Besondere Ereignisse erfordern besondere Maßnahmen. Denn irgendwas is' immer ....
[über den Umgang mit Katzen & Vermietern - und andere wichtige Dinge im Leben einer Frau]
heut nacht kommt die erde dem meteorstrom der perseiden besonders nahe, bis zu hundert sternschnuppen pro stunde können wir dann am sommerhimmel sehen, direkt unterhalb der kassiopeia.
wenn denn das wünschen wieder hilft, bin ich gerne ganz vorne mit dabei!
Sweet Pretty (Meilland 2005)
auch in japan kennt man den brauch, sich beim entdecken eines "fließenden sterns" (流れ星 nagare-boshi) etwas zu wünschen. nicht nur bei schnuppen, sondern bei allem sternförmigen ist wunscherfüllung in aussicht - denn das wort hoshi 星 für stern ist homophon* (gleichklingend) mit dem verb hoshii 欲しいfür 'haben wollen'. deswegen gehört beides untrennbar zusammen: einen stern sehen und sich etwas wünschen - das ist in japan eins!
wenn die grillen im rosenduft der sommernacht ungeduldig zirpen,
wenn sternschnuppen wunschlos glücklich dein haar zerstöbern -
dann ist das ein gruß von mir.
ps.
wem es die nacht heute bewölkt, die sei beruhigt: die perseiden sind noch bis etwa 27. august in planetennähe - nur heut nacht ab etwa 22 uhr bis gegen halb fünf in der früh kommt der höhepunkt des sternenregens auf uns zu. hier z. b. wird alles sehr anschaulich erklärt.
pps.*
jaja. ich weiß, dass laut neuer deutscher rechtsverschreibung die schreibweise homofon empfohlen wird. aber das geht doch nicht. nein das geht wirklich nicht.
wohl die größte ironie an der ganzen katastrophe rund um das kernkraftwerk in der japanischen präfektur fukushima:
fukushima - japanisch 福島 - bedeutet ‚insel des glücks‘. ausgerechnet.
fukushima ist knappe 14.000 quadratkilometer groß, also etwas kleiner als schleswig-holstein. mit rund 2 millionen einwohnern ist es etwas dünner besiedelt als unser nördlichstes bundesland. städte und dörfer konzentrieren sich dicht gedrängt entlang der küste. die berge – wie in japan üblich - sind fast unbewohnt.
an der küste entlang gibt es die wichtigsten straßen und eisenbahn-verbindungen. ein großteil davon wurde durch das erdbeben und die anschließende tsunami zerstört. deswegen ist es derzeit so schwierig, dorthin zu gelangen – für lieferungen mit nahrungsmitteln, medikamenten, aufräumgeräten, akw-rettungs-equipment gibt es fast keine transportwege mehr.
auf seiner webseite wirbt fukushima um investoren und die ansiedlung von firmen mit sechs großen vorteilen. einer davon:
„Fukushima supplies a stable industrial infrastructure with few earthquakes and disasters, as well as plentiful water resources.“ (Fukushima verfügt über eine stabile industrielle Infrastruktur mit nur wenigen Erdbeben und Katastrophen sowie reichliche Wasserquellen.)
fukushima - seit fünf tagen insel des unglücks, hilflos. ein beben, ein großes wasser, eine schier endlose reihe atomarer katastrophen.
jiji, eines der größten japanischen online-nachrichten portale, meldet 6.600fache strahlung, 20km vom akw fukushima entfernt.
nun sollen die schmelzenden reaktorkerne mit wasserwerfern gekühlt werden. heute schneit‘s. hilft das vielleicht ein bißchen?
für die obdachlos gewordenen und evakuierten hunderttausende menschen hingegen macht das winterwetter die situation nur noch schwieriger.
mein gehirn will die bilder und informationen, die es im TV und internet sieht, einfach nicht zu einer realität koordinieren. es ist alles so surreal.
fukushima hat ein angenehmes klima am meer, den gleichen breitengrad wie sizilien. in knapp zwei wochen wird in japan die kirschblüte beginnen: ein landesweites frühlingsfest, das dem verlauf der kirschblüte von süden nach norden folgt und sich alljährlich über mehrere wochen hinzieht.
so sehr ein japanisches symbol für frieden und wohlstand, dass es im japanischen völlig ausreichend ist, „hanami - 花見 - blüten-sehen“ zu sagen. ohne den zusatz ‚kirschen‘: jedeR weiß, dass damit immer und ausschließlich kirschblüten gemeint sind.
falls es dann im land der glücksinseln und den anderen von den katastrophen betroffenen landesteilen japans noch kirschbäume gibt, wird das ein seltsamer anblick. zartrosafarbene, duftige pracht zwischen trümmern und geborstenen atommeilern.
ich sage jetzt, dass bis dahin das allerschlimmste nicht passiert sein wird, dass es nach all den katastrophen doch noch ein wunder gibt. das sage ich jetzt! ich sage es dem universum und amatarasu omikami - der großen mutter sonnengöttin - und allen anderen kosmisch zuständigen.
die menschen in fukushima können doch nichts dafür, dass machtgeile regierungen und geldgeile energiekonzerne weltweit so eine schreckenstechnik forcieren. bloß, weil man aus dem angereicherten uran für die brennstäbe auch bomben bauen könnte - aus nem windrad aber nicht. könnte man diejenigen verantwortlichen jetzt mal bitte alle zum löschen und kühlen einteilen?!
am frühen morgen des 11. märz erreichten mich die ersten nachrichten von einem schweren erdbeben in japan.
blick auf den fuji (halbinsel izu)
ich nahm es wie beiläufig zur kenntnis. erdbeben gibt es in japan täglich, habe ich selbst miterlebt. einfach eine weitere katastrophenmeldung. ein freitagsbeben, nichts weiter.
die nachrichten ließen nicht locker. erdbeben. tokyo. jisshin. tohoku. sendai. große flutwelle. fukushima. tsunami. kernkraftwerke betroffen. fukushimadaiichigenpatsu 福島第一原発 AKW Fukushima 1 evakuiert ...
seit freitag nachmittag sitze ich wie gebannt vor fernseher und pc im multitasking, kann einfach nicht fassen, was passiert ist und noch passiert. tv in deutsch, auf dem laptop den japanischen sender NHK livestream - abwechselnd im japanischen o-ton und englischer übersetzung. mir ist schlecht. aber ich kann mich auch nicht trennen.
