Achtung. Achtung. Achtung.
Wir sind umgezogen!

Januar 2021

Das Büro für besondere Maßnahmen ist ab sofort erreichbar auf mojour.de

Nach und nach werden alte Beiträge – ggf. aktualisiert und überarbeitet – dorthin umziehen. Bitte folgen ... :-)

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Sonntag, 20. April 2014

Reisen in Burma

- Verlosung zum Welttag des Buches 2014 -

Leise schmatzte der Marmor unter meinen nackten Füßen. Es war noch früh am Tag, die Sonne stand nicht allzu zu hoch. Trotzdem musste ich im Schatten bleiben, um mir nicht die Fußsohlen zu verbrennen. Meine Flipflops hatte ich am Eingang zu Hunderten anderen gestellt. Das Heiligtum wollte mich barfuß. Stufe um Stufe, Fußtaps für Fußtaps stieg ich den Hügel hinauf. Das hier war heiliger als der Kölner Dom meiner Kindheit: Die goldene Shwedagon Pagode in Yangon, der größten Stadt von Myanmar.

Reisen in Burma

Wir befinden uns im Jahr 1981. Ich war erst neunzehn. Myanmar hieß damals noch Burma oder auch Birma, die Hauptstadt war Rangoon. Mein Visum galt genau sieben Tage, länger durften Touristen aus dem Westen nicht einreisen, um die von der Militärregierung abgeschottete und auf Sozialismus getrimmte Bevölkerung nicht zu verderben.

Im Grunde wusste ich nichts von diesem Land. Ich hatte nur gehört, dass es sehr geheimnisvoll, sehr fremd und sehr sehr schön sein sollte. Im Jahr 1981 gab es weder Handy noch Internet, keine Wikipedia und kein Smartphone mit „wo-bin-ich-denn-hier-überhaupt-gelandet“-App. Ein paar vage Seiten in meinem Südostasien-Reiseführer, und ich als reiselustige Teenagerin dazwischen.

Ich war allein unterwegs und hatte noch nicht einmal einen Fotoapparat dabei. Weder sprach ich burmesisch, noch konnte ich die zauberhafte Kringelschrift entziffern. Aber ich war neugierig und wollte in der kurzen mir zur Verfügung stehenden Zeit so viel wie möglich sehen.

Meine Erinnerung an diese Woche in Birma ist inzwischen ziemlich verblasst. Nur einzelne Szenen - bunt, glasklar und mit scharfen Konturen - ragen heraus aus dem freundlichen Nebel der Vergangenheit.

Meine nackten Füße auf blankem Marmor im Schatten der goldenen Pagode ist eine davon.

Juchzende, vor Vergnügen quietschende Kinder, rittlings auf einem riesigen Wasserbüffel, der auf dem Damm eines Reisfeldes entlang galoppierte, eine andere.

Das schwimmende Kloster auf dem Inle-See ist mir wegen der vielen Katzen im Herzen geblieben. Die Mönche hatten ihnen kleine Kunststücke beigebracht. Mit der Vorführung bedankten sie sich für Spenden, und ich staunte entzückt.

In Mandalay und Maymyo gab es keine Autos. Man bewegte sich in Pferdekutschen, auf Fahrrädern und Ochsenkarren, zu Fuß. Körbeweise krabbelnde Kakerlaken auf dem Markt. Ich fragte mich damals, was die Menschen damit wohl anstellten.

Die lange Fahrt im hoffnungslos überfüllten Zug: Meinen Sitzplatz auf der harten Holzbank hatte ich nur meinem Sonderstatus als Touristin zu verdanken. Zwischen den vollgepackten Gepäcknetzen waren Schnüre gespannt, auf denen reihenweise Kohlköpfe und anderes Gemüse zum Trocknen hing. Die Toilette war besetzt von einer Ziege, drei Hühnern und einem Hahn im Korb. Im Gang, in den Gepäcknetzen, auf den Plattformen am Waggonende, sogar auf dem Dach saßen-standen-lagen Menschen. Wir mussten schließlich mitsamt unserem Gepäck durchs Fenster aussteigen, weil jeder Quadratzentimeter Boden besetzt und keinerlei Durchkommen war.

In meinen Tagebüchern von damals steht kaum etwas über diese Woche. Zu dicht war die Reise, zu groß das Unterwegssein. Zum Aufschreiben war keine Zeit geblieben. Nicht einmal ein Souvenir habe ich noch von dieser Traumwoche.

Nun gibt es ein Buch, das meiner Erinnerung ein wenig auf die Sprünge hilft. Von Alice Schwarzer und Bettina Flitner. „Reisen in Burma“ heißt es.

Es ist ein großes Buch geworden. Schwer. Und fest. Ein Bilderbuch, vor allem. Ganz altmodisch. Es ist schön. Es atmet Zeitgeschichte, es ist persönlich und dennoch nicht unpolitisch, eine Momentaufnahme. Oder vielleicht besser: Viele Momentaufnahmen. Der Versuch eines Puzzles.

Flitners Bilder aus einer verwunschenen und doch modernen Welt, die heute nicht weniger rätselhaft und widersprüchlich ist als damals: Sie ziehen in Bann und nehmen mit auf die Reise, wecken Fernweh und machen mir wehmütiges Reisefieber.

Schwarzers Texte erzählen wohltuend sanft von persönlichen Eindrücken und Begegnungen, fast zärtlich.

Das ist der Zauber von Burma. Anders als zärtlich kann man diesem Land kaum begegnen. Selbst dann nicht, wenn man weiß um die Brutalität von Geschichte und Gegenwart, um Naturkatastrophen und menschliche Grausamkeiten. Oder auch genau deswegen. Denn die Menschen selbst sind unverändert liebenswürdig, schön, stolz - und fröhlich.

Vielleicht steht auch deswegen der alte Landesname im Titel. „Reisen in Myanmar“ wäre nicht halb so poetisch.



Nun zur Verlosung:

Am 23. April vor dreihundertachtundneunzig Jahren starb William Shakespeare. Ungefähr. Dieser literarische Trauertag wurde 1995 von der UNESCO zum Welttag des Buches erklärt.

Aus diesem Anlass haben die GeschichtenAgentin Dagmar und Christina von Pudelmützes Buchwelten die Aktion „Blogger schenken Lesefreude“ gestartet, an der sich im vergangenen Jahr mehr als 1000 (!sic!) Blogs beteiligten, und auch das Büro für besondere Maßnahmen hatte ein Buch verlost.

Auch in diesem Jahr mache ich wieder mit und darf mit freundlicher Unterstützung des Dumont Verlags ein Exemplar des wunderbaren Burma-Bilderbuchs verlosen:
„Reisen in Burma“ von Alice Schwarzer (Text) und Bettina Flitner (Fotos)
Dumont, Köln 2012
160 Seiten, ISBN 978-3-8321-9424-6, Ladenpreis 34,95 EUR

Bis zum Abend des 23. April 2014 (Mittwoch, 23:59 Uhr) habt Ihr Zeit, teilzunehmen. Wer das Buch gewinnen möchte, braucht nur eine klitzekleine Rätselfrage beantworten:

Wie heißt die Hauptstadt von Myanmar?

Einfach die Antwort unten in einen Kommentar schreiben und dabei eine gültige E-Mail-Adresse hinterlassen (die wird nicht veröffentlicht, wenn ihr sie im entsprechenden Feld eintragt). JedeR ab 18 Jahren darf EINmal teilnehmen. Bei mehr als einer richtigen Antwort entscheidet das Los, und der oder die GewinnerIn wird am Donnerstag, 24. April 2014 per E-Mail benachrichtigt. Ich gebe keine Daten an Dritte weiter, versende das Buch nur innerhalb Deutschlands und schließe den Rechtsweg aus. Viel Glück!


