Besondere Ereignisse erfordern besondere Maßnahmen. Denn irgendwas is' immer ....
[über den Umgang mit Katzen & Vermietern - und andere wichtige Dinge im Leben einer Frau]
Natürlich ruhe ich mich nicht aus auf dem Minijob im Anzeigen-Verlag, den ich nun schon seit fast einem halben Jahr tapfer aushalte. Wir erinnern uns? Der Stundenlohn liegt noch unter dem, was ich vor rund 30 Jahren als Studentin verdient habe.
Ungefähr 110 Euro verdiene ich da im Monat, die ich zusätzlich zum Arbeitslosengeld behalten darf. Eine nachhaltige Aufstockung ist nicht in Sicht. Weder, was meine Arbeitszeit – noch, was meinen Lohn angeht.
Begegnungen im Frühlingshimmel
Das reicht natürlich hinten und vorne nicht. Vor allem bietet es mir keinerlei Perspektive, jemals aus dem menschenverachtenden System Hartz IV herauszukommen. Qual und Folter!
Also bewerbe ich mich weiter. Stellen für kreative, sprachgewaltige Frauen über 50 sind dünn gesät. Erst recht hier im Südwesten. Wenn eine nicht Bäckereiverkäuferin ist, Putzfrau oder Altenpflegerin, dann ist da nicht viel zu machen.
Neulich wurde aber doch einmal ein „Lektor für Deutsch“ gesucht. Und zwar ab sofort! Ich bewarb mich flugs online, bringe alle geforderten Qualifikationen und sogar mehr als die.
Am vierten Tag nach meiner Bewerbung erhielt ich eine E-Mail. Man bat um Verständnis, dass die „sorgfältige Prüfung“ meiner Unterlagen bis zu sechs Wochen dauern könne.
Sechs Wochen? Ich dachte, die suchen jemand ab sofort?! Des Rätsels Lösung fand sich versteckt im nächsten Satz: Ich möge doch bitte einstweilen meine Gehaltsvorstellungen kundtun.
Meinen Marktwert? Ohne die Aufgaben im Detail zu kennen, die nötigen Qualifikationen, den zeitlichen Aufwand? Und dann auch noch per E-Mail, also quasi auf einer digitalen Postkarte? Dass die Kommunikation via Internet nicht sicher ist, wissen wir ja nicht erst seit Herrn Snowden ...
Interessant. Sie sind offensichtlich geizig und suchen nur den Billigsten. Im Klartext hatte die sehr geehrte Frau Recruitment also ungefähr Folgendes gemeint:
„So eine ältliche Mitarbeiterin wollten wir eigentlich nicht. Die kommt auf keinen Fall in die engere Wahl. Aber sie ist bestens ausgebildet und hat umfangreiche Erfahrungen. Also frag sie doch mal, was sie kostet. Vielleicht ist sie ja billig, dann können wir sie uns trotzdem einmal anschauen.“
Ich habe nicht vor, zum Dumpinglohn zu arbeiten und trotz einer festen Stelle womöglich weiterhin ergänzendes Arbeitslosengeld beantragen zu müssen - so wie das bei meinen letzten Stellen im Medienkonzern und an der Hochschule der Fall war.
Für meine Antwort ließ ich mir drei Tage Zeit. So eine Gehaltsvorstellung ins Blaue, die bricht man schließlich nicht übers Knie.
Nach ausführlichem Nachdenken bedankte ich mich artig bei Frau Personalchefin für die Bewerbungseingangsbestätigung. Wenn man weiß, dass bei dieser Firma „sofort“ im Schnitt „mindestens sechs Wochen“ dauert, kann man leichter geduldig sein.
Meine Honorarvorstellung hingegen, die könne ich ohne die Kenntnis weiterer Details, welche vorzugsweise in einem persönlichen Gespräch zu klären seien, nicht konkret mitteilen.
Vor dem Absenden habe ich ganz unschuldig einen kleinen Tippfehler in meine Antwort eingebaut. Ich habe das Honorar quasi schon selbst gekürzt. Weiteres habe ich von der Firma nicht gehört. Die avisierten sechs Wochen sind allerdings noch nicht vergangen.
da die stelle dort so gering honoriert war, dass ich ohnehin auch während meiner zeit als angestellte ergänzendes alg2 in anspruch nehmen musste, bin ich seither wieder „voll auf hartz4“.
der große luxus von unten - phalaenopsis orchidee
nein, das ist nicht lustig. ich kann meine erwerbslosigkeit nicht als „fröhlichen zwangsurlaub“ betrachten, wie eine im umgang mit den deutschen jobcentern eher unbedarfte bekannte mir neulich aufmunternd vorschlug. hartz4 ist kein spaß in der sozialen hängematte, sondern folter.
ich will hier jetzt gar nicht darüber schreiben, dass der regelsatz von 382 euro – der angeblich das existenzminimum sichern soll – vorne und hinten selbst zu einem schlichtesten überleben nicht reicht, dass es krank macht und vereinsamt. ich übe mich in der kunst, stilvoll zu verarmen. darin bin ich sogar recht erfolgreich. es darf nur nichts kaputt gehen. und ich darf das haus nicht allzu oft verlassen.
ich will hier jetzt auch gar nicht darüber schreiben, dass das hartz4-verrechnungs-amt sich ständig zu seinen gunsten verrechnet und meine „leistungen“ auf diese weise noch weit unter das angebliche „existenzminimum“ drückt. auch nicht darüber, dass unsereins das dann erst einmal herausfinden, aufwendig recherchieren und sich beraten lassen muss, um widerspruch einlegen zu können und ggfs. anwälte und sozialgerichtsbarkeit in gang zu setzen, um dann erst monate oder gar jahre später unter aufwendung erheblicher zusatzkosten (und aller zur verfügung stehenden nervenenden) das klitzebißchen zu kriegen, was einer gesetzlich zusteht – und was für das alltägliche überleben JETZT dringend benötigt wird.
nein.
ich dachte, ich schreibe heute einmal über 'post vom amt':
alle arbeitslosenämter der republik benutzen seit jahren das immergleiche ekelhafte dunkelgraue recycling-papier in allerschlechtester qualität. es sieht nicht nur schäbig aus, es stinkt auch ganz unangenehm (und das mir, die ich den duft von papier doch sonst so sehr liebe!) das muss nicht einmal das billigste papier sein. ich vermute, dass da ein parteigenosse oder kuseng des arbeitslosenministers mit einem never-ending großauftrag den reibach seines lebens macht (dass das arbeitslosenamt mit öffentlichen geldern sehr großzügig ist, wenn es um die privaten vorteile der eigenen mitarbeiter geht, wissen wir ja nicht erst seit 2010).
schon wenn ich so einen dreckig grauen recycling-umschlag ohne briefmarke und ohne absenderaufdruck im briefkasten sehe, krampft sich mein magen zusammen, fängt mein herz in panik an zu rasen und wird mir spei-übel. können die sich denn nicht einmal anständiges papier leisten? es gibt auch schönes recyclingpapier, mit einem höheren weißegrad, das weder teurer noch umweltschädlicher ist.
wir sehen: das amt behandelt seine „kundInnen“ schlecht. also unsereine. schon das benutzte briefpapier schreit aus allen deutschgrauen recycling-fasern: „du böse erwerbslose sozialschmarotzerin bist genauso schmutzig wie unser papier und absolut wertlos.“
das wird durch den blauen engel auf dem briefumschlag nicht besser. auch nicht dadurch, dass mein finanzamt ein ähnlich deutschgraues recycling-papier benutzt.
der unterschied liegt im inhalt und im ton. mit dem finanzamt korrespondiere ich als steuern zahlende bürgerin „auf augenhöhe“.
das jobcenter hingegen bezeichnet mich zwar offiziell als „kundin“ - behandelt mich aber a priori wie eine rechtsbrüchige verbrecherin, die es zu maßregeln und aus der angeblich so kommoden faulenzerInnen-hängematte zu mobben gilt.
geld spart das jobcenter vor allem dadurch, dass es weniger auszahlt als gesetzlich vorgeschrieben ist. in der freiburger nachbarbehörde wurden schon vor jahren die mitarbeiterInnen angewiesen, möglichst „sparsame“ bescheide zu verschicken. die folge: mehr als 80 % der bescheide waren fehlerhaft. sprich: es wurden rechtswidrig geringe leistungen bewilligt.
das amt hoffte darauf, dass die mehrheit der erwerbslosen das vor lauter hängematten-idylle verpennt und sich mit der hälfte des ihnen zustehenden zufrieden gibt. das hat sich durchaus gelohnt. leider schafft es immer nur eine minderheit, gegen falsche bescheide widerspruch einzulegen und den eigenen anspruch tatsächlich durchzusetzen.
um zusätzlich geld einzusparen, scheint es zum handwerkszeug der jobcenter zu gehören, „kundInnen“ für böse verbrechen zu bestrafen, die sie gar nicht begangen haben. es werden sanktionen verhängt ohne rücksicht auf das geltende grundgesetz – das bedeutet, dass die leistungen für die betroffenen noch weiter unter das existenzminimum gesenkt werden. auch dann, wenn die kundIn sich gar nichts hat zuschulden kommen lassen.
von einer rechtskundigen augenzeugen weiß ich, dass ein vertreter des hiesigen jobcenters sich mit großem stolz auf die amts-brust klopft: „WIR sind das jobcenter, das die meisten sanktionen verhängt!!!“ eichmann wäre stolz auf ihn.
von diesem brutalen, menschenverachtenden ehrgeiz bin ich leider gerade betroffen:
der schreckliche graue brief von meinem jobcenter kam am freitag und hat mich so dermaßen aufgeregt (und tut es noch), dass ich bis heute gebraucht habe, um mich einigermaßen zu beruhigen und darüber schreiben zu können.
geschrieben hat ihn „Frau Nicola M.***“. die kenne ich noch nicht. wir haben uns noch nicht einmal guten tag gesagt. offensichtlich ist sie mir nun als „arbeitsvermittlerin“ zugeordnet. aber ich weiß schon jetzt, dass sie genau das – nämlich mir eine arbeitsstelle vermitteln – garantiert NICHT tun wird.
statt dessen schreibt sie, dass sie mein ALG II gleich mal für die nächsten drei monate um 10 prozent kürzt, weil ich letzte woche nicht bei ihr im termin war. von dem termin wusste ich nichts!
angeblich habe sie mir eine „einladung“ (jobcenterdeutsch für „zwangsvorladung mit androhung von geldstrafe bei nichterscheinen“) geschickt. seltsam, dass die nicht bei mir ankam. ich bin hier mit den postzustellerInnen persönlich bekannt, seit jahren. es ist noch nie post nicht angekommen.
nun habe ich also eine „folgeeinladung“ erhalten. das ist jobcenterdeutsch für „zweite zwangsvorladung mit androhung von weiteren und noch größeren geldstrafen bei nichterscheinen in folge“. das halte ich nicht für kundenfreundlich, sondern für erpressung.
