vor ein paar jahren mal gab es eine werbung, die war so gut gemacht, dass sie sich bis heute in meinem gedächtnis verhakelt hat. auf drei ganzen rechten seiten hintereinander in einer sogenannten frauenzeitschrift.
erste seite: großes fragezeichen. zweite seite – die frage: „worauf stehen die schönsten frauen?“ ich rätselte mit und fragte mich „bad pritt? jenny dopp? mon cheri?“ auf der dritten seite die antwort: „auf italienischen schuhen“.
aha. welch ein effekt! damals fand ich das lustig, diese werbekampagne der italienischen schuhindustrie. in der tat ist die mehrheit meiner schuhe italienischer herkunft.
wenn ich mir diesen satz heute so anschaue, dann macht das schöne wortspiel vor allem eines deutlich: frauen, so scheint es, stehen „auf“ schuhen, nicht „in“ schuhen. das finde ich seltsam.
wieso nicht „in schuhen .... stehen gehen laufen“ - so wie bei siebenmeilenstiefeln? da steh ich drin – nicht drauf!
dann stelle ich mir die absatzfrage - und kriege das gruseln. der öffentlich getragene absatz ist in den letzten jahren steil nach oben gegangen: hat es mit den model-casting-shows im fernsehen zu tun, dass high-heels in immer schwindelerregenderen höhen nicht nur die schuhgeschäfte füllen, sondern in zunehmendem maße auch fraußenfüße im alltag verformen? was frauen früher mal für höchstens ein paar stunden anläßlich einer festivalgala oder eines opernbesuchs an ihren füßen duldeten, muten sich heute arbeitende frauen den ganzen tag lang zu. was ist das für ein phänomen, dass – je selbst-ständiger wir frauen unsere leben gestalten (wollen), ein umso haltloseres schuhwerk unser tempo drosselt und unser fort-schreiten schier unmöglich macht, ja sogar zum scheitern verurteilt?!
barbiepuppenschuhe habe ich die dinger früher immer genannt. so welche wollte ich auch haben, klar! als teenager. natürlich nur unter der voraussetzung, „darauf“ selbst nicht laufen zu müssen – allenfalls bis zur güldenen kutsche oder – noch besser: bis dass der traumprinz mich auf sein ross hievt. ansonsten sollte es ausreichen, darin dekorativ herumzusitzen und die verlängerten beine elegant übereinanderzulegen.
ich habe es versucht. als teenager. ich stand auf sieben zentimetern absatz plus drei zentimeter plateausohlen in quietschegelben slingpumps. siebziger jahre. ich war fünfzehn oder sechzehn jahre alt. aber es kam kein prinz, weder mit kutsche noch zu pferd. so stieg ich wieder herab, nach ungefähr sechs wochen.
auf den hohen absätzen hatte ich keinen sicheren boden unter den füßen. ich mochte nicht auf stöckeln wackeln, nicht auf zehenspitzen balancieren müssen, bloß weil männer mich dann angeblich noch mehr sexy finden könnten. eine sehr unsichere methode, entschied ich.
seither ist für mich bei viereinhalb zentimetern absatzhöhe schluss. höher steig ich nicht hinauf. meinen knochen zuliebe. ich habe nur ein paar füße, die haben bald ein halbes jahrhundert auf dem spann, die sollen noch mindestens vier jahrzehnte halten. was meine schuhe angeht, das sind alles solche, in denen ich einen „guten auftritt“ habe. ich will vorwärts schreiten, locker schlendern können, am liebsten barfuß tanzen.
einzige ausnahme sind - mit fünfeinhalb zentimetern - meine ungenagelten flamencoschuhe. die bieten mir festen halt, die gehen auch draußen. ich trage sie seit fast zwanzig jahren. die wievielte version derzeit mit mir unterwegs ist, habe ich nicht gezählt. die liebe ich sehr. sie taugen notfalls als waffe, und ausreichend sexy sind sie auch:
mit vergnügtem grinsen erinnere ich einen meiner verliebten. es war sommer in der großen stadt, zu den flamencos trug ich das kleine schwarze leinenkleid. wir wurden stürmisch miteinander, und er raunte mir heiser ins ohr: „oh laß bloooß die schuhe an!“
ansonsten aber ist mir mit hohen absätzen, als sei meine wiegende hüfte gefesselt, das hohlkreuz wird verstärkt und schmerzt. meine knöchel werden instabil, ich habe angst abzustürzen, kann auch nicht mehr effektiv wegrennen, wenn‘s mal brenzlig wird – und tanzen kann ich damit schon gleich gar nicht: ich bin "auf" high heels nicht geerdet.
neulich abends beim fernsehen habe ich mich gefragt, ob es lena meyer-landrut wohl so ähnlich geht derzeit. meyer-landrut wird deutschland beim eurovision song contest 2010 vertreten. sie hat stefan raabs casting show gewonnen.
kann sein, ich mache mich jetzt hier unbeliebt. ich gestehe es trotzdem: ich finde lena meyer-landrut gut! ich habe ein paar der wettbewerbs-shows gesehen. ich mag es, wie sie singt. ich mochte ganz besonders ihre art, sich natürlich und ungekünstelt zu bewegen. in turnschuhen ist sie einfach so über die bühne gehüpft: lebendig. ungezwungen. ungezähmt. das fand ich sehr charmant.
seitdem sie vom publikum zur deutschen teilnehmerin für oslo gewählt wurde, trägt sie bei auftritten so dermaßen hohe absätze, dass sie nicht mehr sicher auftreten kann. sie stakst kippelig auf die bühne, bewegt sich kaum noch vom fleck. wenn sie stufen abwärts steigt, halte ich angstvoll den atem an, ob sie das wohl sturzfrei überlebt.