Nachtrag am 25. April 2014
Zur Auflösung des Rätsels und Gewinner-Bekanntgabe geht es bitte hier entlang.

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Montag, 9. September 2013

herbst. zeitlos.

- rosenworte zum montag -

der späte sommer ist "meine" jahreszeit. deswegen heißt er auch altweibersommer. es ist die zeit der zeitlosen gewächse. nicht rose noch lilie und dennoch schön anzusehen, wenn der herbst kommt:

Weder Krokus noch Safran: Herbstzeitlose

der gärtnerin ein hübsches glück, der landwirtin eher unglück ist die lila herbstzeitlose: hochgiftig für mensch und tier. in der homöopathie hingegen gilt sie als heilend gegen gicht.

so hat denn auch diese schönheit ihre zwei seiten, mindestens - je nach standpunkt der betrachterin. ich bin sehr froh, dass es in unserer durch und durch optimierten und rationalisierten zeit noch orte gibt, an denen blumen auch mal giftig sein dürfen, ohne dass ihnen gleich mit dem flammenwerfer zuleibe gerückt wird.

Wiese am Kirnbergsee, Hochschwarzwald
zeitlos. zwecklos. unbehelligt vom botanischen rassismus, der unweigerlich in einen pflegeleichten rentnergarten gipfelt. deswegen augen auf, damit uns das erspart bleibe:

"trau nicht dem ort,
an dem kein unkraut wächst"

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Montag, 12. August 2013

wünsch dir was

- rosenworte zum montag - 

heut nacht kommt die erde dem meteorstrom der perseiden besonders nahe, bis zu hundert sternschnuppen pro stunde können wir dann am sommerhimmel sehen, direkt unterhalb der kassiopeia.

wenn denn das wünschen wieder hilft, bin ich gerne ganz vorne mit dabei!

Sweet Pretty (Meilland 2005)

auch in japan kennt man den brauch, sich beim entdecken eines "fließenden sterns" (流れ星 nagare-boshi) etwas zu wünschen. nicht nur bei schnuppen, sondern bei allem sternförmigen ist wunscherfüllung in aussicht - denn das wort hoshi 星 für stern ist homophon* (gleichklingend) mit dem verb hoshii 欲しい  für 'haben wollen'. deswegen gehört beides untrennbar zusammen: einen stern sehen und sich etwas wünschen - das ist in japan eins!

wenn die grillen im rosenduft der sommernacht ungeduldig zirpen, 
wenn sternschnuppen wunschlos glücklich dein haar zerstöbern -
dann ist das ein gruß von mir.


ps.
wem es die nacht heute bewölkt, die sei beruhigt: die perseiden sind noch bis etwa 27. august in planetennähe - nur heut nacht ab etwa 22 uhr bis gegen halb fünf in der früh kommt der höhepunkt des sternenregens auf uns zu. hier z. b. wird alles sehr anschaulich erklärt.


pps.*
jaja. ich weiß, dass laut neuer deutscher rechtsverschreibung die schreibweise homofon empfohlen wird. aber das geht doch nicht. nein das geht wirklich nicht.

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Sonntag, 18. Dezember 2011

wespen-stresstest

auch in diesem jahr hatte das büro für besondere maßnahmen im außenbereich wieder mehrere wespennester.

die letzte wespe 2011

im laufe der jahre habe ich mich daran gewöhnt, die wohnung nicht nur mit der katze, sondern auch mit allerlei anderen - nicht persönlich von mir eingeladenen - lebewesen zu teilen. schließlich bin ich hier auf dem lande.

was die wespen angeht, so kann ich inzwischen mehrere arten auf den ersten blick unterscheiden.

die feldwespen installieren ihre papierleichten kugelnester gerne unter der schrägen abdeckung meiner dachfenster. das erlaube ich ihnen bei den fenstern, die ich nur selten öffne: das zweite badezimmerfenster zum beispiel und das oberlicht im treppenhaus.

für alle anderen dachfenster habe ich einen rigiden wespennester-baustopp verhängt, den ich bei beginn der nest-bautätigkeiten im frühjahr persönlich aufs strengste überwache: schließlich will ich das büro für besondere maßnahmen lüften können, ohne von wespen gestochen zu werden.

jeder noch so kleinste ansatz von nestneubau wird daher sofort wieder entfernt, bis die wespen aufgeben. das ist ein heiterer wettkampf, der sich über wochen hinzieht: ich muss täglich alle fenster kontrollieren!

neu in diesem jahr war eine kolonie von wespen, die es sich außen am kühleren nordbalkon hinter der verkleidung des rolladenkastens gemütlich gemacht hatte. es waren hunderte! mit dem ergebnis, dass ich dort den sommer nicht ein einziges mal gewagt habe, das fenster von außen zu putzen.

wegen des langen sommers und des milden herbstes hier im markgräflerland hatten die balkonwespen ihr nest sehr lange in betrieb. als es kühler wurde, kamen sie zu dutzenden in die wohnung, klüngelten schläfrig und fast unbeweglich grüppchenweise in irgendwelchen ecken und lagen schließlich tot auf dem teppich. hunderte.

gestern beim staubsaugen fand ich die - hoffentlich! - letzte wespenleiche.

meine wespen sind zum glück ziemlich friedlich – zumindest mir gegenüber. gestochen hat mich dieses jahr nur eine. es war irgendwann anfang oktober, alle schon müde. ich saß bei offener balkontüre am schreibtisch, sie konnte kaum noch fliegen, krabbelte desorientiert auf dem teppich herum, mir über den nackten fuß und hinauf unter das hosenbein. ich bewegte mich, ZACK!

der stich vorne auf dem rist in knöchelhöhe hatte es in sich. ich entwickelte eine allergische reaktion. der ganze fuß schwoll so dick an, dass ich nicht mehr in die schuhe passte. nur noch in flipflops. der ganze fuß tat weh. heftiges brennen und jucken sowieso. die stichstelle wurde rot und innen hart. der knöchel war kaum zu bewegen.

inzwischen ist alles wieder gut. der fuß geheilt, das große wespennest verlassen.

fürs kommende jahr muss ich mir etwas neues überlegen. nicht auszudenken, wenn die nächste wespe näher am herzen sticht oder gar im gesicht. wenn ich auch da allergisch reagiere, ist damit nicht zu spaßen.

der hiesige wespenbeauftragte sagte zwar, dass die wespen nicht zurückkommen würden, weil sie nicht zweimal am selben ort ein nest bauen. ich bin jedoch nicht sicher, ob die balkonwespen das auch wissen und sich an die meinung des wespenexperten halten werden.

die feldwespen kommen schließlich auch jedes jahr zurück an „ihre“ dachfenster.

Sonntag, 6. November 2011

honig sei dank!

kurze maßnahme no. 24

da ich alleine lebe, passiert in meinem alltag nur selten etwas, das ich nicht selbst geplant und vorbereitet habe. noch seltener passiert es, dass sich in meiner wohnung dinge befinden, die ich nicht selbst hereingetragen habe.


genau ein solches ding aber fand sich vor einer woche bei meiner rückkehr aus dem krankenhaus auf meinem großen tafeltisch: ein hübsches kleines päckchen, eingewickelt wie früher in glänzendes braunes packpapier und sorgfältig von hand beschriftet.

was das wohl sein konnte? und von wem? ich kramte in meinem hochkarätigen kombinierkästchen nach möglichkeiten: hatte ich etwas bestellt oder bei ebay ersteigert, das noch nicht angekommen war? auch geburtstag hatte ich nicht, hochzeitstag habe ich keinen und pulitzerpreise kommen nicht mit der post.

ich liebe geheimnisvolle pakete, dann bin ich wie ein kind: ritschratsch runter mit dem papier und reingeguckt!

ein honig war drin, von maltesischen bienchen im thymian gesammelt, den mir eine treue leserin von ihrer ferienreise mitgebracht und quer durch die republik geschickt hat. dazu ein paar schnuckels für den katzebutz und ein handgeschriebener brief.

sehr geehrte Frau Dinktoc, mit diesem geschenk haben Sie mich zu tränen gerührt. zum einen, weil ich honig so sehr liebe. zum anderen, weil es gar nicht anders sein kann, als dass Sie die ganze zeit an mich gedacht haben: vor dem einkauf, beim aussuchen, bezahlen, transportieren, verpacken, zur post bringen. so viel zuwendung! zum dritten, weil ausgerechnet honig so schwer(wiegend) ist im koffer und heikel. nichts ist trauriger als klebrig süße scherben im gepäck.

der honig ist köstlich und kostbar – und stillt meine unterschwellige sehnsucht nach südlicher zuwendung.

ich freue mich sehr und sende ein herzliches DANKE!!! welch eine besondere maßnahme! dafür hätten Sie glatt noch einen preis verdient!

möge das gute, das Sie aussenden, in vielfacher weise zu Ihnen zurückkehren.


