Besondere Ereignisse erfordern besondere Maßnahmen. Denn irgendwas is' immer ....
[über den Umgang mit Katzen & Vermietern - und andere wichtige Dinge im Leben einer Frau]
Vier Jahre ist das heute her: Zuerst hörte ich die News im Radio, dann sah ich sie im Fernsehen, im Internet: Massenpanik bei der Loveparade in Duisburg. Viele Tote, noch viel mehr Verletzte.
Auch heute kein Ausweg:
Der Pfad ins Licht endet an einem Zaun.
Es war ein Samstag. Nur wenige Tage vorher war ich – wieder einmal – arbeitslos geworden und war beschäftigt mit den letzten Vorbereitungen für einen bevorstehenden Klinikaufenthalt. Sechs Wochen sollte ich an die Ostsee fahren. Wegen Tinnitus und Kopfschmerzen, wegen Depressionen, wegen Burnout, wegen posttraumatischer Belastungsstörung. Ich hatte darum gekämpft, freute mich sogar darauf und konnte noch nicht ahnen, dass es mir hinterher schlechter gehen würde als vorher.
Ich hörte beim Kofferpacken die Nachrichten und konnte doch nicht verstehen, was und wie passiert war. Loveparade. Hm. In Duisburg? Hm.
Anfang der 1990er Jahre hatte ich die Anfänge der Loveparade in Berlin auf dem Kurfürstendamm miterlebt – dieses kleine liebenswerte Spektakel.
In den späteren, etablierten Jahren der Loveparade habe ich die kommerzialisierte Massenveranstaltung gemieden bzw. weiträumig umfahren. Das interessierte mich nicht. Es war nicht meine Musik. Es war zu laut, zu viele Menschen auf einen Haufen, zu heiß.
Regelmäßig am Sonntagmorgen danach fuhr ich mit dem Rad durch meinen geliebten Tiergarten und war entsetzt über den Gestank nach Fäkalien und Alkoholika, die Massen an Müll und untoten durchgeknallten Partyleichen, die zerstörten Wiesen, Beete, Bäume, Hecken.
Am Schlimmsten aber war mir die Totenstille. Kein einziger Vogel war zu hören – als seien sie allesamt tödlich getroffen durch das Dröhnen der Bässe von den Bäumen gefallen.
Jahr für Jahr musste der Tiergarten quasi neu angelegt werden. Ich habe die Loveparade jener Jahre gehasst – und war froh, als sie in Berlin nicht mehr stattfinden durfte.
Meine Meinung dazu war schlicht: Wer den Dreck macht, soll ihn auch wegräumen bzw. die Kosten übernehmen für dessen Beseitigung und die Wiederherstellung der Schäden. Wer Party will, muss auch die Konsequenzen tragen und darf das Ganze nicht verlogen als „Friedensdemo“ deklarieren, um Geld zu sparen.
Aber nun Duisburg. Wie kam die Loveparade da plötzlich hin? Das war völlig an mir vorbeigegangen, war mir so schnurzepiep wie Babynahrung: Zwar irgendwo vorhanden und für manche anderen Menschen vielleicht wichtig, berührte mein Leben aber nicht.
Ich sah Duisburg vor Augen. Düsterstes Duisburg meiner traurigen Kindheit. Dunkelschwarz rußverschmutzt und regennassgrau. Die schlimmsten Zeiten, die bösesten Verletzungen hatte ich in Duisburg erlebt. Flashback.
Die Treppe, die für manche Rettung und
für andere eine tödliche Falle war
Den Karl-Lehr-Tunnel erinnerte ich. Der war schon immer finster. Lang und düster. Voller Gefahren. Laut und ohne Zuflucht. Dunkle Straße. Unheimlich. Kaum Licht. Zu viele Autos, die gnadenlos vorbeirumpelten.
Warum waren da jetzt Menschenmassen, um Musik zu hören und zu feiern? Unvorstellbar. Das passte einfach nicht zusammen. Der Karl-Lehr-Tunnel war in der Erinnerung meines inneren Kindes ein Ort, an dem das Wort „Sommerparty“ nicht stattfand, keinen Platz hatte – und ist es bis heute.
Ich sah die Berichte im Fernsehen, fand Berichte und Videos von Augenzeugen im Internet. Am eindrücklichsten, am verstörendsten waren die Filme von "Pizzamanne". Es war schrecklich, nahm mich mit, ich sah es mir trotzdem immer wieder an.
Auch noch, als ich schon längst in der Klinik war. Es schien meine eigenen Katastrophen zu relativieren, wenn ich mit den Opfern der Duisburger Loveparade fühlte und litt, mit den Überlebenden, den Familienangehörigen und Freunden.
Gleichzeitig gab es mir das Gefühl, mit meinem endlosen Schmerz, für den es in meinem Leben sonst weder Ort noch Zeit noch Raum gibt, nicht ganz alleine zu sein.
Es ist ein Paradox, und so schrecklich das klingen mag: In dieser Zeit war ich eine Trittbrettfahrerin des Schmerzes.
Es hat eine Weile gedauert, bis ich mir auf die Schliche kam. Es ist eine Methode, die ich nicht nur dieses eine Mal angewendet habe. Es scheint fast so, als würde der eigene Schmerz nicht ausreichen, um angenommen und betrauert zu werden. Als würde man einen Verstärker brauchen. Eine Art von offiziell anerkannter Wunde, weil man mit dem eigenen Schmerz niemandem mehr kommen darf, nirgendwo ernst genommen und erst recht nicht getröstet wird.
Im vergangenen Februar hatte ich die Gelegenheit, mir die Gedenkstätte für den 24. Juli 2010 in Duisburg einmal anzusehen. Ich war lange dort und habe versucht, mir die Situation damals vorzustellen. Es ist mir nicht ansatzweise gelungen.
Gleichzeitig hatte ich das Bedürfnis, mich an diesem Ort bei den Opfern zu entschuldigen. Weil ich mir ihren Schmerz zu eigen gemacht habe. Unberechtigterweise.
Bis heute verstehe ich nicht, dass die Hauptverantwortlichen keine Verantwortung für das große Unglück übernommmen haben:
Veranstalter Schaller, der mit der Loveparade sein Geld verdient hat. Und Bürgermeister Sauerland, der die Loveparade unbedingt in seiner Stadt haben wollte. Mag sein, juristisch ist ihnen nicht beizukommen. Aber darum geht es nicht. Moralisch, menschlich haben in meinen Augen beide versagt. Durch ihr ignorantes Schweigen, ihr feiges Abtauchen und rückgratloses Wegducken haben sie alles nur noch schlimmer gemacht.
Natürlich bin ich nicht in der Position, zu richten. Es geht auch nicht um Rache oder Wiedergutmachung für etwas, das niemals wiedergutzumachen ist. Mit den Folgen ihrer Un-Taten müssen die beiden Herren alleine fertig werden.
Letzter Trost: Die Teddy-Zwillinge
Als ich im Februar dort war, hat es geregnet. Es war so grau, wie Duisburg eben grau sein kann. Ich hatte mein inneres Kind an der Hand, sie stand lange vor den Teddybären und den Blumen. Dann sah sie mich an und sagte „Hier war das nicht. Komm ich zeig's dir.“ Dann sind wir zum Bahnhof gelaufen und nach Ruhrort gefahren.
So habe ich es wieder auseinandersortiert: Den eigenen alten Schmerz habe ich mit dem Kind angesehen, an den anderen Orten. Dazu – vielleicht – ein andermal mehr.
Den aktuellen Schmerz darüber, dass in unserer Zeit Vergnügungs- und Profitgier auf Kosten von Menschenleben stattfinden, den habe ich in der Lücke im Karl-Lehr-Tunnel betrauert. Den überlebenden AugenzeugInnen, den überlebenden Verwandten und FreundInnen der Opfer gilt mein ganzer Respekt sowie großer Dank dafür, dass sie diesen Ort des Gedenkens gegen viele Widerstände geschaffen haben.
Es ist ein wichtiger Platz geworden von großer Symbolkraft, die weit über die einzelnen Schicksale aller, die von der Katastrophe Loveparade 2010 betroffen waren und sind, hinausreicht.
Leise schmatzte der Marmor unter meinen nackten Füßen. Es war noch früh am Tag, die Sonne stand nicht allzu zu hoch. Trotzdem musste ich im Schatten bleiben, um mir nicht die Fußsohlen zu verbrennen. Meine Flipflops hatte ich am Eingang zu Hunderten anderen gestellt. Das Heiligtum wollte mich barfuß. Stufe um Stufe, Fußtaps für Fußtaps stieg ich den Hügel hinauf. Das hier war heiliger als der Kölner Dom meiner Kindheit: Die goldene Shwedagon Pagode in Yangon, der größten Stadt von Myanmar.
Reisen in Burma
Wir befinden uns im Jahr 1981. Ich war erst neunzehn. Myanmar hieß damals noch Burma oder auch Birma, die Hauptstadt war Rangoon. Mein Visum galt genau sieben Tage, länger durften Touristen aus dem Westen nicht einreisen, um die von der Militärregierung abgeschottete und auf Sozialismus getrimmte Bevölkerung nicht zu verderben.
Im Grunde wusste ich nichts von diesem Land. Ich hatte nur gehört, dass es sehr geheimnisvoll, sehr fremd und sehr sehr schön sein sollte. Im Jahr 1981 gab es weder Handy noch Internet, keine Wikipedia und kein Smartphone mit „wo-bin-ich-denn-hier-überhaupt-gelandet“-App. Ein paar vage Seiten in meinem Südostasien-Reiseführer, und ich als reiselustige Teenagerin dazwischen.
Ich war allein unterwegs und hatte noch nicht einmal einen Fotoapparat dabei. Weder sprach ich burmesisch, noch konnte ich die zauberhafte Kringelschrift entziffern. Aber ich war neugierig und wollte in der kurzen mir zur Verfügung stehenden Zeit so viel wie möglich sehen.
