Besondere Ereignisse erfordern besondere Maßnahmen. Denn irgendwas is' immer ....
[über den Umgang mit Katzen & Vermietern - und andere wichtige Dinge im Leben einer Frau]
Den empfindsam Hörenden ist nur weniges angenehm. All der maschinelle Lärm da draußen, und selbst das "Musik" genannte Tönen ist oft mehr Ärgernis als Labsal.
Irgend jemand rümpft immer die Ohren! Meistens bin ich die erste.
Die Grille im Rosenbett
Es gibt nicht viele Geräusche, die mir immer willkommen sind.
Eines davon ist das Lied der Grille. Ihr Zirpen ist für mich unwiderruflich verknüpft mit der Erinnerung an heitere Inselsommer, sanftes Meeresrauschen, den Duft wilder Kräuter, tiefes Auf- und Durchatmen.
Mein Gehirn mit seinen vielen Erinnerungen ist ein seltsames Ding:
Schon der Gesang einer einzigen frühen Grille vermittelt mir die Illusion sommerlicher Sorglosigkeit und hilft, die Unterträglichkeiten des aktuellen Alltags leichter auszuhalten.
Das sind anderthalb Zentimeter grüner Lebendigkeit, denen ich für ihre Existenz unendlich dankbar bin. In meinen Rosen dürfen sie gerne wohnen.
Wenn ich aus den Fenstern meiner Dachwohnung schaue, sehe ich blühende Landschaften. Rundum. Derzeit blühen die Reben. Eher unscheinbar und grün, aber sie blühn. Quadratkilometerweise. In den Haus- und Gemüsegärten des Dorfes, in den Balkonkästen und Terrassenkübeln blüht alles, was die Natur hergibt. Rosen und Akelei, Iris und Flieder, Ringelblumen und Männertreu, Geranien, Schöllkraut und Kartoffelstrauch. Schön. Und bunt.
Jesus - der genagelte Mann
Ich lebe in einem optischen Paradies. Als ich vor mehr als zehn Jahren aus der Großstadt hierher aufs Land zog, war es genau das, was ich haben wollte. Die vogelzwitschernde Blümchenidylle.
In Berlin war mir alles zu viel gewesen: Zu viele Menschen. Zu viele Autos. Zu viele Häuser. Zu viel schlechte Luft und zu viel schlechte Stimmung. Zu viel Armut und zu viel Hundekot auf den Straßen. Die kontinuierliche Überflutung an Sinneseindrücken, die allgegenwärtige Zu-viel-isation überforderte mich. In all dem Überfluss war ich schon längst nicht mehr zu Hause.
Zudem hatte ich ständig das Gefühl, etwas zu verpassen. Ich war unzulänglich, den Anforderungen der Millionenstadt nicht gewachsen. Viel zu groß war das kulturelle Angebot. Selbst wenn ich jeden Abend ins Theater, ins Kino, ins Konzert gegangen wäre – einmal vorausgesetzt, ich hätte die persönlichen und finanziellen Möglichkeiten dazu gehabt – so hätte ich doch für jede besuchte Vorstellung mindestens zwei Dutzend andere nicht erleben können.
Ich war vierzig. Ich hatte den Dalai Lama interviewt und zweierlei Teuf(f)el. Viel mehr würde nicht kommen. Da konnte ich auch Holz aufsammeln im Wald. Hauptsache, der Job hielt mich einigermaßen über Wasser und die KollegInnen wären nett. Ich packte meine Lebens-Mittel-Krise und die zwei Katzen in einen Korb und zog in den Süden, in ein Zweieinhalbtausend-Seelen-Winzerdorf.
Wie war ich froh, angekommen zu sein! Ich wollte endlich sesshaft werden und erkundigte mich sogar, ob ich katholisch werden muss, um auf dem Gemeindefriedhof begraben werden zu dürfen.
„Hier ist es so schön ruhig, es gibt noch nicht einmal eine Ampel“, schwärmte ich einer Freundin vor.
Sie runzelte die Stirn und fragte freundlich zurück: „Wie kommst du denn dann über die Straße?“
„Ich gehe einfach immer im Kreis“, antwortete ich ebenso so freundlich. Dann grinsten wir uns an und brachen beide in schallendes Gelächter aus.
Das Lachen sollte mir bald vergehen. Der ampelfreie Frieden wurde zur tödlichen Friedhofsruhe. Weil die Idylle nur optisch ist. Die reine Fassade.
Es gibt nichts im Außen, das einen ablenkt. Nur Lärm und Gestank von Weinbergstrekkern, Heimwerkerterroristen, Rasenmähern und Laubgebläsen. Weil es auch abends nichts zu tun gibt, werden schon pünktlich zur Tagesschau die Gehsteige fein säuberlich gekehrt und nach oben gefaltet. Das Leben hat hier wenig Platz.
Weil draußen nichts los ist, über das die Menschen lachen oder zumindest lästern könnten, sitzen sie hinter ihren Fassaden und belauern sich gegenseitig. Ich habe hier noch niemals jemanden herzlich lachen hören. In all den Jahren nicht. Höchstens mal ein verkrampftes, schadenfrohes Wiehern war zu vernehmen oder ein verkniffenes Grinsen aus lippenlosem Mund zu beobachten.
Wehe, ich mache mal einen Scherz oder habe meinen Spaß einfach so – das wird sofort misstrauisch beargwöhnt. Als ob man neidisch wäre und mir mein Lachen nicht gönnt.
Das ist schrecklich. Ich lebe in einem klimatischen Paradies. Fruchtbarer Boden weit und breit. Keine Naturkatastrophen. Man könnte hier einfach glücklich sein.
Aber nein. Irgendwie lassen sie einen nicht. Die Menschen in ihrem totalitären Glauben sind schlimmer als jeder Vulkanausbruch, jedes Erdbeben es jemals sein könnten. Überall hängen sie einen zu Tode leidenden Mann am Balkenkreuz auf, seine Schmerzen sind unübersehbar. Alle paar hundert Meter hängt einer in den Reben oder sonstewo. Und stirbt!
Hängt es damit zusammen, dass mir hier das Lachen im Halse stecken bleibt? Weil es sich nicht schickt, im allgegenwärtigen Angesicht von Leid und gewaltsamen Tod fröhlich und unbeschwert zu sein? Darüber wachen sie. Schmallipppig und freudlos. Bloß nicht zu laut gelacht. Höchstens mal wohlerzogen gelächelt. Gute Laune? Durch verkrampftes Grinsen zu Tode dressiert. Es ist schlimmer als auf einer Beerdigung.
Sind die Menschen, die diesen Toten immer wieder neu ans Kreuz nageln, nicht mindestens genau so brutal wie diejenigen, die ihn vor bald zweieinhalb Jahrtausenden in echt haben sterben lassen? Was ist das für eine Gesellschaft, in der die Lebendigen wegen der längst Toten leiden müssen und nicht einmal mehr lachen dürfen?
Was habe ich mit den Ungerechtigkeiten der Geschichte zu tun?
Ich habe nicht nur meine Anpassungsfähigkeit an das katholische Spießertum überschätzt, sondern auch meinen Anpassungswillen. Denn dass auch mir selbst hier das Lachen vergehen würde, dass mir gar die Lebensfreude abhanden käme im Lauf der Jahre, damit hatte ich nicht gerechnet.
Weil das so ist, laufe ich große Gefahr, selbst zur biestigen, verkniffenen und verbissenen Alten zu werden. Das will ich natürlich nicht. Weil ich das nicht bin. Weil ich mich so nicht einmal mehr in mir selbst noch zu Hause fühle.
Ich muss fort. Woanders hin. Hier bin ich nicht zu Hause, hier stehen nur meine Möbel. Meine Seele ist verschollen im optischen Paradies.
„Zu Hause“ fühle ich mich nur, wenn ich auch lachen darf. So richtig: mit zurückgelegtem Kopf und von ganz tief unten aus dem Bauch heraus. Schallend.
Heimat ist kein Ort.
Heimat ist da, wo ich die sein darf, die ich bin. Lebendig, mutig, neugierig, klug, zuversichtlich – und lachend.
Irgendwie wird es nicht richtig hell heute. Wolken ziehen über den Himmel, bringen Regen und manchmal helle Lücken.
Ich mag Tage wie diesen, wenn große Tropfen aufs Dachfenster trommeln. Ich muss nicht großartig raus heute: Habe nur ein Paket zum Hermes gebracht, abends noch ins Yoga.
Beides Ausflüge in andere Orte, die ich mit dem Auto erledige. Hätte das Paket vorhin in den Fahrradkorb gepasst, wäre ich geradelt. Hat es aber nicht. Später war ich froh drum. Denn auf dem Rückweg wäre ich nass geworden.
Charles de Mills (historische Gallica) nach dem Regen
Ob ich den Regen auch hätte spüren können, muss für heute im vagen Konjunktiv bleiben, weil es von vielen Variablen abhängt und meiner jeweiligen Tagesform:
Hätte der Wind mir den Regen ins Gesicht geweht und die Brille blind gemacht? Hätte ich gefroren? Oder hätte ich gleichzeitig einen Regenbogen gesehen? Ein Auge gehabt für regenschwere Rosenblüten? ....
Tränen grinsend erinnere ich mich an sommerliche, auch an mitternächtliche Regengüsse, irgendwo draußen und ohne Regenschirm. Innerhalb von Sekunden nass bis auf die Haut, warm war's und .... sexy. Verdammt lang her.
