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Januar 2021

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Freitag, 9. Mai 2014

Heimatlos

Wenn ich aus den Fenstern meiner Dachwohnung schaue, sehe ich blühende Landschaften. Rundum. Derzeit blühen die Reben. Eher unscheinbar und grün, aber sie blühn. Quadratkilometerweise. In den Haus- und Gemüsegärten des Dorfes, in den Balkonkästen und Terrassenkübeln blüht alles, was die Natur hergibt. Rosen und Akelei, Iris und Flieder, Ringelblumen und Männertreu, Geranien, Schöllkraut und Kartoffelstrauch. Schön. Und bunt.

Jesus - der genagelte Mann

Ich lebe in einem optischen Paradies. Als ich vor mehr als zehn Jahren aus der Großstadt hierher aufs Land zog, war es genau das, was ich haben wollte. Die vogelzwitschernde Blümchenidylle.

In Berlin war mir alles zu viel gewesen: Zu viele Menschen. Zu viele Autos. Zu viele Häuser. Zu viel schlechte Luft und zu viel schlechte Stimmung. Zu viel Armut und zu viel Hundekot auf den Straßen. Die kontinuierliche Überflutung an Sinneseindrücken, die allgegenwärtige Zu-viel-isation überforderte mich. In all dem Überfluss war ich schon längst nicht mehr zu Hause.

Zudem hatte ich ständig das Gefühl, etwas zu verpassen. Ich war unzulänglich, den Anforderungen der Millionenstadt nicht gewachsen. Viel zu groß war das kulturelle Angebot. Selbst wenn ich jeden Abend ins Theater, ins Kino, ins Konzert gegangen wäre – einmal vorausgesetzt, ich hätte die persönlichen und finanziellen Möglichkeiten dazu gehabt – so hätte ich doch für jede besuchte Vorstellung mindestens zwei Dutzend andere nicht erleben können.

Ich war vierzig. Ich hatte den Dalai Lama interviewt und zweierlei Teuf(f)el. Viel mehr würde nicht kommen. Da konnte ich auch Holz aufsammeln im Wald. Hauptsache, der Job hielt mich einigermaßen über Wasser und die KollegInnen wären nett. Ich packte meine Lebens-Mittel-Krise und die zwei Katzen in einen Korb und zog in den Süden, in ein Zweieinhalbtausend-Seelen-Winzerdorf.

Wie war ich froh, angekommen zu sein! Ich wollte endlich sesshaft werden und erkundigte mich sogar, ob ich katholisch werden muss, um auf dem Gemeindefriedhof begraben werden zu dürfen.

„Hier ist es so schön ruhig, es gibt noch nicht einmal eine Ampel“, schwärmte ich einer Freundin vor.
Sie runzelte die Stirn und fragte freundlich zurück: „Wie kommst du denn dann über die Straße?“ 
„Ich gehe einfach immer im Kreis“, antwortete ich ebenso so freundlich. Dann grinsten wir uns an und brachen beide in schallendes Gelächter aus.

Das Lachen sollte mir bald vergehen. Der ampelfreie Frieden wurde zur tödlichen Friedhofsruhe. Weil die Idylle nur optisch ist. Die reine Fassade.

Es gibt nichts im Außen, das einen ablenkt. Nur Lärm und Gestank von Weinbergstrekkern, Heimwerkerterroristen, Rasenmähern und Laubgebläsen. Weil es auch abends nichts zu tun gibt, werden schon pünktlich zur Tagesschau die Gehsteige fein säuberlich gekehrt und nach oben gefaltet. Das Leben hat hier wenig Platz. 

Weil draußen nichts los ist, über das die Menschen lachen oder zumindest lästern könnten, sitzen sie hinter ihren Fassaden und belauern sich gegenseitig. Ich habe hier noch niemals jemanden herzlich lachen hören. In all den Jahren nicht. Höchstens mal ein verkrampftes, schadenfrohes Wiehern war zu vernehmen oder ein verkniffenes Grinsen aus lippenlosem Mund zu beobachten.

Wehe, ich mache mal einen Scherz oder habe meinen Spaß einfach so – das wird sofort misstrauisch beargwöhnt. Als ob man neidisch wäre und mir mein Lachen nicht gönnt.

Das ist schrecklich. Ich lebe in einem klimatischen Paradies. Fruchtbarer Boden weit und breit. Keine Naturkatastrophen. Man könnte hier einfach glücklich sein.

Aber nein. Irgendwie lassen sie einen nicht. Die Menschen in ihrem totalitären Glauben sind schlimmer als jeder Vulkanausbruch, jedes Erdbeben es jemals sein könnten. Überall hängen sie einen zu Tode leidenden Mann am Balkenkreuz auf, seine Schmerzen sind unübersehbar. Alle paar hundert Meter hängt einer in den Reben oder sonstewo. Und stirbt!

Hängt es damit zusammen, dass mir hier das Lachen im Halse stecken bleibt? Weil es sich nicht schickt, im allgegenwärtigen Angesicht von Leid und gewaltsamen Tod fröhlich und unbeschwert zu sein? Darüber wachen sie. Schmallipppig und freudlos. Bloß nicht zu laut gelacht. Höchstens mal wohlerzogen gelächelt. Gute Laune? Durch verkrampftes Grinsen zu Tode dressiert. Es ist schlimmer als auf einer Beerdigung.

Sind die Menschen, die diesen Toten immer wieder neu ans Kreuz nageln, nicht mindestens genau so brutal wie diejenigen, die ihn vor bald zweieinhalb Jahrtausenden in echt haben sterben lassen? Was ist das für eine Gesellschaft, in der die Lebendigen wegen der längst Toten leiden müssen und nicht einmal mehr lachen dürfen?

Was habe ich mit den Ungerechtigkeiten der Geschichte zu tun?

