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Januar 2021

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Montag, 16. September 2013

gezähmt

- rosenworte zum montag - 

vor ungefähr einem jahr erhielt ich ein kleines geldgeschenk von einer leserin* in der wunderbaren absicht, dass ich nicht nur über steine, sondern auch über schöne momente stolpern möge.

nun, ich habe die summe noch im herbst in einen rosenstock, beste erde und einen schönen terracotta-kübel investiert, eine immergrüne alchemilla dazu kombiniert und das ganze über den winter auf meinem balkon ruhen lassen, gut eingepackt.

die duftende Veronique B.** von Guillot

im frühjahr wurde ausgepackt, regelmäßig angesehen, schädlinge entfernt, pilze gebannt, wegen später fröste noch einmal eingepackt, später erneut ausgewickelt, mit rosenpflaster verarztet, geschnitten und drei mal täglich auf dem halbschattigen balkon hin und her geschoben, damit sie immer in der sonne steht.

mehr als vierzig blüten hat die schöne Veronika mir im lauf des sommers geschenkt. sogar jetzt noch treibt sie neue knospen. gerade so, als ob sie mir vor dem winter eine ganz besondere freude machen wollte.

die blüten machen sich bestens in der vase, der ganze raum ein rosenaroma. über diese duftigen momente stolpere ich gerne!

um es mit dem kleinen prinzen zu sagen: ich habe diese rose gezähmt, habe sie mir vertraut gemacht, und nun bin ich für sie verantwortlich.

"C’est le temps que tu as perdu pour ta rose 
qui fait ta rose si importante." ***


*
großer rosendank an WY. ich freue mich täglich!

**
benannt wurde die rose nach der schweizer schmuckdesignerin Véronique Brandon, die in bemerkenswerter unabhängigkeit kreativ ist.

***
"Die Zeit, die du an deine Rose verloren hast, sie macht deine Rose so wertvoll." - sprach der fuchs zum kleinen prinzen, im 21. kapitel. den französischen originaltext von Antoine de Saint-Exupéry, übrigens, gibt es hier als kostenloses ebook.


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Donnerstag, 5. September 2013

dos 14

im leben einer alkoholikerin ist der erste nüchterne tag sehr wichtig, erst recht, wenn er in ein lange zeit alkoholfreies leben führen soll. im allgemeinen weiß eine das erst hinterher, für WIE lange. bei mir werden es heute vierzehn jahre.

archivbild: leicht verkatert, aber genußfreudig
 (*, **)

manche nennen diesen tag ihren „zweiten geburtstag“. für mich passt das nicht, denn ich bin nicht ein zweites mal geboren. ich war vorher nicht tot und auch nicht lebensunfähig. mein geburtstag bleibt mein geburtstag, das war eine einmalige angelegenheit.

ich nenne diesen jahrestag heute meinen „dry day“. gestern vor 14 jahren habe ich wissentlich und willentlich die letzten alkoholhaltigen getränke zu mir genommen, in bester gesellschaft und zu einem phantastisch leckeren essen: einen feinen brut d'alsce, den heiteren sancerre. einen soliden hennessy zum schluss. lecker war's. adieu.

dass ich nie wieder damit angefangen habe, trotz bisweilen ziemlich widriger lebensumstände, dazu muss ich mir mal kurz selbst auf die schulter klopfen.

ich habe damals aufgehört, weil ich mir im spiegel wieder grade in die augen sehen können wollte.
meiner würde wegen.
weil ich so manches so satt hatte.
dass ich mich nicht mehr auf mich selbst verlassen konnte, zum beispiel.

aber es scheint, als sei mein leben auf eine schiefe bahn geraten. just in dem augenblick, als ich beschloss, straight & sober zu sein, um endlich mich und mein leben zu retten.

als ich noch alkohol trank,
war ich beruflich erfolgreich, hatte ich eine sichere wohnung, einen schönen mann, ein eigenes auto.
ich war körperlich fit, habe viel gelacht, und das leben war leichter.

jetzt trinke ich keinen alkohol mehr,
bin schon lange nicht mehr beruflich erfolgreich,
und habe satte 20 kg zugelegt.
die wohnung ist nicht mehr sicher, auch nicht mein 'zuhause',
der schöne mann längst fort,
das auto .... naja. wenn es denn die bezeichnung noch verdient - wird nächste woche 20.

mir ging es noch nie so schlecht in meinem leben - gesundheitlich, finanziell, seelisch, menschlich – wie im letzten jahrzehnt. ich habe keine ahnung und auch nicht mehr viel hoffnung, dass und wie das jemals wieder besser werden soll. von 'gut' wage ich schon gar nicht mehr zu sprechen.

ohne es zu wollen, bin ich in diesen 14 jahren ohne alkohol eine dicke, einsame, mittellose und verbissene alte geworden. eine richtig schlechte partie. manchmal weiß ich wirklich nicht, wozu ich überhaupt noch auf- oder die nächsten fünf minuten überstehen soll.

nur die würde, die mir aus dem alkoholfreien leben erwächst, die habe ich mir bewahren können. auch wenn das jobcenter seit jahren alles ihm mögliche veranstaltet, um mir auch das noch zu nehmen.

meine würde ist ein verdammt trocken brot.


*
ich löffle ein eis. und ich trage diesen schicken weißen taxifahrer-handschuh, weil ich im sommer eine sonnenallergie an den händen habe ....

**
das copyright für dieses foto gehört ausnahmsweise mal nicht mir, sondern jemandem, den ich grade nicht um erlaubnis fragen kann. hey CR, falls dich das bild hier nervt, just tell me.
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Mittwoch, 3. Juli 2013

lebenszeichen

es ist wichtig, ganz genau und konkret zu sagen, was man sich wünscht. bestellungen ans universum sollten möglichst positiv und detailliert ausformuliert sein. zusätzlich versetze dich gedanklich und spirituell in die gewünschte situation hinein, gerade so als ob der wunsch bereits in erfüllung gegangen sei.


also nicht „ich will stark, schön, schlau & glücklich sein“ sondern „ich bin stark, schön, schlau & glücklich“. sonst bleibt die bestellung beim 'ich will' hängen, und das hilft uns nicht weiter.

das ist wichtig, damit der kosmische kellner weiß, was er servieren soll, wenn er im team mit der kosmischen weisheit und dem kosmischen terminplaner die bestellungen bearbeitet, die unsereins so ans universum schickt.

ungefähr das ist vorige woche passiert: als ich so tat, als ob ich dieses kleine rote buch noch hätte, das vor mehr als dreißig jahren im 'verlag kleine schritte' erschienen ist – 'Lebenszeichen' von Brigitte Heidebrecht – und fast fehlerfrei aus der erinnerung ein gedicht daraus zitierte.

wenige tage später erhielt ich einen wattierten briefumschlag vom universum via medimops. das kleine rote buch lag darin. für mich. wie aufmerksam! und wie schnell!

es sieht dem, das ich damals hatte, sehr ähnlich: leichter altersgilb im innern, außen der für mich typische kaffeetassenrand (ich kann doch keine heiße tasse einfach so ohne unterlage auf die tischplatte stellen).

ein lieferschein lag nicht dabei, auch kein gruß von der auftraggeberin. deswegen gehe ich davon aus, dass das kosmische dreigestirn da ganze arbeit geleistet hat. danke schön, liebes universum! ich habe mich sehr darüber gefreut.

noch mehr aber täte ich mich freuen, wenn ich wüsste, in welche richtung ich meinen dank konkret denken und senden darf. vielleicht mag diejenige ja ein kurzes lebenszeichen von sich geben?

bis dahin und für alle andern hier noch ein weiteres lieblings-lebenszeichen-fundstück – zum merken und immer wieder aufsagen, zum murmeln wie ein mantra oder zum abschreiben und an die wand pinnen:
Jetzt
Die Nacht hat sich ausgeweint
und einem blauen Himmel
Platz gemacht.
Dies ist ein Tag
der nach Aufbruch riecht.

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Mittwoch, 1. Mai 2013

kalte raucherin

innerhalb von sieben jahren, so sagt man, habe sich jede zelle des körpers einmal erneuert. statistisch gesehen, versteht sich. manche öfter, manche seltener. in jungen jahren schneller, im alter langsamer.

im kopf wahrscheinlich seltener, denn mein gehirn kann mich sehr gut an dinge erinnern, die länger als sieben jahre zurückliegen.

Wasserwelt mit guter Luft (Rheinfall bei Schaffhausen)



wie auch immer: ab heute hat keine einzige zelle meines körpers jemals mit von mir selbst inhaliertem nikotin zu tun gehabt. statistisch gesehen, versteht sich.

mein gehirn kann mich nämlich noch sehr genau daran erinnern, wie das war, damals …

die ersten zigaretten rauchte ich mit siebzehn. nicht, weil ich das schick fand oder gar appetitlich. neinnein, ganz im gegenteil. der vater rauchte ja auch, und das stank mir ganz gewaltig. schon seit kinderzeiten.

die ersten zigaretten rauchte ich, um zu üben. man stelle sich das vor. damit ich bei den joints mit den männern nicht immer so husten musste, denn das war mir peinlich. das war mädchen!

die wenigen versuche mit hasch gab ich jedoch nach kurzer zeit wieder auf. THC war eindeutig nicht meine droge: sie machte mich stoned. im wahrsten sinne des wortes: sobald die wirkung einsetzte, saß ich unbeweglich in der ecke, konnte mich nicht mehr rühren, konnte auch nicht reden und war schwer wie ein stein.

mag sein, andere haben das genossen. ich nicht. mir war auch nicht nach lachen zumute. statt dessen wurde mir oft übel. außerdem konnte ich die wirkung nicht kontrollieren: weder wann es anfing, noch wie stark es war, noch wie lange es dauerte. das war mir unheimlich.

vom kiff versteinert war ich mir und dem drumherum wehrlos ausgeliefert. das ging nicht. zumal dieser zustand bisweilen von anwesenden herren durchaus ausgenutzt wurde. zum glück kann ich mich nicht an alle erinnern.

