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Januar 2021

Das Büro für besondere Maßnahmen ist ab sofort erreichbar auf mojour.de

Nach und nach werden alte Beiträge – ggf. aktualisiert und überarbeitet – dorthin umziehen. Bitte folgen ... :-)

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Freitag, 9. Mai 2014

Heimatlos

Wenn ich aus den Fenstern meiner Dachwohnung schaue, sehe ich blühende Landschaften. Rundum. Derzeit blühen die Reben. Eher unscheinbar und grün, aber sie blühn. Quadratkilometerweise. In den Haus- und Gemüsegärten des Dorfes, in den Balkonkästen und Terrassenkübeln blüht alles, was die Natur hergibt. Rosen und Akelei, Iris und Flieder, Ringelblumen und Männertreu, Geranien, Schöllkraut und Kartoffelstrauch. Schön. Und bunt.

Jesus - der genagelte Mann

Ich lebe in einem optischen Paradies. Als ich vor mehr als zehn Jahren aus der Großstadt hierher aufs Land zog, war es genau das, was ich haben wollte. Die vogelzwitschernde Blümchenidylle.

In Berlin war mir alles zu viel gewesen: Zu viele Menschen. Zu viele Autos. Zu viele Häuser. Zu viel schlechte Luft und zu viel schlechte Stimmung. Zu viel Armut und zu viel Hundekot auf den Straßen. Die kontinuierliche Überflutung an Sinneseindrücken, die allgegenwärtige Zu-viel-isation überforderte mich. In all dem Überfluss war ich schon längst nicht mehr zu Hause.

Zudem hatte ich ständig das Gefühl, etwas zu verpassen. Ich war unzulänglich, den Anforderungen der Millionenstadt nicht gewachsen. Viel zu groß war das kulturelle Angebot. Selbst wenn ich jeden Abend ins Theater, ins Kino, ins Konzert gegangen wäre – einmal vorausgesetzt, ich hätte die persönlichen und finanziellen Möglichkeiten dazu gehabt – so hätte ich doch für jede besuchte Vorstellung mindestens zwei Dutzend andere nicht erleben können.

Ich war vierzig. Ich hatte den Dalai Lama interviewt und zweierlei Teuf(f)el. Viel mehr würde nicht kommen. Da konnte ich auch Holz aufsammeln im Wald. Hauptsache, der Job hielt mich einigermaßen über Wasser und die KollegInnen wären nett. Ich packte meine Lebens-Mittel-Krise und die zwei Katzen in einen Korb und zog in den Süden, in ein Zweieinhalbtausend-Seelen-Winzerdorf.

Wie war ich froh, angekommen zu sein! Ich wollte endlich sesshaft werden und erkundigte mich sogar, ob ich katholisch werden muss, um auf dem Gemeindefriedhof begraben werden zu dürfen.

„Hier ist es so schön ruhig, es gibt noch nicht einmal eine Ampel“, schwärmte ich einer Freundin vor.
Sie runzelte die Stirn und fragte freundlich zurück: „Wie kommst du denn dann über die Straße?“ 
„Ich gehe einfach immer im Kreis“, antwortete ich ebenso so freundlich. Dann grinsten wir uns an und brachen beide in schallendes Gelächter aus.

Das Lachen sollte mir bald vergehen. Der ampelfreie Frieden wurde zur tödlichen Friedhofsruhe. Weil die Idylle nur optisch ist. Die reine Fassade.

Es gibt nichts im Außen, das einen ablenkt. Nur Lärm und Gestank von Weinbergstrekkern, Heimwerkerterroristen, Rasenmähern und Laubgebläsen. Weil es auch abends nichts zu tun gibt, werden schon pünktlich zur Tagesschau die Gehsteige fein säuberlich gekehrt und nach oben gefaltet. Das Leben hat hier wenig Platz. 

Weil draußen nichts los ist, über das die Menschen lachen oder zumindest lästern könnten, sitzen sie hinter ihren Fassaden und belauern sich gegenseitig. Ich habe hier noch niemals jemanden herzlich lachen hören. In all den Jahren nicht. Höchstens mal ein verkrampftes, schadenfrohes Wiehern war zu vernehmen oder ein verkniffenes Grinsen aus lippenlosem Mund zu beobachten.

Wehe, ich mache mal einen Scherz oder habe meinen Spaß einfach so – das wird sofort misstrauisch beargwöhnt. Als ob man neidisch wäre und mir mein Lachen nicht gönnt.

Das ist schrecklich. Ich lebe in einem klimatischen Paradies. Fruchtbarer Boden weit und breit. Keine Naturkatastrophen. Man könnte hier einfach glücklich sein.

Aber nein. Irgendwie lassen sie einen nicht. Die Menschen in ihrem totalitären Glauben sind schlimmer als jeder Vulkanausbruch, jedes Erdbeben es jemals sein könnten. Überall hängen sie einen zu Tode leidenden Mann am Balkenkreuz auf, seine Schmerzen sind unübersehbar. Alle paar hundert Meter hängt einer in den Reben oder sonstewo. Und stirbt!

Hängt es damit zusammen, dass mir hier das Lachen im Halse stecken bleibt? Weil es sich nicht schickt, im allgegenwärtigen Angesicht von Leid und gewaltsamen Tod fröhlich und unbeschwert zu sein? Darüber wachen sie. Schmallipppig und freudlos. Bloß nicht zu laut gelacht. Höchstens mal wohlerzogen gelächelt. Gute Laune? Durch verkrampftes Grinsen zu Tode dressiert. Es ist schlimmer als auf einer Beerdigung.

Sind die Menschen, die diesen Toten immer wieder neu ans Kreuz nageln, nicht mindestens genau so brutal wie diejenigen, die ihn vor bald zweieinhalb Jahrtausenden in echt haben sterben lassen? Was ist das für eine Gesellschaft, in der die Lebendigen wegen der längst Toten leiden müssen und nicht einmal mehr lachen dürfen?

Was habe ich mit den Ungerechtigkeiten der Geschichte zu tun?

Ich habe nicht nur meine Anpassungsfähigkeit an das katholische Spießertum überschätzt, sondern auch meinen Anpassungswillen. Denn dass auch mir selbst hier das Lachen vergehen würde, dass mir gar die Lebensfreude abhanden käme im Lauf der Jahre, damit hatte ich nicht gerechnet.

Weil das so ist, laufe ich große Gefahr, selbst zur biestigen, verkniffenen und verbissenen Alten zu werden. Das will ich natürlich nicht. Weil ich das nicht bin. Weil ich mich so nicht einmal mehr in mir selbst noch zu Hause fühle.

Ich muss fort. Woanders hin. Hier bin ich nicht zu Hause, hier stehen nur meine Möbel. Meine Seele ist verschollen im optischen Paradies.

„Zu Hause“ fühle ich mich nur, wenn ich auch lachen darf. So richtig: mit zurückgelegtem Kopf und von ganz tief unten aus dem Bauch heraus. Schallend.

Heimat ist kein Ort. 

Heimat ist da, wo ich die sein darf, die ich bin. Lebendig, mutig, neugierig, klug, zuversichtlich – und lachend.

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Montag, 28. April 2014

Rosa Manus

- Rosenworte zum Montag - 

Jedes Mal, wenn ich an einem Montag die Quellen durchforste nach einer Frau, der ich meine "Rosenworte" widmen könnte, bin ich entsetzt, wie wenige Frauen der Geschichte bekannt sind.

Rote Rosen im April - für Rosa

Männer! Immer nur Männer! Seitenweise! Jahrtausendelang! Als ob Frauen nie gelebt hätten. Als ob Frauen niemals etwas Bemerkenswertes getan oder Berichtenswertes erreicht hätten. In all den Jahrhunderten nicht. Es ist empörend, wie sehr unsere Frauenleben und fraulichen Lebenswelten  von der Männerwelt da draußen ignoriert werden. Immer noch. Immer wieder! Nicht nur in Lexika, in den Nachrichten. Auch in der Wikipedia will es nicht besser werden.

Umso mehr freut es mich, dass ich eine Frau entdecken konnte, deren Name nicht nur Rosa ist: Die niederländische Feministin Rosette Susanna Manus, geboren 1881 in Amsterdam.

Sie war Stimme und Organisatorin der Frauenbewegung vor dem zweiten Weltkrieg. Sie kämpfte für das Frauenwahlrecht. Sie machte sich stark gegen das Berufsverbot für verheiratete Frauen. Sie war Aktivistin und Initiatorin verschiedener Organisationen:

1935 gründete sie in Amsterdam das „Internationale Archiv für die Frauenbewegung“ (IAV Internationaal Archief voor de Vrouwenbeweging, heute Aletta Instituut voor Emancipatie en Vrouwengeschiedenis).

Rosa Manus war Jüdin, und sie war politisch. Das wurde ihr im von den Nazis besetzten Amsterdam zum Verhängnis: Im August 1941 wurde sie wegen ihrer „pazifistischen und internationalen Neigungen“ verhaftet und später deportiert.

Rosa Manus starb am 28. April 1943 im Konzentrationslager Ravensbrück (evtl. auch in Auschwitz).

Mehr über Rosa Manus im Jewish Women's Archive.

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Mittwoch, 23. April 2014

Große Frauen

Welttag des Buches am 23. April
Blogger schenken Lesefreude
Buchverlosung!

Heute vor dreihundertachtundneunzig Jahren starb William Shakespeare. So ungefähr. Dieser literarische Trauertag wurde 1995 von der UNESCO zum Welttag des Buches und des Urheberrechts erklärt.