**
Manche Menschen spüren den Regen. Andere werden einfach nur nass.
Manche Menschen können den Regen spüren. Andere werden nur nass. Some people feel the rain. Others just get wet. --> http://myzitate.de/stichwoerter.php?q=Regen
für die, die's noch nicht wissen: ich wohne zur miete. im dachgeschoss.
die katholischen vermieter leben in der bel-etage, ein stockwerk tiefer. täglich mehrmals muss ich an deren wohnungstüre vorbei.
die vermieter haben erwachsene kinder: eine tochter und einen sohn, die mit ihren jeweiligen partnerInnen ziemlich weit weg leben.
die vermieterkinder haben sich fortgepflanzt. es gibt nun zwei vermieterenkelsöhne, ungefähr ein und zwei jahre alt. seitdem das so ist, hängen konterfeis der frisch geschlüpften erdlinge an der vermieterlichen wohnungstüre. außen!
"den Nachwuchs vor die Tür hängen"
die armen rot schrumpeligen würmer wurden durch den heimischen drucker mehr schlecht als recht im DIN-format A4 auf billigem papier in die welt gezwängt, schräg und schäps mit tesafilm an die tür geklebt.
seit zwei jahren also frage ich mich mehrmals täglich: warum machen die das? was ist das für ein brauch? warum hängen die katholiken (wahlweise vermieter / winzerdörfler / alemannen / baden / spießerdeutschen …) ihre säuglinge nach draußen vor die wohnungstüre ins ungeheizte treppenhaus – anstatt sie innendrin gut warmzuhalten, vor bösen geistern zu verstecken und zu beschützen?!
beide säuglinge tragen die namen von römischen kaisern – wie sich das gehört für die enkel von herrschaftlichen großgrundbesitzern mit einem stammbaum über mehrere jahrhunderte bis zurück zu den historisch belegten ersten siedlern des dorfes. selle kamen aus der schweiz, okkupierten das tal und teilten das land unter sich auf. an der sprache merkt man das bis heute, die ist in diesem ort ganz anders als im nachbardorf. sie haben nie richtig deutsch gelernt.
manchmal kommen die kinder mit den enkelkindern zu besuch und führen dem patriarchen und seiner eheputzkochhaushaltsfrau vor, wie gut sie ihre bälger schon dressiert haben.
ich sitz dann hier oben auf meiner balkon-empore und griemel mir eins. leider verstehe ich jedes wort, das unten im „wintergarten“ genannten glashaus und im rentnergarten gesprochen wird.
aber es ist doch interessant mitanzuhören, wie der alte herr dann in senil-frühkindliches duziduzi brabbel-speak verfällt und versucht, seinen künftigen steuerzahlernachkommen seine ihm lebenswichtigsten wörter beizubringen. vor allem die auswahl der vokabeln, die er unbedingt weitergeben muss, ist bemerkenswert. da lerne ich wirklich neues über meinen vermieter, der sonst eher türenschlagend, arrogant und in beleidigendem kommandoton daherkommt.
sehr lange wurde mit dem einjährigen geübt an dem schönen wort: flugzeugträger. genau. flug-zeug-trä-ger. oder habt ihr etwa ein anderes wort als erstes gelernt? das muss ein mann doch können! flug-zeug-trä-ger! seltsamerweise schien das kind weder sonderlich interessiert noch begeistert und gab keinerlei echo. nach gefühlten 108 wiederholungen gab der großvater auf.
es folgte die musikalische früherziehung. meine geneigten leserInnen wissen, dass mein herr vermieter sich für einen begnadeten musiker hält und täglich seine quetschekommode malträtiert. seit mehr als fünfzig jahren. er kann es immer noch nicht und ist in seiner rosamunde-gesinnung niemals über einen dumpfen viervierteltakt hinausgekommen.
also auch die enkel! instruiert wird auf dem piano im wohnzimmer. auf dem spielt sonst nie jemand. nur wenn die kinder zu besuch sind. dann intoniert der opa ein stolperndes „alle meine entchen“, und die kinder werden aufgefordert, das nachzuspielen. das können sie natürlich nicht. sie haben ja noch nie zuvor ein klavier gesehen und müssen erst einmal ausprobieren, was überhaupt passiert, wenn sie mit ihren patschehändchen darauf herumtatschen. dürfen sie von mir aus gerne. ich hätte auch gerne ein klavier gehabt, früher. aber es war mir nicht erlaubt, etwas zu besitzen, das lärm hätte verursachen können.
anders des vermieters enkelsöhne: sie dürfen ungefähr ziemlich genau dreimal auf die tasten hauen. jeder einzelne schräge ton wird begeistert kommentiert mit großem jubel und stolzem überschwang „ja wunderbar! ja du bist ja ein ganz großer! ein richtiger mozart! ja wo isser denn mein kleiner amadeus ….“
so verlängert das kleine vermieter-ego seinen narzissmus in die übernächste generation.
wenn aber nach dreimal tastenpatsch das nicht nur musikalisch in den kleinstkinderschuhen steckende nachwuchsmusiktalent immer noch keine symphonie (oder zumindest eine sonate) zustande gebracht hat, wird die musikalische früherziehung flugs beendet und der klimperkasten geschlossen.
sie dürfen nicht üben, die armen kleinen. sie müssen schon alles können. sonst ist der großvater nicht zufrieden.
den zweijährigen fand ich übrigens gar nicht so schlecht. er spielte sehr behutsam, nicht so haudrauf. es klang ein bißchen wie satie. sehr entfernt, versteht sich. aber das gefiel dem alten nicht.
für feine, leise töne hat der vermieter keinen sinn. nur für schenkelklopfende polka. und für flugzeugträger.
es war ja ohnehin schon schlechte luft in der vermieterlichen bel-etage, weil ich es vergangene woche gewagt hatte, darauf hinzuweisen, dass ich es nicht in ordnung fand, mir termine aufzudrücken, die gar nicht für mich bestimmt sind.
immer im blick: die gebeine der vermieter
dann ging mir in der vergangenen woche auch noch ein rollladen kaputt, einfach so, ohne vorwarnung, lässt er sich nicht mehr hochziehen. an einer balkontüre. sehr wichtig, dass der nicht dem licht und auch nicht mir den weg versperrt. jetzt im frühling sowieso.
ich kenne ja meine vermietermischpoke inzwischen und dachte mir schon, dass das wieder schwierig wird. grundsätzlich, wenn in diesem vierzig jahre alten haus etwas nicht funktioniert (auch außerhalb meiner wohnung), werde seit meinem einzug vor rund acht jahren sofort ich unterm dach dafür verantwortlich gemacht.
dennoch habe ich es gewagt, ihnen erst einmal – ganz vorsichtig – einen zettel hinzulegen mit einer kurzen schilderung des problems. ganz mutig habe ich bei der gelegenheit noch eine zweite angelegenheit erwähnt, die einer reparatur bedarf.
„hallo frau und herr vermieter, es ist etwas kaputt gegangen in meiner wohnung: - ein rolladen an der balkontüre südwest lässt sich nicht mehr ganz hochziehen. - die badezimmertüre stößt beim öffnen immer auf den boden. da hat sich scheinbar etwas gelockert."
dann noch die info, dass ich unter der woche meist ab 15 uhr zu hause sei, falls man sich das einmal ansehen wolle. leider hatte ich vergessen, hinzuzufügen, dass man für das betreten meiner wohnung bitte einen termin mit mir absprechen möge – dafür war die zeitangabe gedacht.
ich hätte es mir denken können! der herr vermieter stand am dienstag mal wieder unangemeldet vor der tür und begehrte sofortigen einlass. respektlos und arrogant und selbstherrlich wie eh und je. ich habe tief luft geholt, deeskalation betrieben und habe ihn – obwohl ich fast gekotzt hätte vor ekel, diesem widerling unvorbereitet und alleine ausgesetzt zu sein – hereingelassen.
sofort legte er wieder los mit abwertenden bemerkungen. er könne gar nicht verstehen, dass der rollladen nicht hochzuziehen sei, den würde ich ja wohl kaum benutzen (tue ich nur täglich einmal am frühen morgen, wie man es mit rollläden halt so macht). um selbst festzustellen, dass der rollladen nicht mehr hochzuziehen geht, musste der vermieter ihn natürlich erst einmal noch weiter herunterlassen. was vorher nur ein halber schaden war, ist jetzt ein ganzer.
tja, da könne er leider nichts machen.
bei der badezimmertüre stellte er fest, dass eine schraube an der türangelbefestigung locker ist (meine rede). die sei ja ganz ausgeleiert die schraube, die hätte ich ja wohl mit einem schraubenzieher zerstört. für die türangelschraube braucht man einen imbusschlüssel. damit lässt sie sich bestens drehen. sie ist kein bißchen 'zerstört', und ich war auch nie mit einem schraubendreher dran. sehe ich doch, dass das ein imbus ist.
der herr vermieter stellte fest: die schraube lässt sich nicht mehr festdrehen (das war mir bekannt, sonst hätte ich ihn ja nicht bemüht).
tja, da könne er leider nichts machen. da müsse ein handwerker her. er kenne da einen, der würde sich das vielleicht einmal ansehen. der sei aber gerade erst an der hüfte operiert worden und er wisse nicht, wann der zeit hat. ob ich am donnerstag oder am freitag oder am samstag da sei?
ich bejahte grundsätzlich und schlug vor, dass der handwerker sich doch am besten kurz telefonisch bei mir melden und einen termin vereinbaren möge.