nur einmal, weiß ich noch, da hatte ich echt spaß. das war 1982, auf ko samui am strand, in der bambushütte mit dem palmendach. wir hatten grüne kekse gegessen. sehr lecker. die wirkung setzte sehr spät ein und sehr heftig. den mann, der dabei war, mochte ich sehr.

als er mich verließ, ließ ich den shit und wandte mich verstärkt dem alkohol zu. das hatte ich damals besser unter kontrolle in menge und wirkung.

die zigaretten aber blieben, an die hatte ich mich gewöhnt, und sie sollten mich fast drei jahrzehnte lang begleiten. mo jour, ganz dame von welt: lässig am tresen lehnend, in der einen hand das glas mit drink nach wahl, in der anderen hand die zigarette, geistreich plaudernd, charmant und unschlagbar unnahbar.

mit dem drink nach wahl, das hat nach meinem entzug im herbst 1999 auch ohne alkohol funktioniert. die „wasserwelt“ im berliner hansaviertel am tiergarten wurde damals zu einer meiner lieblingsbars. man servierte die leckersten alkoholfreien getränke der stadt. welch ein genuss!

orte wie die wasserwelt halfen mir in den anfängen meiner abstinenz, nicht dem traurigen gefühl von verzicht zu erliegen und rückfällig zu werden.

heutzutage aber taugt die phantasie der rauchenden, trinkenden kultur- & musik-journalistin und polyglotten weltreisenden nicht mehr zur coolen selbstinszenierung. denn an vielen tresen der welt ist inzwischen rauchverbot. wenn die protagonistin zum qualmen vor die tür muss, stirbt die illusion.

was bin ich da froh, dass ich mit dem nikotin rechtzeitig aufgehört habe. vor sieben jahren nämlich, am 30. april 2006, rauchte ich meine letzte zigarette.

nach dem ersten rauchfreien jahr, so heißt es, gilt eine ehemalige raucherin dann als nichtraucherin. diese bezeichnung finde ich nicht zutreffend und irreführend.

nichtraucherInnen haben nach meinem verständnis niemals im leben geraucht, niemals angefangen. ein paar probezichten vielleicht, aber das sollte es dann gewesen sein.

wer nikotinsüchtig ist und aufhört, hat meist einen ordentlichen entzug, der ziemlich lange dauern kann und den gesamten stoffwechsel betrifft.

für mich war es viel schwieriger „die erste zigarette stecken zu lassen“ als „das erste glas stehen zu lassen“. porca miseria*, was hat mich das nikotin gezickt!

mittlerweile habe ich nur noch ganz ganz selten das bedürfnis nach einer zigarette. dann horche in mich hinein und stelle fest, dass es meist etwas ganz anderes ist, das mir in dem augenblick gerade fehlt. etwas, das mit nikotin überhaupt nichts zu tun hat.

pause machen zum beispiel. mit den händen und mit dem kopf nichts tun, das fällt mir immer noch ganz schwer, wenn ich dabei nicht einem blauen dunst mit lustigen rauchringen hinterhersehen kann.

es soll ja menschen geben, denen macht so ein nikotinentzug überhaupt nix aus. die hören auf und gut is. bei mir war das anders. ich habe wirklich gelitten.

aber ich habe durchgehalten. mit kognitiver disziplin, ganz ganz viel geduld und sehr viel schokolade. dazu gummibärchen in krankenhausmengen. was hilft, hat recht.

heute bezeichne ich mich - analog zur „trockenen alkoholkerin“ als „kalte raucherin“. das bringt für mich angemessen zum ausdruck, welch eine enorme anstrengung und leistung es sein kann, etwas NICHT zu tun. erst recht, wenn eine danach süchtig ist. dass mir das bis heute gelingt, darauf bin ich stolz.

als im sommer 2008 in den meisten kneipen bundesweit ein rauchverbot eingeführt wurde, war ich dankbar. lecker essen gehen ohne nikotinschwaden. das fand ich sogar als noch-raucherin sehr unappetitlich. da war ich paradox.

in nordrhein-westfalen tritt heute ein noch viel umfassenderes rauchverbot in kraft, das ebenso streng ist wie in bayern. das finde ich gut. das wünsche ich mir für baden-württemberg auch. wer sich vergiften möchte, möge das bitte bei sich zu hause tun und nicht noch andere da mit hineinziehen.

dass ich das rauchen (und trinken) nicht erst noch aufhören muss, dass ich den entzug hinter mir habe - darüber bin ich sehr erleichtert. das ist eine hart erkämpfte erfolgsgeschichte in meinem leben.


*ps.
tolle und kostenlose unterstützung fürs rauchfrei werden gibt es übrigens bei der BundesZentrale für gesundheitliche Aufklärung in Köln.

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Montag, 18. März 2013

ich bin heldin

endlich einmal eine gute nachricht! 

große freude, dankbarkeit und stolz waren meine reaktionen auf die nachricht, dass ich von der verlegerin Renate Blaes  zur heldin ernannt worden bin. sie hat in ihrem blog eine wunderbare laudatio über mich geschrieben. beim lesen bin ich fast kein bißchen rot geworden. das kann und will ich nicht unkommentiert in den unendlichen weiten des internets verloren gehen lassen!

Die 3-fach lächelnde Heldin: Linzertorte

seit mehr als zwei wochen drehe und wende ich eine antwort in meinem kopf, die mehr ist als ein simples "dankeschön".

an dieser stelle halte ich ein interview mit mir selbst für angemessen. drei fragen an eine heldin ....


1) wie es für dich, heldin genannt zu werden?
erst einmal ist das total ungewohnt. wenn meine mutter mich früher so nannte, dann war das garantiert ironisch und sehr abwertend gemeint. als erstes gucke ich also an mir herunter und frage mich „was habe ich jetzt schon wieder falsch gemacht?“ - als ich dann aber die laudatio gelesen habe, und die ist so liebevoll, da war ich ganz gerührt und habe versucht, diese anerkennung vorsichtig anzunehmen und ganz langsam zu lutschen wie ein honigbonbon.
mittlerweile freue ich mich einfach, dass da jemand ist, die zu würdigen weiß, wie anstrengend das leben sein kann und welche kraft es braucht, das leben bei lebendigem leibe auszuhalten, ohne betäubungsmittel, ohne wieder in süchtiges verhalten abzugleiten - und mir das auch sagt. dafür bin ich sehr dankbar!
dann sagt sie es ja nicht nur mir, sondern ganz öffentlich der ganzen welt. da musste ich auch erst einmal tief luft holen. aber es ist tatsächlich ein starkes stück, nicht rückfällig zu werden weder mit alkohol noch mit nikotin, trotz all der katastrophen in meinem leben. ich bin stolz darauf, dass mir das gelingt, und dankbar für die anerkennung.

2) ganz allgemein, wie würdest du den begriff der heldin definieren?
eine heldin - das ist für mich eine, die authentisch ihren eigenen weg geht. eine, die sich ihren eigenen lebens-sinn stiftet bzw. stiften muss, weil das, was die gesellschaft an sinn und zweck für sie bereithält, ihrem persönlichen sein nicht entspricht. die es sich nicht leicht macht und auch eher unbequeme wege geht - die es aber gleichzeitig auch aushält, für andere unbequem zu sein. dafür braucht eine frau große innere stärke und sehr viel mut. heldin sein bedeutet: ein hohes maß an ethischer verantwortung übernehmen.

heldin sein ist für eine frau ja noch eher ungewöhnlich. historisch gesehen ist der begriff des helden den männern vorbehalten. männer haben schlachten gewonnen und drachen getötet - und wurden für ihre heldentaten mit einer prinzessin belohnt.

frauen kämpfen im allgemeinen nicht auf kriegsschlachtfeldern. unsere heldinnentaten sind andere.
die gesellschaft geht stillschweigend davon aus, dass frauen ihre alltagsdrachen erledigen, ohne großes lob zu erwarten und erst recht keinen prinzen als belohnung. frauen sind - auch heute noch - viel zu selten der rede wert. gerade in der deutschen sprache können bzw. müssen wir ein lied davon singen, und das heißt nicht 'lobet den herrn'.
eine heldin ist nicht nur, wer sich selbstlos aufopfert für andere, wer zur märtyrerin wird. das ist schon fast leicht, weil es überall, wie automatisch, sehr viel anerkennung findet. „nächstenliebe“ bringt eine menge honigbonbons fürs ego, und ist damit in unserer christlich geprägten gesellschaft eine der wenigen erlaubten formen von weiblicher selbstliebe. frauen dürfen als heldin nicht egoistisch sein, dürfen nicht auch für eigene ziele kämpfen. das ist ein ziemlich verdrehtes, moralinsaures idealbild, das für echte heldinnen nicht taugt, weil es frauen in ihrer entwicklung behindert.

für den heldischen mann hingegen ist es völlig selbstverständlich, dass er mit seinen heldentaten auch egoistische ziele verfolgt: er kämpft für mehr persönliche macht, für mehr persönlichen reichtum, für größeren einfluss, für ein höheres einkommen - und alle finden das legitim. aber wehe, eine frau gibt zu, dass sie für die verbesserung ihrer persönlichen materiellen situation kämpft. dann gilt sie als selbstsüchtige, gewissenlose intrigantin - aber keineswegs als heldin! dann ist sie nicht mehr prinzessin, sondern hexe.

heldin zu sein, das bedeutet für mich vor allem, gemäß meiner möglichkeiten meine potentiale voll zu entfalten und für eigene ethische ziele zu kämpfen. widerstand kommt da gar nicht mal immer nur (aber oft) von männern, sondern leider auch von frauen, die es nicht ertragen, wenn eine aus dem krabbenkorb entkommen und besser sein will als die anderen - weil sie es eben kann.

frauen müssen heutzutage an so vielen fronten stark sein, dass das töten von drachen dagegen wie ein kindergartenspiel für kleine jungs aussieht. wir sollen stets perfekt sein als frau, liebhaberin, ehefrau, freundin, mutter, tochter, angestellte, chefin, kollegin, freischaffende, haushälterin, putzfrau, pflegerin - all das am besten gleichzeitig und noch dazu schlank und makellos dem aktuellen schönheitsideal entsprechend, dass es in meinen augen schon eine heldinnentat ist, diesen unmenschlichen druck im alltag unbeschadet und in würde zu überstehen, ohne sich selbst oder andere zu verletzen, ohne den enormen druck auf andere abzulassen. wer da abends noch den eigenen namen kennt und weiß, wer sie ist - ohne sich verbogen zu haben - die ist heldin.

ganz und gar, mit jeder zelle authentisch zu sein (bzw. erst einmal zu werden und dann zu bleiben) ist die grundvoraussetzung einer heldin. weil schon allein diese haltung auf andere abstrahlt und sie ermuntert und ermutigt, nicht aufzugeben. das gelingt mir nicht immer. aber ich gebe mir mühe. wenn ich dann ab und zu noch energie habe, diese kraft auch für andere einzusetzen, bin ich super-heldin.