zumal ich als erwerbslose gleich einmal vorab und pauschal unter den generalverdacht der leistungserschleichung gestellt werde. welch eine unverschämte unterstellung. ich bin weder freiwillig noch gerne ohne sinnvolle arbeitsstelle. ich hasse es, meinen lebensunterhalt nicht selbst verdienen zu können.
vermutlich wollte frau M. mich gar nicht erst kennenlernen, sondern lieber gleich geld sparen. es ist anzunehmen, dass sie das schreiben an ihrem pc zwar bearbeitet und gespeichert – dann aber weder ausgedruckt noch an mich abgeschickt hat.
da sie nun ihr schlechtes gewissen zu kompensieren hat, ist sie in diesem zweiten schreiben besonders pampig und extra schikanös. es ist zu vermuten, dass sich das bei der „anhörung“ nächste woche fortsetzen wird.
es ist aber aufgabe der arbeitsvermittlerin, mich als kundIn auf augenhöhe zu informieren und zu beraten. ich habe ein recht auf die mir gesetzlich zustehenden leistungen. das sind keine almosen. mit dem antrag auf das arbeitslosengeld habe ich nicht gleichzeitig auch meine menschenwürde im arbeitslosenamt abgegeben. mit bösartigen unterstellungen und schikanen kommt sie bei mir nicht weit.
darauf werde ich „Frau M.“ im 'folgetermin' ausdrücklich hinweisen. höflich, aber bestimmt. so, wie ich es auf der journalistenschule für den umgang mit schwierigen interviewpartnerInnen gelernt habe: Fortiter in re, suaviter in modo
zu diesem termin gehe ich natürlich nicht alleine. außerdem bin ich informiert, dass sie mir für die rechtswirksamkeit ihrer sanktion nachweisen muss, dass ich ihre erste einladung tatsächlich erhalten habe.
gerade erst hatte ich gedacht: „jetzt
haste aber ne menge erfahrungen gemacht. gerade die letzte war ja
mal wieder eine echte herausforderung, zu buchen auf das lebenskonto 'erfahrungen - sollseite'. nun könnte zur abwechslung einmal etwas kommen, das ich aus dem fundus an bereits gemachten erfahrungen locker bewältigen kann - damit ich ein bißchen luft habe, um mich
mit aller kraft in die neue stelle einzuarbeiten, gut fuß zu fassen
und souverän zu werden ...!“
blühender glücksklee (oxalis tetraphylla)
aber immer dann kommt das leben,
watscht mir ins gesicht und sagt „äätsch-bäätsch! ich habe noch
was neues für dich!“ ZACK!
dieses luder.
keine drei monate war ich im medienkonzern, halbtags, als redaktionsassistenz für
drei verschiedene redakteurinnen. im grunde musste ich dreierlei jobs
neu lernen, für jede einen, ganz unterschiedliche aufgaben in
unterschiedlichen redaktionssystemen und software-backends.
vielerlei, alles sehr komplex.
obwohl ich als zeitarbeiterin schon
fast ein dreiviertel jahr in einer anderen abteilung gearbeitet
hatte, kam ich mir vor wie in einer neuen firma. erfahrene
kolleginnen sagten: „da brauchst du mindestens ein jahr, um dich
einzuarbeiten.“ eine ganz ehrliche kollegin sagte: „um sich
wirklich auszukennen, braucht man zwei jahre.“
sehr viel auf einmal, so schnell wie
möglich, oft sekundenschnelles hin- und her-switchen: auf emails und
kundenanfragen umgehend reagieren; dazwischen komplexe übersetzungen
juristischer texte aus dem deutschen ins englische (zu denen eine
befreundete diplomübersetzerin gesagt hatte, dass sie sich das nur
zutrauen würde, wenn ein muttersprachlicher arbeitsrechtler das
gegenliest); gleichzeitig zweierlei portalsforen auf neue einträge
überwachen (und beantworten); stundenlanges akribisches prüfen
diffiziler textbausteine in der software (ist die englische
übersetzung korrekt, stimmt die zuordnung …); das alles und noch
viel mehr - im geräuschpegel von teils laut telefonierendem
großraumbüro und baustellenlärm vor dem fenster.
unmöglich, mir alles gleich beim
ersten mal zu merken. ich habe kein fotographisches gedächtnis. mein
mensataugliches hochleistungshirn im overload. ich schwamm. stück
für stück fand ich mich ein, tag für tag schaffte ich mir mehr
boden mehr unter die füße.
wenn ich nicht weiterkam, fragte ich
die kollegInnen. so war es vereinbart. wenn ich fehler machte, wurde
ich darauf hingewiesen, hörte zu, lernte daraus. wie das eben so ist
in einer einarbeitung.
in den vierzehntägigen rücksprachen
mit der redaktionsleitung bekam ich großes lob für meine
übersetzungen. von den beiden anderen erhielt ich kein konkretes
feedback. „solange nichts negatives kommt, ist alles gut im fluss.“ -
dachte ich und strengte mich weiter an.
umso entsetzter war ich, als die chefin in meiner elften woche am neuen arbeitsplatz die rücksprache eröffnete mit den worten: „ich habe
schlechte nachrichten für Sie.“ - ?!?!?! - „Sie wissen sicher
schon, worum es geht.“ - ?!?!?! - „wir wollen Ihnen kündigen.“
- ?!?!?! - „wir haben uns die entscheidung nicht leicht gemacht.“
- ?!?!?! - „Sie sind zeitlich zu unflexibel (ich war pro arbeitstag im schnitt fast eine stunde länger da).“ - ?!?!?! - „Sie
haben überhaupt kein gespür dafür, wann hier viel zu tun ist.“ -
?!?!?! - „Sie haben zum falschen zeitpunkt einen tag urlaub
genommen (das war kein urlaub, sondern - auf den vorschlag der chefin hin - das zeitnahe abgleiten von überstunden und mit allen abgesprochen).“ - ?!?!?!
- „Sie sind im allgemeinen den belastungen dieser stelle nicht
gewachsen.“ - ?!?!?! - „Sie hätten doch merken müssen, dass
schlechte stimmung ist.“
dann legte sie mir die kündigung vor
(abgezeichnet von dreierlei geschäftsführungen und abgenickt vom
betriebsrat). ich hatte den empfang zu quittieren, meinen
schreibtisch sofort zu räumen, die mitarbeiterkarte auf den tisch zu
legen und das haus zu verlassen.
oh leben, du luder!
ich war geschockt und bin es noch.
offensichtlich hatten die drei „herrinnen“ (o-ton chefin) seit
wochen und monaten über mich gesprochen - und nicht ein einziges mal mit mir. ich hatte keine chance, stellung zu nehmen und - was auch
immer - zu verändern, verhalten oder arbeitsweisen zu korrigieren
und anzupassen. statt dessen haben sie meine - angeblichen - defizite
gesammelt und mich ins offene messer laufen lassen.
luder.
ich war nicht gut. ich war ihnen nicht einmal
gut genug, dass ich ihnen die zeit wert gewesen wäre, meine
angeblich ungenügenden leistungen mit mir zu besprechen. ich war scheinbar sogar so
dermaßen schlecht und unerträglich und schädlich fürs geschäft, dass man mich lieber von jetzt
auf gleich wegschickt - und dafür in kauf nimmt, trotz arbeit im
überfluss die stelle nun wieder mindestens sechs wochen lang
unbesetzt zu haben, um anschließend mit einer neuen kollegin und
der einarbeitung wieder ganz von vorne zu beginnen.
abgesehen von dem schock über dieses
unerwartete ende von etwas, das für mich mit ganz viel zuversicht
begonnen hat …; abgesehen von der verzweiflung, jetzt wieder ohne
eine regelmäßige arbeit dazustehen und dem hartz4-amt aufs neue
vollzeit ausgeliefert zu sein …; abgesehen von der trauer, so von
jetzt auf gleich einen wichtig gewordenen teil meines lebensinhalts
abgeschnitten zu bekommen …; abgesehen von der großen
ratlosigkeit, was die entsetzlich große differenz angeht zwischen eigen- und
fremdwahrnehmung …; abgesehen von der verunsicherung, wie ich denn
nun in meinem lebenslauf elegant unterbringe, dass ich bereits während
der probezeit rausgeworfen wurde …
abgesehen von alledem ... bin ich ganz
schön wütend!
denn auch, wenn ich jetzt im augenblick
überhaupt noch nicht weiter weiß, folgendes ist schon mal klar:
es ist überhaupt nicht schön, dass
ich meine arbeit schon nach so kurzer zeit wieder verloren habe. aber
es ist überhaupt nicht schlimm, dass ich diese arbeit nicht mehr
habe:
in einer umgebung, wo ich ohne
hellseherische fähigkeiten ständig angst haben müsste, das falsche
zu tun oder zu sagen, weil jemand anders darauf lauert, mich
vorzuführen, könnte ich auf dauer nicht gedeihen.
für einen betrieb, dessen
devise (u.a.) lautet „Bei uns fahren alle Vollgas. Immer. Wer nicht immer
Vollgas fährt, fährt besser woanders!“, habe ich einfach nicht
genug testosteron im blut, liebe ich das achtsame unterwegs-sein viel
zu sehr.
wenn ich schon im firmensprech, das den
maskulinen singular zur norm erklärt und frauen für nicht weiter
der rede wert hält, nicht vorkomme - dann habe ich dort zwar jetzt meinen job, als kluge frau aber ansonsten nichts verloren.
auch das schönste ehrenamt der welt kann nicht darüber hinwegtäuschen, dass ich nach wie vor nicht ausreichend eigenes geld verdiene und auf ergänzendes arbeitslosengeld angewiesen bin.
seit der neuregelung der hartzIV-gesetze anfang des jahres 2011 ist es sogar noch etwas schwieriger geworden.
was habe ich mich anfangs gefreut über die 5 euro mehr im monat! schier geschämt habe ich mich, diesen betrag überhaupt anzunehmen für fundamentales nichtstun. und nicht nur das – es war ja noch viel mehr!
es gab nämlich eine versteckte erhöhung des regelsatzes dadurch, dass ich die kosten für mein warmes wasser zum duschen nicht mehr komplett aus dem regelsatz bestreiten muss. dort war es allerdings (von 2005 bis 2010) gar nicht erst berücksichtigt, so dass alle langzeiterwerbslosen (theoretisch) immer kalt duschen mussten.
das kann man doch auch mal erwarten. irgendwie muss der kreislauf schließlich in schwung gebracht werden, wenn unsereins schon nicht für geld arbeiten geht.
neuerdings – also seit april 2011 - sind wir laue warmduscherInnen mit staatlicher unterstützung! bis zu einem monatlichen betrag in höhe von 6,47 euro gehört das warme wasser jetzt zu den kosten der unterkunft. das ist voll der luxus! wenn ich ein bißchen spare, kann ich mir vielleicht auch mal wieder ein heißes ganzkörperbad leisten. im winter. wenn es kalt ist.