ein jammer – und ich frage mich: warum um alles in der welt lässt sie das mit sich machen?! ich halte sie für intelligent und modern und kann mir nicht vorstellen, dass zehn zentimeter schuhabsatz den plattenabsatz in dem maße steigern werden, dass das eine derartige verstümmelung ihres „auftritts“ rechtfertigt.
auf high heels ist sie nicht mehr sie selbst. mit dem lied, das sie in oslo singen wird, ist sie es leider auch nicht. darin singt sie, dass sie vor lauter liebe zum abhängigen satelliten wird auf einer umlaufbahn, in deren mittelpunkt der oder die geliebte steht.
okay, sie ist achtzehn. ich verzeih‘s ihr. mit den besten wünschen für oslo – und mit noch mehr guten wünschen für ihr leben, damit sie ganz ganz schnell merkt, wie gigantisch gut es sein kann, als unabhängiger sonnenstern im universum selbst zu leuchten, statt als satellit um andere zu kreisen. und dass es nicht an der höhe des schuhwerks liegt, ob eine mehr oder weniger geliebt wird.
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Besondere Ereignisse erfordern besondere Maßnahmen. Denn irgendwas is' immer ....
[über den Umgang mit Katzen & Vermietern - und andere wichtige Dinge im Leben einer Frau]
Achtung. Achtung. Achtung.
Wir sind umgezogen!
Januar 2021
Das Büro für besondere Maßnahmen ist ab sofort erreichbar auf mojour.de
Nach und nach werden alte Beiträge – ggf. aktualisiert und überarbeitet – dorthin umziehen. Bitte folgen ... :-)
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Dienstag, 30. März 2010
Samstag, 20. Februar 2010
stolz & demut
zwei aspekte, die sich wie rote fäden durch mein leben ziehen, über die ich mir immer wieder gedanken mache, sind stolz und demut. unter anderem frage ich mich, ob stolz nun ein gefühl sei, oder eher eine lebenseinstellung? und demut? ist das auch ein gefühl - oder eine attitüde?
wie komm‘ ich drauf? zunächst die demut:
die begegnete mir in den selbsthilfegruppen für trockene alkoholikerinnen, schon während meiner entgiftung im krankenhaus vor mehr als zehn jahren: „du musst demut lernen“ hieß es da. oder „du musst demütig sein – dankbar dafür, dass du noch lebst und den absprung vom alkohol geschafft hast.“
diese sätze haben in mir viel widerstand geweckt (zunächst einmal, weil ich einen satz, der anfängt mit den worten 'du musst' weder ernst nehmen noch befolgen kann – aber darum geht es hier nicht ....):
„dankbar soll ich sein? für was denn? und wem überhaupt? für den ganzen scheiß in meinem leben? wenn ich irgend etwas zu wege gebracht hatte – trotz allem -, dann habe ich das MIR zu verdanken und niemandem sonst. ich und demütig? da träumt ihr von! nicht mit mir!“
meiner damaligen einstellung lag unter anderem zugrunde, dass mir der begriff der 'demut' aus dem christlichen wortgebrauch sehr suspekt war. dort wird er – meinem verständnis nach - gleichgesetzt mit 'unterwürfig': alles kritiklos hinnehmen – ganz egal ob gut oder schlecht, ohne sich gegen ungerechtigkeiten wehren zu dürfen. kurz: den dreck auch noch schlucken, mit dem die anderen mich bewerfen.
oder auch: dankbar sein für die erste ohrfeige links und ‚demütig‘ auch noch die andere wange hinhalten. nee danke. das war ganz sicher nicht meines!
ähnlich - wenn auch umgekehrt – verhält es sich mit dem stolz:
stolz gilt als eine der sieben christlichen todsünden: „nicht wie die stolze rosa neinnein sei nicht!“ das war mir ganz und gar verboten und ab-erzogen worden. ich durfte mich nicht schön finden. ich durfte nicht stolz sein. weder auf schrägen gesang noch auf gute noten – das war alles nur zufall, mir zugeflogenes talent.
stolz sein – das war gleichgesetzt mit hochmut, ist arrogant und unausstehlich (der 'erfolg' dieser brutalen erziehung war, dass ich null selbstwertgefühl entwickeln konnte und bis heute hart daran arbeite, das nachzuholen).
stolz durfte ich nicht sein, obwohl ich gern gewesen wäre – denn ich habe eine menge zeug gut hingekriegt. demütig sollte ich sein, wollte ich aber nicht, weil ich es nicht logisch finde, mich für qualen auch noch bedanken zu müssen.
ich weiß nicht, ob das eine typisch deutsche angelegenheit ist, die worte stolz und demut so negativ zu besetzen, ob es vielleicht auch eher katholisch oder evangelisch oder allgemein christlich ist. sicher ist jedoch, dass ich mich damit sehr unwohl fühlte und eingeengt.
schließlich gehören – nach meinem dafürhalten – sowohl stolz als auch demut zu den gefühlen. gefühle aber sind doch informationen der seele, so neutral wie nachrichten und deswegen jenseits jeglicher wertung: ein gefühl kann niemals wahr sein oder falsch. es ist da, oder es ist nicht da. bestenfalls kann es angenehm sein oder unangenehm. so sehe ich das.
irgendwo las ich dann – ich glaube, es war bei louise hay – dass demut im eigentlichen, ursprünglichen sinne des wortes nicht das kritiklose hinnehmen von unabänderlichen ungeheuerlichkeiten bedeutet, sondern eine tiefe dankbarkeit für alles, was der kosmos für uns bereit hält im leben. das kam mir schon näher, und ich konnte mich ein bißchen mehr anfreunden mit der aufforderung in den selbsthilfegruppen: 'lerne demut!'
