und unbekümmert.

Eine, die sich schon ganz früh getraut ist, ist Edie Brickell. Erinnert ihr euch an ihr wunderbares Album "Shooting Rubberbands at the Stars" von 1988?



Da singt sie zum Beispiel:

Ich bin was ich bin ... Philosophie ist ein Spaziergang auf glitschigen  Steinen ... halte mich zurück im seichten Wasser, bevor ich zu tief gerate ...

Alltags aber ersticke ich schier an der von der Umwelt erwarteten Mittelmäßigkeit. Und während ich immer noch denke und mich frage, was schiefgelaufen ist, dass ich in mir so gefangen bin und mich so selten richtig nach draußen wage, sagt Edie Brickell genau das:


"You feel like a prisoner if you don't create. You're jailed up inside of yourself."*

Eine kluge Frau, die da heute Geburtstag hat - und ganz sicher wert, sich mehr mit ihr zu beschäftigen. Auf ihrer wunderbar kreativen Webseite veröffentlicht sie täglich(!) ein neues Stückchen Musik - den Song of the Day, einfach weil sie gerne singt. Hin und wieder gibt es auch kleine Home Movies mit eigenen Cartoons ... Gutes oder Schräges, manchmal mehr und manchmal weniger gelungen - aber so ist Kreativität eben auch: Ganz alltäglich, nicht immer nur Bestseller! Das ist sehr ermutigend.

Aktuell hat Edie Brickell gerade erst im Januar einen Grammy 2014 einkassiert und arbeitet mit Steve Martin an einem Musical. Brickell ist seit 1992 verheiratet mit Paul Simon und hat mit ihm drei Kinder.

Herzlichen Glückwunsch! Und großes Danke.

*
Man fühlt sich wie ein Gefangener, wenn man nicht kreativ ist. Man ist eingesperrt in sich selbst.

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Montag, 6. Januar 2014

Die Engelhafte

- Rosenworte zum Montag -

Mit einer akustischen, optischen und energiegeladenen Rose starte ich ins Neue Jahr:

Der Vorname "Angelika" war lange Zeit nicht nur in Deutschland einer der beliebtesten. Seine Wurzeln liegen im griechischen Αγγελική (angelikì). Das bedeutet "die Engelhafte", und es gibt ihn bis heute in vielen Sprachen.

Auch in meinem Leben spielen einige Angeliken "engelhafte" Rollen.

Eine von ihnen ist die Sängerin und Komponistin Angélique Ionatos (Αγγελική Ιονάτου), deren Musik ich vor mehr als 20 Jahren entdeckte. Geboren in Athen, musste sie während der griechischen Militärdiktatur 1969 nach Frankreich ins Exil.

Ihre tiefe, ausdrucksstarke Stimme und die Klangvielfalt ihrer Töne haben mich von Anfang an beeindruckt, lassen mich bis heute nicht los.

Sie hat die Lyrik der antiken Dichterin Sappho (z. B. Αστέρων πάντων ὀ κάλλιστος - Asteron pandon - Der schönste Stern von allen") vertont und gesungen, aber auch Gedichte von Mikis Theodorakis (z.B. ο κύκλος του νερού - O kyklos tou nerou - der Kreis des Wassers), Literaturnobelpreisträger Odysseas Elytis (z. B. Στόν Παράδεισο - Ston Paradisso - Im Paradies), Pablo Neruda, Astor Piazolla und vielen anderen.

Auf ihrem YouTube-Kanal sind einige akustische Perlen zu finden. Eine der schönsten davon ist "I aria tis rosas" - die "Rosenarie" - von ihrem Album "D'un bleu très noir" (Von einem sehr schwarzen Blau) aus dem Jahr 2000:



Ende der der 90er Jahre hatte ich das große Vergnügen, sie in Berlin selbst zu interviewen. Anschließend gab es ein gemeinsames Essen beim Griechen, ich saß den ganzen Abend neben ihr, wir plauderten ohne Mikrofon; tags drauf ihr Konzert in der Passionskirche am Kreuzberger Marheinekeplatz ist mir unvergessen in schönster Erinnerung.