diese schrecklichen bilder, immer wieder. je schrecklicher die nachrichten, desto versteinerter die gesichter der nachrichtensprecherInnen. sie beten tote, betroffene orte, zahlen und immer wieder genshiryokuhatsudensho AKW vor sich her wie ein frühstücksmantra.
einmal mehr weiß ich, warum aus meiner karriere als nachrichtenredakteurin im öffentlich-rechtlichen rundfunk nichts geworden ist. ich habe es einfach nicht ausgehalten, all diese katastrophen, hiobsbotschaften und verlogenen politikerstatements in unkommentierte drei-satz-botschaften zu packen.
die profis nennen das „professionelle distanz“. die ist unbedingt notwendig, um sich selbst zu schützen. eine fähigkeit, über die ich nicht verfüge. tränenüberströmte nachrichtensprecherinnen sind nicht vorgesehen. mein innerer emotionaler druck war so groß, dass ich nur noch mit entsetzlichen kopfschmerzen vor dem ticker saß.
die, die jetzt über und aus japan mit großer fassung berichten, haben meinen allergrößten respekt. diese professionelle distanz darf man nicht mit gefühllosigkeit verwechseln: es ist allerhärteste arbeit, angesichts der schrecklichen nachrichten und bilder aus japan - gegen die selbst die schockierendste horrorgeschichte von stephen king daherkommt wie seichter kindergartenkram - die eigenen gefühle im zaum zu halten.
die bilder und töne aus japan sind entsetzlich. dahinter verbirgt sich unvorstellbares leid und große gefahr. es ist fast unerträglich, nicht eingreifen, nicht helfen zu können - und dennoch alles wie live im TV mitansehen zu müssen.
ich weine, ich wüte. so viel leid. so hilflos. renne in der wohnung auf und ab. starre wieder fassungslos.
würde ich noch alkohol trinken, dann gäbe ich mir jetzt die kante. besinnungslos. diese option fällt aus. also heißt es aushalten.
aushalten, dass es dinge gibt auf dieser welt, in diesem leben, die außerhalb unserer kontrolle sind; gegen die es keine versicherung gibt. sie passieren genau jetzt. im grunde passieren sie ständig, irgendwo auf der welt.
mich treiben fragen um von so dermaßen grundsätzlicher art. dass ich noch nicht einmal weiß, ob antworten jetzt wirklich helfen könnten.
natürlich weiß ich, dass es niemandem hilft, weder in japan noch sonstewo, wenn jetzt ich hier eine mitleidsdepression kriege, in der relativen sicherheit meines bequemen sofas mit funktionierender zentralheizung. aber gelassene heiterkeit geht auch nicht, will mir ganz und gar nicht nicht gelingen.
ich habe eine weile in japan gelebt, bin damals grinsend und gruselnd vor dem atomkraftwerk gestanden, das meer direkt daneben. alles so friedlich und doch lauernde, unkontrollierbare tödliche gefahr, von menschen gemacht. tschernobyl hatten wir damals schon hinter uns.
als ob die gefahren, die von natur aus lauern, nicht schon genug wären auf diesem planeten, muss die zuvielisation auch noch die allergefährlichsten dinge obendrauf setzen.
wenn ich als einzelne frau so potentiell selbstschädigend handele, kriege ich eine einweisung in die klapse. erst recht, wenn ich dabei auch noch leib und leben von millionen anderen menschen riskiere.
keine unserer regierungen muss sich für den unfug verantworten, niemand von den gemeingefährlichen profilneurotikerInnen muss in die klapse - im gegenteil: selbst ich als kleine ministeuerzahlerin subventioniere den ganzen wahnsinn auch noch.
während japan aufs schlimmste erschüttert wird, während dort riesige wellen ganze städte fortspülen, während atomkraftwerke bersten mit unabsehbaren folgen - zickt mein neuer nachbar rum, weil an seinem neuen auto zwei kleine kratzerchen sind von ca. 3 und 5,5 mm länge. die habe ich verursacht, als ich vergeblich versuchte, mein garagentor zu öffnen, das er mir mit seinem neuen auto über mehrere tage zugeparkt hatte. nun will er, dass ich (bzw. meine haftpflichtversicherung) ihm eine komplette neulackierung der gesamten autorückseite bezahle.
schön für den jungen mann, dass er keine anderen sorgen hat, als seine als motorhaube getarnte schwanzverlängerung makellos zu halten. der aktuelle stand in japan: mindestens zig-tausende tote, hunderttausende obdachlos, zwei geschmolzene reaktorkerne, verseuchte anwohner, hunderttausende evakuiert ....
an meiner tankstelle sinken die benzinpreise um satte 10 cent und liegen seit wochen erstmals wieder unter 1,50 euro. wo ist die logik? ist da eine?
der japanische wetterbericht sagt sonniges vorfrühlingswetter voraus. nachts immer noch bitterkalt. aber im süden des landes naht die kirschblüte. das interessiert niemanden mehr. wichtig ist nur die windrichtung: zieht die atomwolke über land oder aufs meer?
bilder von hilflosen hilfstruppen, die ratlos vor einem meer von trümmerhaufen stehen. häuserteile, autowracks, brettersplitter, schlammbedeckt bis zum horizont - und dazwischen menschen - überlebende? tote? wie finden? wie vorgehen? wo anfangen?
im japanischen fernsehen steht die sprecherin vor landkarten, mit ortsnamen und zahlen gespickt. wie sonst die aktuellen temperaturen des wetterberichts, listet sie heute strahlend die zahlen der menschen auf, die evakuiert und gerettet werden konnten.
mittlerweile mehr als 300 000.
aus den atomkraftwerken weiß der japanische sender nichts neues zu berichten.
in der ARD läuft die sendung mit der maus.
bevor mein sommer in brd südwest tatsächlich körpertemperaturen erreicht, mir gehirn und laptop womöglich ganz flüssig werden, hier nun der letzte teil meiner kleinen japanischen love story.
geblieben ist mir außer der sweet memory ein inzwischen völlig abgenudeltes denon tape mit alten aufnahmen von nina simone aus den frühen sechziger jahren (unter anderem einer wunderbaren blues-version von cotton-eyed joe), die wir in jener nacht hörten – und ein unscharfes foto, das meine erinnerung foppt.
