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Januar 2021

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Sonntag, 19. Februar 2012

gute karten

auch in meinem prekären hartz4-ergänzungsleben finde ich nicht immer nur deutschgraue amtspost in meinem briefkasten. an manchen tagen flattern die schönsten dinge** ins haus.

Die Kaiserin liebt das Leben.

manchmal kommt das gute einfach so, quasi als unerwartete bereicherung. dann wieder war ich selbst diejenige, die einen entscheidenden kleinen impuls gesetzt hat, der nun positive wirkung zeigt. manchmal kommt auch der impuls von außen, ich reagiere darauf oder lasse es sein, je nachdem. und schon ändert sich die kette der ereignisse.

Die Kaiserin hat viele Chancen.

Die Karten der Kaiserin

ob ich impulse setze oder nicht, ob und wie ich auf einflüsse von außen reagiere, da denke ich nicht immer drüber nach. das ist oft eine frage, die in millisekunden entschieden wird: ich folge meiner intuition, höre auf meinen bauch.

Die Kaiserin folgt ihrem innersten Gesetz.

im grunde bin ich darin ziemlich gut – wenn ich es mir denn erlaube. leider ist mir die innere stimme früher mal ziemlich aberzogen worden. das war nicht nur die mutter. auch heute noch gibt es da draußen viele, die die stimme einer klugen frau nicht hören, nicht respektieren wollen.

Die Kaiserin respektiert sich selbst.

nachdem ich also in den ersten beiden jahrzehnten meines lebens edukativ ziemlich verkorkst wurde, bin ich nun wohl für den rest meines lebens damit beschäftigt, wieder zu verwildern. sprich: auf meine innere stimme zu hören und tag für tag die zu werden und zu sein, die ich wirklich bin.

Die Kaiserin nimmt sich, was sie braucht.

das buch „Der Weg der Kaiserin“ von Ulja Krautwald und Christine Li unterstützt mich darin schon seit mehr als zehn jahren. die 'kaiserin' gab es wirklich: Wu Zhao herrschte vor mehr als tausend jahren in china als einzige frau, die jemals offiziell herrscherin war (also nicht 'nur' die ehefrau eines kaisers). ihre geschichte wird im buch erzählt. parallel werden ihre kaiserlichen strategien so ins moderne übertragen, dass sie für frauen der gegenwart von unschätzbarem wert sind.

Die Kaiserin hält sich nicht an Konventionen.

jeder von uns wohnt eine kaiserin inne, wir sind nur nicht immer mit ihr in kontakt. wie auch, wenn erziehung und gesellschaft alles daran setzen, die – dem mainstream (oder sollte ich lieber schreiben: „manstream“?!) oft unbequeme - innere stimme einer kaiserin möglichst mundtot zu machen.

Die Kaiserin ist nicht Everybody's Darling.

'Die Kaiserin' ist nicht nur lesebuch, sondern auch lebensbuch. jedes kapitel liefert seine „essenz“ gleich mehrfach mit: zum einen in form einer rezeptur für einen tee nach allen regeln der traditionellen chinesischen medizin, zum anderen als strategische sätze für frauen jeden alters in verschiedenen lebenssituationen: die innere stimme der kaiserin quasi für den hausgebrauch.

Die Kaiserin meidet herrschsüchtige Ärzte und Menschen, die nicht lachen.

„hör auf mich!“ scheint die kaiserin mir zuzurufen, wenn ich ihr mal zu lange den rücken kehre, wenn ihre stimme im mich fordernden alle-tage-trott unterzugehen droht.

Die Kaiserin weiß um Ebbe und Flut.

damit ich sie besser hören kann, gibt es ihre kaiserinnensätze jetzt auf karten*. in kaiserlich roten schachteln – und das auch noch in zwei versionen: groß und klein, für zu hause und für unterwegs. künstlerisch gestaltet die großen, eher schlicht die kleinen.

Die Kaiserin weiß, was sie will.

der stimme der kaiserin lauschen – das bedeutet innehalten im alltagskarussell. stille sein. ein kaiserlicher augenblick! niemals würde die kaiserin mir sagen: 'tu dies oder tu jenes'. ihre sätze wirken subtiler, indem sie meiner eigenen inneren stimme zu ihrem recht verhilft, gehört zu werden. man könnte auch sagen: die kaiserin holt die intuition aus dem nebel, sie bringt den bauch zum sprechen.