termin? vereinbaren? herr vermieter kriegte mal wieder schnappatmung: das ginge nicht, das wisse doch er nicht, wann der handwerker zeit habe und außerdem hätte er meine telefonnummer gar nicht. natürlich hat er meine telefonnummer. die hat sich seit acht jahren nicht geändert. ich blieb freundlich und gab ihm zum gefühlten dreihundertzwölften mal meine visitenkarte.
er grummelte die treppe hinunter. türen schlagen.
am nächsten morgen begegnete ich ihm vor der garage. ich grüßte freundlich und korrekt. wie immer. das war ihm vielleicht ein dorn im auge. außerdem hatte er wohl meine telefonnummer noch nicht so ganz verdaut. jedenfalls wurde er wieder cholerisch und brüllte nur noch rum:
was ich mir denn einbilden würde, immer müsse man mit mir einen termin vereinbaren. bei allen anderen mietern zuvor sei das immer selbstverständlich gewesen, dass er jederzeit in die wohnung gekonnt hätte und wenn das mit mir nicht ginge, dann solle ich gefälligst ausziehen. er hätte noch nie die miete erhöht (stimmt – ich habe sie aber auch noch nie gekürzt trotz vielerlei gründen) und am winterdienst hätte ich mich auch noch nie beteiligt (stimmt nicht - wenn er einen plan macht, halte ich mich dran; aber es ist nicht meine aufgabe, einen plan zu machen).
ich sagte, dass das eine mit dem anderen nichts zu tun habe, und wenn er wolle dass ich ausziehe, könne er mir ja eine abfindung zahlen für maklergebühren, umzugskosten etc. - dann würde ich gehen.
ich zahle die miete regelmäßig und pünktlich. immer. er hat nichts gegen mich in der hand. dass ich ja ausziehen könne, wenn mir irgend etwas nicht passe, das sagt er seit jahren. aber diesmal wurde er wirklich bedrohlich: ich wisse ja, dass er einen rechtsanwalt kenne und was das für einer sei, da könne man sicher etwas drehen, um mich loszuwerden.
einen termin mit dem handwerker hat er nicht vereinbart, und auch der handwerker selbst hat sich bei mir nicht gemeldet.
vorhin klingelt es. plötzlich. ich war beim gärtnern auf dem balkon, die hände bis zum ellenbogen in blumenerde. ich erwartete niemand, hätte auch in der badewanne liegen können. trotzdem gehe ich an die türe: aufgemacht, niemand da. gegensprechanlage betätigt: hörbare geräusche, aber niemand antwortet. also bin ich wieder zurück zu meinen orchideen.
als ich später wieder hereinkomme, blinkt die anrufbefürworterin. sie hat eine sehr bemüht höfliche und sehr bemüht hochdeutsche nachricht für mich:
„hallo mo jour, hier isch de vermieter. jetz isch grad de handwerker do, aber …. mir komme net rein. des fahrrad isch do, des audo do. der hat's vorher net g'wusst, dass er jetz' komme kann. das geht mit de handwerker nit immer so, dass mer sich vorher anmeldet. jetzt geht er wieder un' mer müsse warte, bis er widder zeit hat. oder du nimmsch des alles selber in de hand un' tuusch (= tust) des reguliere. du kannsch ja mit mir maaal rede. tschau.“
damit meint der vermieter folgendes: entweder ich dulde unangemeldete überraschungsbesuche von ihm nebst handwerker, oder ich zahle die reparaturen selbst. von handwerkerkumpel seines vertrauens gibt er mir weder namen noch telefonnummer.
zähneknirschen.
ausatmen.
loslassen.
es ist wochenende. es ist frühling.
auf die nächste fortsetzung bin ich schon selbst gespannt.
es ist an der zeit, dass ich mich wieder einmal einem der wirklich wichtigen themen dieses weblogs widme, wie es auch im untertitel steht: dem vermieter.
tibetorchidee - pleione formosana
der meine lebt im selben haus und hat so seine eigenheiten, wie einige von euch ja bereits wissen. meistens sind diese für mich schon so dermaßen alltäglich, dass sie mir trotz aller ungeheuerlichkeit schon kaum noch auffallen.
zur erinnerung: wir leben auf dem aleMANNischen lande. der mann ist katholisch. der katholische mann hält sich für das herrgöttle himself, denn der herrgott hat ihn schließlich nach seinem ebenbild geschaffen. so steht es in der bibel. und was in der bibel steht, das stümmt.
neulich, als ich nachmittags von der arbeit kam, hing am treppengeländer zu meiner wohnung ein zettel vom schornsteinfeger: „komme morgen zwischen 8uhr und 9uhr30.“ normalerweise bin ich um diese zeit beschäftigt mit riesenmilchkaffee, zähneputzen, katzefüttern, antifaltencreme, frühstücksbrot belegen und dem weg in den verlag. arbeitsbeginn ist allerspätestens halb zehn. ich bin noch in der probezeit. es ist wichtig, pünktlich zu sein.
der schornsteinfegertermin war sehr kurzfristig (nicht mal 15 stunden) und zu einer für mich ungünstigen uhrzeit. ich mag es nicht, wenn mein tagesablauf durcheinander gebracht wird. erst recht nicht schon am frühen morgen. ich brauche die zeit für mich, um die alpträume der nacht zu sortieren und mich auf die herausforderungen des vor mir liegenden tages einzustellen.
ich mag es auch nicht, wenn fremde männer vor der wohnungstür stehen, einlass begehren und durch meine privateste privatsphäre latschen. als sei es das selbstverständlichste von der ganzen welt, bei einer fremden frau einzudringen und das auch noch vor deren wachwerden. trotzdem: der schornsteinfeger muss seine arbeit machen. außerdem bringt er ja auch angeblich ein bißchen glück mit. immer herein damit.
also bin ich extra früher aufgestanden, habe den schon seit jahren nicht mehr benutzten kaminofen freigeräumt und geputzt, die wohnung mehr aufgeräumt als sonst. wohnung, ofen, katze und ich waren ausnahmsweise schon in der früh um punkt acht uhr präsentabel und gesellschaftsfähig und nur ein ganz kleines bißchen schlecht gelaunt.
so saßen wir hier in bester erwartung und in der großen hoffnung, der herr schornsteinfeger möge bitte möglichst bald kommen, so dass ich noch rechtzeitig am arbeitsplatz sein konnte. des herrgotts turmuhr schlug die stunden: viertel, halb, dreiviertel, punkt neun, der schornsteinfeger kam nicht. viertel nach neun rief ich mein verlagsteam an, dass ich unmöglich pünktlich sein könne – der handwerker habe mich versetzt.
ich hasse es, warten gelassen zu werden. ich werde wütend, wenn andere meine zeit verschwenden. ich konnte es nicht ändern und wartete bis 9uhr40. immer noch kein schornsteinfeger. als ich endlich auf dem weg in die redaktion die treppe runterfegte, war der schornsteinfeger-ankündigungszettel weg, lag vor der wohnung der vermieter. die hatten ihn also abgemacht. war der böse schwarze mann doch dagewesen? hatte er mich vergessen? war er unverrichteter dinge wieder gegangen, ohne mir bescheid zu sagen?
ich klingelte, wollte beim vermieter nachfragen. keiner macht auf. keiner da. ich war sauer. der ganze aufwand vergeblich, und dann auch noch zu spät im für mich so wichtigen job. den zettel nahm ich mit.
am abend rief ich den schornsteinfeger an. fragte nach. da erzählt der mir, dass der zettel gar nicht für mich bestimmt war. sondern nur für den hausbesitzer. mein ofen sei ja schon seit jahren stillgelegt, den müsse er nicht mehr kontrollieren. der kollege sei schon kurz nach acht bei uns im haus gewesen. er war jedoch nicht angewiesen gewesen, sich bei mir zu melden. schließlich gab es in meiner wohnung für ihn nichts zu tun. nur beim hausbesitzer. ich hätte also gar nicht zu hause sein müssen. der schornsteinfeger entschuldigte sich vielmals. dieses missverständnis war ihm sehr unangenehm.
da hatte also mein schikanöser herrgottsvermieter den für ihn bestimmten terminzettel einfach mir hingehängt, ohne drüber nachzudenken. er hatte es auch nicht nötig, mich kurz zu informieren, als klar wurde, dass sich der termin für mich erübrigt hatte. statt dessen hängte er den zettel einfach wortlos wieder ab. ich war gar nicht betroffen und hätte wie sonst auch um halb neun das haus verlassen und rechtzeitig arbeiten können.
tags drauf sprach ich ihn darauf an, dass ich das nicht in ordnung fand und dass er zumindest hätte bescheid sagen können – wenn er es schon nicht schafft, sich zu vergewissern, ob seine termine auch für mich gelten und sie mir einfach weiterreicht.
da war der mann so sehr beleidigt, man stelle sich das mal vor. der ärmste ist ein arroganter choleriker, schon von geburt an. der kann nix dafür, dass er so ist. er kommandiert halt gerne andere umeinander und ist niemals verantwortlich für seine fehler. schuld sind immer die anderen. vorzugsweise seine böse mieterin.
er kriegte also schnappatmung und blaffte mich an, mit mir könne man ja sowieso nicht reden und schließlich hätte ich ihn ja anrufen müssen. er hätte das doch nicht gewusst, dass der schorsteinfeger nicht zu mir wollte. er wusste es nicht. aber obwohl es sein job gewesen wäre, das herauszufinden, hat er mir den zettel trotzdem einfach so hingehängt.