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Donnerstag, 2. Juni 2011

schön sein. schön bleiben.

bevor heute abend deutschlands näxt top modell (gntm 2011) in die drittletzte runde geht, möchte ich schnell noch ein paar gedanken äußern zu fraulichen äußerlichkeiten.


es ist ja nicht neu, dass viele frauen meinen, sie müssten ihr äußeres verändern und sich körperlich, geistig und seelisch den jeweils aktuell als schön angesehenen normen anpassen – um überhaupt gesehen zu werden; schlimmer noch: um sich überhaupt sehenswert und wahrgenommen zu fühlen.

ich schließe mich da leider nicht aus und befinde mich in bester gesellschaft:

das war schon zu sapphos zeiten so, in ihrem mädcheninternat auf der wunderschönen insel lesvos, vor zweieinhalb jahrtausenden: wimperntusche war damals aus gebranntem kork.

auch kleopatra, die herrin der vollkommenheit, benutzte dekorative kosmetik aus edelsteinpulver und badete in ziegen- oder eselsmilch. lebte sie heutzutage, dann sicher nicht ohne personal trainer.

im mittelalter schmierten sich die frauen hochgiftiges bleiweiß ins gesicht, denn nur blasse haut war vornehm. das kostete nicht nur viel geld, sondern auch die gesundheit.

schon immer waren auch mit dem aussehen sich befassende sprichwörter widersprüchlich. einerseits „wahre schönheit kommt von innen“ - andererseits „die inneren werte einer frau sieht man(n) nicht auf den ersten blick.“

denke ich an die neuzeitliche perversion innerer qualitäten in form von silikonbusen, möchte ich den buchstaben „h“ in „wahre“ am liebsten weglassen.

wenn ich den silikongriff meines bügeleisens betrachte oder die neumodische kuchenbackform – wie gammelig die schon nach kurzer zeit aussehen …. so was in meiner brust oder sonstewo im körper?! nee. näh!

in meiner bibliothek steht ein buch aus dem präsilikonischen zeitalter. „schön sein – schön bleiben“ heißt es, von Lilo Aureden, erschienen 1955 im bertelsmann verlag. es ist älter als ich, irgendwann als studentin habe ich es der mutter abgeschwatzt.

wenn ich mich mal so richtig amüsieren und gleichzeitig gruseln will, dann nehme ich dieses buch zur hand. es ist schon etwas vergilbt, die schrift wirkt altmodisch. dafür ist es voller charmanter zeichnungen sowie wunderbarer schwarzweiß- und farbfotos.

das beste: mein buch ist gleichzeitig übersprudelnder quell allgemeingültiger, zeitloser schönheitstipps als auch immerwährender heiterkeit: mein wirtschaftswunderkosmetikknigge.

egal ob haare gesicht figur geschmack pediküre minderwertigkeitskomplexe falten männer oder haferflockensuppe: frau aureden kannte sich mit allem aus. manches kommt einem heute seltsam abstrus vor, anderes wiederum ist sehr „vernünftig“.

viele der tipps finden sich – leicht abgewandelt - auch heute noch in den ..igitte-zeitschriften dieser welt. sie werden wahrscheinlich nicht erst seit 1955 alljährlich wieder aufgewärmt – und fraglos auch von den heutigen top models noch beherzigt.

„Locker sei der Gang … ein federnder Katzenschritt, nicht betont und nicht nachlässig, aber gelassen! (50)“ den catwalk üben sie heute noch – wenn es sein muss wie anno dunnemal mit einem dicken buch auf dem kopf.

nur die absatzhöhe war damals eine andere: der berufstätigen frau wurde ein grundbestand von vier(!) paar schuhen empfohlen (385): ein paar schwarze pumps (4cm hoch), ein paar braune trotteurs (ebenfalls 4cm hoch), ein paar „gute“ für einladung und gesellschaft (> 4 cm) und ein paar leichte flache weiße sommerschuhe.

nix da mit 15cm high heels! die gab es bis vor kurzem sowieso nur im sexshop. frau klum, die eiserne laufstegschönheit, hat sie uns angezwungen. kaum zu glauben, dass dieselbe frau auch korkfussbettpantoletten designed (hat).

meine schönseinbibel sagt: „Der Schuh ist für den Fuß da, nicht umgekehrt (386).“ genau. sehr „vernünftig“.

sehr amüsiert hingegen hat mich der busenwickel. er erinnert mich daran, wie damals in japan meine geisha-mamasan mir die 75C-brust flachgebunden und die schlanke taille mit einem handtuch ausgestopft hat, damit der kimono auch richtig saß.

die idealsilhouette für eine japanerin ist nicht wie bei uns die einer cocacola-flasche, sondern ähnelt eher einem ess-stäbchen.

mein journalistischer selbstversuch mit der angeblich von den pariserinnen bevorzugten brustbandage (283) ist bislang an der fehlenden anwesenheit von geeigneten hilfspersonen gescheitert:

immerhin muss die behandlung mit in essigwasser getränkten stoff- und elastikbinden drei mal überkreuz gewickelt, mit leukoplast befestigt und „sechs wochen hintereinander zweimal wöchentlich“ durchgeführt werden, später wöchentlich einmal und am ende alle vier wochen.

nach einem halben jahr wird eine dann für ihre ausdauer belohnt, angeblich. und zwar mit einem „kunstvoll nach oben gebetteten busen“. na dann gute nacht, mein herz!

wenn ich all diese tipps auf den über 450 kleinstbedruckten seiten nur schon früher beherzigt hätte, ach! aber jetzt ist es zu spät, mein geschmack is(s)t verirrt, die figur ruiniert, eine freie radikale „läuft, Ohne Haube, ohne Kragen, Schlotterbusig durch das Land (H. Heine)“. wie sonst?!

dennoch geht mir auredens gnadenloses geschmacksurteil nicht aus dem kopf: „Ältere Damen können sich nur die Kombination Schwarzweiß oder umgekehrt, auch Taubengrau mit Schwarz und Taubengrau mit Weiß gepunktet leisten (367).“

ich tu alles, meine liebe, aber niemals nicht weiß gepunktet!

frau aureden! frau klum! und alle anderen selbsternannten oder ferngesteuerten schönheitspäpste und -päpstinnen dieser welt, wisst ihr was?!

so lange ich schön bin, ist mir mein aussehen egal!


Lilo Aureden, Schön sein - schön bleiben
C. Bertelsmann Verlag Gütersloh 1955, 480 Seiten


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Mittwoch, 11. Mai 2011

in der blauen bar

eine erfundene memoire

lässig schiebt sie sich auf einen hocker, lehnt sich an die theke und grinst erwartungsvoll. angelos, ihr lieblingskellner, hat sie nicht kommen sehen. er steht mit dem rücken zu ihr und ist gerade damit beschäftigt, einen berg frischen joghurt auf ein müsli zu türmen. liebevoll verziert er die portion mit weintrauben, bananenscheiben und schokostückchen. dann krönt er das luxusfrühstück mit einer goldgelben honigspirale.