Aus diesem Anlass haben die GeschichtenAgentin Dagmar  und Christina von Pudelmützes Buchwelten die Aktion “Blogger schenken Lesefreude“ gestartet, an der sich nun in dieser Woche mehr als 900 Blogs beteiligen und je mindestens ein Buch verlosen. Hier geht es zur kompletten TeilnehmerInnen-Liste.

Blogger schenken Lesefreude

Auch in diesem Jahr habe ich nicht lange gefackelt, mich sofort in meine umfangreiche Bibliothek begeben und ein weiteres Buch herausgesucht, das eines internationalen Welttags würdig ist:

Irma Hildebrandt, Große Frauen

„Große Frauen“, das sind 30 sehr persönliche Biographien, verfasst von Irma Hildebrandt: Sorgfältig recherchierte Porträts aus fünf Jahrhunderten von der Barockzeit bis in die Gegenwart — darunter Künstlerinnen, Schriftstellerinnen, Kämpferinnen für gesellschaftlichen wie für wissenschaftlichen Fortschritt. Eher unerwartete Persönlichkeiten wie zum Beispiel Goethes Mutter Katharina Elisabeth und Freuds Tochter Anna oder Bachs zweite Ehefrau Anna Magdalena; solche, die schon zu Lebzeiten berühmt waren ebenso wie jene, von denen die Welt erst nach ihrem Tod erfuhr: Maria Sybilla Merian, Fanny Mendelssohn, Berta von Suttner, Rosa Luxemburg, Käthe Kollwitz, Mileva Einstein-Marić, Helene Lange, Sophie Scholl, Anne Frank, Dorothee Sölle, Christa Wolf und viele andere ...

Irma Hildebrandt, Große Frauen, Diederichs
2008
Hardcover, 502 Seiten
ISBN 978-3720530491
Die schöne Printausgabe ist vergriffen, aktuell gibt es ein E-Book für 9,99 €.

Und, neugierig geworden auf das Buch? Dann beantwortet mir doch (m)eine Frage:

Welche bekannte Frau ist eure persönliche Heldin?
Eure große Vorbildfrau, euer best role model?

Wer das Buch gewinnen möchte, hinterlässt einfach unten einen Kommentar mit persönlicher Antwort und gültiger E-Mail-Adresse. Einsendeschluss ist Mittwoch, 30. April 2014 um 23:59 Uhr.

JedeR ab 18 Jahren darf EINmal teilnehmen. Bei mehr als einer Antwort entscheidet das Los, und der oder die GewinnerIn wird am Freitag, 2. Mai 2014 per E-Mail benachrichtigt. Ich gebe keine Daten an Dritte weiter, versende das Buch nur innerhalb Deutschlands, leiste keinen Ersatz bei Versandverlust, zahle den Gewinn nicht in bar und schließe den Rechtsweg aus.

Viel Glück!


PS.
Ich verlose noch ein zweites Buch, "Reisen in Burma" mit Deadline 23:59 am 23. April 2014 - also heute abend! Geht ruhig mal rüber ...

PPS.
Die süße Büromieze Ginivra lässt es sich nicht nehmen, ebenfalls ein Buch zu verlosen — bei ihr geht es um Literatur von, für und mit Katzen. Was sonst?!


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Donnerstag, 6. Februar 2014

Mein Fett weg

- Besondere Maßnahme No. XXXII -

Früher mal war ich schlank und rank: 176 cm groß, zwischen 59 und 64 kg lebendiges Gewicht, je nach Zyklusphase. Das war so seit der Oberstufe. Jahrzehntelang hielt ich mir die Waage: Ich war in meinem Gleich-Gewicht. Meine Maße waren 93 – 65 – 97.

Ungefähr mit dem 40. Lebensjahr änderte es sich. Oder ehrlicher: Ich änderte mich. Und zwar ganz einseitig: Ich wurde immer mehr. Bis ich irgendwann das Anderthalbfache wog. Ich war sozusagen 150 Prozent von mir selber.

Über den ungeliebten - und doch irgendwie akzeptierten Matronenspeck und seine Geschichte habe ich vor mehr als vier Jahren einmal berichtet. Es gab nichts daran zu deuteln: Ich war fett. Adipös sogar. Oh böses, hässliches Wort!


Alle Gelassenheit im Umgang damit war vorgetäuscht: Ich mochte mich nicht mehr leiden, fand mich hässlich, hasste mich, ekelte mich gar vor meinem eigenen Körper.

Mehr als ein Jahrzehnt lang habe ich versucht, mein Fett wieder wegzukriegen. Oder zumindest nicht weiter zuzunehmen. Die Kilos hoch und wieder runter.

Insgesamt ein Mehrfaches meiner Selbst habe ich zu- und abgenommen, zugenommen und wieder ab- und wieder zugenommen. Nicht nur mein Leben ging (via Erwerbslosigkeit, Vereinsamung, Armut …) den Bach runter, sondern auch meine Selbstbeherrschung, meine Selbstachtung.

Viel zu oft reicht das Budget nur noch für „past'asciuta – trockene Nudeln“ im wörtlichen Sinne: Nudeln mit nix. Einen Löffel Öl und Salz, vielleicht ein paar Krümel Partisanenkäse. Wenn ich dann mal wieder an emotionaler Unterzuckerung litt, tröstete ich mich mit Billig-Schokolade in Krankenhausmengen.

Im späten Sommer 2013 gab es in einer langen, schweren depressiven Phase - in der ich hier munter die Rosenworte erfunden habe, um mich selbst am Laufen und Funktionieren zu halten – einen seltsamen Wendepunkt:

Beim Friseur hörte ich meine Lockenabschneiderin einer anderen Kundin erzählen, dass sie in nur 8 Wochen 12 kg abgenommen hatte. Ich war verblüfft. Sie sah fabelhaft aus!

Ich war so dermaßen beeindruckt und ich hatte mein Dicksein so dermaßen satt, dass ich mich Ende September bei den WeightWatchers angemeldet habe. Wer aufmerksam mitgelesen hat, konnte leichte Spuren davon in meinen Texten entdecken, zum Beispiel bei der Elsässer Tarte aux Quetsches.

Das ist natürlich ein Paradoxon sondergleichen, dass ausgerechnet eine ALG2-Empfängerin ihr bißchen Geld in einen Diätkonzern trägt – wo doch das monatliche Budget für Nahrungsmittel von 138,83 € (= 4,63 € täglich) ohnehin schon so knapp bemessen ist, dass es kaum für eine ausgewogene Ernährung reicht (zumal, wenn eine auch noch das Katzenfutter davon bezahlt).

Es war meine Entscheidung. Im Oktober kam das Minigehalt des Minijobs dazu und hilft mir, durchzuhalten.

Seit vier Monaten gehe ich also regelmäßig in die Treffen, zähle fleißig meine Futterpunkte und schreibe Listen. Das kommt meiner leicht autistischen Seinsweise entgegen – und es funktioniert: Ich habe mich um 15 kg "verdünnisiert", bin jetzt wieder im Bereich des 'Normalgewichts', in jeder Hinsicht „erleichtert“ und bisweilen ganz hingerissen von mir selber.

Nun weiß ich wieder, wie zauberhaft Schlüsselbeine aussehen könnnen. Oder Wangenknochen. All die schönen Dinge, die wieder passen. Sogar Fingerringe, die ich ich jahrelang nicht tragen konnte, gleiten nun widerstandslos an die Hand. Ein Gewicht wie derzeit hatte ich zuletzt vor zehn Jahren. Damals, bevor die schreckliche Hartz4-Verzweiflung begann.

Das Hexenhäuschen oben war ein Weihnachtsgeschenk: 850 g feinste Vollmilchschoki. Früher hätte ich das in einer Woche locker verputzt. Nun knabbere ich schon seit Monaten daran. Nur Hänsel und Gretel hat die Hexe gleich vernascht: Die waren nicht ausreichend standfest.

Vor ein paar Tagen war ich im Klamottenladen, Hosen anprobieren. Meine Standardjeans brauche ich jetzt zwei Nummern kleiner – und selbst die saß noch locker. Trotzdem kann ich den Erfolg immer noch nicht ganz glauben. Jedes Mal, wenn ich mich auf die Waage stelle, habe ich Angst, dass sie - quasi über Nacht - wieder nach oben flippt und die alten 90 kg anzeigt. tut sie nicht. Sie bleibt bei ihrer freundlichen 75.

Ich denke oft in Bildern. Die Masse, die ich abgenommen habe, stelle ich mir gerne in Butterpaketen vor:

Ein Standard-Butterpäckchen ist 3,5 cm hoch. 15 kg sind 60 Butterpakete. Wenn ich die übereinander stapele, ergibt das eine Buttersäule mit einer Höhe von 2,10 m. Dieser Butterturm steht jetzt quasi neben mir, ich habe ihn outgesourced, habe wieder Kontur.

Auch jetzt schon bin ich stolz auf meine kognitive Disziplin: Wenn schon sonst fast alles schief läuft in meinem Leben, dann habe ich wenigstens mein Körpergewicht wieder unter Kontrolle. „Selbstwirksamkeit“ heißt das stärkende Zauberwort in meiner seit Jahren so unerfreulichen Situation. Ich gehe davon aus, dass es auf andere Lebensbereiche ausstrahlt.


