Achtung. Achtung. Achtung.
Wir sind umgezogen!

Januar 2021

Das Büro für besondere Maßnahmen ist ab sofort erreichbar auf mojour.de

Nach und nach werden alte Beiträge – ggf. aktualisiert und überarbeitet – dorthin umziehen. Bitte folgen ... :-)

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Montag, 7. Juli 2014

BfbM – ein halbes Jahrzehnt

­Heute vor fünf Jahren habe ich dieses Blog eröffnet, nannte es forsch „Büro für besondere Maßnahmen“ und versprach meinem damals noch nicht vorhandenem Publikum jede Menge 'Unfug en gros & en détail'.

Zum Teil habe ich das erfüllt und Euch an allerlei mehr oder weniger besonderen Maßnahmen teilhaben lassen.

Jubiläums-Berg

Was ich damals nicht hatte, war ein ausgearbeitetes Konzept, und das gibt es bis heute nicht. Ich schreibe einfach drauflos, was mir durch den Kopf geht und aus den Fingern in die Tastatur purzelt.

Mal aus dem Alltag, mal Erfundenes, mal eine Rubrik wie die Rosenworte oder die kurzen Maßnahmen. Ich fange etwas an, fange noch etwas anderes an, höre das eine oder andere auf, setze wieder ein – und auf diese Weise ist das Büro für besondere Maßnahmen über die Jahre wie ein aus Texten und Bildern gewebter Teppich zu einem Spiegelbild meiner Seele und meines Lebens geworden.

Mein Leben ist eben auch so: Nicht planbar. Immer wieder Rückschläge, immer wieder aufstehen, neue Versuche und Experimente, mich neu zu erfinden und irgendwie auf dieser Welt einen Platz für mich zu schaffen, an dem ich mich wohlfühle und bleiben möchte.

Ich bin und bleibe mein eigenes Überrschungspaket – ganz so, wie ich es damals im ersten Beitrag angekündig hatte.  Ich hoffe, ihr nehmt mir das nicht übel.

Nun fällt der 5. Geburtstag meines Blogs – nette Koinzidenz! – auf den 10. Geburtstag des Mietvertrags für meine Wohnung.

Als ich vor einem Jahrzehnt in dieses helle, luftige Dachgeschoss mit der grandiosen, fast täglich sich ändernden Aussicht auf den B-Berg (meinen „Büro-Berg“) einzog, stand ein gigantischer Blauglockenbaum direkt vor meinem Balkon, nur dreieinhalb Meter vom Haus entfernt.

Das Gute daran: Der Specht wohnte darin und kam immer zum Klopfen, zusammen mit vielen anderen Vogeltieren und Insekten. Außerdem hat der Baum mit den großen herzförmigen Blättern das halbe Dach beschattet und meiner Wohnung an heißen Sommertagen zu einem angenehmen Klima verholfen.

Das weniger Gute an dem Baum war: Er verstellte mir die Aussicht und machte die Wohnung dunkler. Meinen Südbalkon beschattete er gar so vollkommen, dass dort nicht einmal Nachtschattengewächse gedeihen wollten.

Aber nicht nur sein Schatten war gigantisch, sondern auch seine Wurzeln. Sie hatten im Lauf der Jahrzehnte das Fundament des Wohnhauses gesprengt. Mehr als 20 cm breite Lücken klafften zwischen den Grundmauern.

Deswegen wurde der majestätische Baum vor zweieinhalb Jahren Stück für Stück abgesägt und abgetragen – nicht einfach nur gefällt, denn dabei hätte er Haus und Garten stark beschädigen können.

Seither habe ich mehr Licht im Büro für besondere Maßnahmen. Das ist schön. Endlich gedeihen auch mediterrane Kräuter wie Thymian und Salbei auf dem Balkon. Es freut mich, dass ich hier oben endlich auch Wohlriechendes in meiner Nase habe – denn der Gestank der dieselgetriebenen Weinbergs-Trecker, die täglich laut und ungezählt unter meinem Balkon den Hügel hinauf in die Reben brettern, ist erheblich.

Nie zuvor habe ich in so lauter und bedrohlicher Atmosphäre gewohnt wie hier auf dem angeblich so idyllischen Dorfe. Dagegen war es in meiner Berliner Wohnung, gleich um die Ecke vom belebten Kurfürstendamm, geradezu totenstill.

Sogar Rosen blühen inzwischen auf meinem Schattenbalkon, drei Stück, in Kübeln. Sie duften! So lange ich hier noch ausharre, will ich es wenigstens schön haben vor Augen und in meiner Nase.

Gleichzeitig reduziere ich meine anderen Habseligkeiten, lasse nicht nur eigenes Körpergewicht sondern auch angesammelten Ballast los, mache mich so leicht wie möglich und suche nach einer neuen Wohnung, die nicht nur mir und der Katze ein Zuhause bietet, sondern auch mindestens einer meiner drei dornigen Begleiterinnen.

