Achtung. Achtung. Achtung.
Wir sind umgezogen!

Januar 2021

Das Büro für besondere Maßnahmen ist ab sofort erreichbar auf mojour.de

Nach und nach werden alte Beiträge – ggf. aktualisiert und überarbeitet – dorthin umziehen. Bitte folgen ... :-)

Posts mit dem Label aussicht werden angezeigt. Alle Posts anzeigen
Posts mit dem Label aussicht werden angezeigt. Alle Posts anzeigen

Montag, 22. Dezember 2014

Jahreszitat 2015

Wie jedes Jahr sitze ich auch in diesem Dezember mit dem Kalender und blättere mich durch die vergangenen zwölf Monate.

Was war wichtig? Was habe ich bewegt? Was hat mich bewegt? Welche Richtung möchte ich dem kommenden Jahr geben? Welcher Gedanke wird mich leiten?

In 2014 erlaubte ich mir, in keine Schublade zu passen und trotzdem wunderbar zu sein - und begann das Jahr noch in der Neujahrsnacht mit einem Versprechen an mich selbst:

"Ich muss ans Meer. For good! In diesem Jahr noch mach ich's wahr."

Tsukioka Yoshitoshi,
Abkühlung am Fluss
(Quelle: Wikimedia Commons)

Viele Flüsse, Ströme, kleine Bäche, kleinste Rinnsale sind ins Meer unterwegs, werden irgendwann vereint zum Ozean. Was so ein Wassertropfen kann, das sollte doch auch mir gelingen? Schließlich besteht auch ein Mensch zu 70% Prozent aus Wasser. Noch dazu steht mein Mond in den Fischen.

Vielleicht rührt daher meine Sehnsucht. Ans große Wasser!

Das Schicksal hat mich zur Landratte gemacht. Aber jetzt, mit 50plus, da könnte ich doch den Strömen meiner Sehnsucht folgen, mit ihnen an die See ziehen.

Salzwasser auf meiner Haut! Nicht nur in den seltenen Ferien, nicht immer nur geweint.

Seither bin ich mit Planungen, Vorbereitungen und der Realisierung meines Lebenstraums beschäftigt.

Es ist anstrengend. Es ist aufregend. Veränderungen nicht nur im Außen.

Auch die Veränderungen in meinem Innern sind so dermaßen aufwühlend, dass ich mich hier im Blog seit Monaten nicht „äußern“ konnte. Konnte nicht nach außen tragen, was innen gärt, noch unsortiert ist. Kann es auch jetzt nicht.

Nur so viel:

Ich schwimme. Den Kopf über Wasser. Bewege mich auf mein Ziel zu, mit all meiner Kraft. Manchmal werde ich von kosmischen, oft auch von menschlichen Energien unterstützt – dann ruhe ich ein wenig aus, lasse mich treiben, wieder ein Stück weiter. Die Richtung stimmt. Meerwärts.

Mein Leben lang bin ich einem Irrtum aufgesessen. Der Spontispruch meiner Jugend 

„Nur tote Fische schwimmen mit dem Strom“

- oder, wie Konfuzius sagte 

„Um an die Quelle zu gelangen, muss man gegen den Strom schwimmen“

- der stimmt für mich nicht mehr! Inzwischen kenne ich die Quellen meiner Kraft. Weiß, wo sie liegen und wie ich daraus schöpfen kann. Aber das ist die falsche Richtung für eine, die genug hat von den tröpfelnden Rinnsalen, die sich endlich verströmen will und deren Ziel das große Ganze ist.

Praktischerweise hat Konfuzius auch gleich das Gegenteil von sich selbst behauptet:

„Nur wer mit dem Strom schwimmt, wird das Meer erreichen.“

Wer also ans Meer, wer ins Meer will, die muss mit dem Strom schwimmen. Das ist nicht weniger anstrengend als flussaufwärts. Denn auch meerwärts heißt es, den Kopf oben, den Überblick behalten und nicht in der Masse untergehen, nicht in den Netzen der Schlepper landen.

Sonst ist alles kraftzehrende Schwimmen völlig vergebens. Wer ans Meer will, braucht eine tierische Kondition.

Unterwegs ans Meer meiner Träume bin ich durch Rinnsale, durch Bäche, durch Flüsse geschwommen, beinahe in den Stromschnellen an Felsen zerschellt, bin festgesessen in geschlossenen Schleusen und fast ertrunken im Strom der Erschöpfung.

Es war nicht immer schön, das viele Kopfunter, das lange Strampeln auf dem Trockenen. Auch das dumpfe Dümpeln im trüben Teich, dem ich zu Beginn in grandioser Verirrung ozeanische Ausmaße andichtete. Ich wäre fast darin erstickt.

Aber es war wohl alles wichtig.

Noch bin ich nicht am Ziel, kann das Meer noch nicht sehen. Doch es ist nicht mehr weit. Alles ist im Fluss. Noch ist es anstrengend, und ich robbe bisweilen mit letzter Kraft. Aber ich bin gut unterwegs, und ein Ende dieser beschwerlichen Reise ist in Sicht. Ein paar große beängstigende Anstrengungen noch, dann …

Ein Aufatmen, ein frischer Wind um die Nase, ein neuer Horizont vor Augen – bald!

Mittlerweile bin ich mit allen Wassern nicht nur gewaschen. Deswegen soll mein Motto für das Jahr 2015 auch etwas mit dem Meer zu tun haben. Ich habe verschiedene Textstellen gefunden:
  1. Das Meer verweigert auch den kleinsten Flüssen nicht den Zutritt. Daher seine Tiefe. (aus Japan)
  2. „Einmal ans Meer gelangt, sprichst du nicht mehr von Nebenflüssen.“ (aus Persien, von Sufi-Meister Hakim Sanai, 12. Jhdt.)
  3. „Wer die schiere Weite des Meeres erfahren hat, dem gefällt kein anderes Gewässer mehr.“(aus China)
Alle Varianten sind scheinbar ähnlich, haben für mich aber in Nuancen unterschiedliche, fast gegensätzliche Bedeutungen.

Im japanischen Sprichwort und in der chinesischen Version steckt das hierarchiefreie Nebeneinander von verschiedenen Aspekten mit unterschiedlichen Qualitäten. Auch Kleines ist unverzichtbar, weil Großes sonst nicht möglich wäre. Weil auch die kleinen Gewässer als Wegweiser, Richtungsgeber und Bestandteil des Ganzen wichtig sind. Kein quantitatives Mehr oder Weniger, kein wertendes Besser oder Schlechter – einfach ein qualitatives Anders, ein gleichberechtigtes 'sowohl als auch'. Das mag ich.

Das arabische „nicht mehr sprechen von“ mag bedeuten, angesichts des ozeanisch überwältigenden großen Ganzen, den lästigen Kleinkram, der unterwegs so bedeutungsschwer war, nun anders einzuordnen, für weniger wichtig zu halten und die Mühsale des Wegs vergessen zu können, wenn man am 'höchsten' Ziel angelangt ist. Das finde ich in Ordnung, alles zu seiner Zeit.

Es könnte aber auch bedeuten, die kleinen Flüsse für unwichtig zu erklären, sie einem höheren Ziel zu 'opfern'. Den plätschernden Schwätzern keine Aufmerksamkeit mehr zu schenken, wenn „das einzig Wahre“ gefunden ist. Das ist diskriminierend. Das mag ich nicht so. Denn auch der Weg ist das Ziel.

Mir gefällt eine weitere chinesische Variante am besten, weil sie alle Deutungen in sich birgt, eine wertfreie Mischung der anderen Zitate ist:

„Wer einmal das Meer gesehen hat, 
betrachtet die kleinen Flüsse mit anderen Augen.“

Wer das Große kennt, für den haben Kleinigkeiten eine andere Bedeutung. Die Erfahrung macht den Unterschied.

Zum großen Wasser will ich hin. Den Spätsommer und den Herbst meines Lebens verbringen. Bei Vollmond auf dem Steg am Wasser sitzen, die Füße im salzigen Nass erfrischen. Ob mich die kleinen Wässerchen dann noch werden trüben können, das wollen wir doch mal sehen.

Damit ist mein Jahreszitat für 2015 gekürt und erklärt.

Die kommenden zwölf Monate werden zeigen, was an Deutungsmöglichkeiten und Bedeutungen sonst noch darin steckt.
Vielleicht habt IHR ja auch noch eine Idee? Lasst es mich wissen!

--------

Mittwoch, 12. Februar 2014

Mauerbau 2013

- eine Vermietergeschichte mit Bildern -

Dass mein spießiger Vermieter alles Lebendige zu hassen scheint und sein Umfeld gerne pflegeleicht deutschgrau gestaltet, weiß ich ja nicht erst, seitdem er vor einigen Jahren die Blumenerde im Vorgarten durch spitzen grauen Betonschotter ersetzt hat und diese Beleidigung der Natur für „toskanischen Stil“ hält.

Im vergangenen Herbst dann hat er den Vogel zwar nicht gleich abgeschossen, aber doch der hiesigen Vogelwelt jegliche Lebensgrundlage entzogen, indem er seine zwei bis drei Meter hohe Gartenhecke eines Tages zackzack! mit großem Getöse abholzen ließ.

Alles grüne Lebendige muss weg!

Es folgten – mit nicht minder Getöse, per LKW und Bagger – Erdaushub-, -umschichtungs- und diverse -anlieferungsarbeiten. Geliefert wurden Baugerät, palettenweise schwere Hohlsteine, Zement in Bergen, kistenweise Bier und was der Bauarbeiter an sich sonst noch so braucht.

Vom Balkon aus hatte ich alles bestens im Blick, konnte jedoch nur raten, was das werden wollte. Wie üblich hatte mein katholischer Vermieter auch diesmal keinen Wert darauf gelegt, mich vorab ein bißchen zu informieren, dass er mal wieder großen Lärm und Dreck auf unbestimmte Zeit im Schilde führt. Wieder einmal hatte ich keinerlei Chance, mich darauf einzustellen und eventuell ein Ausweichquartier zu organisieren.


Dann kamen die Bauarbeiter. Häßliche Männer, ebenfalls mit großem Getöse und Betonmischmaschine, Steinsäge, Gebrüll und Schubkarre, Hammer und Meißel, über Wochen und Monate.