Die Kraft der Kaiserin entsteht in der Tiefe.

wie auch beim tarot lege ich die karten der kaiserin auf ein eigenes, ein ganz besonderes tuch. das tuch für meine kaiserinnenkarten zeigt den grundriss des alten kaiserlichen palastes in kyoto. ich liebe dieses alte tuch sehr, denn der plan ist von ergreifend schlichter ordnung. ich tendiere ja bekanntlich dazu, mein leben zu verkomplifizieren. die sätze der kaiserin sind klipp und klar. das hilft.

Die Kaiserin konzentriert sich auf das Wesentliche.

manchmal haben diese karten eine sehr direkte wirkung. manchmal dauert es ein weilchen. sie machen garantiert stark, schön, schlau und glücklich - und das nicht nur, wenn sie im briefkasten liegen. ich werde demnächst mehr berichten. lasst euch überraschen. oder probiert es selbst aus!

der tägliche umgang mit diesen karten ist zwar auch eine besondere, vor allem aber eine kaiserliche maßnahme. kaiserliche maßnahmen stehen für sich und werden nicht gezählt.


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- die karten der kaiserin, edition kunst und edition classic sind erschienen und erhältlich beim krautwaldverlag.
- die sätze der kaiserin erscheinen auch in täglichem wechsel auf der startseite von zinnoberfluss.

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großes danke an ulja krautwald!

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Mittwoch, 29. Dezember 2010

fitness

leider tendiere ich in den letzten jahren zum matronenspeck. ich habe an gewicht zugelegt in einer menge und einer geschwindigkeit, die mir selbst peinlich sind. ungefähr dreißig kilo in zwölf jahren.


meterweise feministische literatur haben bei mir immerhin bewirkt, dass ich weiche rundungen bei anderen frauen sehr charmant und feminin finde – bei mir selbst aber nach wie vor unterträglich. ich mache zwar selten eine konkrete diät, bin aber ständig damit beschäftigt, irgendwie abzunehmen.

das geht schon seit dreißig jahren so mit dieser irrigen, ungesunden, sehr paradoxen und bisweilen selbstschädigenden annahme, dass ich erst dann wirklich liebenswert sei, wenn ich mich erfolgreich dünne mache.

im sommer war es mir gelungen, einen teil vom übergewicht loszulassen, gut sechs kilo waren weg. ich stelle mir das abgespeckte dann gerne in buttertürmchen vor. also in einem stapel von 250g-butter-normverpackungen. jeder butterziegel ist 35 mm hoch. macht bei sechseinhalb kilo gewichtsverlust einen turm von 3,5x4x6,5 immerhin 91 zentimetern höhe. fast ein meter! dieser fett-turm war also vorher in mir drin. jetzt nicht mehr. genial!

ich war sehr stolz und fühlte mich sehr leicht und stark und hatte ambitionen, bis ende des jahres so weiter zu machen und auf der waage zumindest mal wieder eine sieben vorne stehen zu sehen. zuerst sah es auch so aus, als ob mir das gelingen könnte.

es gelang mir jedoch nicht auf dauer, mich weiterhin ausreichend zu bewegen. irgendwann saugte ich mich in alter gewohnheit am schreibtisch fest und dockte auf nimmerwiederlösen am bürostuhl an. ende oktober kippte es, und ich nahm wieder zu. oh schreck. wie gemein! wie doof! da muss ich was machen!

mehr bewegung musste her! weil ich zwar weiß, wie das geht - mir allein aber die energie und disziplin dazu fehlen, brauchte es dringend einen impuls von außen. da kam mir eine aktion des fitnessparks in der benachbarten kurstadt gerade recht:

vier wochen nutzung aller geräte des studios inklusive sauna, teilnahme an allen kursen und einmal die woche myline-ernährungsberatung für schlappe 39 öre. versprochen wurde eine gewichtsabnahme von einem kilo pro woche. zackzack!