die rosa plastikschlappen brachten den kaffee. das lenkte sie einen moment lang ab. der kaffee war heiß und stark und gut. sie mußte ihn gerade erst frisch aufgebrüht haben. es war genau das, was sie jetzt brauchte. das dumpfe gefühl in ihrem kopf schwand für eine weile. das gefühl, sich wie in einem surrealistischen film zu bewegen, blieb.
während er seinen reis aß, plauderten sie belanglosigkeiten. nicht viel, nur gerade eben so viel, dass sie den kontakt zueinander nicht verloren. immer wieder pausen, in denen sie durch die fensterscheibe das hektische treiben der geräuschlosen welt da draußen verfolgten. es war wie im kino: stummfilm. lange pausen, wenn sie sich nur ansahen. immer noch hungrig. anders. hauthungrig.
sie bestellten noch einen kaffee. sie ging zur toilette. als sie sich toilettenpapier nahm und die rolle sich in bewegung setzte, war eine spieluhr darin versteckt: „üb’ immer treu und redlichkeit...“ klimperte es blechern. sie grinste. auch das gehörte wohl zum film.
sie ließ sich zeit. aus dem café hörte sie nun klavierspiel. sie wußte, dass er für sie spielte und wurde noch etwas langsamer.
als sie in den gastraum zurückging, war sie erstaunt, wie voll der klang des klavieres war. der ganze raum schien nur noch aus tönen zu bestehen.
er sah zu ihr auf, entzücken in den augen: das klavier war bis zur unkenntlichkeit verstimmt, und er war begeistert ob der unerwarteten töne, die seine professsionellen hände ihm entlockten. so etwas hatte er noch nicht erlebt. wie ein kind saß er da und lauschte dem, was eigentlich wie sein lieblingsstück von thelonious monk hätte klingen sollen. jede einzelne taste barg eine neue überraschung, er konnte gar nicht genug kriegen.
sie lachte ihn an. setzte sich an den tisch zurück, badete in der eigenartigen musik, sah ihm beim spielen zu. und genoß es.
auch das gehörte zum film: es hätte gar kein gestimmtes, wohltemperiertes klavier sein können. unmöglich. er spielte nur für sie, ein nie zuvor gehörtes konzert, das es so nie wieder geben würde. dafür liebte sie ihn umso mehr!
da bleischwere gefühl kam zurück, ihr körper forderte den ausgelassenen schlaf. sie konnte sich kaum noch bewegen. selbst das heben der kaffeetasse schien ihr plötzlich unmöglich. seine töne verzauberten und lähmten sie.
die alte frau im blümchenkleid stand jetzt hinter der theke und starrte gebannt auf diesen seltsamen pianisten, der ihr altes totgeglaubtes piano wieder zum leben erweckte. oder war sie es, die ihn hypnotisierte und sein spiel erst möglich machte?
es schien eine ewigkeit zu vergehen, ehe er des spielens müde wurde und freudestrahlend zu ihr zurückkehrte. nicht, ohne sich höflich bei der alten dame mit den grauen ringelsöckchen bedankt zu haben, dass sie ihm das spielen auf ihrem instrument erlaubt hatte. trug sie wirklich lockenwickler im haar?
schweigend leerten sie die kaffeetassen. weiterhin blicke statt berührungen. matte, träge bewegungen. sie mochten nicht mehr bleiben und mochten auch nicht gehen, da sie um die grelle hitze wußten, die draußen wieder über sie herfallen würde. zuviel für müde, sehnsüchtige körper.
es half nichts. sie konnten nicht im café mittagschlaf halten. sie zahlten, und begleitet vom klimpern des wechselgeldes schnarrte die stimme: „bitte kommen sie bald wieder einmal her und spielen sie für mich.“ dabei zwinkerte sie ihn mit beiden augen an. „ja, bitte lassen sie mich bald wieder einmal spielen. es ist ein ganz besonderes klavier.“ er verbeugte sich.
sie verließen die kühle höhle aus rotem plüsch. die welt draußen empfing sie wie eine wand aus lähmender hitze und licht und lärm. schweiß perlte aus allen poren. das war das ende des films. all der zauber des morgens schien im café zurückgeblieben zu sein. allein die müdigkeit blieb ihnen und der schmerz der erbarmungslosen mittagssonne in den ungeschützten augen.
er brachte sie nach hause. vorsichtig schloß sie das hohe gartentor. nur ja keine überflüssige bewegung und kein geräusch zuviel. durch die schmiedeeisernen gitterstäbe hindurch verschränkte er seine hände in die ihren, zog sie zu sich heran zu einem letzten kuß. sie sah ihm nach, wie er durch die schmale gasse davonging. die katze. die große uhr im haus schlug zwölf. high noon.
als sie ein paar tage später noch einmal wie zum abschied die hauptstraße an derselben stelle entlangging, war das café verschwunden.
.... schnörkelgeigenschluchz: the end
abspann: diese körper haben nie zueinander gefunden. wir sind uns noch ein-, zweimal begegnet an diesen letzten junitagen in kyoto. immer öffentlich.
als ich im flieger saß nach hongkong - genau heute vor zwanzig jahren -, da sah ich ihn grinsend auf der rechten tragfläche sitzen. die ganze zeit. er baumelte mit den beinen und zwinkerte mir zu. ganz sicher.
mir tut nicht nur die pause gut, sondern auch die hitze: ich schwitze gern! welch eine schöne koinzidenz, dass die hiesigen sommertemperaturen immer mehr denen aus der geschichte entsprechen: um die 37 grad waren es an jenem sonntag vor zwanzig jahren, meinem letzten in japan. hier der dritte teil meiner leicht surrealen seifenoper:
wir erinnern uns: unsere heldin ist verkatert [teil 1] und blickt beim aufwachen in ein lächelndes gesicht [teil 2], mit dessen charmantem besitzer sie nun frühstücken wird:
sie hatte keine sonnenbrille, und die gleißende hitze schmerzte in den augen.
er kannte die schleichwege und selbst die kleinsten gassen der umgebung, ihr weg führte sie an mehreren cafés vorbei. sie waren alle geschlossen. welch ein sonntagmorgen. die große odyssee auf der suche nach einer tasse kaffee, durch die hitze, durch das licht.