Sie bauten eine Mauer! Und zwar nicht irgendeine: Ein monströses Bauwerk von chinesischen Ausmaßen für die Ewigkeit, das alle Nachbarn vor Neid erblassen lässt, ist das Mindeste! Nichts Geringeres hält dieser gnadenlose Heckenstutzer und taktlose Quetschenquäler mit Rosamunde-Gesinnung, unser Thomas Gottschalk vom Dorfe, für seiner würdig.


Egal ob Sonne, Nebel, Regen: Die Mauer wuchs. Sie wuchs langsam, denn es ist nicht irgendeine Mauer: Nicht einfach ein paar zich Meter Stein auf Stein geradeaus, nein! Sondern mit eingemauerter Kurve!

Das ist hohe Maurerkunst! Und zeichnet sich vor allem dadurch aus, dass jeder einzelne Stein mehrfach geteilt und zu „Tortenstückchen“ geschnitten werden muss, damit die Wand die Kurve kriegt. Höllenlärm. Wochenlang!

Damit die hohlen Steine nicht wieder auseinanderpurzeln, wurden sie von oben mit Zement gefüllt. Stückchen für Stückchen. Dann noch eine Borte obenauf, ebenfalls in lärmintensivem Feinschnitt gepuzzelt. Das sorgfältige Verputzen und Weißeln waren die eher ruhigen Arbeiten.


Die Maurer verschwanden, die Landschaftsgestalter rückten an: Brachten neue Erde, neues Grün. Zarte Hoffnung keimte auf.

Aber zu früh gefreut: Nur pflegeleichtes, steriles Immergrün - schräge toskanische (!) Säulenzypressen und inspirationsfreier Kirschlorbeer wurden gesetzt. Die Erde wurde platt gestampft, mit unkrautverhinderndem Vlies bedeckt und unter einer dicken Schicht von spitzem deutschgrauen Gleisbettgranit(?)schotter versteckt. Dass das man bloß nicht zu lebendig wird alles!


Bei Nässe wird der spitze Schotter schwarz. Ein Trauerrand für den auf englischen Golfrasen getrimmten Rest vom Garten. Und hohe Verletzungsgefahr für die Enkelkinder, die inzwischen beide laufen können und regelmäßig zu Besuch sind. Sie werden hart fallen, wenn sie mal über die steinerne Rasenkante stolpern.

Als krönender Abschluss wurde noch ein wie ein Grabstein wirkendes "Kunstwerk" installiert. Auf einem eigens gepflasterten Podest.

Dort, wo früher eine grüne, blühende, duftende, zwitschernde, summende Hecke war, die im Wind leise raschelte, in der sich Schmetterlinge tummelten, die Lebensraum und Versteck war für Vögel, Insekten, Mäuse, Igel, Fledermäuse, Katzen und Blattläuse … geht mein Blick also nun auf eine kalte Friedhofsmauer.

Überall im Dorf zwitschern schon die Vögel. Nur bei uns im „Garten“ ist – was Geräusche aus der Natur angeht – totenstille Friedhofsruhe! Statt dessen höre ich die geistig scheintoten Vermieter umso lauter bellen (er) und keifen (sie), denn der gebogene Beton ist ein prima Schalltrichter.

Wie in einem Amphitheater höre ich hier oben alle Geräusche aus der "Bell"-Etage ein paar Dezibel lauter, jeden Furz in allen Nuancen umso deutlicher. All dieses Dummbatzgelaber, das ich nicht nur hören, sondern nun leider auch noch mehr verstehen muss als vorher. Wenn ich doch nicht so gute Ohren hätte! Ich wünschte, ich könnte sie schließen wie meine Augen zum Schutz vor der schmerzhaft reflektierenden Weißwand.

Die Außenseite, zur Straße hin und in den Rebberg hinein, ist genau so antiseptisch zahnpastastrahlendweiß wie die Innenseite. Ich frage mich täglich, wie lange wohl noch. In Berlin gäbe es das nicht, dass eine so jungfräuliche Mauer über Monate hinweg so unberührt bleibt. Die reinste Herausforderung für jeden Wandkünstler!

Für mich, die ich über viele Jahre in Berlin die Mauer direkt vor der Nase hatte, ist das unverständlich, warum ein Mensch sich selbst so einmauert. 50 Jahre nach dem innerdeutschen Mauerbau von 1963 und fast ein Vierteljahrhundert nach ihrem gefeierten Fall 1989 habe ich weder für Mauern noch für Zement noch für Beton auch nur ein Fitzelchen Sympathie übrig.

Wie heißt es in China? Ich schrieb es bereits:

„Wenn der Wind des Wandels weht, bauen die einen Mauern und die anderen Windmühlen.“

Es wird Zeit, dass ich mich vom Südwestwind davontragen lasse. Wenn ich doch nur leicht genug wäre, würde es mich – samt Katze - bis weit hinauf in den Nordosten wehen, an die Ostostsee. Die ich so liebe! Ach. Das wäre schön!

--------

Mittwoch, 23. Januar 2013

zuversicht

ein wortgeplänkel

es ist januar. im tal hängt ein undurchsichtig grauer himmel, aus dem es nasses, gefrorenes zeugs auf die kalte erde schmeißt. seit wochen schon.

der job ist gekündigt, das konto leer, neue aufträge sind nicht absehbar.

„zuversicht“ heißt das zauberwort der stunde. ach, was sage ich?! des tags! der woche! des monats! des jahres! meines ganzen lebens gar!

die ersten tulpen 2013 - porzellanrosa geflammt

ohne zuversicht geht nichts. an tagen wie diesen, wenn alles grau in grau versinkt, wenn es nicht hell werden will, weder draußen noch in meinem herzen - dann ist ihr allerdings nur schwer beizukommen.

zuversicht, was ist das eigentlich?

„optimismus“, sagen die einen - „glauben an das gute“, sagen die anderen. es könnte aber auch ein gefühl sein. oder eine lebenseinstellung. ein flüchtiger gedanke oder eine charaktereigenschaft: „vertrauen in den eigenen weg“ - so würde ich es wohl selbst umschreiben. aber ist das nun ein knubbel im kopf? oder eher eine windung im darmhirn?

mag sein es ist - wie eine gute freundin es einmal formuliert hat: „die fähigkeit, positiv zu denken angesichts schwieriger lebensumstände“

ja, das trifft es wohl. aber was tun, wenn schon wieder etwas schief geht, das mit so viel erwartungsvoller energie gestartet wurde? was tun, wenn die kraft nicht ausreicht, um den widrigen lebensumständen die stirn zu bieten?

„man muss an so vielen fronten stark sein“ - sagte eine kollegin, als wir beim mittagessen in der verlags-kantine über die verschiedenen lebensaufgaben sprachen. und sie, die sonst immer alle herausfordernd anblitzt, senkte resigniert den blick.

"so viele fronten", sagte sie. nicht nur ein einzelner kampf, zu dem sie herausgefordert ist. für solche fälle gibt es das wort „zuversicht“ auch im plural. „zuversichten“ heißt es dann. so kann man für jede einzelne front eine eigene zuversicht haben, dass man den kampf gewinnt - oder zumindest locker und lebendig durchkommt.

wieviele zuversichten braucht der mensch? und wieviele hat er? werden sie uns in die wiege gelegt? kriegt jedeR gleich viel? sind unsere zuversichten irgendwann alle aufgebraucht? woher kriegen wir dann neue? basteln wir zuversichtlich welche selbst? werden zuversichten in fabriken hergestellt, und wir müssen sie dann kaufen? oder werden zuversichten gezüchtet und vermehrt, geerntet oder geschlachtet und auf dem wochenmarkt angeboten? kriegen wir sie vielleicht geschenkt? oder gilt „wenn weg, dann weg“ - wie bei besonders günstigen und nur begrenzt vorrätigen sonderangeboten? müssen wir gut auf sie aufpassen? etwa in den kühlschrank legen, damit sie länger halten? oder in einen blumentopf pflanzen, damit sie gut gedeihen?

wenn es zuversichten im plural gibt, sind die dann alle gleich? oder gibt es für jede lebenslage eine andere zuversicht, große und kleine, dicke und dünne, rote und gläserne und eckige und heiße? woher weiß ich, welche art von zuversicht für meine aktuelle lebenssituation die jeweils bestmögliche ist?

und falls ich die benötigte art von zuversicht gerade nicht vorrätig habe, woher kriege ich die dann? kann man sie überhaupt vorrätig haben? oder nimmt man lieber eine frische?

wenn das alles so kompliziert ist mit den zuversichten, wäre es dann nicht besser, gleich auf sie zu verzichten? ökologischer? nachhaltiger? wohin wird eigentlich eine nicht mehr benötigte bereits benutzte zuversicht entsorgt? kann eine qualitativ hochwertige zuversicht sich nach gebrauch in ihr gegenteil verkehren und irgendwo-irgendwann-irgendeinen schaden anrichten? brauchen wir ein produktmanagement und eine DIN-zertifizierung?

man ist ja lieber vorsichtig mit solch ungreifbaren begriffen ...

und doch … irgendwo höre ich es leise flüstern. ich verstehe jedes wort, auch wenn ich es nicht immer glauben kann. aber ich bin ganz sicher: die zunge meiner rheinländischen kindheit lügt nicht.

artikel 3 des kölschen grundgesetzes lautet:
„et hät noch emmer joot jejange“
(es ist bisher noch immer gut gegangen)

und das ist für mich der inbegriff aller zuversicht - ganz egal, ob in der luxus- oder in der alltagsversion!