da bin ich hin. trotz meiner vorbehalte gegen fitness-studios: ende der neunziger jahre hatte ich mal ein jahres-abo bei diesen rückenspezialisten in berlin. damals habe ich noch alkohol konsumiert. irgendwo hatte ich gelesen, dass alkoholiker muskelschwund kriegen. mein hochintelligenter umkehrschluss: wenn ich mir ein muskelaufbautraining verordne, kann ich keine alkoholikerin sein.

es war schrecklich langweilig. ich habe viel zeit investiert und mich schlechtgelaunt durch den geräteparcour gequält, mindestens einmal die woche. kaum veränderungen gespürt – und alkoholikerin war ich dann doch. trotzdem habe ich das jahresabo abgeturnt bis zum ende.

seither sind mehr als zehn jahre vergangen, und alkohol trinke ich längst nicht mehr. ich dachte also, ein neuer versuch kann nicht schaden. vielleicht hat sich in den fitnessparks dieser welt ja auch was geändert im letzten jahrzehnt? außerdem ist hier kleinkurstadt. nicht großhauptstadt.

also vier wochen fitness von ende november bis den tag vor heiligabend. ich habe mir wirklich mühe gegeben. wie im programm empfohlen, bin ich zwei- bis dreimal mal in der woche hingefahren - auch bei eis und schnee - und habe den sogenannten milon-zirkus absolviert.

das ist ein ding! per chipkarte weiß jedes gerät, wie es sich für mich einstellen muss. ich war beeindruckt. an jeder maschine sind 15 bis zwanzig bewegungswiederholungen in nur 60 sekunden zu absolvieren. dann zack! schnell runter schnell weiter ans nächste gerät die pause dauert nur dreißig sekunden.

es gibt jeweils drei kraftmaschinen und ein ausdauergerät im wechsel, insgesamt acht maschinen stehen da im kreis, zwei runden bittesehr macht 35 minuten und schon bin ich topfit und schlank wie ein tulpe!

in der kreismitte steht eine mit wasser gefüllte glassäule, die von allen immer fest im auge behalten wird wie ein götzenbild: wenn das wasser sprudelt, arbeiten! sprudelt es nicht, schnell schnell! das gerät wechseln, die anderen warten schon!

das alles ging so rasant, dass ich gar nicht wusste, wie ich da atmen und regelmäßig luft holen soll. die schnaufenden schwitzenden leiber um mich herum hätte ich ja noch irgendwie ertragen. ganz schlimm aber fand ich, dass einige – meist ziemlich dicke männer – gerne auf ihr handtuch verzichteten und munter schweißpfützen auf die gerätesitze produzierten.

in dreißig sekunden wurden die nicht trocken. den rhythmus musste ich aber einhalten und mich trotzdem auf die nassen geräte setzen. baah, was war das eklig. ich fühlte mich nicht wohl. der unverzichtbare dudelfunk zu jeder tageszeit strapazierte meine nerven zusätzlich.

die umkleiden waren nicht besser: eng und schlecht gelüftet. es roch unsauber, nicht sehr appetitlich. einmal war so viel betrieb, dass es an der rezeption keinen einzigen schlüssel mehr gab für die ohnehin zahlreichen, winzigen metallkleiderschränke.

nach dem ollen zirkeltraining ging ich jeweils eine knappe halbe stunde aufs laufband. für die ausdauer. das klingt jetzt vielleicht seltsam, aber das war für mich noch das beste an dem programm. da konnte ich mir den mp3 ins ohr legen, die augen zumachen und einfach marschieren: mich abgeben, nicht organisieren, nicht achtgeben, ob und wer mir entgegenkommt. nicht denken und nichts checken müssen. das fand ich sehr erholsam. zumindest, solange nicht direkt neben mir so ein oberschnaufschweißversprüher zugange war.

an der sogenannten ernährungsberatung habe ich auch immerhin zwei mal teilgenommen, ziemlich unsortiertes geplauder. da ich im lauf meines lebens jede einzelne kalorie persönlich mit vornamen kennengelernt habe, hatte ich da allerdings auch nicht viel neues erwartet.