auf der hauptstraße schließlich fanden sie eins, das geöffnet hatte. sie hatte es noch nie bemerkt, vorher, obwohl sie fast täglich hier entlang gekommen war. all die zeit war es ihr völlig verborgen geblieben, daß es an dieser stelle ein café gab. sie wunderte sich. es hätte ihr doch auffallen müssen. sie kannte doch sonst jedes haus und jedes geschäft in diesem stück der straße.
sie zögerten erst, hineinzugehen. es hatte überhaupt nichts gemeinsam mit der art von café, die sie sonst besuchten. es war nicht gestylt und nicht designed, und mit der dichten, vergilbten raffgardine vor dem fenster wirkte es eher in sich zurückgezogen.
aber immerhin: durch die gardine hindurch konnten sie einen tisch in der fensternische erkennen, und der war frei. sie gingen hinein.
das erste, was ihnen auffiel: die klimaanlage funktionierte. sie waren froh, der grellen hitze entkommen zu sein, und sie sanken in die roten plüschsessel, mit dem gesicht zum fenster.
beim eintreten war ihnen von jenseits der theke ein krächzendes „kommen sie nur herein!“ entgegengetönt. doch ihre augen, noch geblendet von der sonne draußen und noch nicht gewöhnt an das halbdunkel hier drinnen, hatten nicht erkennen können, wer zu dieser stimme gehörte.
nun kam sie auf sie zu, diese stimme, um ihnen eine fast schon verwitterte, in schnörkeligen schriftzeichen gemalte karte zu bringen.
die stimme gehörte zu einer frau. sie war mindestens anderthalb kopf kleiner als sie selbst, der körper leicht gedrungen, wie zusammengestaucht, und der kopf schien ohne hals direkt auf den schultern zu sitzen. sie trug ein verwaschenes kittelkleid von irgendwie roter farbe mit streublümchen-muster. darüber eine halbe küchenschürze, die war fleckig und vergraut, ließ aber ebenfalls die ehemalige existenz eines blümchenmusters erkennen. ihre kurzen beine steckten in söckchen von undefinierbar braun-grauer farbe, die sich locker um die fesseln in falten legten. die söckchen wiederum steckten in leuchtend rosa plastikschlappen.
zum ersten mal fragte sie sich, ob es in diesem land wohl auch so etwas wie hexen gäbe. wenn es welche gäbe, dann würden sie sicher so aussehen wie diese caféfrau. heutzutage zumindest.
sie war gar nicht unfreundlich, obwohl sie die einzigen gäste waren und offensichtlich die ruhe ihres sonntagmorgens gestört hatten. höflich nahm sie ihre bestellung entgegen, und während er auf einen gebratenen reis wartete - im set mit einer tasse kaffee - und sie auf ihren kaffee ohne gebratenen reis, hatten sie zeit genug, sich im café umzusehen.
überall roter plüsch, verblichen und fadenscheinig. vor den fenstern vergilbte raffgardinen. ein altes klavier an der einen wand. darauf spitzendeckchen und plastikblümchen. sie waren die einzigen gäste. es gab keine musik, das einzige geräusch war das ungeduldige säuseln der klimaanlage. fenster und türen schlossen dicht, so daß der großstadtverkehr draußen tonlos tobte.
sie saßen wie in einer anderen welt, für die menschen, die draußen vorbeihasteten, unerreichbar. sie sahen sogar bekannte gesichter, die sie durch die scheibe hindurch ansahen und doch nicht wahrnahmen.
sie sahen sich an. und grinsten. hier wäre es kühl genug gewesen. die klimaanlage funktionierte hervorragend. er sah ihr tief in die augen. schöne augen hatte er. sie bemerkte es nicht zum ersten mal: von einem tiefen braun, schräggestellt - keine schlitzaugen. eher wie die einer katze. ruhig und klug. offen und neugierig. nie zuvor war sie in diesem land einem mann mit so offenen augen begegnet.
sie erwiderte seinen blick. wieder grinsten sie. berührungen in der öffentlichkeit waren nicht vorgesehen im land des lächelnden wahnsinns.
meine aktuelle besondere maßnahme besteht darin, mir das aushalten meines blöden bürolebens ein wenig zu erleichtern, indem ich nix neues produziere, sondern euch an meinem "japan-jubiläum" teilhaben lasse.
nun also der zweite teil meiner japanischen seifenoper:
[teil 1 zum nachlesen bitte hier entlang ...]
ihr erinnert euch? sommer in japan 1990, mein abschiedsfest am 23. juni – die nacht verbringe ich beim damals aktuellen subjekt meiner begierde. so ging‘s weiter:
sie hatte einen dicken kopf. kein wunder nach dem vielen alkohol der vergangenen nacht. kein wunder vor allem nach dem vielerlei alkohol der vergangenen nacht. im grunde haßte sie diese feste, zu denen jeder zu trinken mitbrachte, was ihm gerade einfiel. sie war dann gezwungen, alles mögliche durcheinander zu trinken. nein: sie bevorzugte die wohl organisierten feste, bei denen sie von anfang an bei einer sorte alkohol bleiben konnte.
sie mußte unwillkürlich lachen. es war ihr eigenes fest gewesen.
sie hatte einen schrecklich schlechten geschmack im mund. sie scheute sich geradezu, sich von ihm küssen zu lassen, weil sie sicher war, daß er sie dann abstoßend würde finden müssen - so wie auch sie selbst schlecht schmeckende männermäuler schon immer verabscheut hatte.
verlangen nach einem kaffee.
kaffee?
das kaffeepulver war ausgegangen.
sie mußte schmunzeln über dieses deutsche wort „ausgegangen“: fortgegangen und noch nicht zurückgekehrt. sie stellte sich marschierendes kaffeepulver vor. ein bild, daß zu ihrem surrealistischen gefühl gut paßte. marschierendes kaffeepulver auf ausgang. irgendwo downtown, vielleicht. unterwegs von einer kneipe zur andern.
dann tee?
er stieg aus dem bett. langsam und mit wunderschönen, katzenhaften bewegungen, um heißwasser zu bereiten.
ein kätzischer mann. der abschied würde ihr schwer fallen. warum mußte sie ausgerechnet jetzt auf einen kätzischen mann stoßen, wo sie doch in nurmehr fünf tagen dieses land, aus dem sie immer nix wie weg hatte wollen, vom ersten tag an schon, nun endgültig verlassen sollte?!
er kam ihr vor wie ein wunderschönes, ein bitteres abschiedsgeschenk. abschied zartbitter. es blieben noch einhundertvierundvierzig stunden. immerhin.