Denn nicht nur Blog-Geburtstag und Mietvertrag fallen zusammen, auch mein ungeliebter Vermieter hat ein gigantisches Gefühl für Timing:

Auf den Tag genau zehn Jahre nach meinem Einzug hier legte er mir die Wohnungskündigung in den Briefkasten. Er hat sich einen Eigenbedarf aus den Rippen geleiert, um mich endgültig und beschleunigt loszuwerden.

Seine Enkelkinder sollen hier im Haus übernachten, wenn sie aus der Ferne zu Besuch kommen. Meinetwegen, dann brauchen sie wenigstens nicht mehr an seiner Wohnungstür herumhängen, die armen Würmer. In seiner 140-m²-Butze in der Bel-Etage geht das natürlich nicht, zu eng! Deswegen kündigt er mir, obwohl die dritte Wohnung im Haus wegen einer kürzeren Kündigungsfrist viel schneller zu haben wäre und obendrein im Erdgeschoss liegt, mit Terrasse und Gartenzugang - was für Kleinkinder ja gewiss günstiger wäre als ein Feriendomizil unterm Dach …

Ihr erinnert Euch? Der Quetschenquäler hasst mich, weil ich nicht bereit bin, ihn zu jeder Tages- und Nachtzeit in meine Wohnung zu lassen, wenn er sich nicht vorher angekündigt hat. Er hasst mich noch mehr, weil ich mich von ihm weder anbrüllen noch herumkommandieren lasse. Er hasst mich ohne Unterlass, weil ich es nicht in Ordnung finde, wenn er mir ohne Vorwarnung für Stunden das Telefon abstellt und die Internetleitung kappt, weil er 'mal eben kurz' was reparieren muss. Er brüllt mich an und knallt mit den Türen, hat mich im Keller schon mit dem Messer in der Hand bedroht, ein ander Mal auf der Treppe angerempelt und fast zu Fall gebracht.

Sein „Eigenbedarf“ ist natürlich vorgeschoben, um mich loszuwerden. Mit anwaltlicher Unterstützung kann und werde ich dagegen vorgehen – falls ich wirklich keine andere Wohnung finde und mehr Zeit brauche … Denn die Atmosphäre hier macht mich schon lange krank, ich muss und will hier sowieso raus, samt Katze und Kräutern und Duftrose – und irgendwie kriege ich das schon hin. Trotz allem. Trotz posttraumatischer Belastungs- und "halbautistischer" Reizfilterstörung, trotz Depressionen, trotz Erwerbslosigkeit und kontinuierlicher Unterkapitalisierung.

Mein Leben hier im Haus der katholischen Spießer ist schon viel zu lange viel zu sehr vergiftet und viel zu belastend für mich. Seit Jahren werde ich gemobbt, nicht gegrüßt, böse angesehen, ignoriert, beschimpft, beleidigt, respektlos behandelt. Diese Vermieter sind Krafträuber erster Güte.

Ich suche schon lange eine andere Wohnung (muss ja auch, von Amts wegen) und setze seit Jahren alle mir möglichen und verfügbaren Hebel in Bewegung, auch wenn die mir unendlich klein und unzureichend erscheinen, wenn Angst und Alpträume mich nicht schlafen lassen, in Hass und blutiger Selbstverletzung enden. Es wird, es muss mir gelingen, für mich endlich einen Platz zu finden, an dem ich in Frieden leben kann.

Der Umzug selbst wird eine gigantische "Besondere Maßnahme" werden. Irgendwie werde ich es überleben. Wie alles andere auch.

Das bin ich mir und diesem Blog schuldig. Bis es so weit ist, bitte ich um Verständnis, wenn ich hier weiterhin etwas „auf Sparflamme“ köchle. Ich habe so viel zu sagen und zu erzählen, aber es ist meist so belastend für mich, dass mir die Kraft zum Aufschreiben fehlt.

Vorerst freut Euch bitte weiterhin über mehr oder weniger kurze Rosenworte und den harmlosen Katzen-Kontent "nebenan" bei Ginivra.

Auf die nächsten fünf Jahre!

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Dienstag, 17. Dezember 2013

#dailyvanish: Wendetoaster und Uhrenradio

Ganz selten einmal beteilige ich mich an sogenannten „Blogparaden“. Genau genommen erst einmal. Das waren im März meine „sweet thoughts“ -  ­ bei Sabienes Blogparade „Mahlzeit – zuckersüß“.

Bei einer Blogparade denkt sich ein/E BloggerIn ein Thema aus, macht's bekannt und hofft darauf, dass sich möglichst viele andere AutorInnen gleichzeitig aus verschiedenen Perspektiven mit dem selben Thema beschäftigen. Das kann dann zu ganz wunderbaren Synergie-Effekten und den schönsten Überraschungen führen.

Ich bin ja nun nicht so das Herdentier, aber die Blogparade #Dailyvanish – Dinge, die aus unserem Alltag verschwinden auf dem Blog 'Museum & Social Web' des Museumshelden Sebastian Hartmann schwirrt mir schon seit Wochen im Kopf herum.