Dienstag, 21. Juni 2011

wohnen bleiben II

kleines aufatmen

heute vor genau sieben jahren bin ich zum ersten mal in dieser wohnung aufgewacht. mit ganzer absicht hatte ich mir zum 'erstlingsschlafen' die kürzeste nacht des jahres gewählt, die sommersonnenwende. zur schönen aussicht gab es nur mein bett und - natürlich – alle notwendigen utensilien für meinen geliebten frühstücksmilchkaffee.


alle meine anderen dinge kamen erst ein paar tage später. es war gigantisch schön, in der leeren wohnung zu sein, platz zu haben für mich und meine gedanken: es war ein bißchen wie camping, ein picknick mit mir selbst.

die wohnung war für meine verhältnisse relativ teuer, mit meiner arbeitslosenhilfe aus einer teilzeitstelle als kulturredakteurin in berlin konnte ich sie mir so gerade eben leisten.

aber ich kenne mich doch und mein prekäres inneres gleichgewicht: seit vielen jahren weiß ich, dass meine vier wände hell und luftig sein müssen, damit ich mich auf dauer darin wohlfühlen, die depressionen im zaum, die multiplen traumata bändigen, einen rückfall in die alkoholsucht verhindern – und damit meine erwerbsfähigkeit erhalten - kann.

also spare ich lieber an anderer stelle. nach abzug der miete blieb mir auf einen euro unterschied genau das, was ein halbes jahr später 'regelbedarf hartzIV' heißen sollte. vor dem arbeitslosengeld 2 hatte ich keine allzu große angst. schließlich hatte der damalige superminister für wirtschaft und arbeit, wolfgang clement, im jahr 2004 hoch und heilig versprochen „niemand, der jetzt arbeitslosenhilfe erhält, wird nachher mit hartzIV schlechter dastehen“.

außerdem hatte ich überhaupt nicht vor, so lange erwerbslos zu bleiben, sondern statt dessen große und durchaus berechtigte hoffnung, ganz bald wieder eine feste stelle zu finden.

damals steckte ich mitten in einer weiteren ausbildung zur projektmanagerin, die ich im herbst des jahres sehr erfolgreich abschloss.

aus beidem wurde nichts: weder fand ich feste arbeit, noch hielt der alte mann sein versprechen.

seit inkrafttreten der hartzIV-gesetze am 01.01.2005 gilt meine schöne aussicht 'amtlich' als 'unangemessen'. ebenso lange lege ich 'dem amt' ein attest, ein gutachten nach dem anderen vor zum nachweis dafür, dass aus gesundheitlichen gründen ein zwangsumzug für mich unzumutbar ist. dieses verfahren wird – je nach gusto des 'amtes' - jährlich oder halbjährlich wieder neu aufgelegt.

um dem nachdruck zu verleihen, wird die überprüfung meiner 'umzugsfähigkeit' vom amt gerne auch mal mit einstellung aller zahlungen kombiniert. oder mit der auflage, die arbeitslosenhilfe monat für monat neu beantragen zu müssen, weil sich mein gesundheitszustand ja zwischenzeitlich bessern könnte.

natürlich ist das gegenteil der fall: die schreiben des amtes versetzen mich regelmäßig in angst und schrecken, ich reagiere mit stärkeren depressionen und schlimmerem. diesen entsetzlichen druck auszuhalten, ohne wieder alkohol zu trinken, wird immer schwieriger.

ich bin heute nur noch ein verzeifelter, heulender schatten der lebensmutigen und zuversichtlichen frau, die vor sieben jahren in diese wohnung einzog.

durch den druck ruiniert 'das amt' nicht nur meine gesundheit, sondern es produziert auch zusätzliche kosten: häufigere arztbesuche, atteste, gutachterliche überprüfungen, mehr medikamente, längere krankschreibungen, gerichtsgebühren, anwaltshonorare, porto-kopien-und-fahrtkosten, zusätzliche therapeutische sitzungen, sogar ein klinikaufenthalt im vergangenen jahr und damit unnötige verlängerung meiner erwerbsunfähigkeit sind teure folgen der amtlichen schikanen.

dem 'amt' aber ist das schnurzepiep. es will einen teil meiner miete einsparen. wenn das an anderer stelle anderer leute geld kostet oder meine gesundheit (und damit mein leben) ruiniert – dann ist das egalegalegal.

das derzeitige verfahren zieht sich nun schon ein knappes halbes jahr hin. einen tag vor dem jahreswechsel erhielt ich am 30.12.2010 die amtliche mitteilung, dass nun alles wieder neu aufgerollt wird. seitdem habe ich keine ruhige minute mehr. angst und panik ziehen mir den letzten boden unter füßen weg – und der war ja im herbst des vergangenen jahres ohnehin schon sehr dünn und brüchig.

mit der maßgeblichen beurteilung, ob mir ein umzug zumutbar ist oder nicht, wird regelmäßig der ärztliche dienst der arbeitsagentur beauftragt. je nachdem, welcher arzt gerade dienst hat, ist immer jemand anders zuständig.

diesmal habe ich es zu tun mit einem doppelten doktortitel: dr. med. dr. med. vet.! dieser tierarzt aus rostock, den in mecklenburg-vorpommern scheinbar nicht mal mehr die schweine* wollten, ist wohl gerade noch gut genug, um westdeutsche arbeitslose zu begutachten. jedenfalls scheint er all seinen frust, dass er als arzt in der zone gescheitert und nun im badischen arbeitsamt gelandet ist, an multipel traumatisierten wessis auszulassen:

der dr.dr. hat sich schriftlich per fragebogen ein paar angaben zu meinem allgemeinen gesundheitszustand beantworten lassen. einmal von mir, einmal von meiner ärztin. weder hat er die mich behandelnde fachärztin zu ihrer einschätzung meiner „umzugsfähigkeit“ befragt, geschweige denn hat er mich einmal persönlich eingeladen und begutachtet.

der dr.dr. entscheidet alles auf dem geduldigen papier, ignoriert sämtliche atteste von mich schon seit jahren behandelnden menschen und tut nun so, als würden alle ärzte und ärztinnen, fachärzte und fachärztinnen und therapeutinnen und sogar die chefärztin der reha-klinik heiligendamm für mich lügen. er als 'sozial-mediziner' sei schließlich übergeordnet und er findet, dass einem zwangsumzug überhaupt nichts im wege steht.

amtsärzte sind unanfechtbare götter. ihre gutachten sind gesetz, ganz egal wie sie zustande kommen. es gibt keinerlei juristische handhabe.

'das amt' will also nun, dass ich – trotz gegenteilig lautender atteste – innerhalb kürzester zeit eine neue wohnung finde, die 45m² groß ist und maximal 275 euro kaltmiete kostet. wer den südwesten und die hiesige universitätsstadt kennt, der weiß, dass das eine kafkaeske aufgabe ist.

am wochenende erhielt ich vom amt bescheid, dass meine volle miete für drei weitere monate übernommen wird, bis zum 30. september 2011. ein kleines aufatmen.

meine befürchtung war, dass schon am monatsletzten (also in 10 tagen) schluss sei, dass ich dann meine miete nicht mehr zahlen kann und demnächst obdachlos werde. insofern gibt es eine letzte gnadenfrist. es ist noch längst nicht wieder gut. aber es ist mal für einen kleinen augenblick weniger schlimm.

all denen, die mich persönlich kennen und sich fragen, warum ich mich lange nicht gemeldet habe – und denjenigen, die sich wundern, dass ich hier in den vergangenen monaten nur noch so wenig schrieb - das ist die antwort:

es ging mir im herbst beschissen. ich wusste gar nicht, dass eine steigerung dessen noch möglich war. aber jetzt geht es mir noch schlechter.

die angst lähmt mich. ich habe keine kraft mehr, bin nur noch mit überleben beschäftigt, setze vorsichtig einen fuß vor den anderen. stürze, stehe wieder auf und versuche, nicht allzusehr in alte selbstschädigende muster zurückzufallen oder gar neue zu entwickeln. es gelingt mir nicht immer, ich entgleise mir oft.

eines aber gelingt mir doch, und dafür bin ich unendlich dankbar: ich bin ohne alkohol. tag um tag, meiner würde wegen.

nicht genug zu verdienen, nicht allein für den eigenen lebensunterhalt sorgen können, das ist schon schlimm genug. aber auch noch zum umzug gezwungen bzw. geradewegs in die obdachlosigkeit gedrängt zu werden und damit auch noch die allerletzte sicherheit zu verlieren - das ist die hölle.

dennoch bin ich entschlossen zu kämpfen und werde versuchen - wenn nötig - auch das bei lebendigem leibe und ohne drogen auszuhalten.

hartzIV ist folter. vielleicht sollten wir alle mal dem herrn clement unsere rechnungen schicken.


ps.
* ich bitte an dieser stelle alle schweine und ganz mecklenburg-vorpommern um verzeihung für diese entsetzlich abwertende bemerkung, die ich nur im bezug auf den dr.med.dr.med.vet. ernst meine. das ist vielleicht die schlimmste aller folgen von harz4: dass es so kränkt, so demütigt - so krank und so verbittert macht.

--------

Samstag, 18. September 2010

wieder da

seit einer ganzen woche schon bin ich back in my home-office. und mag hier noch gar nicht ankommen: (gefühlte) berge von post türmen sich und wollen beantwortet sein. stapel von formularen wollen ausgefüllt und abgeschickt werden. kontakte wollen reaktiviert, verabredungen getroffen und termine vereinbart werden und dann muss auch noch das auto zum tüv. baaah.

welcomebackhome-berg

kann gar nicht sagen, ob dieser orga-alltagskram anstrengender ist oder die tatsache, dass ich wieder voll für meinen eigenen haushalt verantwortlich bin. da habe ich ja in heiligendamm gelebt wie eine königin: musste weder kochen noch putzen noch einkaufen noch abwaschen noch aufräumen. das allerbeste: ich musste auch nicht staubsaugen! welch ein luxus.

damit ist jetzt natürlich schluss, ich stehe wieder mitten im leben. will sagen: ich bin wieder prekär! meine aussicht ist unverändert: zumindest optisch ganz wunderschön.

derzeit habe ich überhaupt keinen literarischen dreh. mo jour ist beschäftigt mit sortieren und aufräumen. innerlich und äußerlich.

das büro für besondere maßnahmen macht ein bißchen inventur. auch das muss mal sein.