Meine Erinnerung an diese Woche in Birma ist inzwischen ziemlich verblasst. Nur einzelne Szenen - bunt, glasklar und mit scharfen Konturen - ragen heraus aus dem freundlichen Nebel der Vergangenheit.
Meine nackten Füße auf blankem Marmor im Schatten der goldenen Pagode ist eine davon.
Juchzende, vor Vergnügen quietschende Kinder, rittlings auf einem riesigen Wasserbüffel, der auf dem Damm eines Reisfeldes entlang galoppierte, eine andere.
Das schwimmende Kloster auf dem Inle-See ist mir wegen der vielen Katzen im Herzen geblieben. Die Mönche hatten ihnen kleine Kunststücke beigebracht. Mit der Vorführung bedankten sie sich für Spenden, und ich staunte entzückt.
In Mandalay und Maymyo gab es keine Autos. Man bewegte sich in Pferdekutschen, auf Fahrrädern und Ochsenkarren, zu Fuß. Körbeweise krabbelnde Kakerlaken auf dem Markt. Ich fragte mich damals, was die Menschen damit wohl anstellten.
Die lange Fahrt im hoffnungslos überfüllten Zug: Meinen Sitzplatz auf der harten Holzbank hatte ich nur meinem Sonderstatus als Touristin zu verdanken. Zwischen den vollgepackten Gepäcknetzen waren Schnüre gespannt, auf denen reihenweise Kohlköpfe und anderes Gemüse zum Trocknen hing. Die Toilette war besetzt von einer Ziege, drei Hühnern und einem Hahn im Korb. Im Gang, in den Gepäcknetzen, auf den Plattformen am Waggonende, sogar auf dem Dach saßen-standen-lagen Menschen. Wir mussten schließlich mitsamt unserem Gepäck durchs Fenster aussteigen, weil jeder Quadratzentimeter Boden besetzt und keinerlei Durchkommen war.
In meinen Tagebüchern von damals steht kaum etwas über diese Woche. Zu dicht war die Reise, zu groß das Unterwegssein. Zum Aufschreiben war keine Zeit geblieben. Nicht einmal ein Souvenir habe ich noch von dieser Traumwoche.
Nun gibt es ein Buch, das meiner Erinnerung ein wenig auf die Sprünge hilft. Von Alice Schwarzer und Bettina Flitner. „Reisen in Burma“ heißt es.
Es ist ein großes Buch geworden. Schwer. Und fest. Ein Bilderbuch, vor allem. Ganz altmodisch. Es ist schön. Es atmet Zeitgeschichte, es ist persönlich und dennoch nicht unpolitisch, eine Momentaufnahme. Oder vielleicht besser: Viele Momentaufnahmen. Der Versuch eines Puzzles.
Flitners Bilder aus einer verwunschenen und doch modernen Welt, die heute nicht weniger rätselhaft und widersprüchlich ist als damals: Sie ziehen in Bann und nehmen mit auf die Reise, wecken Fernweh und machen mir wehmütiges Reisefieber.
Schwarzers Texte erzählen wohltuend sanft von persönlichen Eindrücken und Begegnungen, fast zärtlich.
Das ist der Zauber von Burma. Anders als zärtlich kann man diesem Land kaum begegnen. Selbst dann nicht, wenn man weiß um die Brutalität von Geschichte und Gegenwart, um Naturkatastrophen und menschliche Grausamkeiten. Oder auch genau deswegen. Denn die Menschen selbst sind unverändert liebenswürdig, schön, stolz - und fröhlich.
Vielleicht steht auch deswegen der alte Landesname im Titel. „Reisen in Myanmar“ wäre nicht halb so poetisch.
Nun zur Verlosung:
Am 23. April vor dreihundertachtundneunzig Jahren starb William Shakespeare. Ungefähr. Dieser literarische Trauertag wurde 1995 von der UNESCO zum Welttag des Buches erklärt.
Aus diesem Anlass haben die GeschichtenAgentin Dagmar und Christina von Pudelmützes Buchwelten die Aktion „Blogger schenken Lesefreude“ gestartet, an der sich im vergangenen Jahr mehr als 1000 (!sic!) Blogs beteiligten, und auch das Büro für besondere Maßnahmen hatte ein Buch verlost.
Auch in diesem Jahr mache ich wieder mit und darf mit freundlicher Unterstützung des Dumont Verlags ein Exemplar des wunderbaren Burma-Bilderbuchs verlosen: „Reisen in Burma“ von Alice Schwarzer (Text) und Bettina Flitner (Fotos)
Dumont, Köln 2012
160 Seiten, ISBN 978-3-8321-9424-6, Ladenpreis 34,95 EUR
Bis zum Abend des 23. April 2014 (Mittwoch, 23:59 Uhr) habt Ihr Zeit, teilzunehmen. Wer das Buch gewinnen möchte, braucht nur eine klitzekleine Rätselfrage beantworten:
Wie heißt die Hauptstadt von Myanmar?
Einfach die Antwort unten in einen Kommentar schreiben und dabei eine gültige E-Mail-Adresse hinterlassen (die wird nicht veröffentlicht, wenn ihr sie im entsprechenden Feld eintragt). JedeR ab 18 Jahren darf EINmal teilnehmen. Bei mehr als einer richtigen Antwort entscheidet das Los, und der oder die GewinnerIn wird am Donnerstag, 24. April 2014 per E-Mail benachrichtigt. Ich gebe keine Daten an Dritte weiter, versende das Buch nur innerhalb Deutschlands und schließe den Rechtsweg aus. Viel Glück!
Nachtrag am 25. April 2014
Zur Auflösung des Rätsels und Gewinner-Bekanntgabe geht es bitte hier entlang.
im leben einer alkoholikerin ist der erste nüchterne tag sehr wichtig, erst recht, wenn er in ein lange zeit alkoholfreies leben führen soll. im allgemeinen weiß eine das erst hinterher, für WIE lange. bei mir werden es heute vierzehn jahre.
archivbild: leicht verkatert, aber genußfreudig
(*, **)
manche nennen diesen tag ihren „zweiten geburtstag“. für mich passt das nicht, denn ich bin nicht ein zweites mal geboren. ich war vorher nicht tot und auch nicht lebensunfähig. mein geburtstag bleibt mein geburtstag, das war eine einmalige angelegenheit.
ich nenne diesen jahrestag heute meinen „dry day“. gestern vor 14 jahren habe ich wissentlich und willentlich die letzten alkoholhaltigen getränke zu mir genommen, in bester gesellschaft und zu einem phantastisch leckeren essen: einen feinen brut d'alsce, den heiteren sancerre. einen soliden hennessy zum schluss. lecker war's. adieu.
dass ich nie wieder damit angefangen habe, trotz bisweilen ziemlich widriger lebensumstände, dazu muss ich mir mal kurz selbst auf die schulter klopfen.
ich habe damals aufgehört, weil ich mir im spiegel wieder grade in die augen sehen können wollte.
meiner würde wegen.
weil ich so manches so satt hatte.
dass ich mich nicht mehr auf mich selbst verlassen konnte, zum beispiel.
aber es scheint, als sei mein leben auf eine schiefe bahn geraten. just in dem augenblick, als ich beschloss, straight & sober zu sein, um endlich mich und mein leben zu retten.
als ich noch alkohol trank,
war ich beruflich erfolgreich, hatte ich eine sichere wohnung, einen schönen mann, ein eigenes auto.
ich war körperlich fit, habe viel gelacht, und das leben war leichter.
jetzt trinke ich keinen alkohol mehr,
bin schon lange nicht mehr beruflich erfolgreich,
und habe satte 20 kg zugelegt.
die wohnung ist nicht mehr sicher, auch nicht mein 'zuhause',
der schöne mann längst fort,
das auto .... naja. wenn es denn die bezeichnung noch verdient - wird nächste woche 20.
mir ging es noch nie so schlecht in meinem leben - gesundheitlich, finanziell, seelisch, menschlich – wie im letzten jahrzehnt. ich habe keine ahnung und auch nicht mehr viel hoffnung, dass und wie das jemals wieder besser werden soll. von 'gut' wage ich schon gar nicht mehr zu sprechen.
ohne es zu wollen, bin ich in diesen 14 jahren ohne alkohol eine dicke, einsame, mittellose und verbissene alte geworden. eine richtig schlechte partie. manchmal weiß ich wirklich nicht, wozu ich überhaupt noch auf- oder die nächsten fünf minuten überstehen soll.
nur die würde, die mir aus dem alkoholfreien leben erwächst, die habe ich mir bewahren können. auch wenn das jobcenter seit jahren alles ihm mögliche veranstaltet, um mir auch das noch zu nehmen.
meine würde ist ein verdammt trocken brot.
*
ich löffle ein eis. und ich trage diesen schicken weißen taxifahrer-handschuh, weil ich im sommer eine sonnenallergie an den händen habe .... **
das copyright für dieses foto gehört ausnahmsweise mal nicht mir, sondern jemandem, den ich grade nicht um erlaubnis fragen kann. hey CR, falls dich das bild hier nervt, just tell me.
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dass eine älter wird, merkt sie auch daran, dass die dinge, ereignisse und menschen, an die sie sich erinnert, immer länger zurückliegen.
da ist bisweilen schönes, trauriges, nutzloses, wahres und lustiges dabei.