Ach, ich schwelge in der Vergangenheit! Das ist manchmal erlaubt: Als Kultur- und Musikredakteurin gehörten solche Begegnungen für mich damals zum Alltag. Der Abend mit Madame Ionatos aber war ein Besonderer. Weil SIE eine Besondere ist.

Fred Soupa hat für das Magazine TV Zlika ein zweieinhalb Minuten kurzes, sehenswertes Porträt dieser schönen, klugen, charmanten, musikalischen, durch und durch poetischen - ach ich krieg mich ja gar nicht mehr ein! - tollen himmlisch engelhaften Frau ins Internet gestellt.

Ich wünsche Euch Rosen für die Ohren!
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Montag, 23. Dezember 2013

Schneerosen

Die Rosenworte zum Montag ...

... widme ich heute all denen, die - wie ich - in der rosenlosen Zeit des Jahres auf die Welt kamen und als erstes im Leben nicht das Licht, sondern die Dunkelheit der Welt erblickten.

Schneerose (Helleborus niger)

Wie Schneerosen, die von Anfang an der Kälte dieser Welt trotzen. Wir selbst sind das Leuchten in der Dunkelheit des Winters, im Sommer 'Immergrün'.

Schneerosen halten aus und durch. Auch wenn die Knaben daher kommen, das Röslein zu "brechen". Wir treiben einfach neue Blüten.

Helen Schneider, die heute Geburtstag hat, sang das Röslein 1978 bei Alfred Biolek:



Seid gut zu Euch!

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Montag, 2. September 2013

sweet rose of maunawili

- rosenworte zum montag -

heute vor 175 jahren wurde sie geboren:  Lili'uokalani, die letzte königin des inselstaates hawai'i.

mit 'hawai'i den hawai'ianern' kämpfte sie heftig gegen die annexion ihres landes durch die vereinigten staaten. hawai'i verlor und wurde 1898 von den USA übernommen.

königin Lili'uokalani gründete schulen, um besonders mädchen eine gute bildung zu ermöglichen.

außerdem war sie musikalisch begabt: mehr als 150 kompositionen hat sie hinterlassen. einige davon finden sich auf der wunderbaren CD "Na Mele Hawai'i: A Rediscovery of Hawaiian Vocal Music", eingespielt vom "Rose Emsemble" aus minnesota (US).

darunter auch ihr wohl berühmtestes lied aloha'oe, ein romantisches abschiedslied, mit dem unzählige schiffe auf hawai'i begrüßt oder auf see geleitet wurden:


... I have seen and watched thy loveliness
thou sweet rose of maunawili
... farewell to thee ...

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Donnerstag, 15. August 2013

vermieter – the next generation

für die, die's noch nicht wissen: ich wohne zur miete. im dachgeschoss.

die katholischen vermieter leben in der bel-etage, ein stockwerk tiefer. täglich mehrmals muss ich an deren wohnungstüre vorbei.

die vermieter haben erwachsene kinder: eine tochter und einen sohn, die mit ihren jeweiligen partnerInnen ziemlich weit weg leben.

die vermieterkinder haben sich fortgepflanzt. es gibt nun zwei vermieterenkelsöhne, ungefähr ein und zwei jahre alt. seitdem das so ist, hängen konterfeis der frisch geschlüpften erdlinge an der vermieterlichen wohnungstüre. außen!

"den Nachwuchs vor die Tür hängen"


die armen rot schrumpeligen würmer wurden durch den heimischen drucker mehr schlecht als recht im DIN-format A4 auf billigem papier in die welt gezwängt, schräg und schäps mit tesafilm an die tür geklebt.

seit zwei jahren also frage ich mich mehrmals täglich: warum machen die das? was ist das für ein brauch? warum hängen die katholiken (wahlweise vermieter / winzerdörfler / alemannen / baden / spießerdeutschen …) ihre säuglinge nach draußen vor die wohnungstüre ins ungeheizte treppenhaus – anstatt sie innendrin gut warmzuhalten, vor bösen geistern zu verstecken und zu beschützen?!