Ich habe nicht nur meine Anpassungsfähigkeit an das katholische Spießertum überschätzt, sondern auch meinen Anpassungswillen. Denn dass auch mir selbst hier das Lachen vergehen würde, dass mir gar die Lebensfreude abhanden käme im Lauf der Jahre, damit hatte ich nicht gerechnet.

Weil das so ist, laufe ich große Gefahr, selbst zur biestigen, verkniffenen und verbissenen Alten zu werden. Das will ich natürlich nicht. Weil ich das nicht bin. Weil ich mich so nicht einmal mehr in mir selbst noch zu Hause fühle.

Ich muss fort. Woanders hin. Hier bin ich nicht zu Hause, hier stehen nur meine Möbel. Meine Seele ist verschollen im optischen Paradies.

„Zu Hause“ fühle ich mich nur, wenn ich auch lachen darf. So richtig: mit zurückgelegtem Kopf und von ganz tief unten aus dem Bauch heraus. Schallend.

Heimat ist kein Ort. 

Heimat ist da, wo ich die sein darf, die ich bin. Lebendig, mutig, neugierig, klug, zuversichtlich – und lachend.

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Montag, 24. Februar 2014

Sein oder nicht sein

- Rosenworte zum Montag - 

Bei einer Rose beschwert sich niemand, wenn sie im Winter nur ein stacheliger Stock ist mit Nichts dran. Rosen sind eben so.

Leuchtende Aprikola (W. Kordes' Söhne 2000)

Wenn das einmal anders ist - so wie in diesem milden Winter, als ich vergangene Woche bei einem Besuch in Düsseldorf blühende Rosenstöcke sah, mitten im Februar - dann freut und wundert man sich darüber. Niemals aber würden wir dann von allen anderen Rosenstöcken erwarten, jetzt gefälligst auch sofort zu blühen und sie aus dem Garten rupfen, wenn sie das nicht tun.

Bei Menschen ist das anders, wir sind einem ständigen Druck ausgesetzt, uns zu optimieren und pausenlos Höchstleistung zu vollbringen. Wenn einmal unter größter Anstrengung eine Höchstleistung erreicht wurde, wird diese Höchstleistung ab sofort zur Norm erhoben. Und wehe, du fährst dann nicht für den Rest deines Lebens Vollgas. Immer! Man darf dann gar nicht mehr "normal" sein!

AutotechnikerInnen und VerkehrsexpertInnen wissen, dass das fürs Auto schlecht und für Menschen lebensgefährlich ist. Solcherlei Gelassenheit wünsche ich mir auch im mitmenschlichen Umgang. Jeder hat gute und schlechte Tage.

Deswegen gilt in jeder erdenklichen Hinsicht.:

Man muss nicht da bleiben
wo man nicht sein darf
wie man ist.

Im Gegensatz zu den fest verwurzelten Rosenstöcken können wir uns selbst bewegen, können jederzeit einen neuen Standpunkt einnehmen - geographisch, emotional, intellektuell.

Es wird Zeit.


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Montag, 7. Oktober 2013

Glückseligkeit

- Rosenworte am Montag -

An manchen Tagen muss ich ganz weit zurück gehen in die Ursprünge der Philosophie, um mich des Menschenrechts auf einen eigenen Lebenssinn zu vergewissern und ihn mir wieder neu zu stiften.

Das ist immer dann besonders wichtig, wenn das Jobcenter als Unterstützer meiner prekären Lebensumstände mich - so wie derzeit - unter Ignoranz sämtlicher fachärztlicher Atteste und klinischer Gutachten mal wieder in die Depression "fördert und fordert".

Félicité Parmentier, Belgien 1843

Um intellektuell nicht vollends zu verlottern, habe ich mich ausnahmsweise** mit der Aristoteleschen Glückseligkeit beschäftigt und bin - etwas platt verkürzt - zu folgendem Ergebnis gekommen:

Herr Aristoteles hielt die Glückseligkeit (Eudämonie, aus dem griechischen εὐδαιμονία = einen guten Dämon haben) als "seelisches Glück" für das höchstes Gut und Endziel des menschlichen Handelns.

Das bedeutet, durch gelingende, rechtschaffene Lebensführung und wohlwollendes Schicksal ein seelisches Wohlbefinden zu erreichen inklusive äußerlicher, körperlicher und seelischer Güter.

Den Weg dahin gestaltet jede nach eigener Fa­çon und Möglichkeit mit bestmöglichem Menschenverstand.

Nach dieser erklärenden Präambel nun meine Rosenmontagsworte:

Mögen die Damen und Herren vom Amt 
sich bei der Auslegung der (Hartz4-)Paragraphen 
rechtschaffen wie gute Dämonen verhalten und 
kraft ihres Verstandes zu der Erkenntnis gelangen, 
dass es ihrer persönlichen Glückseligkeit 
überhaupt nicht zuträglich ist, 
wenn sie mir die meine zu verhindern trachten.


PS.
** Aristoteles war der Meinung, die Frau sei ein verfehlter Mann. Deswegen ist er für mich im Allgemeinen keine ernst zu nehmende Autorität und ich bin mir nicht sicher, ob seine Theorie der Glückseligkeit überhaupt auf die weibliche Mehrheit der Bevölkerung in unserem Land anwendbar ist. Einen Versuch ist es mir dennoch wert - als besondere Maßnahme quasi.


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Mittwoch, 23. Januar 2013

zuversicht

ein wortgeplänkel

es ist januar. im tal hängt ein undurchsichtig grauer himmel, aus dem es nasses, gefrorenes zeugs auf die kalte erde schmeißt. seit wochen schon.

der job ist gekündigt, das konto leer, neue aufträge sind nicht absehbar.

„zuversicht“ heißt das zauberwort der stunde. ach, was sage ich?! des tags! der woche! des monats! des jahres! meines ganzen lebens gar!

die ersten tulpen 2013 - porzellanrosa geflammt

ohne zuversicht geht nichts. an tagen wie diesen, wenn alles grau in grau versinkt, wenn es nicht hell werden will, weder draußen noch in meinem herzen - dann ist ihr allerdings nur schwer beizukommen.

zuversicht, was ist das eigentlich?