das sollte ich mir mal umgekehrt erlauben: dem vermieter termine aufdrücken, die gar nicht für ihn bestimmt sind. dass er derjenige war, der den zettel nicht nur unnötig bei mir aufgehängt, sondern ihn auch noch stumm wieder abgehängt hatte – ohne wenigstens kurz mit mir zu reden, dass es sich erledigt hatte .... vermietergötter dürfen das.
früher hätte ich darauf erst mal einen cognac getrunken, um mich von der palme wieder runterzuholen.
das geht schon lange nicht mehr. solcherlei situationen sind für mich eine große belastung. ich muss es irgendwie aushalten und knirsche mit den zähnen.
auch in diesem jahr hatte das büro für besondere maßnahmen im außenbereich wieder mehrere wespennester.
die letzte wespe 2011
im laufe der jahre habe ich mich daran gewöhnt, die wohnung nicht nur mit der katze, sondern auch mit allerlei anderen - nicht persönlich von mir eingeladenen - lebewesen zu teilen. schließlich bin ich hier auf dem lande.
was die wespen angeht, so kann ich inzwischen mehrere arten auf den ersten blick unterscheiden.
die feldwespen installieren ihre papierleichten kugelnester gerne unter der schrägen abdeckung meiner dachfenster. das erlaube ich ihnen bei den fenstern, die ich nur selten öffne: das zweite badezimmerfenster zum beispiel und das oberlicht im treppenhaus.
für alle anderen dachfenster habe ich einen rigiden wespennester-baustopp verhängt, den ich bei beginn der nest-bautätigkeiten im frühjahr persönlich aufs strengste überwache: schließlich will ich das büro für besondere maßnahmen lüften können, ohne von wespen gestochen zu werden.
jeder noch so kleinste ansatz von nestneubau wird daher sofort wieder entfernt, bis die wespen aufgeben. das ist ein heiterer wettkampf, der sich über wochen hinzieht: ich muss täglich alle fenster kontrollieren!
neu in diesem jahr war eine kolonie von wespen, die es sich außen am kühleren nordbalkon hinter der verkleidung des rolladenkastens gemütlich gemacht hatte. es waren hunderte! mit dem ergebnis, dass ich dort den sommer nicht ein einziges mal gewagt habe, das fenster von außen zu putzen.
wegen des langen sommers und des milden herbstes hier im markgräflerland hatten die balkonwespen ihr nest sehr lange in betrieb. als es kühler wurde, kamen sie zu dutzenden in die wohnung, klüngelten schläfrig und fast unbeweglich grüppchenweise in irgendwelchen ecken und lagen schließlich tot auf dem teppich. hunderte.
gestern beim staubsaugen fand ich die - hoffentlich! - letzte wespenleiche.
meine wespen sind zum glück ziemlich friedlich – zumindest mir gegenüber. gestochen hat mich dieses jahr nur eine. es war irgendwann anfang oktober, alle schon müde. ich saß bei offener balkontüre am schreibtisch, sie konnte kaum noch fliegen, krabbelte desorientiert auf dem teppich herum, mir über den nackten fuß und hinauf unter das hosenbein. ich bewegte mich, ZACK!
der stich vorne auf dem rist in knöchelhöhe hatte es in sich. ich entwickelte eine allergische reaktion. der ganze fuß schwoll so dick an, dass ich nicht mehr in die schuhe passte. nur noch in flipflops. der ganze fuß tat weh. heftiges brennen und jucken sowieso. die stichstelle wurde rot und innen hart. der knöchel war kaum zu bewegen.
inzwischen ist alles wieder gut. der fuß geheilt, das große wespennest verlassen.
fürs kommende jahr muss ich mir etwas neues überlegen. nicht auszudenken, wenn die nächste wespe näher am herzen sticht oder gar im gesicht. wenn ich auch da allergisch reagiere, ist damit nicht zu spaßen.
der hiesige wespenbeauftragte sagte zwar, dass die wespen nicht zurückkommen würden, weil sie nicht zweimal am selben ort ein nest bauen. ich bin jedoch nicht sicher, ob die balkonwespen das auch wissen und sich an die meinung des wespenexperten halten werden.
die feldwespen kommen schließlich auch jedes jahr zurück an „ihre“ dachfenster.
hier in meiner südwestdeutschen wahlheimat fallen mir jedes jahr im sommer die vielen geranien auf den balkonen und vor den fenstern ins auge. egal, ob ich in meinem kleinen winzerdorf oder sonstewo unterwegs bin.
gasse in burkheim am kaiserstuhl
nicht, dass ich in meiner westdeutschen jugend oder später in berlin keine geranien gekannt hätte. mein auge freut sich immer sehr über die bunten farbtupfer im deutschgrauen einerlei.
aber ständig habe ich die stimme eines längst verflossenen verliebten im ohr, der einmal sagte: „geranien sind spießig. geh blooß nicht nach süddeutschland. da hängen tonnenweise geranien von den balkonen!“
also freut sich mein auge ein bißchen weniger. leider. denn eigentlich sind ja nicht die blumen spießig, sondern die menschen, die hinter diesen blumenkästen leben. angeblich. und mit spießigen leuten will ich lieber nichts zu tun haben. da bin ich wie mein alter freund.
aber meinen südwesten mag ich doch. die – meist – freundlichen bewohner mag ich auch. sie wehren sich gegen kernkraftwerke und gegen laute eisenbahnstrecken. da sind wir einer meinung.
im grunde mag ich auch geranien. ich hätte sogar selbst welche, wenn sie denn auf meinem schattenbalkon gedeihen würden. alles habe ich versucht, aber es ist zwecklos: das vorgezogene dach und der große blauglockenbaum vor dem südfenster lassen im sommer kaum licht durch. ich sehe hier eine pflanze nach der anderen eingehen. nicht einmal nachtschattengewächse wollen hier gedeihen.
„geranien stinken wie nasse türklinken. kauf die blooß nicht!“ hatte der berliner freund mir meine balkonbepflanzung madig gemacht. ehrlich gesagt, ich weiß bis heute nicht, wie nasse türklinken stinken. damals habe ich trotzdem ein paar geranien gekauft. weil sie fast von alleine wachsen und so schön bunt sind. außerdem schützen sie mit ihrem geruch meine wohnung vor mücken - und damit vor allem mich!
aber spießig wollte ich deswegen nicht geschimpft werden. wer will das schon? nicht mal spießer wollen das. aber lässt man deswegen seine geranien vertrocknen? keineswegs. die können doch nichts dafür!
statt dessen frage ich mich, woran mein freund die gesinnung der leute im winter erkennen will, wenn die geranien von den balkonen verschwunden sind.
ein rentnergarten ist – wie das wort schon sagt – das gegenteil vom kindergarten. wo kinder wachsen, lebendig laut und bunt sind und sich täglich entwickeln, sind ältere leute eher ruhig in sich zurückgezogen, bewegen sich nicht mehr so viel und bevorzugen gedeckte farben.
Buchs im Rentnergarten
wenn kinder in ihren garten gehen, dann wollen sie herumtollen und barfuß über taufrisches gras hüpfen. sie wollen wilde bienen sehen und torkelnde schmetterlinge an kunterbunten blumen.
den älteren leuten ist so viel aufruhr zu viel. das macht arbeit. deswegen gibt es im rentnergarten keine wiesen mehr und keine bunten blumen. und erst recht kein unkraut!
pflegeleicht soll es sein, das seniorenbeet, das ganze jahr über adrett anzusehen ohne dramatische veränderungen.
seit ein paar jahren schon beobachte ich diese entwicklung. immer mehr gärten und vorgärten werden zu steinwüsten, sparsam bepflanzt mit immergrünem buchs, mit zypressen und falschen lebensbäumen. alles pflanzen, die diese bezeichnung kaum verdienen, weil sie sich nur unmerklich verändern.
thuja, buxbaum, efeu - gehören meiner meinung nach höchstens auf den friedhof (bloß bitte auf keinen fall auf mein grab, falls ich da mal lande). mögen vielleicht ältere menschen diese gewächse genau deswegen? wegen des grufti-looks? weil sie öfter auf den friedhof gehen als junge leute? weil mit den jahren immer mehr verwandte, freunde und bekannte schon für immer dorthin gezogen sind?
mag ja sein. dass manche menschen sich aber schon zu lebzeiten die friedhofsoptik in den eigenen vorgarten holen, wird mir immer fremd bleiben. brauchen sie es wirklich so nahe vor augen, dass ihre tage gezählt sind, dass der countdown schon läuft?
natürlich würden sie sich das niemals eingestehen. das neue gartendesign hat allein praktische gründe, sagt der rentnergärtner dann trotzig mit vorgeschobener unterlippe. außerdem heißt das im gartenfachmann-fachjargon natürlich nicht rentnergarten, sondern marketing-speak neumodisch "steingarten im toskana-stil".
schon klar. spitzkantiger grauer schotter, buxbaumkugeln und säulenzypressen waren schon immer die erkennungszeichen der toskanafraktion, wussten Sie das nicht?!