Es schwirren nicht nur die Gedanken dazu in meinem Kopf, sondern auch ein paar der gemeinten Dinge bei mir im Haus herum: Solche altmodischen, etwas umständlich (gewordenen) Gegenstände eben, die aus anderer Leuts' Alltagen längst verschwunden sind …

Früher waren sie vielleicht mal „le dernier cri“, die „must haves“ meiner Jugend oder auch technisches Handwerkszeug aus den Anfängen meiner Zeit als Rundfunkredakteurin – inzwischen wurde vieles davon ersetzt durch Schnelleres, Kleineres, Größeres, Pflegeleichteres, Lauteres, Effektiveres usw. – aber eben nicht alles.

Da wäre zum einen mein unkaputtbarer Wendetoaster aus Edelstahl – von Rowenta, Modell E5214 -, der seit mehr als 53 Jahren seinen Dienst tut.

Wendetoaster Rowenta E5214, Edelstahl

Kurz Luft holen: Der ist älter als ich! Wahrscheinlich kriegte der heutzutage kein TÜV-Siegel mehr, denn er ist höllisch brandgefährlich! Hier habe ich ihn bereits angemessen gewürdigt. Der Text ist unverändert aktuell.

Dann wäre da noch das kleine Uhrenradio mit Cassettenlaufwerk von Sony. In Türkispetrolblau, typisch frühe 90er-Jahre, Modell CFT-1. Das Gerät war auch erhältlich in einem dunklen Orange schon damals im „Retro-Look“ – todschick! Nicht „My First Sony“. Das war natürlich ein Walkmann 1981! Aber vielleicht mein drittes oder viertes Gerät. Der geniale Werbespruch dazu war damals „It's not a trick, it's a Sony“.

Sony Radio Cassette Player CFT-1

Echt ein tolles Ding! Ein Foto der Vorderseite findet ihr hier. Es funktioniert wahlweise mit Strom oder mit Batterie bzw. Akku, kann die Zeit anzeigen und weckt – auf Wunsch mit freundlichem Piepston oder mit Radio oder Wunschmusik von MC (der damals noch üblichen MusiCasstte oder CompactCassette).

Außerdem hatte es eine ausziehbare Teleskop-Antenne für besseren Radioempfang. Yeah. Das war damals krass cool. Kabelempfang oder Internetradio hatten wir nämlich noch nicht. Ich war Anfang 30. Der blaue Sony funktioniert bis heute und steht inzwischen in meinem Badezimmer. Ich freue mich jeden Morgen darüber. Weil es so schön ist.

Als drittes Beispiel für die bei mir noch lebendigen #dailyvanish möchte ich meine Kaffeefilter nennen.

Melitta Kaffeefilter 102, Porzellan

Von Melitta natürlich – die Klassiker. In verschiedenen Größen, mit dazu passendem Filterpapier. Je nachdem, ob ich den Kaffee alleine trinke oder ob Besuch kommt. Ich benutze sie zwar nur selten, weil mir Filterkaffee nicht schmeckt und ich meinen täglichen Milchkaffee immer und nur mit der italienischen Caffetiera zubereite. Aber hin und wieder kommt einer der beiden Filter dann doch noch zum Einsatz. Wenn's mal schneller gehen muss. Oder wenn mir mal nostalgisch zumute ist.

Manchmal, wenn alte Dinge kaputt gehen, repariere ich sie. Ich hänge dran, irgendwie. Kann ich sie nicht reparieren oder reparieren lassen, dann übergebe ich sie der Müllverwertung. In einem kleinen Ritual, mit dem ich mich bei dem Gegenstand für langjähriges Funktionieren, für treue Lebensbegleitung und -erleichterung bedanke.

Zu dem Ritual gehört inzwischen auch, dass ich ein Abschiedsfoto von jedem Gegenstand mache, der mich verlässt. Damit ich auch später mal noch weiß, was und wer einst zu meinem Alltag gehörte. Das erleichtert mir das Loslassen sehr.

Den Dateiordner, in dem ich diese Bilder aufbewahre, werde ich nun umbenennen. In „dailyvanish“ - für all die Dinge, die aus meinem Alltag verschwunden sind. Danke sehr, lieber Sebastian Hartmann, für dieses schöne Wort.

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Sonntag, 30. September 2012

kriegsenkelin

als ich im juli vom besuch des vaters berichtete, unsere lebenslang schlechte beziehung und seine erlebnisse im zweiten weltkrieg erwähnte und ihn der von mir so genannten „eisernen generation“ zuordnete - da ahnte ich nicht, dass ich ein phänomen beschrieb, das seit einigen jahren einen namen hat.


ich bin tochter von kriegskindern. ich bin kriegsenkelin.

ich bin tochter von menschen, die im zweiten weltkrieg selbst als kind militärischen an- und übergriffen hilflos ausgesetzt waren, die vertreibung und flucht, den verlust von hab&gut und geliebten menschen ohne filter miterlebten; die ihre traumata niemals verarbeiten konnten, alle gefühle in sich verbunkerten, selbst mit überleben beschäftigt waren und von den eigenen kindern bedingungsloses funktionieren nicht nur erwarteten, sondern auch einforderten.