sie rechnete nach. ihre tage waren gerade erst vorbei - und selbst, wenn sie es noch so sehr wollte: sie blieb nicht lange genug, um von ihm schwanger zu werden.
ein seltsamer gedanke, das. daran war sicher nur die große hitze schuld.
es war noch genau ein teebeutel übrig geblieben, den er geschickt durch zwei tassen wandern ließ. ihr gefiel dieser junggesellenhaushalt, die schwerelosigkeit des gelebten provisoriums. sie hatte männer schon öfter beneidet um ihre sorglosigkeit, mit der sie am morgen danach feststellen konnten, daß der kaffee gerade ausgegangen war. sie selbst hätte sich nichts schlimmeres vorstellen können, als eines morgens aufzuwachen, ohne kaffee im haus zu haben. bei anderen leuten fand sie das dagegen immer romantisch. seltsamerweise. sie, die immer ein ganzes hamsternest voll hatte von kaffeepulver, tee und schokoladenkeksen.
es machte ihr spaß, ihn zu beobachten. manchen menschen gehörte einzig schon für die schönheit ihrer bewegungen der erste preis verliehen. wenn es so etwas gegeben hätte.
der da hätte obendrein noch einen preis verdient für samtweiche seidenglatte haut. diese zauberhaut war selbst für niveareklame noch viel zu gut.
nachdem sie das hier, nachdem sie den hier erlebt hatte - wie sollte sie jemals wieder den anderen lieben, der dort in dem fernen land, das sie aus längst vergessenen gründen ‘heimat’ nannte, auf sie wartete? lieber wollte sie alleine bleiben für den rest ihres lebens, als sich an dessen nordischer haut weiter wundzuscheuern.
er hatte eine platte aufgelegt. um ihr einen gefallen zu tun vielleicht, und daß sie sich weniger in der ferne fühlen möge, war es das berühmte klavierkonzert, das an ihrem geburtsort aufgenommen worden war. sie war damals gerade dreizehn gewesen, und das wort ‘jazz’ hatte noch nicht zu ihrem fremdwörterschatz gehört.
er brachte ihr den tee ins bett, legte sich wieder daneben. große göttin, war der schön! das war ja wirklich wie im film.
der heiße tee tat ihr gut, vertrieb das kopfweh ein wenig.
er grinste sie an, ziemlich frech: „ich will...“ er suchte nach dem deutschen wort, und als er es dann gefunden hatte und aussprach, klang es, als läge es auf einem silbertablett: „...geschlechtsverkehr!“ etwas überrascht über die unerwartete und in diesem land der versteckten anspielungen ungewohnte direktheit, sah sie ihn ziemlich erstaunt an, und dann mußten beide im selben moment lachen: da war das beiderseitige verlangen - und gleichzeitig diese hitze, die einfach alles unmöglich machte.
so lagen sie noch eine weile beieinander, träumten von berührungen, die nicht stattfanden. waren träge zufrieden.
in solchen augenblicken können einhundertvierundvierzig stunden eine unglaublich lange zeit sein.
sie beschlossen, sich auf die suche zu machen nach einem café fürs frühstück. während sie sich langsam anzog, dachte sie daran, wie gekonnt er sie erst vor ein paar stunden ausgezogen hatte. die katze.
beim hinausgehen bedachte die vermieterin, die gerade vor dem haus die blumen goß, sie mit einem mißtrauischen blick. das gehörte wohl dazu, zum film.
vor lauter aushalten fehlt mir zur zeit der literarische dreh. sogar besondere maßnahmen zu schreiben für mein geliebtes büro empfinde ich als zusätzliche belastung. ich erlaube mir daher, euch virtuell an meinem vergangenen leben zu beteiligen:
vor genau zwanzig jahren war ich in japan. nach fast anderthalb jahren im land der aufgehenden sonne war für den 30. juni mein rückflug gebucht über hongkong; am 1. juli 1990 sollte ich landen in frankfurt am main, pünktlich zur deutschen währungsunion. das war ein ziemlicher kulturschock rückwärts.
vorher aber genoss ich meine letzte woche in kyoto. am 23. juni gab ich mein abschiedsfest. kurz danach entstand dieser text:
junineumond
hell war es draußen schon lange. nach der dunkelheit der mondlosen nacht hatten sie es gemeinsam hell werden sehen hinter den bergen im osten der stadt. ehe sie miteinander eingeschlafen waren auf seinem schmalen bett.
sie hatte sich gewundert, wie gut das ging mit ihm. mit anderen männern war das nie gegangen. auf so schmalen betten. war er vielleicht doch mehr als ein „schmales“ abenteuer?
es war heiß. sehr heiß. nackt lagen sie nebeneinander. schwitzend. die feuchtheiße luft legte sich über sie so schwer und atemraubend wie großmutters dicke winterbettdecke und machte sie schwitzen. feuchtheiß. der tag würde unerträglich werden.
die hitze allein hätte ihr gar nicht so viel ausgemacht. es war die luftfeuchtigkeit, die die hitze unerträglich machte und selbst die kleinste bewegung mit immer neuen schweißausbrüchen bestrafte.
sie war bleischwer müde und gleichzeitig hellwach. sie mochte dieses glasklare, surrealistische gefühl nach so langen, viel zu kurzen nächten wie der letzten.
wie lange mochten sie geschlafen haben? vier stunden? oder drei? oder vielleicht auch nur zwei? sie konnte es nicht sagen.
das fest war bis kurz nach vier gegangen. daran konnte sie sich noch erinnern. dann war sie vielleicht um halb fünf bei ihm gewesen. oder etwas früher. dann hatte er ihr einen tee gekocht, sie hatten musik gehört und geredet. sie hatten es draußen hell werden sehen und den vögeln gelauscht, wie sie den morgen begrüßten. den sonntagmorgen.
die uhr zeigte irgendetwas zwischen neun und zehn. so genau vermochte sie das ohne brille nicht zu sehen. es war ihr auch egal. sie hatte ohnehin nicht vor, durch den griff nach der brille einen neuerlichen schweißausbruch zu provozieren.
als sie die augen aufschlug, da hatte er sie angelächelt. sie hatte es schon immer sehr geliebt, beim aufwachen in das lächelnde gesicht eines geliebten menschen zu sehen. passiert war es ihr allerdings höchst selten. entweder sie hatten nicht gelächelt, oder sie hatte sie nicht geliebt. so war sie zu dem schluß gekommen, daß es so etwas eigentlich nur im film gibt.