die neuregelung von alg2 ergab also insgesamt eine erhöhung des regelbedarfs um sagenhafte 11,47 euro im monat. ab januar 2012 werden es sogar noch 10 euro mehr. einfach so: für die pflege der faulen haut, die längst wundgelegen ist. ich weiß noch gar nicht wohin dann mit dem vielen geld.
nun aber mal die ironie abgeschaltet:
seitdem das alg2 um 5 euro erhöht wurde, muss ich von meinem monatlichen zuverdienst wesentlich mehr abgeben. ich bezahle die erhöhung also quasi aus eigener tasche – und das geht so:
nehmen wir mal an, ich hatte 2010 einen 400-euro-job (oder ein dozentenhonorar oder einen lektoratsauftrag oder was auch immer) und zusätzlich ein ehrenamt mit aufwandsentschädigung.
die aufwandsentschädigung fürs ehrenamt durfte ich bis zu einem betrag von 175 euro monatlich in voller höhe behalten. vom anderen einkommen durfte ich die ersten 100 euro behalten, vom rest 20 prozent, macht 160 euro. die freibeträge wurden addiert, ich durfte von 575 euro einnahmen 335 euro behalten.
seit diesem jahr gilt nur noch der höhere freibetrag, einkommen aus erwerbstätigkeit und ehrenamt werden nicht mehr unterschiedlich behandelt. das bedeutet, dass mir von 575 euro einnahmen nur noch 270 euro übrig bleiben. also 65 euro weniger als bisher. abzüglich der „erhöhung“ des regelsatzes habe ich dadurch jetzt monatlich 53,53 euro weniger zur verfügung als vorher.
frau von der leyen, unsere halbadelige bundesblondine mit keifestimme, hat also (in meinem beispielfall) eine kürzung des erlaubten zuverdiensts um 25 prozent durchgesetzt. oder auf deutsch: wer mehr arbeitet, wird auch mehr bestraft. herzlichen dank!
darüberhinaus ist dem jobcenter scheinbar gar nicht daran gelegen, dass ich überhaupt arbeiten kann. nach wie vor torpedieren sie von dort meine gesundheit. trotz gegenteilig lautender fachärztlicher atteste werde ich weiter gezwungen, eine neue wohnung zu finden und umzuziehen. ich habe hier vor monaten mal darüber geschrieben.
neuerdings werden mir sogar sanktionen angedroht wegen angeblich unzureichender mitwirkung. die folge von alledem: durch den vom jobcenter ausgeübten zwang und druck, durch die hoffnungslose ausweglosigkeit der situation werde ich krank und kränker. seit anfang des jahres war ich - allein durchs amt verursacht - mehr als elf wochen arbeitsunfähig.
ich halte den druck nicht mehr aus, kriege die balance nicht mehr hin, entgleise mir immer öfter. einen rückfall in den alkohol konnte ich bislang zwar verhindern, aber der druck bricht sich bahn in sehr ungesunder selbstverletzung.
ich erschrecke über mich selbst und über die wucht meiner ohnmächtigen wut. inzwischen kann ich sogar die gedanken von selbstmordattentäterInnen nachvollziehen. meine schrecklichsten rachephantasien gehen in solche richtungen.
nein, habt keine angst um mich mich: für so ein zerstörerisches krawumm bin ich viel zu gut erzogen. statt dessen richte ich den hass gegen mich selbst. das ist, als ob ich selbst todesgift schlucke in der hoffnung, dass die anderen daran zugrunde gehen.
ich halte es nicht mehr aus, bin am ende meiner kraft, aber ich kann es aucht nicht selbst abstellen. deswegen bringe ich mich in sicherheit vor mir selbst, in eine therapeutische klinik. für länger. das jobcenter hat es also geschafft und mich krankenhausreif schikaniert.
„alle symptome eines burnout“ - sagte eine befreundete therapeutin. als erwerbslose kann/darf man aber natürlich keins haben. deswegen verschreibt die ärztin: „depressive dekompensation mit selbstmordgedanken“
auch in der klinik werde ich vieles aufschreiben. weil mein schreiben mir immer geholfen hat, erlebtes zu strukturieren, zu verarbeiten und zu genesen. ob ich dort aber einen internetanschluss habe oder ob ich überhaupt von dort texte veröffentlichen will, kann ich jetzt noch nicht sagen.
über kurz oder lang melde ich mich zurück, so viel ist sicher. habt es gut!
vor ein paar wochen ist es mir gelungen, eine neue beschäftigung an land zu ziehen. nein, keine feste stelle. bezahlte arbeit, die die menschen auch angemessen ernährt, scheint es immer weniger zu geben – erst recht nicht für sogenannte langzeitarbeitslose.
Gutedel im Markgräflerland
immerhin: ich habe ein neues ehrenamt ergattert und nehme nun teil am bürgerschaftlichen engagement mit aufwandsentschädigung.
das ist ... äähm .... toll!
mehrmals in der woche sitze ich in einem netten kleinen lieferwagen und fahre durch die kleinen dörfer in meinem derzeit besonders schönen rebenherbstland, bringe heiße mittagsmahlzeiten hin zu alten oder behinderten menschen, die nicht selbst kochen können. „essen auf rädern“ heißt das.
das gefällt mir: ich komme vor die tür, begegne menschen, bin in bewegung.
dafür erhalte ich siebeneinhalb euro die stunde aufwandsentschädigung (auch 'übungsleiterpauschale' genannt), steuerfrei bis zu einem gesamtbetrag von 2100 euro im jahr. da die organisatoren einer christlichen glaubensgemeinschaft angehören, bin ich nun sogar caritativ unterwegs im namen des herrn.
siebeneinhalb euro die stunde sind ziemlich viel gotteslohn. dafür spart der herr sich aber auch einen arbeitsvertrag: ich kriege zwar einen dienstplan, aber weder kranken- noch sozialversicherung noch urlaub. auch rentenanwartschaften erwerbe ich nicht.
so kommt der herr auch nicht in konflikt mit den gewerkschaften.
andere träger - wie zum beispiel die AWO - machen aus dieser art von arbeit zum gleichen stundenlohn einen korrekten 400-euro-job - und zahlen pauschale steuern und sozialversicherung von sich aus drauf. das weiß ich aus zuverlässiger quelle (winkewinke & danke!). aber der christengott ist caritativ, also habe ich es auch zu sein. wozu brauche ich lohnfortzahlung im krankheitsfall oder mal urlaub oder später rente? ich habe doch plenty hartz IV!
das beste: obwohl ich hartz IV habe, darf ich meine kleine aufwandsentschädigung behalten, bis zu einem betrag von 175 euro im monat. yeah! das ist der vorteil zum 400-euro-job. da wären maximal 160 euro selbstbehalt möglich.
also bin ich unendlich dankbar und nehme, was ich kriegen kann. ich bin alt und brauche das geld.
dass ich da überhaupt mitmachen darf, habe ich nur dem ehemaligen doktor herrn von und zu guttenberg zu verdanken: schließlich hat der den zivildienst abgeschafft. nun gibt es seit juli 2011 keine neuen zivis mehr.
billige mittagessenlieferanten und andere soziale bzw. zivile dienstleister werden händeringend gesucht. und zwar so dermaßen dringend, dass ich bei der 'informationsveranstaltung' (nicht: "einstellungsgespräch"!) weder nach dem führerschein noch nach meiner konfession gefragt wurde. aummm.
mit siebeneinhalb euro gehöre ich da direkt zu den besserverdienenden:
einige meiner kollegInnen sind 1-euro-jobberInnen. hartz IV plus maximal 160 euro monatlich zuverdienst für eine halbe stelle.
oder praktikantInnen: ein halbes oder ganzes jahr lang vollzeit für ein taschengeld von 200 euro monatlich. diese art von ausbeutung wird noch nicht einmal als freiwilliges soziales jahr anerkannt.
dann gibt es noch die engagierten aus dem bundesfreiwilligendienst. genau, das sind die mit der öbszönen, abwertenden abkürzung: bufdi.
wenn ich den hässlichen ausdruck 'bufdi' schon höre, kriege ich die krätze. welch eine unverschämt: schließlich sind das menschen, die hier ihre kostbare lebenszeit, ihre unwiederbringbare freizeit einfach so herschenken. für eine "taschengeld" genannte vergütung, die weit unter dem liegt, was ihre zeit und arbeit wert sind - und sogar noch weniger ist als das, was bis vor kurzem die zivis erhalten haben. hätte man für die keinen respektvolleren namen finden können?!
wer sich diese unerträgliche abkürzung ausgedacht hat, gehört lebenslänglich selbst so genannt. mindestens.
auch die bufdis erhalten nur ein taschengeld, von dem sie niemals existieren könnten: die ausbeutung funktioniert aufgrund der tatsache, dass es sich hierbei meist um noch junge menschen handelt, deren eltern ihnen netterweise weiterhin kost und logis spendieren. auf diese weise subventionieren steuerzahlende eltern die gemeinnützigen einrichtungen.
will sagen: dass der gebrechliche 'herr von und zu kunde' für 5,90 euro sein heißes mittagessen kriegt inklusive bringdienst und servieren und fleisch kleinschneiden - das hat er nicht nur der jungen frau bufdi zu verdanken, die ihre freizeit opfert, sondern auch den spendablen eltern der jungen frau bufdi, die ihr mit kost und logis und kleidung ein leben im hotel mama finanzieren – anstatt von ihr zu erwarten, dass sie eigenes geld verdient.
also, wie gesagt, ich habe es gut. besser siebeneinhalb euro die stunde als nix. im auftrag des herrn.
heute vor genau sieben jahren bin ich zum ersten mal in dieser wohnung aufgewacht. mit ganzer absicht hatte ich mir zum 'erstlingsschlafen' die kürzeste nacht des jahres gewählt, die sommersonnenwende. zur schönen aussicht gab es nur mein bett und - natürlich – alle notwendigen utensilien für meinen geliebten frühstücksmilchkaffee.
alle meine anderen dinge kamen erst ein paar tage später. es war gigantisch schön, in der leeren wohnung zu sein, platz zu haben für mich und meine gedanken: es war ein bißchen wie camping, ein picknick mit mir selbst.
die wohnung war für meine verhältnisse relativ teuer, mit meiner arbeitslosenhilfe aus einer teilzeitstelle als kulturredakteurin in berlin konnte ich sie mir so gerade eben leisten.
aber ich kenne mich doch und mein prekäres inneres gleichgewicht: seit vielen jahren weiß ich, dass meine vier wände hell und luftig sein müssen, damit ich mich auf dauer darin wohlfühlen, die depressionen im zaum, die multiplen traumata bändigen, einen rückfall in die alkoholsucht verhindern – und damit meine erwerbsfähigkeit erhalten - kann.