Veronique B.
eine meiner erinnerungsperlen aus der jugend ist ein kleines rotes buch, "Lebenszeichen" hieß es, von brigitte heidebrecht. ich war 17 oder 18, also offiziell so gut wie erwachsen, als sie es im selbstverlag veröffentlichte und ich es in einer kölner buchhandlung neben der kasse fand.
heidebrecht schrieb klare, kurze worte. lyrische prosa. eingängig. bei fast allem habe ich heftig genickt.
das büchlein habe ich nicht mehr, aber meine erinnerung hat die worte noch fast alle beieinander. diese zum beispiel:
Seit ich mich selbst
einigermaßen
verstehe
bewege ich mich
mit einer gewissen
selbst-verständlich-keit
meine persönliche selbstverständlichkeit scheint über die jahrzehnte hinweg im wandel zu sein. das ist in ordnung für mich, denn ich lerne und lebe erfahrungen, lebenslang. dennoch gibt es auch konstanten, die bleiben.
mein 'rosiges' selbstbild etwa, das immer aus den drei komponenten "duftende blüten, üppige blätter und wehrhafte stacheln" besteht. zeitweilig bin ich auch nur ein stock mit nix dran - aber sehr winterhart.
es ist doch immer wieder spannend, was mein langzeitgedächtnis so als be-merkenswert selektiert.
natürlich bin ich längst wieder im alltag angekommen, aber ich gestehe: meine italienreise war ungewöhnlich nachhaltig. auch mehr als einen monat danach trage ich diverse „italienische momente“ noch sehr in meinem herzen.
sogar in diversen synaptischen spalten hüpft es immer wieder auf und ab und singt: „mare mare – ma che voglio di arrivare!“
zum ersten mal in meinem leben hatte ich diese wunderbaren italienischen fensterläden vor den verandatüren. zwei wochen lang, in dunkelgrün: die sorte, bei der man in geschlossenem zustand von innen noch eine art halbfenster nach außen halb hochklappen kann. einen spaltbreit nur. so dass auf keinen fall sonne hereinscheint – die öffnung aber groß genug ist, um hinauszulünkern und nachzusehen, wer da unten so ein palaver macht.
die habe ich sehr geliebt, das macht so sanfte aussichten. die welt da draußen in querscheiben geschnitten, das licht leicht gefiltert und auch lärm milde gedämpft – non me ne frega. die hätte ich hier gerne auch ….
dann wäre der quetschenquälende vermieter nicht ganz so laut, das spießige ambiente im haus nicht ganz so krass ….
heute abend hatte ich den sommerlichen 'dorfhock' in der nachbarschaft schräg gegenüber. alle waren da: blechblasendes rumtata mit polka-rhythmischem synthesizer und weinseliges herrengrölen bei 30 grad. hachz. es muss sehr schön sein, wenn man so etwas schön findet. da könnte man sich so richtig hineinfallen lassen und im übertragenen sinne hineinkuscheln in so viel dörfliche geborgenheit. leider finde ich mich nicht darin wieder: das ist mir nicht italienisch genug.
statt dessen sitze ich allein auf dem nächtlichen balkon, unten zirpen die grillen und klappen die dörfler ihre letzten bierzeltgarnituren zusammen. Ginivra, die katze, kümmert sich hingebungsvoll um motten, käfer und anderes sommernachtsgetier.
ich schreibe im nachtflug, das mag ich sehr. das dorf ist jetzt still, kaum noch irgendwo licht. der ruf eines käuzchens über dem tal, weit hinten im wald. jetzt fehlen nur ein paar glühwürmchen im kartoffelstrauch - die idylle wäre perfekt.
sie ist es nicht: der nachtbus dröhnt unten vorbei. auch ich muss morgen wieder früh raus. ich sitze einfach noch ein weilchen hier und habe es schön, still und warm.
fast mittsommer. schwüle nächte. nichts ist so öde wie ein sommer allein. schon wieder einer. aber es ist wie es ist. ich versuche, es trotzdem zu genießen – und ich genieße es.
so seltsam das vielleicht klingt: ich schwitze gern. zu den schönsten momenten meines lebens gehören die kurzen zeiten des jahres, in denen nicht ein kubikmillimeterchen meines körpers friert. wenn alles gut durchwärmt ist und entspannt. wenn ich keine kleidung brauche, um mich zu wärmen, sondern nur, um mich vor der sonne (und vor neugierigen blicken) zu schützen. am liebsten trage ich dann lange, leichte röcke. einen sarong. mit nichts drunter (das weiß nur ich!). ein lockeres top dazu. gerne aus leinen, seide, fließend und weich. mein sommerluxus, mit einem hauch schüchterner hemmungslosigkeit.
ein bißchen träge lasse ich die schönsten sommernächte meines lebens revue passieren. in allen erinnerungen spielt das meer eine rolle, in manchen auch eine hängematte. und ich stelle fest:
was den dörflern ihr hock, ist mir das meer: ziemlich unverzichtbar. leider ist es von hier aus ziemlich weit weg. meine phantasie schlägt kapriolen und flutet mal eben den rheingraben. das wäre dann so eine art fjord bis in die niederlande. ähem. die müssten wir nur kurzfristig auf stelzen legen. ich will ja niemanden ertränken. der berg gegenüber wäre insel, und in freiburg säßen wir am dreisam-hafen.
sehr schön. das werde ich über nacht mal ein bißchen ausbauen.... schöne träume euch allen – und einen heiteren sommer voller schmetterlinge wo auch immer!
„ins blaue hinein“ - das sagt man bei uns ja gerne mal, wenn man die richtung noch nicht so genau weiß.
auch bei mir ist die richtung derzeit alles andere als klar. weil ich nachdenken muss, mich neu sortieren will. nachspüren, in welchem maße ich die diagnose „autistin“ in mich hineinintegrieren will, kann – und inwiefern ich sie nicht doch lieber außen vor lasse.
asperger syndrom? was ist das schon!? das hat irgendein mann sich ausgedacht. in den letzten jahren avanciert zur modediagnose. eine prima methode, um hochbegabte, eigensinnige querdenkerInnen zu pathologisieren. denn denkende menschen können ja ziemlich lästig sein für die allgemeinheit.
das asperger syndrom zählt aber nicht als hochkreative methode und besondere fähigkeit empfindsamer und intelligenter menschen, mit einer für sie in hohem maße belastenden umwelt im eigenen sinne (= eigensinnig) und angemessen umzugehen, sondern es gilt als behinderung. what a quatsch!
das kann sich nur eine neurotpye ausdenken von durchschnittlicher intelligenz. jemand, die keine, aber auch gar keine ahnung davon hat, wie anstrengend es sein kann, als mensch mit einem iq von über 140 sich ständig selbst ausbremsen zu müssen, nur um von den 'normalos' einigermaßen verstanden zu werden.
nur mal zum vergleich: es wäre nicht weniger anstrengend, als durchschnittlich intelligenter mensch (angenommer iq = 100) eine einprozentige minderheit zu sein. alle anderen würden auf einem iq von 60 dahindümpeln, sich aber für 'normal' halten, weil sie ja in der mehrheit sind. da würde doch auch der 100er-iq-typ rein aus selbstschutz ein paar überlebensmechanismen entwickeln, die den 60ern sicher sehr merkwürdig und 'unnormal' vorkämen ....
asp.syn ist nicht messbar. es ist nicht ansteckend. es ist eine variante im gehirn, für die es ein paar merkmale gibt. merkmale, die – jedes für sich genommen – alle auch als merkmale von hochbegabung oder von posttraumatischer belastungsstörung gedeutet werden können. so habe ich das bisher zumindest verstanden.
so what? mein asperger autismus ist also – wenn überhaupt – ein webfehler in den synapsen. wahrscheinlich aber eher ein sehr ausgefallenes, seltenes webmuster. kein fehler:
„it's not a bug. it's a feature!“
trotzdem muss ich da weiter darüber nachdenken. selbst ohne diese neue diagnose wäre auch mal wieder eine auszeit fällig gewesen: von einem wenig erfreulichen, anstrengenden alltag einerseits.
von meiner diagnose 'PTSD' andererseits. denn auch das wurde ja nur diagnostiziert, fortan ich damit allein gelassen. therapie ist nicht mehr, kontingent aufgebraucht. klinik macht derzeit keinen sinn, sagt die ärztin, da müsste ich vorher stabiler sein. zur fortgesetzten retraumatisierung und weiteren destabilisierung aber trägt ja seit jahren munter das hartz-IV amt bei. neuerdings auch der vermieter noch zusätzlich. nicht stabil genug, keine traumatherapie. keine traumatherapie? ja dann kann sie auch umziehen, sagt das amt (und der vermieter sowieso, diese tumbe neurotype).
also nachdenken. zurück in meine mitte mitte finden.
wo könnte das besser gehen als an einem ort, wo tag und nacht sanftes wellenrauschen meinen tinnitus übertönt? wo ein strahlendes blau meinen düsteren gedanken einen heiteren anstrich gibt? wo der duft von 'lavendel, oleander und jasmin' nicht aus der waschmaschine kommt, sondern mich hinter jeder wegbiegung neu anweht, 'in echt'?
also bin ich ins blaue „dolce far niente“ gefahren. dorthin, wo das 'azzurro' und das 'blu dipinto di blu' ihren ursprung haben. vor allem dafür war es wichtig, dass die türen an meinem kleinen alten auto wieder abschließbar sind. nein, keine falschen vorurteile. es geht hier einzig und allein um mein subjektives gefühl von sicherheit:
wenn ich mich sicherer fühle, bin ich entspannter. wenn ich entspannter bin, kann ich besser nachdenken.
mein blauer luxus: eine wohnung direkt über der strandpromenade, die in dieser jahreszeit noch erfreulich ruhig ist.
eine weile keine verpflichtungen. kein arroganter vermieter. keine graue redaktion. keine blöde post vom amt. nicht mal nachrichten. soll die welt doch untergehen, das erfahre ich noch früh genug – und ändern könnte ich es ohnehin nicht.
es ist das erste mal seit mehr als fünfeinhalb jahren, dass ich länger als eine woche 'urlaub' habe. das geld für die reise habe ich mir von meinem dispokredit geliehen.
ich bin im blauen, ohne selbst blau zu sein. mein letzter besuch in diesem land liegt fünfzehn jahre zurück. auch damals war es mai. ich war allein auf sardinien. es war wunderschön. alles blühte! ich liebe diese eigensinnige insel. ein freund, der eigentlich hatte mitfahren wollen, sagte in ziemlich letzter minute ab. ich war sehr einsam. der wein war ausgezeichnet. ich betrank mich täglich.