PS.
Hätte mir vor einem halben Jahr wer prophezeit, dass ich hier mal in einer kostenlosen Werbesendung ein Loblied auf die WeightWatchers singen würde – ich hätte sie oder ihn angesehen wie ein giftgrünes Wesen aus einer feindlichen Galaxie. Dachte ich doch, dass es sich um eine Art Sekte handelt und ich nur noch deren Produkte essen darf. So ist das nicht. Hinter der etwas seltsamen Werbung steckt – so weit ich das beurteilen kann - ein ausgeklügeltes und auch psychologisch geschicktes System. Sie lassen mir viel Freiheit, verbieten mir weder den Milchkaffee noch die Schokolade (also meine Grundnahrungsmittel). Nur was die Mengen angeht, da lerne ich wieder Achtsamkeit und erinnere mich an alte, an gesündere Muster: Zum Beispiel das Schnuckeln vor dem PC, das lasse ich möglichst weg. Und ich achte darauf, dass ich mich wieder mehr und regelmäßiger bewege. Auch kleine Schritte zählen!



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Montag, 27. Januar 2014

Françoise Sagan

- Rosenworte zum Montag -

In der vergangenen Woche ließ ich Bettine von Arnim, geborene Brentano, davon erzählen, wie sie ihre Rosen mit ins Bett genommen hat.

Besonders stachelige Zweige:
Ferdinand Pichard, remont. Duftrose, Tanne 1921

Die französische Schriftstellerin Françoise Sagan - wären sich die beiden jemals begenet, zum Beispiel in einem brennenden Sommer oder auf einem Schloss in Schweden - hätte darauf vielleicht mit einem gewissen Lächeln geanwortet:

"Leute, die auf Rosen gebettet sind, verraten sich dadurch, 
dass sie immerzu über Dornen jammern."

Und das, so würde ich meinen, wäre dann tatsächlich 'Jammern auf hohem Niveau'.

Lasst Euch nicht unterkriegen!

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Montag, 20. Januar 2014

Bettina von Arnim

- Rosenworte zum Montag -

Sie war meine sanfte Heldin auf dem grünen 5-Mark-Schein seit 1992. Das war der mit dem Brandenburger Tor auf der Rückseite. Bettina von Arnim starb in Berlin, heute vor 155 Jahren, am 21. Januar 1859.

"Die Rose hab ich mit ins Bett genommen.
Was soll sie im Glas langsam welken -
überall sollt man ein Heiligtum der Natur mit herumtragen,
das frei macht vom Bösen,
wer kann in Gegenwart einer Rose nicht mit edlen Gedanken gefüllt sein.
Ich hab`s lieb, das Röschen, mit dem ich geschlafen hab, -
es war matt, nun hab ich`s ins Wasser gestellt, es erholt sich."
(aus: Die Günderode)

Verblühende Rosen: von Aldi Süd

Als kluge Frau hat sich die bedeutende Schriftstellerin der Romantik aber nicht nur mit Rosen befasst, sie gilt bis heute als eine, die in keine Schublade passte und wird als "neugierig, koboldhaft, emanzipiert und vielbegabt" beschrieben.

Ihre folgenden Zitate habe ich bei fembio gefunden:

"Wer resigniert und sich zusammennimmt, der beweist nur, daß er mehr tot als lebendig ist. Ich bin aber nicht tot. Ich habe einen festen, starken Willen, bis in Ewigkeit ..."

und

"... nur in der Freiheit, in dem Fürsichbestehen gefällt mir das Leben."

Genau so ist das!

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Montag, 14. Oktober 2013

Reisetante

- RosenReiseworte zum Montag - 

Es gibt so Tage, da bin ich einfach nur dankbar, dass ich nicht in einem früheren Jahrhundert lebe und mich (fast gar) nicht an irgendeine ständische oder gesellschaftlich vorgeschriebene Kleiderordnung halten muss.

Ich darf Hosen tragen wann immer ich will, darf laufen und springen, zwei Treppenstufen auf einmal nehmen und Fahrrad fahren und - wenn ich es könnte - breitbeinig auf einem Pferderücken sitzen.

Taggia, Ligurien

Für die Weltreisende Ida Pfeiffer zu Beginn des 19. Jahrhunderts war das nicht selbstverständlich. Hätte ich als junge Frau schon von ihr gewusst - sie wäre mein großes Vorbild gewesen.

"…wie lächerlich mußte ich in langen Kleidern aussehen, als ich dabei immer noch lief und sprang und mich in allem benahm wie ein Junge."**

Nichts gegen lange Kleider! Aber ich bin sehr froh, dass ich die Wahl habe, ob und wann ich eines anziehe!


**Ida Pfeiffer (geboren am 14. Oktober 1797) über ihre Zeit als Teenager, gefunden in der Datenbank alter Baedeker-Ausgaben.
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Montag, 8. Juli 2013

anarchie & rosen

- rosenworte zum montag - 

heute von Emma Goldman (1869-1940):

"I'd rather have roses on my table
than diamonds on my neck."


[Ich habe lieber Rosen auf dem Tisch
als Diamenten um den Hals.]

rosenkeramik: Gisbert Klemm
same here!

Emma Goldman war Jüdin, Hebamme, Publizistin, Feministin, Anarchistin, Kosmopolitin, Friedensaktivistin, Freiheitskämpferin ... eine kurze Biographie gibt es zu lesen bei fembio.org.

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Mittwoch, 29. Mai 2013

mein #aufschrei

manchmal wühlen die geschehnisse im außen mich innerlich so sehr auf, dass ich nicht einmal mehr meinen namen weiß. dann brauche ich sehr lange, um mich zu sortieren – bevor ich mich dazu äußern kann.

die diskussion um sexuelle belästigung, der twittersturm um den hashtag #aufschrei – das habe ich intensiv verfolgt, es hat mich getroffen und gelähmt.

Regenbogen im Weinberg

als ich neulich bei emma erfuhr, dass Alice Schwarzer ein neues buch herausgegeben hat - ES REICHT! - über und gegen sexuelle belästigung im beruf, da habe ich gedacht: hui, da waren die aber schnell. schon ein buch fertig, während ich immer noch mit sortieren und der besänftigung meiner trauma-flashbacks beschäftigt bin.

eine der autorinnen in ES REICHT! ist Anne Wizorek, die mit dem hashtag #aufschrei im januar 2013 die dokumentation alltäglicher sexismen gegen frauen bei twitter initiert hatte. #aufschrei ist nominiert für den Grimme Online Award  2013. bitte geht wählen! die abstimmung läuft bis einschließlich donnerstag, 13. Juni 2013.

auch der artikel über brüderles „altherrenwitz“ ist schon fast fünf monate her. die diskussion darum war unerträglich - frauenfeindlich! woher kommt so viel hass der männer auf frauen, die sich nicht alles gefallen lassen? ich habe damals den artikel der kollegin Laura Himmelreich im gedruckten Spiegel gelesen - fand ihn gut und angemessen. Sie hat einfach nur getan, was eine gute journalistin tun muss: sie hat laut gesagt bzw. geschrieben, was ist.

mir hat die debatte schier körperlich wehgetan. entsetzt stellte ich fest, dass alltagssexismen gegen frauen seit meiner jugend nicht weniger geworden sind, sondern unverändert bestehen und durch die neuen medialen möglichkeiten sogar härter geworden sind. schlimmer noch: dass eine diffuse mehrheit sie für normal und nicht weiter beklagenswert zu halten scheint.

als ich achtzehn, neunzehn jahre alt war, glaubte ich tatsächlich an das, was wir in der schule lernten. an das grundgesetz zum beispiel: männer und frauen sind gleichberechtigt. meine eigene geschichte hatte mich zwar schon eines anderen belehrt, aber ich war weltmeisterin im verdrängen und wollte das sehr gerne glauben!

1980 wohnte ich in der kölner südstadt, las die noch junge emma im abo. die redaktion war nicht weit weg, quasi um die ecke. nie hätte ich gewagt, bei diesen tollen starken frauen anzuklopfen und vorzuschlagen, dass ich vielleicht auch gerne mal was schreiben würde. ich war doch viel zu schüchtern, viel zu unsicher, viel zu klein.

aber ich glaubte fest daran, dass das mit der abschaffung der sexuellen belästigung nicht mehr lange dauern könne: blöde sprüche im bekanntenkreis? ekliges getatsche in der disco? aufmunternde pfiffe aus dem untergrund der straßenbauarbeiter? das hört sicher bald auf. wir hatten ja das grundgesetz. und die emma.

es hörte nie auf. ich bin sehr froh, dass junge frauen heute – mehr als dreißig jahre später - wagen, sich öffentlich dagegen zur wehr zu setzen. bei mir hieß es damals „du willst es doch auch.“ oder „nu sei doch nicht so empfindlich.“

ich bin aber nun mal „empfindlich“, wenn andere versuchen, mich respektlos zu behandeln, zu demütigen und herabzusetzen, wenn andere mich kleinhalten, meine grenzen mißachten und ihr spaß auf meine kosten geht. erst recht bin ich indigniert, wenn sie dann auch noch versuchen, meine gegenwehr auf die weibchenschiene zu schieben und mich für hysterisch erklären.

so hat der #aufschrei also mein ganzes altes geschichte* durcheinandergebracht, ebenso wie zuvor die brutalen vergewaltigungen in indien, die genitalverstümmelung bei islamischen mädchen und frauen. es ist, als ob der schmerz jeder einzelnen durch meinen körper geht, weil ich doch so vieles schon selbst am eigenen leib erfahren habe.

auch im frühjahr 2010 war ich entsetzlich aufgewühlt, als endlich die vielen missbrauchsskandale in kirchlichen einrichtungen ans licht kamen. seither vergeht kaum ein tag, ohne dass mir nicht mehrfach ein ausdruck wie „sexueller missbrauch“ zu ohren kommt oder unter die augen tritt.