also spare ich lieber an anderer stelle. nach abzug der miete blieb mir auf einen euro unterschied genau das, was ein halbes jahr später 'regelbedarf hartzIV' heißen sollte. vor dem arbeitslosengeld 2 hatte ich keine allzu große angst. schließlich hatte der damalige superminister für wirtschaft und arbeit, wolfgang clement, im jahr 2004 hoch und heilig versprochen „niemand, der jetzt arbeitslosenhilfe erhält, wird nachher mit hartzIV schlechter dastehen“.
außerdem hatte ich überhaupt nicht vor, so lange erwerbslos zu bleiben, sondern statt dessen große und durchaus berechtigte hoffnung, ganz bald wieder eine feste stelle zu finden.
damals steckte ich mitten in einer weiteren ausbildung zur projektmanagerin, die ich im herbst des jahres sehr erfolgreich abschloss.
aus beidem wurde nichts: weder fand ich feste arbeit, noch hielt der alte mann sein versprechen.
seit inkrafttreten der hartzIV-gesetze am 01.01.2005 gilt meine schöne aussicht 'amtlich' als 'unangemessen'. ebenso lange lege ich 'dem amt' ein attest, ein gutachten nach dem anderen vor zum nachweis dafür, dass aus gesundheitlichen gründen ein zwangsumzug für mich unzumutbar ist. dieses verfahren wird – je nach gusto des 'amtes' - jährlich oder halbjährlich wieder neu aufgelegt.
um dem nachdruck zu verleihen, wird die überprüfung meiner 'umzugsfähigkeit' vom amt gerne auch mal mit einstellung aller zahlungen kombiniert. oder mit der auflage, die arbeitslosenhilfe monat für monat neu beantragen zu müssen, weil sich mein gesundheitszustand ja zwischenzeitlich bessern könnte.
natürlich ist das gegenteil der fall: die schreiben des amtes versetzen mich regelmäßig in angst und schrecken, ich reagiere mit stärkeren depressionen und schlimmerem. diesen entsetzlichen druck auszuhalten, ohne wieder alkohol zu trinken, wird immer schwieriger.
ich bin heute nur noch ein verzeifelter, heulender schatten der lebensmutigen und zuversichtlichen frau, die vor sieben jahren in diese wohnung einzog.
durch den druck ruiniert 'das amt' nicht nur meine gesundheit, sondern es produziert auch zusätzliche kosten: häufigere arztbesuche, atteste, gutachterliche überprüfungen, mehr medikamente, längere krankschreibungen, gerichtsgebühren, anwaltshonorare, porto-kopien-und-fahrtkosten, zusätzliche therapeutische sitzungen, sogar ein klinikaufenthalt im vergangenen jahr und damit unnötige verlängerung meiner erwerbsunfähigkeit sind teure folgen der amtlichen schikanen.
dem 'amt' aber ist das schnurzepiep. es will einen teil meiner miete einsparen. wenn das an anderer stelle anderer leute geld kostet oder meine gesundheit (und damit mein leben) ruiniert – dann ist das egalegalegal.
das derzeitige verfahren zieht sich nun schon ein knappes halbes jahr hin. einen tag vor dem jahreswechsel erhielt ich am 30.12.2010 die amtliche mitteilung, dass nun alles wieder neu aufgerollt wird. seitdem habe ich keine ruhige minute mehr. angst und panik ziehen mir den letzten boden unter füßen weg – und der war ja im herbst des vergangenen jahres ohnehin schon sehr dünn und brüchig.
mit der maßgeblichen beurteilung, ob mir ein umzug zumutbar ist oder nicht, wird regelmäßig der ärztliche dienst der arbeitsagentur beauftragt. je nachdem, welcher arzt gerade dienst hat, ist immer jemand anders zuständig.
diesmal habe ich es zu tun mit einem doppelten doktortitel: dr. med. dr. med. vet.! dieser tierarzt aus rostock, den in mecklenburg-vorpommern scheinbar nicht mal mehr die schweine* wollten, ist wohl gerade noch gut genug, um westdeutsche arbeitslose zu begutachten. jedenfalls scheint er all seinen frust, dass er als arzt in der zone gescheitert und nun im badischen arbeitsamt gelandet ist, an multipel traumatisierten wessis auszulassen:
der dr.dr. hat sich schriftlich per fragebogen ein paar angaben zu meinem allgemeinen gesundheitszustand beantworten lassen. einmal von mir, einmal von meiner ärztin. weder hat er die mich behandelnde fachärztin zu ihrer einschätzung meiner „umzugsfähigkeit“ befragt, geschweige denn hat er mich einmal persönlich eingeladen und begutachtet.
der dr.dr. entscheidet alles auf dem geduldigen papier, ignoriert sämtliche atteste von mich schon seit jahren behandelnden menschen und tut nun so, als würden alle ärzte und ärztinnen, fachärzte und fachärztinnen und therapeutinnen und sogar die chefärztin der reha-klinik heiligendamm für mich lügen. er als 'sozial-mediziner' sei schließlich übergeordnet und er findet, dass einem zwangsumzug überhaupt nichts im wege steht.
amtsärzte sind unanfechtbare götter. ihre gutachten sind gesetz, ganz egal wie sie zustande kommen. es gibt keinerlei juristische handhabe.
'das amt' will also nun, dass ich – trotz gegenteilig lautender atteste – innerhalb kürzester zeit eine neue wohnung finde, die 45m² groß ist und maximal 275 euro kaltmiete kostet. wer den südwesten und die hiesige universitätsstadt kennt, der weiß, dass das eine kafkaeske aufgabe ist.
am wochenende erhielt ich vom amt bescheid, dass meine volle miete für drei weitere monate übernommen wird, bis zum 30. september 2011. ein kleines aufatmen.
meine befürchtung war, dass schon am monatsletzten (also in 10 tagen) schluss sei, dass ich dann meine miete nicht mehr zahlen kann und demnächst obdachlos werde. insofern gibt es eine letzte gnadenfrist. es ist noch längst nicht wieder gut. aber es ist mal für einen kleinen augenblick weniger schlimm.
all denen, die mich persönlich kennen und sich fragen, warum ich mich lange nicht gemeldet habe – und denjenigen, die sich wundern, dass ich hier in den vergangenen monaten nur noch so wenig schrieb - das ist die antwort:
es ging mir im herbst beschissen. ich wusste gar nicht, dass eine steigerung dessen noch möglich war. aber jetzt geht es mir noch schlechter.
die angst lähmt mich. ich habe keine kraft mehr, bin nur noch mit überleben beschäftigt, setze vorsichtig einen fuß vor den anderen. stürze, stehe wieder auf und versuche, nicht allzusehr in alte selbstschädigende muster zurückzufallen oder gar neue zu entwickeln. es gelingt mir nicht immer, ich entgleise mir oft.
eines aber gelingt mir doch, und dafür bin ich unendlich dankbar: ich bin ohne alkohol. tag um tag, meiner würde wegen.
nicht genug zu verdienen, nicht allein für den eigenen lebensunterhalt sorgen können, das ist schon schlimm genug. aber auch noch zum umzug gezwungen bzw. geradewegs in die obdachlosigkeit gedrängt zu werden und damit auch noch die allerletzte sicherheit zu verlieren - das ist die hölle.
dennoch bin ich entschlossen zu kämpfen und werde versuchen - wenn nötig - auch das bei lebendigem leibe und ohne drogen auszuhalten.
hartzIV ist folter. vielleicht sollten wir alle mal dem herrn clement unsere rechnungen schicken.
ps. * ich bitte an dieser stelle alle schweine und ganz mecklenburg-vorpommern um verzeihung für diese entsetzlich abwertende bemerkung, die ich nur im bezug auf den dr.med.dr.med.vet. ernst meine. das ist vielleicht die schlimmste aller folgen von harz4: dass es so kränkt, so demütigt - so krank und so verbittert macht.
ich arbeite gern. ehrlich. ich finde es toll, dinge zu tun und dafür geld zu kriegen, mit dem ich dann meinen lebensunterhalt bestreiten kann.
knospe: amaryllis
leider funktioniert das in den letzten jahren immer weniger. mein leben als freie radikale wurde zunehmend prekär: die honorare fürs texten, übersetzen, als dozentin oder kursleiterin reichen mir schon lange nicht mehr. im grunde mache ich nur noch diverse ehrenämter. für gemeinnützige vereine.
immerhin wurden mir deren aufwandsentschädigungen bis zu der höhe, die 1-euro-jobber kriegen (also rund 160 euro im monat), bislang nicht aufs arbeitslosengeld2 angerechnet. diese regelung soll mit der neuberechnung der regelsätze übrigens wegfallen. dann werden übungsleiterpauschalen als einkommen angerechnet. so viel zur ‚erhöhung von hartzIV' und ‚verbesserung der zuverdienstmöglichkeiten‘.
also habe ich gedacht, ich wechsel mal die branche, werde dienstleisterin und entdecke eine marktlücke. und zwar was echt nettes, wo ich nicht ständig allein am schreibtisch sitze, sondern viel rumkomme und wieder mehr mit menschen zu tun habe: eine ganz besondere maßnahme!
seit oktober habe ich an einer schicken idee gebastelt und entwickelt, recherchiert und gedingelt, vorbereitet und geplant. ich habe mit behörden gesprochen, mit potentiellen kundInnen und diversen fachleuten. meine idee hat durchaus aussicht auf erfolg. ich könnte sofort loslegen, bräuchte noch nicht mal einen kredit.
aber halt! ich bin arm, lebe am prekären rand der gesellschaft (obwohl ich weder bildungsferne schicht bin noch einen migrationshintergrund habe) und beziehe hartz4. da kann eine sich nicht einfach selbständig machen! das muss vorher beim amt beantragt werden:
auf meine freundliche anfrage, wie denn die modalitäten seien, wenn ich mich neben dem bezug von alg2 im zunächst geringfügigen umfang im gewerblichen nebenerwerb selbständig betätigen möchte, kam nach nur viereinhalb wochen eine antwort vom „jobcenter“ meiner zuständigkeit:
die gute nachricht: ich brauche keinerlei genehmigung vom amt. das ist doch schon mal was! nur die gewerbeanmeldung. kein problem so weit.
was ich aber dringend brauche, ist die „Anlage EKS – Erklärung zum Einkommen aus selbständiger Tätigkeit, Gewerbebetrieb (…) im Bewilligungszeitraum“. ohne die geht gar nichts. auszufüllen und zu beantragen im voraus. ungefähr fünf seiten kleinstbedrucktes dinA3-format quer bedruckt. dazu ungefähr sieben seiten kleinstbedruckte erklärungen und „ausfüllhilfen“. meine freundin sagte „so ein formular muss man sich auch erst mal ausdenken können. dazu bedarf es einer gewissen gesinnung.“
alle zu erwartenden ausgaben und eingaben soll ich penibelst nach monaten aufgeschlüsselt für sieben monate im voraus hellsehen. für jeden bleistift, für jedes stück papier brauche ich einen beleg bzw. einen kostenvoranschlag. was ich nicht plane, gilt nachher nicht als ausgabe. dann zählen nur die einnahmen.