„optimismus“, sagen die einen - „glauben an das gute“, sagen die anderen. es könnte aber auch ein gefühl sein. oder eine lebenseinstellung. ein flüchtiger gedanke oder eine charaktereigenschaft: „vertrauen in den eigenen weg“ - so würde ich es wohl selbst umschreiben. aber ist das nun ein knubbel im kopf? oder eher eine windung im darmhirn?

mag sein es ist - wie eine gute freundin es einmal formuliert hat: „die fähigkeit, positiv zu denken angesichts schwieriger lebensumstände“

ja, das trifft es wohl. aber was tun, wenn schon wieder etwas schief geht, das mit so viel erwartungsvoller energie gestartet wurde? was tun, wenn die kraft nicht ausreicht, um den widrigen lebensumständen die stirn zu bieten?

„man muss an so vielen fronten stark sein“ - sagte eine kollegin, als wir beim mittagessen in der verlags-kantine über die verschiedenen lebensaufgaben sprachen. und sie, die sonst immer alle herausfordernd anblitzt, senkte resigniert den blick.

"so viele fronten", sagte sie. nicht nur ein einzelner kampf, zu dem sie herausgefordert ist. für solche fälle gibt es das wort „zuversicht“ auch im plural. „zuversichten“ heißt es dann. so kann man für jede einzelne front eine eigene zuversicht haben, dass man den kampf gewinnt - oder zumindest locker und lebendig durchkommt.

wieviele zuversichten braucht der mensch? und wieviele hat er? werden sie uns in die wiege gelegt? kriegt jedeR gleich viel? sind unsere zuversichten irgendwann alle aufgebraucht? woher kriegen wir dann neue? basteln wir zuversichtlich welche selbst? werden zuversichten in fabriken hergestellt, und wir müssen sie dann kaufen? oder werden zuversichten gezüchtet und vermehrt, geerntet oder geschlachtet und auf dem wochenmarkt angeboten? kriegen wir sie vielleicht geschenkt? oder gilt „wenn weg, dann weg“ - wie bei besonders günstigen und nur begrenzt vorrätigen sonderangeboten? müssen wir gut auf sie aufpassen? etwa in den kühlschrank legen, damit sie länger halten? oder in einen blumentopf pflanzen, damit sie gut gedeihen?

wenn es zuversichten im plural gibt, sind die dann alle gleich? oder gibt es für jede lebenslage eine andere zuversicht, große und kleine, dicke und dünne, rote und gläserne und eckige und heiße? woher weiß ich, welche art von zuversicht für meine aktuelle lebenssituation die jeweils bestmögliche ist?

und falls ich die benötigte art von zuversicht gerade nicht vorrätig habe, woher kriege ich die dann? kann man sie überhaupt vorrätig haben? oder nimmt man lieber eine frische?

wenn das alles so kompliziert ist mit den zuversichten, wäre es dann nicht besser, gleich auf sie zu verzichten? ökologischer? nachhaltiger? wohin wird eigentlich eine nicht mehr benötigte bereits benutzte zuversicht entsorgt? kann eine qualitativ hochwertige zuversicht sich nach gebrauch in ihr gegenteil verkehren und irgendwo-irgendwann-irgendeinen schaden anrichten? brauchen wir ein produktmanagement und eine DIN-zertifizierung?

man ist ja lieber vorsichtig mit solch ungreifbaren begriffen ...

und doch … irgendwo höre ich es leise flüstern. ich verstehe jedes wort, auch wenn ich es nicht immer glauben kann. aber ich bin ganz sicher: die zunge meiner rheinländischen kindheit lügt nicht.

artikel 3 des kölschen grundgesetzes lautet:
„et hät noch emmer joot jejange“
(es ist bisher noch immer gut gegangen)

und das ist für mich der inbegriff aller zuversicht - ganz egal, ob in der luxus- oder in der alltagsversion!

Sonntag, 19. Februar 2012

gute karten

auch in meinem prekären hartz4-ergänzungsleben finde ich nicht immer nur deutschgraue amtspost in meinem briefkasten. an manchen tagen flattern die schönsten dinge** ins haus.

Die Kaiserin liebt das Leben.

manchmal kommt das gute einfach so, quasi als unerwartete bereicherung. dann wieder war ich selbst diejenige, die einen entscheidenden kleinen impuls gesetzt hat, der nun positive wirkung zeigt. manchmal kommt auch der impuls von außen, ich reagiere darauf oder lasse es sein, je nachdem. und schon ändert sich die kette der ereignisse.

Die Kaiserin hat viele Chancen.

Die Karten der Kaiserin

ob ich impulse setze oder nicht, ob und wie ich auf einflüsse von außen reagiere, da denke ich nicht immer drüber nach. das ist oft eine frage, die in millisekunden entschieden wird: ich folge meiner intuition, höre auf meinen bauch.

Die Kaiserin folgt ihrem innersten Gesetz.

im grunde bin ich darin ziemlich gut – wenn ich es mir denn erlaube. leider ist mir die innere stimme früher mal ziemlich aberzogen worden. das war nicht nur die mutter. auch heute noch gibt es da draußen viele, die die stimme einer klugen frau nicht hören, nicht respektieren wollen.

Die Kaiserin respektiert sich selbst.

nachdem ich also in den ersten beiden jahrzehnten meines lebens edukativ ziemlich verkorkst wurde, bin ich nun wohl für den rest meines lebens damit beschäftigt, wieder zu verwildern. sprich: auf meine innere stimme zu hören und tag für tag die zu werden und zu sein, die ich wirklich bin.