3) in welchen lebensbereichen fühlst du dich als heldin?
als alkoholikerin bin ich seit bald 14 jahren abstinent. angesichts meiner oft schwierigen lebensumstände, die sich in dieser zeit nicht verbessert, sondern sehr konkret sehr verschlechtert haben, bin ich da meine eigene heldin.
darüber hinaus bin ich seit mehr als 10 jahren aktiv in der sucht- und rückfallprophylaxe. unter meinem echten namen. ich fürchte, das hat sehr dazu beigetragen, dass ich beruflich keinen fuß mehr in irgendeine tür bekommen habe, dass man mir nichts mehr zutraut. das stigma der "versoffenen schlampe" ist groß - auch wenn ich die niemals war. vorurteile sind hartnäckig, die sanktionen frauen gegenüber sind immer noch härter als bei männern. ich habe damals einfach nicht damit gerechnet, dass es mir nachteile bringt, wenn ich mit meiner überwundenen sucht offen umgehe als kompetente fachfrau in eigener sache. es ist erschreckend, wie ignorant und rückständig manche menschen in dieser hinsicht immer noch sind.

heldin sein bedeutet nicht nur, stark und irgendwie "besser" zu sein als andere - sondern auch rückschläge einzustecken, missgunst zu ertragen und gegenwind auszuhalten. das ist vielleicht das schwierigste daran. weil mich das schon im „echten“ leben sehr viel kraft kostet, bin ich in diesem weblog immer noch anonym. die anonymität ist ein schutz, der - so seltsam das klingt - meiner inneren heldin die existenz erleichtert.

falls ihr weitere fragen habt, könnt ihr mir die unten in den kommentaren stellen. ich werde dann darüber nachdenken und gerne noch das eine oder andere beantworten.


ps.
der tag der heldinnen am 8. und 9. märz 2013 war kein offizieller, sondern als werbewirksamer hinweis aufs eigene programm proklamiert vom TV-sender sixx, dem „frauenfernsehen“ aus dem hause prosiebensat1.

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Sonntag, 26. August 2012

probezeiten

wunder no. 10

nicht nur die probezeit der katze habe ich vor kurzem erfolgreich bestanden und abgeschlossen (sie hat beschlossen, bei mir zu bleiben), sondern auch die ersten sechs monate auf meiner halben zeitarbeitsstelle im verlag habe ich bärinnenstark hinter mich gebracht.

Dolceaqua - Brücke über die Nervia
das war schon anfang mai, als ich aus meinen italienischen zeiten zurückkam. ich war sehr froh, dass ich als redaktionsaushilfe so lange durchgehalten hatte, dass meine kündigungsfrist nun nicht mehr nur zwei, sondern sogar vier wochen betrug.

so viel sicherheit hatte ich fast noch nie zuvor in meinem leben! wir erinnern uns: zu beginn meiner zeitarbeitskarriere im dezember des vergangenen jahres war die kündigungsfrist genau einen tag lang, vierundzwanzig stunden!

immer um zwei monate war mein einsatz verlängert worden, dreimal insgesamt, zum schluss bis ende juli. auch davon erfuhr ich im mai, allerdings mit bitterem beigeschmack. es hatte mir zwar keiner konkret gesagt, aber ich spürte es doch: diese verlängerung war die letzte. die erkrankte kollegin war längst genesen und hatte - unter anderem mit meiner unterstützung - alle rückstände aufgearbeitet. ob meine zeitarbeitsfirma mich danach noch woanders hätte unterbringen können, ist fraglich.

von wegen übernahmeoption! war das doch nur die lockende karotte gewesen, die die zeitarbeitsfirma mir die ganze zeit vor die nase gehalten hatte? mit der in den medien ständig geworben wird? die meist unhaltbare versprechung, dass zeitarbeit wirklich nur 'auf zeit' ist? und ich eselin war brav hinterhergetrottet?!

ja.
und nein.

ja, weil es in der bisherigen abteilung für mich definitiv nicht weiterging.

nein, weil genau zur selben zeit in einer anderen abteilung im haus eine stelle als redaktionsassistenz neu ausgeschrieben wurde: teilzeit, unbefristet. meine große chance!

nach rücksprache mit dem alten team habe ich mich beworben, wurde eingeladen zum vorstellungsgespräch, später ein kennenlernkaffee mit den neuen kollegInnen - und wurde genommen! nicht zuletzt, weil ich bereits im haus gearbeitet hatte und mir vieles bereits vertraut ist; weil die vorgesetzten untereinander geredet haben, was zu bereden war.

als halb-interne quereinsteigerin aus der zeitarbeit hatte ich den entscheidenden vorsprung. für diese chance bin ich allen beteiligten unendlich dankbar!

ich war - einmal im leben! - zur richtigen zeit am richtigen ort! plötzlich ging alles ganz leicht, und deswegen hat nun für mich an anderer stelle eine neue probezeit gerade erst begonnen:

auch wenn ich im selben betrieb bin, so ist in der neuen redaktion doch sehr vieles neu für mich: die inhalte, das team, der umgangston. es ist fast so, als ob ich nun in einer anderen firma arbeite - aber eben nicht ganz.

endlich habe ich auch einen eigenen festen arbeitsplatz (in mehrfacher hinsicht) - und wandere nicht länger von einem schreibtisch zum anderen - wo immer gerade platz ist, weil jemand urlaub macht oder krank ist. statt dessen gibt es sogar ein schild an 'meiner' großraumbürotür, auf dem - alphabetisch eingeordnet - mein name zwischen den anderen steht. ich bin jetzt mittendrin.

leider sind auch hier im 'reichen südwesten' die einstiegslöhne erheblich gesunken. ich verdiene nur noch ein bruchteil von dem, was mir 'früher' im 'armen nordosten' mal gezahlt wurde. deswegen kann ich auf ergänzendes arbeitslosengeld im augenblick noch nicht verzichten. immerhin ist mein gehalt ein bißchen mehr als in der zeitarbeit. das amt kann sich also freuen. ich werde billiger. es fehlt nicht mehr viel.

meine zwanzig stunden wochenarbeitszeit darf ich auf vier tage legen, welch ein luxus! nach einer solchen stelle habe ich mehr als zehn jahre gesucht: eine, die zwar nicht so ganz 'meins' ist - aber einigermaßen erträglich, vielleicht sogar hin und wieder spannend, die mir die basics finanziert, eine durchaus anspruchsvolle herausforderung - aber weder mich noch meine gesundheit überfordert.

sogar meine ärztin hat mir gratuliert. auch sie ist der meinung, dass ich jetzt erst einmal alle kraft auf die erfolgreiche einarbeitung legen und mich nicht zusätzlich belasten sollte (das amt und der vermieter sehen das leider nicht so. aber davon ein andermal - heute ist party!).

das wichtigste ist jetzt, dass ich das halbe jahr probezeit gut bestehe und auch tatsächlich in den unbefristeten vertrag übernommen werde.

es sieht ganz danach aus, als hätte ich einen arbeitsplatz gefunden, an dem ich bleiben kann.
und will.
und soll!

ein wunder!
eine brücke über den reißenden fluß!

damit ist von meinen vielen, mich so unendlich belastenden lebensbaustellen wenigstens bei einer alles bestmöglich auf den weg gebracht und - so hoffe ich - ein heiteres geradeaus in sicht.
ich werde jedenfalls von meiner seite alles dafür tun.


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Donnerstag, 29. Dezember 2011

countdown

weniger als 100 stunden sind noch geblieben von 2011. es gilt, sie sinn- und liebevoll zu verbringen. ich habe da so diverse rituale, mit denen ich 'das alte jahr aufräume'.

jahresendrose 2011

eines davon: ich zähle meine rosen und lasse ihnen eine letzte aufmerksamkeit an-gedeihen. in diesem jahr habe ich mich von einigen getrennt, weil sie sich in den kübeln auf dem garagendach nicht mehr so recht wohlfühlten. sieben dornenfeen sind mir geblieben, schön und duftig, mit allem rosenrecht.

eine meiner sieben lieben trägt meinen namen und kam auf den markt im selben jahr, als ich von berlin hierher in den rosenwarmen südwesten der republik zog. die 'mo jour-rose' (in echt heißt sie natürlich ein kleines bißchen anders) hat das ganze jahr hindurch geblüht und tut es in diesem winter wundersamerweise immer noch. so lange dieses rosarosenrot so stark und so gesund ist, geht es mir im grunde gut und werde ich immer da wohnen bleiben, wo ich möchte. da bin ich mir sicher!

jahresendritual nummer 2: ich 'sortiere mein leben'. dazu schaue ich mir die tagebücher und notizen des zu ende gehenden jahres noch einmal an, ordne alles schön der reihe nach und packe es in die kiste zum rest meiner vergangenheit. ausatmen. loslassen.

nummer drei ist sehr persönlich: am silvesterabend lege ich die tarotkarten für den jahreszyklus. ich schaue mir an, was das nächste jahr bringt – und packe sie wieder weg und vergesse alles …. bis ich die karten zum nächsten silvester wieder hervorhole und nachschaue, ob's gestimmt hat.

ganz wichtig nummer 4 des kleeblatts: danke sagen! allen menschen und dingen und erfahrungen und träumen und gedanken und gefühlen, die mir begegnet sind und mein leben um ein weiteres jahr bereichert haben. danke!

ich gebe zu, dass mir das nicht immer leicht fällt. besonders in diesem jahr zwanzigelf war ich entsetzlich oft mit 'überleben' beschäftigt, weniger mit 'leben'. es gab und gibt eine menge ärger, auf den ich gerne verzichtet hätte.