ich darf auch nicht einfach anschaffen, was mir sinnvoll erscheint: das fräulein vom amt hat da ein gutes wörtchen mitzureden und kann mir meine betriebsausgaben nach persönlichem gutdünken als „nicht angemessen“ aberkennen. wenn ich also den luxusbleistift aus dem fachgeschäft kaufe und nicht den aus dem hier-alles-china-billig-laden, ist das meine privatverzweiflung.
ein paar kleinigkeiten wie internetdomain und telefon, die ich während meiner planung schon bezahlt habe, werden ebenfalls nicht als betriebsausgaben anerkannt. klar, die habe ich ja auch vom regelsatz bestreiten können.
was mich nun völlig verwirrt und ausbremst: als alg2-empfängerin muss ich doppelte buchführung machen. eine fürs finanzamt und eine zweite völlig andere fürs arbeitslosenamt. denn „steuerrechtliche bestimmungen“ gelten nicht im jobcenter.
zum beispiel die fahrtkosten: ‚normale‘ selbstständige dürfen pro gefahrenen kilometer 30 cent als betriebsausgabe absetzen. emma arbeitnehmerin immerhin noch 30 cent pro entfernungskilometer als werbungskosten – also halb so viel wie die selbständige.
die selbstständige alg2-bezieherin hingegen muss mit 10 cent pro kilometer auskommen. obwohl ich nur ein klitzekleines sparauto besitze, decken die 10ct noch nicht mal die benzinkosten. den rest muss ich vom regelsatz bestreiten.
so rechnet das amt mich ‚reich‘, noch bevor ich überhaupt einen einzigen cent eingenommen habe. von dem hochgerechneten einkommen werden mir dann wiederum rund 80% vom alg2 abgezogen.
mal ganz abgesehen davon, dass ich mich frage, wie die mir zugeteilte freundliche sachbearbeiterin beim amt das alles beurteilen und dann auch noch korrekt berechnen will. sie hatte ja schon schwierigkeiten mit den grundrechenarten, als sie im vergangenen jahr nur mit den zwei zahlen von meinem brutto- und nettosold als hochschulsekretärin zu kämpfen hatte.
kein einziger ihrer bescheide war auf anhieb korrekt. neben all dem kokolores, den ich sonst an der backe hatte, musste ich ihr auch noch nachhilfe in den einfachen grundrechenarten addition und substraktion erteilen. von den schwierigeren wie plutimikation und diversion ganz zu schweigen!
mein fazit, leider: meine gerade erst knospende idee ist gestorben. erstens, weil ich mir nicht leisten kann, meine selbständigkeit mit dem regelsatz zu finanzieren. zweitens, weil ich den stress nicht ertrage, noch mehr mit dem amt zu tun haben zu müssen.
schade drum – deutschesland scheint irgendwie nicht zu wollen, dass arbeitslose aktiv und tätig werden. ich bin sehr frustriert.
schon des öfteren wurde ich gefragt, warum das büro für besondere maßnahmen sich auf private angelegenheiten beschränkt. warum ich nicht auch politische themen posten würde. ich sei doch klug und informiert und habe eine fundierte meinung.
"happy end recycling"
genau deswegen. sobald ich mich mit den politischen hintergründen beschäftige, wird mir so dermaßen kotzübel, dass ich es einfach nicht mehr ertrage. manchmal weiß ich selbst nicht, wie es mir gelingt, all das nüchtern auszuhalten ‚bei lebendigem leib‘ - ohne wieder alkohol zu trinken.
zum beispiel die hartz4 debatte: ein unsäglich verlogenes schmierentheater! es geht weder um monatlich fünf euro mehr oder weniger für bedürftige, noch geht es um zehn euro mehr oder weniger für bedürftige kinder.
es geht vor allem darum, in deutschland den bisher geschaffenen niedriglohnsektor nicht nur zu erhalten, sondern weiter auszubauen. klartext: es ist politisch gewollt, dass menschen von dem lohn für ihre arbeit nicht mehr leben können.
das ist ein prozess, der nicht erst seit vorgestern läuft. schon ende der 1980er sah es mau aus auf dem arbeitsmarkt – auch wenn es damals noch nicht so schwierig war wie heute.
es wurde nicht besser dadurch, dass die brd die ddr aufgekauft hat. zumindest nicht fürs "volk".
um die jahrtausendwende herum diskutierten wir in der redaktion den volkswirtschaftlichen schaden, der durch den ‚lügenfaktor kohl‘ entstand: „was die volksvertreter dürfen, darf das volk schon lange: schwarze kassen haben. und sich nicht daran erinnern.“
richtig in fahrt kam der abwährtstrend anfang 2005 mit der zusammenlegung von sozial- und arbeitslosenhilfe, die uns als ‚alternativlos‘ verkauft wurde: die hartz-gesetze traten in kraft. nebenbei bemerkt will es mir bis heute nicht in den kopf, wie es sein kann, dass gesetze nach rechtskräftig verurteilten verbrechern benannt werden. auch das hat negative vorbildfunktion.
was „dem volk“ nie offiziell vermittelt wurde: reine wirtschaftliche interessen waren und sind der wahre grund für den demütigenden umgang mit erwerbslosen menschen und gering-verdienerInnen. schon gemerkt?! im wort „verdienerIn“ steckt der/die „DienerIn“ - nix mit gleichberechtigung der arbeitenden bevölkerung oder gar beschäftigungsverhältnissen auf augenhöhe. wer arbeiten und dafür geld erhalten will, muss buckeln.
die wirtschaftlichen interessen hat der damalige bundeskanzler schröder in seiner rede auf dem weltwirtschaftsgipfel in davos am 28. januar 2005 klar zum ausdruck gebracht: „Wir haben einen der besten Niedriglohnsektoren aufgebaut, den es in Europa gibt.“ (quellen: redenarchiv der bundesregierung; offizielles video des world economic forum/youtube bei ca. 21:00)
das ist der punkt: zum zwecke der gewinnmaximierung einiger weniger (nein, ich schreibe jetzt nicht: „geldgeiler fettsäcke“) braucht es dringend kostengünstige arbeits-sklavInnen. und zwar solche, die nicht aufmucken. dass sie nicht aufmucken, wird erreicht durch angedrohte und durchgeführte kürzungen des existenzminimums – zum beispiel bei verweigerung der arbeitsaufnahme zu sittenwidrigen niedriglöhnen.
es ist nicht davon auszugehen, dass in den sechs jahren seit schröders rede irgendeine der deutschen regierungen auch nur ansatzweise versucht hat, ihre politik nicht länger der herrschaft der wirtschaftsinteressen unterzuordnen. im gegenteil. wir sehen, dass die schere zwischen arm und reich immer weiter auseinandergeht – und lassen uns ‚von denen da oben‘ einreden, dass es leider leider ‚alternativlos‘ sei.
damit bin ich wieder bei der derzeitigen diskussion um hartzIV. die geplante erhöhung um fünf euro zeigt ganz deutlich, was die menschen der regierung und den dahinter stehenden wirtschaftsinteressen wert sind: so gut wie nichts. denn für die gewinnoptimierung braucht es niedriglöhner.
betriebe, die niedriglöhner beschäftigen, können sich darauf verlassen, dass der staat den verdienst aufs sogenannte „existenzminimum“ aufstockt. das bedeutet, dass diese betriebe ihren reibach machen auf kosten der steuerzahlerInnen, und zwar in milliardenhöhe: für 2009 ging man von mindestens vier milliarden euro aus, mit denen der staat auf diese versteckte weise die wirtschaft subventioniert hat (quelle: verdi, jan 2010). zahlen für 2010 konnte ich nicht finden, die sind sicher nicht gesunken. die wahren schmarotzer unserer gesellschaft sind also nicht die „erwerbslosen“, denen die teilnahme am erwerbsleben verweigert wird, sondern die arbeitgeber, die ihren gewinn auf kosten der steuerzahlerInnen machen.
dazu passt, dass es keinen einheitlichen mindestlohn geben ‚darf‘: nicht einmal 7,50 €/h sind die arbeiterInnen den wirtschaftsbossen wert. obwohl selbst damit bei vollzeitbeschäftigung und lebensarbeitszeit von 45 jahren ohne unterbrechung nur eine rente erreicht werden könnte, die mit einer höhe irgendwo zwischen 500 und 600 euro weit unter dem mindestbetrag der grundsicherung liegt (quelle dlf, februar 2011).
dann ist da noch die forderung ‚gleicher lohn für gleiche arbeit‘ - zumindest für leiharbeiter. es steht zur diskussion, ob der bereits nach einem oder erst nach neun monaten gezahlt werden soll. wie bitte?!
wie kann es sein, dass menschen für gleiche arbeit ungleich entlohnt werden dürfen?! ist denn das mit unserem grundgesetz vereinbar? ich halte es für zynisch und menschenverachtend, dass hier das „wie lange“ überhaupt zur debatte steht – und nicht das grundsätzliche ‚ob‘ - das sofort mit einem klaren nein beantwortet werden müsste.
wie kann es überhaupt sein, dass die lebenszeit verschiedener menschen so unterschiedlich viel wert ist, dass die einen mit ihrer arbeit nicht mal ihr eigenes existenzminimum sichern können, geschweige denn das einer ganzen familie - während andere so dermaßen viel geld kriegen, dass sie sich den arsch mit blattgold abwischen können?!
ich bin sicher, dass die erde genug hergibt für alle. es ist eine frage der verteilung. wozu braucht ein einzelner mensch mehr als er in einem einzigen leben ausgeben kann? das letzte hemd hat keine taschen.
vielleicht könnte man an dieser stelle nicht nur den leiharbeiter pay gap schließen, sondern auch endlich den gender pay gap? das wäre längst überfällig, zumal deutschland hier eine unrühmliche spitzenposition einnimmt.
aber das wird nicht gehen, wartet‘s ab: leiharbeiterInnen müssen weniger verdienen als die stammbelegschaft, weil das z.B. als argument gegen lohnerhöhungsforderungen prima genutzt werden kann: entweder du bleibst billig, oder wir müssen dir leider leider kündigen – dann kannste als leiharbeiterIn für die häfte vom alten gehalt wieder einsteigen. das wird längst praktiziert und wäre ja nix neues.
zu "guter" letzt versprühen "die damen und herren regierung" noch in altrömischer manier - teile und herrsche - nach allen seiten halbwahren informationsnebel, um auf diese weise damit die einen armen schlucker gegen die anderen armen schlucker gegen die letzten noch einigermaßen gutverdiener aufzuhetzen und gegenseitig aufeinander neidisch zu machen. blödzeitung & co. sei dank.