In the Blue Bar, πλατεία σαπφο, 1986

er ist so konzentriert in seiner arbeit, dass er anna noch nicht einmal im spiegel bemerkt. anna liebt es, ihm bei der arbeit zuzusehen. sie hält das für einen perfekten tagesbeginn: angelos lächelt sanft vor sich hin, jeder handgriff sitzt, er tanzt sein persönliches müsli-ballet. die blue bar ist berühmt für ihr frühstücksmüsli mit sahnejoghurt und orangenblütenhonig. manch ein tourist kommt nur deswegen hierher.

da sind sie alle gleich, die deutschen touristen, denkt anna: otto dumpfbacke will am ballermann auf mallorca sein wiener schnitzel, und emma rucksacktouristin will mitten in der ägäis ihr biomüsli. gehupft wie gesprungen: hauptsache, in der fremde ist es nicht allzu fremd, sonst fühlen wir uns nicht richtig wohl.

angelos ist fertig mit seinem werk, dreht sich um und strahlt sie an: „guten morgen du schöne. was darf es sein?“ anna schluckt. dieser mann schafft es noch nach mehr als fünfundzwanzig jahren, sie mit einem einzigen blick zu verzaubern. angelos, der engel, strahlt nicht nur mit den augen, nicht nur sein mund lächelt. dieser mann ist glücklich im leben, und davon möchte er aller welt etwas abgeben.

„einen milchkaffee bitte, extra stark.“ strahlt anna zurück. angelos hätte nicht fragen brauchen. so lange kennen sie sich. aber es gehört zum ritual. „möchtest du ein glas wasser dazu?“ auch das fragte er sie jedes mal. er hatte ihr einmal erzählt, dass er sich hüte, seine gäste in schubladen zu stecken. es sei das geheimnis seines erfolgs, jeden gast auch beim hundertsten mal noch so zu behandeln, als ob er gerade eben die blue bar zum ersten mal betreten hätte. angelos verschenkte aufmerksamkeit und respekt. seine gäste belohnten ihn mit treue.

so vieles hatte sich geändert in dem kleinen dorf direkt am meer: skala eressos auf der insel lesbos. mitte der achtziger jahre hatte sie diesen strand für sich entdeckt; den feinen sand, der doch grob genug war, um nicht in allen ritzen lästig festzusitzen; die türkisblaue, kristallklare bucht mit der kleinen vorgelagerten insel, der all ihre sehnsucht galt.

jetzt bin ich wieder hier. nach all den jahren. anna seufzt und nippt am heißen milchkaffee. der ist so, wie er sein soll. das ist beruhigend, wenn nach so vielen jahren nicht nur fremde sie empfängt. so vieles ist anders. hat sich verändert. nicht nur hier. auch in annas leben.

aber die blue bar ist geblieben und lebt. angelos strahlt wie eh und je, ist nur ein bißchen runder geworden. noch mehr lachfalten. mit einem sanften stubser holt er anna aus ihren gedanken zurück ins hier und jetzt: „schau mal, da kommt miranda. sie hat käsekuchen gebacken. magst du ein stück?“

„unbedingt. ein großes! kalimera miranda, ti kanis?!“ anna lacht. nie hätte sie erwartet, auf einer griechischen insel kurz vor der türkischen küste den leckersten käsekuchen ihres lebens zu essen.

σκάλα ερεσού, λέσβος / μυτιληνη 1986

miranda, die wunderbare, war damals angelos freundin gewesen und hatte ihn in der blue bar unterstützt. irgendwann zwischendurch hatte sie ein paar jahre in deutschland verbracht und eine ausbildung zur konditorin gemacht. in einem fünf-sterne-haus. typisch miranda. dachte anna. sie kennt keine kompromisse und will immer nur das beste. das war schon damals so. ihr herzlicher, zupackender ehrgeiz hatte die blue bar wirtschaftlich stabil gemacht. jetzt stehen ihre torten und pasteten in allen reiseführern.

„und ich darfs essen...“ der käsekuchen ist köstlich, anna grinst vergnügt. hinter der theke stehen miranda und angelos arm in arm und strahlen sie an.

„weißt du noch, wie dein flugzeug nicht starten konnte, weil so ein schrecklicher gewittersturm war, damals, anfang mai? und wie du mit dem taxi zurückgekommen bist, den ganzen weiten weg vom flughafen ans andere ende der insel hierher zu uns nach eressos mitten in der nacht? wir haben uns sehr darüber gefreut, dich noch ein weilchen um uns zu haben!“

miranda freut sich wirklich, mich wiederzusehen. denkt anna und erinnert sich an dieses schöne frühjahr. fast zwei monate hatte sie damals hier verbracht mit einer übersetzung im gepäck: vormittags dicke wörterbücher und japanische lyrik auf der terrasse des ferienhauses, nachmittags strandleben und abends die bar. der verpasste flug hatte ihr eine aufenthaltsverlängerung von zwei wochen beschert.

anna schaut auf von milchkaffee und käsekuchen, blickt in die strahlenden gesichter und fragt sich wehmütig „warum eigentlich bin ich damals nicht für immer hier geblieben?“

im memoriam blue bar, plateia sappho, skala eressos (mytilini/lesvos), 1986


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Mittwoch, 13. April 2011

hohle frau

eine prachtvolle orchidee hängt im büro für besondere maßnahmen im dachschrägenfenster. das ist dasselbe fenster, das mir die immergleiche und doch täglich wechselnde aussicht auf den b-berg bietet.

Coelogyne Cristata

die orchidee ist ziemlich alt. sie hing schon im büro für besondere maßnahmen, als das büro für besondere maßnahmen noch gar nicht so hieß.

als ich das reinweiße wunder damals im orchideenfachgeschäft meines vertrauens entdeckte, bin ich wochenlang um sie herumgeschlichen. immer wieder hingefahren. immer wieder überlegt, ob ich sie kaufe oder nicht. sie war sehr teuer, und eigentlich konnte ich sie mir nicht leisten. aber ich wollte sie. oh ja.

in solchen fällen neige ich zu magischem denken: ich legte eine zwangspause ein, ging eine ganze weile nicht hin. in der hoffnung, dass sie dann verkauft wäre und ich mir das geld sparen könnte. ist sie nach einer woche noch da, dann ist das ein untrügliches zeichen, dass sie zu mir will. dann muss ich sie kaufen, egal was es kostet.

sie war noch da. auch nach zwei wochen noch. sie wollte zu mir. so sollte es sein. ich schob viel geld über den ladentisch. die kasse klingelte. der orchideenmann hat seinen laden inzwischen geschlossen.

damals habe ich sie wegen ihrer besonderen form geliebt und wegen der großen, reinweißen blüten an hängenden rispen. der name „coelogyne“ sagte mir nichts. es stand nur dabei, dass sie im himalaya heimisch ist, in höhen bis 2500 metern. schöne gegend! da war ich schon mal.

sie ernährt mich also nicht nur optisch, sondern stillt auch - ein bißchen - mein nimmersattes fernweh.

in asien entdeckt und nach europa gebracht wurde diese orchideenart in der ersten hälfte des 19. jahrhunderts. sie war sehr beliebt und viel leichter in der wohnung zu halten als heutzutage - weil sie es im winter kühl mag und es im biedermeier noch keine zentralheizung gab.

vor einer weile erfuhr ich, dass ihr name „coelogyne“ griechischen usrpungs ist und „hohle frau“ bedeutet. ich war entsetzt!