[und NEIN! es ist nicht ALLES leid und nicht JEDE katastrophe zu irgend etwas nütze im leben. manche prüfung mag uns zu höchstleistungen antreiben, an denen wir wachsen und reifen. aber ganz sicher nicht ausnahmslos alles. einen ständigen existenzkampf zum beispiel, den braucht kein mensch. gewalt und missbrauch auch nicht. und auch nicht diverse naturkatastrophen. haut mir bloß ab damit!]

danke sagen – das ist ein prozess. das erledige ich nicht in einer halben stunde kurz vor mitternacht. das braucht die ganze woche zwischen weihnachten und silvester. eigentlich gehört täglich danke gesagt. im alltag vergesse ich das leider oft.

deswegen kommt mein DANKE in diesem jahr ganz laut und öffentlich. hier. im büro für besondere maßnahmen.


DANKE!
von herzen:
  • allen leserInnen und kommentatorInnen, fans und followers hier für aufmerksamkeit, zeit und energie
  • den besten freundInnen für zuhörende herzen, klar sprechende lippen und liebevolle augen-blicke
  • den allerbesten freundInnen für stundenlange telefonate, leckere essen und das aushalten meiner tränen
  • all meinen rosen für den schönsten duft der welt
  • der treppe vorm haus, dass sie mich nur einmal schmerzhaft hat stürzen lassen und nicht noch öfter [falls ich dieses 2011 jemals in meinen memoiren erwähnen werde, dann als das jahr, in dem ich den ganzen wunderbaren sommer über nicht ein einziges mal sandalen tragen konnte wegen des nicht heilen wollenden knöchels von mai bis oktober]
  • meinen kursteilnehmerinnen für kreativität und durchhaltevermögen
  • der einäugigen katze für zärtlich schnurrende zeiten
  • der psychosomatischen klinik emmendingen für eine mehr als schräge nulltherapie, die meine lebensgeister wiedererweckt hat
  • dem jobcenter, weil es – wenn auch widerwillig – die wohnungsmiete trotz amtlicher unangemessenheit dann doch das ganze jahr über bezahlt hat
  • meiner engagierten rechtsanwältin, die das jobcenter genau dazu gebracht hat, ohne mir ein horrendes honorar in rechnung zu stellen
  • meinen neuen arbeitgeberInnen für eine wunderbare chance kurz vor dem vollenden des halben jahrhunderts (da geht es mir gut – demnäxt mehr!)
  • ganz vielen anderen bloggerInnen, die mir mit texten und bildern und videos viele neue wunderbare impulse gegeben haben
  • meiner hulatanz-meisterin, die mich viel mehr lehrt als nur die hüften richtig zu schwingen
  • der sonne fürs licht
  • den sternen für glanz
  • dem meer für sein ständiges rauschen, obwohl wir uns in diesem jahr gar nicht gesehen haben: ich sterbe vor sehnsucht.
  • meinem tinnitus, der sich davon nicht beeindrucken lässt und mich warnt, wenn ich mal wieder gefahr laufe, auf der eigenen überholspur an mir selber vorbeizuleben
  • danke: to be continued ....

mein motto für 2011 war übrigens bestens gewählt:
„erwarte nichts. lebe genügsam von überraschungen.“ (alice walker)
das hat mich gut durchgebracht.
jetzt, gegen ende, sieht es sogar so aus, als ob ich das jahr mit satt gefüllter überraschungskiste verlasse. verhungern werde ich vorerst jedenfalls nicht.

der countdown läuft ....
keine fünfzig stunden mehr bis zum schicken schaltjahr 2012:
fangt's gut an!


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Sonntag, 6. November 2011

honig sei dank!

kurze maßnahme no. 24

da ich alleine lebe, passiert in meinem alltag nur selten etwas, das ich nicht selbst geplant und vorbereitet habe. noch seltener passiert es, dass sich in meiner wohnung dinge befinden, die ich nicht selbst hereingetragen habe.


genau ein solches ding aber fand sich vor einer woche bei meiner rückkehr aus dem krankenhaus auf meinem großen tafeltisch: ein hübsches kleines päckchen, eingewickelt wie früher in glänzendes braunes packpapier und sorgfältig von hand beschriftet.

was das wohl sein konnte? und von wem? ich kramte in meinem hochkarätigen kombinierkästchen nach möglichkeiten: hatte ich etwas bestellt oder bei ebay ersteigert, das noch nicht angekommen war? auch geburtstag hatte ich nicht, hochzeitstag habe ich keinen und pulitzerpreise kommen nicht mit der post.

ich liebe geheimnisvolle pakete, dann bin ich wie ein kind: ritschratsch runter mit dem papier und reingeguckt!

ein honig war drin, von maltesischen bienchen im thymian gesammelt, den mir eine treue leserin von ihrer ferienreise mitgebracht und quer durch die republik geschickt hat. dazu ein paar schnuckels für den katzebutz und ein handgeschriebener brief.

sehr geehrte Frau Dinktoc, mit diesem geschenk haben Sie mich zu tränen gerührt. zum einen, weil ich honig so sehr liebe. zum anderen, weil es gar nicht anders sein kann, als dass Sie die ganze zeit an mich gedacht haben: vor dem einkauf, beim aussuchen, bezahlen, transportieren, verpacken, zur post bringen. so viel zuwendung! zum dritten, weil ausgerechnet honig so schwer(wiegend) ist im koffer und heikel. nichts ist trauriger als klebrig süße scherben im gepäck.

der honig ist köstlich und kostbar – und stillt meine unterschwellige sehnsucht nach südlicher zuwendung.

ich freue mich sehr und sende ein herzliches DANKE!!! welch eine besondere maßnahme! dafür hätten Sie glatt noch einen preis verdient!

möge das gute, das Sie aussenden, in vielfacher weise zu Ihnen zurückkehren.


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Dienstag, 21. Juni 2011

wohnen bleiben II

kleines aufatmen

heute vor genau sieben jahren bin ich zum ersten mal in dieser wohnung aufgewacht. mit ganzer absicht hatte ich mir zum 'erstlingsschlafen' die kürzeste nacht des jahres gewählt, die sommersonnenwende. zur schönen aussicht gab es nur mein bett und - natürlich – alle notwendigen utensilien für meinen geliebten frühstücksmilchkaffee.


alle meine anderen dinge kamen erst ein paar tage später. es war gigantisch schön, in der leeren wohnung zu sein, platz zu haben für mich und meine gedanken: es war ein bißchen wie camping, ein picknick mit mir selbst.

die wohnung war für meine verhältnisse relativ teuer, mit meiner arbeitslosenhilfe aus einer teilzeitstelle als kulturredakteurin in berlin konnte ich sie mir so gerade eben leisten.

aber ich kenne mich doch und mein prekäres inneres gleichgewicht: seit vielen jahren weiß ich, dass meine vier wände hell und luftig sein müssen, damit ich mich auf dauer darin wohlfühlen, die depressionen im zaum, die multiplen traumata bändigen, einen rückfall in die alkoholsucht verhindern – und damit meine erwerbsfähigkeit erhalten - kann.

also spare ich lieber an anderer stelle. nach abzug der miete blieb mir auf einen euro unterschied genau das, was ein halbes jahr später 'regelbedarf hartzIV' heißen sollte. vor dem arbeitslosengeld 2 hatte ich keine allzu große angst. schließlich hatte der damalige superminister für wirtschaft und arbeit, wolfgang clement, im jahr 2004 hoch und heilig versprochen „niemand, der jetzt arbeitslosenhilfe erhält, wird nachher mit hartzIV schlechter dastehen“.

außerdem hatte ich überhaupt nicht vor, so lange erwerbslos zu bleiben, sondern statt dessen große und durchaus berechtigte hoffnung, ganz bald wieder eine feste stelle zu finden.

damals steckte ich mitten in einer weiteren ausbildung zur projektmanagerin, die ich im herbst des jahres sehr erfolgreich abschloss.

aus beidem wurde nichts: weder fand ich feste arbeit, noch hielt der alte mann sein versprechen.

seit inkrafttreten der hartzIV-gesetze am 01.01.2005 gilt meine schöne aussicht 'amtlich' als 'unangemessen'. ebenso lange lege ich 'dem amt' ein attest, ein gutachten nach dem anderen vor zum nachweis dafür, dass aus gesundheitlichen gründen ein zwangsumzug für mich unzumutbar ist. dieses verfahren wird – je nach gusto des 'amtes' - jährlich oder halbjährlich wieder neu aufgelegt.

um dem nachdruck zu verleihen, wird die überprüfung meiner 'umzugsfähigkeit' vom amt gerne auch mal mit einstellung aller zahlungen kombiniert. oder mit der auflage, die arbeitslosenhilfe monat für monat neu beantragen zu müssen, weil sich mein gesundheitszustand ja zwischenzeitlich bessern könnte.

natürlich ist das gegenteil der fall: die schreiben des amtes versetzen mich regelmäßig in angst und schrecken, ich reagiere mit stärkeren depressionen und schlimmerem. diesen entsetzlichen druck auszuhalten, ohne wieder alkohol zu trinken, wird immer schwieriger.

ich bin heute nur noch ein verzeifelter, heulender schatten der lebensmutigen und zuversichtlichen frau, die vor sieben jahren in diese wohnung einzog.