--------

Sonntag, 15. August 2010

springen verboten

es ist nicht leicht für mich, patientin zu sein in dieser reha-klinik. der rahmen ist so eng gesteckt, die termine sind so viele, so unflexibel und so dicht gesetzt, dass ich gar nicht weiß, wo ich die kraft hernehmen soll, um all dem gerecht zu werden und eine 'gute patientin' zu sein.

hinweisschild: seebrücke heiligendamm

wenn ich keine gute patientin bin, riskiere ich, wieder nach hause geschickt zu werden. das will ich auf jeden fall verhindern. natürlich wird man das niemals so sagen. offiziell heißt das dann in etwa: „wir sind der meinung, dass wir nicht die richtige klinik sind für Ihr krankheitsbild und dass wir Ihnen nicht angemessen helfen können.“

so schnell wieder zurück, das will ich auf keinen fall. also passe ich mich ein, so gut es geht. aber vielleicht haben sie ja recht, und ich bin wirklich am falschen ort?

ich hatte gehofft, hier zur ruhe kommen und kraft tanken zu dürfen. es ist eher das gegenteil der fall. ich fühle mich eingeengt und ausgebremst, hänge wie ein bild gefangen in einem rahmen, der mich nicht angemessen zur geltung bringt.

mit am schlimmsten sind die mahlzeiten. in aller öffentlichkeit. in großen räumen. auch, wenn ich seit einer ganzen weile schon in dem sehr viel ruhigeren nebenraum sitzen darf. es bleibt unruhig: mehr als 250 patientInnen schwatzen, schmatzen und schwitzen, bedienen sich am buffett, stehen schlange am einzigen toaster, am safthahn, drängeln sich um die schnell leer geräumten „besten happen“.

frühstück ist ab sieben. spätestens um dreiviertel neun ist kehraus; mittagessen ab halb zwölf – um halb eins schon kommen die mitarbeiterInnen des hauses. bis dahin muss mein platz frei und aufgeräumt sein. abendessen zwischen fünf und viertel vor sieben.so früh, da denke ich sonst nicht mal ans kochen.

während man isst ("schmackhafte" schonkost, übrigens), fahren die küchenhelferinnen mit großen wagen laut klappernd durch den saal und sammeln benutztes geschirr und besteck ein. nie ruhe. unter der woche sind die mahlzeiten im einzelfall noch kürzer, weil die essenszeiten sich überschneiden mit therapien und anwendungen.

zwischen den mahlzeiten gibt es für die individuelle versorgung den wasserhahn, den kaffee- und schokoriegel-automaten und am nachmittag die cafeteria mit kuchen, sekt und bier. in der so genannten teeküche stehen den anstaltsinsassen von 7 bis 8uhr30 und von 16 bis 22uhr30 ein wasserkocher und eine kaffeemaschine zur verfügung. tassen, anderes geschirr oder teekannen gibt es dort nicht, auch keinen kühlschrank. wir müssen alles selbst mitbringen oder irgendwo kaufen. tagsüber zwischen 8uhr30 und 16 uhr ist der raum sowieso abgeschlossen.

es gibt keine pause, keine ruhezeit nach dem essen. ständig sind da so viele fremde menschen. es gelingt mir nicht, in einen rhythmus zu finden. den bräuchte ich dringend für mein wohlbefinden. aber irgendwas ist immer. das macht mich müde. so sehr müde und erschöpft.

in den stundenplänen der klinik gibt es nichts, worauf ich mich freue. nichts, was mir wirklich spaß macht. ich funktioniere, erfülle das therapiesoll und träume davon, ans meer zu dürfen – so wie „zu hause“ auch.

dabei stelle ich fest, dass ich zu dem platz, wo ich derzeit miete zahle und wo mein zeug steht, keinerlei gefühl von 'zu hause' habe. ich vermisse nichts. gar nichts, spüre nicht einmal einen anflug von 'heimweh'.

genau so gut könnte ich auch an die ostsee ziehen. wenn ich es finanziell stemmen könnte, würde ich das womöglich sofort tun. bloß um mal wieder woanders zu leben. dabei hatte ich doch damals fest vor, endlich sesshaft zu werden, als ich im frühjahr 2002 von berlin ins dreyeckland zog.

es ist mir auch in mehr als acht jahren nicht gelungen, wurzeln zu schlagen. mein inneres zigeunerkind hat unruhe, will wieder auf wanderschaft! dabei weiß ich doch, dass ich mir selbst nicht entkommen kann: all den schmerz, die einsamkeit und die trauer würde ich doch immer mitnehmen, egal wohin. außerdem braucht diese gegend ganz bestimmt nicht noch eine arbeitslose endvierzigerin, die nicht mal mehr vollschichtig arbeitsfähig ist und sich auch auf absehbare zeit nicht selbständig wird ernähren können.

trotzdem, wieso eigentlich nicht?! was, wenn ich beschließe, meine seelenlast einfach nicht mehr mit mir herumzuschleppen?! irgendwo abzuladen und in einem imaginären seelenmüll-endlager auf nimmerwiedersehen zu versenken? kann das gelingen? ich nehme an, ich werde hilfe brauchen.

mein leben lang schon wollte ich am meer leben. wann, wenn nicht jetzt? warum nicht die wechseljahre mit einem weiteren großen wechsel einläuten, wenn ich sieben mal sieben jahre gelebt habe?

also lasse ich diesen gedanken mal zu, schaue im internet nach wohnungsangeboten, sondiere den arbeitsmarkt. warnemünde gefällt mir gut. aber da lege ich mich jetzt noch nicht fest. auch in wismar hat es mir gut gefallen. sonst habe ich hier ja bislang noch nicht viel gesehen.

ich weiß nur, dass ich diese landschaft mit dem weiten horizont und dem hohen himmel schon jetzt sehr mag. wie sich das gefühl entwickelt, wenn meeresrauschen womöglich alltag wird, das kann ich nicht hellsehen, müsste ich ausprobieren.

wer weiß. vielleicht gibt es ja doch eine möglichkeit, mir diesen traum zu verwirklichen – und dann schreibe ich auf das doofe schild: springen erbeten!


--------

Sonntag, 1. August 2010

ptbs

eine neue diagnose, mit der ich mich erst einmal anfreunden muss. die ärztin hat es noch gar nicht mit mir besprochen. aber es steht als kürzel in meinem therapieplan, der mir am donnerstag ausgehändigt wurde.

grand hotel heiligendamm: rückansicht II

posttraumatische belastungsstörung. ich weiß, was es bedeutet und weiß es auch irgendwie nicht. schließlich lebe ich seit meiner frühen kindheit mit den symptomen.

dass „das“ eine eigene „krankheit“ ist, weiß ich erst seit wenigen jahren. dass es auf mich zutrifft, habe ich lange geahnt. scheinbar hat bisher nur niemand gewagt, laut auszusprechen und deutlich aufzuschreiben, was ist.

es beruhigt mich und hilft mir sehr, dass meine probleme - oder zumindest ein teil davon - nun einen namen haben. vor allem gibt es meinem aufenthalt und meiner behandlung hier eine neue richtung. ptbs macht andere maßnahmen notwendig als eine rezidivierende depressive störung mittleren bis schweren grades nicht genauer bezeichneter herkunft.

was mich hier im détail erwartet, weiß ich noch nicht. erst einmal habe ich die erlaubnis, in aller ruhe anzukommen und mich einzugewöhnen. meine seele ist noch lange nicht wieder bei mir. ich warte geduldig.

die ersten tage seit mittwoch waren unendlich schwierig für mich und sind es noch. als ich mein zimmer sah, wäre ich fast rückwärts wieder hinausgegangen, wollte auf dem absatz kehrt machen und sofort nix wie weg hier.

es war so beklemmend eng, die aussicht wie ein graues betonbrett direkt vor der nase, dass ich schier keine luft bekam und in den ersten beiden nächten so gut wie nicht geschlafen habe. atemnot, migräne, übelkeit, verzweiflung.

vorgestern hat man mir den umzug in ein anderes zimmer weiter oben ermöglicht. seither wird es leichter. nun schaue ich auf die straße und den bahnhof über den wald nach osten und sehe ganz viel himmel. wenn ich mich ganz weit aus dem fenster beuge, sehe ich ein kleines stückchen vom meer. ich schlafe wieder.

das programm der ersten tage war heftig voll zackzack ein termin jagte den nächsten, eine untersuchung an der anderen. lange flure auf und ab fremde türen suchen, lange vor und in behandlungszimmern sitzen und warten. das alles in neuer umgebung, hunderte von fremden menschen um mich herum, ständig neue gesichter.

ich fand es brutal, war total gestresst und überfordert. erst recht nach der langen reise und zwei schlaflosen nächten.

aber nun scheint es ruhiger zu werden. peu à peu kann ich mich um die dinge kümmern, dir mir selbst wichtig sind. für fast jedes anliegen gab es bislang ein offenes ohr und wohlwollende unterstützung. dafür bin ich sehr dankbar.

ich fühle mich gut aufgehoben. die ankunft meiner seele erwarte ich in kürze.

selbige hängt noch in duisburg, dort ist sie wohl unterwegs ausgestiegen, als wir durchs ruhrgebiet fuhren:

die ungeheuerlichen ereignisse bei der love parade am vergangenen samstag haben mich total gerissen. ich kenne diesen tunnel aus meiner kindheit. das ist ein endloses gruselding auch ohne menschenmassen.

dabei hatte ich mit der loveparade nie was am hut, mit lauter musik und tecchno (heißt das heutzutage überhaupt noch so?) sowieso nicht. im gegenteil. als ich noch in berlin lebte, habe ich regelmäßig geschimpft über den lärm und um meinen geliebten tiergarten gebangt.

der morgen danach war immer besonders schrecklich. die räumkolonnen der BSR in der 'straße des 17. juni' kamen kaum durch die berge von müll, überall stank es nach kloake. am schlimmsten aber war, dass überhaupt kein vogel mehr da war. kein zwitschern kein gar nix war zu hören. jedes jahr musste der park quasi neu aufgeforstet werden, weil die ravermeute alles kurz und klein getreten und totgepinkelt hatte.

aber das eine hat ja mit dem anderen nichts zu tun. erst recht nicht mit dem leid, das nun geschehen ist.

als ich am samstag, den 24. juli im online ticker so gegen 18 uhr die erste nachricht las, dass es bei der love parade in duisburg tote gegeben hatte, war ich gerade mit reisevorbereitungen beschäftigt. danach konnte ich mich auf nichts mehr konzentrieren.

am sonntag habe ich die koffer gepackt. ich habe unendlich lange dafür gebraucht, weil ich dieses unglück so ungeheuerlich, so absolut unfassbar fand. immer wieder habe ich nach neuen informationen gesucht.

inzwischen habe ich videos gesehen, die das geschehen dokumentieren. ich habe authentische blogs gelesen darüber wie grausam die situation war. ich fasse es nicht und sende kraft, licht und liebe den überlebenden und angehörigen.