es trifft nicht nur mich, es trifft viele. die rede ist von einer ganzen generation. es geht um menschen, die - in etwa - zwischen ende der 1950er und anfang der 1970er jahre geboren wurden. die „geburtenstarken“ jahrgänge, auch die.

vermutlich bin ich auch noch kriegs-ur-enkelin. denn auch die eltern waren ja kriegsenkel, kinder von menschen, die den ersten weltkrieg als kind erlebt hatten. in der traumaforschung weiß man heute, dass nicht verarbeitete traumata sich an die nächste generation vererben können.

wer ein trauma nicht auflöst, gibt es weiter. passiert das über mehrere generationen hintereinander, kommen immer neue ungelöste traumata hinzu, das trauma potenziert sich. neue kriege entstehen - auf allen ebenen: nicht nur zwischen staaten, sondern zwischen menschen und - schlimmer noch: IN menschen. in mir. in dir.

das gilt für alle kriege, für alle katastrophen, überall auf dem planeten. welch eine erschreckende einsicht. und gleichzeitig: welch eine riesenchance auf heilung, auf ein kleines bißchen weltverbesserung, wenn ich sehe, dass ich meinen teil dazu beitragen kann, indem ich mit meiner eigenen genesung beginne, das eigene trauma auf- und mich erlöse.

eine freundin brachte mich auf die spur, gab mir einen link, einen buchtitel. ich folgte den hinweisen und fand informationen, verständnis, unterstützung. ich fand etwas beruhigung meines inneren aufruhrs, erklärungen für einen teil meines traurigen lebens von kindheit an. ich fand die chance auf kleine heilung und linderung des schmerzes.

es wächst ein neues verstehen der seelischen nöte der eltern - auch wenn ich nicht für alles verständnis habe und sie schon gar nicht aus ihrer verantwortung entlassen kann. es gibt keinerlei entschuldigung dafür, die eigenen kinder zu quälen und zu foltern, niemals.

die einsamkeit bleibt, die emotionale verwahrlosung, die schreckliche hasserfüllte seelische heimatlosigkeit, die unendliche angst des „sich-verloren-fühlens“. die vergangenheit wird ja nicht plötzlich ungeschehen, bloß weil man sie etwas besser versteht. es gibt keine „undo“-taste fürs gelebte leben.

die journalistin Sabine Bode hatte sich zunächst mit Kriegskindern befasst, bevor sie deren kindern, uns kriegsenkeln also, ein eigenes buch widmete. in „Kriegsenkel“ schreibt sie im kapitel „Gespenster aus der Vergangenheit“:

Ich schreibe über Menschen, denen die eigenen Eltern unwillentlich Schaden zufügten, und - was die Folgen bis heute so schwer erträglich macht - deren Eltern keine eigene Beteiligung am Unglück ihres Kindes sehen, bzw. die überhaupt kein Unglück wahrnehmen.

Sie werden in diesem Buch nicht beschuldigt, denn als Traumatisierte konnten sie ihr Handeln nicht richtig einschätzen. Aber sie werden auch nicht geschont. Denn Schonung würde bedeuten, das Schweigen in die nächste Generation weiter zu tragen, wo es erneut Verwirrung und unerklärliche Symptome verursachen könnte.“ *

vater und mutter sind die menschen, die mir in meinem leben am meisten geschadet haben. sie sind jetzt 80 und 85 jahre alt. sie haben nicht mehr viel zeit, um sich aus ihren eigenen verwirrungen zu lösen, und offensichtlich so gar kein interesse daran. was sie eine „wiederannäherung“ nennen, ist für mich eine fortsetzung der qualen meiner kindheit und jugend. ich darf nicht sagen, was ist und was war - sonst gibt es keifen und fauchen, zynische bemerkungen und beleidigten kontaktabbruch. 

statt dessen soll ich sie emotional füttern, hätscheln und päppeln. nur dann bin ich - in ihren augen - die „gute“ tochter. das lügen den eltern zuliebe aber, damit sie sich ihre eigenen lebenslügen nicht eingestehen müssen, halte ich nur schwer aus: sind sie außer blickweite, mache ich fressanfälle, knalle mit dem schädel gegen die wand und zerkratze mir die kopfhaut bis es blutet. nicht wieder zum alkohol, zu nikotin oder anderen drogen zu greifen, fällt mir in solchen zeiten besonders schwer.

zu wissen, dass ich mit dem „phänomen“ nicht alleine bin, lindert den schmerz. im internet und in echt gibt es unterstützung. besonders hilfreich finde ich das „ForumKriegsenkel“ mit vielen informationen, einer aktuellen studie (2012), lebensgeschichten, literaturtipps und links.

hier im blog habe ich ein weiteres 'label' eingetragen, das auf posts verweist, die mit meinem kriegsenkelin-sein zu tun haben - auch wenn ich das wort „kriegsenkel“ nicht immer explizit benutzt habe.

gleichzeitig habe ich damit auch mojour - also mir selbst - ein neues 'label' angehängt: immer unterwegs mit dem ziel, die zu werden und zu sein, die ich wirklich bin, lautet der aktuelle zwischenstand ungefähr so:

frühkindlich multipel sexuell und anders traumatisierte, rezidivierend depressive, kreative, hochsensible hochbegabte, prekär lebende, anonym bloggende journalistin, trockene alkoholikerin, kalte raucherin und kriegsenkelin mit autistischen zügen in den wechseljahren“ .... und noch viel mehr!