neuer aspekt:
im zweiten jahr meiner abstinenz begann ich, flamencotanz zu lernen. eine offenbarung für mich: getanzte gefühle – freude und leid und ärger und trauer und einsamkeit und heiterkeit mit den füßen, mit dem ganzen körper zum ausdruck bringen dürfen!
ich konnte es kaum fassen, dieser tanz bedeutet expression pur – welch ein glück für mich! meine flamencolehrerin, gitana la chumbera*, war es, die mich wieder mit stolz und demut in berührung brachte.
sie erzählte uns mit leuchtend schwarzen augen vom stolz der zigeuner und wie wichtig er sei als grundlage des flamenco. ich konnte es kaum glauben! der verbotene stolz eine unverzichtbare basis?! sie erklärte es genauer:
„die guten tänzer sind stolz, dass sie tanzen können, dass sie das talent haben, dass es ihnen gelingt, ihre gefühle mit dem körper perfekt zum ausdruck zu bringen und ihr publikum damit zu verzaubern.“
„das sieht so aus“ sagte sie und stand ganz gerade vor mir - so, wie wir auch vor dem spiegel stehen, so wie wir tanzen: aufrecht, geradeaus, straight, mit geradem, offenem blick. so, wie auch ein yogi den 'berg' steht. gerade, seiner selbst bewußt.
„sich seiner selbst bewußt sein mit jeder zelle des körpers, das ist stolz“ sagte sie uns und erklärte weiter: „viele verwechseln stolz mit arroganz. aber arroganz ist etwas ganz anderes. arroganz ist, wenn man denkt, man könne etwas besser als andere und deswegen die anderen abwertet und auf sie hinab sieht. so – seht ihr?!“ hob dazu ihre nasenspitze nur zwei millimeter höher und sah auf uns herab.
„das sieht man manchmal bei tänzern, die auch ganz gut sind und sich deswegen für etwas besseres halten. aber das ist kein flamenco!“
ich sah sie fragend an. das leuchtete mir ein. es kam noch besser!
„die wirklich guten tänzer aber, die sind auch stolz, aber sie sind nicht arrogant. sie haben demut!“ sagte sie und senkte ihre nasenspitze einen tick nach unten. sie beugte nur den kopf ein wenig und blieb ansonsten genau so gerade und aufrecht stehen wie zuvor im stolz, sie machte keinen buckel: „DAS ist demut, meine damen! wir sind uns unserer selbst bewußt, wir wissen was wir können - und wir sind zutiefst dankbar dafür, dass wir es können! das ist flamenco.“
ich verstand. und war unendlich dankbar für diese erklärung. diese art von demut, in verbindung mit stolz (im sinne von wissen um das eigene können und mir meiner selbst-bewusst-sein) - die entsprach mir ganz und gar!
die flamencolehrerin setzte noch einen drauf: „nur um es ganz deutlich zu machen: viele von uns verstehen die demut falsch und denken, dass der stolz verboten sei. der stolz aber ist eine bedingung für die demut! wahre demut ist ohne echten stolz nicht möglich. denn das sähe dann so aus -“: sie verlor ihr rückgrat, sie fiel in sich zusammen, bekam einen buckel und schaute uns an von unten nach oben:
„DAS wäre nicht demut, sondern unterwürfigkeit! und die können wir im flamenco nicht brauchen. und sonst im leben auch nicht!“
ich habe leider keine bilder von ihrer eindrucksvollen vorstellung in sachen selbst-wert-gefühl und hoffe, ich habe euch das plastisch so beschreiben können, dass verständlich wird, was ich meine. jedenfalls war und ist es für mich ein großes geschenk, dass ich meinen stolz zurück habe. und auch für den ganzen rest kann ich nun – ganz demütig! - dankbar sein.
diese – für mich damals neue – art der demut und der seither nicht nur endlich erlaubte, sondern zwingend notwendige stolz haben meinem leben eine ganz andere qualität gegeben; es ist eine neue nuance dazu gekommen, die es mir leichter macht, die zu werden und zu sein, die ich bin.
stolz und demut haben für mich auch sehr viel mit nüchternheit zu tun, mit realistisch sein: mit klar sehen können - was ist, was ich bin, was ich kann – und was nicht. und das geht nun einmal nur, wenn ich auch einen klaren kopf habe.
ach, um noch meine eingangsfrage zu beantworten:
stolz und demut sind für mich beides: sowohl gefühle – als auch lebenseinstellung. und zwar eine sehr lebensbejahende!
* la chumbera, das ist spanisch und bedeutet ‚kaktusblüte‘. die kaktusblüte ist für mein leben auch aus anderen gründen sehr wichtig geworden. meine flamenco-chumbera aber, die hat heute geburtstag – und ich grüße sie hiermit herzlich!
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wie komm‘ ich drauf? zunächst die demut:
die begegnete mir in den selbsthilfegruppen für trockene alkoholikerinnen, schon während meiner entgiftung im krankenhaus vor mehr als zehn jahren: „du musst demut lernen“ hieß es da. oder „du musst demütig sein – dankbar dafür, dass du noch lebst und den absprung vom alkohol geschafft hast.“
diese sätze haben in mir viel widerstand geweckt (zunächst einmal, weil ich einen satz, der anfängt mit den worten 'du musst' weder ernst nehmen noch befolgen kann – aber darum geht es hier nicht ....):
„dankbar soll ich sein? für was denn? und wem überhaupt? für den ganzen scheiß in meinem leben? wenn ich irgend etwas zu wege gebracht hatte – trotz allem -, dann habe ich das MIR zu verdanken und niemandem sonst. ich und demütig? da träumt ihr von! nicht mit mir!“
meiner damaligen einstellung lag unter anderem zugrunde, dass mir der begriff der 'demut' aus dem christlichen wortgebrauch sehr suspekt war. dort wird er – meinem verständnis nach - gleichgesetzt mit 'unterwürfig': alles kritiklos hinnehmen – ganz egal ob gut oder schlecht, ohne sich gegen ungerechtigkeiten wehren zu dürfen. kurz: den dreck auch noch schlucken, mit dem die anderen mich bewerfen.
oder auch: dankbar sein für die erste ohrfeige links und ‚demütig‘ auch noch die andere wange hinhalten. nee danke. das war ganz sicher nicht meines!