auch diesmal bin ich allein. nicht auf sardinien, aber alles blüht. ich muss es bei lebendigem leibe aushalten, das eine wie das andere. keine drogen außer koffein und schokolade. jedenfalls kein alkohol.
das rauschen des meeres besänftigt meine wunde seele. mit jedem wellengang, den ich an der wasserkante entlang unternehme, glätten sich meine zerquälten nervenenden – von denen sich jedes einzelne zerfranst fühlt wie ein gespaltenes paragraphenzeichen. ungefähr zwei mal täglich eine stunde, das ist meine therapie.
schade nur: ich kann von hier aus nichts ändern an meinem leben, nichts verbessern, nichts erleichtern. aber vielleicht kann ich etwas kraft tanken für den schrecklichen alltag, für den ich dann wohl demnäxt auch noch einen schwerbehindertenausweis brauchen werde.
vielleicht kann ich neue strategien entwickeln, doch noch mal die weichen neu stellen, die richtung ändern.
und nein, ich will nicht bleiben wie ich bin. diese vorstellung, auch in meinem letzten lebensdrittel immer nur unglücklich und einsam zu sein und ständig in vielerlei hinsicht gegen meinen willen gefickt zu werden, ist keineswegs aufmunternd. genauso wie der gedanke daran, dass ich mein duftendes, wellenrauschendes azzurro-blu demnächst wieder werde verlassen müssen, ganz und gar unerträglich ist.
eigentlich möchte ich mich in diesem wunderschönen blau am liebsten in ein wunderschönes blaues nichts auflösen.
als zen-buddhistische philosophin aber weiß ich doch: das nichts ist nicht nichts, nicht einmal das blaue.
Der eine sucht einen Geburtshelfer für seine Gedanken,
der andre einen, dem er helfen kann: so entsteht ein gutes Gespräch.
(F. Nietzsche)
das war einer der besseren texte, die in mein poesiealbum geschrieben wurden. er kam von meiner geliebten kunstlehrerin – und begleitet mich bis heute. besonders in therapeutischen situationen kommt er mir in den sinn. meine tage in der klinik waren eine solche - auch wenn ich dort niemals einer therapeutin unter vier augen begegnet bin.
anderer begegnungen hingegen waren viele: mitpatientInnen, pflegepersonal. wer wohnte mit mir im kuckucksnest? solche und solche: wie im richtigen leben. und wie im richtigen leben versucht man, gleichgesinnte mit ähnlicher wellenlänge zu finden – um sicht nicht ständig vorzukommen wie eine wahnsinnige minderheit, die aus nur einer einzigen person besteht: man selbst.
wen mochte ich? wen mochte ich nicht? wem sah ich in die augen? wem hörte ich zu? wem stellte ich fragen? bei wem blieb ich stehen, an wem lief ich vorbei? bei genauerem hinsehen habe ich dabei viel über mich selbst gelernt. aus mir angenehmen begegnungen ebenso wie aus den eher unangenehmen.
mr. wang*
der asiatisch aussehende herr wang fiel mir auf, weil er oft alleine in der stationsküche saß, direkt neben dem radio. er hörte den deutschlandfunk. stundenlang. sein schulterlanges schwarzhaar hatte er im nacken zu einem lockeren pferdeschwanz gebunden. er war sehr für sich, gleichzeitig hellwach. die dunklen augen blitzten mal melancholisch, mal vergnügt. eines morgens hatte er eines der essenstabletts vor sich auf dem küchentisch, darauf ein gutes dutzend verschiedener pilzsorten: „die habe ich alle heute früh im garten ums haus herum gefunden.“ hoch konzentriert forschte er in einem dicken pilzbestimmungsbuch nach der identifikation seiner funde. „ich übe für meine kinder.“ sein fließendes deutsch war akzentfrei. wir sprachen lange und sehr philosophisch, hatten einen wunderbaren austausch – tief und humorvoll. sein schöner mund lachte gern. über unsere diagnosen sprachen wir nicht. er war in der achten wochen dort, kurz vor der entlassung: „ich hätte mir die zeit hier auch sparen können.“ wann immer wir uns in den fluren begegneten oder im aufenthaltsraum, zwinkerten wir uns zu.
frau taxilan*
frau taxilan nannte sich selbst so, weil das 'ihr' medikament war. sie wirkte oft desorientiert und etwas schläfrig. „die geben mir das, damit ich meine gedanken besser sortieren kann. ja. das haben die ärzte so gesagt. die gedanken besser sortieren.“ dabei schaute sie unsicher und kicherte gleichzeitig in die runde. „und was mache ich? ich plappere nur noch unsortiert vor mich hin, der letzte scheiß purzelt mir aus dem mund.“ selbst mutter von drei kindern, wirkte sie seltsam kindlich, wunderschön in ihrer verletzlichkeit. „die sind jetzt allein zu hause, die wollen mich nicht zurück. ich bin ja auch zu nichts nütze.“ ich mochte sie sehr. wann immer möglich, setzte ich mich bei den mahlzeiten in ihre nähe. ihre traurige heiterkeit tröstete mich. ich hätte sie gern in den arm genommen.
frau müllermayerschmitz*
es gibt sie auf jeder station, glaube ich: die altgediente krankenschwester, seit anbeginn in genau dieser klinik beschäftigt. mit allen wasser gewaschen, kompetent, souverän – und mensch geblieben. frau müllermayerschmitz war die geborene pflegerin, der personifizierte krankenengel und sah auch so aus: lange blonde locken, immer ein warmherziges lächeln im gesicht. sie hatte für alles ein ohr, wimmelte einen nie unfreundlich ab. wenn sie doch einmal ein „nein das geht jetzt nicht“ von sich gab, dann klang selbst das wie ein virtuelle kuscheldecke. sie war mitfühlend, ohne selbst mitzuleiden. der fels in der brandung depressiver tränenströme, ihre anwesenheit ein geschenk. sie sagte „wir wollen, dass Sie sich hier wohl fühlen.“ das habe ich ihr aufs wort geglaubt – auch wenn es mir letztlich nicht gelungen ist.
frau zickigzackig*
auch eine frau zickigzackig gibt es wohl im pflegeteam jeder station: für frau zickigzackig sind die patientInnen nicht der inhalt ihrer arbeit, sondern unangenehme störenfriede, die reinste belästigung. sie wirkt überfordert, kennt nur schema F. wehe, die patientin passt da nicht hinein. sie brachte es fertig, mich mitten im abendessen vor versammelter patientInnenschar lautstark und quer durch den saal für etwas runterzuputzen, das gar nicht in meiner verantwortung lag. als ich versuchte, den irrtum aufzuklären, blaffte sie nur „darüber diskutiere ich nicht“, machte auf dem absatz kehrt und stapfte zurück in ihren glaskasten. so etwas lasse ich nicht auf mir sitzen, so lasse ich mich nicht behandeln. mag sein, ich bin depressiv. aber ich bin weder debil noch delinquent. ich war verletzt und wütend, ging ihr nach und wollte die angelegenheit gerne klären. frau zickigzackig blaffte weiter „geht es Ihnen nicht gut? wollen Sie eine tablette?“ ruhiges reden war nicht möglich. ganz egal, ob ich nun einen termin verpasst hatte oder nicht (ich hatte nicht) – der ton macht die musik, und der ihre war nicht angemessen. frau zickigzackig wurde immer patziger: „na gut, wenn sie unbedingt wollen, dann entschuldige ich mich eben.“ auch das ist typisch: frau zickigzackig bittet nicht um entschuldigung, sondern entschuldigt sich gleich selbst. gerne auch mal in verbindung mit dem imperativ: „Sie müssen schon entschuldigen!“ ich muss gar nichts. da beisst sie bei mir auf granit.
signore rossi*
eine letzte freundliche begegnung hatte ich beim verlassen der klinik, das gepäck schon geschultert. der kleine herr rossi sah mich mit großen augen an: „was denn? gehst du schon wieder? du bist doch gerade erst gekommen.“ ja. ich gehe. „das hätte ich mal besser auch gleich am anfang gemacht. ich bin jetzt zwei monate hier, und das hat überhaupt nichts gebracht. heute hatte ich mein abschlussgespräch, nächste woche gehe ich heim. weil ich nicht schlafen konnte, haben sie mir ein medikament gegeben, die ganze zeit. ich habe am anfang drei mal nachgefragt, ob das auch nicht süchtig macht. 'neinnein das macht nicht abhängig, seien Sie ganz beruhigt.' aber heute hat der arzt sich verplappert: 'den entzug von dem schlafmitt... … äääääääääh …. das medikament können sie ja dann zu hause langsam absetzen.' du machst es ganz richtig, wenn du wieder gehst.“ wir wünschten uns gegenseitig glück und alles gute. wir konnten es beide gebrauchen.
*ps
alle namen sind frei erfunden.
die wahren abenteuer sind sowieso alle nur im kopf.
damals war ich zehn. der krächzende hund sprach mir aus der seele.
leider haben die eltern weder ihn noch mich ernst genommen.
eine katze durfte ich nie nicht. haustiere waren verboten.
ich musste mich mit wum und wendelin begnügen. naja.
besser als nichts. immerhin konnte ich drüber lachen.
loriot hat also meine kindheit gerettet.
so was fällt mir oft erst ein, wenn es zu spät ist, um persönlich danke zu sagen.
danke loriot!
die platte habe ich nicht mehr.
aber eine wunderbare mietzekatze.
„paket vom optiker!“ der postbote sang es schon im treppenhaus und kriegte sich gar nicht mehr ein: „paket vom optiker!“ strahlend überreichte er mir den schmalen karton. als ob er den inhalt bestens kannte. ich hingegen war total überrascht.