jede einzelne erwähnung ist ein trigger, jedes mal eine erinnerung an die katastrophen meiner kindheit und jugend, jedes mal wieder habe ich den geschmack von sperma, blut und kotze im mund. seitdem ich fünf bin. jahrzehnte hinweg hatte meine seele das gut verdrängt, um überleben zu können.

früher hat dann immer ein schnaps geholfen. als abstinente alkoholikerin kann und will ich mir das aber nicht mehr leisten.

die therapeutInnen haben im lauf der jahre meine alten kindheitserinnerungen hervorgezerrt und mich dann damit allein gelassen. seitdem werde ich diesen ekligen geschmack gar nicht mehr los. in der reha-klinik heiligendamm 2010 habe ich erstmals von einer therapeutin gehört, dass ich hochgradig komplex und multipel traumatisiert sei. aha. danke schön. und jetzt?! „wickeln sie sich ein gummiband ums handgelenk und schnippen Sie dran.“ aha. es hilft nicht!

seit so vielen jahren habe ich diesen schrecklichen geschmack im mund. täglich. und weiß nicht, was ich dagegen machen soll. manchmal möchte ich mir am liebsten den mund mit einer rasierklinge ausschaben. das geht natürlich nicht. mein aufschrei bleibt unerhört.

es will mir nicht in meinen krausen kopf, warum in unserer angeblich 'zivilisierten' welt gewalt und feindlichkeit gegen frauen und mädchen immer noch alltäglich sind und noch dazu in vielen varianten immer noch als kavaliersdelikt gelten. dass macht mich wütend, und es macht mich verzweifelt. wir erleben sie täglich. alle. nur setzen die einen sich mehr, die anderen weniger damit auseinander.

Barack Obama, der präsident der US of A, sagte am 22. märz 2013 in Yad Vashem (Israel): „Hass in all seinen Formen ... hat keinen Platz in der zivilisierten Welt.“ - (im original: „For us, in our time, this means confronting bigotry and hatred in all of its forms, racism, especially anti-Semitism. None of that has a place in the civilized world -- not in the classrooms of children; not in the corridors of power.“ - Quelle: Weißes Haus, Washington D.C.)

er bezog es, da in Jerusalem, vor allem auf antisemitismus. es ist gut, dass er das gesagt hat, und es ist berechtigt. denn antisemitismus ist feindlichkeit gegen die angehörigen einer bestimmten religion, und das ist per gesetz nicht erlaubt.

feindlichkeit gegen frauen ist allerdings auch per gesetz nicht erlaubt. frauen leben auf diesem planeten mehr als juden.

es wäre also an der zeit, dass auch mal ein staatsoberhaupt von rang sagt „sexismus hat keinen platz in der zivilisierten welt.“ oder „für frauenfeindlichkeit ist in einer zivilisierten gesellschaft kein platz.“

was denkt ihr: wie lange wird das noch dauern? ich fürchte, es geht noch lange – und ich hoffe dennoch, dass ich das noch erlebe.


*ps.
das wort 'geschichte' benutze ich gerne im neutrum: weil es für mich bedeutet, dass viele verschiedene gelebte und erinnerte schichten von leben mehr oder weniger sortiert übereinander liegen. ich sehe das als bild, wie eine torte oder einen stapel papier: ein geschichte von vielen schichten eben.
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Donnerstag, 25. Oktober 2012

suchmaschinen-wunder

kurze maßnahme no 28

mein „Büro für besondere Maßnahmen“ ist im grunde ein ziemliches nischenprodukt.

kein mainstream, keine werbung, keine gutscheine, (fast) keine verlosungen, nur ausnahmsweise produkttests ...

statt dessen viel herz auf der tastatur, ehrliches frauen-leben, erfundene phantasien, höhen und tiefen, feinsinniges, humorvolles, freud und leid, philosophisches, kulturhaltiges, alltägliches, schönes, häßliches, ja sogar katzencontent - kurz: frauen und gedöns.

von allem etwas, aber für spezialinteressierte und suchmaschinen viel zu breit gefächert - so wie ich eben auch als frau und als mensch bin.


umso erstaunter war ich vorgestern, als die statistik mir anzeigte, dass mein blog bei google auf rang 12 steht, wenn man - irgendwo in der nähe von Hannover - das allerwelts-stichwort „Büro“ ins suchfeld eingibt. yeah!

hier im südwesten der republik sehe ich mich bei google nicht mal unter den ersten fünfhundert der ungefähr 230 millionen ergebnisse, geschweige denn unter den top twenty.

Hannover muss ein ganz besonderer ort sein! denn gugle irrt sich nicht. niemals.


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Sonntag, 19. Februar 2012

gute karten

auch in meinem prekären hartz4-ergänzungsleben finde ich nicht immer nur deutschgraue amtspost in meinem briefkasten. an manchen tagen flattern die schönsten dinge** ins haus.

Die Kaiserin liebt das Leben.

manchmal kommt das gute einfach so, quasi als unerwartete bereicherung. dann wieder war ich selbst diejenige, die einen entscheidenden kleinen impuls gesetzt hat, der nun positive wirkung zeigt. manchmal kommt auch der impuls von außen, ich reagiere darauf oder lasse es sein, je nachdem. und schon ändert sich die kette der ereignisse.

Die Kaiserin hat viele Chancen.

Die Karten der Kaiserin

ob ich impulse setze oder nicht, ob und wie ich auf einflüsse von außen reagiere, da denke ich nicht immer drüber nach. das ist oft eine frage, die in millisekunden entschieden wird: ich folge meiner intuition, höre auf meinen bauch.

Die Kaiserin folgt ihrem innersten Gesetz.

im grunde bin ich darin ziemlich gut – wenn ich es mir denn erlaube. leider ist mir die innere stimme früher mal ziemlich aberzogen worden. das war nicht nur die mutter. auch heute noch gibt es da draußen viele, die die stimme einer klugen frau nicht hören, nicht respektieren wollen.

Die Kaiserin respektiert sich selbst.

nachdem ich also in den ersten beiden jahrzehnten meines lebens edukativ ziemlich verkorkst wurde, bin ich nun wohl für den rest meines lebens damit beschäftigt, wieder zu verwildern. sprich: auf meine innere stimme zu hören und tag für tag die zu werden und zu sein, die ich wirklich bin.

Die Kaiserin nimmt sich, was sie braucht.

das buch „Der Weg der Kaiserin“ von Ulja Krautwald und Christine Li unterstützt mich darin schon seit mehr als zehn jahren. die 'kaiserin' gab es wirklich: Wu Zhao herrschte vor mehr als tausend jahren in china als einzige frau, die jemals offiziell herrscherin war (also nicht 'nur' die ehefrau eines kaisers). ihre geschichte wird im buch erzählt. parallel werden ihre kaiserlichen strategien so ins moderne übertragen, dass sie für frauen der gegenwart von unschätzbarem wert sind.

Die Kaiserin hält sich nicht an Konventionen.

jeder von uns wohnt eine kaiserin inne, wir sind nur nicht immer mit ihr in kontakt. wie auch, wenn erziehung und gesellschaft alles daran setzen, die – dem mainstream (oder sollte ich lieber schreiben: „manstream“?!) oft unbequeme - innere stimme einer kaiserin möglichst mundtot zu machen.

Die Kaiserin ist nicht Everybody's Darling.

'Die Kaiserin' ist nicht nur lesebuch, sondern auch lebensbuch. jedes kapitel liefert seine „essenz“ gleich mehrfach mit: zum einen in form einer rezeptur für einen tee nach allen regeln der traditionellen chinesischen medizin, zum anderen als strategische sätze für frauen jeden alters in verschiedenen lebenssituationen: die innere stimme der kaiserin quasi für den hausgebrauch.

Die Kaiserin meidet herrschsüchtige Ärzte und Menschen, die nicht lachen.

„hör auf mich!“ scheint die kaiserin mir zuzurufen, wenn ich ihr mal zu lange den rücken kehre, wenn ihre stimme im mich fordernden alle-tage-trott unterzugehen droht.

Die Kaiserin weiß um Ebbe und Flut.

damit ich sie besser hören kann, gibt es ihre kaiserinnensätze jetzt auf karten*. in kaiserlich roten schachteln – und das auch noch in zwei versionen: groß und klein, für zu hause und für unterwegs. künstlerisch gestaltet die großen, eher schlicht die kleinen.

Die Kaiserin weiß, was sie will.

der stimme der kaiserin lauschen – das bedeutet innehalten im alltagskarussell. stille sein. ein kaiserlicher augenblick! niemals würde die kaiserin mir sagen: 'tu dies oder tu jenes'. ihre sätze wirken subtiler, indem sie meiner eigenen inneren stimme zu ihrem recht verhilft, gehört zu werden. man könnte auch sagen: die kaiserin holt die intuition aus dem nebel, sie bringt den bauch zum sprechen.

Die Kraft der Kaiserin entsteht in der Tiefe.

wie auch beim tarot lege ich die karten der kaiserin auf ein eigenes, ein ganz besonderes tuch. das tuch für meine kaiserinnenkarten zeigt den grundriss des alten kaiserlichen palastes in kyoto. ich liebe dieses alte tuch sehr, denn der plan ist von ergreifend schlichter ordnung. ich tendiere ja bekanntlich dazu, mein leben zu verkomplifizieren. die sätze der kaiserin sind klipp und klar. das hilft.