ähnlich - wenn auch umgekehrt – verhält es sich mit dem stolz:
stolz gilt als eine der sieben christlichen todsünden: „nicht wie die stolze rosa neinnein sei nicht!“ das war mir ganz und gar verboten und ab-erzogen worden. ich durfte mich nicht schön finden. ich durfte nicht stolz sein. weder auf schrägen gesang noch auf gute noten – das war alles nur zufall, mir zugeflogenes talent.
stolz sein – das war gleichgesetzt mit hochmut, ist arrogant und unausstehlich (der 'erfolg' dieser brutalen erziehung war, dass ich null selbstwertgefühl entwickeln konnte und bis heute hart daran arbeite, das nachzuholen).
stolz durfte ich nicht sein, obwohl ich gern gewesen wäre – denn ich habe eine menge zeug gut hingekriegt. demütig sollte ich sein, wollte ich aber nicht, weil ich es nicht logisch finde, mich für qualen auch noch bedanken zu müssen.
ich weiß nicht, ob das eine typisch deutsche angelegenheit ist, die worte stolz und demut so negativ zu besetzen, ob es vielleicht auch eher katholisch oder evangelisch oder allgemein christlich ist. sicher ist jedoch, dass ich mich damit sehr unwohl fühlte und eingeengt.
schließlich gehören – nach meinem dafürhalten – sowohl stolz als auch demut zu den gefühlen. gefühle aber sind doch informationen der seele, so neutral wie nachrichten und deswegen jenseits jeglicher wertung: ein gefühl kann niemals wahr sein oder falsch. es ist da, oder es ist nicht da. bestenfalls kann es angenehm sein oder unangenehm. so sehe ich das.
irgendwo las ich dann – ich glaube, es war bei louise hay – dass demut im eigentlichen, ursprünglichen sinne des wortes nicht das kritiklose hinnehmen von unabänderlichen ungeheuerlichkeiten bedeutet, sondern eine tiefe dankbarkeit für alles, was der kosmos für uns bereit hält im leben. das kam mir schon näher, und ich konnte mich ein bißchen mehr anfreunden mit der aufforderung in den selbsthilfegruppen: 'lerne demut!'
neuer aspekt:
im zweiten jahr meiner abstinenz begann ich, flamencotanz zu lernen. eine offenbarung für mich: getanzte gefühle – freude und leid und ärger und trauer und einsamkeit und heiterkeit mit den füßen, mit dem ganzen körper zum ausdruck bringen dürfen!
ich konnte es kaum fassen, dieser tanz bedeutet expression pur – welch ein glück für mich! meine flamencolehrerin, gitana la chumbera*, war es, die mich wieder mit stolz und demut in berührung brachte.
sie erzählte uns mit leuchtend schwarzen augen vom stolz der zigeuner und wie wichtig er sei als grundlage des flamenco. ich konnte es kaum glauben! der verbotene stolz eine unverzichtbare basis?! sie erklärte es genauer:
„die guten tänzer sind stolz, dass sie tanzen können, dass sie das talent haben, dass es ihnen gelingt, ihre gefühle mit dem körper perfekt zum ausdruck zu bringen und ihr publikum damit zu verzaubern.“
„das sieht so aus“ sagte sie und stand ganz gerade vor mir - so, wie wir auch vor dem spiegel stehen, so wie wir tanzen: aufrecht, geradeaus, straight, mit geradem, offenem blick. so, wie auch ein yogi den 'berg' steht. gerade, seiner selbst bewußt.
„sich seiner selbst bewußt sein mit jeder zelle des körpers, das ist stolz“ sagte sie uns und erklärte weiter: „viele verwechseln stolz mit arroganz. aber arroganz ist etwas ganz anderes. arroganz ist, wenn man denkt, man könne etwas besser als andere und deswegen die anderen abwertet und auf sie hinab sieht. so – seht ihr?!“ hob dazu ihre nasenspitze nur zwei millimeter höher und sah auf uns herab.
„das sieht man manchmal bei tänzern, die auch ganz gut sind und sich deswegen für etwas besseres halten. aber das ist kein flamenco!“
ich sah sie fragend an. das leuchtete mir ein. es kam noch besser!
