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Mittwoch, 30. September 2009

besondere maßnahmen II – absagen einstecken



ende september: ein heiterer, sonniger tag – und dann die schmach im briefkasten! der gefürchtete große umschlag vom potentiellen arbeitgeber meines vertrauens. mit all meinen unterlagen drin und einem kurzen anschreiben: „.... müssen wir Ihnen leider mitteilen, dass wir das aufgabengebiet an eine mitbewerberin vergeben werden ....“

dieser satz an sich ist schon etwas seltsam und ich grüble lange nach über die darin verborgene bedeutung. man wird also das aufgabengebiet erst später vergeben. wieso kriege ich dann jetzt schon eine absage? ist es nun entschieden oder nicht? ist es eine rücksendung meiner bewerbung vorab mit der botschaft „wir nehmen lieber irgendeine andere, aber Sie auf gar keinen fall?“ oder ist es ungeschicktes verwaltungsdeutsch und sagt das übliche „wir haben uns für eine mitbewerberin entschieden, aber die tinte unter dem vertrag ist noch nicht ganz trocken"?

fünf wochen haben sie sich dafür zeit gelassen, und ich hatte schon längst befürchtet, dass es – wieder einmal – eine absage wird. meine erfahrung sagt, dass einladungen zum vorstellungsgespräch immer ganz schnell kommen, meistens postwendend. entweder sie wollen eine oder sie wollen eine nicht.

diesmal wollten sie mich – mal wieder – nicht, und ich frage mich natürlich – mal wieder -, ob es an mir liegt? was habe ich diesmal falsch gemacht? zuviel geschrieben? zu wenig? das falsche? das falsche bild ausgewählt für die beworbene stelle? zu bunt? zu schwarzweiß? bin ich zu alt? nicht flexibel genug? zu progressiv? nicht kreativ genug? zu kinderlos? zu unverheiratet?

einzig 'zu sehr frau' war ich dieses mal nicht, denn man verweist explizit auf eine bevorzugte mitbewerberin. das beruhigt mich fast ein bißchen.

ich gebe mir große mühe, auch diese absage nicht allzu persönlich zu nehmen. schließlich war sie mehrfach gegengelesen und immer nur gelobt worden. freundInnen und bekannte reagieren jetzt solidarisch mit mir: „die wissen ja gar nicht, was ihnen entgeht, wenn sie dich nicht einstellen“; „diese dummköpfe!“; „das ist wirklich nicht zu fassen bei der enormen bandbreite deiner fähigkeiten und qualifikationen.“

nun ja. das tröstet ein bißchen, aber es macht die situation nicht besser. fakt ist, dass ich wieder einmal vergeblich mir viel arbeit und mühe gemacht habe, vergeblich viel zeit und mühen auch anderer menschen beansprucht habe, vergeblich gehofft habe, dem apparat hartz4 doch noch ein schnippchen zu schlagen und diese entwürdigende situation der amtsabhängigkeit endlich beenden zu können.

die demütigende perspektivlosigkeit macht mir die größten seelischen schwierigkeiten. ich lebe in einer prekären mischung von aggression und depression. zähneknirschender hass und verheulte verzweiflung wechseln sich ab. früher war ich mal ein neugieriges, humorvolles, zuversichtliches wesen. ich habe gern gelacht und hatte vor kaum etwas angst. heutzutage ist in meinem synaptischen spalt für positives kaum noch platz, so sehr haben sich die negativen gefühle dort eingegraben.

es tröstet mich auch nicht, dass es millionen anderen menschen in diesem land ähnlich geht. das macht es eher schlimmer: welch eine verschwendung von menschlichem potential, von herzens- und geistesbildung, wenn man uns alle nicht unseren fähigkeiten entsprechend arbeiten lässt! oh große wut!

statt dessen erleben millionen gut ausgebildeter menschen eine nie dagewesene ausgrenzung als 'schwer vermittelbare langzeitarbeitslose', die angeblich gar nicht arbeiten wollen und frühestens um elf uhr aus den federn kommen. das macht mich traurig und wütend und zugleich hilflos und es macht mir angst. es untergräbt meinen selbstwert. ich bin nicht stark genug, all diese vorurteile einfach an mir abperlen zu lassen. aber ich arbeite daran. das kostet unser gesundheitssystem viele teure therapiestunden.

nun habe ich schon von mehreren ärztInnen und therapeutInnen gehört, dass sie immer mehr damit beschäftigt sind, die gesundheitlichen folgen – körperlich und seelisch – von arbeitslosigkeit und hartz4 aufzufangen. auch die sind wütend. eine sagte sogar, dass sie sich vom staat instrumentalisiert fühle. denn statt mit den klientInnen an deren seelischer entwicklung arbeiten und sie damit zur unabhängigkeit führen zu können, müsse sie mittlerweile den hauptteil ihrer stunden darauf verwenden, die durch arbeitslosigkeit und amtsschikanen geschlagenen depressionswunden mit therapeutischen pflastern zu verarzten.