durch den druck ruiniert 'das amt' nicht nur meine gesundheit, sondern es produziert auch zusätzliche kosten: häufigere arztbesuche, atteste, gutachterliche überprüfungen, mehr medikamente, längere krankschreibungen, gerichtsgebühren, anwaltshonorare, porto-kopien-und-fahrtkosten, zusätzliche therapeutische sitzungen, sogar ein klinikaufenthalt im vergangenen jahr und damit unnötige verlängerung meiner erwerbsunfähigkeit sind teure folgen der amtlichen schikanen.

dem 'amt' aber ist das schnurzepiep. es will einen teil meiner miete einsparen. wenn das an anderer stelle anderer leute geld kostet oder meine gesundheit (und damit mein leben) ruiniert – dann ist das egalegalegal.

das derzeitige verfahren zieht sich nun schon ein knappes halbes jahr hin. einen tag vor dem jahreswechsel erhielt ich am 30.12.2010 die amtliche mitteilung, dass nun alles wieder neu aufgerollt wird. seitdem habe ich keine ruhige minute mehr. angst und panik ziehen mir den letzten boden unter füßen weg – und der war ja im herbst des vergangenen jahres ohnehin schon sehr dünn und brüchig.

mit der maßgeblichen beurteilung, ob mir ein umzug zumutbar ist oder nicht, wird regelmäßig der ärztliche dienst der arbeitsagentur beauftragt. je nachdem, welcher arzt gerade dienst hat, ist immer jemand anders zuständig.

diesmal habe ich es zu tun mit einem doppelten doktortitel: dr. med. dr. med. vet.! dieser tierarzt aus rostock, den in mecklenburg-vorpommern scheinbar nicht mal mehr die schweine* wollten, ist wohl gerade noch gut genug, um westdeutsche arbeitslose zu begutachten. jedenfalls scheint er all seinen frust, dass er als arzt in der zone gescheitert und nun im badischen arbeitsamt gelandet ist, an multipel traumatisierten wessis auszulassen:

der dr.dr. hat sich schriftlich per fragebogen ein paar angaben zu meinem allgemeinen gesundheitszustand beantworten lassen. einmal von mir, einmal von meiner ärztin. weder hat er die mich behandelnde fachärztin zu ihrer einschätzung meiner „umzugsfähigkeit“ befragt, geschweige denn hat er mich einmal persönlich eingeladen und begutachtet.

der dr.dr. entscheidet alles auf dem geduldigen papier, ignoriert sämtliche atteste von mich schon seit jahren behandelnden menschen und tut nun so, als würden alle ärzte und ärztinnen, fachärzte und fachärztinnen und therapeutinnen und sogar die chefärztin der reha-klinik heiligendamm für mich lügen. er als 'sozial-mediziner' sei schließlich übergeordnet und er findet, dass einem zwangsumzug überhaupt nichts im wege steht.

amtsärzte sind unanfechtbare götter. ihre gutachten sind gesetz, ganz egal wie sie zustande kommen. es gibt keinerlei juristische handhabe.

'das amt' will also nun, dass ich – trotz gegenteilig lautender atteste – innerhalb kürzester zeit eine neue wohnung finde, die 45m² groß ist und maximal 275 euro kaltmiete kostet. wer den südwesten und die hiesige universitätsstadt kennt, der weiß, dass das eine kafkaeske aufgabe ist.

am wochenende erhielt ich vom amt bescheid, dass meine volle miete für drei weitere monate übernommen wird, bis zum 30. september 2011. ein kleines aufatmen.

meine befürchtung war, dass schon am monatsletzten (also in 10 tagen) schluss sei, dass ich dann meine miete nicht mehr zahlen kann und demnächst obdachlos werde. insofern gibt es eine letzte gnadenfrist. es ist noch längst nicht wieder gut. aber es ist mal für einen kleinen augenblick weniger schlimm.

all denen, die mich persönlich kennen und sich fragen, warum ich mich lange nicht gemeldet habe – und denjenigen, die sich wundern, dass ich hier in den vergangenen monaten nur noch so wenig schrieb - das ist die antwort:

es ging mir im herbst beschissen. ich wusste gar nicht, dass eine steigerung dessen noch möglich war. aber jetzt geht es mir noch schlechter.

die angst lähmt mich. ich habe keine kraft mehr, bin nur noch mit überleben beschäftigt, setze vorsichtig einen fuß vor den anderen. stürze, stehe wieder auf und versuche, nicht allzusehr in alte selbstschädigende muster zurückzufallen oder gar neue zu entwickeln. es gelingt mir nicht immer, ich entgleise mir oft.

eines aber gelingt mir doch, und dafür bin ich unendlich dankbar: ich bin ohne alkohol. tag um tag, meiner würde wegen.

nicht genug zu verdienen, nicht allein für den eigenen lebensunterhalt sorgen können, das ist schon schlimm genug. aber auch noch zum umzug gezwungen bzw. geradewegs in die obdachlosigkeit gedrängt zu werden und damit auch noch die allerletzte sicherheit zu verlieren - das ist die hölle.

dennoch bin ich entschlossen zu kämpfen und werde versuchen - wenn nötig - auch das bei lebendigem leibe und ohne drogen auszuhalten.

hartzIV ist folter. vielleicht sollten wir alle mal dem herrn clement unsere rechnungen schicken.


ps.
* ich bitte an dieser stelle alle schweine und ganz mecklenburg-vorpommern um verzeihung für diese entsetzlich abwertende bemerkung, die ich nur im bezug auf den dr.med.dr.med.vet. ernst meine. das ist vielleicht die schlimmste aller folgen von harz4: dass es so kränkt, so demütigt - so krank und so verbittert macht.

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Sonntag, 1. Mai 2011

rauchzeichen

heute klopfe ich mir mal selbst auf die schulter. ihr lest richtig. da sonst niemand da ist, muss ich auch das noch selber machen! besondere maßnahme also am diesjährigen tag der arbeit: hier klopft die chefin noch selbst.

im wild-wüsten süd-westen: dreyländereck

mein guter grund: heute auf den tag genau habe ich fünf jahre lang genixraucht. da bin ich mächtig stolz drauf. das war nämlich nicht leicht für mich.

ich habe zwar nur sechs bis acht zigaretten am tag geraucht – aber die waren sehr ritualisiert und haben sehr „dazu“ gehört. zum pause machen zum beispiel. oder um unangenehme gefühle „runterzuziehen“, wenn ich aufgeregt war. seltsamerweise auch zum „luft holen“ vor schwierigen telefonaten. überhaupt – die zigarette „danach“: nicht nur nach einem orgasmus, auch sonst nach getaner arbeit und anderem vollbrachten hexenwerk. zäsuren im alltag: „so. fertig. jetzt erst einmal fünf minuten hinsetzen und eine zigarette, bevor es weitergeht.“

einer meiner lieblingszigaretten war immer die, wenn ich die koffer gepackt hatte vor einer reise. die letzten fünf minuten, bevor es richtig losging. noch mal hinsetzen mit dem letzten kaffee und einer zigarette, den geschmack von freiheit und abenteuer vorweg genommen: „hab ich an alles gedacht? ist alles dabei?“

in heiklen situationen zwickt es mich immer noch, selten zwar und weniger stark als früher – aber es zwickt. auch nach fünf jahren noch. inzwischen weiß ich dann, dass es etwas anderes ist, was mir fehlt. oder zu viel ist. je nachdem.

pause machen ohne zigarette kann ich zum beispiel immer noch nicht richtig. stillsitzen ohne alles – nix in der hand, nix im mund, kein rauch zum hinterherschauen: das ist meine königinnenübung. fast unmöglich!

in der anfangszeit war es wirklich schwierig. aber wie beim alkohol, habe ich da auch beim nikotin so etwas wie einen sportlichen ehrgeiz entwickelt: ich zeig's mir, dass ich das kann!

vor allem aber habe ich ausgehalten, was hochkam. nicht einfach, aber möglich. dazu ein möglichst geduldig-liebevoller umgang mit mir selbst. ich habe mich belohnt und aufgemuntert. ganz am anfang erst ein bißchen ab-, dann ziemlich zu- und irgendwann wieder etwas abgenommen.

das war meine größte sorge: werde ich vom nichtrauchen etwa noch dicker?! ja. wurde ich! nicht ganz egal, aber auch das: aushaltbar. ich tröstete mich kognitiv diszipliniert mit der tatsache, dass ich mir jedes mal etwas sehr gutes tue, wenn ich eine zigarette nicht rauche. all das olle nervengift kommt nicht mehr in mich rein!

geraucht hatte ich übrigens 27 jahre lang. mal mehr, mal weniger. über die jahre im schnitt wohl etwas mehr als eine halbe schachtel täglich. angefangen hatte ich mit süßen siebzehn. weil es mir sehr peinlich war, wenn ich bei den joints immer so husten musste. also habe ich das rauchen mit zigaretten geübt. die joints habe ich ziemlich bald wieder gelassen, weil es mir damit nicht gut ging. das nikotin blieb.

ich mag gar nicht ausrechnen, welches vermögen ich da im lauf meines lebens in rauch habe aufgehen lassen. sucht – egal in welcher ausprägung - ist niemals billig. ob und wie ich mir das rauchen heute noch leisten könnte, frage ich mich erst gar nicht mehr. irgendwie hat es immer gereicht – egal wie knapp ich bei kasse war. für die sucht war immer geld da. ich habe es halt passend gemacht.

zigaretten sind teuer geworden. gerade heute mal wieder tritt ein gesetz in kraft „zur erhöhung der tabaksteuer“. 4euro90cent für 19 zigaretten sind es seit heute, also knapp 26 cent das stück. oder – altmodisch gesagt: ungefähr 10 mark pro schachtel und 50 pfennig für eine einzelne zigarette.

als ich anfing in den achtziger jahren, lag der preis bei ca. 15 pfennig das stück. drei mark die schachtel. so ungefähr, glaube ich. trotz bzw. wegen der preissteigerungen machen tabakkonzerne höhere gewinne. 13% gewinnsteigerung allein im ersten quartal 2011. da bin ich wirklich froh, dass ich die nicht weiter alimentiere.