„die wirklich guten tänzer aber, die sind auch stolz, aber sie sind nicht arrogant. sie haben demut!“ sagte sie und senkte ihre nasenspitze einen tick nach unten. sie beugte nur den kopf ein wenig und blieb ansonsten genau so gerade und aufrecht stehen wie zuvor im stolz, sie machte keinen buckel: „DAS ist demut, meine damen! wir sind uns unserer selbst bewußt, wir wissen was wir können - und wir sind zutiefst dankbar dafür, dass wir es können! das ist flamenco.“
ich verstand. und war unendlich dankbar für diese erklärung. diese art von demut, in verbindung mit stolz (im sinne von wissen um das eigene können und mir meiner selbst-bewusst-sein) - die entsprach mir ganz und gar!
die flamencolehrerin setzte noch einen drauf: „nur um es ganz deutlich zu machen: viele von uns verstehen die demut falsch und denken, dass der stolz verboten sei. der stolz aber ist eine bedingung für die demut! wahre demut ist ohne echten stolz nicht möglich. denn das sähe dann so aus -“: sie verlor ihr rückgrat, sie fiel in sich zusammen, bekam einen buckel und schaute uns an von unten nach oben:
„DAS wäre nicht demut, sondern unterwürfigkeit! und die können wir im flamenco nicht brauchen. und sonst im leben auch nicht!“
ich habe leider keine bilder von ihrer eindrucksvollen vorstellung in sachen selbst-wert-gefühl und hoffe, ich habe euch das plastisch so beschreiben können, dass verständlich wird, was ich meine. jedenfalls war und ist es für mich ein großes geschenk, dass ich meinen stolz zurück habe. und auch für den ganzen rest kann ich nun – ganz demütig! - dankbar sein.
diese – für mich damals neue – art der demut und der seither nicht nur endlich erlaubte, sondern zwingend notwendige stolz haben meinem leben eine ganz andere qualität gegeben; es ist eine neue nuance dazu gekommen, die es mir leichter macht, die zu werden und zu sein, die ich bin.
stolz und demut haben für mich auch sehr viel mit nüchternheit zu tun, mit realistisch sein: mit klar sehen können - was ist, was ich bin, was ich kann – und was nicht. und das geht nun einmal nur, wenn ich auch einen klaren kopf habe.
ach, um noch meine eingangsfrage zu beantworten:
stolz und demut sind für mich beides: sowohl gefühle – als auch lebenseinstellung. und zwar eine sehr lebensbejahende!
* la chumbera, das ist spanisch und bedeutet ‚kaktusblüte‘. die kaktusblüte ist für mein leben auch aus anderen gründen sehr wichtig geworden. meine flamenco-chumbera aber, die hat heute geburtstag – und ich grüße sie hiermit herzlich!
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Sonntag, 6. Dezember 2009
das leben tanzen II
tanzen und singen sind nah beieinander, oft. das wundert jetzt niemanden. denn tanzen geht nur mit musik, und singen ist musik. der umkehrschluss aber ist nicht erlaubt, denn musik und damit auch das singen sind durchaus möglich, ohne zu tanzen. es macht mir nur nicht so viel spaß!
in vielen kulturen liegen die wurzeln des tanzes in heiligen, in rituellen handlungen. tänze waren und sind bewegte ganzkörpergebete. tanzen ist etwas ganz archaisches, es verbindet himmel und erde, ist kommunikation zwischen menschen und göttInnen.
ich denke an die thailändischen tempeltänzerinnen unter ihrem schwergoldenen kopfschmuck, mit den langen konischen kappen auf den fingerspitzen.
ich denke auch an klassischen indischen tanz, der den mythen nach älter ist als die erde selbst, denn schöpfergott shiva soll die erde im schweiße seines angesichts tanzend erschaffen haben, stück für stück!
welch ein unterschied zu den drei monotheistischen religionen, wo ein unrasierter alter mann schlecht gelaunt in seinen himmelsthronsessel pupste und die erde mal eben kommandierend aus dem ärmel schüttelte!
im alten japanischen glauben, dem shintoismus, gibt es sogar eine göttin des tanzes. neben dem tanz ist sie zuständig für lachen, für fröhlichkeit, für die morgenröte und für die fruchtbarkeit. kurz gesagt: für die wirklich wichtigen dinge im leben einer frau:
sie entzündet ein feuer, sie tanzt auf dem schallbrett: schamlos, schlotterbusig und laut lachend. ihr name ist ame-no-uzume. übersetzt bedeutet das in etwa „die wirbelnde himmelsfrau“, die ausgelassen in ihrer sinnlichkeit schwelgt. sie bricht tabus, sie schert sich einen dreck um die meinung anderer, sie ist die beste freundin bei depressionen und fachfrau für besondere maßnahmen!
ihre griechische schwester heißt baubo. genau, das ist die dicke mit dem lachen von ganz tief unten und dem untrüglichen bauchgefühl. das versöhnt mich ein bißchen mit meinem matronenspeck: womit soll eine frau denn tanzen? wie kann ich ein untrügliches bauchgefühl entwickeln, wenn ich keinen bauch habe?!
mein bauch ist schließlich meine mitte - hara. genau so, wie die gebärmutter das organ der fraulichen mitte ist – symmetrisch und nur einmal vorhanden. in japan heißt unsere mitte übrigens „kinderpalast“; das nur nebenbei.
man könnte jetzt meinen, ich tanze jeden tag, seitdem ich es für mich wieder entdeckt habe. das ist auch so. fast.
allerdings tanze ich nicht den flamenco. da bin ich in meinem kleinen möchtegerntänzerinsein-leben sehr weit entfernt davon, dass mein körper die komplizierten rhythmen und minutiösen bewegungen alleine und ohne die tragende energie einer gruppe aus sich heraus produzieren könnte.
außerdem wohne ich auf teurem teppichboden. flamenco auf socken – das funktioniert einfach nicht! ich bräuchte dafür einen umgedrehten waschbottich, wie ame-no-uzume! aber das wage ich nicht, in diesem miezhaus den vermieterleuten auf dem kopf herum zu tackern mit dem taconeo, dem genagelten absatz meiner flamencoschuhe.
im gegensatz zum klassischen ballett-tanz europas, bei dem alles in die lüfte strebt und schrecklich instabil ist, sind die alten, archaischen tänze zu ehren der göttInnen sehr erdverbunden: sie geben boden unter den füßen, sie machen frauen stark. der flamenco ist so, auch die indischen tänze.