"Toskana" im Markgräflerland
ich hatte da zwar andere toskanatypische klischees im kopf - wie brunello di montalcino, den pittoresken ponte vecchio oder uralte knorrige olivenbäume - aber man lernt ja nie aus. auch eine freie radikale kann und will nicht alles wissen.
toscana feeling durch mediterranes design, das klingt weltmännisch, weitgereist und wohlhabend. das ist dolce far niente und macht was her! aber nicht nur den nachbarn beeindrucken und neidisch machen soll der rentnergarten, er soll auch pflegeleicht sein. so steht es in den hochglanzprospekten der rentnergartenprofis.
pflegeleicht ist eines meiner alltime-bestgehassten wörter. das kommt in einer reihe mit bügelfrei, praktisch und zeitsparend. gleichbedeutend mit stil- und lieblos, unachtsam und scheintot.
das allertoskanatypischste am rentnergarten ist wohl die tatsache, dass dort noch nicht einmal mehr unkraut wächst. schluss mit dem wildwuchs, sturm und drang ist kindergartenkram! ein dickes vlies liegt als grasverhüterli zwischen erdreich und schotterschicht. da wächst garantiert nichts durch. die faden stoffbahnen werden sorgsam mit steinen bedeckt, bis sie unsichtbar sind. soll keiner sagen können, dass das unordentlich aussieht!
irgendwie kann ich das ja noch nachvollziehen, diese unkrautphobie. unkrautjäten ist das bügeln des gartens. grauslige pflicht – wenn man denn meint, es tun zu müssen. körperlich anstrengend ist es obendrein, in gebückter haltung oder knieend im beet unwillkommenes grünzeug samt wurzeln aus dem boden zu rupfen. das ist beschwerlich, nicht erst im alter – aber dann erst recht. unkrautfreie beete sind wie bügelfreie hemden: es gibt sie nicht wirklich. wer daran glaubt, macht sich selbst etwas vor.
zurück zum rentnergarten: auch das büro für besondere maßnahmen hat neuerdings ein stückchen pseudo-toscana am haus. sehr sauber. sehr ordentlich. sehr steril. sehr leblos.
weil das für die hausleute praktisch ist. es ist so dermaßen praktisch, dass man jetzt auf dem balkon im ersten stock keine blumenkästen mehr bepflanzen darf, weil sonst die herabfallenden geranienblütenblätter auf den schönen grauen steinen landen und letztere unschön bunt verfärben könnten.
da bin ich jetzt aber echt froh. geranien konnte ich noch nie leiden, dieses spießige gewächs!
„Wer abbiegen will, muß dies rechtzeitig und deutlich ankündigen; dabei sind die Fahrtrichtungsanzeiger zu benutzen“ - und zwar, bis sicher ist, dass andere verkehrsteilnehmerInnen das vor dem eigenen abbiegen bemerken konnten. so steht es in der deutschen straßenverkehrsordnung, StVO § 9, die für alle verkehrsteilnehmerInnen verbindlich ist.
„fahrtrichtungsanzeiger“ im sinne der deutschen straßenverkehrsordnung sind - beim auto - im allgemeinen diese kleinen gelben lämpchen: vorne und hinten, rechts und links. im volksmund auch „blinker“ genannt.
diese blinkelämpchen sind im grunde ganz einfach und unkompliziert in betrieb zu setzen: vorne in der nähe des lenkrads gibt es dafür nette hebelchen, die ganz leicht erreichbar und ohne verrenkungen zu bedienen sind.
in deutschland gibt es elektrisch blinkende fahrtrichtungsanzeiger am auto immerhin seit den 50er jahren – also seit mehr als einem halbem jahrhundert. davor wurde das abbiegen halbautomatisch angezeigt mit mechanischen ‚winkern‘ und noch früher mit metallschildchen, die während der fahrt von hand betrieben wurden.
im grunde also lange genug, um sich damit anzufreunden und an deren gebrauch zu gewöhnen.
worauf ich hinaus will?! ich bin genervt, weil gefühlte 69 % der autofahrerInnen gar nicht zu wissen scheinen, dass sie so was am auto haben. mein gefühl trügt mich natürlich. in echt sind es nur ein gutes drittel (studie des Auto Club Europa ACE von 2008), die gar nicht blinken oder falsch oder zu spät.
woran liegt‘s?! das ist ja nicht neu. früher, als ich noch in berlin (west, später einig) lebte, war meine theorie, dass die DDR aus reiner perfidie in ihren grenzübergangsanlagen blinkerzerstörsender eingebaut hatte, so dass die innerstädtisch an vielen autos nicht mehr funktionierten.
seitdem ich auf dem land lebe in BRD südwest, weiß ich, dass es nicht nur daran gelegen haben kann. denn auch die landbevölkerung liebt (und/oder kennt) ihren blinkerhebel nicht.
leider kann ich nicht in die köpfe hinter den lenkrädern blicken. denken sie „blinken VOR dem abbiegen? wozu?! ich weiß doch, wo ich hin will!“ oder „wo ich hin will, das geht euch alle gar nichts an. das zeige ich nicht – wozu haben wir datenschutz?!“ oder haben sich die sparsamen schwaben, die meist feist und selbstzufrieden in ihren sterngekrönten karossen sitzen, blinkerfreie sonderanfertigungen bauen lassen, weil die billiger sind?
allenfalls wird nach dem abbiegen geblinkt: als ob sie einen an der nase herumführen wollten oder einen lästigen verfolger abschütteln: „ätschbätsch ich bin abgebogen und du hast es gar nicht gemerkt!“
ja. ich bin genervt. weil das meine zeit kostet und doppelte aufmerksamkeit verlangt im ohnehin oft unübersichtlichen verkehrsgewusel.
genau so genervt bin ich von den kerlen, die mir testosterongesteuert an der stoßstange kleben – bloß weil ich mich an die erlaubte höchstgeschwindigkeit halte. sicherheitsabstand?! halber tacho?! das ist doch nur was für fahranfänger! ich muss mich dann immer sehr zusammenreißen, nicht vor lauter schreck eine sofortige vollbremsung hinzulegen.
vor vielen jahren war ich einmal sehr liebevoll befreundet mit einem taxifahrer. der hatte voll die ruhe weg und sagte „es gibt überhaupt keinen grund, ungeduldig zu werden und zu drängeln, bloß weil vor mir jemand langsamer ist und nicht so schnell fährt, wie ich das möchte.“ eben.
trotzdem verzichte ich in den mit blendlicht genötigten augenblicken (in denen dann seltsamerweise auch deren überholspurblinker wieder funktioniert) auf die schreckbremse - aus gründen der kognitiven disziplin. schließlich wäre dann ich diejenige, deren auto platt gefahren wird.
das eigene auto platt gefahren kriegen, das ist schon schlimm genug, wenn eine nicht drin sitzt. so wie es mir hier im dorf vor ein paar jahren passierte:
brav parkte mein auto vor dem haus, während ich mit dem fahrrad unterwegs war. nichtsahnend kam ich zurück, da war das hinterteil von meinem alten, aber zuverlässigen golf nur noch schrott. kein täter weit und breit, nicht mal eine nachricht unterm scheibenwischer.
als ich ins haus kam, lauerte mir der vermieter auf und teilte mir mit, ich solle nicht erschrecken mit dem auto, das sei nur der ehemalige dorfmetzger gewesen; dem sei in der kurve oberhalb von meinem parkplatz der anhänger von der kupplung gesprungen (weil er es wohl eilig und den hänger nicht sorgfältig genug befestigt hatte) und rückwärts den berg runter auf mein auto gerollt.
aha.
ich könne doch froh sein, dass ich nicht dringesessen sei und überhaupt noch schlimmer wäre es gewesen, wenn das auto andersrum gestanden wäre, dann wäre der motorblock kaputt. und noch noch schlimmer wäre es gewesen, wenn da menschen oder gar kinder gestanden hätten und totgerollt worden wären von dem anhänger. aber so sei es ja nur der kofferraum, das auto könne ja noch fahren und das bräuchte man nicht der polizei melden. sagte der vermieter.
ich war sehr genervt und sehr wütend, weil ich den ganzen ärger an der backe hatte mit der versicherung vom ehemaligen dorfsmetzger, während selbiger sich feist und selbstzufrieden in seinen fernsehsessel fläzte und sich von seinem schreck erholte.
mein gut gepflegter golf war ein wirtschaftlicher totalschaden, die metzgersversicherung zahlte nur den restwert – und das war weit weniger als ein gleichwertiges gebrauchtes auto kostete. es war sehr lästig und zeitaufwändig, einen angemessenen ersatz zu finden.
der ehemalige dorfsmetzger übrigens hat sich nicht ein einziges mal bei mir gemeldet. geschweige denn für den angerichteten schaden entschuldigt.
so sind sie hier auf dem lande. sehr verkehrsungezogen.
im gegenteil. erst neulich hat er mit ein paar kumpels aus dem dorf eine neue combo gegründet. sie nennen sich ungefähr „die letzten raketen“. aus datenschutzrechtlichen gründen möchte ich hier den genauen namen nicht nennen.
da die jungs aber outstanding kreativ sind, wundert es mich nicht, dass ihre band entstand, nachdem im vergangenen jahr ein gleichnamiger film über eine seniorenbänd mit jan josef liefers in allen programmen der ard rauf und runter lief. ein sehr schöner, heiterer und aufmüpfiger film, übrigens. was ich von der hausbesitzermusik nicht sagen kann.
es wird also weiterhin regelmäßig geübt in der beletage. täglich ländliches rumtata, gerne stundenlang bodenständiger viervierteltakt. der vermieter ist anfang sechzig. andere rentner sind in dem alter alt-68er. ich bleibe friedlich. sie haben mir seit mehr als sechs jahren die miete nicht erhöht.
die veränderung im haus ist anderer art.