Die Kaiserin konzentriert sich auf das Wesentliche.

manchmal haben diese karten eine sehr direkte wirkung. manchmal dauert es ein weilchen. sie machen garantiert stark, schön, schlau und glücklich - und das nicht nur, wenn sie im briefkasten liegen. ich werde demnächst mehr berichten. lasst euch überraschen. oder probiert es selbst aus!

der tägliche umgang mit diesen karten ist zwar auch eine besondere, vor allem aber eine kaiserliche maßnahme. kaiserliche maßnahmen stehen für sich und werden nicht gezählt.


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- die karten der kaiserin, edition kunst und edition classic sind erschienen und erhältlich beim krautwaldverlag.
- die sätze der kaiserin erscheinen auch in täglichem wechsel auf der startseite von zinnoberfluss.

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großes danke an ulja krautwald!

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Montag, 14. November 2011

männerverträge

in der schule haben wir ungefähr in der sechsten klasse das grundgesetz besprochen. wie wichtig das sei und dass es für alle gilt. besonders artikel 3 hatte es mir angetan. da steht unter anderem:
(2) Männer und Frauen sind gleichberechtigt. Der Staat fördert die tatsächliche Durchsetzung der Gleichberechtigung von Frauen und Männern und wirkt auf die Beseitigung bestehender Nachteile hin.
das habe ich damals geglaubt. ich ging davon aus, dass das gerechterweise in alle richtungen gilt. man möge mir meine leichtgläubigkeit verzeihen. ich war ja noch ein kind.

hurenzelt

in der schule wurde ich später gesiezt und mit 'fräulein xx' angesprochen, die wenigen jungen herren aber niemals mit 'herrlein' oder – passender, da ich ja nicht 'damelein' hieß – 'männlein'. die jungs waren ohne umweg über eine verniedlichung gleich 'herr xy'.

das wort 'mobbing' war noch nicht erfunden. aber aus eigener erfahrungn wusste ich schon, wie schlimm es sich anfühlt, ignoriert und nicht für voll genommen zu werden. die eltern beherrschten das perfekt. es war, als käme ich in der familie nicht vor. sie kannten meinen namen nur dann, wenn sie vor anderen über mich herzogen oder wenn ich das missfallen meiner erziehungsberechtigten erregt hatte: mit drohendem unterton.

ansonsten war ich quasi nicht existent und hatte für mich selbst zu sorgen. das tat ich dann auch. ich fühlte mich ungeborgen, hatte oft angst und habe schon als studentin mit den zähnen geknirscht.

ich hatte also früh gelernt: wer für nicht erwähnenswert gehalten und ignoriert wird, wird benachteiligt (gemobbt) und ist nicht gleichberechtigt. ergo: wer frauen aus der sprache ausschließt, steht nicht auf dem boden des grundgesetzes.

ich studierte unter anderen brotlosen geisteswissenschaften auch philosophie und stellte fest: ich komme (fast) nicht vor. wenn der herr philosoph von menschen sprach, meinte er 'männer'. sprach er von frauen, schrieb er das explizit und meistens negativ. auch die herren philosophen bewegten sich also keineswegs immer auf den pfaden des grundgesetzes. sie waren ja auch meist schon viel älter und zu ihrer zeit gab es das noch nicht. trotzdem waren ihre worte oft gesetz und deren verbreitung an philosophischen seminaren wurde mit viel öffentlichem geld gefördert.

das gefiel mir nicht. irgendwann bekam ich annegret stopczyks nachschlagewerk in die finger: „was philosophen über frauen denken“ (Mathes & Seitz, 1980). als ich das buch durchhatte, war mir schlecht: so dermaßen schlecht dachten die kerle zumeist über unsereins. falls mal einer ausnahmsweiswe gut über uns dachte, wurde er gleich von seinen zeitgenossen auf dem scheiterhaufen verbrannt (giordano bruno). wutentbrannt warf ich die kaltschleimigen frösche kant, schopenhauer, nietzsche, heigegger und wie sie alle hießen an die wand. sie verwandelten sich nicht in prinzen, sie hatten ihre daseinsberechtigung verwirkt. zähneknirschend studierte ich dann doch zumindest so lange weiter, bis ich alle voraussetzungen für die zulassung zur abschlussarbeit erfüllte.

was bei den philosophen gang und gäbe war – nämlich dass frauen nicht weiter erwähnenswerte nebengeschöpfe sind – fiel mir mehr und mehr auch in allen möglichen alltagsbereichen auf. ganz besonders ärgert es mich in formularen und verträgen, wenn ich - noch heute! - als mann angesprochen werde und als solcher unterschreiben soll: unter dem strich, auf dem ich meine emma normalmensch verzeichnen soll, stehen leider auch im jahre elf des dritten jahrtausends immer noch und viel zu häufig männliche wörter wie: „Kunde, Antragsteller (arbeitsamt), Rundfunkteilnehmer (GEZ), Kontoinhaber (banken), Versicherungsnehmer (versicherungen, versicherungsmaklerInnen) ….“

„aber nun seien sie doch nicht so zickig,“ heißt es gerne chauvial von oben herab, wenn ich auf die grundgesetzlich garantierte gleichberechtigung verweise und um eine zumindest geschlechtsneutrale formulierung bitte, die ich frohgemut unterzeichnen könnte. „es sind doch der einfacheren lesbarkeit halber immer beide geschlechter gemeint.“

pah. faule ausrede und verlogen obendrein! erst kürzlich (2009) schrieb eine deutsche zeitung (in etwa): „der deutsche durchschnittsbürger .... lebt allein auf 42m² .... hat 1,4 handies .... 0,75 autos .... 0,1 motorrad .... und einen 14,5cm langen penis im erigierten zustand.“ solange solche sätze in deutschen texten stehen dürfen, solange ist das argument 'frauen sind in der männlichen sprachform immer mitgemeint' schlichtweg unzutreffend.

weiterhin: sogar die UNESCO weiß, dass die deutsche sprache zu einer gewissen geschlechter-ungerechtigkeit neigt. sie weiß weiter, dass es ohne die sichtbarmachung von frauen in der sprache keine gleichberechtigung gibt, wie sie im grundgesetz garantiert wird. ihre „Richtlinien für einen nicht-sexistischen Sprachgebrauch“ - datieren aus dem jahr 1993 und sind noch längst nicht überholt, leider.

das habe ich erst neulich wieder festgestellt, als ich – wie bereits berichtet – mit meinen paar kröten zu einer good bank wandern wollte. fast alle formulare, AGB, infos etc. waren in der männlichen form gehalten. pffft. ich schrieb an den kundenservice, dass ich nicht kundin werden wolle, wenn sie frauen nicht als kundinnen wahrnehmen. die GLS antwortete sehr nett, dass sie eigentlich alle texte längst gegendert hätten und sich das nicht erklären könnten. man werde dem sofort nachgehen. schließlich hätten sie eine entsprechende ethik. nur leider leider, die formulare kämen von einem juristischen, sehr 'konservativen' verlag – die könne man nicht ändern. liebe GLS, ich überleg's mir noch!

besonders grimmig aber bin ich derzeit mit einer deutschen versicherung, die extrem hochglanzfreundlich um mich warb und mir in kooperation mit meiner krankenkasse eine ergänzende zahnersatzversicherung verkaufen wollte.

als ich bei der versicherung anrief und freundlich, aber bestimmt darauf hinwies, dass das antragsformular nicht mehr zeitgemäß - da nur für männliche antragsteller - sei, damit frauen diskriminiere und gegen das grundgesetz verstoße, war die antwort des forschen hotline-schnösels etwa so: „da sind Sie zu pingelig. wir reden Sie im briefkopf an mit 'Frau mo jour', wir bieten einen frauentarif - was wollen Sie denn noch? ist Ihnen denn unser gutes preisleistungs-leistungs-verhältnis egal?“

„bei nazis kaufe ich auch nicht, und wenn die noch so billig sind. ich möchte als kundin wahrgenommen werden, und wenn Sie mich als solche nicht respektieren, dann will ich ihre kundin nicht sein.“ - darauf beendete er das gespräch mit dem satz „dann wollen wir Sie als kunde auch nicht haben“ und legte auf.

ich war platt und habe sofort alle anderen verträge bei dieser versicherung gekündigt. tja. dumm gelaufen.

nun überlege ich trotzdem hin und her, ob ich den antrag nicht doch als mann unterschreibe, zähneknirschend. die konditionen sind in der tat ziemlich gut: die zerknirschten zähne würden dann von der versicherung ersetzt.