nett fand ich immerhin, dass es im studio wasser und sirups und tee und kaffee kostenlos gab, dass ich sogar eigene getränke mitbringen durfte. das habe ich schon anders erlebt. leider fand ich die atmosphäre insgesamt nicht sehr einladend, so dass ich weder an weiteren kursen teilnahm noch die sauna benutzt habe.

nach meinem programm wollte ich immer nur „nix wie weg“ da und raus an die frische luft. die strapazierte studioluft mussten wir uns mit zahlreichen adventskerzen teilen. ist das üblich?

abgenommen habe ich in dem ollen fitnespark nichts. ganz im gegenteil. kein wunder. bei so viel frust und selbstüberwindung, für mich unangenehme dinge zu unternehmen, braucht‘s mehr schokolade zum trost und schlagsahne zur belohnung.

immerhin kann ich jetzt sagen: „ich habe es versucht“. um mich weiterhin in form zu bringen, werde ich mir etwas anderes überlegen.

bis dahin gilt für alle speckröllchen:
das sind die inneren werte. die haben in einem zierlichen körper einfach keinen platz mehr.


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Dienstag, 16. März 2010

besondere maßnahme no IX: frauen und gedöns

alle jahre wieder: dieselbe prozedur. beim frauenarzt. die routineuntersuchung. die krebsvorsorge. ich hasse es. es wühlt mich auf. es triggert fiese alte erinnerungen. ich will nicht auf den folterstuhl.



ich geh‘ doch immer wieder hin. jahr für jahr. seit mehr als drei jahrzehnten. weil frau das eben macht. weil es sein muss. oft genug habe ich den arzt, die ärztin gewechselt. zum einen, weil ich sowieso ständig umgezogen bin. zum anderen, weil es immer wieder unangenehm war. ich bin vom regen in die traufe geflohen.

heute war das wieder so weit. den termin hatte ich schon vor wochen ausgemacht. es muss ja wieder sein. das jahr ist rum. die vorsorge. ich hasse es. es wühlt mich auf.

seit tagen hatte ich schlechte laune. angst. tränen. schon der gedanke an den stuhl, das spekulum, den ultraschall …. panik. atemnot. tränen. wut. schlaflose nächte. zähneknirschen. alles auf einmal. ich ertrag das schlecht. wohin nur mit all dem schmerz.

dabei ist meine jetzige ärztin „eigentlich“ ganz nett. nee, nicht nur „eigentlich“. ganz in echt: sie ist eine gute. respektvolle. nicht so eine herrische, die keinen widerspruch duldet. eine, die zuhört. eine, die fragen stellt und auch antworten hören will. eine, die nach meinem leben fragt und nicht nur nach den fortpflanzungsorganen. eine, die nicht einfach bloß pillen verschreibt. derzeit empfiehlt sie mir was pflanzliches, für die wechseljahresphänomene. sie kennt meine finanzielle situation und schaut mitfühlend „sie müssen es leider selbst bezahlen. ich weiß auch nicht, warum – aber die guten sachen gibt es schon lange nicht mehr auf rezept.“

seit vielen jahren schon habe ich tumore in meinem gebärmütterchen. myome. lästige dinger, die viel kraft kosten. nein, es ist kein krebs, nix ‚bösartiges‘. aber ‚gutmütig‘ sind die auch nicht. nur dumme menschen sprechen von ‚gutartigen‘ tumoren. welch ein trillefitt. so ein tumor tut nix gutes. nie nicht.

mein größter tumor ist übertennisballgroß. er und seine kleineren kollegen verstärken die blutung und drücken auf die blase. belasten den kinderpalast. einmal habe ich mich operieren lassen. fast zehn jahre her. sie sind wiedergekommen. viel schmerz für nichts. jetzt hoffen wir, dass sie einfach verhungern, wenn mein hormonladen geschlossen wird.

damals habe ich sehr dafür gekämpft, dass mein organ der mitte mir erhalten blieb. dass nur die knuddel entfernt werden. es war wohl eine ziemliche bastelarbeit für die operateurin. sie hat meinen wunsch respektiert. ich bin ihr sehr dankbar.