* aus: 
Sabine Bode, Kriegsenkel, Klett-Cotta 2009, ISBN 978-3-608-94550-8 (S. 30)


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Sonntag, 22. Juli 2012

vaterschreck

es ist unsere erste begegnung nach mehr als viereinhalb jahren. sein erster besuch in meinem leben seit mehr als dreizehn jahren. meine wohnung hat er dennoch lieber nicht betreten. wir sitzen auf der terrasse einer renommierten konditorei. der dicke alte mann schaufelt schwarzwälder kirschtorte in sich hinein. ich trinke kaffee mit schlagsahne.


der vater wunderte sich: „Ja darfst du denn immer noch keinen Alkohol ….?“ ich bleibe geduldig. „nein, ich bin trockene alkoholikerin. das weiß du doch, dass man da nicht mehr trinken kann.“ - „Ja aber ich dachte, nach ein paar Jahren, wenn man brav war, dann könnte man wieder ….“. sie wollen es nicht wahrhaben, diese eltern. ich bin schließlich ein wunschkind, und ein wunschkind hat den wünschen der eltern zu entsprechen. „alkoholkrank“ stand nicht auf ihrer wunschkindeigenschaftswunschliste, also wird es ignoriert und freunden gegenüber verheimlicht.

dabei war er es, der mit der 13-jährigen zum „bier-trinken-üben“ in die kneipe ging. „Das wird dir nicht gleich beim ersten Mal schmecken, Tochter. Das ist bitter. Du wirst es öfter versuchen müssen.“ ich wollte seine gute tochter sein und überwand die bitterkeit so lange, bis ich ohne nicht mehr sein konnte.

immerhin ist er innerhalb weniger wochen ein zweites mal quer durch die republik gefahren, um mich zu sehen. sein erster versuch war im mai, als ich in italien war. da war er einfach losgefahren, traf mich nicht an, hinterließ anonyme botschaften auf meiner anrufbefürworterin, die mich bei meiner rückkehr in angst und schrecken stürzten.

ich löffle noch etwas sahne vom extraschälchen auf meinen kaffee.

„wieso hast du dich damals nicht angemeldet?“ - „Ich wollte dich überraschen.“ - „hattest du angst, ich würde nein sagen am telefon? hast du gedacht, wenn du mir die pistole auf die brust setzt und gleich vor der tür stehst, könnte ich dich nicht wegschicken?“ - „Ja.“ wenigstens ist er ehrlich.

in mir eine große vielschichtigkeit von gefühlen:

überfälle finde ich brutal und respektlos. das macht mich wütend. aber ich behalte es für mich. weil ich weiß, dass er dann wieder eingeschnappt wäre. das alte muster. es besteht die gefahr, dass er wieder jahrelang nicht mit mir reden würde, so wie beim letzten mal. so viel lebenszeit hat er nicht mehr.

gleichzeitig fühle ich mich schuldig, weil ich bei seinem ersten besuch im mai nicht zu hause war. der kerl arbeitet seit jeher mit emotionaler erpressung. das ist unerträglich.

gleichzeitig bin ich gerührt von seiner anstrengung, sich mir – auf die beste ihm mögliche weise – wieder anzunähern. gerührt auch von seiner unbeholfenheit.

trotzdem: ich kann ihn nicht leiden, finde ihn eklig. dieser mann hat meine kindheit versaut, meine jugend, mein leben. ich hasse ihn. er war zynisch, desinteressiert. sein häufigster satz, seitdem ich ein i-dötzchen war: „da musst du alleine mit klarkommen. da kann ich dir nicht helfen.“

er war nicht da für mich, niemals fühlte ich mich geborgen. meine bedürfnisse hatte ich den seinen unterzuordnen. tat ich es nicht, sorgte er für mein schlechtes gewissen: ich war schuld, wenn es ihm schlecht ging. wenn er da war, lief ich auf zehenspitzen, alle antennen nur darauf ausgerichtet, ihn nur ja nicht zu stören. er hat mich oft dabei erwischt. ich war nicht leise, nicht unsichtbar genug.

das, was ich sagen will, ist zu viel. mit dem löffel versuche ich, die sahnhäubchen in den kaffee zu tunken und unter der oberfläche zu halten.