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Donnerstag, 2. Juni 2011

schön sein. schön bleiben.

bevor heute abend deutschlands näxt top modell (gntm 2011) in die drittletzte runde geht, möchte ich schnell noch ein paar gedanken äußern zu fraulichen äußerlichkeiten.


es ist ja nicht neu, dass viele frauen meinen, sie müssten ihr äußeres verändern und sich körperlich, geistig und seelisch den jeweils aktuell als schön angesehenen normen anpassen – um überhaupt gesehen zu werden; schlimmer noch: um sich überhaupt sehenswert und wahrgenommen zu fühlen.

ich schließe mich da leider nicht aus und befinde mich in bester gesellschaft:

das war schon zu sapphos zeiten so, in ihrem mädcheninternat auf der wunderschönen insel lesvos, vor zweieinhalb jahrtausenden: wimperntusche war damals aus gebranntem kork.

auch kleopatra, die herrin der vollkommenheit, benutzte dekorative kosmetik aus edelsteinpulver und badete in ziegen- oder eselsmilch. lebte sie heutzutage, dann sicher nicht ohne personal trainer.

im mittelalter schmierten sich die frauen hochgiftiges bleiweiß ins gesicht, denn nur blasse haut war vornehm. das kostete nicht nur viel geld, sondern auch die gesundheit.

schon immer waren auch mit dem aussehen sich befassende sprichwörter widersprüchlich. einerseits „wahre schönheit kommt von innen“ - andererseits „die inneren werte einer frau sieht man(n) nicht auf den ersten blick.“

denke ich an die neuzeitliche perversion innerer qualitäten in form von silikonbusen, möchte ich den buchstaben „h“ in „wahre“ am liebsten weglassen.

wenn ich den silikongriff meines bügeleisens betrachte oder die neumodische kuchenbackform – wie gammelig die schon nach kurzer zeit aussehen …. so was in meiner brust oder sonstewo im körper?! nee. näh!

in meiner bibliothek steht ein buch aus dem präsilikonischen zeitalter. „schön sein – schön bleiben“ heißt es, von Lilo Aureden, erschienen 1955 im bertelsmann verlag. es ist älter als ich, irgendwann als studentin habe ich es der mutter abgeschwatzt.

wenn ich mich mal so richtig amüsieren und gleichzeitig gruseln will, dann nehme ich dieses buch zur hand. es ist schon etwas vergilbt, die schrift wirkt altmodisch. dafür ist es voller charmanter zeichnungen sowie wunderbarer schwarzweiß- und farbfotos.

das beste: mein buch ist gleichzeitig übersprudelnder quell allgemeingültiger, zeitloser schönheitstipps als auch immerwährender heiterkeit: mein wirtschaftswunderkosmetikknigge.

egal ob haare gesicht figur geschmack pediküre minderwertigkeitskomplexe falten männer oder haferflockensuppe: frau aureden kannte sich mit allem aus. manches kommt einem heute seltsam abstrus vor, anderes wiederum ist sehr „vernünftig“.

viele der tipps finden sich – leicht abgewandelt - auch heute noch in den ..igitte-zeitschriften dieser welt. sie werden wahrscheinlich nicht erst seit 1955 alljährlich wieder aufgewärmt – und fraglos auch von den heutigen top models noch beherzigt.

„Locker sei der Gang … ein federnder Katzenschritt, nicht betont und nicht nachlässig, aber gelassen! (50)“ den catwalk üben sie heute noch – wenn es sein muss wie anno dunnemal mit einem dicken buch auf dem kopf.

nur die absatzhöhe war damals eine andere: der berufstätigen frau wurde ein grundbestand von vier(!) paar schuhen empfohlen (385): ein paar schwarze pumps (4cm hoch), ein paar braune trotteurs (ebenfalls 4cm hoch), ein paar „gute“ für einladung und gesellschaft (> 4 cm) und ein paar leichte flache weiße sommerschuhe.

nix da mit 15cm high heels! die gab es bis vor kurzem sowieso nur im sexshop. frau klum, die eiserne laufstegschönheit, hat sie uns angezwungen. kaum zu glauben, dass dieselbe frau auch korkfussbettpantoletten designed (hat).

meine schönseinbibel sagt: „Der Schuh ist für den Fuß da, nicht umgekehrt (386).“ genau. sehr „vernünftig“.

sehr amüsiert hingegen hat mich der busenwickel. er erinnert mich daran, wie damals in japan meine geisha-mamasan mir die 75C-brust flachgebunden und die schlanke taille mit einem handtuch ausgestopft hat, damit der kimono auch richtig saß.

die idealsilhouette für eine japanerin ist nicht wie bei uns die einer cocacola-flasche, sondern ähnelt eher einem ess-stäbchen.

mein journalistischer selbstversuch mit der angeblich von den pariserinnen bevorzugten brustbandage (283) ist bislang an der fehlenden anwesenheit von geeigneten hilfspersonen gescheitert:

immerhin muss die behandlung mit in essigwasser getränkten stoff- und elastikbinden drei mal überkreuz gewickelt, mit leukoplast befestigt und „sechs wochen hintereinander zweimal wöchentlich“ durchgeführt werden, später wöchentlich einmal und am ende alle vier wochen.

nach einem halben jahr wird eine dann für ihre ausdauer belohnt, angeblich. und zwar mit einem „kunstvoll nach oben gebetteten busen“. na dann gute nacht, mein herz!

wenn ich all diese tipps auf den über 450 kleinstbedruckten seiten nur schon früher beherzigt hätte, ach! aber jetzt ist es zu spät, mein geschmack is(s)t verirrt, die figur ruiniert, eine freie radikale „läuft, Ohne Haube, ohne Kragen, Schlotterbusig durch das Land (H. Heine)“. wie sonst?!

dennoch geht mir auredens gnadenloses geschmacksurteil nicht aus dem kopf: „Ältere Damen können sich nur die Kombination Schwarzweiß oder umgekehrt, auch Taubengrau mit Schwarz und Taubengrau mit Weiß gepunktet leisten (367).“

ich tu alles, meine liebe, aber niemals nicht weiß gepunktet!

frau aureden! frau klum! und alle anderen selbsternannten oder ferngesteuerten schönheitspäpste und -päpstinnen dieser welt, wisst ihr was?!

so lange ich schön bin, ist mir mein aussehen egal!


Lilo Aureden, Schön sein - schön bleiben
C. Bertelsmann Verlag Gütersloh 1955, 480 Seiten


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Mittwoch, 13. April 2011

hohle frau

eine prachtvolle orchidee hängt im büro für besondere maßnahmen im dachschrägenfenster. das ist dasselbe fenster, das mir die immergleiche und doch täglich wechselnde aussicht auf den b-berg bietet.

Coelogyne Cristata

die orchidee ist ziemlich alt. sie hing schon im büro für besondere maßnahmen, als das büro für besondere maßnahmen noch gar nicht so hieß.

als ich das reinweiße wunder damals im orchideenfachgeschäft meines vertrauens entdeckte, bin ich wochenlang um sie herumgeschlichen. immer wieder hingefahren. immer wieder überlegt, ob ich sie kaufe oder nicht. sie war sehr teuer, und eigentlich konnte ich sie mir nicht leisten. aber ich wollte sie. oh ja.

in solchen fällen neige ich zu magischem denken: ich legte eine zwangspause ein, ging eine ganze weile nicht hin. in der hoffnung, dass sie dann verkauft wäre und ich mir das geld sparen könnte. ist sie nach einer woche noch da, dann ist das ein untrügliches zeichen, dass sie zu mir will. dann muss ich sie kaufen, egal was es kostet.

sie war noch da. auch nach zwei wochen noch. sie wollte zu mir. so sollte es sein. ich schob viel geld über den ladentisch. die kasse klingelte. der orchideenmann hat seinen laden inzwischen geschlossen.

damals habe ich sie wegen ihrer besonderen form geliebt und wegen der großen, reinweißen blüten an hängenden rispen. der name „coelogyne“ sagte mir nichts. es stand nur dabei, dass sie im himalaya heimisch ist, in höhen bis 2500 metern. schöne gegend! da war ich schon mal.

sie ernährt mich also nicht nur optisch, sondern stillt auch - ein bißchen - mein nimmersattes fernweh.

in asien entdeckt und nach europa gebracht wurde diese orchideenart in der ersten hälfte des 19. jahrhunderts. sie war sehr beliebt und viel leichter in der wohnung zu halten als heutzutage - weil sie es im winter kühl mag und es im biedermeier noch keine zentralheizung gab.

vor einer weile erfuhr ich, dass ihr name „coelogyne“ griechischen usrpungs ist und „hohle frau“ bedeutet. ich war entsetzt!

es gab zeiten, da wurden ihre blüten in den brautstrauß gepackt. weil sie so jungfräulich weiß sind. verbunden mit dem frommen wunsch, dass die jungfräuliche braut in unschuldigem weiß, die also noch 'hohle' frau doch bitte alsbald gefüllt werden und zahlreiche nachkommen in die welt setzen möge.

ob dieser brauch entstand aufgrund des namens - oder ob die weiße orchidee ihren namen erst später erhielt aufgrund des brautstraußbrauchs, das habe ich nicht herausfinden können.

als ich von der namensdeutung erfuhr, war ich wirklich irritiert. ich befürchtete, dass die coelogyne mir mit all ihrer schönheit vielleicht gar nicht zusteht, weil ich doch niemals eine braut war.

aber je mehr ich darüber nachdachte, desto mehr wurde mir klar: ich bin genau der prototyp der coelogynenfrau! weil ich keine kinder habe. mein bauch war immer hohl, wenn man von ein paar tennisballgroßen tumoren absieht.

aller voraussicht nach wird das auch so bleiben. ich habe nicht vor, zum medizinischen sonderfall zu werden.

seitdem ich weiß, dass meine coelgyne die blume der hohl gebliebenen frauen ist, verschenke ich ihre ableger an andere frauen, deren kinderpalast immer unbewohnt war. frauen, die niemals einem kind das leben schenken konnten oder - je nach persönlicher einstellung - von der gebärplage lebenslang verschont blieben. sie ist sehr beliebt.

an das leben mit zentralheizung hat sich meine hohle frau inzwischen gewöhnt. was das blühen angeht, ist sie allerdings sehr eigenwillig. das tut sie nicht jedes jahr. manchmal mehr, manchmal nur ganz ganz sparsam. wenn sie blüht, dann im januar/februar: immer um meinen geburtstag herum.

in diesem jahr, in dem ich 49 wurde, blühte sie besonders üppig.