andere gynäkologen-kollegen sahen das anders: „die brauchen sie doch sowieso nicht mehr, oder wollen sie etwa noch kinder? die kann man einfach herausschrauben.“ meine mitte? mein einziges ganz und gar symmetrisches organ? herausschrauben? männer!

einmal war ich bei einem frauenarzt, ist schon länger her. das war noch in berlin, spätere achtziger jahre. mitten in der untersuchung. steht er so zwischen meinen zwangsgeöffneten beinen. sein ding (bekleidet) in genau gleicher höhe wie meines (unbekleidet). und fragt mich „haben Sie orgasmusprobleme?“ grade so, als ob er mir auf der stelle hätte abhilfe schaffen wollen.

ich war viel zu überrascht und entsetzt, als dass ich irgend etwas gescheites hätte sagen können. das war mir peinlich. sah ich etwa so aus? ich habe mich geschämt. wie kam der dazu, mich so was zu fragen? wollte er seine "medizin" loswerden? ich habe die frage natürlich verneint - und bin nie wieder hingegangen.

später habe ich noch oft an diese situation gedacht und mir viele passende schlagfertige antworten überlegt. ich hätte vielleicht kurz nachdenken und dann sagen können „normalerweise nicht. nur, wenn ein mann dabei ist.“ seitdem ich die antwort parat habe, bin ich so etwas doofes von einem mann nie wieder gefragt worden.

wie ich da heute bei meiner ärztin saß, mit angstschweiß und herzrasen vor der drohenden untersuchung, höre ich mich plötzlich sagen, wie sehr mich diese gynäkologische situation belastet. dass ich diese untersuchung heute auf keinen fall will. weder abstrich noch myomskontrolle. will nicht auf den stuhl, will mich nicht auseinanderreißen und auch nix in mich reinstecken lassen.

sie schaut mich überrascht an und kriegt den mund nicht mehr zu. ich erzähle, dass mir das letzte mal noch in böser erinnerung ist. wie schlecht es mir danach ging, weil immer alles wieder hochkommt. dass ich dann zu selbstverletzendem verhalten neige, weil ich nicht weiß, wie ich sonst damit umgehen soll.

sie guckt immer noch. ich bin unsicher. ich weine und erzähle, dass es mich viele teure therapiestunden gekostet hat, damit ich das jetzt sagen kann. wie froh ich bin, dass es raus ist. dass ich weiß, dass sie auch nur ihre arbeit macht und dass sie nix dafür kann, wenn es mich jedes mal so beutelt.

da spricht sie: „aber Sie können ja auch nichts dafür. es ist gut, dass Sie das gesagt haben. es ist gut, dass sie für sich sorgen. darauf können Sie stolz sein.“ nun bin ich es, die den mund nicht mehr zukriegt. was ist das denn!? keinerlei vorwürfe, dass es verantwortungslos sei, nicht zur vorsorge zu gehen? statt dessen ermunterung, weiterhin von meinem selbstbestimmungsrecht auf körperliche unversehrtheit gebrauch zu machen: „sie müssen nicht herkommen, wenn sie nicht wollen.“ ich glaube es kaum. sie meint das ganz ernst. bleibt freundlich und respektvoll:

dann fragt sie nach meiner arbeit. ich berichte von meinem schlecht bezahlten fastvollzeitjob, sie schimpft auf manager, die fürs fastnixtun die millionen absahnen – und plötzlich unterhalten wir uns darüber, dass in deutschland so schrecklich viel so schrecklich schief läuft. seit wann das angefangen hat, wie es gekommen ist, und dass es immer schlimmer wird. immer unmenschlicher. immer ungerechter. sie sagt „ich versteh‘ das nicht, verstehen Sie?“ ich bin sehr dankbar, dass sie politisch denkt. dass sie nicht nur hormone und honorarabrechnungen im kopf hat.

dann verabschieden wir uns. sie hat mich nicht untersucht. sie sagt noch einmal, wie gut und wichtig sie es findet, dass es mir gelungen ist, meine grenze zu setzen.

die tränen, die mir jetzt fließen, sind tränen der erleichterung. ich bin ein großes stück geheilt heute und fühle mich viel gesünder als vor dem arztbesuch. so sollte es sein. das ist genau das, was eine gute ärztin ausmacht.