beide säuglinge tragen die namen von römischen kaisern – wie sich das gehört für die enkel von herrschaftlichen großgrundbesitzern mit einem stammbaum über mehrere jahrhunderte bis zurück zu den historisch belegten ersten siedlern des dorfes. selle kamen aus der schweiz, okkupierten das tal und teilten das land unter sich auf. an der sprache merkt man das bis heute, die ist in diesem ort ganz anders als im nachbardorf. sie haben nie richtig deutsch gelernt.

manchmal kommen die kinder mit den enkelkindern zu besuch und führen dem patriarchen und seiner eheputzkochhaushaltsfrau vor, wie gut sie ihre bälger schon dressiert haben.

ich sitz dann hier oben auf meiner balkon-empore und griemel mir eins. leider verstehe ich jedes wort, das unten im „wintergarten“ genannten glashaus und im rentnergarten gesprochen wird.

aber es ist doch interessant mitanzuhören, wie der alte herr dann in senil-frühkindliches duziduzi brabbel-speak verfällt und versucht, seinen künftigen steuerzahlernachkommen seine ihm lebenswichtigsten wörter beizubringen. vor allem die auswahl der vokabeln, die er unbedingt weitergeben muss, ist bemerkenswert. da lerne ich wirklich neues über meinen vermieter, der sonst eher türenschlagend, arrogant und in beleidigendem kommandoton daherkommt.

sehr lange wurde mit dem einjährigen geübt an dem schönen wort: flugzeugträger. genau. flug-zeug-trä-ger. oder habt ihr etwa ein anderes wort als erstes gelernt? das muss ein mann doch können! flug-zeug-trä-ger! seltsamerweise schien das kind weder sonderlich interessiert noch begeistert und gab keinerlei echo. nach gefühlten 108 wiederholungen gab der großvater auf.

es folgte die musikalische früherziehung. meine geneigten leserInnen wissen, dass mein herr vermieter sich für einen begnadeten musiker hält und täglich seine quetschekommode malträtiert. seit mehr als fünfzig jahren. er kann es immer noch nicht und ist in seiner rosamunde-gesinnung niemals über einen dumpfen viervierteltakt hinausgekommen.

also auch die enkel! instruiert wird auf dem piano im wohnzimmer. auf dem spielt sonst nie jemand. nur wenn die kinder zu besuch sind. dann intoniert der opa ein stolperndes „alle meine entchen“, und die kinder werden aufgefordert, das nachzuspielen. das können sie natürlich nicht. sie haben ja noch nie zuvor ein klavier gesehen und müssen erst einmal ausprobieren, was überhaupt passiert, wenn sie mit ihren patschehändchen darauf herumtatschen. dürfen sie von mir aus gerne. ich hätte auch gerne ein klavier gehabt, früher. aber es war mir nicht erlaubt, etwas zu besitzen, das lärm hätte verursachen können.

anders des vermieters enkelsöhne: sie dürfen ungefähr ziemlich genau dreimal auf die tasten hauen. jeder einzelne schräge ton wird begeistert kommentiert mit großem jubel und stolzem überschwang „ja wunderbar! ja du bist ja ein ganz großer! ein richtiger mozart! ja wo isser denn mein kleiner amadeus ….“

so verlängert das kleine vermieter-ego seinen narzissmus in die übernächste generation.

wenn aber nach dreimal tastenpatsch das nicht nur musikalisch in den kleinstkinderschuhen steckende nachwuchsmusiktalent immer noch keine symphonie (oder zumindest eine sonate) zustande gebracht hat, wird die musikalische früherziehung flugs beendet und der klimperkasten geschlossen.

sie dürfen nicht üben, die armen kleinen. sie müssen schon alles können. sonst ist der großvater nicht zufrieden.

den zweijährigen fand ich übrigens gar nicht so schlecht. er spielte sehr behutsam, nicht so haudrauf. es klang ein bißchen wie satie. sehr entfernt, versteht sich. aber das gefiel dem alten nicht.

für feine, leise töne hat der vermieter keinen sinn. nur für schenkelklopfende polka. und für flugzeugträger.