es gab zeiten, da wurden ihre blüten in den brautstrauß gepackt. weil sie so jungfräulich weiß sind. verbunden mit dem frommen wunsch, dass die jungfräuliche braut in unschuldigem weiß, die also noch 'hohle' frau doch bitte alsbald gefüllt werden und zahlreiche nachkommen in die welt setzen möge.

ob dieser brauch entstand aufgrund des namens - oder ob die weiße orchidee ihren namen erst später erhielt aufgrund des brautstraußbrauchs, das habe ich nicht herausfinden können.

als ich von der namensdeutung erfuhr, war ich wirklich irritiert. ich befürchtete, dass die coelogyne mir mit all ihrer schönheit vielleicht gar nicht zusteht, weil ich doch niemals eine braut war.

aber je mehr ich darüber nachdachte, desto mehr wurde mir klar: ich bin genau der prototyp der coelogynenfrau! weil ich keine kinder habe. mein bauch war immer hohl, wenn man von ein paar tennisballgroßen tumoren absieht.

aller voraussicht nach wird das auch so bleiben. ich habe nicht vor, zum medizinischen sonderfall zu werden.

seitdem ich weiß, dass meine coelgyne die blume der hohl gebliebenen frauen ist, verschenke ich ihre ableger an andere frauen, deren kinderpalast immer unbewohnt war. frauen, die niemals einem kind das leben schenken konnten oder - je nach persönlicher einstellung - von der gebärplage lebenslang verschont blieben. sie ist sehr beliebt.

an das leben mit zentralheizung hat sich meine hohle frau inzwischen gewöhnt. was das blühen angeht, ist sie allerdings sehr eigenwillig. das tut sie nicht jedes jahr. manchmal mehr, manchmal nur ganz ganz sparsam. wenn sie blüht, dann im januar/februar: immer um meinen geburtstag herum.

in diesem jahr, in dem ich 49 wurde, blühte sie besonders üppig.

7mal7, das ist eine besondere zahl im leben einer frau. es beginnt der große wechsel. mehr noch als die pubertät ist dieser wechsel so gewaltig, dass er auch so heißt. die reproduktionsfähigkeit geht nicht nur in die pause, sondern ihrem ende entgegen, der hormonladen wird stück für stück geschlossen.

ehrlich gesagt, ich freue mich darüber. am meisten freue ich mich drauf, wenn der monatliche zinnoberfluss endgültig versiegt. er macht sich schon rar, ich bin dankbar und erleichtert.

meine roten tage waren immer schier endlos, sehr stark und mit heftigen schmerzen verbunden. in den betten der welt habe ich blutige spuren hinterlassen. für manche schäme ich mich noch heute.

Odontoglossum

gleich im anschluss an die weiße blüht meine blutrote orchidee. sie heißt odontoglossum. das ist ebenfalls griechisch und bedeutet „zahnzunge“.

das wiederum gefällt mir ausgesprochen gut, und zwar im übertragenen sinne einer „scharfen sprache“, die mit geschliffenen wörtern genau das sagt, was ist.

wenn ich also mal zu einer sage „du hast zähne auf der zunge!“ - dann ist das ein großes kompliment.

falls jetzt einer daherkäme und behaupten wollte, ich hätte nicht nur zähne auf der zunge, sondern auch haare auf den zähnen, so kann ich nur antworten:

„das mag sein. aber die sind immer gut gekämmt.“


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Freitag, 21. Januar 2011

auf linie

um nicht völlig in der winterdepression zu versinken, bemühe ich mich, jeden tag mindestens eine halbe stunde vor die tür zu gehen. in die weinberge. das kostet kein geld. das ist wichtig.


das schwierige ist nicht das spazierengehen. ich laufe sehr gerne. das schwierige ist die einsamkeit. wenn eine den ganzen tag allein ist, sich selbst zum gedankengang allein vor die tür schickt, alleine draußen durch die reben stapft und auch beim nachhausekommen niemandem erzählen kann, was sie gesehen hat, was sie gedacht hat – das ist .... folter.

ich stecke mir den mp3 ins ohr. ich höre musik oder ein buch. es bleibt einsam. rebstockreihe auf und rebstockreihe ab kullern die tränen. all die jahre schon.

das andere schwierige ist die eintönigkeit, reihe um reihe. das gleichförmige, das im winter umso deutlicher wird, wenn auch das letzte bißchen grün vom schnee verschluckt wird, alles nur noch schwarz und weiß scheint: landwirtschaftliche einöde. in alle richtungen.

da stehen sie in reih und glied, die rebstöcke. gezüchtet auf höchsten ertrag, beste klimatauglichkeit. neuerdings werden neue rebenreihen mit größerem abstand gepflanzt. weil immer weniger von hand geerntet wird. nicht mehr menschen mit eimern und kleine weinbergs-trecker müssen durchpassen, sondern große laute weinbeerengefräßige erntemaschinen.

ich stapfe durch die reben. manchmal schnüre ich wie eine katze meine spuren auf eine imaginäre perlenkette. das immergleiche auf und ab langweilt mich. die reben wachsen an langen drähten. ausrutscher nach rechts oder links sind nicht vorgesehen. trotzdem fällt es mir schwer, ganz gerade linien zu laufen. die gleichförmige landschaft fessselt nicht meinen geist, erlaubt den gedanken das wandern.


aus den rebstockreihen im immer gleichen abstand werden linien im immergleichen abstand. der weiße schnee wird zu weißem papier. nicht meine schuhe hinterlassen spuren, sondern ich sehe meine hand die linien füllen, mit tinte. lustig hüpfende, schnörkelige buchstabenreihen. auch beim schreiben fällt es mir schwer, eine gerade linie zu verfolgen.

plötzlich sehe ich mich wieder in der schule, fünfte oder sechste klasse. die strenge deutschlehrerin. sie hatte immer etwas zu mäkeln, immer etwas zu kritisieren. weder meine aufsätze noch meine diktate waren ihr gut genug.

sie hielt an strengen vorgaben und formalien fest, die exakt zu kopieren ich nicht in der lage war. sie war eine sehr deutsche deutschlehrerin.

einmal hat sie mich vor der ganzen klasse runtergeputzt. weil ich meinen text nicht genau auf den linien geschrieben hatte. sie fauchte, dass sie es ja noch verstehen könne, wenn die schrift nicht immer genau an der linie bleibt und man die feder manchmal ein bißchen höher ansetzt. wie es aber sein könne, dass ich mit dem füller "ständig" unter die linie rutsche, das sei ihr völlig unverständlich.

wir sehen: schon als kind war ich nicht linientreu.

nachdem wir das geklärt hätten, wird mir der nächste rebengang leichter fallen.


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Mittwoch, 13. Oktober 2010

kaffeehaus

das tal versinkt im herbstnebel, mein büro ist heute völlig aussichtslos. nicht mal mehr die kirche ist noch im dorf.


was bin ich da froh, dass ich - gestern erst! – mir den luxus einer sonnigen kaffeehaussitzung gegönnt habe. für viele menschen ist das nichts besonderes, die machen das jeden tag. früher war das bei mir nicht anders. die lebensumstände haben sich geändert.

wenn eine am prekären rand der gesellschaft lebt, will jedes ‚die wohnung verlassen‘ sehr gut überlegt und geplant sein, denn es ist (fast) immer mit ‚geld ausgeben‘ verbunden: „wenn ich heute da und da hinfahre, reicht das benzin im tank dann in der kommenden woche noch für den arztbesuch in der stadt?“

ich hasse diese erbsenzählergedanken, aber ich muss sie mir machen. auf dem land sind die wege weit, ich habe nicht immer die kraft, alles mit dem fahrrad zu erledigen.