wer sich gegenseitig das wasser abgräbt, macht keine revolution: während das volk sich zofft, reiben merkela, ackermann & co. sich die hände. von unserer eiskalten halbadeligen bundesblondine, der arischen zuchtstute in sarrazinscher manier - ganz zu schweigen.
happy end? unwahrscheinlich.
weil all das und noch viel mehr mich so sehr aufregt, mich wütend und mir angst macht - mit heulen und zähneknirschen in folge – brauche ich all meine kraft, um nicht allzu sehr in selbstzerstörerische muster und schwere depressionen bis hin zur suizidalität abzugleiten.
genau deswegen schreibe ich nicht über politische themen.
es hat mir mal jemand auf den kopf zu gesagt, dass er mich für zwangsneurotisch halte. ich habe dem nicht widersprochen. ganz sicher habe ich den ein oder anderen flitz. ich bin halt eine flitzpiepe.
da gibt es zum beispiel dinge, da kann ich bis aufs blut sparsam sein. obwohl da nicht mal pfennigbeträge bei rumkommen. bleistifte zum beispiel. die spitze ich bis zum bitteren ende.
einen bleistift darf ich erst wegwerfen, wenn er kürzer als fünf zentimeter ist. mein altmodischer stifteverlängerer hilft mir dabei, meine bleistiftstummel auch tatsächlich so lange zu benutzen.
bei anderen dingen hingegen kann ich gnadenlos prassen und geld ausgeben, das ich noch nicht einmal besitze. weiß ich, dass ein honorar unterwegs ist, habe ich es manchmal schon drei mal ausgegeben, bevor es überhaupt auf dem konto eintrifft.
deswegen ist mein konto oft im minus. derzeit mal wieder bis zum anschlag des dispokredits. die disposchulden sind nicht schön. aber sie sind mir lieber als schulden bei freundInnen. geld zerstört freundschaften – deswegen leihe ich da nur was, wenn die kontobank nix mehr hergibt und es überhaupt gar nicht anders geht.
in der silvesternacht war ich sehr verzweifelt, weil das arbeitslosengeld nicht pünktlich eingegangen war. in der annahme, dass das amt mal wieder was verschlampt haben könnte* und ich solche angst hatte, am montag die miete und alles andere nicht bezahlen zu können, schrieb ich am sonntag, den 2. januar 2011 eine email an meine dispobank mit der dringenden bitte um die kulanz, die abbuchungsaufträge nicht zurückzuschicken, sondern ausnahmsweise über das dispolimit hinaus abzubuchen, weil ausreichend geld im lauf der woche ganz sicher eingehen würde.
so waren wir schon mehrmals verfahren in den fast neun jahren, die ich dort kundin bin. meine dispobank und ich. man weiß dort, dass ich eine überziehung des dispos nur im großen notfall erbitte und dass man sich auf meine zahlungsankündigungen immer verlassen kann.
ich hatte wirklich große angst. und wut. weil ich mit dem geld gerechnet hatte. silvester nix hatte einkaufen können für das neujahrswochenende. drei tage heulen und zähneknirschen, silvester und dann auch noch zwei neujahrstage hintereinander, weil der erste januar auf einen samstag fiel. und keine linderung in sicht. niemand nicht telefonisch zu erreichen. weder im amt noch auf der bank.
am montag, den dritten, setzte ich mich in der früh gleich mit dem ersten milchkaffee ans onlinebanking und siehe da: mein geld war da. große erleichterung. miete bezahlt. uff.
eine stunde später klingelte das telefon: eine mir unbekannte frau sparstrumpf von meiner dispobank badisch süd-west. ich war noch ganz in meiner erleichterungsfreude, bedankte mich für den anruf und sagte, dass ich schon online gesehen hätte, dass das geld eingegangen und somit alles in ordnung sei.
frau spartrumpf aber machte überhaupt keine anstalten, sich mit mir mitzufreuen. auf meine nachfrage hin entpuppte sie sich als die mir noch unbekannte "neue" zweigestellenleiterin (die sie seit drei jahren ist). streng belehrend und von oben herab quäkte sie, dass ein dispokredit ja nur vorübergehend bei engpässen zur verfügung stünde und wie denn meine pläne seien, selbigen alsbald wieder zurückzuzahlen.
ich war völlig platt und überfahren. meine finanzielle situation ist seit fast zehn jahren unverändert. mal mehr, mal weniger im dispo. wenn geld kommt, zahle ich ab. ansonsten zahle ich zinsen und gebühren.
frau sparstumpf nörgelte weiter, dass mir ein dispokredit bei so ungeregeltem einkommen gar nicht zustünde und dass - wenn ich wie derzeit arbeitslosengeld erhielte - sie mein konto ja gar nicht pfänden könnte. in solch einer lage würde mir keine bank der welt einen kredit gewähren. was ich denn noch an sicherheiten hätte?
ich hörte nur „dispo sofort zurückzahlen“ und „kontopfändung“. ich weiß natürlich, dass sie theoretisch recht hat. aber warum kommt die damit jetzt? nach mehr als acht jahren? meine zinsen zahlen doch auch ihr gehalt, das schicke geheizte büro und den ergonomischen ledersessel, in den sie täglich furzt. muss das ausgerechnet am ersten arbeitstag des neuen jahres besprochen sein? und dann auch noch am telefon?
nun überlege ich, welche besonderen noch sparsameren maßnahmen ich umsetzen kann und will. ich könnte zum beispiel die bleistiftstummelwegwerfmarge auf drei zentimeter senken. mein fester vorsatz fürs neue jahr lautet jedenfalls:
sobald es mir gelingt, den dispokredit abzuzahlen – wann auch immer das sei – werde ich persönlich dafür sorgen, dass die zinsen, die meiner dispobank dadurch verloren gehen, der frau sparstrumpf dann vom gehalt abgezogen werden.
das hat sie dann davon, mir den jahresanfang so dermaßen zu versauen.
*
die ursache für den späten zahlungseingang lag gar nicht beim amt, sondern bei der dispobank, die zu faul war, am 31.12. das geld meinem konto gutzuschreiben und sich damit bis zum 3.1. zeit gelassen hat.
die zeit rast, fast ist schon mitternacht. ein heftiges jahr geht zu ende. es geht so zu ende, wie es war: heftig.
marzipanferkel. glückskeks + -klee
nach wie vor lebe ich prekär und bin auf ergänzendes arbeitslosengeld angewiesen. es war bis heute um mitternacht bewilligt. den fortzahlungsantrag hatte ich mitte november gestellt. also vor fast sieben wochen. auf den bescheid habe ich bis gestern gewartet. da lag er endlich im briefkasten.
die berechnung ist mal wieder voller dummer rechenfehler. das kenn ich schon. in den leistungsstellen der arbeitsämter und arbeitsgemeinschaften werden keine rechenkünstler eingestellt. prinzipiell nicht. aber egal. muss ich halt noch mal hinschreiben, mathenachhilfe geben in den grundrechenarten.
hauptsache erst mal, dass es überhaupt einen bescheid gibt. rechtzeitig. zweite hauptsache, dass es geld gibt. pünktlich. also erst mal alles gut, dachte ich gestern. ich möchte einmal erleben, dass mit dieser behörde alles glatt geht.
denn: nichts ist gut, merke ich heute. kein geld nicht auf dem konto eingegangen. das hätte heute da sein müssen. von rechts wegen. miete, diverse versicherungen, strom, internet und telefon – alles wird am ersten werktag nach neujahr abgebucht.
wenn aber kein geld da ist, kann auch nichts abgebucht werden. das bedeutet: gebühren für diverse rückbuchungen und mitteilungen muss ich extra zahlen. an die bank und die abbucher. mein neues jahr wird mit peinlichen telefonaten, rennerei und bettelei beginnen.
ich hätte gerade noch nicht mal genug geld, um die klitzekleine stinkbombe zu basteln, die sich das alg2-amt in sechs jahren hartz4-kokolores mehr als verdient hat. aber was erwarte ich auch in einem land, in dem gesetze nach rechtskräftig verurteilten verbrechern benannt werden?
das geld für den neujahrs-wochenendeinkauf habe ich mir wo ausgeliehen und den microkredit sofort in glück und wohlstand bringende jahreswechseldevotionalien investiert. ich hab sie alle beieinander und hoffe, dass nicht noch mehr schief geht.
rechtzeitig zum jahresende fand ich übrigens heute ein weißes haar vor dem spiegel.
nein, kein kopfhaar. das ist schon ein paar jahre her, dass ich bei der haarabschneiderin saß, nachdenklich eine der gefallenen locken vom boden auflas und genauer betrachtete. ich hielt sie der friseurin hin „ist das da ein weißes haar in der locke?!“ sie sah mich verunsichert an. womöglich hatte sie angst, ich wolle sie dafür verantwortlich machen. „ja, das ist wohl ein weißes haar“, lächelte sie schüchtern. ich grinste zurück „na, das wurde aber auch zeit!“
das haar, das ich heute fand, war ein barthaar. borstig. schneeweiß. nicht sexy. ich habe es ausgezupft und aufgehoben. das habe ich also nun mit der katze gemeinsam: ein einzelnes weißes barthaar.
es wird zeit. „you are looking younger than ever“, sagte der butler zu miss mo jour, als sie sich – wie jedes jahr zu silvester – allein an den gedeckten dinnertisch setzte.
ps.
ich wünsche euch allen ein heiteres, gelassenes, elegantes, schönes, kuscheliges, gesundes, formidabel lust- und liebevolles jahr der katze. mein motto für 2011 leihe ich mir bei alice walker:
expect nothing.
live frugally
on surprise.*
* erwarte nichts. lebe genügsam von überraschungen.
sekretärin sein an einer hochschule in baden-württemberg, das ist für mich eine ganz ganz öde, inhaltsleere arbeit, bei der sehr viele qualitäten und kenntnisse vorausgesetzt werden - inklusive hellseherischer fähigkeiten.
von der struktur her ist die stelle so angelegt, dass man kaum jemals eine aufgabe konzentriert am stück erledigen und ‚abhaken‘ kann: es gestaltet sich als unendlich schwierig und langwieriges unterfangen, die für einen ablauf notwendigen informationen alle in akribischer detektivarbeit zusammenzutragen und geduldigst von den betreffenden einzuholen; darüber hinaus wird man ständig unterbrochen durch email, telefon oder publikum in der tür.
es wird eine ständige verfügbarkeit erwartet: ich bin dienerin für ein gutes dutzend verschiedener damen und herren sowie für ein paar hundert studierende. immer freundlich, immer aufmerksam, immer alles im blick und überblick, auf alles gefasst und auch für unvorhergesehenes kompetent. jedeR einzelne ist der meinung, dass ihre aufgaben und anfragen die allerwichtigsten sind und sofort – am besten vorgestern - erledigt werden müssen.