auch hier wieder: welch eine verschwendung von menschlichem und seelisch-geistigem potential!

manchmal, dann kriege ich ganz böse paranoide gedanken, weil ich den eindruck habe, dass die regierung die arbeitende bevölkerung ausrotten möchte, nur damit die reichen immer noch reicher werden können.

unter den nazis wurden missliebige bevölkerungsgruppen ausgegrenzt und sogar ermordet. heutzutage werden menschen ausgegrenzt, indem man ihnen erst die arbeit wegnimmt, ihnen dann keine neue mehr gibt und obendrein noch so tut, als seien die arbeitslos gemachten menschen selbst schuld daran, weil sie angeblich gar nicht arbeiten wollten und deswegen habe man alles recht der welt, diese angeblich arbeitsscheuen opfer von kapitalismus und profitgier auch noch zu demütigen und zu schikanieren.

früher wie heute gab und gibt es für solcherlei unmenschliche misshandlung gesetze, es war und ist alles rechtmäßig, angeblich. es läuft nur viel subtiler heute. aber die ausgrenzung funktioniert perfekt.

an dieser stelle muss ich meinen negativen gedankengang ganz dringend unterbrechen und eine kleine entspannungsphantasie einlegen:

ich könnte zum beispiel ins benachbarte, befreundete ausland umziehen. das sind nicht mal 25 kilometer von hier. wenn ich den angaben auf der webseite der französischen botschaft glauben darf, dann beträgt die grundsicherung in frankreich glatte 100 euro mehr als bei uns, also 454 euro, und vom dazuverdienst darf jedeR 62 prozent behalten und nicht bloß 15 prozent wie bei uns. das klingt schon mal sehr viel menschlicher!

zudem gilt in frankreich ein gesetzlicher mindestlohn von 8,82 euro bei 35 stunden wochenarbeitszeit. davon kann eine in einig brd nur träumen! bei uns sind löhne unter sechs euro keine seltenheit. sind denn die menschen in deutschland so viel weniger wert? wer kann davon existieren, ohne zusätzlich ergänzendes hartz4 zu beantragen? das aber bedeutet doch im klartext, dass solcherlei sittenwidrige ausbeutung durch unternehmer auch noch staatlich subventioniert wird. und das bedeutet wiederum, dass die wahren schmarotzer in diesem land diejenigen unternehmer sind, die sich darauf verlassen, dass der staat ihre ausbeutung durch die aufstockung von niedriglöhnen auf das existenzminimum unterstützt. auf kosten aller steuerzahlerInnen. und zu denen gehöre ich ja auch. trotz allem!

och menno. schon wieder bin ich in der negativdenke ein stück tiefer gerutscht.

bevor ich hier vor lauter wut noch weitere schwurbelsätze konstruiere, packe ich jetzt meine bewerbungsabsage weg, gehe eine runde spazieren im weinberg und träume von frankreich. die vogesen da drüben habe ich ja ständig vor augen. sonst halte ich's nicht durch bis zur nächsten therapiestunde in zwei wochen.


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1 Kommentar :

  1. liebe mo jour,
    ich lebe seit 30 jahren in frankreich, bis vor 5 jahren 20 jahre lang in colmar. die situation in frankreich ist um keinen deut besser als in deutschland. die behörden sind angehalten zu schikanieren wo sie können, schuldgefühle zu erzeugen wie immer es nur geht. das tägliche leben ist teurer als in deutschland und zu den 452 € gibt es nur sehr wenig wohngeld dazu. viel weniger als in deutschland. nein, frankreich ist nicht das gelobte land. früher einmal hatte ich betriebswirtschaft studiert. jeder mensch mit etwas ökonomischem durchblick weiss, dass ein system eines grundeinkommens, unabhängig von arbeit, weniger kostspielig ist als das jetzige system, welches krank macht, die lebensfreude tötet. all dies schreibst du ja sehr klar. warum nur will die mehrheit des volkes dieses grundeinkommen auf keinen fall? aus neid? um zu strafen? weil die herzen der menschen versteinert sind? warum sind sie versteinert? eines meiner lieblingsmärchen als ich kind war, war "das kalte herz" von wilhelm hauff. die geschichte spielt im schwarzwald, nicht weit von dir. es gibt lebendige menschen mit warmem herz, sie sollten sich zusammentun.

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