[.... genau an dieser stelle muss ich beim ‚schreiben im nebel‘ jetzt sehr sehr aufpassen, dass mir nicht nur jämmerliche gedanken und „esistallessoanstrengendleerundlieblosinmeinemleben“-sätze in die tastatur wollen. das ist schrecklich! vier mal schon habe ich neu angefangen mit meinem heutigen text]

also noch mal von vorne:

gestern war ein milder sonniger herbsttag. ich war mit dem rad in der großen stadt zu einem arzttermin. frühmorgens losgeradelt bei temperaturen knapp über null (auf den autoscheiben war noch frost), eingepackt in handschuhe, schal und mütze, konnte ich am mittag ohne jacke draußen bei fast 20 grad in der sonne sitzen. wonne!

kaffeehaussitzungen sind für mich selten geworden. ich tue dann so, als wäre ich im urlaub, nehme mein notizbuch und schreibe auf, was ich sehe, was ich denke.... nix literarisches, eher geschriebene skizzen. so, wie andere leute fotografieren oder bilder malen.

das 'schreiben in cafés' begleitet mich seit mehr als dreißig jahren. immer, wenn ich alleine unterwegs bin. viele meiner tagebücher sind an kaffeehaustischen entstanden. wenn ich das heute noch einmal lese, erinnere ich mich an die schönen aussichten von damals. und an das strahlende lächeln charmanter kellner, die mir den milchkaffee servierten, als wäre es der hauptgewinn im lotto.

wenn ich mit begleitung im café sitze, dann gucke ich gern leute und lästere übers volk. das hat mir mein arzt verordnet. ich soll auf keinen fall immer nur probleme wälzen und psychologisieren. „Das ist Gift für die Seele! Setzen Sie sich mit der besten Freundin auf einen Ausflugsdampfer, ziehen sie über die anderen Passagiere her und machen sich einen lustigen Nachmittag!“ das hat der gesagt. damals, in berlin.

ohne begleitung ist das schwer möglich: ich bin zu schüchtern, um laute selbstgespräche zu führen. also schreibe ich alles auf. das ist sehr erholsam für mein herz, ein kurzes ausruhen vom kargen leben im prekariat. tiefes aufatmen von der oft schwierigen organisation des alltags.

kaffeehaussitzungen zählen zu den besonderen maßnahmen. ich versuche, mir das so oft wie möglich zu schenken: der kleine luxus eines milchkaffees auf der sonnenseite gehört zu meinen lebensnotwendigkeiten. auch wenn die aussichten nicht mehr so schön sind und das lächeln der kellner gerade noch für einen trostpreis reicht.


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Donnerstag, 7. Oktober 2010

vertrauenssache

es hat ein bißchen was von schlaraffenland. ich gehe im dorf spazieren oder bin mit dem rad unterwegs im markgräflerland. immer wieder sehe ich da unterwegs ein tischlein-deck-dich - am straßenrand, an der hausecke, vor einer gartenmauer ....

weinbeeren: gutedel

je nach jahreszeit frisch bestückt mit allem, was der private garten gerade so hergibt – und was die gärtnerin im augenblick selbst nicht verwerten kann.

jetzt im herbst sind das weinbeeren, kürbisse, äpfel, nüsse. im frühjahr spargel, erdbeeren oder kirschen. blumen der saison aus dem bauerngarten. im sommer gemüse und kräuter, frisch gekochte marmeladen und gelees, manchmal in abenteuerlichen kombinationen wie zum beispiel birne-rosmarin.

früchte und gemüse: markgräflerland

immer liegt eine preisliste dabei. oder es kleben kleine schilder auf der ware. eine kasse steht auf dem tisch, manchmal eine kaffeedose mit schlitz im deckel oder ein sparschwein. kein mensch weit und breit. das bißchen, was der garten übrig hat, reicht nicht für einen eigenen laden, geschweige denn für den verkauf irgendwo anders.

die ernte teilen: herbst 2010

die dorfbewohner teilen ihre ernte mit den nachbarn. wie ich das liebe! ich nehme, was mir gerade in den speiseplan passt, freue mich riesig über frische ware, zudem meist noch bio – und zähle mein kleingeld passend ab.

dieses vertrauen rührt mich so sehr an, dass ich es mit dem herzen kaum fassen kann. und nie, aber auch wirklich niemals käme ich auf die idee, an einem solchen ort die zeche zu prellen.


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Sonntag, 8. August 2010

hafenratte

was meerwasser angeht, so gehöre ich eher zu den leuten, die hauptsächlich darin herum plantschen.

es gibt andere, die bauen mit stoffbahnen überspannte hohlkörper, um sich auf und über das wasser zu bewegen.

warnemünde: leuchtturm / hanse sail 2010

das findet die meeressüchtige landratte in mir spannend. also bin ich gestern nach warnemünde geradelt und habe mir das große segelboot-meeting angesehen, die hanse sail 2010 in rostock.

ich war beeindruckt. stundenlang konnte ich auf der kaimauer am hafen sitzen, mit den beinen baumeln und schiffe gucken. das war gigantisch schön! etwas so erhabenes und erhebendes habe ich selten erlebt. so viele so große segelschiffe auf einmal habe ich sowieso noch nie gesehen.

wie ein kind habe ich gestaunt, habe mich sehr frei gefühlt, leicht und heiter - und konnte diesen therapiepausensamstag so richtig genießen.

von dem klinik-alltag hier mag ich zur zeit noch nicht erzählen. nur so viel, dass ich es sehr sehr anstrengend finde. die öffentlichen mahlzeiten zu eng gesteckten zeiten, wenn ich weder appetit noch hunger habe. die vielen fremden menschen, immer und überall. ich passe mich ein, so gut es geht.


ps.
die acht ist meine glückszahl. dass ich ausgerechnet am 08. august meinen 88. post veröffentliche, freut mich. es war nicht geplant.


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Mittwoch, 14. Juli 2010

ein wespennest gestochen

vier stück. in jedem dachfenster eines. wespennester. kleben von außen unter der abdeckung der fensterrahmen. seit wochen schon. ungefähr zehn zentimeter im durchmesser. pro stück zwei bis drei dutzend wespen. oder mehr.

nestbau: gallische feldwespen

womöglich schon seit jahren, jedes jahr wieder - und ich habe sie erst dieses jahr entdeckt. zumindest eines war schon im vergangenen jahr da. das eine am großen bürofenster. das mit der schönen aussicht.

entdeckt habe ich die tierchen, als im spätsommer die schwarzen larven aus den waben rutschten, bei geöffnetem fenster auf mein sofa glitschten und doofe schwarze flecken hinterließen. zuerst dachte ich, da scheißt mir was in die wohnung. aber niemand hat mich beschissen.

das waren wespenlarven. weil das nest nicht waagerecht gebaut ist, sondern schräg über kopf. komisch, dass die wespen das nicht wissen. man baut doch kein nest mit larvenrutsche.

bei mir jedenfalls purzelten ihre larven auf den teppich. erst fand ich's eklig. dann habe ich mich informiert. nicht gefräßige deutsche wespen siedeln an meiner hütte, sondern zierliche gallische feldwespen. die sind geradezu friedfertig unanggressiv und sehr nützlich. jedenfalls stechen sie fast gar nicht. sind also harmlos.

danach fand ich meine zahlreichen schwarzgelben mitbewohnerinnen eher spannend: alles, was sich um die moskitos in meiner nähe kümmert, ist mir willkommen.

in diesem jahr habe ich das erste nest entdeckt, als ich während der beginnenden hitzewelle ein großes nasses tuch von außen auf das dachfenster gelegt habe. das mache ich jeden sommer. für die verdunstungskühle. das hilft mir, in der wohnung nicht allzu sehr zu schwitzen. sonnig warme südwestseite, die mit der schönen aussicht.

als ich etwas ungelenk mit dem großen schweren handtuch hantierte, haben sie sich wohl gestört gefühlt. eine von allen hat mich gestochen. es war weniger schlimm als ein mückenstich, tausend mal harmloser als ein bremsenbiss.