nun hatte er sie tatsächlich angelächelt beim aufwachen. es war wie im film. dafür liebte sie ihn umso mehr.
mit erstaunen stellte sie fest, daß sie die ganze zeit auf seiner schulter schlafend verbracht hatte. auch das war ihr mit anderen männern selten passiert. aber seine war genau richtig gewesen, um ihr müdes haupt darauf zu betten: nicht zu hart, nicht zu muskulös, als daß sie einen steifen nacken gekriegt hätte. und auch nicht zu schmalbrüstig, als daß sie hätte angst haben müssen, ihn zu zerdrücken.
dafür liebt sie ihn gleich noch ein bißchen mehr.
nackt lagen sie nebeneinander auf dem schmalen bett. sahen sich freundlich und träge an, die körper naßglänzend von schweiß. hin und wieder eine hand, die zärtlich über die nassen linien des anderen körpers schwamm.
es war heiß. selbst zum liebe machen war es zu heiß. später sollten sie erfahren, daß es der heißeste tag des jahres war. viel zu heiß für ende juni. sowas kam sonst nur im august vor, nach der regenzeit. dieses jahr aber war alles wie verdreht. eine regenzeit fast ohne regen. statt dessen war der juni ungewöhnlich heiß. feucht war es trotzdem. die luft war wie geschwängert von wasser, ohne sich abregnen zu können....
bei youtube habe ich eine kleine videoreihe entdeckt, erst kürzlich hochgeladen - das trifft mich wie der blitz und mitten ins herz: es ist eine sendung des japanischen nationalen fernsehsenders NHK über geiko und maiko in kyoto.
oh wie spannend! habe ich gedacht. denn als studentin war ich ein jahr lang in japan. in kyoto. mehr als zwanzig jahre ist das her. oh süße, bittere erinnerung an eine schwierige und doch sehr besondere, schöne zeit.
also schau ich das video und freue mich sehr, denn es spielt in gion. das traditionellste geishaviertel der stadt. in gion spielt auch dieser spielfilm „die geisha“ mit den vielen schönen bildern (und dem sehr fragwürdigen inhalt).
in gion habe ich als studentin ein jahr lang gejobbt. in einem traditionellen teehaus. das war sehr speziell, denn so ein teehaus ist ein ort, von dem selbst japanerInnen für gewöhnlich nur träumen. da kann eine nicht einfach reingehen wie in eine kneipe. die persönliche empfehlung eines gern gesehenen stammgastes ist notwendig - sonst bleibt die tür verschlossen.
da habe ich gearbeitet. bin aus- und eingegangen. habe mit geiko und maiko und gästen geplaudert und gelacht. und die mit mir. ein jahr lang. als damals erste und einzige ausländerin. für die war ich genauso exotisch wie die für mich. wahrscheinlich hat es dort bis heute keine zweite gaijin gegeben.
ich war keine geisha. geisha sind keine huren, falls das hier irgendjemand denken sollte. in dem film kommt das so rüber. forget it. die maiko haben eine gewerkschaft, und dienstschluss ist um mitternacht.
dieses doku vom nhk: das spielt in genau dem teehaus, wo ich damals gearbeitet habe. das ist die schwester meiner japanischen 'mutter', meine geiko okamisan, die da mit einer verbeugung fröhlich sagt: „okoshiyasu yookosoo – willkommen!“ (im ersten video bei ca. 4‘15“)
sie zeigt uns ihr teehaus, das tsurui: diese lacktische habe ich poliert, auf diesen stühlen gesessen und auf diesen tatami neben den gästen gekniet; aus diesen becherchen getrunken, diese shoji zur seite geschoben; bin fast täglich durch diese hanamikoji-nebengasse gelaufen ....
das ist soooo phren, das jetzt hier in einem video wiederzufinden!
ich glaube, da will ich demnächst mal mehr von erzählen.
das war eine spannende zeit.
wenn eine eine reise tut .... dann hat sie nicht nur was zu erzählen, sondern es wird auch von ihr erwartet, dass sie den daheim gebliebenen etwas freundliches mitbringt. zur erinnerung: das souvenir. sozusagen als wiedergutmachung dafür, dass sie alleine losgezogen ist und die anderen nicht mitgenommen hat.
woher dieser brauch stammt und seit wann es ihn gibt, habe ich leider nicht herausfinden können. es scheint aber etwas sehr archaisches zu sein. schon kleine kinder erwarten, dass papa oder mama ihnen etwas mitbringen, wenn sie das haus mal ohne anhang verlassen.
souvenirs scheint eine gewisse magie anzuhängen: aschenbrödel erhielt vom kutscher als mitbringsel aus der stadt drei haselnüsse von ganz außergewöhnlicher zauberkraft.
ein souvenir darf gerne etwas landestypisches sein, sozusagen als beweis dafür, dass ich tatsächlich an dem ort war, von dem ich im anschluss an die reise freudig oder traurig erzähle. freudig, weil ich dort war. traurig, weil ich nicht mehr dort bin. vielleicht.
ein souvenir darf aber auch nicht zu sehr an die ferne erinnern und auf keinen fall zu schön sein, um die armen daheim gebliebenen nicht noch neidischer zu machen, als sie es ohnehin schon sind.
individuell sollte es sein und zumindest ein bißchen auch der besouvenirten gefallen; ein souvenir darf nicht ärgern; also bloß nix kaufen, was dann zu hause doch bloß rumsteht und abgestaubt werden möchte oder sonstewie arbeit verursacht!
es soll leicht sein, damit der eigene koffer auf dem heimweg nicht so schwer wird.
auch zerbrechlich sollte es möglichst nicht sein, das verkomplifiziert die rückreise: meine 5kg handgepäck sind sowieso ausgebucht mit kamera und netbook. umso wertvoller fühlt sich die bedachte, wenn es dann tatsächlich etwas filigranes gibt, das nicht nur bei der auswahl, sondern auch beim rücktransport großer aufmerksamkeit bedarf.
was eignet sich also?