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Sonntag, 24. Februar 2013

stundenglas

let us be kind to one another
we can try ….
before the sand does all run out
of the hourglass
(jeremy, 1973)

ich habe diese große sanduhr. ungefähr eine stunde lang rinnt der sand durch die gläserne taille.

vor vielen jahren habe ich sie gekauft, eigentlich zum baden. ich finde das schön, im meersalzigen badewasser zu wannen und dem sand zuzuschauen, wie er unten immer mehr und oben immer weniger wird. oben bildet sich eine vertiefung im sand, unten fließt ein hügel auf. unausweichlich. unaufhaltsam.

dann stelle ich mir vor, wie das wäre ….

Sanduhr & Sorgenpüppchen

ich bin ganz winzigwinzigklein und stehe da oben, innen drin: dort am rand, wo sich im sand der trichter bildet. ich bin so ein männchen im sand, ein sandmännchen. das ist gefährlich! ich muss die ganze zeit achtgeben, nicht den halt zu verlieren, denn sonst werde ich abrutschen und vom abfließenden sand in die tiefe gerissen. ich kämpfe und strample - vergeblich. irgendwann passiert es doch, und ich stürze ab. unausweichlich. unaufhaltsam.

nach dem sturz in die tiefe lande ich zunächst weich auf dem sandkegel in der unteren hälfte, der durch den aufprall kein gleichmäßiger kegel mehr ist. aber das macht nichts. der weiterfließende sand wird das schon ausgleichen. was die perfekte optik der sanduhr betrifft, ist mein absturz kein großes problem.

anders mein persönlicher zustand: augen, mund und nase, haare, hemd und hose sind voller sand. ich habe durst. es gibt kein wasser in der nähe. weder zum trinken, noch zum auswaschen. wasser im stundenglas würde den perfekten, reibungslosen ablauf gefährden wie andernorts sand im getriebe.

jenseits meines sandigen glashauses sehe ich in der ferne blaues wasser blitzen. ich komme nicht heran. die runden wände halten absolut dicht.

zum ausruhen ist jetzt sowieso keine zeit, denn nun muss ich acht geben, nicht verschüttet zu werden. der sandstrahl von oben rieselt stetig auf mich herab. unausweichlich. unaufhaltsam. wenn ich dem nicht geschickt ausweiche, werde ich darunter begraben.

ich kann nur hoffen, dass die obere hälfte bald leer ist. dann kann ich ein wenig zur ruhe kommen. gegen den durst wird mir schon noch etwas einfallen. ich hoffe und bete, dass ich eine verschnaufpause kriege, dass die sanduhr nicht sofort wieder auf den kopf gestellt wird. aber jemand wird kommen und sie umdrehen. unausweichlich. unaufhaltsam.

das leben in der sanduhr ist ein alptraum. es ist mein leben. es ist ein paradox.

es gibt kein entrinnen. das leben quält mich. von frühester kindheit an. ich strample und rackere mich ab, stürze im stundenglas von oben nach unten und wieder hinauf. ich habe großen durst. ich hoffe und hoffe, dass, wenn ich mich ganz besonders anstrenge, es dann irgendwann aufhört, dass es besser wird. aber es hört nicht auf, und es wird nicht besser. mein leben zerrinnt im quarz, der scheuert mir die seele wund. gnadenlos. ich bin sisyphos in der sanduhr.

während ich noch - hermetisch eingeschlossen im stundenglas - als geplagtes sandmännchen von wasser träume, sehe ich mich da draußen genüsslich in der wanne liegen. ich sehe, wie ich mich beobachte. ich beobachte, wie ich von mir gesehen werde. ich bin hier und dort, groß und klein, durstig und satt, innen und außen, zermürbt und entspannt - alles zugleich.

im stundenglas krabble ich im sand, in der wanne liegend sehe ich mir selbst dabei zu. und umgekehrt. ich sehe mir dabei zu, wie mein sandmännchen-ich sich zerquält, und ich …. tue nichts.

das ist seltsam schön und grausam zugleich. ich stelle die sanduhr absichtlich mit etwas entfernung von meiner wanne auf, damit ich dieses imaginäre schauspiel nicht unterbrechen kann, ohne auch mein bad abzubrechen.

während ich mich meiner sanduhr-meditation hingebe, summe ich das lied aus dem film jeremy. jedes mal:

lass uns nett zueinander sein. 
wir können es versuchen. 
bevor aller sand 
aus dem stundenglas geronnen ist.