Die Kaiserin nimmt sich, was sie braucht.

das buch „Der Weg der Kaiserin“ von Ulja Krautwald und Christine Li unterstützt mich darin schon seit mehr als zehn jahren. die 'kaiserin' gab es wirklich: Wu Zhao herrschte vor mehr als tausend jahren in china als einzige frau, die jemals offiziell herrscherin war (also nicht 'nur' die ehefrau eines kaisers). ihre geschichte wird im buch erzählt. parallel werden ihre kaiserlichen strategien so ins moderne übertragen, dass sie für frauen der gegenwart von unschätzbarem wert sind.

Die Kaiserin hält sich nicht an Konventionen.

jeder von uns wohnt eine kaiserin inne, wir sind nur nicht immer mit ihr in kontakt. wie auch, wenn erziehung und gesellschaft alles daran setzen, die – dem mainstream (oder sollte ich lieber schreiben: „manstream“?!) oft unbequeme - innere stimme einer kaiserin möglichst mundtot zu machen.

Die Kaiserin ist nicht Everybody's Darling.

'Die Kaiserin' ist nicht nur lesebuch, sondern auch lebensbuch. jedes kapitel liefert seine „essenz“ gleich mehrfach mit: zum einen in form einer rezeptur für einen tee nach allen regeln der traditionellen chinesischen medizin, zum anderen als strategische sätze für frauen jeden alters in verschiedenen lebenssituationen: die innere stimme der kaiserin quasi für den hausgebrauch.

Die Kaiserin meidet herrschsüchtige Ärzte und Menschen, die nicht lachen.

„hör auf mich!“ scheint die kaiserin mir zuzurufen, wenn ich ihr mal zu lange den rücken kehre, wenn ihre stimme im mich fordernden alle-tage-trott unterzugehen droht.

Die Kaiserin weiß um Ebbe und Flut.

damit ich sie besser hören kann, gibt es ihre kaiserinnensätze jetzt auf karten*. in kaiserlich roten schachteln – und das auch noch in zwei versionen: groß und klein, für zu hause und für unterwegs. künstlerisch gestaltet die großen, eher schlicht die kleinen.

Die Kaiserin weiß, was sie will.

der stimme der kaiserin lauschen – das bedeutet innehalten im alltagskarussell. stille sein. ein kaiserlicher augenblick! niemals würde die kaiserin mir sagen: 'tu dies oder tu jenes'. ihre sätze wirken subtiler, indem sie meiner eigenen inneren stimme zu ihrem recht verhilft, gehört zu werden. man könnte auch sagen: die kaiserin holt die intuition aus dem nebel, sie bringt den bauch zum sprechen.

Die Kraft der Kaiserin entsteht in der Tiefe.

wie auch beim tarot lege ich die karten der kaiserin auf ein eigenes, ein ganz besonderes tuch. das tuch für meine kaiserinnenkarten zeigt den grundriss des alten kaiserlichen palastes in kyoto. ich liebe dieses alte tuch sehr, denn der plan ist von ergreifend schlichter ordnung. ich tendiere ja bekanntlich dazu, mein leben zu verkomplifizieren. die sätze der kaiserin sind klipp und klar. das hilft.

Die Kaiserin konzentriert sich auf das Wesentliche.

manchmal haben diese karten eine sehr direkte wirkung. manchmal dauert es ein weilchen. sie machen garantiert stark, schön, schlau und glücklich - und das nicht nur, wenn sie im briefkasten liegen. ich werde demnächst mehr berichten. lasst euch überraschen. oder probiert es selbst aus!

der tägliche umgang mit diesen karten ist zwar auch eine besondere, vor allem aber eine kaiserliche maßnahme. kaiserliche maßnahmen stehen für sich und werden nicht gezählt.


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- die karten der kaiserin, edition kunst und edition classic sind erschienen und erhältlich beim krautwaldverlag.
- die sätze der kaiserin erscheinen auch in täglichem wechsel auf der startseite von zinnoberfluss.

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großes danke an ulja krautwald!

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Mittwoch, 9. März 2011

meine vorbilder

ein schulaufsatz

als ich noch ein kleines mädchen war, wollte ich unbedingt lehrerin werden. die klassenlehrerin in der grundschule war mein großes vorbild. zumindest verehrte ich sie sehr. am meisten verehrte ich sie, weil sie mir gute noten gab. sie hatte die macht über wohl und wehe aller schulkinder. mir wollte sie wohl.

erdmännchen? erdweibchen?

meine grundschullehrerin war mir nicht wirklich ein vorbild. ich kannte sie ja kaum. aber sie war die erste frau in meinem leben, die nicht nur hausfrau war. sie hatte einen eigenen beruf, sie verdiente eigenes geld, sie war von niemandem abhängig, durfte sogar ihre eigene meinung sagen. andere leute (also ich und meine schulkameradInnen) mussten tun, was sie sagte - und wir mussten es gut machen, sonst gab es schlechte noten. ja: sie hatte macht. das gefiel mir.

meine eigenen eltern taugten als vorbild wenig. der vater meist fort zur arbeit. war er zu hause, saß er entweder vor dem fernseher, schnarchte auf dem sofa oder lag nach der nachtschicht im bett. er war ein sehr abwesender vater. außerdem war er ziemlich dick, furzte und rülpste nach belieben: SEINE vorbilder waren mittelalterliche ritter. ich mochte ihn nicht. ich ekelte mich. er war mir peinlich.

auch die mutter war mir wenig vorbild mit ihrer eiskalten ungeduld. sie arbeitete zwar auch hin und wieder, dies und das - ließ aber regelmäßig durchblicken, dass ihr das alles zu viel sei und dass sie das nur für uns täte - also nur für die schwester und für mich - weil wir uns sonst nichts hätten leisten können. sie war oft schlecht gelaunt und zog sich immer wieder mit migräne in ihr schlafzimmer zurück.

ich verbrachte sehr viele tage meiner kindheit auf zehenspitzen, weil entweder der vater oder die mutter absolute ruhe brauchten. ich lernte: weil es mich gibt, geht es den eltern schlecht. nein: zu hause kein vorbild nirgends.