der vater ist fast achtzig. er gehört wie die mutter zur eisernen generation, die im zweiten weltkrieg kind oder jugendlich war und erlittene verluste niemals richtig betrauern oder erlebte schrecken verarbeiten konnte. sie sind die ewigen opfer, denen es von allen immer am schlechtesten ging: „Also halte den Mund, Kind! Und jammere nicht! Dir geht es doch gut!“

er spricht von seiner schulzeit, die 1939 begann - und wie er damals von lehrern geschlagen wurde. heischt mitleid „Wenigstens das haben wir dir doch erspart.“ wieder habe ich ein schlechtes gewissen, weil ich „nur“ mit angst, kopf- und magenschmerzen in die schule ging. ich bleibe bei mir so gut es geht und sage „du weißt selbst sehr gut, dass man kinder nicht verprügeln muss, um sie zu quälen und zu foltern.“

„Aus der Sicht der Kinder mag manches anders aussehen als aus der Sicht der Eltern. Aber Eltern haben nun mal die Macht, Ihren Kindern gegenüber immer im Recht zu sein.“

dabei schaut er mich durchdringend an, fast triumphierend. ich verstehe: er duldet keinen widerspruch. der vater besteht auf seiner macht. mit großer kraft bleibe ich diplomatisch: „damals hatten kinder noch nicht das recht auf eine gewaltfreie kindheit. das hat sich inzwischen geändert. es gibt jetzt kinderrechte.“

er kotzt mich an in seiner unfehlbaren selbstgerechtigkeit, die zu keinerlei selbstkritik fähig ist.

ich löffle die ungezuckerte schlagsahne, die nicht untertauchen will, in meinen mund, und bin getröstet von ihrer weißen weichheit.

wir kommen nicht zueinander. er wechselt das thema, obwohl wir das vorige noch gar nicht besprochen hatten. zu vieles bleibt ungesagt.

nach fünf kontaktlosen jahren möchte er fakten aus meiner gegenwart. ich berichte von langer erwerbslosigkeit und vom leben mit hartzIV trotz arbeit. er weint, als er mir als gruß von der mutter einen hunderteuroschein in die hand drückt: "Für Blumen."

ich erzähle auch von meiner derzeitigen halbtagsstelle, die mich viel kraft kostet. er verabschiedet sich winkend und ruft mir freundlich hinterher: „Da musst du jetzt alleine durch. Da kann dir keiner helfen.“

damit hat er natürlich recht. genau so ist es. ich hätte gerne einen menschen in meinem leben gehabt, der die bezeichnung „vater“ verdient. da muss ich schon mein leben lang alleine durch.


ps am 1. Oktober 2012:
durch reaktionen auf diesen text bin ich dem begriff "kriegsenkel" begegnet. in "kriegsenkelin" habe ich mehr dazu geschrieben.



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Freitag, 16. März 2012

der handwerker

schon wieder eine vermietergeschichte!

es war ja ohnehin schon schlechte luft in der vermieterlichen bel-etage, weil ich es vergangene woche gewagt hatte, darauf hinzuweisen, dass ich es nicht in ordnung fand, mir termine aufzudrücken, die gar nicht für mich bestimmt sind.

immer im blick: die gebeine der vermieter

dann ging mir in der vergangenen woche auch noch ein rollladen kaputt, einfach so, ohne vorwarnung, lässt er sich nicht mehr hochziehen. an einer balkontüre. sehr wichtig, dass der nicht dem licht und auch nicht mir den weg versperrt. jetzt im frühling sowieso.

ich kenne ja meine vermietermischpoke inzwischen und dachte mir schon, dass das wieder schwierig wird. grundsätzlich, wenn in diesem vierzig jahre alten haus etwas nicht funktioniert (auch außerhalb meiner wohnung), werde seit meinem einzug vor rund acht jahren sofort ich unterm dach dafür verantwortlich gemacht.

dennoch habe ich es gewagt, ihnen erst einmal – ganz vorsichtig – einen zettel hinzulegen mit einer kurzen schilderung des problems. ganz mutig habe ich bei der gelegenheit noch eine zweite angelegenheit erwähnt, die einer reparatur bedarf.
„hallo frau und herr vermieter,
es ist etwas kaputt gegangen in meiner wohnung:
- ein rolladen an der balkontüre südwest lässt sich nicht mehr ganz hochziehen.
- die badezimmertüre stößt beim öffnen immer auf den boden. da hat sich scheinbar etwas gelockert."

dann noch die info, dass ich unter der woche meist ab 15 uhr zu hause sei, falls man sich das einmal ansehen wolle. leider hatte ich vergessen, hinzuzufügen, dass man für das betreten meiner wohnung bitte einen termin mit mir absprechen möge – dafür war die zeitangabe gedacht.

ich hätte es mir denken können! der herr vermieter stand am dienstag mal wieder unangemeldet vor der tür und begehrte sofortigen einlass. respektlos und arrogant und selbstherrlich wie eh und je. ich habe tief luft geholt, deeskalation betrieben und habe ihn – obwohl ich fast gekotzt hätte vor ekel, diesem widerling unvorbereitet und alleine ausgesetzt zu sein – hereingelassen.