ich habe versucht, mir jeglichen gedanken daran zu verbieten, weil es doch sowieso niemandem nutzt und nichts ungeschehen macht, wenn auch ich noch schockiert und heulend in der ecke sitze, obwohl ich gar nicht dabei war.

es half nichts. es ist nicht das aktuelle unglück allein, das mich so aufwühlt. es triggert alte bilder aus meiner kinderzeit in duisburg. der tunnel. der bahnhof. der große platz. der vergoldete anker, auf den der fiese großvater so stolz war.

im woolworth machte er das kleine mädchen zu seiner lolita mit knallrot geschminkten lippen. noch heute höre ich die leute tuscheln „hast du das gesehen, das ist ja schrecklich“. noch heute schmecke ich den billigen lippenstift.

es ist kein wunder, dass ich ziemlich aufgelöst hier ankam. auch die vergangenen monate am ungeliebten arbeitsplatz und die sogenannten „missbrauchsskandale“ stecken mir noch in den knochen.

ich war so dermaßen am ende meiner kraft, dass ich mich nicht einmal darüber freuen konnte, endlich am meer zu sein.

heute erst war ich mal baden. da hat es geregnet. das ist mal wieder typisch. es war trotzdem schön.

morgen beginnen die therapien, erst mal noch soft: in den ersten tagen geht es hauptsächlich um körperliche fitness und seelisches entspannen, um mich zu stabilisieren.

danach geht meine reise mehr nach innen. ich bin noch nicht sicher, in wie weit ich in den nächsten wochen die öffentlichkeit daran teilhaben lassen möchte und hier regelmäßig schreiben will. ich werde vieles umkrempeln und neu sortieren. das braucht zeit. meine zeit.

wenn mal länger nix kommt, dann seid gewiss: ich bin hier gut aufgehoben. wenn ich will, ist immer jemand für mich da.


--------

Mittwoch, 28. Juli 2010

neue aussicht

nur mal schnell eine kurze maßnahme, um euch mitzuteilen, dass mein büro die aussicht gewechselt hat.

grand hotel heiligendamm: rückansicht I

die sommersendungen kommen nun aus dem sanatoriums-büro. das ist nicht annähernd so schön wie mein home-office, es gibt auch keine katze. die aussicht ist garstig und deutschgrau, ein schnöder hinterinnenhof. das wage ich euch gar nicht zu zeigen.

für das foto bin ich fast aufs dach geklettert. ihr seht schon: ich wohne in der zweiten reihe. in der ersten reihe steht das grand hotel, und das zeigt allen anderen sehr genau, wo sie hingehören: nach vorne nämlich nicht.

der zugang zum strand ist kilometerweise abgezäunt: gerade so, als ob da immer noch wer gipfeln täte und dringend vom volke abgeschirmt werden müsse.

weil die feinen herr- und damenschaften in den weißen villen nicht wollen, dass frau kunz und herr hinz zu nah an ihrem hotelzimmer vorbeilatschen, werden aus dreihundert metern luftlinie mal eben zwei kilometer. nicht einmal das kurhaus ist öffentlich zugänglich.

für unsereins krankes tränenhuhn ist das nun sehr beschwerlich, immer den großen doofen umweg laufen zu müssen. wo ich doch das meer so liebe.

schon brecht hat seinen galilei sagen lassen: „angesichts von hindernissen mag die kürzeste verbindung zwischen zwei punkten die krumme sein.“

so ist das leben
außerdem regnet es hier
ich bin indigniert


ps am 30.07.2010
hier zum anschauen ein aktuelles spiegel-video


--------

Samstag, 19. Juni 2010

aushalten

obwohl ich seit fast elf jahren keinen schluck alkohol mehr getrunken habe, merke ich doch immer wieder, dass ich durch und durch ein süchtiger mensch bin.


wenn mir etwas nicht passt, dann gerate ich schnell an meine grenzen und ich weiß nicht, wie ich all das unangenehme unerträgliche auch nur fünf minuten länger aushalten soll.

früher tat es dann oft ein alkoholhaltiges getränk. die methode „jetzt brauch ich erst mal einen cognac“ half schon der achtzehnjährigen über aufregung, enttäuschung, langeweile, schrecken, wut, angst, müdigkeit, ekel oder unwohlsein hinweg und beruhigte meine flatternden nervenenden. zumindest zeitweilig. mehr als zwanzig jahre lang.

heutzutage, fast fünfzig, flattern meine nervenenden nicht weniger als damals. irgend etwas reizt mich immer, und ich sollte mich doch allmählich daran gewöhnt haben. habe ich aber nicht. äußere einflüsse können mich so sehr nerven, dass ich sogar von mir selbst genervt bin.

warum kann ich nicht einfach mal pflegeleicht sein und alles toll finden? kann ich aber scheinbar nicht, und deswegen führt für mich am ungeliebten aushalten kein weg vorbei.

wenn es etwas gäbe, das so wirkt wie alkohol – ohne abhängig zu machen mit der zeit – ich wäre sofort süchtig danach! das gibt es aber nicht, und auch deswegen führt für mich am ungeliebten aushalten kein weg vorbei.

die anonymen alkoholiker bitten in diesem fall den sogenannten lieben gott um ausreichend gelassenheit, dinge auszuhalten, die sie nicht ändern können.

gelassenheit ist eine gute sache. mit gelassenheit allein ist es bei mir aber nicht getan. für mich ist diese ständige aushalterei von irgend etwas unabänderbarem ein wahnsinns-balanceakt, der mich schier übermenschliche kräfte kostet.

schon damals im entzug sagte die mir wohl wollende sozialarbeiterin: „Sie werden viele pausen brauchen. es kann sehr anstrengend sein, etwas nicht zu tun.“ mit „nichts tun“ meinte sie „keinen alkohol trinken“.

also arbeite ich nicht nur an meiner gelassenheit, sondern auch an meiner kraft. kraft zum aushalten.

herablassende vorgesetzte, die in emails die betreffzeile zur befehlszeile umfunktionieren? aushalten.
täglich kopfschmerzen? aushalten.
angst, dass das auto oder sonstewas kaputtgeht und kein geld für eine reparatur da ist? aushalten.
tinnitus ohne pause? aushalten.
finanznöte, weil das amt mal wieder keine kapazitäten hat, anträge zeitnah zu bearbeiten und dann auch noch richtig zu rechnen? aushalten.
die einsamkeit einer freien radikalen? aushalten.
kein tag ohne tränen, seit jahren? aushalten.
entsetzliches akkordeongedudel mit vermietergejaule aus der wohnung unter mir? aushalten.
alpträume nacht für nacht? aushalten.

vor lauter aushalten und ausruhen vom aushalten komm ich dann kaum noch zu was anderem.

derzeit zum beispiel ist das so: ich weiß ja, dass es nur noch fünf wochen sind, dann darf ich aus meinem ungeliebten hochschulbüro wieder ausziehen. trotzdem fallen mir das hingehen, das dortsein von tag zu tag schwerer. aber ich halte aus.

nach vier stunden aushalten dort bin ich so erschöpft, dass ich – kaum daheim – dieselbe zeit an mittagschlaf brauche, um zu mir zurück und zumindest einigermaßen wieder in meine mitte zu finden. so viel kraft hat es mich gekostet. früher mal, da hätte mir der konsum von einem piccolöschen vorgegaukelt, wieder fit zu sein. in meiner trinkerinnenendzeit wäre es dann eher eine magnum gewesen als ein piccolo. aber das ist lange her.

auch früher schon habe ich solche jobs gemacht, nur für geld. da ging das aushalten noch ganz gut. zum einen hat mir damals der alkohol „geholfen“. der andere unterschied zu heute ist, dass diese jobs früher so gut bezahlt waren, dass ich nach zwei monaten aushalten anschließend mein semester damit finanzieren konnte oder eine weltreise.

da war noch hoffnung dabei. ich habe prioritäten gesetzt und verschiedenes ausgehalten, um etwas anderes zu erreichen und in der gewissheit, dass danach etwas besseres kommt.

heutzutage finanziert so eine arbeitsstelle noch nicht einmal mein existenzminimum – geschweige denn könnte ich etwas zurücklegen für ein besseres „danach“. keine hoffnung mehr. das ist das schlimmste.

ob es danach besser wird, wenn ich weiterhin brav aushalte bis zum schluss, nur meiner würde wegen: das kann ich natürlich jetzt noch nicht sagen.

aber eines weiß ich gewiss: es wird anders werden. und nur dann kann es auch besser werden.

also halte ich weiter aus, zähle jetzt die stunden rückwärts und bin schon unter hundert. jeden tag nach dienstschluss wird das maßband ein stück kürzer. der countdown läuft. die hoffnung stirbt zuletzt.


--------

Montag, 24. Mai 2010

pfingstrosen

das ist das allerschönste im jahr! der erste echte rosenduft nach langer stockstacheliger winterpause. in diesem jahr hat die sonnenzitronengelbe rose friesia das rennen gemacht. so wie sie aussieht, so duftet sie auch: rosensonnig und leicht nach zitrone.

rose: friesia

darüber heute ein blauer himmel von fast unverschämt wolkenloser nacktheit! eigentlich sollte ich nicht traurig sein, so lange es etwas so schönes gibt.

ich bin aber doch traurig und weiß gar nicht, wo all diese tränen immer noch herkommen. seit tagen, wochen, monaten, jahren schon gibt es nicht einen einzigen tag, an dem ich nicht eine ziemlich lange zeit lang mit tränen im gesicht in irgendeiner ecke hocke und nicht weiß, wohin mit mir.

antidepressiva haben nicht geholfen. nicht pflanzliche und nicht chemische. ablenkung hilft manchmal, eine zeitlang. selbst (das ohnehin selten gewordene) reisen hilft nur noch bedingt. es ändert ja doch alles nichts, egal wie sehr ich mich auch anstrenge.

mein leben ist so eng, so ausweglos. ich hab‘s voll gegen die wand gefahren und weiß nicht, wie ich aus all dem jemals wieder rauskommen soll.

die einsamkeit ohne familie, ohne partnerschaft frisst mich auf; die finanziellen probleme rauben mir den schlaf; die verhasste arbeit lässt mir keine luft zum atmen und das leben in einem haus, in dem ich mich nicht willkommen fühle, macht mich vollends unfrei.

ich wage mich kaum aus der wohnung, wenn ich nicht unbedingt muss. selbst zu den rosenkübeln auf dem garagendach schleiche ich mich nur unter vorbehalt, weil ich der vermietersippe nicht begegnen mag.