nach der grundschule waren mir auch die lehrerinnen auf dem gymnasium kein vorbild mehr: allesamt strenge alte jungfern. die meisten ziemlich schmallippig. zwar gab es die eine oder andere lehrerin, die ich sehr liebte - meine kunstlehrerin zum beispiel: sie war mit einem blinden goldschmied verheiratet und wunderbar feinfühlig. vor den meisten aber hatte ich angst. so furchterregend wollte ich nun wirklich nicht werden.

mit den vorbildern hatte ich es also nicht leicht. frauen, denen ich hätte ähnlich werden wollen, gab es wenige. die, die ich verehrte, fanden in den strengen augen der eltern keinen gefallen.

bezaubernde jeannie, die war super! wie sie immer ihren willen kriegte und den mann an der nase herumführte. wunderbar! leider nicht realistisch - dieses vorbild taugte höchstens für den karneval.

eine geistreiche, kluge philosophin wollte ich werden, wie simone de beauvoir. als ich erfuhr, welchen preis sie dafür zahlte im zusammenleben mit herrn sartre, schrumpfte sie vor meinen augen zusammen. was nicht heißt, dass ich ihre texte nicht trotzdem bewunderte.

ganz enorm beeindruckt hat mich die schweizerin isabelle eberhardt, die in männerkleidern allein durch die sahara ritt, romane schrieb und reiseberichte: „ohne Schreiben gibt es keine Hoffnung für mich in diesem verfluchten Leben in ewiger Finsternis”. das war ich! alleine in die wüste, das habe ich mich aber dann doch nicht getraut. und schon mit 26 sterben wollte ich auch nicht.

irgendwann blieb keine mehr übrig, und lange zeit wollte ich sein wie verschiedene männer. als vorbilder wählte mir natürlich nur die allerberühmtesten: pablo picasso oder marcel duchamp, charles bukowski oder tom waits zum beispiel.

ich habe tatsächlich geglaubt an das, was mir in der schule beigebracht worden war: dass männer und frauen gleichberechtigt seien und gleiche chancen hätten.

ich dachte, ich könnte mich frei bewegen auf diesem planeten, könne sagen was ich denke und tun, was mir beliebt und meinem wesen entspricht. riskant leben, ein bißchen bohème sein - trotzdem respektiert werden und anerkennung finden. wie andere männer eben auch.

ich habe mir lange vorgemacht, dass das möglich sei. dabei war das vielleicht der größte irrtum meines lebens. und der kraftraubendste.

es war sehr schmerzlich, einzusehen, dass ich nicht frau sein kann und trotzdem leben wie ein mann. wie deprimierend! damit waren alle meine vorbilder hinfällig. egal welchen geschlechts.

mit den jahrzehnten lernte ich, dass es im leben sowieso nicht in erster linie um vorbilder geht, sondern darum, die zu werden und zu sein, die ich wirklich bin. mit ganzem herzen ich selbst und sonst gar nichts.

allerdings gehe ich bis heute nicht davon aus, dass “die zu sein, die ich bin” ein erreichbares endziel ist, an dem ich perfekt und fertig wäre. welch eine schreckenslangweilige vorstellung!

“sein, wer man wirklich ist” - das ist vielmehr ein immerwährender prozess, in dem ich mich - hoffentlich - bis an mein lebensende befinden werde. ich gehöre ganz sicher nicht zu den menschen, die irgendwann von sich behaupten wollen oder können, sie seien fertig. ich möchte mein leben lang lernen, mich ein leben lang verändern und womöglich sogar täglich neu erfinden dürfen.

wenn mir das gelingen könnte, in liebevoller achtsamkeit - dann wäre ich mein eigenes vorbild.


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Montag, 1. November 2010

allerheiligen

mit dem christengott steh‘ ich nicht auf sonderlich gutem fuße. das mag zum einen daherkommen, dass ich von den eltern nicht getauft wurde. der vater evangelisch, die mutter katholisch hatten sie ganz diplomatisch beschlossen, dass ich mir meine religion selbst aussuchen dürfe, sobald ich alt genug dazu sei.

tibetische klangschale / kuan yin / katze speckstein

als ich alt genug war, konnte ich mich nicht entschließen, an einen sogenannten lieben gott der christen zu glauben. erst recht nicht an einen, der so dermaßen jähzornig, cholerisch und unnütz strafend ist, dass er die einzigen beiden menschen aus dem paradies wegschickt, bloß weil sie neugierig waren.

eine so zutiefst unmenschliche religion, die mehr als die hälfte der menschheit der anderen knappen hälfte als unterlegen ansieht, wollte mir nicht ins herz. für – vorsichtig ausgedrückt – ‚frauenunfreundliches‘ verhalten hatte ich schon sehr früh sehr feine antennen.

all diese biblische unlogik jedenfalls von der angeblich jungfräulichen empfängnis und diese himmelschreiende ungerechtigkeit, dass nur männer spaß haben dürfen, während frauen dazu da sind, ihnen die füße zu waschen und zu küssen (stimmt die reihenfolge, wenigstens?) fand ich schlichtweg abstoßend.

so war ich in der schule vom religionsunterricht befreit. weil ich aber unter aufsichtspflicht stand, saß ich dann doch dabei – brauchte mich aber nicht zu beteiligen und konnte ganz unvoreingenommen zuhören. vor allem hatte ich keinerlei druck, irgendetwas glauben zu müssen, nur um eine gute note zu kriegen.

die geschichten aus der bibel fand ich brutal und garstig. am allergarstigsten ist die stelle im kapitel 19 der genesis, wo herr lot göttlichen besuch hat. das war den anderen bewohnern von sodom eine willkommene gelegenheit, sich lüstern vor lots haus zusammenzurotten in der absicht, sich unzüchtig über die gäste herzumachen: „Heraus mit ihnen, wir wollen mit ihnen verkehren.“ und was macht der herr lot? um seine gäste zu retten, bietet er der geilen bande seine jungfräulichen töchter an: „Aber meine Brüder, begeht doch nicht ein solches Verbrechen! Seht, ich habe zwei Töchter, die noch keinen Mann erkannt haben. Ich will sie euch herausbringen. Dann tut mit ihnen, was euch gefällt. Nur jenen Männern tut nichts an ....“

dafür wird lot dann auch noch vom ‚lieben‘ gott gerettet. ich lernte also aus der bibel: christen finden es nicht sonderlich schlimm, jungfrauen zu vergewaltigen. männer zu vögeln ist viel schlimmer. na vielen dank.