es begann schon im sommer. als ich von der reha zurück kam, war der lebensgefährte von vermieters töchterlein (wohnung parterre) ausgezogen. gut, dachte ich mir: wenn der alte (liebhaber) nicht geht, kann der neue nicht kommen. altes chinesisches sprichwort. schon im frühsommer hatte ich sie mit einem anderen mann hand in hand durch die reben schlendern sehen.
nicht dass ihr denkt, das liebesleben der winzerdorfbewohnerInnen würde mich sonderlich interessieren. aber selbst die fortschrittlichste freie radikale wird wunderlich, wenn sie so lange in einem so ehrenwerten haus lebt.
der alte war also weg. im dezember dann wurde mir von der vermieterin eröffnet, dass es einen umzug geben würde. also einen weiteren aus- und einen einzug. sie drückt sich gerne etwas umständlich aus. so hat nun töchterlein vor zwei wochen ihr hotel mama verlassen und ist zu dem neuen gezogen. weltbewegende 140 km weit fort in die fremde ferne.
töchterlein ist ungefähr mitte dreißig. mama hat abschiedsschmerz. ich bin da leidenschaftslos aber ein bißchen froh, weil meine wohnung nicht mehr täglich bebt, wenn töchterlein das haus bevölkert.
schluss mit treppenabsatzklappern mit großem getöse, interfamiliärer kommunikation über die stockwerke gebrüllt und türenknallen auf dem weg zur arbeit morgens um halb acht. das ist seit mehr als sechs jahren meine aufwachzeit. ich werde nun einen wecker kaufen müssen.
jetzt ist sie also weg. da die alte gegangen ist, kann der neue (mieter) kommen. der neue – so viel hat die hausfrau mir schon verraten – ist ein junger (also jünger als sie) auswärts berufstätiger mann, der vorraussichtlich (= vermieterspeak für hoffentlich) nur am wochenende im haus sein wird.
„außerdem sind die eltern aus dem dorf, die kennen wir schon seit jahrzehnten. da hoffen wir mal, dass das gut geht.“ aha. der arme kerl. voll unter elterlicher und vermieterlicher kontrolle. mir schwant, das scheint ihnen wichtig zu sein, nachdem sie meine eltern immer noch nicht kennen und auch ich mich nicht sonderlich gut kontrollieren lasse.
damit der neue auch tatsächlich kommen will, wird die wohnung im erdgeschoss vorher renoviert. das passiert derzeit. weil die vermieter ordentliche deutsche sind, wird auch nur mit ordentlicher farbe gepinselt: die supergiftige mit dem totenkopf auf dem etikett. weil die länger hält. oder bessere ergebnisse bringt. was weiß denn ich.
farbtöpfe und aller anderer „renovierkram“ stehen auf meiner ‚absolutely-no-like-liste‘. die dämpfe sind mir zu heftig. machen kopfschmerzen, übelkeit und schwindelfegühl. die vermieter hingegen scheinen nicht nur mit den ohren taub zu sein, sondern auch in der nase. gnadenlos und tagelang stehen sie glücklich grinsend im farbmief als wären sie sniffer auf tüte.
vielleicht brauchen sie den ätherischen chemokick, um das eigene gedudel besser ertragen zu können. damit nicht gleich wieder alles verfliegt, verzichten sie darauf, fenster und balkontür zu öffnen. statt dessen wird ausgiebig ins treppenhaus gelüftet.
weil dünste aus physikalischen gründen gerne mal noch oben verfliegen, landen sie alle bei mir unterm dach. meine wohnungstür ist nicht dicht – kurz: ich habe derzeit ein olfaktorisches gleichgewichtsproblem.
im vergleich zu dem, was mir sonst so schlaflose nächte macht, ist das eine geradezu harmlose ablenkung.
um nicht völlig in der winterdepression zu versinken, bemühe ich mich, jeden tag mindestens eine halbe stunde vor die tür zu gehen. in die weinberge. das kostet kein geld. das ist wichtig.
das schwierige ist nicht das spazierengehen. ich laufe sehr gerne. das schwierige ist die einsamkeit. wenn eine den ganzen tag allein ist, sich selbst zum gedankengang allein vor die tür schickt, alleine draußen durch die reben stapft und auch beim nachhausekommen niemandem erzählen kann, was sie gesehen hat, was sie gedacht hat – das ist .... folter.
ich stecke mir den mp3 ins ohr. ich höre musik oder ein buch. es bleibt einsam. rebstockreihe auf und rebstockreihe ab kullern die tränen. all die jahre schon.
das andere schwierige ist die eintönigkeit, reihe um reihe. das gleichförmige, das im winter umso deutlicher wird, wenn auch das letzte bißchen grün vom schnee verschluckt wird, alles nur noch schwarz und weiß scheint: landwirtschaftliche einöde. in alle richtungen.
da stehen sie in reih und glied, die rebstöcke. gezüchtet auf höchsten ertrag, beste klimatauglichkeit. neuerdings werden neue rebenreihen mit größerem abstand gepflanzt. weil immer weniger von hand geerntet wird. nicht mehr menschen mit eimern und kleine weinbergs-trecker müssen durchpassen, sondern große laute weinbeerengefräßige erntemaschinen.
ich stapfe durch die reben. manchmal schnüre ich wie eine katze meine spuren auf eine imaginäre perlenkette. das immergleiche auf und ab langweilt mich. die reben wachsen an langen drähten. ausrutscher nach rechts oder links sind nicht vorgesehen. trotzdem fällt es mir schwer, ganz gerade linien zu laufen. die gleichförmige landschaft fessselt nicht meinen geist, erlaubt den gedanken das wandern.
aus den rebstockreihen im immer gleichen abstand werden linien im immergleichen abstand. der weiße schnee wird zu weißem papier. nicht meine schuhe hinterlassen spuren, sondern ich sehe meine hand die linien füllen, mit tinte. lustig hüpfende, schnörkelige buchstabenreihen. auch beim schreiben fällt es mir schwer, eine gerade linie zu verfolgen.
plötzlich sehe ich mich wieder in der schule, fünfte oder sechste klasse. die strenge deutschlehrerin. sie hatte immer etwas zu mäkeln, immer etwas zu kritisieren. weder meine aufsätze noch meine diktate waren ihr gut genug.
sie hielt an strengen vorgaben und formalien fest, die exakt zu kopieren ich nicht in der lage war. sie war eine sehr deutsche deutschlehrerin.
einmal hat sie mich vor der ganzen klasse runtergeputzt. weil ich meinen text nicht genau auf den linien geschrieben hatte. sie fauchte, dass sie es ja noch verstehen könne, wenn die schrift nicht immer genau an der linie bleibt und man die feder manchmal ein bißchen höher ansetzt. wie es aber sein könne, dass ich mit dem füller "ständig" unter die linie rutsche, das sei ihr völlig unverständlich.
wir sehen: schon als kind war ich nicht linientreu.
nachdem wir das geklärt hätten, wird mir der nächste rebengang leichter fallen.
seit vielen wolkenschneenebeltagen lünkert heute zum ersten mal die sonne wieder auf meinen b-berg. also schnell raus aus der hütte! sind das nun große oder kleine sonnenstrahlen, die mich in der nase kitzeln?
wo die sonnenstrahlenkinder im winter schlafen, wurde ich gefragt? wenn gar keine weinbeeren mehr an den reben sind? und auch kein anderes obst in den gärten reift?
ich habe es ganz lange selbst nicht gewusst: im herbst wurden alle weinbeeren abgeerntet, und plötzlich waren alle sonnenstrahlenkinder verschwunden. ich habe keines mehr gesehen. nirgendwo! erst heute, am zweiten weihnachtstag, bin ich darauf gekommen:
ich bin ihnen wieder begegnet, den sonnenstrahlenkindern. in den weinbergen, wo sie sich um die kahlen kalten winzerdrähte gekringelt haben und von einem zum anderen gehüpft sind! im winter bleiben die sonnenstrahlenkinder die meiste zeit zu hause, haben sie mir erzählt.
ihr zuhause ist ja die sonne, und dort ist es schön hell und warm und kuschelig. von so viel sonnenmutterliebe werden auch die allerklitzkleinsten sonnenstrahlenbabies ein ganzes stück größer, damit sie im nächsten jahr mit auf die erde können.
das ist wichtig, denn im winter schaffen es sowieso nur die ganz großen erwachsenen und allerlängsten sonnenstrahlen bis zu uns auf die erde.
das kommt, weil die erde zwei hälften hat. eine obere hälfte, da wohnen wir. und eine untere hälfte, da wohnen andere leute. am äquator sind die beiden hälften zusammengewachsen. das ist gut so, weil dann können sie sich immer gegenseitig schwung geben, wenn eine mal ein bißchen schlapp macht.
schließlich müssen sie sich die ganze zeit umeinander drehen, damit wir tag und nacht haben. wenn wir nicht tag und nacht hätten, könntest du niemals bei vollmond über deinen eigenen schatten springen. so ist das.
wenn der sommer also schön warm und sonnig war, dann sagt unsere obere erdhälfte: „puh ist mir heiß! ich schwitze ja schon. jetzt reicht es für ein weilchen! ich ziehe mich zurück und will es mal ein bißchen kühler haben.“ - zack! und dreht sich von der sonne weg.
dann wird es bei uns kälter und wir kriegen winter, weil der abstand von der sonne zur erde so groß geworden ist, dass nur noch die allerallerdicksten großen sonnenstrahlen den langen langen weg von der sonne bis in unsere weinberge schaffen. und das auch nicht jeden tag.