„ein paket vom optiker?“ dachte ich. „komisch. die brille habe ich doch längst abgeholt. die wäre auch nicht so groß und so schwer.“ ich trug sie auf der nase, dreizehn gramm leicht.
langsam ging ich die stufen zu meiner wohnung hoch, betrachtete das paket von allen seiten. „hab' ich etwa was gewonnen?! na, das kann ja heiter werden.“
dann erinnerte ich mich, dass ich mich über die neue brille beschwert hatte. aus optischen gründen. wenn ich damit vor dem pc sitze, ist es eine verschwommene qual statt scharfsichtiger klarheit. als entschuldigung hatte man mir ein kleines präsent versprochen.
also eine entschuldigung sollte in meinem paket sein. quadratisch. länglich. schwer. zerbrechlich. ich hatte keine ahnung. wirklich nicht. ich rätselte: „hoffentlich ist das nicht irgendeine häßliche blumenvase in brillenform ….“ - bei meinem glück mit geschenkten gäulen ein durchaus berechtiger gedanke.
wieder in der wohnung, machte ich mir erst einmal einen kaffee. das ist so ein altes magisches denken von mir. je länger es mir gelingt, meine neugier im zaum zu halten und geduldig zu sein, umso besser wird der inhalt von briefen und paketen. da bin ich mir sicher! zumindest wird er weniger schlimm.
während der kaffee sich machte, legte ich mein altes päckchen- und brieföffnermesser schon mal zurecht. nach dem ersten schluck milchkaffee – aaaah! noch einmal tief luft holen und dann ran an die verpackung. ich liebe geschenke und war voller vorfreude!
ihr seht, was drin war im karton: eine flasche champagner. veuve emille brut. nicht gerade der allerteuerste, aber ein solides gesöff.
shice.
es hätte doch echt mal ein geschenk sein können, über das ich mich richtig freue und das ich auch behalten darf. statt dessen schickt mir der optiker die tödliche versuchung - und das auch noch in zeiten allerdünnster haut.
ich hätte den champagner gerne getrunken. sekt und champagner habe ich früher sehr geliebt. weil der nicht betrunken macht (dachte ich), sondern leicht und heiter, ein bißchen 'kieksig'. auch nach fast zwölf alkoholfreien jahren weiß ich noch genau, wie lecker das schmeckt. und wie schön der kribbelt, nicht nur in meinem bauch. ooh ja!
nur zu gern würde ich mir wieder mal die kante geben, ferien haben zumindest im kopf und den ganzen ollen lebenskokolores einfach für eine weile vergessen dürfen.
aber von sucht gibt es – genauso wie von erwerbslosigkeit - keinen urlaub. wenn ich jetzt wieder anfange, wäre es vorbei mit meiner würde, der anfang vom ende.
es würde nicht bleiben bei dem einen glas, der einen flasche. selbst, wenn ich es noch so wollte. eine zeit lang würde es vielleicht gehen. aber dann würde ich mehr wollen. viel mehr. so viel, dass ich ratzfatz wieder auf meinem damaligen level wäre von mindestens einer flasche wein am tag und darüber hinaus.
das nennt man suchtgedächtnis. das suchtgedächtnis ist ein ziemlich komplexer vorgang. es hat nichts zu tun mit 'charakterschwäche', wenn eineR nicht mehr aufhören kann nach dem ersten glas.
der körper will mehr, nicht die psyche. das suchtgedächtnis ist eingebrannt in den synapsen und sonstewo, quasi unlöschbar auf meiner internen festplatte. nicht bloß im arbeitsspeicher. auch kein fehler im betriebssystem, der mit einem flotten update dauerhaft zu beheben wäre.
nix da. es hat mit dem ADH zu tun. und mit dem MEOS.
wissenschaftlich kann ich das nicht erklären, dazu fehlt mir der hintergrund. aber ich kenne die groben zusammenhänge. die vorgänge in meinem körper, die mit alkoholkonsum und alkoholabbau zu tun haben, stelle ich mir vereinfacht vor wie einen netten kleinen zeichentrickfilm.
oder einen film von woody allen: „was sie schon immer über alkohol wissen wollten, aber sich nie zu fragen trauten, weil sie angst haben, ganz damit aufhören zu müssen, sobald sie die antwort kennen.“
der // zeichentrickfilm // geht ungefähr so:
wenn ich alkohol in meinen körper schütte, sind das anfangs sehr nette, lustige gesellen. das macht erst mal spaß. aber je mehr davon und je länger die in meinem körper in den blutbahnen und sonstewo zirkulieren, umso mehr verwandeln sie sich in brutale rabauken. sie grölen und prügeln, die reinsten stoffwechsel-hooligans.
dann schreit das gehirn: „was ist denn das für eine schlägertruppe?! die wollen wir nicht mehr, die sind ja giftig! leber! mach was!“
dann macht die leber was: sie produziert das alkohol-abbau-enzym alkoholdehydrogenase, kurz ADH. der magen hilft ihr dabei.
die zwei sind ein gutes team und putzen schön was weg. die jungs werden zahm, schlafen ihren rausch aus und am nächsten morgen geht es uns wieder gut.
wenn wir jetzt aber noch mehr alkohol-jungs oben reinlassen, dann machen die beiden irgendwann schlapp. so viel arbeit auf einmal, daran sind sie nicht gewöhnt. die folge?
am nächsten tag geht es allen körperteilen dreckig. am schlimmsten ist es im kombinierkästchen: da haben wir einen kater. das ist so ein fieses fettes tier, dass einem schwer auf dem kopf rumhängt, seine krallen in unsere kopfhaut schlägt und den schwanz vor unseren augen hin und her baumeln lässt. ihr wisst schon: verirrte, schlecht gelaunte alkoholjungs randalieren in den blutbahnen.
wenn das passiert, dann kriegt die leber eine krasse diskussion: „ey du faule leber, hasse nich' genug enzym? jetz' gehz uns konkret dreckig und du bisse schuld, du fette assibratze! servier das nich' noch mal, sonz messer isch disch krankenhaus. ischwör...“
die leber kann zwar nix dafür, wenn jemand anders so viel alkohol in ihren körper kippt, aber sie hat keinen bock auf prügel. sie schweigt und merkt sich, wieviel enzym sie produziert hat und dass das zu wenig war. beim nächsten mal produziert sie dann mehr und schneller.
wenn noch mehr alkohol kommt und noch mehr, dann schafft die leber das nicht mehr alleine. auch nicht, wenn der magen ihr hilft. dann delegiert sie einen teil von den saufjungs ans MEOS.
das geht nicht von heute auf morgen. es braucht eine gewisse gewöhnung, viele wiederholungen größerer alkoholischer raufboldclubs, immer wieder, über längere zeit. die leber ist ein toughes stück. bei erwachsenen menschen dauert das ungefähr fünf bis fünfzehn jahre. bei jugendlichen im alter von 15 – 25 jahren dauert es fünf bis fünfzehn monate, und bei kindern unter 15 hat die leber den bogen schon nach fünf bis fünfzehn wochen raus.
dann weiß sie bescheid, wieviel sie selbst produzieren muss und wieviel das MEOS übernehmen muss, so dass alle alkoholjungs unschädlich gemacht werden. weil sie so viel braucht, dass sie sich dann keine pause mehr gönnen darf, wenn sie mal angefangen hat, produziert sie quasi in vorauseilendem gehorsam immer sofort die zuletzt benötigte höchstmenge, sobald auch nur ein tropfen alkohol in ihre nähe kommt.
immer. alkoholjungs im anmarsch? zwei? na dann mal los! gestern waren es am ende achtundzwanzig! MEOS, du auch, mach hinne!
wenn also wieder 28 alks kommen, ist alles paletti, die leber packt ihr pensum, das MEOS übernimmt den überschuss.
ungefähr in dem augenblick, wo die leber ADH nicht mehr nach bedarf, sondern auf vorrat produziert und das MEOS sich einschaltet, übernimmt das suchtgedächtnis die kontrolle. genau das ist der 'point of no return'. die sucht ist ausgebildet, irreversibel.
leider hat nämlich die leber ein besseres gedächtnis als jeder elefant. sie wird den zuletzt erreichten höchststand nie wieder vergessen! nie. nicht nach einer alkoholfreien woche, nicht nach einem monat oder einem jahr, auch nicht nach zehn oder zwanzig abstinenten jahren. dieses leberluder ist nachtragend bis an unser lebensende.
zu dumm. wenn jetzt nämlich ich oder ein anderer alkoholsüchtiger mensch mal wirklich weniger trinken will als die übliche tagesdosis, dann kommt zwar die leber damit klar – aber nicht der rest vom body. weil die leber unaufgefordert ihr höchstpensum produziert, sobald sie einmal angefangen hat. auch wenn wir das ausnahmsweise mal nicht brauchen.
ist aber noch 'unbenutztes' alkoholabbauenzym vorhanden, dann ist die leber 'sauer' und beschwert sich bei den synapsen im hirn: „ey, ihr da oben! wozu mach ich mir denn hier die ganze enzymproduktionsarbeit!? guck mal, so viel übrig, steht hier alles noch rum! das schütte ich jetzt aber nicht weg. schick mehr alkohol!“ und schon ist es vorbei mit meinen guten vorsätzen „heute trinke ich aber mal weniger alkohol.“
tja. netter versuch, mal nur ein glas champagner trinken zu wollen statt wie sonst – oder wie früher - immer die ganze flasche. zu dumm aber auch, dass meine leber sich sofort daran erinnern würde, wieviel sie damals - zu meinem letzten lustigen besäufnis im sommer 1999 - zuletzt gebraucht hat.