7mal7, das ist eine besondere zahl im leben einer frau. es beginnt der große wechsel. mehr noch als die pubertät ist dieser wechsel so gewaltig, dass er auch so heißt. die reproduktionsfähigkeit geht nicht nur in die pause, sondern ihrem ende entgegen, der hormonladen wird stück für stück geschlossen.

ehrlich gesagt, ich freue mich darüber. am meisten freue ich mich drauf, wenn der monatliche zinnoberfluss endgültig versiegt. er macht sich schon rar, ich bin dankbar und erleichtert.

meine roten tage waren immer schier endlos, sehr stark und mit heftigen schmerzen verbunden. in den betten der welt habe ich blutige spuren hinterlassen. für manche schäme ich mich noch heute.

Odontoglossum

gleich im anschluss an die weiße blüht meine blutrote orchidee. sie heißt odontoglossum. das ist ebenfalls griechisch und bedeutet „zahnzunge“.

das wiederum gefällt mir ausgesprochen gut, und zwar im übertragenen sinne einer „scharfen sprache“, die mit geschliffenen wörtern genau das sagt, was ist.

wenn ich also mal zu einer sage „du hast zähne auf der zunge!“ - dann ist das ein großes kompliment.

falls jetzt einer daherkäme und behaupten wollte, ich hätte nicht nur zähne auf der zunge, sondern auch haare auf den zähnen, so kann ich nur antworten:

„das mag sein. aber die sind immer gut gekämmt.“


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Freitag, 4. Juni 2010

keine geisha

kurze maßnahme no 13 führt uns nach japan:

bei youtube habe ich eine kleine videoreihe entdeckt, erst kürzlich hochgeladen - das trifft mich wie der blitz und mitten ins herz: es ist eine sendung des japanischen nationalen fernsehsenders NHK über geiko und maiko in kyoto.



oh wie spannend! habe ich gedacht. denn als studentin war ich ein jahr lang in japan. in kyoto. mehr als zwanzig jahre ist das her. oh süße, bittere erinnerung an eine schwierige und doch sehr besondere, schöne zeit.

also schau ich das video und freue mich sehr, denn es spielt in gion. das traditionellste geishaviertel der stadt. in gion spielt auch dieser spielfilm „die geisha“ mit den vielen schönen bildern (und dem sehr fragwürdigen inhalt).

in gion habe ich als studentin ein jahr lang gejobbt. in einem traditionellen teehaus. das war sehr speziell, denn so ein teehaus ist ein ort, von dem selbst japanerInnen für gewöhnlich nur träumen. da kann eine nicht einfach reingehen wie in eine kneipe. die persönliche empfehlung eines gern gesehenen stammgastes ist notwendig - sonst bleibt die tür verschlossen.

da habe ich gearbeitet. bin aus- und eingegangen. habe mit geiko und maiko und gästen geplaudert und gelacht. und die mit mir. ein jahr lang. als damals erste und einzige ausländerin. für die war ich genauso exotisch wie die für mich. wahrscheinlich hat es dort bis heute keine zweite gaijin gegeben.

ich war keine geisha. geisha sind keine huren, falls das hier irgendjemand denken sollte. in dem film kommt das so rüber. forget it. die maiko haben eine gewerkschaft, und dienstschluss ist um mitternacht.

dieses doku vom nhk: das spielt in genau dem teehaus, wo ich damals gearbeitet habe. das ist die schwester meiner japanischen 'mutter', meine geiko okamisan, die da mit einer verbeugung fröhlich sagt: „okoshiyasu yookosoo – willkommen!“ (im ersten video bei ca. 4‘15“)

sie zeigt uns ihr teehaus, das tsurui: diese lacktische habe ich poliert, auf diesen stühlen gesessen und auf diesen tatami neben den gästen gekniet; aus diesen becherchen getrunken, diese shoji zur seite geschoben; bin fast täglich durch diese hanamikoji-nebengasse gelaufen ....

das ist soooo phren, das jetzt hier in einem video wiederzufinden!
ich glaube, da will ich demnächst mal mehr von erzählen.
das war eine spannende zeit.

hier sind noch teil zwei & drei - alle drei teile anschauen dauert knappe dreißig minuten:
Geisha of Kyoto - Teil 2
Geisha of Kyoto - Teil 3


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Dienstag, 16. März 2010

besondere maßnahme no IX: frauen und gedöns

alle jahre wieder: dieselbe prozedur. beim frauenarzt. die routineuntersuchung. die krebsvorsorge. ich hasse es. es wühlt mich auf. es triggert fiese alte erinnerungen. ich will nicht auf den folterstuhl.



ich geh‘ doch immer wieder hin. jahr für jahr. seit mehr als drei jahrzehnten. weil frau das eben macht. weil es sein muss. oft genug habe ich den arzt, die ärztin gewechselt. zum einen, weil ich sowieso ständig umgezogen bin. zum anderen, weil es immer wieder unangenehm war. ich bin vom regen in die traufe geflohen.

heute war das wieder so weit. den termin hatte ich schon vor wochen ausgemacht. es muss ja wieder sein. das jahr ist rum. die vorsorge. ich hasse es. es wühlt mich auf.

seit tagen hatte ich schlechte laune. angst. tränen. schon der gedanke an den stuhl, das spekulum, den ultraschall …. panik. atemnot. tränen. wut. schlaflose nächte. zähneknirschen. alles auf einmal. ich ertrag das schlecht. wohin nur mit all dem schmerz.

dabei ist meine jetzige ärztin „eigentlich“ ganz nett. nee, nicht nur „eigentlich“. ganz in echt: sie ist eine gute. respektvolle. nicht so eine herrische, die keinen widerspruch duldet. eine, die zuhört. eine, die fragen stellt und auch antworten hören will. eine, die nach meinem leben fragt und nicht nur nach den fortpflanzungsorganen. eine, die nicht einfach bloß pillen verschreibt. derzeit empfiehlt sie mir was pflanzliches, für die wechseljahresphänomene. sie kennt meine finanzielle situation und schaut mitfühlend „sie müssen es leider selbst bezahlen. ich weiß auch nicht, warum – aber die guten sachen gibt es schon lange nicht mehr auf rezept.“

seit vielen jahren schon habe ich tumore in meinem gebärmütterchen. myome. lästige dinger, die viel kraft kosten. nein, es ist kein krebs, nix ‚bösartiges‘. aber ‚gutmütig‘ sind die auch nicht. nur dumme menschen sprechen von ‚gutartigen‘ tumoren. welch ein trillefitt. so ein tumor tut nix gutes. nie nicht.

mein größter tumor ist übertennisballgroß. er und seine kleineren kollegen verstärken die blutung und drücken auf die blase. belasten den kinderpalast. einmal habe ich mich operieren lassen. fast zehn jahre her. sie sind wiedergekommen. viel schmerz für nichts. jetzt hoffen wir, dass sie einfach verhungern, wenn mein hormonladen geschlossen wird.

damals habe ich sehr dafür gekämpft, dass mein organ der mitte mir erhalten blieb. dass nur die knuddel entfernt werden. es war wohl eine ziemliche bastelarbeit für die operateurin. sie hat meinen wunsch respektiert. ich bin ihr sehr dankbar.

andere gynäkologen-kollegen sahen das anders: „die brauchen sie doch sowieso nicht mehr, oder wollen sie etwa noch kinder? die kann man einfach herausschrauben.“ meine mitte? mein einziges ganz und gar symmetrisches organ? herausschrauben? männer!

einmal war ich bei einem frauenarzt, ist schon länger her. das war noch in berlin, spätere achtziger jahre. mitten in der untersuchung. steht er so zwischen meinen zwangsgeöffneten beinen. sein ding (bekleidet) in genau gleicher höhe wie meines (unbekleidet). und fragt mich „haben Sie orgasmusprobleme?“ grade so, als ob er mir auf der stelle hätte abhilfe schaffen wollen.

ich war viel zu überrascht und entsetzt, als dass ich irgend etwas gescheites hätte sagen können. das war mir peinlich. sah ich etwa so aus? ich habe mich geschämt. wie kam der dazu, mich so was zu fragen? wollte er seine "medizin" loswerden? ich habe die frage natürlich verneint - und bin nie wieder hingegangen.

später habe ich noch oft an diese situation gedacht und mir viele passende schlagfertige antworten überlegt. ich hätte vielleicht kurz nachdenken und dann sagen können „normalerweise nicht. nur, wenn ein mann dabei ist.“ seitdem ich die antwort parat habe, bin ich so etwas doofes von einem mann nie wieder gefragt worden.

wie ich da heute bei meiner ärztin saß, mit angstschweiß und herzrasen vor der drohenden untersuchung, höre ich mich plötzlich sagen, wie sehr mich diese gynäkologische situation belastet. dass ich diese untersuchung heute auf keinen fall will. weder abstrich noch myomskontrolle. will nicht auf den stuhl, will mich nicht auseinanderreißen und auch nix in mich reinstecken lassen.

sie schaut mich überrascht an und kriegt den mund nicht mehr zu. ich erzähle, dass mir das letzte mal noch in böser erinnerung ist. wie schlecht es mir danach ging, weil immer alles wieder hochkommt. dass ich dann zu selbstverletzendem verhalten neige, weil ich nicht weiß, wie ich sonst damit umgehen soll.

sie guckt immer noch. ich bin unsicher. ich weine und erzähle, dass es mich viele teure therapiestunden gekostet hat, damit ich das jetzt sagen kann. wie froh ich bin, dass es raus ist. dass ich weiß, dass sie auch nur ihre arbeit macht und dass sie nix dafür kann, wenn es mich jedes mal so beutelt.