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Samstag, 2. Januar 2010

mo can do it!

zwanzigzehn fängt wirklich heiter an! da flattert gleich zu jahresbeginn eine nominierung in mein büro für besondere maßnahmen: bloggermädchen 2009 steht drauf!




wer hätte das gedacht, dass ich in meinen fortgeschrittenen matronenjahren noch mal als mädchen betitelt werde? mein inneres kind hüpft vor freude. es ist ein mädchen. was sonst?! sie ist ungefähr fünf, und sie ist hier an vielen texten beteiligt.

die fünfjährige ist nicht mein einziges inneres kind, aber sie ist die kreativste von allen, die umgänglichste. jetzt gerade schmeißt sie sich wech vor lachen und gluckst und quietscht vor vergnügen.

insgesamt sind sie zu fünft oder sechst, meine inneren kinder. das ändert sich immer mal. sie leben in mir drin, in meiner seelenküche, einem imaginierten kellergewölbe. an der einen wand ist ein feuer, das nie ausgeht. es ist warm und hell. über dem feuer hängt immer ein topf mit heißer suppe.

in krisenzeiten mach' ich das auch in echt: dann koche ich uns allen einen großen topf hühnersuppe. das schmeckt gut, tröstet und hilft heilen.

mitten in meiner seelenküche steht ein prächtig blanker holztisch. darauf ein großer honigtopf, der niemals leer wird. drumherum sitzen die inneren kinder auf verschiedenen stühlen, bänken, hockern und sesseln. wenn sie denn mal still sitzen.

sie sind alle verschieden alt, aber sie werden nicht mehr älter. die fünfjährige ist immer fünf, der dreizehnjährige immer ein rotzfrecher, rebellischer bengel, und die sechzehnjährige immer ein launischer teenager. dann gibt es noch zwei babies. von denen weiß ich das alter nicht genau. sie sind eingepackt in windeln. die lasse ich lieber in ruhe.

alle meine inneren kinder sind in schweren krisenzeiten entstanden. sie sind alle sehr verletzt und sehr wütend und sehr sehr liebebedürftig. was den babies passiert ist, will ich gar nicht so genau wissen. ich habe eine ahnung. das reicht mir schon. die großen haben mir ihre geschichten erzählt. es wundert mich nicht, dass sie bisweilen tobsuchtsanfälle kriegen.

aber jetzt sind alle friedlich und vergnügt, die ganze rasselbande, und wollen mich gar nicht mehr gehen lassen. wir sitzen da im warmen, löffeln honig, grinsen und freuen uns löcher in den bauch, die wir dann wiederum mit honig stopfen. wir sind nominierte bloggermädchen! alle miteinander!

allein das prädikat „nominiert“ ist super! das ist wie bei den oscars: man braucht das goldene püppchen nicht wirklich. aber könntet ihr bitte trotzdem alle mal abstimmen gehen (für MO JOUR und für die anderen tollen bloggerinnen!) - und auch die gute nachricht verbreiten?

wir danken der mädchenmannschaft und allen unterstützerInnen – mit honigverschmiertem maul und klebrigen fingern!


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Sonntag, 6. Dezember 2009

das leben tanzen II

tanzen und singen sind nah beieinander, oft. das wundert jetzt niemanden. denn tanzen geht nur mit musik, und singen ist musik. der umkehrschluss aber ist nicht erlaubt, denn musik und damit auch das singen sind durchaus möglich, ohne zu tanzen. es macht mir nur nicht so viel spaß!

in vielen kulturen liegen die wurzeln des tanzes in heiligen, in rituellen handlungen. tänze waren und sind bewegte ganzkörpergebete. tanzen ist etwas ganz archaisches, es verbindet himmel und erde, ist kommunikation zwischen menschen und göttInnen.




ich denke an die thailändischen tempeltänzerinnen unter ihrem schwergoldenen kopfschmuck, mit den langen konischen kappen auf den fingerspitzen.

ich denke auch an klassischen indischen tanz, der den mythen nach älter ist als die erde selbst, denn schöpfergott shiva soll die erde im schweiße seines angesichts tanzend erschaffen haben, stück für stück!