da wollen sie die kleinen sonnenstrählchen lieber nicht dabei haben aus angst, dass sie es nicht bis zur erde schaffen. sie wissen ja auch nicht, wann sie wiederkommen, um ihre sonnenstrahlenkinder notfalls wieder abzuholen.
das kann ja mal ein paar tage dauern. wegen der vielen winterwolken. das wäre dumm, falls die sonnenstrahlenkinder an den winzerdrähten hängen, vor lauter glück ein mittagsschläfchen halten und womöglich den rückweg verpassen.
deswegen schickt die sonne die sonnenstrahlenkinder in unserer winterzeit lieber auf die untere hälfte der erde. weil die dann näher an der sonne ist und besser zu erreichen. da wird es dann der erde untenrum schön sommerlich warm! das ist gut, denn die leute auf der unteren hälfte mögen ja auch gerne reife weinbeeren essen. oder kiwi.
wenn unsere obere erdhälfte sich genug abgekühlt hat und ihr vor lauter eis und schnee schon selbst ganz schnatterkalt ist, dann tauschen die zwei wieder: die untere hälfte geht sich abkühlen, und die obere rückt näher an die sonne ran, um sich aufzuwärmen. wir nennen das frühling, und unsere tage werden wieder länger und heller.
dann kommen auch die sonnenstrahlenkinder wieder öfter mit auf unsere obere erdhälfte und lassen neue weinbeeren vor lauter glück und wärme kugelrund und süß werden! und anderes obst natürlich auch.
es gibt so tage, da könnte ich zwitschern vor freude. da passieren in meinem prekären leben dinge, von denen ich nicht mal mehr zu träumen wage. aber plötzlich sind sie echt und wahr.
amsel
neulich vor einem monat zum beispiel. da bekam das kleine alte auto nach vielen reparaturen gegen teuer geld eine neue TÜV-plakette. gegen sehr teuer geld, das ich im grund gar nicht besitze – und doch irgendwie aufgetrieben habe, weil mir das kleine alte auto so wichtig ist. es ist schwarz.
wenn es im vergangenen jahr eine doppelte abwrackprämie gegeben hätte für autos, die doppelt so alt sind: ich hätte sie vielleicht doch genommen. so aber habe ich diesen schrottwahnsinn nicht mitgemacht. das wäre mir zu billig gewesen. für nur zweieinhalbtausend ocken hätte ich mein kleines schwarzes nicht hergegeben.
die neue TÜV-plakette war gerade mal drei tage alt, da krachte unterm auto der auspuff ab. großer schreck! und große angst, jetzt noch mehr teure reparatur bezahlen zu müssen.
mein büro liegt ein bißchen am berg, die autowerkstatt ist weiter unten im dorf. wenn das auto mal nicht anspringt, kann ich einfach runterrollen. notfalls macht der werkstattmann auch hausbesuche. das ist ein echter schatz.
der werkstattschatz machte große augen, als er den weggebrochenen auspuff an der letzten schelle hängen sah. es war ihm wohl auch peinlich, dass sowohl er als auch der TÜV-man die marode stelle übersehen hatten.
nahm er also das auto sofort auf seine halbautomatische hebebühne, besah den schaden, diagnostizierte, dass er das mal eben schweißen könne und schickte mich auf einen spaziergang in die reben.
als ich nach einer knappen stunde zurück kam, saß der auspuff wieder gerade und hatte die schönste verstärkte und kunsthandwerklich verzierte schweiss- und lötnaht von allen. an der stelle geht der auspuff sicher nie wieder kaputt.
kosten der reparatur? „nix. das schenk ich dir.“ jetzt hat das kleine alte auto einen eingebauten talisman mit schutzengel. ich bin entzückt. meine innere finanzministerin ist es auch.
da war ich glückskind vor einem monat, und in dieser woche schon wieder:
auch der klapprechner, auf dem ich die besonderen maßnahmen produziere, ist nicht mehr der jüngste. er ist zwar noch nicht so alt wie das kleine schwarze auto, aber auch schon seit 2003 auf dem markt. kleiner als der große graue kasten davor. und schwarz.
im grunde tut der klapperrechner ganz zuverlässig, was ich will; hat ein starkes 2giga-herz und für meine zwecke ausreichend graue speicherzellen. vor gut zweieinhalb jahren habe ich ihn gebraucht gekauft bei einem rentner in einem der schönen nachbardörfer.
seit einer ganzen weile aber hat das kleine schwarze notebook eine ziemlich lästige eigenart: es geht bei der arbeit einfach aus. ohne vorwarnung. mittendrin. zack! bildschirm schwarz. digitale schlafkrankheit.
wenn ich‘s danach wieder hochfahre, erscheint eine horrormeldung, weiß auf schwarzem bildschirm: ‚bad RTC battery‘. großer schreck, immer wieder!
mit bösen BIOS-batterien habe ich keine erfahrung. immer wieder habe ich den rechner einfach durch mehrfaches ein- und ausschalten ans laufen gekriegt. datum und uhrzeit wieder neu eingestellt. tutto va bene bis zum nächsten mal.
es blieb die angst, dass mein kleines schwarzes notizbuch irgendwann mausetot bleiben könnte nach so einem absturz. und dass trotz bester datensynchronisierung auf externer festplatte die schönsten maßnahmen verloren gehen könnten.
angst auch, weil computerreparatur ja teuer ist, neues notebook gleichzeitig mit neuer TÜV-plakette sowieso jenseits meines prekären budgets. da habe ich ganz schüchtern den notebook-man im anderen dorf kontaktiert, ob er wohl eine idee habe, woran das liegt und ob man da was machen könne.
prompte email zurück „Bitte bringen Sie das Notebook zu mir. Ich werde es Ihnen reparieren. Es ist nur eine Kleinigkeit.“
als ich das laptop hinbrachte und nach den reparaturkosten fragte, sagte er „das kostet fast nichts.“
als ich das laptop wieder abholte und nach den reparaturkosten fragte, sagte er: „das kostet nichts.“
es war nur eine lötstelle. nebenbei hat der notebookschatz innen und außen alles geputzt, hat katzenhaare und kekskrümel entfernt und sogar die pfeilnachoben-taste repariert, die ich immer mit tesafilm gefixed hatte.
nun hat auch das kleine schwarze notebook einen eingebauten talisman mit schutzengel. ich bin entzückt. meine innere finanzministerin ist es auch.
er wollte wirklich gar kein geld. den mitgebrachten rotwein feinherb aus der winzergenossenschaft gegenüber und das stück blütenkäse aus dem bioladen hingegen nahm er gerne. ich war sehr gerührt.
ich bin sehr gerührt. so viel glückskind!
das es menschen gibt, die nicht nur das geld sehen, die andere werte leben.
das ist gut.
das tut gut.
das stärkt mein herz!
[wer hätte je gedacht, dass ich mal ein loblied auf – wenn auch ausgewählte – männer schreiben würde?! das ist die besonderste maßnahme von allen.]
das tal versinkt im herbstnebel, mein büro ist heute völlig aussichtslos. nicht mal mehr die kirche ist noch im dorf.
was bin ich da froh, dass ich - gestern erst! – mir den luxus einer sonnigen kaffeehaussitzung gegönnt habe. für viele menschen ist das nichts besonderes, die machen das jeden tag. früher war das bei mir nicht anders. die lebensumstände haben sich geändert.
wenn eine am prekären rand der gesellschaft lebt, will jedes ‚die wohnung verlassen‘ sehr gut überlegt und geplant sein, denn es ist (fast) immer mit ‚geld ausgeben‘ verbunden: „wenn ich heute da und da hinfahre, reicht das benzin im tank dann in der kommenden woche noch für den arztbesuch in der stadt?“
ich hasse diese erbsenzählergedanken, aber ich muss sie mir machen. auf dem land sind die wege weit, ich habe nicht immer die kraft, alles mit dem fahrrad zu erledigen.
[.... genau an dieser stelle muss ich beim ‚schreiben im nebel‘ jetzt sehr sehr aufpassen, dass mir nicht nur jämmerliche gedanken und „esistallessoanstrengendleerundlieblosinmeinemleben“-sätze in die tastatur wollen. das ist schrecklich! vier mal schon habe ich neu angefangen mit meinem heutigen text]
also noch mal von vorne:
gestern war ein milder sonniger herbsttag. ich war mit dem rad in der großen stadt zu einem arzttermin. frühmorgens losgeradelt bei temperaturen knapp über null (auf den autoscheiben war noch frost), eingepackt in handschuhe, schal und mütze, konnte ich am mittag ohne jacke draußen bei fast 20 grad in der sonne sitzen. wonne!
kaffeehaussitzungen sind für mich selten geworden. ich tue dann so, als wäre ich im urlaub, nehme mein notizbuch und schreibe auf, was ich sehe, was ich denke.... nix literarisches, eher geschriebene skizzen. so, wie andere leute fotografieren oder bilder malen.
das 'schreiben in cafés' begleitet mich seit mehr als dreißig jahren. immer, wenn ich alleine unterwegs bin. viele meiner tagebücher sind an kaffeehaustischen entstanden. wenn ich das heute noch einmal lese, erinnere ich mich an die schönen aussichten von damals. und an das strahlende lächeln charmanter kellner, die mir den milchkaffee servierten, als wäre es der hauptgewinn im lotto.