ich kann mich noch erinnern, wie scharf ich damals auf hamsterkäufe war, bei 'billigen' gelegenheiten …. im ausland, auf flughäfen, im intershop auf dem weg von berlin nach restdeutschland, später beim vietnamesen am s-bahnhof treptower park. und so weiter ....

zurück in mein rauchfreies heute:

eintausendachthundertsechsundzwanzig tage ohne nikotin. oder knapp fünfzehntausend zigis nicht geraucht. siebenhundertsiebzig schachteln nicht gekauft, theoretisch satte dreieinhalbtausend euro gespart.

ich wünschte, ich hätte das geld. das wäre eine wunderbare reise! nach feuerland, ins letzte kino! oder in den himalaya, wo das bruttosozialglück zum staatsziel erhoben wurde.

tja. ich habe das geld aber nicht. es hat nie gereicht, um das eingesparte anzusparen. wenn ich das jetzt so virtuell ausrechne, kommt womöglich noch das amt und zieht es mir wieder ab.

so wie vor drei tagen meine einkommensteuerrückerstattung. von den gut 800 euro, die mir das finanzamt im letzten jahr von meinen bezügen an der hochschule zuviel einbehalten und mir jetzt zurückgegeben hat, darf ich genau dreißig euro behalten. den rest rafft das arbeitslosenamt, weil die lohnsteuererstattung angeblich kein erwerbseinkommen ist (dann hätte ich immerhin die ersten 100 euro plus ca. 15% vom rest behalten dürfen, also ca. 200 euro). nein! das ist sogenanntes "sonstiges" einkommen. davon darf ich nix behalten. obwohl ich doch im letzten jahr dafür gearbeitet habe. sehr logische logik.

fast gleichzeitig mit dem schreiben vom amt lag ein brief meiner haftpflichtversicherung im briefkasten. sie haben dem neuen nachbarn, an dessen auto ich anfang märz zwei kleine kratzer à 3 und 5,5mm verursacht hatte, knapp 1500 euro bezahlt für die neulackierung des wagens und den mietwagen.

ich weiß, so etwas darf man nicht vergleichen. da kriegt man nur schlechte laune von. aber genau das war so einer von den seltenen augenblicken: wenn ich noch rauchen täte, hätte ich mir eine angezündet.

dann könnte ich mir heute nicht auf die schulter klopfen.


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Mittwoch, 23. Februar 2011

goldene maßnahme no 3

hin und wieder stolpere ich bei meinen virtuellen streifzügen durchs WeltWeiteWeibernetz über echte kronjuwelen. die berühren mein herz, die helfen mir weiter, die begleiten meinen lebensweg. die tun mir gut, die machen mich manchmal sogar glücklich. denen möchte ich gerne danke sagen.

dafür habe ich die goldene maßnahme erfunden: ob und wie ich sie vergebe, entscheide ich jedes mal aufs neue. bedingungslos. spontan und subjektiv. ich bin jury, ich bestimme adressatin und zeitpunkt. ich halte die laudatio. oder auch nicht. je nach dem ....

knapp drei monate sind seit der goldenen maßnahme no. 2 an Mondyoga von Sabiene Schmelmer vergangen.

nun ist es wieder so weit: ich habe eine andere seite entdeckt, die mir das gold wert ist!

das büro für besondere maßnahmen proudly presents .... tataaaa .... trommelwirbel .... große fanfare .... tuschschsch

die goldene maßnahme no. 3 ....



an Copperhead Coppinski und ihr Atelier für Sinnfreie Kunst


Copperhead Coppinskis kunst und werke zaubern mir bei jedem besuch ein verschmittstes, leicht debiles dauergrinsen ins gesicht – sogar in allertraurigsten zeiten. das will was heißen. das passiert mir nicht oft. das steigert mein selbstwertgefühlchen.

weil ich aus dem grinsen grade nicht mehr rauskomme, wird die laudatio nur ganz kurz: frau Coppinski malt schamlos charmant, besinnungslos klug – ihr humor ist bisweilen schwarz wie kohle und auch der rest ist nicht von schlechten eltern. hier mal ein beispiel, mein derzeitiger favorit:

Copperhead Coppinski bei DaWanda kaufen

das gefällt sogar der katze!

sehr geehrte frau Copperhead Coppinski – das büro für besondere maßnahmen dankt. von herzen!


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Samstag, 27. November 2010

goldene maßnahme no 2

hin und wieder stolpere ich bei meinen virtuellen streifzügen durchs WeltWeiteWeibernetz über echte kronjuwelen. die berühren mein herz, die helfen mir weiter, die begleiten meinen lebensweg. die tun mir gut, die machen mich manchmal sogar glücklich. denen möchte ich gerne danke sagen.

dafür habe ich die goldene maßnahme erfunden: ob und wie ich sie vergebe, entscheide ich jedes mal aufs neue. bedingungslos. spontan und subjektiv. ich bin jury, ich bestimme adressatin und zeitpunkt. ich halte die laudatio. oder auch nicht. je nach dem ....

mehr als sieben monate sind seit der goldenen maßnahme no 1 an das begabungsblog von nathalie bromberger vergangen. viel gutes habe ich seither gelesen – aber meine ansprüche sind hoch, und echte kronjuwelen sind selten.

doch nun ist es wieder so weit: ich habe eine seite entdeckt, von der ich von anfang an richtig richtig richtig begeistert war - und die schon nach kürzester zeit eine ständige begleiterin in meinem alltag geworden ist.

das büro für besondere maßnahmen proudly presents .... tataaaa .... trommelwirbel .... große fanfare .... tuschschsch

die goldene maßnahme no. 2 ....


für Mondyoga von Sabiene Schmelmer!

sabienes yogaseite ist ein wahrer schatz für mich: seit mehr als 25 jahren übe ich yoga mal mehr, mal weniger. meistens mit kurs, weil ich es zu hause und allein so schwierig finde, mich wirklich zu konzentrieren, mich abzugeben in die übung hinein. die energie ist so anders und viel unterstützender, wenn mehrere übende in einem raum sind. und wenn da eine ist, die mir sagt, was ich wann wie und wie lange machen soll.

mit großer disziplin habe ich es im ersten halbjahr 2010 geschafft, jeden morgen sofort nach dem aufstehen den sonnengruß zu üben. täglich. vor der arbeit. ich war sehr stolz auf mich.

seitdem ich nicht mehr hochschulsekretärin bin und morgens nicht mehr zeitig aus dem haus muss, kriege ich das nicht mehr hin. ich könnte mein yoga ja auch später machen. aber später findet nur selten statt. also quasi nie.

sabiene gibt mir mit ihrem mondyoga neue impulse. fast täglich schlägt sie ein bis zwei übungen (asanas) vor, die zum jeweiligen mondzeichen passen. das passt mir prima und wird auch nicht langweilig!

all ihre übungsanleitungen werden übrigens charmant begleitet von Karlheinz, ihrem holzfigurenmodell, auf den sie nur in ausnahmefällen verzichtet.

alle anregungen und erklärungen sind geprägt von achtsamkeit, sind seriös und liebevoll, warmherzig und klug und sooo kenntnisreich und fundiert, dass ich ihre täglichen vorschläge ohne bedenken akzeptieren und umsetzen kann. ich kann alles ganz mühelos einfach an meinen sonnengruß dranhängen.

das hilft mir, mich zu fokussieren - ich kriege mich gar nicht mehr ein vor freude. und dafür, liebe sabiene, möchte ich dir von herzen danken!


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Montag, 8. November 2010

flattr - der flatterknopf

ihr habt ihn bestimmt schon entdeckt, den kleinen grünen button in der linken spalte, unter dem foto vom duftenden rosenblütentee:


rose: fisherman's friend (austin) / rosenblütentee im glas


das büro für besondere maßnahmen verwendet diesen button seit etwa vier monaten. schon längst mal wollte ich ein paar zeilen schreiben über das was und warum und meine erfahrungen damit. heute ist es endlich so weit.

'flattr' ist englisch und bedeutet „schmeicheln“. wer den button klickt, landet im portal von flattr, einem micro-payment service. dort kann jedeR mitmachen für einen monatlichen betrag von mindestens zwei euro, auch wer keine eigene webseite hat. anderen webseiten, die ebenfalls dabei sind, kann man als ausdruck von dank & wohlwollen einen kleinen geldbetrag zukommen lassen, indem man den 'flatterknopf' - so nenn' ich den neudeutsch für mich - auf deren seite anklickt.

hin und wieder benutze ich flattr, um anderen blogs, die ich gut und wichtig und erfreulich finde, ein bißchen anerkennung zu spendieren.

vor allem aber benutze ich es regelmäßig, um mich bei meiner lieblings-tageszeitung für deren unschlagbaren kostenlosen onlinedienst zu bedanken. ein abo der taz könnte ich mir – prekär wie ich derzeit bin - nämlich nicht leisten. trotzdem habe ich sie täglich auf meinem schreibtisch. das finde ich gigantisch generös.

ich selbst habe übrigens via flattr bisher nicht einen einzigen cent bekommen. weder hier im büro für besondere maßnahmen noch drüben im katzencontent. das grämt mich nicht. es bestätigt allerdings eine vermutung, die ich von anfang an hatte:

flattr wird den kleineren blogs nicht viel bringen. statt dessen findet eine art umverteilung statt von vielen ‚kleinen‘ blogbetreiberInnen hin zu großen contentanbietern, bei denen sich dann das geld mehr oder weniger sammelt.

immer und an jedem flatterklick verdient natürlich flattr selbst, nämlich 5% von jedem euro, der zwischen den webseiten hin oder her fließt. am meisten aber verdient das onlinezahlungsportal paypal. die kriegen mindestens 5% von jedem euro, der bei flattr eingezahlt wird.

das wurmt mich ein bißchen. runde 10% vom kuchen nur für die verwaltung sind für meinen geschmack ein bißchen viel. andererseits will so ein portal ja auch gedingelt sein, und das kostet eben.

am meisten wurmt mich natürlich, dass ich nicht selbst auf die geniale idee gekommen bin, mich für das hin- und herschieben von geld bezahlen zu lassen. dann hätte das büro für besondere maßnahmen inzwischen eine luxus-aussicht.