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Dienstag, 10. Januar 2012

half century

ein halbnasser, halbgrauer tag, seit mittag ist es trocken, etwas heller grau sogar. nicht schlecht für anfang januar! gegen sonnenuntergang blitzt dann sogar noch einmal die sonne über meinen berg. wunderbar!

den ganzen tag lang klingelt das telefon, emails purzeln herein eine nach der andern. sie kommen aus aller welt, ich freue mich sehr und komme zu nichts.

ich hatte auch nicht vor, irgend etwas zu tun heute: ein freier tag, und ich bin die hauptperson. ein halbes jahrhundert bin ich nun schon unterwegs auf diesem planeten. das war nicht immer lustig.

daran aber mag ich heute nicht denken. ich freue mich riesig, dass so viele menschen mich im herzen haben und nicht vergessen.

ein großes fest ist nicht geplant, stattdessen ein abendessen mit der besten freundin, wie jedes jahr. in meiner nähe sind nicht viele: familie habe ich ja keine. meine geliebten 'wahlverwandten' sind verstreut über die republik, den kontinent, den ganzen den globus sogar. da weiß ich immer, wo sie sind. das ist gut.

irgendjemand brachte mich neulich auf die idee, mal im internet rumzusuchen, was denn für eine musik am tag meiner geburt auf platz 1 in den hitparaden war.

nicht, dass meine eltern jemals hitparaden gehört hätten. aber irgendeinen nachhall scheint es in meiner seele dennoch zu geben.

heraus kam nämlich, dass eines meiner seit jahrzehnten unschlagbaren lieblingslieder die damalige nummer eins war: das lied vom löwen, der im dschungel schläft. der mir sagt, dass ich keine angst haben brauche: wimoweh.

oder: "The lion sleeps tonight". The Tokens sind mit ihrer aufnahme aus dem jahr 1961 berühmt geworden. nicht nur Walt Disney hat mit dem song ein vermögen gemacht. Salomon Linda hingegen, der die originalfassung 'mbube' geschrieben hatte, ging leer aus und bekam von dem großen erfolg seines lieds quasi nichts ab.

floren hat auf seinem youtube-channel mehr als zweihundert (sic!) verschiedene (unfassbar!) interpretationen des stücks aus allen welten zusammengetragen. da könnte ich eine ganze nacht lang zuhören, die löwen aller länder schlafen lassen und ganz beruhigt sein.

für meinen eigenen geburtstag habe ich mir eine südafrikanisch-niederländische version ausgesucht. Ilonka Biluska singt „in de grote jungle, in het stille dörpje, da slaapt de Leeuw vannacht“ ....


*seufz* herzallerliebst *dahinschmelz* weil ich ein mädchen bin! so war das vor fünfzig jahren eben.

ich singe fröhlich mit und habe keine angst, mein kind. alles wird gut.
für die nächsten fünfzig jahre bin ich gewappnet.


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Mittwoch, 30. Juni 2010

retro: junineumond 4

bevor mein sommer in brd südwest tatsächlich körpertemperaturen erreicht, mir gehirn und laptop womöglich ganz flüssig werden, hier nun der letzte teil meiner kleinen japanischen love story.


geblieben ist mir außer der sweet memory ein inzwischen völlig abgenudeltes denon tape mit alten aufnahmen von nina simone aus den frühen sechziger jahren (unter anderem einer wunderbaren blues-version von cotton-eyed joe), die wir in jener nacht hörten – und ein unscharfes foto, das meine erinnerung foppt.