zur arbeit fahre ich tapfer, vier mal die woche, weil ich beschlossen habe, das bis zum sommer dort durchzuhalten. auf halber stelle. ich funktioniere so gut es geht. auch wenn es mir schwer fällt, mich wie eine dienstmagd behandeln lassen zu müssen.

neulich mal sagte eine der professorinnen „ich verstehe nicht, dass MAN ihnen frei gibt, wenn hier so viel zu tun ist.“ die passende antwort „gnädige frau, ich habe einen arbeitsvertrag, der nur eine begrenzte wochenarbeitszeit vorsieht, und daran halte ich mich.“ fiel mir leider erst auf der treppe ein. ein treppenwitz eben.

dieselbe professorin hat es auch schon fertig gebracht, mir für das anfertigen von fotokopien und das senden eines faxes anerkennend den oberarm zu tätscheln. als ob ich ein pferd sei. dann wieder nennt sie am telefon nicht einmal ihren namen und rattert gleich los mit aufträgen. oder sie kommt grußlos in mein büro, knallt mir ihre sachen auf den tisch „das muss soundso“. dazu ein scheißfreundlich schleimiges grinsen von oben herab. keine widerrede!

ein professor schreibt in emails an entfernte kollegen mit cc an mich „darum kümmert sich meine sekretärin“. aha. ich bin also nicht institutsangestellte, sondern 'seine'. und ich erfahre cc, was ich zu tun habe, werde nicht einmal mehr persönlich damit beauftragt geschweige denn gefragt, ob ich das überhaupt machen kann. man(n) verfügt über mich. bin ich eine leibeigene?

sogar studierende scheinen davon auszugehen, dass hinter einer tür, auf deren schild steht „sekretärin“ alles mögliche sitzt, bloß kein mensch. sie halten sich weder an sprechzeiten noch an ein minimum an höflichkeit im zwischenmenschlichen umgang.

anklopfen funktioniert meist noch, aber ein „herein“ abwarten, das geht schon nicht mehr. erst recht nicht ein freundliches „guten morgen“. das ist wohl einfach zu viel verlangt.

ich bin die bürohure, die ständig allen für alles zur verfügung zu stehen hat. alles und jeder ist wichtiger als die arbeit, auf die ich mich eigentlich konzentrieren müsste – und die ewig lang dauert, weil ich ständig unterbrochen werde und mich dann erst mühsam wieder hineinfinden muss.

wenn ich einmal etwas nicht weiß, in diesem riesenbildungskonzern, dann wehe! „Es HAT Sie aber zu interessieren, ob ich meine Veranstaltung finde - ich zahle schließlich Studiengebühren!“ oder „Warum sind Sie hier überhaupt Sekretärin, wenn Sie noch nicht einmal Auskunft geben können?!“ sind studentische standardsprüche.

cholerische anfälle, wenn mal eine raumbuchung nicht funktioniert – ausgerechnet von dem dozenten, den ich wegen seiner penetranten rasierwasserwolke schon aus der ferne unerträglich finde.

bloß weil ich nett sein wollte, und weil ich so ein beklopptes verantwortungsgefühl habe und die kolleginnen nicht im stich lassen wollte, habe ich den vertrag verlängert bis zum ende des semesters. neun wochen noch. countdown läuft.

während andere ihre pfingsfeiertage genießen, hocke ich hier und schreibe ein ausführliches fax an das arbeitslosenamt mit der inständig demütigen bitte, bitte bitte mein ergänzendes arbeitslosengeld rechtzeitig vor dem monatsende neu zu berechnen, wo ich doch jetzt nur noch drei fünftel von dem verdiene, was vorher ohnehin zum leben nicht gereicht hat.

wieso habe ich mich eigentlich zu anfang dieses textes so sehr darüber gewundert, dass ich immer so abgrundtief traurig bin? es ist doch alles prekär wie eh und je, also her mit dem luxus! ich genieße die optisch schöne aussicht und den gelben rosenduft so gut es geht.


--------

Samstag, 1. Mai 2010

gedanken am tag der arbeit - eine hochschulsekretärin berichtet

sekretärin sein an einer hochschule in baden-württemberg, das ist für mich eine ganz ganz öde, inhaltsleere arbeit, bei der sehr viele qualitäten und kenntnisse vorausgesetzt werden - inklusive hellseherischer fähigkeiten.



von der struktur her ist die stelle so angelegt, dass man kaum jemals eine aufgabe konzentriert am stück erledigen und ‚abhaken‘ kann: es gestaltet sich als unendlich schwierig und langwieriges unterfangen, die für einen ablauf notwendigen informationen alle in akribischer detektivarbeit zusammenzutragen und geduldigst von den betreffenden einzuholen; darüber hinaus wird man ständig unterbrochen durch email, telefon oder publikum in der tür.

es wird eine ständige verfügbarkeit erwartet: ich bin dienerin für ein gutes dutzend verschiedener damen und herren sowie für ein paar hundert studierende. immer freundlich, immer aufmerksam, immer alles im blick und überblick, auf alles gefasst und auch für unvorhergesehenes kompetent. jedeR einzelne ist der meinung, dass ihre aufgaben und anfragen die allerwichtigsten sind und sofort – am besten vorgestern - erledigt werden müssen.

es gibt keinerlei erfolgserlebnisse, obwohl man den ganzen tag mit höchster konzentration beschäftigt ist und tausenderlei im kopf haben muss. ich weiß am abend nicht mehr, womit ich den tag eigentlich verbracht habe. außerdem muss ich so dermaßen viele dröge verwaltungsablaufdétails und deutschgraues vorschriftenchaos in meinen armen kopf hineinhämmern, dass mir ganz schwindlig und übel wird. ich verstopfe und lähme mein hirn tagsüber mit hohlem zeug – abends fühle ich mich ausgebrannt und leer!

die arbeit als „mädchen für alles und kindermädchen für alle“ macht mir keinerlei freude, ist langweilig und nervig. richtige pausen gibt es nicht, denn ein essen in der mensa schmeckt selten gut und findet in einer lärmenden, unruhigen atmosphäre statt, die überhaupt nicht erholsam ist. obendrein besteht eine mittagspause mit den kollegInnen meist in der verlagerung des arbeitsplatzes an einen anderen ort, weil wir dort arbeitsabläufe besprechen und für den arbeitsbetrieb wichtige informationen austauschen. trotzdem wird diese zeit natürlich als ‚pause‘ abgezogen, auch wenn ich erschöpfter an den arbeitsplatz zurückkehre, als ich vor dem essen ohnehin schon war.

es ist eine typische frauenstelle: ohne aussicht auf verbesserung und völlig perspektivlos, es werden umfangreiche qualifikationen und höchste einsatzbereitschaft abverlangt – bezahlt wird aber ein ‚tarif‘ der nur eine stufe höher liegt als der für eine ungelernte arbeitskraft. einige meiner kolleginnen dort sind examinierte lehrerinnen aus anderen (bundes-)ländern, die in BaWü nicht unterrichten dürfen. die meisten haben einen mehr oder weniger gut verdienenden (ehe-)mann, retten sich dort vor häuslicher langeweile und freuen sich über einen zuverdienst – müssen davon aber nicht ‚leben‘.

bei meinen 85% stellenumfang reicht das gehalt nicht einmal für meinen eigenen lebensunterhalt, so dass ich nebenher mich mit dem arbeitsamt um hartz4 streiten muss, damit mein verdienst aufs existenzminimum aufgestockt wird, weil ich sonst meine miete nicht pünktlich und regelmäßig zahlen kann. derzeit erhalte ich vom amt monatlich etwa 180 euro „aufstockendes arbeitslosengeld II“.

all das stresst mich dermaßen, dass meine freizeit nicht mehr ausreicht, um mich zu regenerieren. ich schlafe fast nicht mehr, habe u.a. alpträume, chronische kopfschmerzen und tinnitus. ich lebe mit einem ständigen emotionalen und stressbedingten „jetlag“: schon wenn ich aufstehe ist mir übel vor angst und ekel, ich fahre heulend zur arbeit und nach dienstschluss reicht meine contenance – wenn es gut geht – gerade bis ins auto, wo ich erst mal sitze, mich irgendwie beruhigen muss und ganz lange nicht losfahren kann. an schlechteren tagen reicht meine fassade nicht einmal bis zur stechuhr.

erst recht nicht reicht meine kraft dafür aus, (wie vom amt erwartet) nebenher weiteres geld zu verdienen, um finanziell unabhängig zu sein. ich bin ja schon froh, wenn ich nur meinen eigenen haushalt einigermaßen gedingelt kriege. nicht einmal für ausgleichende freizeitaktivitäten habe ich kraft oder kapazitäten (vom geld dafür ganz zu schweigen).