so wurde das also nichts mit mir und dem christengott. und das wird auch nichts mehr. nicht in diesem leben. als christin hätte ich ja sowieso bloß eines. damit hat sich das thema dann auch für meine nächsten leben ohnehin erledigt, weil wiedergeburten aus christlicher sicht nicht vorgesehen sind.

meine reisen in südostasien (hier vor allem nepal), meine philosophischen studien, ein auslandsjahr in japan und – ich werde es nie vergessen! - ein persönliches interview mit seiner heiligkeit dem dalai lama haben mich buddhistin werden lassen.

die buddhistische toleranz kommt mir entgegen: es gibt keine götter, an die ich widerspruchslos glauben soll. falls jemand andere gottheiten anbeten möchte als ich selbst: nur zu - die werden einfach in den kosmos integriert. jedes hat seine aufgabe.

der buddhismus ist eine weltanschauung, eine lebenseinstellung. noch dazu eine, die mit einem einzigen essentiellen satz zum ausdruck gebracht werden kann:

jedes wesen ist auf der welt, um anderen zu helfen; wenn wir anderen – aus welchen gründen auch immer – nicht helfen können, dann sollten wir ihnen zumindest nicht schaden.

sehr einfach. sehr schlicht. und doch gar nicht immer so leicht umzusetzen. ich bin keine von den allerheiligsten.

meine persönliche allerheilige habe ich natürlich auch. natürlich eine frau: die grüne tara. in tibet der weibliche buddha des mitgefühls. in china bekannt als kuan yin. in japan heißt sie kannon.

die grüne tara schützt vor den acht arten der angst und hält den unterschied zwischen den geschlechtern für ein trugbild. als der dalai lama neulich vor ein paar jahren verkündete, dass seine nächste inkarnation auch weiblich sein könne, da hätte ich ihn am liebsten geküsst. leider lagen da schon wieder ein paar tausend kilometer zwischen uns.

die grüne tara begleitet und schützt mein leben, sie ist immer dabei. die grüne kuan yin aus chinesischem porzellan schmückt meine wohnung. sie geht mit auf reisen und begleitet mich auch virtuell als avatar.

auch ihr mantra gehört zu meinem alltag. es ist kurz, ich kann es mir gut merken:

om tare tuttare ture soha
(sehr frei: om grüne tara, du freie frau, die schnell hilft: ehre sei dir)

eine, die es ganz besonders schön chantet, ist die nepalesische nonne (ani) choying drolma. hier zum mitsingen bei youtube.


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Mittwoch, 6. Januar 2010

übern berg: hinterm horizont geht‘s weiter!

so. die rauhnächte wären geschafft. ab sofort werden die tage nicht mehr nur „um einen hahnenschrei“ - also fast gar nicht - länger, sondern um mindestens zwei minuten täglich! das macht pro woche eine satte viertelstunde mehr tageslicht. es geht also rapide aufwärts. das neue jahr legt sich mächtig ins zeug!



ob hähne auch im winter krähen, weiß ich gar nicht. in meinem kleinen winzerdorf ist derzeit keiner zu hören. in ghana übrigens gibt es dazu ein sprichwort „auch die henne weiß, dass die sonne aufgeht, doch sie überlässt das krähen dem hahn".

was soll eine frau auch groß tun, wenn der mann tagtäglich mit großem getöse selbstverständlichkeiten verkündet und nicht nur so tut, als hätte er den sonnenaufgang selbst erfunden, sondern als fände dieser auch noch ausschließlich auf sein kommando hin statt?!

in ganz uralten zeiten hieß unser heutiger 'dreikönigstag', also der tag nach den zwölf dunkelsten nächten: „sternentag“. das hängt zusammen mit der wiedergeburt des lichts und der verehrung der sonnengöttin – die je nach land und region unterschiedliche namen hatte.

das fiel mir ein, als ich vorhin im radio hörte, dass weder die himmelsforscherInnen noch die katholischen männer und noch nicht einmal der papst selbst heute wissen, was das denn nun für ein besonderes licht gewesen sein könnte am himmel damals vor zweitausend jahren äpfelputz, das den drei sogenannten weisen männern aus dem morgenland den weg leuchtete zum christkindl sein aufenthaltsort.

weder ein komet noch eine supernova noch eine besonders hell leuchtende sternen- oder planetenkonstellation ist für die damalige zeit nachweisbar. meine vermutung ist also hier einmal mehr, dass die christlichen hähne mit lautem krähen die wintersonnenwende neu erfunden haben wollen und dabei alte frauenkulturbräuche mit neuem männerpersonal besetzten.

drei weise männer! pah - wenn ich das schon höre. allein die kombination von „weise“ und „männer“ ist doch pures christliches wunschdenken. „mann“ und „weise" - das sind unvereinbare gegensätze! dann bringen sie auch noch weihrauch, gold und mürre, völlig verpeilt. die waren doch nicht ganz knusper, die herren melchior und kaspar und balthasar.

derlei mitbringsel, mit denen sich männer gerne wichtig machen wollen, gehen doch voll vorbei an den bedürfnissen von mutter und kind zwei wochen nach der geburt! welch ein unfug! hätte die bibel mal besser drei weise frauen erfunden. die hätten ganz gewiss warme decken, jede menge lebensmittel und heilkräuter und feuerholz und falsche pässe mitgebracht für die bevorstehende flucht. außerdem wären sie nicht zwei wochen zu spät gekommen.