wenn ich mit begleitung im café sitze, dann gucke ich gern leute und lästere übers volk. das hat mir mein arzt verordnet. ich soll auf keinen fall immer nur probleme wälzen und psychologisieren. „Das ist Gift für die Seele! Setzen Sie sich mit der besten Freundin auf einen Ausflugsdampfer, ziehen sie über die anderen Passagiere her und machen sich einen lustigen Nachmittag!“ das hat der gesagt. damals, in berlin.
ohne begleitung ist das schwer möglich: ich bin zu schüchtern, um laute selbstgespräche zu führen. also schreibe ich alles auf. das ist sehr erholsam für mein herz, ein kurzes ausruhen vom kargen leben im prekariat. tiefes aufatmen von der oft schwierigen organisation des alltags.
kaffeehaussitzungen zählen zu den besonderen maßnahmen. ich versuche, mir das so oft wie möglich zu schenken: der kleine luxus eines milchkaffees auf der sonnenseite gehört zu meinen lebensnotwendigkeiten. auch wenn die aussichten nicht mehr so schön sind und das lächeln der kellner gerade noch für einen trostpreis reicht.
es hat ein bißchen was von schlaraffenland. ich gehe im dorf spazieren oder bin mit dem rad unterwegs im markgräflerland. immer wieder sehe ich da unterwegs ein tischlein-deck-dich - am straßenrand, an der hausecke, vor einer gartenmauer ....
weinbeeren: gutedel
je nach jahreszeit frisch bestückt mit allem, was der private garten gerade so hergibt – und was die gärtnerin im augenblick selbst nicht verwerten kann.
jetzt im herbst sind das weinbeeren, kürbisse, äpfel, nüsse. im frühjahr spargel, erdbeeren oder kirschen. blumen der saison aus dem bauerngarten. im sommer gemüse und kräuter, frisch gekochte marmeladen und gelees, manchmal in abenteuerlichen kombinationen wie zum beispiel birne-rosmarin.
früchte und gemüse: markgräflerland
immer liegt eine preisliste dabei. oder es kleben kleine schilder auf der ware. eine kasse steht auf dem tisch, manchmal eine kaffeedose mit schlitz im deckel oder ein sparschwein. kein mensch weit und breit. das bißchen, was der garten übrig hat, reicht nicht für einen eigenen laden, geschweige denn für den verkauf irgendwo anders.
die ernte teilen: herbst 2010
die dorfbewohner teilen ihre ernte mit den nachbarn. wie ich das liebe! ich nehme, was mir gerade in den speiseplan passt, freue mich riesig über frische ware, zudem meist noch bio – und zähle mein kleingeld passend ab.
dieses vertrauen rührt mich so sehr an, dass ich es mit dem herzen kaum fassen kann. und nie, aber auch wirklich niemals käme ich auf die idee, an einem solchen ort die zeche zu prellen.
offiziell bin ich hier in einer gegend mit absolut guter reiner frischer luft, meistens vom meer her. die klinik ist bekannt für ihre lungenheilabteilung mit bester sauerstoff-therapie.
heiligendamm: seebrücke und grandhotel
seit gestern stinkt es allüberall nach frischer gülle, im ort und um den ort herum: im klinikgarten, in der klinik selbst und auch in meinem zimmer. es stinkt nach frischer gülle im kurwald und auf der kurwiese und auf der strandpromenade und trotz stürmischen winds stinkt die brühe von den feldern ringsum sogar bis auf die seebrücke hinaus.
der geruch will mir gar nicht mehr aus der nase. das ist echt eklig. ich bitte um eine große portion mitleid. für mich. aber auch und vor allem für die gäste des grandhotels, die trotz eines preises ab 300 euro für ein zimmer mit seeblick diesen duft der großen weiten welt nicht einfach abschalten können.
vier stück. in jedem dachfenster eines. wespennester. kleben von außen unter der abdeckung der fensterrahmen. seit wochen schon. ungefähr zehn zentimeter im durchmesser. pro stück zwei bis drei dutzend wespen. oder mehr.
nestbau: gallische feldwespen
womöglich schon seit jahren, jedes jahr wieder - und ich habe sie erst dieses jahr entdeckt. zumindest eines war schon im vergangenen jahr da. das eine am großen bürofenster. das mit der schönen aussicht.
entdeckt habe ich die tierchen, als im spätsommer die schwarzen larven aus den waben rutschten, bei geöffnetem fenster auf mein sofa glitschten und doofe schwarze flecken hinterließen. zuerst dachte ich, da scheißt mir was in die wohnung. aber niemand hat mich beschissen.
das waren wespenlarven. weil das nest nicht waagerecht gebaut ist, sondern schräg über kopf. komisch, dass die wespen das nicht wissen. man baut doch kein nest mit larvenrutsche.
bei mir jedenfalls purzelten ihre larven auf den teppich. erst fand ich's eklig. dann habe ich mich informiert. nicht gefräßige deutsche wespen siedeln an meiner hütte, sondern zierliche gallische feldwespen. die sind geradezu friedfertig unanggressiv und sehr nützlich. jedenfalls stechen sie fast gar nicht. sind also harmlos.
danach fand ich meine zahlreichen schwarzgelben mitbewohnerinnen eher spannend: alles, was sich um die moskitos in meiner nähe kümmert, ist mir willkommen.
in diesem jahr habe ich das erste nest entdeckt, als ich während der beginnenden hitzewelle ein großes nasses tuch von außen auf das dachfenster gelegt habe. das mache ich jeden sommer. für die verdunstungskühle. das hilft mir, in der wohnung nicht allzu sehr zu schwitzen. sonnig warme südwestseite, die mit der schönen aussicht.
als ich etwas ungelenk mit dem großen schweren handtuch hantierte, haben sie sich wohl gestört gefühlt. eine von allen hat mich gestochen. es war weniger schlimm als ein mückenstich, tausend mal harmloser als ein bremsenbiss.
erst hatte ich angst. dann habe ich mich noch einmal schlau gemacht. habe überlegt, das nest entfernen zu lassen. wespen stehen unter naturschutz. kann ich nicht selbst machen. da muss ein wespenbeauftragter her. ist allein auch zu gefährlich. ein wespenbeauftragter kostet geld. geld habe ich nicht so viel.
hin und her habe ich überlegt. eine freundin sagte „das musst du nicht selbst zahlen. ist vermietersache. das nest ist da schließlich, weil die baulichen gegebenheiten das möglich machen.“
ich habe weiter hin und her überlegt. den vermieter informieren? der schert sich einen dreck um naturschutz, streicht nur mit totenkopfgiftiger farbe, fährt ein benzinverbrauchsintensives auto. er gehört zur goldenen generation: kurz nach dem krieg geboren, ein leben lang nur aufschwung erlebt, von der lehre bis zur rente im selben betrieb – er kann es sich leisten, unseren planeten zu verprassen.
die armen wespen. hätte ich dem vermieter davon erzählt, der wäre gleich mit der giftspritze gekommen, hätte alle nester effektiv und gnadenlos ausgeräuchert: mich, meine wohnung und die katze wahrscheinlich gleich mit.
ich konnte mich nicht entscheiden. da die wespen wirklich nicht aggressiv sind und sich im grunde für nichts interessieren außer ihren nestbau, habe ich sie erst mal geduldet.
so nach und nach entdeckte ich an allen anderen schrägen dachfenstern je eine weitere dieser akkuraten architektonischen naturschönheiten, gebaut von gallischen feldwespen.
ich gewöhnte mich daran. so leben wir nun schon seit mehreren wochen als hausgemeinschaft. vier wespennester und ich. erstens bin ich sowieso nur noch bis ende des monats hier. wenn ich dann zurück komme im september, ist die wespenflugsaison quasi vorbei. kein grund zur panik.
kein drama also, die wespen und ich. bis gestern abend eines der nester sich löste und mir fast auf den kopf fiel: am fenster im bad, direkt über dem klo. da saß ich.
wenn so ein nest abstürzt, sind drei dutzend wespen irritiert. dann stechen sie natürlich doch, weil sie angst haben um ihre brut: die arbeit eines ganzen sommers dahin, das lebenswerk von dreißig wespen zerstört.
also doch ein kleiner grund zur panik, aber ich hatte glück. das nest fiel mir nicht auf den kopf, sondern blieb hängen am fenstergriff. da hing es dann. direkt über mir. drei dutzend irritierte wespen.
ich wusste nicht, wie ich dieses noch bewohnte und bestens bewachte wespennest an einen absturzsicheren platz hätte bugsieren können, ohne selbst zerstochen zu werden.
nicht einmal das fenster hätte ich schließen können, ohne einen wespenaufruhr zu riskieren. das lose wespennest hätte jederzeit - auch ohne weitere erschütterung - vollends abstürzen können.
niemals in meinem leben hatte ich angst, dass der himmel mir auf den kopf fallen könnte. aber vor bewohnten wespennestern habe ich respekt. ich wäre sicher nicht daran gestorben. aber ich hatte angst.
da habe ich es getan. ich habe die giftspritzdose geholt und gut zwei dutzend französische feldwespen ermordet. es war vorsorgliche notwehr. es tat mir unendlich leid. das verlassene nest habe ich später in die dachrinne geschubst. es war ganz leicht.
nun sehe ich immer wieder wespen, die ganz ratlos umherfliegen an dieser stelle am badezimmerfenster über dem klo, wo bis gestern ihr arbeitsplatz war. ich bin zerknirscht. ich habe alle leichen um verzeihung gebeten. alle überlebenden auch.
jetzt habe ich nur noch drei wespennester. ich werde versuchen, bis zur abreise die fenster nicht allzu oft zu öffnen.