// ende des zeichentrickfilms //
für mich ist es eine große erleichterung, um diese inneren stoffwechsel-zusammenhänge der alkoholsucht zu wissen. es hat mir geholfen, von dem seltsamen anspruch wegzukommen, den viele menschen an trockene alkoholikerInnen haben und den diese auch - aus falschem ehrgeiz, unwissen oder scham - an sich selbst stellen:
irgendwann mal wieder 'normal' trinken zu können, wenn ich nur tapfer lange genug abstinent bin. pustekuchen! das wird niemals funktionieren, never ever niemals nicht. eine kurze zeit lang vielleicht. aber über kurz oder lang lässt die eigene leber mir gar keine andere wahl, als wieder so viel zu trinken wie damals am schluss. bloß damit sie ihr zeugs los wird.
deswegen ist es für trockene alkoholiker nicht nur 'leichter', überhaupt keinen alkohol zu trinken als nur ab und zu ein glas. es ist die einzige möglichkeit, um die sucht auf dauer im zaum zu halten.
genau deswegen bleibt auch mein champagner zu. schließlich ist mein name nicht „ame weinhaus“ - sprich: ['eimi 'wainhaus]; falls ich mich jemals wieder auf eine bühne oder vor ein mikrofon stelle, dann sicher weder torkelnd noch lallend. in dieser hinsicht ist Amy Winehouse kein vorbild für mich. aber ihre stimme, hach! ihr song über die rehabilitationsverweigerung ist grandios. absolut typische, nasse suchtdenke!
ich überlege also noch, was mach ich mit der flasch?! es ist ein bißchen gefährlich, die in meiner wohnung stehen zu lassen. ein bißchen sehr gefährlich sogar. man sollte es nicht meinen, aber das ding im karton in der hintersten ecke des büroschranks zwickt mich.
zum wegwerfen ist sie mir zu kostbar – dafür lebe ich zu prekär, und champagner ist schon was besonderes für mich. die witwen-brause einfach nur an die/den erstbesteN zu verschenken, fände ich ein bißchen .... schade drum. bei ebay verkauft es sich schlecht, das habe ich schon recherchiert. eintauschen gegen 7-zwerge-kindersaft geht leider auch nicht.
soll ich eine tombola veranstalten? oder einen wettbewerb? was meint ihr? was mach' ich bloß mit der droge!?
lässig schiebt sie sich auf einen hocker, lehnt sich an die theke und grinst erwartungsvoll. angelos, ihr lieblingskellner, hat sie nicht kommen sehen. er steht mit dem rücken zu ihr und ist gerade damit beschäftigt, einen berg frischen joghurt auf ein müsli zu türmen. liebevoll verziert er die portion mit weintrauben, bananenscheiben und schokostückchen. dann krönt er das luxusfrühstück mit einer goldgelben honigspirale.
In the Blue Bar, πλατεία σαπφο, 1986
er ist so konzentriert in seiner arbeit, dass er anna noch nicht einmal im spiegel bemerkt. anna liebt es, ihm bei der arbeit zuzusehen. sie hält das für einen perfekten tagesbeginn: angelos lächelt sanft vor sich hin, jeder handgriff sitzt, er tanzt sein persönliches müsli-ballet. die blue bar ist berühmt für ihr frühstücksmüsli mit sahnejoghurt und orangenblütenhonig. manch ein tourist kommt nur deswegen hierher.
da sind sie alle gleich, die deutschen touristen, denkt anna: otto dumpfbacke will am ballermann auf mallorca sein wiener schnitzel, und emma rucksacktouristin will mitten in der ägäis ihr biomüsli. gehupft wie gesprungen: hauptsache, in der fremde ist es nicht allzu fremd, sonst fühlen wir uns nicht richtig wohl.
angelos ist fertig mit seinem werk, dreht sich um und strahlt sie an: „guten morgen du schöne. was darf es sein?“ anna schluckt. dieser mann schafft es noch nach mehr als fünfundzwanzig jahren, sie mit einem einzigen blick zu verzaubern. angelos, der engel, strahlt nicht nur mit den augen, nicht nur sein mund lächelt. dieser mann ist glücklich im leben, und davon möchte er aller welt etwas abgeben.
„einen milchkaffee bitte, extra stark.“ strahlt anna zurück. angelos hätte nicht fragen brauchen. so lange kennen sie sich. aber es gehört zum ritual. „möchtest du ein glas wasser dazu?“ auch das fragte er sie jedes mal. er hatte ihr einmal erzählt, dass er sich hüte, seine gäste in schubladen zu stecken. es sei das geheimnis seines erfolgs, jeden gast auch beim hundertsten mal noch so zu behandeln, als ob er gerade eben die blue bar zum ersten mal betreten hätte. angelos verschenkte aufmerksamkeit und respekt. seine gäste belohnten ihn mit treue.
so vieles hatte sich geändert in dem kleinen dorf direkt am meer: skala eressos auf der insel lesbos. mitte der achtziger jahre hatte sie diesen strand für sich entdeckt; den feinen sand, der doch grob genug war, um nicht in allen ritzen lästig festzusitzen; die türkisblaue, kristallklare bucht mit der kleinen vorgelagerten insel, der all ihre sehnsucht galt.
jetzt bin ich wieder hier. nach all den jahren. anna seufzt und nippt am heißen milchkaffee. der ist so, wie er sein soll. das ist beruhigend, wenn nach so vielen jahren nicht nur fremde sie empfängt. so vieles ist anders. hat sich verändert. nicht nur hier. auch in annas leben.
aber die blue bar ist geblieben und lebt. angelos strahlt wie eh und je, ist nur ein bißchen runder geworden. noch mehr lachfalten. mit einem sanften stubser holt er anna aus ihren gedanken zurück ins hier und jetzt: „schau mal, da kommt miranda. sie hat käsekuchen gebacken. magst du ein stück?“
miranda, die wunderbare, war damals angelos freundin gewesen und hatte ihn in der blue bar unterstützt. irgendwann zwischendurch hatte sie ein paar jahre in deutschland verbracht und eine ausbildung zur konditorin gemacht. in einem fünf-sterne-haus. typisch miranda. dachte anna. sie kennt keine kompromisse und will immer nur das beste. das war schon damals so. ihr herzlicher, zupackender ehrgeiz hatte die blue bar wirtschaftlich stabil gemacht. jetzt stehen ihre torten und pasteten in allen reiseführern.
„und ich darfs essen...“ der käsekuchen ist köstlich, anna grinst vergnügt. hinter der theke stehen miranda und angelos arm in arm und strahlen sie an.
„weißt du noch, wie dein flugzeug nicht starten konnte, weil so ein schrecklicher gewittersturm war, damals, anfang mai? und wie du mit dem taxi zurückgekommen bist, den ganzen weiten weg vom flughafen ans andere ende der insel hierher zu uns nach eressos mitten in der nacht? wir haben uns sehr darüber gefreut, dich noch ein weilchen um uns zu haben!“
miranda freut sich wirklich, mich wiederzusehen. denkt anna und erinnert sich an dieses schöne frühjahr. fast zwei monate hatte sie damals hier verbracht mit einer übersetzung im gepäck: vormittags dicke wörterbücher und japanische lyrik auf der terrasse des ferienhauses, nachmittags strandleben und abends die bar. der verpasste flug hatte ihr eine aufenthaltsverlängerung von zwei wochen beschert.
anna schaut auf von milchkaffee und käsekuchen, blickt in die strahlenden gesichter und fragt sich wehmütig „warum eigentlich bin ich damals nicht für immer hier geblieben?“
im memoriam blue bar, plateia sappho, skala eressos (mytilini/lesvos), 1986
mit dem loslassen bin ich noch längst nicht fertig. das ist für mich ein lebenslanger prozess, alles ist immer im fluss. manchmal gerät er ins stocken. manchmal gibt es ereignisse im innen oder außen, die ihn beschleunigen.
strandgut: sand, granitkiesel, rosa rugosa, haselnüsse, muscheln
die zeit am meer war für mich eine solche gelegenheit. sehr erstaunlich, mit wie wenig zeug ich doch eine ganze weile ganz prima ausgekommen bin. andere hatten weitaus mehr gepäck als ich. in beide richtungen.
natürlich ist auch bei mir einiges dazugekommen. ein neuer sand zum beispiel für meine sandstrandsandsammlung. auch die getrocknete rosenblüte von der promenade bleibt ein weilchen. ebenso die zwei noch nicht eingelösten zaubernüsse, die das rote eichhörnchen im patientengarten mir vor die füße warf.
untrennbar verbunden mit der frage „was lasse ich gehen?“ ist der andere pol: was nehme ich mit? was wird mich noch eine weile begleiten? was ist mir wichtig? was gibt mir halt, im augenblick?
die antwort auf diese fragen ist niemals endgültig. anders als die nach dem loslassen. was ich einmal weggegeben habe, ist für immer fort. bei dingen, die ich jetzt behalte, kann ich mir die gleiche frage in einem monat oder einem jahr noch einmal stellen.
das macht das loslassen für mich schwieriger als das behalten.
außerdem stelle ich fest, dass mit zunehmendem alter meine dinge sich vermehren. ist das so, weil ich jetzt, mit ende vierzig, mehr gelegenheiten gelebt habe, an die ich mich erinnern möchte als - sagen wir mal – mit achtzehn? mit achtzehn zog ich von den eltern fort und nahm fast nichts mit. mein umzugszeug passte damals in zwei pappkartons. inzwischen brauche ich einen mittelgroßen LKW.
warum ist das so viel geworden? habe ich angst, dass meine erinnerung mich vergisst, wenn ich keine beweisstücke mehr in meiner nähe habe? ich gebe zu: ja, das habe ich. manchmal blättere ich alte briefe durch und weiß nicht mehr, wer das überhaupt war, die mir da so liebevoll geschrieben hat. dann erschrecke ich sehr.
seitdem ich finanziell so prekär dastehe, behalte ich mehr als früher, gebe weniger fort. schätze mal, das ist die angst, die dinge nicht mehr einfach so nachkaufen zu können, falls ich sie doch mal wieder brauchen sollte. je weniger geld eine hat, desto mehr gibt sie ja anteilig aus. wenn man tausend euro hat im monat, sind 25 euro für eine handgefertigte schöne milchkaffeetasse aus hauchdünner keramik im verhältnis weniger als wenn man nur 350 hat. das macht die einzelnen dinge wertvoller, auch wenn der preis der gleiche ist.