drei weise frauen aber konnte die bibel nicht erfinden, denn die gab es ja ursprünglich schon! allen voran die wunderbare frau holle, große weberin und bringerin der kinder. andernorts ist sie auch als berchta bekannt. das war sozusagen die urgroßmutter des nach ihr benannten knecht ruprecht. die weiße freya oder frigga als schutzherrin der mutterschaft wäre ebenfalls mit dabei gewesen. die veranstaltete ja sowieso in den zwölf längsten nächten ihre himmlische sturmfahrt. in babylon – also im nahen osten in der nähe vom christkind sein stall – war die weise göttin nanshe für das deuten von sternen, träumen und vorzeichen zuständig. die hätte den anderen den weg schon rechtzeitig erklärt ....

es war also von anfang an ein himmlisches weiberzechen rund um die jahreswende. kerle waren da nicht vorgesehen, die tauchten dann erst zum frühlingsanfang aus ihrem winterschlaf wieder auf, zwecks zeugung der himmlischen wiedergeburt. an dieser stelle hat's die lustfeindliche bibel dann auch mit den männern nicht gut gemeint und sie kurzerhand zu 'heiligen geistern' erklärt.

ich liebe die alten frauenmythen! mehr - und vor allem: fundierteres als ich das hier biete - über sonnengöttinnen aller kontinente gibt es zu lesen in dem gleichnamigen buch von silke gyadu. der reinste göttinnenkrimi. ich finde es soo wichtig, dass wir frauen große und starke identifikationsfiguren haben, die uns auch kosmisch einbinden. ich will mich nicht nur als minderwertige kopie aus einer überzähligen rippe empfinden müssen, wie uns der angeblich liebe gott das einreden will.

mir hat das schon als kleines mädchen sehr zu schaffen gemacht, wenn die erwachsenen mich glauben machen wollten, dass eva schuld gewesen sei am rauswurf aus dem sogenannten paradies. welch eine himmelschreiende ungerechtigkeit! was konnte denn eva dafür, dass adam nicht umgehen konnte mit seiner apfelallergie?

apropos apfelallergie: zeit für ein stück apfelkuchen mit schlagsahne - zu ehren der großen göttin, versteht sich. apfelkuchen ist mein zweitliebstes lieblingsobst. die große göttin gönnt mir mein paradies.

also lasst euch das neue jahr schmecken – und überlegt vorher gut, mit wem ihr eure äpfel teilen wollt!


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Donnerstag, 19. November 2009

wortgeplänkel I - zeit

„eine zeitlang“, diesen ausdruck benutzte ich neulich einmal in einem anderen zusammenhang.

„täglich eine zeitlang“, so schrieb ich, „tue ich dieses oder jenes“ – und dann habe ich den begriff auch noch gesteigert bzw. geradezu verdoppelt, indem ich behauptete, ich täte dieses oder jenes manchmal sogar „zwei zeiten lang“.

gerade so, als ob ich wüßte, wie lang eine zeit sei, oder gar so als ob ich die alleingültige formel erfunden hätte, was die zeit ist.



du dummchen, wird jetzt jemand dazwischenrufen, das brauchst du gar nicht erst erfinden, das hat doch längst jemand anders erledigt, samt nobelpreis dafür gekriegt! seither messen wir die zeit in sekunden, minuten, stunden, tagen, wochen, monaten und jahren. und damit man immer weiß, wie spät es ist, hat der mensch eine uhr.

aha. natürlich habe auch ich eine uhr – mehrere sogar. und meistens weiß auch ich ziemlich genau, wie spät es ist. denn nur noch ganz wenige uhren gehen nach der wiener wasserleitung (meine blaue badezimmeruhr, zum beispiel).

uhren gehen neuerdings (um zeitgenau zu sein, seit 1978) nach der atomuhr. die deutsche atomzeit wird hergestellt vom physikalisch-technischen-bundesamt in braunschweig. damit die dort im ptb keine unzeiten herstellen, gibt es ein bundesdeutsches zeitgesetz.

das zeitgesetz regelt die gesetzliche zeit. es macht die zeit allerdings nicht selbst, es verwaltet sie bloß – auf dass der amtsschimmel immer pünktlich dahergeritten komme.

damit die leute sich nicht ständig verpassen - egal ob sie gesetzliches mit ihrer zeit tun oder nicht - wird die gesetzliche zeit mehr oder weniger regelmäßig und zeitgleich in den medien verkündet.

aber nicht in allen ganz genau, sondern bloß im fernsehen und im radio. ausgerechnet in dem medium aber, das nach der zeit benannt wurde - nämlich der zeitung - wird die zeit nicht ganz genau verkündet, sondern eher vage. am ungenauesten ist die geschriebene zeit, also die zeitangabe, die man aus zeit-schriften erfährt.

früher hatten wir noch die zeitansage im telefon, erinnert ihr euch? die gibt es heute auch noch, aber nicht mehr unter der nummer 119. als kind war ich davon völlig fasziniert und habe der netten dame vom amt mit ihrem piep sehr oft und sehr lange zugehört.

aber selbst, wenn die heutige computerstimme mit sinuston mir noch so genau sagen kann, wie spät es ist – damit weiß ich doch immer noch nicht, wie lang 'eine zeit lang' ist.

ist eine zeit so lang wie das ticken des weckers braucht, um die zeit in scheiben zu hacken?

oder ist eine zeit so lang wie der kuckuck in der nachbarswohnung benötigt, um sich dröhnend aus seinem uhrenkästchen herauszukatapultieren und mir mit metallischem ruf meinen mittagschlaf zu zerstören?

woher weiß ich, wenn meine freundin erzählt, sie sei eine zeit lang verheiratet gewesen, wie lang ihre zeit war?

ist ihre verheiratete zeit genau so lang wie meine, wenn ich sage 'ich bin schon eine ganze zeit lang single'?