[zum nachlesen, was vorher war: teil 1 und teil 2 und teil 3]

junineumond vierter teil:

die rosa plastikschlappen brachten den kaffee. das lenkte sie einen moment lang ab. der kaffee war heiß und stark und gut. sie mußte ihn gerade erst frisch aufgebrüht haben. es war genau das, was sie jetzt brauchte. das dumpfe gefühl in ihrem kopf schwand für eine weile. das gefühl, sich wie in einem surrealistischen film zu bewegen, blieb.

während er seinen reis aß, plauderten sie belanglosigkeiten. nicht viel, nur gerade eben so viel, dass sie den kontakt zueinander nicht verloren. immer wieder pausen, in denen sie durch die fensterscheibe das hektische treiben der geräuschlosen welt da draußen verfolgten. es war wie im kino: stumm­film. lange pausen, wenn sie sich nur ansahen. immer noch hungrig. anders. hauthungrig.

sie bestellten noch einen kaffee. sie ging zur toilette. als sie sich toiletten­papier nahm und die rolle sich in bewegung setzte, war eine spieluhr darin versteckt: „üb’ immer treu und redlichkeit...“ klimperte es blechern. sie grinste. auch das gehörte wohl zum film.

sie ließ sich zeit. aus dem café hörte sie nun klavierspiel. sie wußte, dass er für sie spielte und wurde noch etwas langsamer.

als sie in den gastraum zurückging, war sie erstaunt, wie voll der klang des klavieres war. der ganze raum schien nur noch aus tönen zu bestehen.

er sah zu ihr auf, entzücken in den augen: das klavier war bis zur unkennt­lichkeit verstimmt, und er war begeistert ob der unerwarteten töne, die seine professsionellen hände ihm entlockten. so etwas hatte er noch nicht erlebt. wie ein kind saß er da und lauschte dem, was eigentlich wie sein lieblings­stück von thelonious monk hätte klingen sollen. jede einzelne taste barg eine neue überraschung, er konnte gar nicht genug kriegen.

sie lachte ihn an. setzte sich an den tisch zurück, badete in der eigenartigen musik, sah ihm beim spielen zu. und genoß es.

auch das gehörte zum film: es hätte gar kein gestimmtes, wohltemperiertes klavier sein können. unmöglich. er spielte nur für sie, ein nie zuvor gehörtes konzert, das es so nie wieder geben würde. dafür liebte sie ihn umso mehr!

da bleischwere gefühl kam zurück, ihr körper forderte den ausgelassenen schlaf. sie konnte sich kaum noch bewegen. selbst das heben der kaffee­tasse schien ihr plötzlich unmöglich. seine töne verzauberten und lähmten sie.

die alte frau im blümchenkleid stand jetzt hinter der theke und starrte gebannt auf diesen seltsamen pianisten, der ihr altes totgeglaubtes piano wieder zum leben erweckte. oder war sie es, die ihn hypnotisierte und sein spiel erst möglich machte?

es schien eine ewigkeit zu vergehen, ehe er des spielens müde wurde und freudestrahlend zu ihr zurückkehrte. nicht, ohne sich höflich bei der alten dame mit den grauen ringelsöckchen bedankt zu haben, dass sie ihm das spielen auf ihrem instrument erlaubt hatte. trug sie wirklich lockenwickler im haar?

schweigend leerten sie die kaffeetassen. weiterhin blicke statt berührungen. matte, träge bewegungen. sie mochten nicht mehr bleiben und mochten auch nicht gehen, da sie um die grelle hitze wußten, die draußen wieder über sie herfallen würde. zuviel für müde, sehnsüchtige körper.

es half nichts. sie konnten nicht im café mittagschlaf halten. sie zahlten, und begleitet vom klimpern des wechselgeldes schnarrte die stimme: „bitte kommen sie bald wieder einmal her und spielen sie für mich.“ dabei zwinkerte sie ihn mit beiden augen an. „ja, bitte lassen sie mich bald wieder einmal spielen. es ist ein ganz besonderes klavier.“ er verbeugte sich.