eine ähnlich archaische, erdige tanzform, die ich erst kürzlich für mich entdeckt habe, ist der hula. aus hawaii. die silben „hu“ und „la“ bedeuten „energie“ und „sonne“. das wärmt mich, das macht glücklich! die für hawaii zuständige göttin des tanzes heißt laka. ihre weiteren ressorts sind musik und sonnenschein, liebe und fruchtbarkeit. was sonst?!
hula, das sind sanfte schwingende tanzschritte. barfuß. ganz schlicht. jede geste ist von bedeutung, jede bewegung der hände eine vokabel: die ureinwohner polynesiens kannten keine schrift. wenn sie sich geschichten erzählten, dann tanzend. das tun sie bis heute. auch, wenn sie inzwischen schreiben können.
den hula, den tanze ich derzeit täglich. fast. ich erzähle mir geschichten von meiner insel im sonnenschein, von palmen im wind und von der liebe. einfach so. für mich. das erdet mich. mein bis dato ungeliebter entenarsch erlaubt mir dabei ausladend fröhliche hüftschwünge, von denen dünne frauen nur träumen können.
nur an der stelle, wenn ich tanzend vom meer erzähle, das ich soo sehr liebe, dann kullern regelmäßig tränen. weil ich das meer soo sehr liebe – und weil ich so lange nicht dort war. soo lange nicht.
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in vielen kulturen liegen die wurzeln des tanzes in heiligen, in rituellen handlungen. tänze waren und sind bewegte ganzkörpergebete. tanzen ist etwas ganz archaisches, es verbindet himmel und erde, ist kommunikation zwischen menschen und göttInnen.
ich denke an die thailändischen tempeltänzerinnen unter ihrem schwergoldenen kopfschmuck, mit den langen konischen kappen auf den fingerspitzen.
ich denke auch an klassischen indischen tanz, der den mythen nach älter ist als die erde selbst, denn schöpfergott shiva soll die erde im schweiße seines angesichts tanzend erschaffen haben, stück für stück!
welch ein unterschied zu den drei monotheistischen religionen, wo ein unrasierter alter mann schlecht gelaunt in seinen himmelsthronsessel pupste und die erde mal eben kommandierend aus dem ärmel schüttelte!
im alten japanischen glauben, dem shintoismus, gibt es sogar eine göttin des tanzes. neben dem tanz ist sie zuständig für lachen, für fröhlichkeit, für die morgenröte und für die fruchtbarkeit. kurz gesagt: für die wirklich wichtigen dinge im leben einer frau:
sie entzündet ein feuer, sie tanzt auf dem schallbrett: schamlos, schlotterbusig und laut lachend. ihr name ist ame-no-uzume. übersetzt bedeutet das in etwa „die wirbelnde himmelsfrau“, die ausgelassen in ihrer sinnlichkeit schwelgt. sie bricht tabus, sie schert sich einen dreck um die meinung anderer, sie ist die beste freundin bei depressionen und fachfrau für besondere maßnahmen!
ihre griechische schwester heißt baubo. genau, das ist die dicke mit dem lachen von ganz tief unten und dem untrüglichen bauchgefühl. das versöhnt mich ein bißchen mit meinem matronenspeck: womit soll eine frau denn tanzen? wie kann ich ein untrügliches bauchgefühl entwickeln, wenn ich keinen bauch habe?!
mein bauch ist schließlich meine mitte - hara. genau so, wie die gebärmutter das organ der fraulichen mitte ist – symmetrisch und nur einmal vorhanden. in japan heißt unsere mitte übrigens „kinderpalast“; das nur nebenbei.
man könnte jetzt meinen, ich tanze jeden tag, seitdem ich es für mich wieder entdeckt habe. das ist auch so. fast.
allerdings tanze ich nicht den flamenco. da bin ich in meinem kleinen möchtegerntänzerinsein-leben sehr weit entfernt davon, dass mein körper die komplizierten rhythmen und minutiösen bewegungen alleine und ohne die tragende energie einer gruppe aus sich heraus produzieren könnte.
außerdem wohne ich auf teurem teppichboden. flamenco auf socken – das funktioniert einfach nicht! ich bräuchte dafür einen umgedrehten waschbottich, wie ame-no-uzume! aber das wage ich nicht, in diesem miezhaus den vermieterleuten auf dem kopf herum zu tackern mit dem taconeo, dem genagelten absatz meiner flamencoschuhe.
im gegensatz zum klassischen ballett-tanz europas, bei dem alles in die lüfte strebt und schrecklich instabil ist, sind die alten, archaischen tänze zu ehren der göttInnen sehr erdverbunden: sie geben boden unter den füßen, sie machen frauen stark. der flamenco ist so, auch die indischen tänze.
eine ähnlich archaische, erdige tanzform, die ich erst kürzlich für mich entdeckt habe, ist der hula. aus hawaii. die silben „hu“ und „la“ bedeuten „energie“ und „sonne“. das wärmt mich, das macht glücklich! die für hawaii zuständige göttin des tanzes heißt laka. ihre weiteren ressorts sind musik und sonnenschein, liebe und fruchtbarkeit. was sonst?!
hula, das sind sanfte schwingende tanzschritte. barfuß. ganz schlicht. jede geste ist von bedeutung, jede bewegung der hände eine vokabel: die ureinwohner polynesiens kannten keine schrift. wenn sie sich geschichten erzählten, dann tanzend. das tun sie bis heute. auch, wenn sie inzwischen schreiben können.
den hula, den tanze ich derzeit täglich. fast. ich erzähle mir geschichten von meiner insel im sonnenschein, von palmen im wind und von der liebe. einfach so. für mich. das erdet mich. mein bis dato ungeliebter entenarsch erlaubt mir dabei ausladend fröhliche hüftschwünge, von denen dünne frauen nur träumen können.
nur an der stelle, wenn ich tanzend vom meer erzähle, das ich soo sehr liebe, dann kullern regelmäßig tränen. weil ich das meer soo sehr liebe – und weil ich so lange nicht dort war. soo lange nicht.