über all das hatte ich ja vor kurzem schon einmal hier berichtet. danach habe ich mit vielen menschen lange, unterstützende gespräche geführt, die dann zu einer entscheidung führten, die mir wirklich nicht leicht gefallen ist:

aus all den genannten gründen bin ich nicht bereit und auch gesundheitlich gar nicht in der lage, meine stelle auf dem kontingent von 85% weiter zu verlängern. meine ärztin hat im april symptome eines akuten burnouts diagnostiziert und möchte mich lieber heute als morgen krankschreiben. weder die kolleginnen noch die vorgesetzten aber haben etwas davon, wenn ich immer wieder krank werde und ausfalle – ich selbst schon gleich gar nicht.

um die vereinbarten 34 wochenstunden ohne krankheitsausfälle bis zum vertragsende ordentlich und in würde ableisten zu können, habe ich darum gebeten, die arbeitszeit auf vier arbeitstage legen zu dürfen, so dass in der wochenmitte ein tag frei bleibt zum luftholen. dies wurde mir von der institutsleitung erlaubt, dafür bin ich sehr dankbar.

eine weiterbeschäftigung unter den gegebenen bedingungen kommt für mich nur in frage, wenn die arbeitszeit auf zwanzig wochenstunden (und auch das arbeitspensum entsprechend) reduziert und auf drei, höchstens vier arbeitstage in der woche verteilt wird.

der dann noch niedrigere verdienst würde vom amt weiterhin auf das gesetzlich garantierte existenzminimum aufgestockt, so dass meine finanzielle situation sich kaum verändert, gleich ob ich 20 oder 34 stunden in der woche arbeite. der unterschied zur vollen arbeitslosigkeit beträgt in keinem fall wesentlich mehr als die zuverdienst-differenz eines ein-euro-jobs (maximal 160 euro monatlich) zu „nur-hartz-vier“.

der derzeitige stand der verhandlungen: eine verkürzung meiner arbeitszeit ist aufgrund der stellenstruktur (und dem wegen sparmaßnahmen drohenden verlust der restlichen stunden für die hochschule) nicht möglich.

weil mein entschluss ziemlich kurzfristig und sehr radikal ist, habe ich meinen vorgesetzten angeboten, bis zum ende des semesters zu bleiben und auf halber stelle zumindest das nötigste zu erledigen, so dass mehr zeit bleibt, eine geeignete nachfolgerin für mich zu finden – und nicht mein weggang zusätzlichen stress für die anderen sekretärinnen bedeutet, die ja ohnehin schon genug zu buckeln haben und meine aufgaben dann auch noch mit übernehmen müssten.

das entscheidende kriterium für meinen aufhör-entschluss war dieser eine augenblick, als ich mir erlaubte, mir einmal ganz intensiv vorzustellen, wie sich das anfühlt, wenn ich dort schon bald nicht mehr hin müsste: ein einziges aufatmen und lockerlassen ging durch meinen körper, meine seele konnte wieder lächeln – große linderung!

nun werde ich also die kommenden drei monate durchhalten irgendwie, freue mich auf die zeit ‚danach‘ - und habe gleichzeitig große angst davor, wieder zurück zu müssen in diese demütigende mühle von „hartz4-und-sonst-gar-nichts“.

aber vorher kommt ja noch die reha im sommer. yesss!


PS.
[aktualisiert juni 2013]
dringend wichtig, fast vergessen: es gibt bundesweit verschiedene initiativen, die sich für eine leistungsgerechte(re) bezahlung von hochschulsekretärinnen einsetzen. diese sind teilweise von ver.di, teils hochschulintern organisiert.
die umfassendsten information habe ich bei der Heidelberger Sekretärinnen Initiative Excellent gefunden. reinschauen lohnt sich!
da ist also einiges im gange, zumindest was die bezahlung angeht.



--------

Donnerstag, 1. April 2010

ich bin dann mal pauschal

kurze maßnahme no. 6: zur dringend wichtigen linderung von chronischen ohrgeräuschen hilft irgendwann nur noch das homöopathische „similia similibus solvuntur“:



meeresrauschen rund um die uhr, immer das sanfte brausen der ägäis in der ohrmuschel. die seele, sobald sie denn nachkommt, ins unendlich blaue baumeln lassen.

bis dahin genieße ich blühende mimosenbäume, einen lauen abendwind und ein opulentes buffet: all inclusive osterferien!

(über das weibliche weltwunder in meiner derzeitigen nähe demnäxt mehr).


--------

Montag, 21. Dezember 2009

wintersonnenwende: mach' das licht an!

die kalten, dunklen monate des jahres sind immer wieder eine herausforderung für mich. seelisch. körperlich auch. die witterung macht mir schwer zu schaffen, der lichtmangel ebenso. schon seit vielen jahren ist deswegen die wintersonnenwende mein persönlicher alleroberwichtigster feiertag im jahr, meine allerheiligste heilige nacht. das ist heute. um 18:47 uhr, um genau zu sein. die lichter dürfen nicht ausgehen!




vor allem freue ich mir ein loch in den bauch, dass ab sofort die tage nicht mehr kürzer werden. auch wenn sie jetzt noch nicht sofort spürbar länger sind, sondern erst nach dem sogenannten dreikönigstag am 6. januar – so ist doch schon allein das wissen um diese tatsache für mich so dermaßen beruhigend und heilsam, dass mir mit sofortiger wirkung leichter wird ums herz: ich habe durchgehalten, ich habe es wieder einmal geschafft, ich lebe noch! am ende der dunkelheit ist licht in sicht!

in anderen, in älteren kulturen gab und gibt es viele mythen und bräuche um diesen kürzesten tag und die längste nacht des jahres. je weiter eine nach norden geht, je weniger das licht wird, um so wichtiger werden die feiern. es gibt ein großes feuer, man feiert die wiedergeburt des lichts, die rückkehr der sonne. das julfest in skandinavischen ländern zum beispiel, das war ursprünglich so eine uralte wintersonnenwendfeier. das lichterfest der heiligen lucia ebenso.

ab jetzt geht es wieder aufwärts. mach' das licht an!

genau das tue ich dann auch heute: ich mache alle lichter an in der wohnung, ich stelle kerzen auf, so viel meine schubladen nur hergeben und wo immer ich einen platz finde. es blitzert und leuchtet, schimmert und wärmt. mein herz, das hüpft!

weihnachten interessiert mich nicht. ich brauche auch keine geschenke. ich bin keine getaufte christin. wenn ich eine wäre, hätte ich die allergrößten schwierigkeiten, an diesen seltsamen lieblosen strengen strafenden vatergott zu glauben, der seinen sohn durch die vergewaltigung einer jungfrau gezeugt und auch sonst eine menge verbockt hat. dem herrn jesus wurde der geburtstag übrigens erst nachträglich auf den 25. dezember gelegt und mit schokkelade verbrämt, um den 'bösen heidis' den abschied von ihren alten wintersonnenwendparties zu versüßen.

seit damals war es dann auch vorbei mit dem wunderbaren alten brauch von „weib, wein & gesang“. das waren der fraulichen dreifaltigkeit, der großen mutter erde, der sonnengöttin gewidmete heitere feiern, bei denen die frauen meines urzeitlichen weiberclans – damals noch gesellschaftlich hoch angesehen - es sich gut gehen ließen miteinander.

das waren wunderbare, laute, unverschämt schamlose freudenfeste. mir ist fast so, als wäre ich selbst dabei gewesen. jedenfalls hatten die damen einen heidenspaß dabei.

irgendwann kamen die christenmänner und taten so, als ob weinweibundgesang ihre ureigene erfindung sei „pah! wo kommen wir denn da hin, wenn wir den frauen das unkontrollierte gemeinsame fröhlichsein erlauben?!“ so tönten die patriarchen, und plötzlich gehörte das feiern nicht mehr den frauen, sondern den männern, und die frauen durften nur noch vorher kochen und backen und nachher den dreck wegputzen, während die kerle auf ihren sofas immer dicker wurden.

die männer machten sich die frauen und die fässer untertan. herausgekommen ist dabei – wie wir alle wissen – jede menge „bier, mann & gebrüll“. aber wer will das schon? deswegen haben die männer weiterhin das schöne alte weiberwort benutzt, um ihre eigene grobheit zu kaschieren. ich finde, es wird höchste zeit, dass wir frauen uns dieses schöne, lebensfrohe ritual zurückholen, den männern das ihre lassen - und es dann aber auch so nennen.

so weit ein kurzer exkurs in die geschichte meiner vormütter. der ist übrigens nicht wissenschaftlich belegt. ich bin keine wissenschaftlerin. ich bin geschichtenerzählerin. trotzdem weiß ich sehr genau, wovon ich schreibe. passt bloß auf!

jedes jahr aufs neue frage ich mich, ob es sein kann, dass ich an einer bislang unerforschten krankheit leide: der kälte-allergie. sobald die temperaturen konstant unter 20 °C sinken, geht es mir nicht mehr richtig gut. die meiste zeit habe ich dann entzündete nebenhöhlen, entweder eine triefnase oder komplett ausgetrocknete schleimhäute, dazu juckende rote verquollene augen, verspannte schultern, einen hartnäckig harten nackenbereich mit einhergehenden kopfschmerzen, was wiederum den tinnitus verstärkt .... kurz: „dann hann isch esu richtisch dat ärm' dier!“ und wenn sonst schon niemand mitleid hat, muss ich auch das noch selber tun!

wie auch immer, leider leide leider leide! keine krankenkasse der welt wollte meine kälteallergie bislang als ernst zu nehmendes gebrechen anerkennen. man weigert sich konsequent, mir regelmäßig das winterhalbjahr zur kur in den tropen zu finanzieren. dabei wäre ich gar nicht teuer und auch schon mit den subtropen zufrieden! vielleicht wäre es sogar .... ähem .... „kostengünstiger“ (dooofes krankenkassenpolitikerwort) als hier zu bleiben? ich könnte mich dort ja auch durchaus nützlich machen.

nun, genug der aussichtslosen kämpfe! heute ist wintersonnenwende, draußen ist dunkel und eisig glatt, hier drinnen ist warmlicht und auch in meinem herzen fühlt es sich diesmal sehr viel heller an als in den jahren zuvor.

euch allen wünsche ich eine ebenso sanfte, heitere winterwende - ganz egal, wie ihr eure feier nennt, an wen oder was ihr glaubt, mit wem ihr seid oder auf welches datum ihr sie legt: lasst es licht und liebe sein. das ist alles.


--------

Mittwoch, 14. Oktober 2009

besondere maßnahmen V – wohnen bleiben

jeder mensch ist zeit seines lebens ein gast auf unserem blauen planeten. allerdings gibt es erhebliche unterschiede in bezug auf kost und logis.