für mich selbst bringe ich gerne was für meine küche mit. ein besonderes kochwerkzeug, das es bei uns nicht gibt. oder ein gewürz. vielleicht auch irgend etwas aus dem supermarkt, etwas, das im besuchten land alltäglich – bei uns aber nur wenig bekannt ist. aus mauritius zum beispiel habe ich mir damals ein chutney aus zitronen, honig und chili mitgebracht. das war so dermaßen lecker, da träume ich heute noch davon! leider gibt es das bei uns nirgends. aber das ist ja auch gerade wieder das gute daran gewesen!
in zeiten der globalisierung ist das mit den sachen von ganz weit weg manchmal schon so eine sache. man kann ja inzwischen fast alles auch hier kaufen (mit ausnahme von mauritianischem zitronenchilihonigchutney) – oder zumindest übers internet bestellen. soll ich mir die mühe überhaupt noch machen?
so ess-sachen sind auch nicht jederfraus geschmack. was ich ganz lecker finde, mag meine freundin vielleicht überhaupt nicht. dann steh ich dumm da. manchmal passiert es mir auch, dass etwas, das ich vor ort unschlagbar köstlich fand, zu hause dann überhaupt nicht mehr schmeckt. weil die luft eine andere ist oder das licht, weil der tee mit anderem wasser gekocht wird, weil die zikaden hier nicht so laut singen. manches schmeckt eben nur dort, wo es auch hergestellt wird und ortsansässig zur kultur passt.
wo auch immer ich hinging in meiner osterferienwoche, überall gab es diese türkis(ch)blauen glasaugen gegen den bösen blick. in allen variationen. außerdem türkische süßigkeiten. prima, habe ich gedacht. aber denkste! das güllü lokum (geleewürfel mit rosenaroma) hätte ich wohl doch vorher probieren sollen ….
dann gab es noch seife. original osmanische olivenölseife! mit byzantinischem rosenaroma! das ist bei uns derzeit auch hochmodern. aber seife?! ich weiß gar nicht, wann das angefangen hat, diese marotte, dass sich plötzlich alle gegenseitig seife schenken.
zum ersten mal erlebt habe ich das vor rund zwanzig jahren in japan. japanerInnen schenken sich gegenseitig seife gleich kiloweise und finden das ganz unbedenklich. in japan macht das sinn, denn dort geht jedeR jeden abend ins o-furo, privat oder öffentlich. und dort ist es usus, sich vor dem heißen bad in der großen gemeinschaftswanne ganz und gar mit seifenschaum einzuhüllen, so dass nicht ein quadratzentimeterchen haut mehr nackig bleibt. sehr japanisch, diese verschäumte verschämtheit. da verbraucht sich ein seifenstück schnell.
ich selbst aber benutze seife am stück kaum noch, schon lange nicht mehr. duschgel, handwaschpaste – alles in flaschen oder tuben. für ein stück seife brauche ich mindestens ein halbes jahr, bevor es sich vollends in schaum aufgelöst hat.
seife ist für mich etwas sehr intimes, sie geht mir schließlich an (und über den geruch auch unter) die haut. da bestimme ich gerne selbst, woraus sie gemacht ist, wie sie sich anfühlt, wonach sie duftet. ich suche sie mir auch gerne aus: es ist mir ein großes sinnliches vergnügen, an den verschiedenen seifenkuchen zu schnuppern. das überlasse ich nicht gerne anderen.
weil es mir selbst also nicht angenehm ist, von anderen beseift zu werden, verschenke ich auch keine. höchstens auf ausdrücklichen wunsch.
leider hat sich das noch nicht so herumgesprochen: seit ungefähr zehn jahren bekomme ich ‚ständig‘ seife geschenkt. ich kann sie gar nicht so schnell verbrauchen, wie sie sich im schrank türmt. manchmal frage ich mich schon, ob ich vielleicht nicht gut rieche?
jedenfalls hänge ich total hinterher mit meinem seifenkonsum und benutze seit jahren notgedrungen irgendwelche seife, die schon ganz lange im schrank lag und mal ganz lieb gemeint war, die ich aber aktuell eigentlich gar nicht mag, bloß weil ich so ein schlechtes gewissen kriege, wenn ich sie wegwerfe und mich statt dessen mit meiner eigenen jetzt-lieblingsseife wasche.
ich muss das mal publik machen in meinem bekanntenkreis: mo jour kauft ihre seife selbst. es gibt dinge im leben, die kann eine kaiserin nicht delegieren. erst recht nicht, wenn sie so geruchsempfindlich ist wie ich es bin.
wo war ich, bevor ich auf der seife ausrutschte und mich daran festhielt? richtig: bei der möglichst gelungenen auswahl von souvenirs.
da hilft nur eines: vorher nachfragen! und zwar mit einer ganz direkten offenen frage, die eine konkrete antwort fordert. auf keinen fall mit der geschlossenen ja/nein-frage. also nicht „darf ich dir was mitbringen?“ das findet natürlich jedeR toll und sagt "ja!", aber mit der entscheidung stehe ich wieder alleine da. unbedingt fragen „WAS darf ich dir mitbringen?“ - darauf erwarte ich eine krass korrekte antwort. wenn die nicht kommt, dann gibt es eben .... schaumschläger?!
„well, I must say that everything looks very nice!“.... sagte miss sophie, als sie im großen schwarzen abendkleid, ausgestattet mit um die schultern drapierter wolldecke und fingerlosen handschuhen von der galerie herab in die scheinbar unbeheizte halle trat, wo ihr treuer butler james bereits den tisch gedeckt hatte für ein gesetztes fünf-personen-geburtstags-dinner, von denen außer der gastgeberin niemand anwesend war und auch niemand mehr erwartet wurde.
es sieht alles sehr gut aus. ich gebe mir jetzt einfach mühe, das heute für mich auch so zu sehen:
mein saal ist mollig warm geheizt, immerhin. auf meinem tisch leuchten frische rosen, die wohnungen unter mir sind still verlassen (das ist wichtig, weil die vermietermischpoke auch das extra laute obernervige steirische polka-akkordeon mitgenommen hat) - und über den bergen im osten steigt der vollmond empor. das sieht wirklich alles sehr gut aus.
ich bin so froh, dass dieses olle jahrzehnt mit der doppelnull in der mitte endlich zu ende geht. die nichtigen nichtsnutzigen ungezogenen naughties sind vorbei - neun jahre fürs klo! dabei hatte mein Y2K so gut angefangen, damals.