aber was nicht ist, kann ja noch werden:

wer sich also bei mir einschmeicheln möchte oder wer sich von meinen texten und bildern so dermaßen geschmeichelt fühlt, dass sie ganz dringend ein paar cent dafür ausgeben möchte, macht den flattr und klickt sich da durch:

(hier steht seit Dezember 2014 kein Link mehr. Warum nicht? Siehe unten)

dies ist übrigens ein reines erklärstück. keine werbesendung. ich erhalte keinerlei provision. leider.





ps1.

das Büro für besondere Maßnahmen hat über Flattr bisher folgende schmeicheleinheiten erhalten:
2010 - 0,90 €
2011 - 0,22 € 
2012 - 1,07 €
2013 - 0,33 € 
2014 - 0,12 €
summe einnahmen seit 2010: 2,64 €

das Büro für besondere Maßnahmen hat über Flattr bisher an andere webseiten verschmeichelt:
2010 - 18,00 €
2011 - 22,00 €
2012 - 33,00 € 
2013 - 25,00 €
summe ausgaben seit 2010: 98,00 €

(stand juni 2014)


ps2.
(im Dezember 2014)

Meine Ausgaben im Micro-Payment-Service "flattr" haben in den fünf Jahren meiner Teilnahme die Einnahmen um das fast 40-fache überstiegen. Irgendwann muss man auch den schmeichelhaftesten Realitäten ins Auge sehen – DAS hat sich nicht gelohnt. Zudem hat flattr die Konditionen sehr zu meinen Ungunsten verändert. Daher habe ich das Experiment im Herbst 2014 beendet und (als besondere Maßnehme!) meinen Account bei flattr nicht erneuert. Damit verbunden habe ich natürlich auch alle Links dorthin entfernt. Falls ich einen übersehen habe, dürft Ihr mich gerne darauf hinweisen.
Allen, die mich auf diese Weise unterstützt haben, an dieser Stelle noch einmal einen herzlichen Dank!

Auch die Option, mir über paypal etwas zu spendieren, habe ich eingestellt. Trotzdem freue ich mich aufgrund kontinuierlicher Unterkapitalisierung auch weiterhin über jede Unterstützung. Wer mir also unbedingt etwas (finanziell) Gutes tun will, schreibt mir bitte eine eMail, dann finde ich eine Möglichkeit – die allerdings nicht mehr anonym sein wird. 

Merci & 1000Rosendank!

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Sonntag, 5. September 2010

schnapszahl

hier und da habe ich ja schon mal erwähnt, dass ich keinen alkohol trinke. niemals nicht. das mache ich nicht aus jux und dollerei, sondern weil ich ein süchtiger mensch bin.

ostseebad rerik: hafen

früher mal, da habe ich bisweilen so viel bierweinsektgrappa getrunken, dass ich alles doppelt sah. am ende war es im täglichen schnitt eine gute flasche wein.

jahrelang hatte ich versucht, weniger zu trinken. jahrelang war mir das nicht gelungen. aber nie war ich ernsthaft auf die idee gekommen, mit dem trinken ganz aufzuhören. wozu auch?

meine trinkmenge von durchschnittlich etwas mehr als einer flasche wein am abend lag schließlich nur knapp über dem, was deutsche weintrinkervereine und bierbrauerverbände als gesundheitsfördernd anpreisen.

ich wollte doch keinen herzinfarkt! also trank ich roten wein.
für die nerven trank ich hefeweizen, wegen des vitamin B - und zwar reichlich ....
zum beruhigen trank ich cognac.
weißen wein trank ich aus prinzip.
sekt sowieso, denn der macht ja nicht besoffen, sondern kieksig (also schon beinahe damenhaft).
all das andere zeug trank ich, weil es mir einfach schmeckte.

jedenfalls war ich eine großmeisterin im verdrängen unangenehmer wahrheiten. ich erzählte zwar allen, dass ich alkoholikerin sei - im grunde aber doch nur, um zu kokettieren. in wirklichkeit war ich nämlich keine, dachte ich: "alkoholiker, das sind die anderen - nicht ich!"

im sommer 1999 stellte ich endgültig fest: „ich trinke zu viel. wenn ich jetzt weiter trinke, dann kippt es, und mein weg geht nur noch abwärts.“ ich lief gefahr, mir alles, was ich so mühsam und hart erarbeitet und aufgebaut hatte, wieder zu zerstören.

noch stimmte die fassade: ich hatte meinen traumjob, den allerliebsten lieblingsmann, die wohnung ein schmuckkästchen, ein funktionierendes auto, zwei ausgesprochen eigensinnige katztiere - und gute leberwerte! ich wollte, dass das so bleibt.

im september 1999 hatte ich vier dienstfreie wochen. zeit genug für eine entgiftung, ohne dass es irgendwem im sender auffallen würde.

für den ersten freien montag vereinbarte ich einen beratungstermin in der ambulanz des entgiftungskrankenhauses meines vertrauens. der berater war mir nicht sonderlich sympathisch, aber er nahm mich ernst. er fragte nach meinen trinkgewohnheiten und sagte, dass für mich eine stationäre entgiftung tatsächlich in frage käme.

insgeheim war ich etwas enttäuscht, hatte ich doch gehofft, dass er mich wieder heimschickt mit den worten, dass bei mir alles in ordnung sei. bei mir war aber gar nicht alles in ordnung, und so bat ich um aufnahme zur entgiftung für die folgende woche.

warum ich nicht gleich am nächsten tag kommen wolle? bett wäre frei! er respektierte meine antwort, dass ich noch einen artikel zu schreiben hatte mit deadline am freitag und mich um die versorgung meiner zwei katzen kümmern müsse.

so kam es zum aufnahmetermin am 6. september 1999 – einem montag. den rest der woche schrieb ich meinen artikel und trank schon nix mehr, um die bevorstehende entgiftung zu unterstützen. mir ging's ziemlich schlecht dabei. aber von kaltem entzug hatte ich damals noch nichts gehört. ich schob alle symptome auf die nervosität wegen des bevorstehenden krankenhausaufenthaltes.

der artikel wurde mit ach und weh am freitag fertig. für die katzen fand ich eine pflegestelle.

ich verabschiedete mich vom alkohol am samstag, 4. september und trank den sonntag nix. auf diese weise ist meine abstinenz von anfang an ein sonntagskind gewesen: heute wie damals war der fünfte september ein sonniger sonntag.

genau elf jahre sind es heute, die ich alkoholfrei lebe. die zahl 11 ist echt. keine eine ziffer, die ich doppelt seh. meine erste "trockene schnapszahl", sozusagen. schnapszahlen der anderen art sollen in meinem leben nicht mehr vorkommen. wenn auch sonst so viel schiefgeht und ich so oft so unglücklich bin: wenigstens das gelingt mir, und meiner würde zuliebe soll das auch so bleiben.

dafür bin ich sehr dankbar und angemessen stolz.

über die vielen "warums" meines alkoholkonsums mit sich entwickelnder sucht und die nicht weniger vielen "wies" des alkoholfreien alltags werde ich noch das eine oder andere schreiben. es ist ja keine selbstverständlichkeit, süchtig zu werden. erst recht ist es keine selbstverständlichkeit, von heute auf morgen wieder damit aufzuhören.

so war das auch nicht - weder das eine noch das andere. keine einfachen themen, über die zu schreiben ich immer wieder mut und einen neuen anlauf brauche. schließlich steckt das klischee der "versoffenen schlampe" noch tief in den köpfen.

selbst heute - nüchtern wie nie zuvor in meinem leben - schäme ich mich bisweilen und habe große angst, in diese schublade gesteckt zu werden.

ein sehr vielschichtiges thema also. es wird mehr als eine besondere maßnahme brauchen, um das alles aufzudröseln ....


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Sonntag, 1. August 2010

ptbs

eine neue diagnose, mit der ich mich erst einmal anfreunden muss. die ärztin hat es noch gar nicht mit mir besprochen. aber es steht als kürzel in meinem therapieplan, der mir am donnerstag ausgehändigt wurde.

grand hotel heiligendamm: rückansicht II

posttraumatische belastungsstörung. ich weiß, was es bedeutet und weiß es auch irgendwie nicht. schließlich lebe ich seit meiner frühen kindheit mit den symptomen.

dass „das“ eine eigene „krankheit“ ist, weiß ich erst seit wenigen jahren. dass es auf mich zutrifft, habe ich lange geahnt. scheinbar hat bisher nur niemand gewagt, laut auszusprechen und deutlich aufzuschreiben, was ist.

es beruhigt mich und hilft mir sehr, dass meine probleme - oder zumindest ein teil davon - nun einen namen haben. vor allem gibt es meinem aufenthalt und meiner behandlung hier eine neue richtung. ptbs macht andere maßnahmen notwendig als eine rezidivierende depressive störung mittleren bis schweren grades nicht genauer bezeichneter herkunft.

was mich hier im détail erwartet, weiß ich noch nicht. erst einmal habe ich die erlaubnis, in aller ruhe anzukommen und mich einzugewöhnen. meine seele ist noch lange nicht wieder bei mir. ich warte geduldig.

die ersten tage seit mittwoch waren unendlich schwierig für mich und sind es noch. als ich mein zimmer sah, wäre ich fast rückwärts wieder hinausgegangen, wollte auf dem absatz kehrt machen und sofort nix wie weg hier.

es war so beklemmend eng, die aussicht wie ein graues betonbrett direkt vor der nase, dass ich schier keine luft bekam und in den ersten beiden nächten so gut wie nicht geschlafen habe. atemnot, migräne, übelkeit, verzweiflung.

vorgestern hat man mir den umzug in ein anderes zimmer weiter oben ermöglicht. seither wird es leichter. nun schaue ich auf die straße und den bahnhof über den wald nach osten und sehe ganz viel himmel. wenn ich mich ganz weit aus dem fenster beuge, sehe ich ein kleines stückchen vom meer. ich schlafe wieder.