es ist - merkwürdig genug - auch ein elterlich erlebter alptraum, der mir als kind vererbt wurde. die waren ausgebombt im krieg. nichts mehr gehabt als die kleider am leib. es war schon seltsam genug, als ich mal den wohnungsschlüssel verloren hatte. ich wusste doch, die wohnung war noch da und all mein zeug darin ebenso.
aber die umgekehrte vorstellung: den schlüssel in der tasche zu haben, nach hause zu kommen – und die ganze wohnung und alles zeug darin ist weg und auf immer verloren?! ich träume das oft, dass ich irgendwo bin, wo eigentlich meine wohnung sein sollte – aber ich bin da ganz verkehrt, gehöre da nicht hin, darf da nicht mehr sein, habe kein zuhause mehr. alles weg. alles sehr feindlich. kein ort mein ort, nirgends nicht.
irgendwie macht‘s auch die einsamkeit, das beziehungsfreie flottieren im kosmos, dass ich mein herz bisweilen mehr an dinge hänge. es ist ja nur ganz selten jemand da, mit der ich solche entzückenden kleinigkeiten wieder wachrufen könnte, wie damals …. „weißt du noch, als wir miteinander auf bali waren, in dem künstlerdorf klungkung, abends auf dem nightmarket, an dem kleinen food-stall die frau mit den schwarzen betel-zähnen, der ihre hühnersuppe, wie lecker die war?!“
als der kokosnussschalensuppenlöffel, den ich mir damals kurz vor oder nach der suppe dort gekauft hatte, kaputt ging – da habe ich rotz und wasser geheult. es ist, als ob es jetzt keinen zeugen mehr gäbe für mein abenteuer.
aus genau diesem grund müssen manche sachen einfach bleiben, bis sie auseinanderfallen. die könnte ich niemals weggeben. weil sie eine geschichte haben, die kein anderer kennt und die nur für mich wichtig ist.
das kleine pressglaskännchen zum beispiel, das seit jahr und tag in allen wohnungen egal wo ich war alle umzüge mitgemacht und überlebt hat, immer mit bestem olivenöl gefüllt in meinem gewürzregal am herd steht und täglich in gebrauch ist, und das, obwohl es eigentlich ein bißchen häßlich ist und als ölkännchen viel zu klein und – was noch schlimmer ist – obwohl es tropft! dieses glaskännchen stand vor mehr als einem vierteljahrhundert an einem geburtstagsmorgen als geschenk mit einer rose drin vor der tür meiner studentenbude. so viel liebe kann ich doch nicht einfach wegwerfen! keine frage: das bleibt.
das weggeben übrigens, fällt mir leichter, wenn ich weiß, dass dinge, die „noch gut“ sind, irgendwo anders weiter benutzt werden. in vielen städten gibt es mittlerweile verschenkmärkte. das sind webseiten für kostenlose kleinanzeigen, wenn man seine sachen kostenlos hergibt. das verringert den sperrmüll einerseits, spart geld und schont die umwelt. schicke sache das.
dann gibt es natürlich noch freecycle – das weltweite verschenkenetzwerk – mit ganz vielen lokal organisierten gruppen auch in deutschland. da habe ich schon einiges hingegeben, leichten herzens – und auch schon das eine oder andere „für umme“ abgestaubt.
da ist dann zwar „die sache“ weg - aber es bleibt ein gutes gefühl, ein ganz aufgeräumtes.
pünktlich zum herbstanfang kullerte mir die erste kastanie vor die füße. da war ich bei fast sommerlichen temperaturen mit dem fahrrad unterwegs. bergab. mit rückenwind. trotzdem habe ich gebremst und die kastanie in meine hosentasche gesteckt.
weil ich das jedes jahr so mache. die kastanie, sagt man, verbessert die willenskraft. in ihr steckt die ganze kraft des sommers. diese kraft soll mich über den winter tragen. die erste kastanie nach den großen ferien macht mich stark. deswegen hebe ich sie auf und nehme sie mit.
was denn, der sommer schon wieder vorbei? ja. schon vorbei. der kastanienbaum trennt sich von seiner jahresproduktion an fortpflanzungsmitteln. eine gute zeit für mich, um auch selbst loszulasssen. oder zumindest ‚loslassen zu üben‘.
loslassen ist wichtig. es erleichtert, kann mich aber nicht nur heiter, sondern auch traurig stimmen. es ist immer auch ein abschied im loslassen, das gefühl von wehmut. ein weh und ein mut – alles zugleich!
loslassen ist wichtig, aber es ist nicht immer einfach. ich bemühe mich schon im alltag, nicht allzuviel anzusammeln. dann muss ich auch nicht so viel loslassen am ende.
also habe ich zum beispiel mit mir selbst so eine art vereinbarung getroffen, dass ich für jedes kilo zeug, das ich in meine wohnung hereintrage, irgendein anderes kilo zeug wieder hinausbringe. es funktioniert nicht immer. aber es hilft mir, nicht völlig dem sammeltrieb zu verfallen.
die chinesen haben ein sprichwort: wenn das alte nicht geht, kann das neue nicht kommen.
loslassen schafft platz. materiell - in der wohnung. immateriell - in der seele, im herzen.
alten kummer, alten groll loszulassen ist genau so wichtig wie endlich diesen karton wegzuwerfen mit alten verbindungskabeln aus meinen längst vergangenen ü-wagen- und pressekonferenz-zeiten. damit mache ich ganz sicher keine reportage mehr. loslassen. weg damit.
tonnenschwere steine. alte blumentöpfe, ganz verkrustet. weg damit.
manchmal passiert das loslassenkönnen wie von selbst: da gab es eine böse alte seelenwunde, eine kränkung sondergleichen. weil mal ein mann, den ich damals sehr liebte und von dem ich dachte, dass wir glücklich miteinander wären, mich schnöde gegen eine andere ausgetauscht hat. bescheid gesagt hat er mir natürlich erst, als sein frauentausch für ihn schon längst in trockenen tüchern war: „ich liebe dich halt nicht mehr.“ aus und vorbei. gründe konnte er mir nicht nennen. die andere wärmte ihn besser als ich. so war das halt. der schuft.
das chinesen-sprichwort also etwas abgewandelt: wenn der alte nicht geht, kann der neue nicht kommen.
viele jahre habe ich dem nachgetrauert. so sehr war ich verletzt und vor den kopf gestoßen. traue niemals einem mann und erst recht nicht traure um einen. ich kann aber auch hartnäckig sein in meiner trauer. bis ich neulich im internet zufällig über ein aktuelles foto von meinem ehemaligen prinzen surfte. da sieht der so was von bieder und fettig aus, und erst dieser alberne ziegenbart – also neee. zack! entzaubert. let him go. wozu google nicht alles gut sein kann.
nicht nur die kastanie lässt los. von heute an ist herbst. die meisten bäume werden demnächst ihre blätter loslassen. kräfte konzentrieren im innern. in den hügeln ringsum ist die weinlese in vollem gange. ernten, was geworden ist. loslassen, was im kommenden winter nur noch lästiger ballast wäre.
pflanzen haben es da einfacher als unsereins. die können nicht denken. die trauern nicht um ihre verlorenen früchte und blätter. außerdem geht im nächsten frühjahr sowieso alles wieder von vorne los.
für menschen ist das nicht so einfach. im großen gesehen, haben wir nur einen einzigen zyklus. wenn es einer den lebenssommer verhagelt, sehnt sie sich nach der jugend zurück, möchte noch mal von vorne anfangen dürfen – damit der herbst und der winter nicht so karg und so kalt werden.
pech gehabt. die jugend ist vorbei. loslassen die alten geschichten! unwiederbringbar. das leben fängt nicht irgendwann an, wenn ich dieses noch und jenes noch erledige und durchhalte. nein. das leben geht einfach immer weiter. und irgendwann war‘s das dann.
ausatmen. loslassen.
es ist vollmond heute, zum herbstanfang. bei abnehmenden mond fällt das loslassen angeblich leichter. ab jetzt also: ausatmen. loslassen.
einen neuen anlauf nehmen, tief einatmen – und loslassen mit dem ausatmen. es geht. es geht.
ich beginne mit einfachen übungen:
zeug bei ebay verkaufen, zum beispiel. das verstopft doch nur die ecken. die nicht benutzte caffetiera. ausatmen. loslassen. die schöne alte indische tagesdecke. ausatmen. loslassen. ein paar bücher, die ich sicher nicht noch einmal lesen werde. ausatmen. loslassen. das epiliergerät. ausatmen. loslassen. jedes kilo weniger zählt.
schwieriger ist es mit dem seelenballast, mit altem groll. ausatmen. mit grindigem kummer. ausatmen. ungeweinte tränen. atmen hilft. auch wenn es nicht so locker sitzt. ausatmen. loslassen. immer wieder. ich übe. das einatmen kommt von alleine. aktiv ausatmen ist wichtiger. bei schwierigen dingen zählt jedes gramm einzeln.
ich schau die kastanie an und weiß, was ich zu tun habe. weg ist weg: da weiß ich immer, wo es ist.
bevor mein sommer in brd südwest tatsächlich körpertemperaturen erreicht, mir gehirn und laptop womöglich ganz flüssig werden, hier nun der letzte teil meiner kleinen japanischen love story.
geblieben ist mir außer der sweet memory ein inzwischen völlig abgenudeltes denon tape mit alten aufnahmen von nina simone aus den frühen sechziger jahren (unter anderem einer wunderbaren blues-version von cotton-eyed joe), die wir in jener nacht hörten – und ein unscharfes foto, das meine erinnerung foppt.
die rosa plastikschlappen brachten den kaffee. das lenkte sie einen moment lang ab. der kaffee war heiß und stark und gut. sie mußte ihn gerade erst frisch aufgebrüht haben. es war genau das, was sie jetzt brauchte. das dumpfe gefühl in ihrem kopf schwand für eine weile. das gefühl, sich wie in einem surrealistischen film zu bewegen, blieb.