sofort legte er wieder los mit abwertenden bemerkungen. er könne gar nicht verstehen, dass der rollladen nicht hochzuziehen sei, den würde ich ja wohl kaum benutzen (tue ich nur täglich einmal am frühen morgen, wie man es mit rollläden halt so macht). um selbst festzustellen, dass der rollladen nicht mehr hochzuziehen geht, musste der vermieter ihn natürlich erst einmal noch weiter herunterlassen. was vorher nur ein halber schaden war, ist jetzt ein ganzer.

tja, da könne er leider nichts machen.

bei der badezimmertüre stellte er fest, dass eine schraube an der türangelbefestigung locker ist (meine rede). die sei ja ganz ausgeleiert die schraube, die hätte ich ja wohl mit einem schraubenzieher zerstört. für die türangelschraube braucht man einen imbusschlüssel. damit lässt sie sich bestens drehen. sie ist kein bißchen 'zerstört', und ich war auch nie mit einem schraubendreher dran. sehe ich doch, dass das ein imbus ist.

der herr vermieter stellte fest: die schraube lässt sich nicht mehr festdrehen (das war mir bekannt, sonst hätte ich ihn ja nicht bemüht).

tja, da könne er leider nichts machen. da müsse ein handwerker her. er kenne da einen, der würde sich das vielleicht einmal ansehen. der sei aber gerade erst an der hüfte operiert worden und er wisse nicht, wann der zeit hat. ob ich am donnerstag oder am freitag oder am samstag da sei?

ich bejahte grundsätzlich und schlug vor, dass der handwerker sich doch am besten kurz telefonisch bei mir melden und einen termin vereinbaren möge.

termin? vereinbaren? herr vermieter kriegte mal wieder schnappatmung: das ginge nicht, das wisse doch er nicht, wann der handwerker zeit habe und außerdem hätte er meine telefonnummer gar nicht. natürlich hat er meine telefonnummer. die hat sich seit acht jahren nicht geändert. ich blieb freundlich und gab ihm zum gefühlten dreihundertzwölften mal meine visitenkarte.

er grummelte die treppe hinunter. türen schlagen.

am nächsten morgen begegnete ich ihm vor der garage. ich grüßte freundlich und korrekt. wie immer. das war ihm vielleicht ein dorn im auge. außerdem hatte er wohl meine telefonnummer noch nicht so ganz verdaut. jedenfalls wurde er wieder cholerisch und brüllte nur noch rum:

was ich mir denn einbilden würde, immer müsse man mit mir einen termin vereinbaren. bei allen anderen mietern zuvor sei das immer selbstverständlich gewesen, dass er jederzeit in die wohnung gekonnt hätte und wenn das mit mir nicht ginge, dann solle ich gefälligst ausziehen. er hätte noch nie die miete erhöht (stimmt – ich habe sie aber auch noch nie gekürzt trotz vielerlei gründen) und am winterdienst hätte ich mich auch noch nie beteiligt (stimmt nicht - wenn er einen plan macht, halte ich mich dran; aber es ist nicht meine aufgabe, einen plan zu machen).

ich sagte, dass das eine mit dem anderen nichts zu tun habe, und wenn er wolle dass ich ausziehe, könne er mir ja eine abfindung zahlen für maklergebühren, umzugskosten etc. - dann würde ich gehen.

ich zahle die miete regelmäßig und pünktlich. immer. er hat nichts gegen mich in der hand. dass ich ja ausziehen könne, wenn mir irgend etwas nicht passe, das sagt er seit jahren. aber diesmal wurde er wirklich bedrohlich: ich wisse ja, dass er einen rechtsanwalt kenne und was das für einer sei, da könne man sicher etwas drehen, um mich loszuwerden.

einen termin mit dem handwerker hat er nicht vereinbart, und auch der handwerker selbst hat sich bei mir nicht gemeldet.

vorhin klingelt es. plötzlich. ich war beim gärtnern auf dem balkon, die hände bis zum ellenbogen in blumenerde. ich erwartete niemand, hätte auch in der badewanne liegen können. trotzdem gehe ich an die türe: aufgemacht, niemand da. gegensprechanlage betätigt: hörbare geräusche, aber niemand antwortet. also bin ich wieder zurück zu meinen orchideen.

als ich später wieder hereinkomme, blinkt die anrufbefürworterin. sie hat eine sehr bemüht höfliche und sehr bemüht hochdeutsche nachricht für mich:
„hallo mo jour, hier isch de vermieter. jetz isch grad de handwerker do, aber …. mir komme net rein. des fahrrad isch do, des audo do. der hat's vorher net g'wusst, dass er jetz' komme kann. das geht mit de handwerker nit immer so, dass mer sich vorher anmeldet. jetzt geht er wieder un' mer müsse warte, bis er widder zeit hat. oder du nimmsch des alles selber in de hand un' tuusch (= tust) des reguliere. du kannsch ja mit mir maaal rede. tschau.“

damit meint der vermieter folgendes: entweder ich dulde unangemeldete überraschungsbesuche von ihm nebst handwerker, oder ich zahle die reparaturen selbst. von handwerkerkumpel seines vertrauens gibt er mir weder namen noch telefonnummer.

zähneknirschen.
ausatmen.
loslassen.
es ist wochenende. es ist frühling.

auf die nächste fortsetzung bin ich schon selbst gespannt.