erst hatte ich angst. dann habe ich mich noch einmal schlau gemacht. habe überlegt, das nest entfernen zu lassen. wespen stehen unter naturschutz. kann ich nicht selbst machen. da muss ein wespenbeauftragter her. ist allein auch zu gefährlich. ein wespenbeauftragter kostet geld. geld habe ich nicht so viel.

hin und her habe ich überlegt. eine freundin sagte „das musst du nicht selbst zahlen. ist vermietersache. das nest ist da schließlich, weil die baulichen gegebenheiten das möglich machen.“

ich habe weiter hin und her überlegt. den vermieter informieren? der schert sich einen dreck um naturschutz, streicht nur mit totenkopfgiftiger farbe, fährt ein benzinverbrauchsintensives auto. er gehört zur goldenen generation: kurz nach dem krieg geboren, ein leben lang nur aufschwung erlebt, von der lehre bis zur rente im selben betrieb – er kann es sich leisten, unseren planeten zu verprassen.

die armen wespen. hätte ich dem vermieter davon erzählt, der wäre gleich mit der giftspritze gekommen, hätte alle nester effektiv und gnadenlos ausgeräuchert: mich, meine wohnung und die katze wahrscheinlich gleich mit.

ich konnte mich nicht entscheiden. da die wespen wirklich nicht aggressiv sind und sich im grunde für nichts interessieren außer ihren nestbau, habe ich sie erst mal geduldet.

so nach und nach entdeckte ich an allen anderen schrägen dachfenstern je eine weitere dieser akkuraten architektonischen naturschönheiten, gebaut von gallischen feldwespen.

ich gewöhnte mich daran. so leben wir nun schon seit mehreren wochen als hausgemeinschaft. vier wespennester und ich. erstens bin ich sowieso nur noch bis ende des monats hier. wenn ich dann zurück komme im september, ist die wespenflugsaison quasi vorbei. kein grund zur panik.

kein drama also, die wespen und ich. bis gestern abend eines der nester sich löste und mir fast auf den kopf fiel: am fenster im bad, direkt über dem klo. da saß ich.

wenn so ein nest abstürzt, sind drei dutzend wespen irritiert. dann stechen sie natürlich doch, weil sie angst haben um ihre brut: die arbeit eines ganzen sommers dahin, das lebenswerk von dreißig wespen zerstört.

also doch ein kleiner grund zur panik, aber ich hatte glück. das nest fiel mir nicht auf den kopf, sondern blieb hängen am fenstergriff. da hing es dann. direkt über mir. drei dutzend irritierte wespen.

ich wusste nicht, wie ich dieses noch bewohnte und bestens bewachte wespennest an einen absturzsicheren platz hätte bugsieren können, ohne selbst zerstochen zu werden.

nicht einmal das fenster hätte ich schließen können, ohne einen wespenaufruhr zu riskieren. das lose wespennest hätte jederzeit - auch ohne weitere erschütterung - vollends abstürzen können.

niemals in meinem leben hatte ich angst, dass der himmel mir auf den kopf fallen könnte. aber vor bewohnten wespennestern habe ich respekt. ich wäre sicher nicht daran gestorben. aber ich hatte angst.

da habe ich es getan. ich habe die giftspritzdose geholt und gut zwei dutzend französische feldwespen ermordet. es war vorsorgliche notwehr. es tat mir unendlich leid. das verlassene nest habe ich später in die dachrinne geschubst. es war ganz leicht.

nun sehe ich immer wieder wespen, die ganz ratlos umherfliegen an dieser stelle am badezimmerfenster über dem klo, wo bis gestern ihr arbeitsplatz war. ich bin zerknirscht. ich habe alle leichen um verzeihung gebeten. alle überlebenden auch.

jetzt habe ich nur noch drei wespennester. ich werde versuchen, bis zur abreise die fenster nicht allzu oft zu öffnen.


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Sonntag, 13. Juni 2010

zeit der kirschen

jedes jahr im juni treffen die ersten kirschen auf den letzten spargel. das ist eine ganz besondere zeit, die nur eine woche dauert, zehn tage vielleicht. denn der spargel wird hier im markgräflerland traditionell bis mittsommer geerntet. allerlängstens bis zum johannitag. danach nicht mehr, und der spargel „schießt ins kraut“.


die ersten kirschen sind regelmäßig reif am zweiten juniwochenende. trotz des langen winters haben sie das auch in diesem jahr wieder geschafft. nun gibt es eine gute woche lang beides: spargel und kirschen!

das zweite juniwochenende ist auch aus einem anderen grund eines meiner liebsten: der alljährliche keramikmarkt in breisach ist einer der schönsten, die ich kenne: unter großen alten bäumen auf der festwiese, zwischen rheinufer und alter stadtmauer treffen sich hier keramikkünstler von nah und fern.

soo schöne dinge bringen sie mit, dass ich mich gar nicht sattsehen kann. davon ernähre ich mich optisch für eine ganze weile. den kitsch übersehe ich geflissentlich! ich kaufe auch immer was – obwohl ich zu hause schon längst keinen platz mehr habe und meine kostbarkeiten – wie in einem museum – nur abwechselnd ausstellen kann.

für den marktbesuch nehme ich mir immer viel zeit, setze mich auch bisweilen zum plaudern an den stand einer freundin, schaue das volk an und lausche verkaufsgesprächen.

der letzte kunde gestern erwarb zwei sehr schwere und sehr schöne gefäße. er gab sich erst nach kompliziertem, kapriziösen und langwierigen hin und her über ausstattung, rabatt und zugaben zufrieden. dann, im gehen und schon ein paar meter vom stand entfernt, drehte er sich noch einmal um:

„vielen dank. sie haben mir ein sehr schönes erlebnis bereitet.“

meine keramikfreundin und ich, wir sahen uns grinsend an. das hatte geklungen, als ob er sich von einer hure verabschiedet.


ps.
die schöne keramik ist eine arbeit von beate weiß


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Mittwoch, 24. Februar 2010

kurze maßnahme no. 2: rosenhoffnung

es gibt ja so tage im leben, da passieren kleine wunder. oft sind das diese seltsamen koinzidenzen von scheinbar ganz unscheinbaren dingen, die mir eine große freude bereiten und - ja, wer weiß?! - mir sogar ein glücksgefühl bescheren können:


der schnee ist endlich weg, meine rosen draußen öffnen schon die augen. ein guter tag also, um mit der pflege zu beginnen und vorab ein bißchen was gegen den im sommer regelmäßig auftretenden pilzbefall zu unternehmen.

wie ich so mit der – bienchenungiftigen, versteht sich! - spritzbrühe hantiere (wobei ich sehr darauf achten muss, nicht gegen die ständig wechselnde windrichtung zu arbeiten), zupft louise odier mich mit ihren stacheln am ärmel und grinst mich an: sie hat – schneller als alle anderen! - ihr erstes blättchen entfaltet.

frech, keck und unerschrocken ob der fröste, die vielleicht noch kommen könnten: ich liebe sie! „ja, ich will,“ flüstert sie im vorfrühlingshauch, „bald wieder blühen, auf deinem schreibtisch verduften, dir beim wannenbad gesellschaft leisten und deine rosigste freundin sein.“

ich bin noch ganz gerührt von soviel rosenglück, mag mich kaum von louise auf dem garagendach verabschieden. zwischendurch fängt es an zu regnen, die sonne steht schon fast waagerecht überm tal, und wie ich mich umdrehe sehe ich das da:


so ist das also. es gibt zeiten, da wohne ich fast am fuße des regenbogens. auf jeden fall weiß ich wo er anfängt, und auch das ende ist gar nicht weit weg!