ist 'eine ganze zeit lang' mehr als 'eine (einfache) zeit lang'? es hört und fühlt sich irgendwie so an – obwohl doch eins schon ein ganzes ist und kein kaputtes bruchstück …. oder irre ich mich?

spannend finde ich auch, dass zeit als kostbar gilt, obwohl sie doch von niemandem hergestellt wird – man sie also eigentlich auch nicht verkaufen kann.

die menschen verkaufen ihre zeit aber doch, gegen jede logik! zeit ist geld, sagen sie dann, werden ganz hektisch und haben überhaupt gar keine zeit mehr.

seltsam ist auch, dass die zeit verschiedener menschen unterschiedlich viel wert ist. frauenzeit zum beispiel ist weniger wertvoll als männerzeit. durchschnittlich gesehen. das weiß man nicht erst, seitdem die neuesten statistiken mal wieder beweisen, dass frauen nicht nur in unserem land ein fünftel bis ein drittel weniger geld für ihre arbeit erhalten als männer.

aber wieso? jeder mensch hat täglich die gleichen vierundzwanzig stunden zeit, um sein leben zu leben und um alles zu tun, was gut und wichtig ist. frauen haben nicht mehr zeit als männer. warum sollen wir mehr lebenszeit investieren, um denselben lohn zu erhalten?

das verstehe ich nicht. noch weniger aber kann ich verstehen, dass nicht nur arbeitszeit mit geld bezahlt wird.

gerade heute erst las ich in unserem ländlichen jedewoche-kostenlosimbriefkasten-anzeigenkäseblatt eine stellenanzeige, in der ein/e „freizeitverkäufer/in“ gesucht wird.

ja wie jetzt? soll ich nicht nur meine arbeitszeit, sondern auch noch meine freizeit verkaufen? auch das noch? ist freizeit dann mehr wert als arbeitszeit oder weniger? wie lang ist überhaupt eine freizeit, wenn ich sie verkaufe?

wenn ich eine zeit lang meine freizeit verkaufe: was passiert mit der nicht verkauften arbeitszeit? und vergeht die zeit dann doppelt so schnell? schnell vergeht die zeit doch sowieso, egal ob ich sie verkaufe oder nicht!

denn während ich hier eine zeit lang über die zeit schrieb, ist es draußen schon dunkel geworden – und wie lang meine zeit lang ist, weiß ich immer noch nicht.


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Donnerstag, 30. Juli 2009

unfug en gros & en détail I

man soll in einem weblog ja immer ganz regelmäßig schreiben, damit es mal irgendwann bekannt wird. das habe ich gelernt aus dem buch "weblog für dummies", das es seltsamerweise noch gar nicht gibt. ich werde es allerdings auch nicht schreiben. für den titel beanspruche ich aber schon mal ein copyright und werde dies im internet versteigern. es kostet mindestens einen euro!

mo jour - die philosophin

vorerst aber habe ich anderes zu tun: regelmäßig mein weblog pflegen, zum beispiel. hah! wer schreibt denn schon heutzutage noch bücher?

was aber bedeutet "regelmäßig" im falle meines weblogs?
wie oft? wie lang?
etwa jeden tag einen neuen eintrag?
ich möchte mich nicht überfordern.
ich möchte niemanden langweilen mit den gesammelten bonmots einer prekären mittvierzigerin kurz vor den wechseljahren.

also vielleicht eine art wöchentlicher kolumne?
quasi als minimalrahmen, den ich mir selbst aufhänge, um mich darin einzufügen?
gesammelte besondere maßnahmen en gros & en détail?
ja, ich denke, das wäre zu schaffen.

ich bin ja sowieso immer da.
hier an meinem schreibtisch mit der schönen aussicht.

ich bastele an meinem virtuellen kiosk, sozusagen.
früher habe ich mal philosphie studiert, vor langer zeit.

es war einmal ....
eine professionelle philosophin, die hatte ein großes problem:
unzählige von hunderte von seiten dicker bücher wollten gelesen sein, alle auf der suche nach der antwort auf die sogenannte große frage des lebens:
"WAS IST DER SINN DES LEBENS???"

das hat die große philosophin zu tode gelangweilt. sie philosophierte darüber und kam dahinter, dass - rein philosophisch gesehen - die frage falsch ist!
wer den sinn des lebens sucht, ist ein leben lang beschäftigt, findet natürlich keine antwort und wird frustriert, schlecht gelaunt und verbittert; kriegt pickel, falten und schlimmeres gar!

die philosophin philosophierte weiter, bis sie die philosophisch korrekte frage fand, die da lautet: "WAS IST DER UNSINN DES LEBENS??"

wer danach sucht, ist ebenfalls ein leben lang beschäftigt, hat aber zwischendurch jede menge erfolgserlebnisse - und wird dadurch gut gelaunt, erfolgreich, selbstbewusst, kriegt eine schöne haut, zellulite wird unwichtig und und und ....

unsinn finden ist also schon vom filosofischen standpunkt her überlebenswichtig.
allerdings: unsinn finden - das ist eine eher passive angelegenheit. weil unsinn liegt einfach so herum oder passiert einem.

wer sein eigenes leben aktiv in die hand nehmen will, der braucht jede menge unfug. unfug ist der aktive unsinn. unfug muß man selbst machen, der passiert nicht von alleine!

für all diejenigen, die in ihrem leben noch zu wenig haben von unsinn & unfug und noch nicht richtig glücklich sind, eröffnete die philosophin einen wunderbaren unsinns-salon! dieses unternehmen nannte sie "büro für besondere maßnahmen".

und wenn sie nicht gestorben ist, dann philosophiert sie noch heute, produziert bisweilen groben unfug für die hartgesottenen und allerlei leichteren unsinn für die anfänger.

klarer fall: das angebot ist begrenzt und seinen hohen preis wert. also schnell zugreifen, bevor der sinn des lebens in form von 'meingartenzaun-meinhaus-meinauto-meinelebensversicherung-meinrasenmäher-etc.' euch auffrißt!


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