es gibt keinerlei erfolgserlebnisse, obwohl man den ganzen tag mit höchster konzentration beschäftigt ist und tausenderlei im kopf haben muss. ich weiß am abend nicht mehr, womit ich den tag eigentlich verbracht habe. außerdem muss ich so dermaßen viele dröge verwaltungsablaufdétails und deutschgraues vorschriftenchaos in meinen armen kopf hineinhämmern, dass mir ganz schwindlig und übel wird. ich verstopfe und lähme mein hirn tagsüber mit hohlem zeug – abends fühle ich mich ausgebrannt und leer!
die arbeit als „mädchen für alles und kindermädchen für alle“ macht mir keinerlei freude, ist langweilig und nervig. richtige pausen gibt es nicht, denn ein essen in der mensa schmeckt selten gut und findet in einer lärmenden, unruhigen atmosphäre statt, die überhaupt nicht erholsam ist. obendrein besteht eine mittagspause mit den kollegInnen meist in der verlagerung des arbeitsplatzes an einen anderen ort, weil wir dort arbeitsabläufe besprechen und für den arbeitsbetrieb wichtige informationen austauschen. trotzdem wird diese zeit natürlich als ‚pause‘ abgezogen, auch wenn ich erschöpfter an den arbeitsplatz zurückkehre, als ich vor dem essen ohnehin schon war.
es ist eine typische frauenstelle: ohne aussicht auf verbesserung und völlig perspektivlos, es werden umfangreiche qualifikationen und höchste einsatzbereitschaft abverlangt – bezahlt wird aber ein ‚tarif‘ der nur eine stufe höher liegt als der für eine ungelernte arbeitskraft. einige meiner kolleginnen dort sind examinierte lehrerinnen aus anderen (bundes-)ländern, die in BaWü nicht unterrichten dürfen. die meisten haben einen mehr oder weniger gut verdienenden (ehe-)mann, retten sich dort vor häuslicher langeweile und freuen sich über einen zuverdienst – müssen davon aber nicht ‚leben‘.
bei meinen 85% stellenumfang reicht das gehalt nicht einmal für meinen eigenen lebensunterhalt, so dass ich nebenher mich mit dem arbeitsamt um hartz4 streiten muss, damit mein verdienst aufs existenzminimum aufgestockt wird, weil ich sonst meine miete nicht pünktlich und regelmäßig zahlen kann. derzeit erhalte ich vom amt monatlich etwa 180 euro „aufstockendes arbeitslosengeld II“.
all das stresst mich dermaßen, dass meine freizeit nicht mehr ausreicht, um mich zu regenerieren. ich schlafe fast nicht mehr, habe u.a. alpträume, chronische kopfschmerzen und tinnitus. ich lebe mit einem ständigen emotionalen und stressbedingten „jetlag“: schon wenn ich aufstehe ist mir übel vor angst und ekel, ich fahre heulend zur arbeit und nach dienstschluss reicht meine contenance – wenn es gut geht – gerade bis ins auto, wo ich erst mal sitze, mich irgendwie beruhigen muss und ganz lange nicht losfahren kann. an schlechteren tagen reicht meine fassade nicht einmal bis zur stechuhr.
erst recht nicht reicht meine kraft dafür aus, (wie vom amt erwartet) nebenher weiteres geld zu verdienen, um finanziell unabhängig zu sein. ich bin ja schon froh, wenn ich nur meinen eigenen haushalt einigermaßen gedingelt kriege. nicht einmal für ausgleichende freizeitaktivitäten habe ich kraft oder kapazitäten (vom geld dafür ganz zu schweigen).
über all das hatte ich ja vor kurzem schon einmal hier berichtet. danach habe ich mit vielen menschen lange, unterstützende gespräche geführt, die dann zu einer entscheidung führten, die mir wirklich nicht leicht gefallen ist:
aus all den genannten gründen bin ich nicht bereit und auch gesundheitlich gar nicht in der lage, meine stelle auf dem kontingent von 85% weiter zu verlängern. meine ärztin hat im april symptome eines akuten burnouts diagnostiziert und möchte mich lieber heute als morgen krankschreiben. weder die kolleginnen noch die vorgesetzten aber haben etwas davon, wenn ich immer wieder krank werde und ausfalle – ich selbst schon gleich gar nicht.
um die vereinbarten 34 wochenstunden ohne krankheitsausfälle bis zum vertragsende ordentlich und in würde ableisten zu können, habe ich darum gebeten, die arbeitszeit auf vier arbeitstage legen zu dürfen, so dass in der wochenmitte ein tag frei bleibt zum luftholen. dies wurde mir von der institutsleitung erlaubt, dafür bin ich sehr dankbar.
eine weiterbeschäftigung unter den gegebenen bedingungen kommt für mich nur in frage, wenn die arbeitszeit auf zwanzig wochenstunden (und auch das arbeitspensum entsprechend) reduziert und auf drei, höchstens vier arbeitstage in der woche verteilt wird.
der dann noch niedrigere verdienst würde vom amt weiterhin auf das gesetzlich garantierte existenzminimum aufgestockt, so dass meine finanzielle situation sich kaum verändert, gleich ob ich 20 oder 34 stunden in der woche arbeite. der unterschied zur vollen arbeitslosigkeit beträgt in keinem fall wesentlich mehr als die zuverdienst-differenz eines ein-euro-jobs (maximal 160 euro monatlich) zu „nur-hartz-vier“.
der derzeitige stand der verhandlungen: eine verkürzung meiner arbeitszeit ist aufgrund der stellenstruktur (und dem wegen sparmaßnahmen drohenden verlust der restlichen stunden für die hochschule) nicht möglich.
weil mein entschluss ziemlich kurzfristig und sehr radikal ist, habe ich meinen vorgesetzten angeboten, bis zum ende des semesters zu bleiben und auf halber stelle zumindest das nötigste zu erledigen, so dass mehr zeit bleibt, eine geeignete nachfolgerin für mich zu finden – und nicht mein weggang zusätzlichen stress für die anderen sekretärinnen bedeutet, die ja ohnehin schon genug zu buckeln haben und meine aufgaben dann auch noch mit übernehmen müssten.
das entscheidende kriterium für meinen aufhör-entschluss war dieser eine augenblick, als ich mir erlaubte, mir einmal ganz intensiv vorzustellen, wie sich das anfühlt, wenn ich dort schon bald nicht mehr hin müsste: ein einziges aufatmen und lockerlassen ging durch meinen körper, meine seele konnte wieder lächeln – große linderung!
nun werde ich also die kommenden drei monate durchhalten irgendwie, freue mich auf die zeit ‚danach‘ - und habe gleichzeitig große angst davor, wieder zurück zu müssen in diese demütigende mühle von „hartz4-und-sonst-gar-nichts“.
PS. [aktualisiert juni 2013]
dringend wichtig, fast vergessen: es gibt bundesweit verschiedene initiativen, die sich für eine leistungsgerechte(re) bezahlung von hochschulsekretärinnen einsetzen. diese sind teilweise von ver.di, teils hochschulintern organisiert.
die umfassendsten information habe ich bei der Heidelberger Sekretärinnen Initiative Excellent gefunden. reinschauen lohnt sich!
da ist also einiges im gange, zumindest was die bezahlung angeht.
"eigentlich wollte ich nur einen brief zum postkasten bringen. aber dann bin ich aus versehen nach paris gefahren. so fertig war ich mit den nerven."
das wäre eine nette geschichte geworden! aber nein. leider ist meine realität nicht so poetisch. es war kein brief, sondern die caffetiera. ich bin auch nicht nach paris gefahren, sondern ich habe das ceranfeld zertrümmert.
es ist mir noch nie gelungen, wirklich auszubrechen und alles hinter mir zu lassen. statt dessen mache ich irgendeinen unfug, dessen negative auswirkungen nur ich selbst zu spüren bekomme. nach außen hin funktioniere ich bestens, bin immer freundlich und adrett. innerlich zerfleischt es mich.
ich bin fertig mit den nerven, das ist das einzige was stimmt: ich wußte nicht, wohin mit meiner anspannung, mit meinen kopfschmerzen, mit meiner wut, mit meinem tinnitus, mit meiner verzweiflung, mit meiner angst.
jetzt kann ich nichts mehr kochen auf dem herd. aber die caffetiera ist heile geblieben. das ist gut, denn die benutze ich auf dem gaskocher, nicht elektrisch. meine kontinuierliche versorgung mit milchkaffee in ausreichender dosis ist also gewährleistet.
derzeit geht es bei mir um die große frage: „tu ich‘s – oder tu ich‘s nicht“. ich stelle fest: manchmal kann eine besondere maßnahme auch darin bestehen, etwas nicht zu tun. das dumme ist, dass – egal ob ich es tue oder nicht tue – in beiden fällen die aussichten sehr schlecht sind für mich.
es geht um meinen arbeitsplatz. der vertrag ist ja befristet bis ende mai. von anfang an habe ich mich da nicht wohl gefühlt. ich habe mir große mühe gegeben, mich einzuarbeiten, mich einzupassen, mich zu gewöhnen, meinen kopf auszuschalten. es geht nicht.
dabei kann ich noch nicht einmal sagen, was es genau ist, das mich da so fertig macht. genau so wenig, wie ich sagen kann, was ich eigentlich zu tun habe. ich bin in diesem büro nicht nur mädchen für alles, sondern scheinbar auch kindermädchen für alle. dabei hatte ich anfangs gedacht, ich hätte es mit erwachsenen menschen zu tun.
den ganzen tag bin ich mit entfremdeter arbeit beschäftigt. tue nur dinge, die andere für wichtig halten, wann sie es für wichtig halten und wie sie es für wichtig halten. alles muss am besten vorgestern schon erledigt sein. es gibt keinerlei inhalte. nur einen großen grauen mausetoten verwaltungsapparat, den ich bedienen muss. bloß ohne bedienungsanleitung.
fast alles muss ich selbst herausfinden. sehr kafkaesk. ich weiß nie, ob meine arbeit nun gut ist oder richtig oder angemessen oder vielleicht voll daneben? das bewirkt bei mir ein ständiges gefühl der überforderung. ich kann nicht hellsehen, aber es wird scheinbar erwartet.
fachlich bin ich komplett unterfordert, was auf eine paradoxe weise zu meiner überforderung beiträgt. ich darf nicht selbst denken wollen. nur schreckliche verwaltungsformulare am computer ausfüllen, zeugs fotokopieren, post hin und her tragen, fremder leute texte tippen.
ich muss mich sehr verarmen, um diese arbeit tun zu können. es gibt nicht fünf minuten am tag, die mir auch nur ansatzweise spaß machen. es gibt keine erfolgserlebnisse, dafür jede menge druck. es ist ein hamsterrad im knast, die pädagogische horrorschule. es zerquält mich.