"viel holz vor der hütte"

wer im eigenen haus lebt, der hat glück. der hat festen boden unter den füßen sein leben lang.

ich hingegen wohne in einem miezhaus, da stellt sich das wohngefühl anders dar:
der boden unter meinen füßen gehört nicht mir, sondern dem vermieter. dem bezahle ich geld dafür, dass ich in meinen socken über seinen teppich laufen darf.

das ist ein seltsam unsicheres lebensgefühl, überall und immer ein zahlender gast zu sein wie in einem dauerhotel. aber im laufe meines lebens habe ich mich einigermaßen daran gewöhnt, dass ich nirgendwo 'zu hause' bin.

noch mal ganz anders wird das wohngefühl, wenn eine nicht genug verdient und das geld für die miete nicht ausreicht. wer prekär lebt, der hat – von gesetz wegen - keinen anspruch mehr auf eine wohnung. eine 'unterkunft' reicht dann völlig aus.

früher gab es einmal die sogenannte arbeitslosenhilfe. das war ein fester betrag im monat, den konnte ich mir einteilen, wie es für mich gepasst hat. für mich war passend, im alltag sparsam zu sein und dafür monatlich etwas mehr geld für eine helle wohnung mit schöner aussicht zu bezahlen. sonne, licht und luft sind mir wichtig: gegen die kopfschmerzen, gegen die depressionen, weil meine kindheit so düster war.

meine wohnung hat zwei zimmer. in dem einen wohne und schlafe und lese und fernsehe und esse ich, mache yoga und bewirte meine gäste. das zweite zimmer ist mein büro mit der schönen aussicht. dort verdiene ich mit diversen besonderen maßnahmen geld, so gut es eben geht, um dem amt nicht allzu sehr auf der tasche zu liegen.

seitdem die arbeitslosenhilfe zu hartz4 wurde, erklärt mir das amt, dass meine wohnung unangemessen sei, weil ich jetzt bedürftig bin. das amt will, dass ich irgendwohin ziehe, wo es weniger miete kostet – und zwar maximal 229,95 euro im monat für die mir erlaubten 45 m².

nicht, dass das amt eine solche „unterkunft“ für mich hätte. weit entfernt! eine wohnung zu den von amts wegen erlaubten konditionen gibt es an meinem ort nicht. auch nicht in den orten drum herum und erst recht nicht in der universitätsstadt nahebei. dort gibt es zu diesem preis noch nicht einmal ein studentInnenzimmer – weder im wohnheim noch privat, ganz zu schweigen von einem wg-zimmer und erst recht nicht eine kleine wohnung.

dennoch wird vom amt behauptet, dass es ohne weiteres möglich sei, eine 'angemessene unterkunft' innerhalb kurzer zeit zu finden. und zwar gleich mehrtausendfach – schließlich bin ich nicht die einzige prekär lebende teilzeitarbeitslose hier im südwesten der bundesdeutschen republik.

obige behauptung wird vom amt natürlich nicht nachgewiesen. statt dessen wird – wenn man innerhalb einer gesetzten frist keine 'angemessene unterkunft' findet - die unterstützung auf den maximal für angemessen gehaltenen betrag gekürzt. einfach so. ohne rücksicht darauf, ob man die tatsächliche miete dann noch bezahlen kann oder nicht.

mir ist das mehrfach passiert. einmal kam am 29. eines monats der bescheid, dass ab dem nächsten monatsersten (also übermorgen) meine miete nicht mehr übernommen wird. ein andermal kam überhaupt gar kein geld mehr, einfach so, ohne erklärung, ohne bescheid. all meine finanziellen reserven sind aufgebraucht durch die lange arbeitslosigkeit. ich stand also beide male da mit gar nix und der vermieter wollte sein geld.

im grunde sind solche 'amtshandlungen' nicht rechtens. das ist dem amt aber egal. es stand sogar in der hiesigen lokalzeitung ein interview mit dem amtschef, in dem er zugab, seine angestellten zu falschen bescheiden anzustiften, um geld zu sparen. weil prekäre sich kaum wehren und selten widerspruch einlegen.

wer gegen falsche bescheide keinen widerspruch einlegt, verzichtet auf geld, das ihm rechtlich zusteht. das sind rund die hälfte der betroffenen. so einfach ist das. wer in deutschland etwas beansprucht, das ihm rechtlich zusteht, der kriegt das nicht einfach so. der wird gedemütigt schon bei der antragstellung. keine leistung ohne leiden! mit „fordern und fördern“ hatte das noch nie etwas zu tun. „folter“ wäre in meinen augen ein treffenderes wort.

solcherlei kafkaeske schikanen bedrohen mich in meiner existenz, ziehen mir den boden unter den füßen weg – der ja ohnehin nicht einmal mir selbst gehört. ich reagiere jedes mal mit heftigen krankheiten. jedes mal wird mein mühsam erarbeitetes seelisch-körperliches gleichgewicht aus der bahn geworfen: schweißausbrüche und alpträume, schlafstörungen und kopfschmerzen, zittern, zähneknirschen und tinnitus, angstzustände und panikattacken, schwere depressionen bis hin zu todessehnsucht und selbstmordgedanken sind die folge. tage- und manchmal wochenlang kann ich dann das haus kaum verlassen; wage es gar nicht vor die tür zu gehen aus angst, dass meine wohnung nicht mehr da ist, wenn ich zurückkomme.

seit jahren wird mir von fachärztInnen immer wieder bestätigt, dass eine beständige, stabile wohnsituation sehr wichtig ist für meine gesundheit und damit auch eine grundbedingung für den erhalt meiner arbeitsfähigkeit. um ein paar euro zu sparen, nimmt das amt meinen gesundheitlichen ruin scheinbar gerne in kauf.

meiner meinung nach ist das beständige wohnen ein menschliches grundbedürfnis. allein die tatsache, dass ich dafür fachärztliche gutachten benötige, ist mehr als grotesk.

also habe ich dem amt in den vergangenen jahren gutachten von etwa einem halben dutzend verschiedenen fachärztInnen und therapeutInnen vorgelegt. sogar der leitende chefarzt des amtsärztlichen dienstes hat mehrfach gutachterlich bescheinigt, dass mir ein umzug aus gesundheitlichen gründen nicht zumutbar sei.

ob und wie lange ich jeweils „wohnen bleiben darf“ liegt nicht im ermessen der ärzte, sondern im ermessen der jeweiligen sachbearbeiterIn. die gutachten werden dort manchmal anerkannt, manchmal auch nicht. mal für eine weile und dann wieder von vorn. ich habe überhaupt keine sicherheit. feste zusagen bezüglich der erlaubten wohndauer gibt es nicht.

jetzt gerade lief wieder so ein verfahren. es traf mich aus heiterem himmel mitten im schönsten sommer und hat sich fast zweieinhalb monate lang hingezogen. obwohl ich alle unterlagen und neue atteste und schweigepflichtsentbindungserklärungen etc rubbeledupp ratzfatz schnell beisammen hatte und eingereicht habe. man ließ mich warten:

zweieinhalb monate angst und panik und kopfschmerzen und tinnitus und depressionen und ....

heute endlich kam per einschreiben das neue gutachten vom amtsarzt: ".... ist derzeit und bis auf weiteres ein umzug aus gesundheitlichen gründen nicht möglich.“

ich bin sehr erleichtert. fürs erste. ob aber die leistungsabteilung sich an das gutachten hält und für wie lange, dass weiß man nie. es ist jetzt einfach mal für eine weile weniger schlimm. 'gut' ist es noch lange nicht.


--------

Donnerstag, 8. Oktober 2009

besondere maßnahmen IV - kill the cat

ein trauriger tag, es regnet in strömen. ein nasser tag heute.

mafia cioccolata ist tot.



achtzehn jahre zwei monate und elf tage war sie meine treue begleiterin. nach langer schwerer krankheit habe ich sie heute einschläfern lassen. sie wog noch zweieinhalb kilo, und nachdem alles vorbei war hatte sie eine art von posthumem schluckauf.

die tierärztin war hier, in meiner wohnung mit der schönen aussicht. es war ganz friedlich, und es fühlt sich auch richtig an. ich bin dieser katze unendlich dankbar, dass sie so lange bei mir war. sie war eine ganz besondere. natürlich - was sonst?!

ich weine in strömen. es ist ein nasser tag heute.

ich werde mafia cioccolata morgen beerdigen im garten im elsass, direkt neben ihrer mama, sozusagen ein doppelgrab. obenauf blüht schon ein großer busch katzenminze, der ist im letzten halben jahr gut gewachsen. kein wunder, es liegt ja auch bester dünger untendrunter.

ich bin - bei aller trauer - gleichzeitig erstaunlich heiter und fühle mich geradezu befreit. unsere letzten gemeinsamen wochen waren viel trauriger als heute. es war schwieriger, die katze krank und mager und schwach zu sehen, ohne helfen zu können.

für heute war alles gut vorbereitet: mit der tierärztin war schon seit monaten abgesprochen, dass sie dann ins haus kommt. ich hatte sogar ihre handynummer samt erlaubnis, sie jederzeit anrufen zu dürfen.

die sargkiste mit zubehör lag auf dem dachboden parat, und wie bestellt blüht heute die letzte knospe meiner duftendsten lieblingsrose "fisherman's girlfriend".

meine freundin in frankreich freut sich schon, mich wiederzusehen. sie sagte neulich: „dadurch, dass deine katze in meinem garten begraben ist, werden wir immer eine verbindung miteinander haben." so liebevoll kann man das sehen!

ich habe in den nächten der letzten zwei wochen fast nicht geschlafen, weil die kranke katze so unruhig war, mal hier mal da mal jaulte mal daneben pieselte, weil die beine zu schwach waren, um noch über den rand vom katzenklo zu klettern. sie fraß nichts mehr, sie trank viel und spuckte alles in hohem bogen wieder aus.

und immer die angst, wenn ich mal das haus verlassen habe - ob sie noch lebt, wenn ich zurück komme? oder ob sie schon tot in irgendeiner ecke ....

jetzt ist alles friedlich. auch in mir drin. sie liegt da so gemütlich, die ohren gespitzt wie eh und je.

zwischendurch habe ich eine kurze phantasie, dass sie wieder raushüpst aus ihrer weinkiste und grinst "ätschbätsch! - es war alles nur ein trick! wir fangen noch mal von vorne an .... hahah!"

ich erinnere mich an einen abend in der selbsthilfegruppe, ganz am anfang meiner abstinenten zeit. da saß die moderatorin - die damals bereits mir unvorstellbar lang erscheinende zehn jahre abstinent lebte - am kopfende des großen tisches und berichtete, dass ihre katze an dem tag gestorben war. dabei hatte sie tränen in den augen.

ich weiß noch, wie ich damals dachte und das auch sagte: „au weia. DAS würde und werde ich NIEMALS OHNE alkohol überstehen."

dieser abend liegt zehn jahre zurück.
ich habe mich geirrt. ich bin gewachsen.

nun bin ich selbst diese mir damals unvorstellbar langen zehn jahre abstinent. und es tut gut, zu sehen, dass auch ich nun OHNE alkohol ganz gesund mit dem tod meiner geliebten katze umgehen kann.

loslassen ist möglich.
der tod ist kein tabu.
ich finde, damit habe ich viel gelernt in diesem jahr.


--------

Related Posts Plugin for WordPress, Blogger...