welch ein unterschied zu den drei monotheistischen religionen, wo ein unrasierter alter mann schlecht gelaunt in seinen himmelsthronsessel pupste und die erde mal eben kommandierend aus dem ärmel schüttelte!

im alten japanischen glauben, dem shintoismus, gibt es sogar eine göttin des tanzes. neben dem tanz ist sie zuständig für lachen, für fröhlichkeit, für die morgenröte und für die fruchtbarkeit. kurz gesagt: für die wirklich wichtigen dinge im leben einer frau:

sie entzündet ein feuer, sie tanzt auf dem schallbrett: schamlos, schlotterbusig und laut lachend. ihr name ist ame-no-uzume. übersetzt bedeutet das in etwa „die wirbelnde himmelsfrau“, die ausgelassen in ihrer sinnlichkeit schwelgt. sie bricht tabus, sie schert sich einen dreck um die meinung anderer, sie ist die beste freundin bei depressionen und fachfrau für besondere maßnahmen!

ihre griechische schwester heißt baubo. genau, das ist die dicke mit dem lachen von ganz tief unten und dem untrüglichen bauchgefühl. das versöhnt mich ein bißchen mit meinem matronenspeck: womit soll eine frau denn tanzen? wie kann ich ein untrügliches bauchgefühl entwickeln, wenn ich keinen bauch habe?!

mein bauch ist schließlich meine mitte - hara. genau so, wie die gebärmutter das organ der fraulichen mitte ist – symmetrisch und nur einmal vorhanden. in japan heißt unsere mitte übrigens „kinderpalast“; das nur nebenbei.

man könnte jetzt meinen, ich tanze jeden tag, seitdem ich es für mich wieder entdeckt habe. das ist auch so. fast.

allerdings tanze ich nicht den flamenco. da bin ich in meinem kleinen möchtegerntänzerinsein-leben sehr weit entfernt davon, dass mein körper die komplizierten rhythmen und minutiösen bewegungen alleine und ohne die tragende energie einer gruppe aus sich heraus produzieren könnte.

außerdem wohne ich auf teurem teppichboden. flamenco auf socken – das funktioniert einfach nicht! ich bräuchte dafür einen umgedrehten waschbottich, wie ame-no-uzume! aber das wage ich nicht, in diesem miezhaus den vermieterleuten auf dem kopf herum zu tackern mit dem taconeo, dem genagelten absatz meiner flamencoschuhe.

im gegensatz zum klassischen ballett-tanz europas, bei dem alles in die lüfte strebt und schrecklich instabil ist, sind die alten, archaischen tänze zu ehren der göttInnen sehr erdverbunden: sie geben boden unter den füßen, sie machen frauen stark. der flamenco ist so, auch die indischen tänze.

eine ähnlich archaische, erdige tanzform, die ich erst kürzlich für mich entdeckt habe, ist der hula. aus hawaii. die silben „hu“ und „la“ bedeuten „energie“ und „sonne“. das wärmt mich, das macht glücklich! die für hawaii zuständige göttin des tanzes heißt laka. ihre weiteren ressorts sind musik und sonnenschein, liebe und fruchtbarkeit. was sonst?!

hula, das sind sanfte schwingende tanzschritte. barfuß. ganz schlicht. jede geste ist von bedeutung, jede bewegung der hände eine vokabel: die ureinwohner polynesiens kannten keine schrift. wenn sie sich geschichten erzählten, dann tanzend. das tun sie bis heute. auch, wenn sie inzwischen schreiben können.

den hula, den tanze ich derzeit täglich. fast. ich erzähle mir geschichten von meiner insel im sonnenschein, von palmen im wind und von der liebe. einfach so. für mich. das erdet mich. mein bis dato ungeliebter entenarsch erlaubt mir dabei ausladend fröhliche hüftschwünge, von denen dünne frauen nur träumen können.

nur an der stelle, wenn ich tanzend vom meer erzähle, das ich soo sehr liebe, dann kullern regelmäßig tränen. weil ich das meer soo sehr liebe – und weil ich so lange nicht dort war. soo lange nicht.


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