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Montag, 30. November 2009
das leben tanzen
ich wollte immer soo gerne tänzerin werden! oder wenigstens kunstturnerin. beides ging nicht. letzteres ging nicht, weil ich dafür zu lang bin, zu schwer - und mein schlimmes hohlkreuz dem seit kinderzeiten im wege war. „du hast einen entenarsch“ - höre ich es heute noch zischeln. im schulsport habe ich mich immer geschämt für mein körperliches unbewusstsein und dafür „schlechte“ noten bekommen.
als teenager habe ich es mit dem turnen trotzdem noch einmal versucht: trampolin springen sollte es sein, das fand ich schick! der große bruder meiner besten freundin war der star im verein und mein schwarm. ich kam nicht weit. weder bei meinem schwarm noch mit dem sport: nach ungefähr einem halben jahr hatte ich einen unfall. ich verlor mich im falschen schwung, stürzte ab, fiel auf den kopf, verschob mir einen halswirbel.
tänzerin sein, das war nicht einfacher. nicht nur das häßliche graue entenärschlein störte damals das auge der familiären betrachterInnen, wenn ich gewandet in hundert tüllige hüllen vor dem spiegel im flur mein eigener schwan war. der vater feixte und ignorierte mich geflissentlich. die mutter fand es bedenklich, dass ich so lange vor dem spiegel stand. „kind, du bist zu eitel! - haach wat biste wieder schön! - ja hammer denn schon karneval?“ die schwester triumphierte spöttisch, weil ich das missfallen der erziehungsberechtigten provoziert hatte.
mit fünfzehn dann der tanzschulalptraum, allein gelassen mit taktlosen durchschnittspickelträgern. das hatte hand und fuß, das fanden die eltern gut. trotz fortgeschrittenenkurs ist mir vom normierten standardtanz nur das walzerwogen im körper geblieben. ich lernte fürs leben: auf tanzpartner ist kein verlass, sie lassen mich sitzen.
ich vergaß das tanzen für eine weile. das balzgehopse in der disco zählte nicht als tanz, das war 'nix richtiges', auch wenn es spaß machte.
erst jahre später kam ich wieder zum tanzen. mitte der achtziger, studentin war ich in berlin – mein leben ein einziges stakkato: step – tap dance! war jetzt meine große liebe. takkaditak! i was dancing in the rain und auf den bahnsteigen der u-bahn. immer auf der suche nach dem eigenen rhythmus. ich fand ihn nicht wirklich, tanzte mich aber mit viel fleiß und großem vergnügen bis auf die bühne des quasimodo.
ich war stolz und dankte ab: die alte verletzung im nacken machte große probleme. mein schwacher lendenwirbelbereich - das hohle kreuz - in der damals sehr schlanken taille wurde fast zur sollbruchstelle.
es hat zeiten gegeben in meinem leben, da hätte ich nicht gedacht, dass ich jemals wieder in tanzschuhen stehen würde. mein körper foppt mich bisweilen und trickst mich aus.
ich trank alkohol auch gegen den schmerz. das balzgehopse in der disco zählte noch immer nicht als tanz. das war 'nix richtiges'. ich genoss es trotzdem.
in japan war ich fasziniert von den auftritten der maiko und geisha, von nô und kabuki, den fröhlichen tempelfesten mit trommeln und tanz. ich blieb still und trank sake, meine füße konnten kein japanisch.
das balzgehopse in der disco ödete mich an. nicht, weil es 'nix richtiges' war, sondern weil ich meinen körper nicht mehr spürte. ich machte trotzdem weiter, auf der suche nach 'meinem' rhythmus.
mein beruf war es schließlich, der mich wieder auf die bühne brachte. ich moderierte ein internationales tanzfestival. nur wirbelnde füße um mich herum, rhythmen aus allen welten – ich machte die ansagen und wippte sehnsüchtig im takt. jahr für jahr stand ich daneben.
im herbst 2000 wagte ich dann endlich! wieder einen eigenen tanzversuch. der flamenco hatte mich in seinen bann gezogen. die stolzen frauen mit geradem blick, die nicht immer lächeln mussten und mit den füßen fest auftreten durften – ich war hingerissen und hatte gleichzeitig angst vor mir selbst.
es hat monate gedauert, bis ich einigermaßen gelassen vor dem großen spiegel mich bewegen und mir dabei zusehen konnte. so tief saßen die alten botschaften, so tief saß auch der schmerz!
der flamenco bietet mir so viele stile, dass es zu jeder lebenssituation den passenden rhythmus gibt. die heitere alegria, den erdigen tientos, den schmerz der seguiriya, die freche rumba gitana, die verzweifelte solea ....
der flamenco ist urlaub für mein herz und kur für die seele. ein paar jahre lang habe ich regelmäßig getanzt, finde in dieser bewegung zu mir selbst und komme zur ruhe, denn die konzentration auf all die verschiedenen bewegungen und rhythmen erlaubt meinem kopf nicht, an irgend etwas anderes zu denken. wenn ich tanze, dann bin ich genau da, wo ich bin, hier und jetzt: das ist MEIN wunder!
in den letzten jahren hatte ich nur noch selten gelegenheit, den weiten rock und die genagelten schuhe zu tragen: im existenzminimum ist tanzen nicht vorgesehen.
gestern und vorgestern habe ich nach fast einem jahre pause endlich wieder einmal an einem wochenend-workshop teilnehmen können: geschenkt von einer lieben, langjährigen freundin aus berlin. mit stolz im blick und demut im herzen hat mir das so unendlich viel freude gemacht und leben geschenkt, dass ein DANKE! gar nicht ausreicht, um all das auszudrücken, was ich empfinde. weil es um sooo viel mehr geht als um ein paar schnöde euro.
ich tanze das leben!