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Mittwoch, 10. Februar 2010

besondere maßnahme no VIII – haarsträubende haarausreißerei

wenn eine sich aufmacht, ein weblog zu schreiben, dann können die merkwürdigsten dinge passieren.


neulich vor ein paar wochen flatterte mir eine email auf die festplatte, von jener firma, deren geschichte vor fast achtzig jahren in kronberg im taunus begann - als apparatebauwerkstatt für elektrische haushaltsgeräte:

du schreibst in deinem Blog über die wichtigen Dinge im Leben einer Frau. Körperpflege gehört ja mit Sicherheit dazu. … Der nächste Sommer kommt gewiss und dann sind gepflegte Beine wieder ein Muss.... Deshalb haben wir für das "Büro für besondere Maßnahmen" ein besonderes Maßnahmen-Angebot: Hast du Lust den neuen Epilierer "Silk-épil Xpressive Wet&dry" aus dem Hause Braun zu testen? Wir möchten dich herzlich einladen, das Gerät auszuprobieren....

mein erster gedanke war: ist das ein witz?!

mein zweiter gedanke: die haben mich falsch verstanden. ich schreibe doch nicht über so‘n körperpflege- und kosmetikzeugs. wie kommen die dazu, mir vorzuschreiben, was zu den wirklich wichtigen dingen im leben einer frau gehört? für wen sind gepflegte beine ein MUSS? und wenn überhaupt, wieso dann nur im sommer? unterstellen die mir, dass ich im winter verlottere?!

mein dritter gedanke: die fahren eine geniale marketingstrategie, wenn sie nominierte weiberblogs als werbeträgerinnen rekrutieren – respekt!

meine gedanken no vier, fünf, sechs und sieben galten all meinen elektrogeräten von eben diesem hersteller, die mich zum teil schon seit jahrzehnten begleiten und längst teil meines alltags geworden sind: der verständnisvolle wecker, der auf zuruf verstummt; der haar- und tinnitusfreundliche flüster-fön; die zahnbürste, die so schön brummt und kribbelt und – mein olles epiliergerät!

mein achter gedanke: ein neues epiliergerät wäre schick. darf ich so korrupt sein?

dann habe ich aufgehört zu denken, auf den antwortebutton geklickt und nach den konditionen gefragt.

ihr habt richtig gelesen. epiliergerät. kreish! meterweise feministische literatur, die nicht nur im regal gesammelt sondern tatsächlich gelesen ist, jahrzehntelange lektüre von emma, deren redaktion in meiner schulmädchenzeit ja quasi um die ecke war von da wo ich wohnte, nächtelange diskussionen in der frauen-WG im berlin der achtziger jahre, in denen wir qualmten und soffen wie die kerle – es hat alles nichts genutzt:

ich verschwende einen nicht unerheblichen teil meiner kostbaren kognitiven, emotionalen, kreativen, zeitlichen und finanziellen ressourcen darauf, mein äußeres optisch den gesellschaftlichen gepflogenheiten und dem derzeit geltenden weiblichen schönheitsideal anzupassen. kurz: ich würde eher ohne unterhose aus dem haus gehen als ohne lippenstift.

einmal im monat kümmere ich mich auch um meine körperbehaarung und andere hornige auswüchse. einen guten rhythmus gibt mir der mond. da heißt es in den gängigen mondkalendern u.a., dass die tage, an denen der mond das sternzeichen steinbock durchwandert, besonders günstig seien für die intensive pflege der fuß- und fingernägel.

nimmt der mond dann gerade zu, wachsen sie schnell und fest wieder nach. angeblich. nimmt er ab, wachsen sie nicht so schnell nach, aber dafür gerade. angeblich. der abnehmende mond im steinbock eignet sich daher auch besonders für das entfernen von hornhaut und von körperhaaren, die frau auf dauer loswerden will. angeblich.

ob das stimmt, weiß ich nicht. aber es schadet nicht, wenn ich mich an diesen rhythmus halte und mein sonst so zerrissenes leben hier und da mit einem kleinen ritual etwas stabilisiere.

der abnehmende mond im steinbock, das ist heute, und deswegen steht in meinem filofax bei den tagesaufgaben ein mehr oder weniger kryptisches „haare weg“. ich weiß, was gemeint ist. das volle programm:

augenbrauen zupfen, die drei goldenen barthaare ausreißen, das eine haar auf der warze neben der rechten nasolabialfalte kurz schneiden, die achseln rasieren, bikinizone kritisch beäugen und die haare auf den schienbeinen entfernen.

und während ich das alles so mach‘, frage ich mich, wer denn eigentlich diese seltsamen haarigen regeln aufgestellt hat und wozu das alles gut sein soll. schönheitsideale sind sooo willkürlich!

hat schon mal eine von euch von irgendeiner kultur gehört, in der männer dazu angehalten werden, sich unter größten schmerzen und gefahren für die gesundheit ihrer körperbehaarung zu entledigen, einmal abgesehen von der unabdingbaren bartrasur?

mein bester schwuler freund würde sagen: mann mit bart ist sowieso OB doppelzehn. mit OB meint er nicht den baumwollstöpfel für die mens. männer unter sich sprechen von OB als OrgasmusBremse, auf einer skala von eins bis zehn. zehn wird getoppt von doppelzehn. OB doppelzehn geht also gar nicht. genau. mann mit bart geht gar nicht, das ist auch meine persönliche OB doppelzehn, da bin ich total tote hose. männerhaare gehören auf und nicht unter den kopf.

aber müssen männer sich die achselhaare rasieren? die badehosenzone epilieren? die brust enthaaren? nein. wozu auch?

wem nützt es, wenn ich die augenbrauen ‚in form‘ bringe und so lange daran herumzupfe, bis es aussieht, als ob ich ständig erstaunt sei und immer nur bewundernd-ehrfürchtig mit weit nach oben gezogenen brauen von ganz tief unten (zu den herren der schöpfung) aufschaue? widerspruchslos, versteht sich.

warum schminke ich mir die augen groß und ausdrucksvoll, bis sie dem harm- und hilflosen kindchenschema entsprechen, von dem manche männer sich so gerne anhimmeln lassen?

der damenbart ist ohnehin eine lachnummer: denn so eine hat auch haare auf den zähnen und kriegt sowieso keinen mann ab. also lieber bart ab. da ziehe ich mit den männern gleich.

warum mag ich meinen eigenen geruch nicht, rasiere mir die achselhaare und übertünche die reste von schweiß mit deo? okay – rasieren, das geht so gerade noch. aber epilieren? direkt an den lymphknoten und all den empfindlichen nervenbahnen? das halte ich nicht für gesund.

die bikinizone oder gar die scham enthaaren? obwohl da die haut so wunderbar empfindsam und empfänglich ist für wohl- und schandtaten? warum um alles in der welt soll ich mich da selbst verletzen? weil männer lieber nackte kindermösen vögeln? weil sie angst haben vor ‚echten‘ frauen? ich weiß es nicht. ich weiß nur, dass dieser 'haarfreie trend' sich in den letzten ein, zwei jahrzehnten sehr verstärkt hat.

auch weibliche schienbeine sollen haarmakellos glatt sein. warum?! ganz sicher nicht nur, damit sie aus dünnen nylonstrümpfen nicht so stachlig hervorstechen und - igitte! - böse laufmaschen verursachen. stellt euch mal vor, wir lebten in einer kultur, in der wir für viele und starke bein- und sonstewohaare bewundert würden! hach was wäre das schön, komplimente zu hören wie „du bist echt ne starke frau mit deinem schienbeinpelz“ oder „deine haarigen waden sind sooo sexy!“

in so einer kultur leben wir aber nicht. deswegen zupfe ich mir einmal im monat ein paar der derzeit nicht akzeptierten härchen aus. auf den schienbeinen. das gerät, das die liebe britta von braun mir zum ausprobieren geschickt hat, taugt dafür bestens. als neuzeitliches frauenfoltergerät an den anderen stellen taugt es leider auch. ich bedanke mich artig.


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