das programm der ersten tage war heftig voll zackzack ein termin jagte den nächsten, eine untersuchung an der anderen. lange flure auf und ab fremde türen suchen, lange vor und in behandlungszimmern sitzen und warten. das alles in neuer umgebung, hunderte von fremden menschen um mich herum, ständig neue gesichter.

ich fand es brutal, war total gestresst und überfordert. erst recht nach der langen reise und zwei schlaflosen nächten.

aber nun scheint es ruhiger zu werden. peu à peu kann ich mich um die dinge kümmern, dir mir selbst wichtig sind. für fast jedes anliegen gab es bislang ein offenes ohr und wohlwollende unterstützung. dafür bin ich sehr dankbar.

ich fühle mich gut aufgehoben. die ankunft meiner seele erwarte ich in kürze.

selbige hängt noch in duisburg, dort ist sie wohl unterwegs ausgestiegen, als wir durchs ruhrgebiet fuhren:

die ungeheuerlichen ereignisse bei der love parade am vergangenen samstag haben mich total gerissen. ich kenne diesen tunnel aus meiner kindheit. das ist ein endloses gruselding auch ohne menschenmassen.

dabei hatte ich mit der loveparade nie was am hut, mit lauter musik und tecchno (heißt das heutzutage überhaupt noch so?) sowieso nicht. im gegenteil. als ich noch in berlin lebte, habe ich regelmäßig geschimpft über den lärm und um meinen geliebten tiergarten gebangt.

der morgen danach war immer besonders schrecklich. die räumkolonnen der BSR in der 'straße des 17. juni' kamen kaum durch die berge von müll, überall stank es nach kloake. am schlimmsten aber war, dass überhaupt kein vogel mehr da war. kein zwitschern kein gar nix war zu hören. jedes jahr musste der park quasi neu aufgeforstet werden, weil die ravermeute alles kurz und klein getreten und totgepinkelt hatte.

aber das eine hat ja mit dem anderen nichts zu tun. erst recht nicht mit dem leid, das nun geschehen ist.

als ich am samstag, den 24. juli im online ticker so gegen 18 uhr die erste nachricht las, dass es bei der love parade in duisburg tote gegeben hatte, war ich gerade mit reisevorbereitungen beschäftigt. danach konnte ich mich auf nichts mehr konzentrieren.

am sonntag habe ich die koffer gepackt. ich habe unendlich lange dafür gebraucht, weil ich dieses unglück so ungeheuerlich, so absolut unfassbar fand. immer wieder habe ich nach neuen informationen gesucht.

inzwischen habe ich videos gesehen, die das geschehen dokumentieren. ich habe authentische blogs gelesen darüber wie grausam die situation war. ich fasse es nicht und sende kraft, licht und liebe den überlebenden und angehörigen.

ich habe versucht, mir jeglichen gedanken daran zu verbieten, weil es doch sowieso niemandem nutzt und nichts ungeschehen macht, wenn auch ich noch schockiert und heulend in der ecke sitze, obwohl ich gar nicht dabei war.

es half nichts. es ist nicht das aktuelle unglück allein, das mich so aufwühlt. es triggert alte bilder aus meiner kinderzeit in duisburg. der tunnel. der bahnhof. der große platz. der vergoldete anker, auf den der fiese großvater so stolz war.

im woolworth machte er das kleine mädchen zu seiner lolita mit knallrot geschminkten lippen. noch heute höre ich die leute tuscheln „hast du das gesehen, das ist ja schrecklich“. noch heute schmecke ich den billigen lippenstift.

es ist kein wunder, dass ich ziemlich aufgelöst hier ankam. auch die vergangenen monate am ungeliebten arbeitsplatz und die sogenannten „missbrauchsskandale“ stecken mir noch in den knochen.

ich war so dermaßen am ende meiner kraft, dass ich mich nicht einmal darüber freuen konnte, endlich am meer zu sein.

heute erst war ich mal baden. da hat es geregnet. das ist mal wieder typisch. es war trotzdem schön.

morgen beginnen die therapien, erst mal noch soft: in den ersten tagen geht es hauptsächlich um körperliche fitness und seelisches entspannen, um mich zu stabilisieren.

danach geht meine reise mehr nach innen. ich bin noch nicht sicher, in wie weit ich in den nächsten wochen die öffentlichkeit daran teilhaben lassen möchte und hier regelmäßig schreiben will. ich werde vieles umkrempeln und neu sortieren. das braucht zeit. meine zeit.

wenn mal länger nix kommt, dann seid gewiss: ich bin hier gut aufgehoben. wenn ich will, ist immer jemand für mich da.


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Mittwoch, 21. Juli 2010

geschafft? geschafft!

gegen ende habe ich die arbeitsstunden rückwarts gezählt und jeden tag ein stück vom maßband abgeschnitten.

barke: schwanenweiher, breisach

und dann ist mir der abschied gestern doch schwergefallen. von den menschen. nicht von der arbeit. es gab kolleginnen, die geweint haben, weil ich gegangen bin, weil sie mich so sehr vermissen werden. ich habe auch geweint, mit sehr gemischten gefühlen.

ich weinte tränen der verzweiflung, eben weil ich mich dort so sehr abschneiden und verengen musste, um die arbeit einer verwaltungsangestellten machen zu können. und ja! es hätte doch auch einfach ein netter arbeitsplatz sein können, oder?! wenn schon die bezahlung nicht über den eines 1-euro-jobs hinausging. war es aber nicht.

warum ist der arbeitsalltag im deutschen grauland oft so schwer und schwierig und freudlos, so kleinkariert und streng reglementiert? für lachen und menschlichkeit scheint kaum jemals platz zu sein. obwohl das doch niemals die arbeitskraft mindern, sondern ganz im gegenteil erst alle energien so richtig in fluss bringen könnte.

woher kommt dieses deutsche vorurteil, dass – wer lachen kann und charmant sein, angeblich nicht richtig arbeiten will, statt dessen faul sei und „nicht bei der sache“? ich halte es da lieber mit dem dalai lama, der einmal sagte (oder schrieb) „wenn leute lachen, sind sie fähig zu denken“. namastè!

aber dort, nun ja. ich will ja niemandem böses unterstellen. aber ich hatte doch des öfteren den eindruck, dass da menschen unterwegs waren mit der maxime „wer zuerst lächelt, hat verloren.“ ich habe meine würde gewahrt und mich nicht daran gehalten.

nicht geweint habe ich bei der obligatorischen verabschiedung im beisein vieler kollegInnen. da habe ich mich da so dermaßen zusammengerissen, dass ich mich jetzt kaum noch an die situation erinnern kann – weder an menschen noch an worte. ich bekam nicht nur ein offizielles abschiedsblümchen, sondern gleich mehrere sehr persönliche geschenke und grußkarten verbunden mit der bitte, den kontakt nicht abzubrechen. das weiß ich noch, weil die beweise jetzt hier vor mir auf dem tisch liegen. das berührt mich sehr. ich habe spuren hinterlassen, und ich habe so vieles bekommen im herzen. das ist in geld und gold nicht aufzuwiegen.

im nachhinein weine ich tränen der erleichterung, weil ich meine vertragspflicht erfüllt habe und fertig bin. ich habe auf diesem arbeitsplatz sooo sehr gelitten. auch wenn ich das dröge hochschul-, verwaltungs- und wissenschafts-speak in den fast sieben monaten einigermaßen verstehen gelernt habe – so war ich doch bis zum schluss nicht darin heimisch und habe mich immer gefühlt wie auf einem giftgrünen planeten in einer feindlichen galaxie. jetzt darf ich wieder nach hause und bin erst einmal damit beschäftigt, den weg zu mir selbst zurück zu finden.

gleichzeitig bin ich stolz, eben WEIL ich durchgehalten habe bis zum schluss, meinen vertrag „ordentlich“ erfüllt: keine unnötigen krankheitszeiten produziert, bei aller not eine gute kollegin gewesen und korrekte arbeit abgeliefert sowieso – auch wenn ich mich dabei oft fast zu tode gelangweilt habe oder bis an die grenzen genervt war.

ich fühlte mich auch oft überfordert, weil es zwar jede menge arbeitsaufträge gab, aber fast keine einarbeitung: die informationen, die notwendig waren zur erledigung, die musste ich mir oft erst mühsam selbst beschaffen bzw. hellsehen. das war überaupt kein schönes arbeiten, weil meistens nicht einmal die auftraggeberInnen wussten, was genau zu tun war.

stolz und dankbar bin ich – in aller demut – dass ich das alles durchgehalten habe, ohne einen rückfall in den alkohol zu machen. das ist bei allem das wichtigste für mich – und die oberste bedingung, um meine jetzt neu wiedergewonnene „freiheit“ so gut wie möglich genießen zu können.

etwas angst ist gerade auch dabei, weil ich nach der sommerpause vorerst wieder nur von zu hause aus arbeiten werde, da ist auswärts noch nichts in sicht. das wird mir wahrscheinlich nicht ganz leicht fallen, dann wieder ohne spiegelung im außen leben zu müssen: niemand, der/die regelmäßig 'guten morgen' zu mir sagt und so'n zeug, was für „alle anderen“ ganz normal zum leben dazugehört. nichts wird passieren, das ich nicht selbst vorher geplant und organisiert habe.

statt dessen werde ich wieder tag und nacht den vermieter auf seinem akkordeon dudeln und dazu pseudomelodisch jaulen hören. weia. aber darüber kann ich immer noch jammern, wenn es dann so weit ist ;-)

fröhlich bin ich jetzt, und das ist wirklich wunderbar! das fühlt sich fast so unbeschwert an wie früher als kind, dieses jubelnde „die doofe schule ist aus! zeugnis ist gut! ein langer wilder sommer liegt vor mir!“

das ist und bleibt wohl immer die schwierigste und gleichzeitig schönste aufgabe in meinem leben: die zu werden und zu sein, die ich wirklich bin.

nun also zurück zu mir: freie radikale – mit allen vor- und allen nachteilen. yessss!


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