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als teenager habe ich es mit dem turnen trotzdem noch einmal versucht: trampolin springen sollte es sein, das fand ich schick! der große bruder meiner besten freundin war der star im verein und mein schwarm. ich kam nicht weit. weder bei meinem schwarm noch mit dem sport: nach ungefähr einem halben jahr hatte ich einen unfall. ich verlor mich im falschen schwung, stürzte ab, fiel auf den kopf, verschob mir einen halswirbel.
tänzerin sein, das war nicht einfacher. nicht nur das häßliche graue entenärschlein störte damals das auge der familiären betrachterInnen, wenn ich gewandet in hundert tüllige hüllen vor dem spiegel im flur mein eigener schwan war. der vater feixte und ignorierte mich geflissentlich. die mutter fand es bedenklich, dass ich so lange vor dem spiegel stand. „kind, du bist zu eitel! - haach wat biste wieder schön! - ja hammer denn schon karneval?“ die schwester triumphierte spöttisch, weil ich das missfallen der erziehungsberechtigten provoziert hatte.
mit fünfzehn dann der tanzschulalptraum, allein gelassen mit taktlosen durchschnittspickelträgern. das hatte hand und fuß, das fanden die eltern gut. trotz fortgeschrittenenkurs ist mir vom normierten standardtanz nur das walzerwogen im körper geblieben. ich lernte fürs leben: auf tanzpartner ist kein verlass, sie lassen mich sitzen.
ich vergaß das tanzen für eine weile. das balzgehopse in der disco zählte nicht als tanz, das war 'nix richtiges', auch wenn es spaß machte.
erst jahre später kam ich wieder zum tanzen. mitte der achtziger, studentin war ich in berlin – mein leben ein einziges stakkato: step – tap dance! war jetzt meine große liebe. takkaditak! i was dancing in the rain und auf den bahnsteigen der u-bahn. immer auf der suche nach dem eigenen rhythmus. ich fand ihn nicht wirklich, tanzte mich aber mit viel fleiß und großem vergnügen bis auf die bühne des quasimodo.
ich war stolz und dankte ab: die alte verletzung im nacken machte große probleme. mein schwacher lendenwirbelbereich - das hohle kreuz - in der damals sehr schlanken taille wurde fast zur sollbruchstelle.
es hat zeiten gegeben in meinem leben, da hätte ich nicht gedacht, dass ich jemals wieder in tanzschuhen stehen würde. mein körper foppt mich bisweilen und trickst mich aus.
ich trank alkohol auch gegen den schmerz. das balzgehopse in der disco zählte noch immer nicht als tanz. das war 'nix richtiges'. ich genoss es trotzdem.
in japan war ich fasziniert von den auftritten der maiko und geisha, von nô und kabuki, den fröhlichen tempelfesten mit trommeln und tanz. ich blieb still und trank sake, meine füße konnten kein japanisch.
das balzgehopse in der disco ödete mich an. nicht, weil es 'nix richtiges' war, sondern weil ich meinen körper nicht mehr spürte. ich machte trotzdem weiter, auf der suche nach 'meinem' rhythmus.
mein beruf war es schließlich, der mich wieder auf die bühne brachte. ich moderierte ein internationales tanzfestival. nur wirbelnde füße um mich herum, rhythmen aus allen welten – ich machte die ansagen und wippte sehnsüchtig im takt. jahr für jahr stand ich daneben.
im herbst 2000 wagte ich dann endlich! wieder einen eigenen tanzversuch. der flamenco hatte mich in seinen bann gezogen. die stolzen frauen mit geradem blick, die nicht immer lächeln mussten und mit den füßen fest auftreten durften – ich war hingerissen und hatte gleichzeitig angst vor mir selbst.
es hat monate gedauert, bis ich einigermaßen gelassen vor dem großen spiegel mich bewegen und mir dabei zusehen konnte. so tief saßen die alten botschaften, so tief saß auch der schmerz!
der flamenco bietet mir so viele stile, dass es zu jeder lebenssituation den passenden rhythmus gibt. die heitere alegria, den erdigen tientos, den schmerz der seguiriya, die freche rumba gitana, die verzweifelte solea ....
der flamenco ist urlaub für mein herz und kur für die seele. ein paar jahre lang habe ich regelmäßig getanzt, finde in dieser bewegung zu mir selbst und komme zur ruhe, denn die konzentration auf all die verschiedenen bewegungen und rhythmen erlaubt meinem kopf nicht, an irgend etwas anderes zu denken. wenn ich tanze, dann bin ich genau da, wo ich bin, hier und jetzt: das ist MEIN wunder!
in den letzten jahren hatte ich nur noch selten gelegenheit, den weiten rock und die genagelten schuhe zu tragen: im existenzminimum ist tanzen nicht vorgesehen.
gestern und vorgestern habe ich nach fast einem jahre pause endlich wieder einmal an einem wochenend-workshop teilnehmen können: geschenkt von einer lieben, langjährigen freundin aus berlin. mit stolz im blick und demut im herzen hat mir das so unendlich viel freude gemacht und leben geschenkt, dass ein DANKE! gar nicht ausreicht, um all das auszudrücken, was ich empfinde. weil es um sooo viel mehr geht als um ein paar schnöde euro.
ich tanze das leben!
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