es gibt auch keine echte pause. die mittagszeit wird zwar von der arbeitszeit abgezogen, aber das essen mit kollegInnen ist reden über die arbeit, in der mensa: ohrenbetäubender lärm, es riecht nicht gut und schmeckt selten. keine erholung, sondern zusätzliche belastung.
in den ersten wochen habe ich so dermaßen mit den zähnen geknirscht vor anspannung und wut und frust, dass mir drei kronen abgeplatzt sind. das war kein spaß, aber teuer.
derzeit fahre ich jeden morgen heulend zur arbeit. schminke ich mich neu, vor dem aussteigen. im rückspiegel. wenn ich gut bin, halte ich ohne tränen durch bis zum feierabend. dann reicht meine contenance so gerade eben noch, bis ich wieder im auto sitze. ganz lange kann ich nicht losfahren, weil es mich so sehr weint und schüttelt.
meine freie zeit reicht nicht aus, um abzuschalten und wieder runterzukommen. mein seelischer jet-lag wächst täglich, ebenso als entspannungsphantasie die vodka-flasche vor meinem inneren geistigen auge. die frage „tu ich‘s – oder tu ich‘s nicht“ bekommt einen erschreckend lebensbedrohlichen aspekt.
vor wochen schon bin ich gefragt worden, ob ich bleiben und den vertrag verlängern möchte, bis anfang 2012. das wäre eine aussicht auf fast zwei jahre regelmäßiges einkommen! pünktlich die miete zahlen können! so viel sicherheit hatte ich noch nie zuvor in meinem leben.
leider ist die bezahlung so dermaßen grottenschlecht, dass ich monat für monat noch 200 euro vom hartz-amt dazu kriege, um auf mein existenzminimum zu kommen. zusätzlich habe ich nun fast 1000 euro schulden mehr, weil ich für januar angeblich doppeltes geld bekommen habe. das ist eine seltsame amtslogik und rechtlich abgesichert. meine situation verbessert sich dadurch nicht.
als ich im märz gefragt wurde, ob ich bleiben möchte, war ich natürlich erst einmal erfreut. und geschmeichelt. schließlich war das die erste positive reaktion auf meine arbeit dort nach mehr als zwei monaten, mein erstes feedback. wenn sie mich behalten wollen, muss meine arbeit doch ganz in ordnung sein.
wenn ich bleibe, habe ich gefragt, könnte ich dann meine stundenzahl reduzieren? weil mir sonst die kraft zum leben vollends abhanden kommt. das ist leider nicht möglich. ich habe trotzdem zugesagt. nun liegt der vertrag zur unterschrift bereit, und ich weiß nicht mehr, was ich tun soll.
unterschreibe ich, mache ich mich auf dauer unglücklich und riskiere obendrein meine gesundheit, meinen klaren kopf. ganz schlecht.
unterschreibe ich nicht, bin ich bald wieder voll in hartz4. auch ganz schlecht.
vorgestern habe ich bei der ard fernsehlotterie gewonnen. der gewinn ist einer hartz4-aufstockerin angemessen: zehn deutsche euro (das ist seit jahren mein monatlicher einsatz). die darf ich behalten. aber sie reichen nicht einmal für die reparatur des ceranfelds. erst recht nicht für eine fahrkarte nach paris.
jeder mensch ist zeit seines lebens ein gast auf unserem blauen planeten. allerdings gibt es erhebliche unterschiede in bezug auf kost und logis.
"viel holz vor der hütte"
wer im eigenen haus lebt, der hat glück. der hat festen boden unter den füßen sein leben lang.
ich hingegen wohne in einem miezhaus, da stellt sich das wohngefühl anders dar:
der boden unter meinen füßen gehört nicht mir, sondern dem vermieter. dem bezahle ich geld dafür, dass ich in meinen socken über seinen teppich laufen darf.
das ist ein seltsam unsicheres lebensgefühl, überall und immer ein zahlender gast zu sein wie in einem dauerhotel. aber im laufe meines lebens habe ich mich einigermaßen daran gewöhnt, dass ich nirgendwo 'zu hause' bin.
noch mal ganz anders wird das wohngefühl, wenn eine nicht genug verdient und das geld für die miete nicht ausreicht. wer prekär lebt, der hat – von gesetz wegen - keinen anspruch mehr auf eine wohnung. eine 'unterkunft' reicht dann völlig aus.
früher gab es einmal die sogenannte arbeitslosenhilfe. das war ein fester betrag im monat, den konnte ich mir einteilen, wie es für mich gepasst hat. für mich war passend, im alltag sparsam zu sein und dafür monatlich etwas mehr geld für eine helle wohnung mit schöner aussicht zu bezahlen. sonne, licht und luft sind mir wichtig: gegen die kopfschmerzen, gegen die depressionen, weil meine kindheit so düster war.
meine wohnung hat zwei zimmer. in dem einen wohne und schlafe und lese und fernsehe und esse ich, mache yoga und bewirte meine gäste. das zweite zimmer ist mein büro mit der schönen aussicht. dort verdiene ich mit diversen besonderen maßnahmen geld, so gut es eben geht, um dem amt nicht allzu sehr auf der tasche zu liegen.
seitdem die arbeitslosenhilfe zu hartz4 wurde, erklärt mir das amt, dass meine wohnung unangemessen sei, weil ich jetzt bedürftig bin. das amt will, dass ich irgendwohin ziehe, wo es weniger miete kostet – und zwar maximal 229,95 euro im monat für die mir erlaubten 45 m².
nicht, dass das amt eine solche „unterkunft“ für mich hätte. weit entfernt! eine wohnung zu den von amts wegen erlaubten konditionen gibt es an meinem ort nicht. auch nicht in den orten drum herum und erst recht nicht in der universitätsstadt nahebei. dort gibt es zu diesem preis noch nicht einmal ein studentInnenzimmer – weder im wohnheim noch privat, ganz zu schweigen von einem wg-zimmer und erst recht nicht eine kleine wohnung.
dennoch wird vom amt behauptet, dass es ohne weiteres möglich sei, eine 'angemessene unterkunft' innerhalb kurzer zeit zu finden. und zwar gleich mehrtausendfach – schließlich bin ich nicht die einzige prekär lebende teilzeitarbeitslose hier im südwesten der bundesdeutschen republik.
obige behauptung wird vom amt natürlich nicht nachgewiesen. statt dessen wird – wenn man innerhalb einer gesetzten frist keine 'angemessene unterkunft' findet - die unterstützung auf den maximal für angemessen gehaltenen betrag gekürzt. einfach so. ohne rücksicht darauf, ob man die tatsächliche miete dann noch bezahlen kann oder nicht.
mir ist das mehrfach passiert. einmal kam am 29. eines monats der bescheid, dass ab dem nächsten monatsersten (also übermorgen) meine miete nicht mehr übernommen wird. ein andermal kam überhaupt gar kein geld mehr, einfach so, ohne erklärung, ohne bescheid. all meine finanziellen reserven sind aufgebraucht durch die lange arbeitslosigkeit. ich stand also beide male da mit gar nix und der vermieter wollte sein geld.
im grunde sind solche 'amtshandlungen' nicht rechtens. das ist dem amt aber egal. es stand sogar in der hiesigen lokalzeitung ein interview mit dem amtschef, in dem er zugab, seine angestellten zu falschen bescheiden anzustiften, um geld zu sparen. weil prekäre sich kaum wehren und selten widerspruch einlegen.
wer gegen falsche bescheide keinen widerspruch einlegt, verzichtet auf geld, das ihm rechtlich zusteht. das sind rund die hälfte der betroffenen. so einfach ist das. wer in deutschland etwas beansprucht, das ihm rechtlich zusteht, der kriegt das nicht einfach so. der wird gedemütigt schon bei der antragstellung. keine leistung ohne leiden! mit „fordern und fördern“ hatte das noch nie etwas zu tun. „folter“ wäre in meinen augen ein treffenderes wort.
solcherlei kafkaeske schikanen bedrohen mich in meiner existenz, ziehen mir den boden unter den füßen weg – der ja ohnehin nicht einmal mir selbst gehört. ich reagiere jedes mal mit heftigen krankheiten. jedes mal wird mein mühsam erarbeitetes seelisch-körperliches gleichgewicht aus der bahn geworfen: schweißausbrüche und alpträume, schlafstörungen und kopfschmerzen, zittern, zähneknirschen und tinnitus, angstzustände und panikattacken, schwere depressionen bis hin zu todessehnsucht und selbstmordgedanken sind die folge. tage- und manchmal wochenlang kann ich dann das haus kaum verlassen; wage es gar nicht vor die tür zu gehen aus angst, dass meine wohnung nicht mehr da ist, wenn ich zurückkomme.
seit jahren wird mir von fachärztInnen immer wieder bestätigt, dass eine beständige, stabile wohnsituation sehr wichtig ist für meine gesundheit und damit auch eine grundbedingung für den erhalt meiner arbeitsfähigkeit. um ein paar euro zu sparen, nimmt das amt meinen gesundheitlichen ruin scheinbar gerne in kauf.
meiner meinung nach ist das beständige wohnen ein menschliches grundbedürfnis. allein die tatsache, dass ich dafür fachärztliche gutachten benötige, ist mehr als grotesk.
also habe ich dem amt in den vergangenen jahren gutachten von etwa einem halben dutzend verschiedenen fachärztInnen und therapeutInnen vorgelegt. sogar der leitende chefarzt des amtsärztlichen dienstes hat mehrfach gutachterlich bescheinigt, dass mir ein umzug aus gesundheitlichen gründen nicht zumutbar sei.
ob und wie lange ich jeweils „wohnen bleiben darf“ liegt nicht im ermessen der ärzte, sondern im ermessen der jeweiligen sachbearbeiterIn. die gutachten werden dort manchmal anerkannt, manchmal auch nicht. mal für eine weile und dann wieder von vorn. ich habe überhaupt keine sicherheit. feste zusagen bezüglich der erlaubten wohndauer gibt es nicht.
jetzt gerade lief wieder so ein verfahren. es traf mich aus heiterem himmel mitten im schönsten sommer und hat sich fast zweieinhalb monate lang hingezogen. obwohl ich alle unterlagen und neue atteste und schweigepflichtsentbindungserklärungen etc rubbeledupp ratzfatz schnell beisammen hatte und eingereicht habe. man ließ mich warten:
zweieinhalb monate angst und panik und kopfschmerzen und tinnitus und depressionen und ....
heute endlich kam per einschreiben das neue gutachten vom amtsarzt: ".... ist derzeit und bis auf weiteres ein umzug aus gesundheitlichen gründen nicht möglich.“
ich bin sehr erleichtert. fürs erste. ob aber die leistungsabteilung sich an das gutachten hält und für wie lange, dass weiß man nie. es ist jetzt einfach mal für eine weile weniger schlimm. 'gut' ist es noch lange nicht.