sie verließen die kühle höhle aus rotem plüsch. die welt draußen empfing sie wie eine wand aus lähmender hitze und licht und lärm. schweiß perlte aus allen poren. das war das ende des films. all der zauber des morgens schien im café zurückgeblieben zu sein. allein die müdigkeit blieb ihnen und der schmerz der erbarmungslosen mittagssonne in den ungeschützten augen.

er brachte sie nach hause. vorsichtig schloß sie das hohe gartentor. nur ja keine überflüssige bewegung und kein geräusch zuviel. durch die schmiedeeisernen gitterstäbe hindurch verschränkte er seine hände in die ihren, zog sie zu sich heran zu einem letzten kuß. sie sah ihm nach, wie er durch die schmale gasse davonging. die katze. die große uhr im haus schlug zwölf. high noon.

als sie ein paar tage später noch einmal wie zum abschied die hauptstraße an derselben stelle entlangging, war das café verschwunden.

.... schnörkelgeigenschluchz: the end

abspann: diese körper haben nie zueinander gefunden. wir sind uns noch ein-, zweimal begegnet an diesen letzten junitagen in kyoto. immer öffentlich.

als ich im flieger saß nach hongkong - genau heute vor zwanzig jahren -, da sah ich ihn grinsend auf der rechten tragfläche sitzen. die ganze zeit. er baumelte mit den beinen und zwinkerte mir zu. ganz sicher.


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Sonntag, 28. Februar 2010

ritual* no 1: sonntagsfrühstück

es hat mal einen menschen gegeben, der hat mir ins gesicht gesagt, dass er mich schrullig findet. irgendwie. das hat mich ein bißchen irritiert.

ein blick in den duden erklärt schrullen als „wunderliche angewohnheiten, marotten, ticks, spleens oder macken“. oder gar: „(oft von älteren menschen) befremdende, meist lächerlich wirkende angewohnheiten“.


ähem. bin ich ein ‚älterer mensch‘? das ist relativ und kommt auf die bezugsperson an. klar, ich bin älter als meine jüngere schwester und noch ne ganze menge anderer leute. aber das war schon immer so. trotzdem hätte ich mich als zweijährige sicher nicht als ‚älterer mensch‘ bezeichnet. vielleicht ist man ein älterer mensch, wenn man älter ist als die hälfte der bevölkerung?

das weibliche durchschnittsalter in deutschland liegt bei 45,2 jahren. tja. da bin ich jenseits. definitiv. ich muss mich wohl damit abfinden: ich bin eine alternde frau. das kann jeder passieren.

leider habe ich damals nicht weiter nachgefragt, und deshalb ist mir bis heute unklar, was derjenige mit dem prädikat „schrullig“ genau gemeint hat. vielleicht hatte ich angst vor der antwort. wir waren danach auch nicht mehr sehr lange befreundet.

wollte er sagen, dass ich schrullen habe? oder wollte er sagen, dass ich eine schrulle sei? haben oder sein - das ist die frage! auch hier:

schrullen haben, kann nämlich auch bedeuten, dass man „tolle einfälle“ hat, also gute ideen. geht aufs niederdeutsche zurück. dann wäre es ein nettes kompliment gewesen. ich denke jedoch, derjenige war des niederdeutschen nicht mächtig. er war eher niederträchtig.

deswegen befürchte ich fast, er wollte mir unterstellen, dass ich eine schrulle** sei, und das ist nun wiederum etwas ganz gemeines, in männeraugen zumindest: „die bezeichnung für eine ältere, eigensinnige frau mit einer abseits der norm liegenden persönlichkeit und charaktereigenschaften, die im allgemeinen als seltsam oder verwirrt bis leicht verrückt angesehen werden“ - sagt das wikiwörterbuch. madonna!

wenn ich mir diese definition aber mal auf der zunge zergehen lasse, so wort für wort …. dann stelle ich fest, wie sich mir mehr und mehr ein verschmittstes grinsen im gesichte breit macht. dass ich älter bin, hatten wir ja oben schon geklärt. dazu eigensinnig? nicht mainstream? außergewöhnlich, von mir aus auch ‚leicht verrückt‘? na, immer her damit! mit dem größten vergnügen oute ich mich hier als schrullentrulla!