während er seinen reis aß, plauderten sie belanglosigkeiten. nicht viel, nur gerade eben so viel, dass sie den kontakt zueinander nicht verloren. immer wieder pausen, in denen sie durch die fensterscheibe das hektische treiben der geräuschlosen welt da draußen verfolgten. es war wie im kino: stummfilm. lange pausen, wenn sie sich nur ansahen. immer noch hungrig. anders. hauthungrig.
sie bestellten noch einen kaffee. sie ging zur toilette. als sie sich toilettenpapier nahm und die rolle sich in bewegung setzte, war eine spieluhr darin versteckt: „üb’ immer treu und redlichkeit...“ klimperte es blechern. sie grinste. auch das gehörte wohl zum film.
sie ließ sich zeit. aus dem café hörte sie nun klavierspiel. sie wußte, dass er für sie spielte und wurde noch etwas langsamer.
als sie in den gastraum zurückging, war sie erstaunt, wie voll der klang des klavieres war. der ganze raum schien nur noch aus tönen zu bestehen.
er sah zu ihr auf, entzücken in den augen: das klavier war bis zur unkenntlichkeit verstimmt, und er war begeistert ob der unerwarteten töne, die seine professsionellen hände ihm entlockten. so etwas hatte er noch nicht erlebt. wie ein kind saß er da und lauschte dem, was eigentlich wie sein lieblingsstück von thelonious monk hätte klingen sollen. jede einzelne taste barg eine neue überraschung, er konnte gar nicht genug kriegen.
sie lachte ihn an. setzte sich an den tisch zurück, badete in der eigenartigen musik, sah ihm beim spielen zu. und genoß es.
auch das gehörte zum film: es hätte gar kein gestimmtes, wohltemperiertes klavier sein können. unmöglich. er spielte nur für sie, ein nie zuvor gehörtes konzert, das es so nie wieder geben würde. dafür liebte sie ihn umso mehr!
da bleischwere gefühl kam zurück, ihr körper forderte den ausgelassenen schlaf. sie konnte sich kaum noch bewegen. selbst das heben der kaffeetasse schien ihr plötzlich unmöglich. seine töne verzauberten und lähmten sie.
die alte frau im blümchenkleid stand jetzt hinter der theke und starrte gebannt auf diesen seltsamen pianisten, der ihr altes totgeglaubtes piano wieder zum leben erweckte. oder war sie es, die ihn hypnotisierte und sein spiel erst möglich machte?
es schien eine ewigkeit zu vergehen, ehe er des spielens müde wurde und freudestrahlend zu ihr zurückkehrte. nicht, ohne sich höflich bei der alten dame mit den grauen ringelsöckchen bedankt zu haben, dass sie ihm das spielen auf ihrem instrument erlaubt hatte. trug sie wirklich lockenwickler im haar?
schweigend leerten sie die kaffeetassen. weiterhin blicke statt berührungen. matte, träge bewegungen. sie mochten nicht mehr bleiben und mochten auch nicht gehen, da sie um die grelle hitze wußten, die draußen wieder über sie herfallen würde. zuviel für müde, sehnsüchtige körper.
es half nichts. sie konnten nicht im café mittagschlaf halten. sie zahlten, und begleitet vom klimpern des wechselgeldes schnarrte die stimme: „bitte kommen sie bald wieder einmal her und spielen sie für mich.“ dabei zwinkerte sie ihn mit beiden augen an. „ja, bitte lassen sie mich bald wieder einmal spielen. es ist ein ganz besonderes klavier.“ er verbeugte sich.
sie verließen die kühle höhle aus rotem plüsch. die welt draußen empfing sie wie eine wand aus lähmender hitze und licht und lärm. schweiß perlte aus allen poren. das war das ende des films. all der zauber des morgens schien im café zurückgeblieben zu sein. allein die müdigkeit blieb ihnen und der schmerz der erbarmungslosen mittagssonne in den ungeschützten augen.
er brachte sie nach hause. vorsichtig schloß sie das hohe gartentor. nur ja keine überflüssige bewegung und kein geräusch zuviel. durch die schmiedeeisernen gitterstäbe hindurch verschränkte er seine hände in die ihren, zog sie zu sich heran zu einem letzten kuß. sie sah ihm nach, wie er durch die schmale gasse davonging. die katze. die große uhr im haus schlug zwölf. high noon.
als sie ein paar tage später noch einmal wie zum abschied die hauptstraße an derselben stelle entlangging, war das café verschwunden.
.... schnörkelgeigenschluchz: the end
abspann: diese körper haben nie zueinander gefunden. wir sind uns noch ein-, zweimal begegnet an diesen letzten junitagen in kyoto. immer öffentlich.
als ich im flieger saß nach hongkong - genau heute vor zwanzig jahren -, da sah ich ihn grinsend auf der rechten tragfläche sitzen. die ganze zeit. er baumelte mit den beinen und zwinkerte mir zu. ganz sicher.
mir tut nicht nur die pause gut, sondern auch die hitze: ich schwitze gern! welch eine schöne koinzidenz, dass die hiesigen sommertemperaturen immer mehr denen aus der geschichte entsprechen: um die 37 grad waren es an jenem sonntag vor zwanzig jahren, meinem letzten in japan. hier der dritte teil meiner leicht surrealen seifenoper:
wir erinnern uns: unsere heldin ist verkatert [teil 1] und blickt beim aufwachen in ein lächelndes gesicht [teil 2], mit dessen charmantem besitzer sie nun frühstücken wird:
sie hatte keine sonnenbrille, und die gleißende hitze schmerzte in den augen.
er kannte die schleichwege und selbst die kleinsten gassen der umgebung, ihr weg führte sie an mehreren cafés vorbei. sie waren alle geschlossen. welch ein sonntagmorgen. die große odyssee auf der suche nach einer tasse kaffee, durch die hitze, durch das licht.
auf der hauptstraße schließlich fanden sie eins, das geöffnet hatte. sie hatte es noch nie bemerkt, vorher, obwohl sie fast täglich hier entlang gekommen war. all die zeit war es ihr völlig verborgen geblieben, daß es an dieser stelle ein café gab. sie wunderte sich. es hätte ihr doch auffallen müssen. sie kannte doch sonst jedes haus und jedes geschäft in diesem stück der straße.
sie zögerten erst, hineinzugehen. es hatte überhaupt nichts gemeinsam mit der art von café, die sie sonst besuchten. es war nicht gestylt und nicht designed, und mit der dichten, vergilbten raffgardine vor dem fenster wirkte es eher in sich zurückgezogen.
aber immerhin: durch die gardine hindurch konnten sie einen tisch in der fensternische erkennen, und der war frei. sie gingen hinein.
das erste, was ihnen auffiel: die klimaanlage funktionierte. sie waren froh, der grellen hitze entkommen zu sein, und sie sanken in die roten plüschsessel, mit dem gesicht zum fenster.
beim eintreten war ihnen von jenseits der theke ein krächzendes „kommen sie nur herein!“ entgegengetönt. doch ihre augen, noch geblendet von der sonne draußen und noch nicht gewöhnt an das halbdunkel hier drinnen, hatten nicht erkennen können, wer zu dieser stimme gehörte.
nun kam sie auf sie zu, diese stimme, um ihnen eine fast schon verwitterte, in schnörkeligen schriftzeichen gemalte karte zu bringen.
die stimme gehörte zu einer frau. sie war mindestens anderthalb kopf kleiner als sie selbst, der körper leicht gedrungen, wie zusammengestaucht, und der kopf schien ohne hals direkt auf den schultern zu sitzen. sie trug ein verwaschenes kittelkleid von irgendwie roter farbe mit streublümchen-muster. darüber eine halbe küchenschürze, die war fleckig und vergraut, ließ aber ebenfalls die ehemalige existenz eines blümchenmusters erkennen. ihre kurzen beine steckten in söckchen von undefinierbar braun-grauer farbe, die sich locker um die fesseln in falten legten. die söckchen wiederum steckten in leuchtend rosa plastikschlappen.
zum ersten mal fragte sie sich, ob es in diesem land wohl auch so etwas wie hexen gäbe. wenn es welche gäbe, dann würden sie sicher so aussehen wie diese caféfrau. heutzutage zumindest.
sie war gar nicht unfreundlich, obwohl sie die einzigen gäste waren und offensichtlich die ruhe ihres sonntagmorgens gestört hatten. höflich nahm sie ihre bestellung entgegen, und während er auf einen gebratenen reis wartete - im set mit einer tasse kaffee - und sie auf ihren kaffee ohne gebratenen reis, hatten sie zeit genug, sich im café umzusehen.
überall roter plüsch, verblichen und fadenscheinig. vor den fenstern vergilbte raffgardinen. ein altes klavier an der einen wand. darauf spitzendeckchen und plastikblümchen. sie waren die einzigen gäste. es gab keine musik, das einzige geräusch war das ungeduldige säuseln der klimaanlage. fenster und türen schlossen dicht, so daß der großstadtverkehr draußen tonlos tobte.
sie saßen wie in einer anderen welt, für die menschen, die draußen vorbeihasteten, unerreichbar. sie sahen sogar bekannte gesichter, die sie durch die scheibe hindurch ansahen und doch nicht wahrnahmen.
sie sahen sich an. und grinsten. hier wäre es kühl genug gewesen. die klimaanlage funktionierte hervorragend. er sah ihr tief in die augen. schöne augen hatte er. sie bemerkte es nicht zum ersten mal: von einem tiefen braun, schräggestellt - keine schlitzaugen. eher wie die einer katze. ruhig und klug. offen und neugierig. nie zuvor war sie in diesem land einem mann mit so offenen augen begegnet.
sie erwiderte seinen blick. wieder grinsten sie. berührungen in der öffentlichkeit waren nicht vorgesehen im land des lächelnden wahnsinns.