da spricht sie: „aber Sie können ja auch nichts dafür. es ist gut, dass Sie das gesagt haben. es ist gut, dass sie für sich sorgen. darauf können Sie stolz sein.“ nun bin ich es, die den mund nicht mehr zukriegt. was ist das denn!? keinerlei vorwürfe, dass es verantwortungslos sei, nicht zur vorsorge zu gehen? statt dessen ermunterung, weiterhin von meinem selbstbestimmungsrecht auf körperliche unversehrtheit gebrauch zu machen: „sie müssen nicht herkommen, wenn sie nicht wollen.“ ich glaube es kaum. sie meint das ganz ernst. bleibt freundlich und respektvoll:

dann fragt sie nach meiner arbeit. ich berichte von meinem schlecht bezahlten fastvollzeitjob, sie schimpft auf manager, die fürs fastnixtun die millionen absahnen – und plötzlich unterhalten wir uns darüber, dass in deutschland so schrecklich viel so schrecklich schief läuft. seit wann das angefangen hat, wie es gekommen ist, und dass es immer schlimmer wird. immer unmenschlicher. immer ungerechter. sie sagt „ich versteh‘ das nicht, verstehen Sie?“ ich bin sehr dankbar, dass sie politisch denkt. dass sie nicht nur hormone und honorarabrechnungen im kopf hat.

dann verabschieden wir uns. sie hat mich nicht untersucht. sie sagt noch einmal, wie gut und wichtig sie es findet, dass es mir gelungen ist, meine grenze zu setzen.

die tränen, die mir jetzt fließen, sind tränen der erleichterung. ich bin ein großes stück geheilt heute und fühle mich viel gesünder als vor dem arztbesuch. so sollte es sein. das ist genau das, was eine gute ärztin ausmacht.


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Mittwoch, 10. Februar 2010

besondere maßnahme no VIII – haarsträubende haarausreißerei

wenn eine sich aufmacht, ein weblog zu schreiben, dann können die merkwürdigsten dinge passieren.


neulich vor ein paar wochen flatterte mir eine email auf die festplatte, von jener firma, deren geschichte vor fast achtzig jahren in kronberg im taunus begann - als apparatebauwerkstatt für elektrische haushaltsgeräte:

du schreibst in deinem Blog über die wichtigen Dinge im Leben einer Frau. Körperpflege gehört ja mit Sicherheit dazu. … Der nächste Sommer kommt gewiss und dann sind gepflegte Beine wieder ein Muss.... Deshalb haben wir für das "Büro für besondere Maßnahmen" ein besonderes Maßnahmen-Angebot: Hast du Lust den neuen Epilierer "Silk-épil Xpressive Wet&dry" aus dem Hause Braun zu testen? Wir möchten dich herzlich einladen, das Gerät auszuprobieren....

mein erster gedanke war: ist das ein witz?!

mein zweiter gedanke: die haben mich falsch verstanden. ich schreibe doch nicht über so‘n körperpflege- und kosmetikzeugs. wie kommen die dazu, mir vorzuschreiben, was zu den wirklich wichtigen dingen im leben einer frau gehört? für wen sind gepflegte beine ein MUSS? und wenn überhaupt, wieso dann nur im sommer? unterstellen die mir, dass ich im winter verlottere?!

mein dritter gedanke: die fahren eine geniale marketingstrategie, wenn sie nominierte weiberblogs als werbeträgerinnen rekrutieren – respekt!

meine gedanken no vier, fünf, sechs und sieben galten all meinen elektrogeräten von eben diesem hersteller, die mich zum teil schon seit jahrzehnten begleiten und längst teil meines alltags geworden sind: der verständnisvolle wecker, der auf zuruf verstummt; der haar- und tinnitusfreundliche flüster-fön; die zahnbürste, die so schön brummt und kribbelt und – mein olles epiliergerät!

mein achter gedanke: ein neues epiliergerät wäre schick. darf ich so korrupt sein?

dann habe ich aufgehört zu denken, auf den antwortebutton geklickt und nach den konditionen gefragt.

ihr habt richtig gelesen. epiliergerät. kreish! meterweise feministische literatur, die nicht nur im regal gesammelt sondern tatsächlich gelesen ist, jahrzehntelange lektüre von emma, deren redaktion in meiner schulmädchenzeit ja quasi um die ecke war von da wo ich wohnte, nächtelange diskussionen in der frauen-WG im berlin der achtziger jahre, in denen wir qualmten und soffen wie die kerle – es hat alles nichts genutzt:

ich verschwende einen nicht unerheblichen teil meiner kostbaren kognitiven, emotionalen, kreativen, zeitlichen und finanziellen ressourcen darauf, mein äußeres optisch den gesellschaftlichen gepflogenheiten und dem derzeit geltenden weiblichen schönheitsideal anzupassen. kurz: ich würde eher ohne unterhose aus dem haus gehen als ohne lippenstift.

einmal im monat kümmere ich mich auch um meine körperbehaarung und andere hornige auswüchse. einen guten rhythmus gibt mir der mond. da heißt es in den gängigen mondkalendern u.a., dass die tage, an denen der mond das sternzeichen steinbock durchwandert, besonders günstig seien für die intensive pflege der fuß- und fingernägel.

nimmt der mond dann gerade zu, wachsen sie schnell und fest wieder nach. angeblich. nimmt er ab, wachsen sie nicht so schnell nach, aber dafür gerade. angeblich. der abnehmende mond im steinbock eignet sich daher auch besonders für das entfernen von hornhaut und von körperhaaren, die frau auf dauer loswerden will. angeblich.

ob das stimmt, weiß ich nicht. aber es schadet nicht, wenn ich mich an diesen rhythmus halte und mein sonst so zerrissenes leben hier und da mit einem kleinen ritual etwas stabilisiere.

der abnehmende mond im steinbock, das ist heute, und deswegen steht in meinem filofax bei den tagesaufgaben ein mehr oder weniger kryptisches „haare weg“. ich weiß, was gemeint ist. das volle programm:

augenbrauen zupfen, die drei goldenen barthaare ausreißen, das eine haar auf der warze neben der rechten nasolabialfalte kurz schneiden, die achseln rasieren, bikinizone kritisch beäugen und die haare auf den schienbeinen entfernen.

und während ich das alles so mach‘, frage ich mich, wer denn eigentlich diese seltsamen haarigen regeln aufgestellt hat und wozu das alles gut sein soll. schönheitsideale sind sooo willkürlich!

hat schon mal eine von euch von irgendeiner kultur gehört, in der männer dazu angehalten werden, sich unter größten schmerzen und gefahren für die gesundheit ihrer körperbehaarung zu entledigen, einmal abgesehen von der unabdingbaren bartrasur?

mein bester schwuler freund würde sagen: mann mit bart ist sowieso OB doppelzehn. mit OB meint er nicht den baumwollstöpfel für die mens. männer unter sich sprechen von OB als OrgasmusBremse, auf einer skala von eins bis zehn. zehn wird getoppt von doppelzehn. OB doppelzehn geht also gar nicht. genau. mann mit bart geht gar nicht, das ist auch meine persönliche OB doppelzehn, da bin ich total tote hose. männerhaare gehören auf und nicht unter den kopf.

aber müssen männer sich die achselhaare rasieren? die badehosenzone epilieren? die brust enthaaren? nein. wozu auch?

wem nützt es, wenn ich die augenbrauen ‚in form‘ bringe und so lange daran herumzupfe, bis es aussieht, als ob ich ständig erstaunt sei und immer nur bewundernd-ehrfürchtig mit weit nach oben gezogenen brauen von ganz tief unten (zu den herren der schöpfung) aufschaue? widerspruchslos, versteht sich.

warum schminke ich mir die augen groß und ausdrucksvoll, bis sie dem harm- und hilflosen kindchenschema entsprechen, von dem manche männer sich so gerne anhimmeln lassen?

der damenbart ist ohnehin eine lachnummer: denn so eine hat auch haare auf den zähnen und kriegt sowieso keinen mann ab. also lieber bart ab. da ziehe ich mit den männern gleich.

warum mag ich meinen eigenen geruch nicht, rasiere mir die achselhaare und übertünche die reste von schweiß mit deo? okay – rasieren, das geht so gerade noch. aber epilieren? direkt an den lymphknoten und all den empfindlichen nervenbahnen? das halte ich nicht für gesund.

die bikinizone oder gar die scham enthaaren? obwohl da die haut so wunderbar empfindsam und empfänglich ist für wohl- und schandtaten? warum um alles in der welt soll ich mich da selbst verletzen? weil männer lieber nackte kindermösen vögeln? weil sie angst haben vor ‚echten‘ frauen? ich weiß es nicht. ich weiß nur, dass dieser 'haarfreie trend' sich in den letzten ein, zwei jahrzehnten sehr verstärkt hat.

auch weibliche schienbeine sollen haarmakellos glatt sein. warum?! ganz sicher nicht nur, damit sie aus dünnen nylonstrümpfen nicht so stachlig hervorstechen und - igitte! - böse laufmaschen verursachen. stellt euch mal vor, wir lebten in einer kultur, in der wir für viele und starke bein- und sonstewohaare bewundert würden! hach was wäre das schön, komplimente zu hören wie „du bist echt ne starke frau mit deinem schienbeinpelz“ oder „deine haarigen waden sind sooo sexy!“

in so einer kultur leben wir aber nicht. deswegen zupfe ich mir einmal im monat ein paar der derzeit nicht akzeptierten härchen aus. auf den schienbeinen. das gerät, das die liebe britta von braun mir zum ausprobieren geschickt hat, taugt dafür bestens. als neuzeitliches frauenfoltergerät an den anderen stellen taugt es leider auch. ich bedanke mich artig.


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