nachdem das also mal raus ist, kann ich jetzt - in verbindung mit meinen schrulligen angewohnheiten – endlich zu meinem eigentlichen sonntagsthema kommen:

was andere vielleicht ‚schrullig‘ nennen, das sind für mich ‚rituale‘. also sachen, die ich immer wieder tue auf immer die gleiche art und weise, und das schon seit vielen vielen jahren. diese dinge geben mir halt im leben, sie strukturieren meinen alltag. deswegen sind sie mir wichtig, lieb und teuer. ich muss nicht jedes mal neu drüber nachdenken, ob ich was wann wie warum mache: ich mach‘s einfach, weil ich‘s so mache.

mein sonntagsfrühstück zum beispiel. das gibt es seit meiner kindheit. es ist vielleicht das einzig schöne, was ich damals hatte und das ich mir in mein erwachsenenleben gerettet habe. sonntags gibt es bei mir "eier mit speck auf toast". fast immer. regelmäßig. toastbrot deshalb, weil die bäckerin damals sonntags noch nicht geöffnet hatte. frische brötchen gab es bei uns nur samstags. und sonntags eben toastbrot. aus dem altmodischen toaster, der an den seiten klappen hat wie flügel. da steckt man die toastscheiben rein. wo das toastbrot drin anbrennt, wenn man es nicht rechtzeitig wendet und rausholt. das hüpft nicht von alleine.

diesen toaster meiner kindheit besitze ich noch. er funktioniert bestens. sonntag um sonntag. ich habe ihn all die jahre gut gehütet. er war ein hochzeitsgeschenk für die eltern. gute deutsche wertarbeit. aus edelstahl. im oktober wird er ein halbes jahrhundert alt sein. älter als ich.

während der toaster das brot röstet, habe ich die zeit im auge. gleichzeitig schneide ich den mageren speck in feine scheiben, gebraten wird der in butter, weil das so gut duftet. ich habe noch die großmutter im ohr: „kind, du musst den speck in butter braten. damit fängt man männer!“ das schien ja was tolles zu sein. wer jetzt denkt, ich hätte hier einen käfig voller kerle im haus, die sämtlich opfer meiner speckschrulle wurden, irrt: ich habe sie immer wieder freigelassen.

die eier werden gut verkleppert mit einem schluck milch, einer prise zucker und etwas sojasauce. zum schluss noch ein schwapp sprudelwasser: das macht mein rührei fluffig locker. über den knusprigen speck gießen und stocken lassen. pfeffern salzen fertig! wichtig ist eine gute pfanne. auch da bin ich perfekte schrulle: das ei darf weder anbeppen noch schwarz werden.

ich nehme auch immer nur mageren speck. und das, obwohl ich sonst so gut wie kein schweinefleisch esse. "eier mit speck auf toast" ohne speck - das geht einfach nicht. so mit anfang zwanzig war ich mal zum frühstück eingeladen bei jemand anders, das war in basel. da gab es ebenfalls eier mit speck, oh wunder! der mann kam auch aus dem rheinland. wir haben sehr darüber gelacht, über unser beider traditionelles früchstücksei. der hat aber keinen mageren speck benutzt, sondern fetten. da war klar: der kommt aus düsseldorf.

dazu habe ich dann gerne einen frischen orangensaft oder einen becher darjeeling. und eines der brandenburgischen konzerte von bach. seit ungefähr dreißig jahren. fast jeden sonntag.

böse zungen könnten jetzt von ‚zwangsneurose‘ reden. sollen sie ruhig, wenn die das brauchen. aber wehe, es sagt noch mal eineR „junge frau“ zu mir, und sei es auch nur aus versehen – dem werde ich zeigen, was ne schrulle is‘! ab sofort bin ich nur noch „gnädige frau“ - wenn schon "älter", dann aber auch richtig!


* rituale sind ganz spezielle besondere maßnahmen
** schrulle ist feminin. hat wer ne ahnung oder eine idee, wie das männliche gegenstück heißen könnte?
wenn wir es analog zu macke - macker bilden, vielleicht schruller?


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