vor zehn jahren war ich noch in berlin, hatte gerade aufgehört mit dem alkohol und beschlossen, ohne drogen ins neue jahrtausend zu gehen. welch eine heldentat! welch ein mut! zuversichtlich blickte ich in eine klare, unbenebelte zukunft. hätte ich gewusst, was mich erwartet .... aber ich habe es nicht gewusst. später habe ich dann diesen sportlichen ehrgeiz entwickelt, nüchtern zu bleiben. meiner würde wegen. ganz egal wie schlimm es noch kommt.
um mitternacht standen wir auf der brücke über den s-bahngleisen in der kreuzberger monumentenstraße und stießen an mit kräutertee - mein schöner, geliebter, kreativer mann und ich.
die große stadt um uns herum versank im suff – und im dichten nebel. wir waren ein bißchen schadenfroh, weil vom großen millenniumsfeuerwerk am brandenburger tor rein gar nichts zu sehen war und all die sensationsgierigen fuzzis da oben in den kreisenden hubschraubern und privatflugzeugen über uns so viel geld für eine nebelpartie verpulvert hatten.
am nächsten morgen habe ich den mann verlassen. „ich vögel dich gerne, aber ich liebe dich nicht,“ hatte er gesagt. solange ich noch trank, habe ich das irgendwie ausgehalten. ausgeschlafen und nüchtern ertrug ich es nicht. also bin ich gegangen. ich wußte in dem augenblick noch gar nicht, dass das endgültig war. natürlich hatte ich gehofft, dass er seine meinung noch ändert und mich bald wieder anrufen würde. er hat sich nie wieder gemeldet.
ich hatte das zusammensein mit ihm so sehr genossen. ich habe ihn so sehr geliebt! er hatte eine wunderbare art, mir beim spazierengehen die hand auf die schulter zu legen, dass es ganz leicht war. er hing nicht an mir dran, wie manch anderer. er ließ seinen arm einfach nicht schwer werden. er war immer wach und präsent, aber niemals belastung.
ich war unendlich traurig darüber, dass wir uns nicht mehr sahen – und gleichzeitig fassungslos, weil er mich wirklich hatte gehen lassen. ich übernahm zusätzliche schichten. die arbeit in der redaktion lenkte mich ab und half mir, die trennung ohne alkohol zu überstehen.
das war vor zehn jahren.
vor zwanzig jahren habe ich silvester und neujahr in japan verbracht. das war eine ganz andere welt, damals bei meinen geishamüttern in kyoto.
kein lautes getöse und geböller, kein geistloses besäufnis mit jubeltrubel, keine zwangsgutelauneaufbestellung – sondern eine stille, besinnliche nacht in heiterer gelassenheit.
party ist in japan eher an weihnachten – weil da der sohn vom christengott geburtstag hat. also gibt es christmasparty mit weihnachtstorte: die torte ist vorzugsweise aus sahne mit erdbeeren. nicht, dass erdbeeren an weihnachten in japan besonders reif und billig wären – ganz im gegenteil: die werden aus der ferne eingeflogen und sind kostbar einzeln verpackt wie pralinen! aber nichts sonst sieht für japanische augen so sehr aus wie weihnachtsmänner im schnee.
frauen werden in japan übrigens gerne mit dem rot-weißen sahne-erdbeer christmas-cake verglichen: es heißt, nach dem fünfundzwanzigsten seien wir nicht mehr frisch. im klartext: eine frau, die mit 25 noch nicht verheiratet ist, gilt als ungenießbar. eine vergleichbar abwertende redewendung für männer gibt es in japan natürlich nicht. aber das nur am rande.
zurück zur neujahrsnacht in japan:
ganz im gegensatz zu uns, wo man zwischen weihnachten und dreikönig am besten alles stehen und liegen lässt, was irgendwie mit haushalt und wäsche waschen zu tun, damit sich nicht böse geister darin festsetzen können, die man dann das ganze jahr über nicht mehr los wird, muss in japan das neue jahr blitzeblank begrüßt werden!
beim putzen und schrubben und polieren kommt die japanische hausfrau also im alten jahr noch einmal ordentlich ins schwitzen. nach der äußeren putzete ist dann der eigene körper dran. letzteren brauch habe ich übernommen: seither beschließe ich mein altes jahr mit einem vollbad – am liebsten in meersalz mit rosenblüten. salz reinigt. sehr spirituell und auch in echt! und der ganze dreck vom alten jahr gurgelt auf und davon durch den abfluss auf nimmer wiedersehen. wunderbar!
später am abend saßen wir bei freunden und aßen toshikoshi-soba: lange jahresendnudeln aus buchweizenmehl. für ein langes leben, und um immer beieinander zu sein mit dem herzen.
nach mitternacht machten wir uns auf den weg zum tempel der familie, zum ersten gebet. es hatte geschneit, mit vielen anderen stapften wir zu fuß durch den wald, eine kalte nacht. wieder zurück im haus, gab es eine klare suppe mit mochi. klebrige, glibbrige, absolut köstliche reismehlknödel, ohne die das neue jahr nicht beginnen kann!
bis all das erledigt ist, ist die nacht schon fast rum, und das ist auch sinn der sache. mit dem beginn des neuen jahres wird die wiedergeburt des lichts gefeiert. die große mutter, die sonnengöttin amaterasu omikami wird geehrt, und man darf nicht schlafen gehen, bevor man nicht die neujahrssonne gesehen und ehrfürchtig begrüßt hat!
die neujahrssonne begrüßen ohne vorher eine runde zu schlafen, das finde ich hier in meinen breitengraden wirklich schwierig. diese deutsche winternacht ist mir einfach zu lang, um durchzumachen! zum ausgleich mache ich dann in der frühe einen doppelten sonnengruß und hoffe, dass die große göttin das als angemessen empfindet.
mit dem ende dieser nacht beginnt das jahr des tigers. das ist mein jahr, das wird gut, das weiß ich: da bin ich unter gleichgesinnten – auch wenn wir tigressen sonst eher einzelgängerInnen sind.
ich denke ja immer, dass die erde eigentlich hopsen müsste um mitternacht, weil ein neues jahr beginnt. ist aber nicht so. sie dreht sich einfach weiter.
trotzdem wäre ich nicht überrascht, wenn‘s hüpfen täte: zwanzigzehn kann kommen. es sieht alles gut aus. ich zünde mein bestes räucherwerk und gebe euch einen ringelnatz mit auf den weg:
„ein rauch verweht, ein wasser verrinnt, eine zeit vergeht, eine neue beginnt.“