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Donnerstag, 1. Dezember 2011

mehr licht

ziemlich genau fünf wochen ist es nun her, dass ich wegen heftigst konkreter suizidgedanken in der psychiatrischen klinik war. die fünf tage, die ich dort verbracht habe, hatten und haben für mich große nachwirkungen.

ich schrieb ja bereits, dass durch die organisierte nichtbehandlung, die ich dort erfuhr, wie durch ein wunder meine inneren selbstheilungskräfte aufs schönste reaktiviert wurden.

im außen wurde dies noch unterstützt durch eine enorme klimatische veränderung in meinem wohnumfeld. die schöne aussicht in meinem 'büro für besondere maßnahmen' ist noch schöner geworden:

der baum ist weg. der riesengroße dunkelgrüne baum direkt vorm fenster ist nicht mehr. vorm balkon also nun keine grüne wand mehr, die meinen blick verdunkelt.


die hausbesitzer mussten den stattlichen, mehr als dreißig jahre alten blauglockenbaum fällen lassen, weil er sehr nah am haus stand und die wurzeln das fundament angegriffen haben. viertelmeterbreite mauerspalten taten sich auf!

zum anderen war er von innen verfault, die dicken äste und teile des stammes waren hohl. wir alle hatten angst vor einem großen unglück bei jedem gewitter!

der abschied von meinem schönen märchenbaum war zunächst auch traurig. ab sofort keine blaue glockenelfe mehr, die mich mit nussschalen bewirft. kein schwarzweißer buntspecht mit rotem käppi, der mich schon frühmorgens ausdauernd wachklopft. auch kein heiserer grünspecht mehr, dessen ruf klang, als ob er mich wiehernd auslachte.

die frechen spatzen und die munteren meisen zwitschern und tschilpen nun in der hecke. nicht weit weg. aber keine flugversuche des nachwuchses mehr direkt vor meinen augen (und dem der katze).

auch die amsel hat einen neuen platz gefunden, ebenso wie die schwarzen krähen:


das ist also meine neue aussicht: freie sicht aufs schönste bergundtalpanorama. fürs erste wurde auch gleich in der nachbarschaft ein mobiler ersatzbaum installiert. das soll wohl den abschied vom echten baum etwas erleichtern. mein ausblick übers tal ist dem der krähen gleich. wie die meckeropas in der muppetshow hocken die zwei dort oben und mokieren sich über die kleine welt da unten. ich mokiere mit.

der amselmann sitzt nun nicht mehr oben im baum, sondern auf der obersten kranetage und übt schon mal neue strophen fürs frühjahr, die treue flötenseele.

im büro für besondere maßnahmen ist jetzt mehr licht – die sonne scheint mir direkt herein. manchmal blendet sie mich beim arbeiten. dann sitze ich mit sonnenbrille vor dem klapprechner.

es ist auch wärmer geworden in der wohnung: ich darf keine schokolade mehr liegen lassen auf dem tisch. also esse ich sie gleich. das kommt mir entgegen.

wie es im sommer wird, wenn kein grünes schattendach mein nest unterm giebel mehr kühlen wird, bleibt abzuwarten.

auch das mikroklima im ganzen haus wird sich ändern. wenn auch der hausbesitzer mit seinen nicht nur lärmenden, sondern auch erdbebenden heimwerkergeräten mir erhalten bleibt. gerade jetzt ist er damit beschäftigt, den von den baumfäll- und baumstumpfausgrabearbeiten leicht ramponierten garten mit einem benzinmotorbetriebenen vertikutierer der marke extralaut gründlichst umzupflügen. mit getöse! seit einer dreiviertelstunde! schließlich sollen die vierzig quadratmeter wiese bis zum nächsten frühjahr wieder zum gestriegelten golfrasen getrimmt werden ....

man hätte denken können, dass ich mich an diesem ungewöhnlich warmen ersten dezembernachmittag auch mal mit einem kaffee auf den balkon hätte setzen können. aber bei dem lärm ertrage ich das nicht.

naja. irgend was is' immer, das wissen wir ja schon. daher genieße ich heute nur das neue licht. auch das tut mir schon gut, geht mir unter die haut bis ins herz: es ist, als ob ich in eine andere, noch schönere wohnung zurückgekehrt wäre.

das gibt mir neue kraft. nicht nur die real existierende aussicht, auch meine lebensan- und aussichten werden wieder lichter. manches ändert sich. ich ändere mich, kann plötzlich das eine oder andere heiterer sehen, lasse die dinge ein wenig entspannter auf mich zukommen und an mir vorbeifließen.

ich kümmere mich um zeugs, das schon lange unerledigt herumlag und mich – stumm vorwurfsvoll – belastetete. nun räume ich's auf und weg, repariere und sortiere aus. eins nach dem andern. das macht ein aufgeräumtes gefühl. neues kommt auf mich zu, das spüre ich genau.

es ist noch längst nicht alles wieder 'gut' in meinem leben. aber vieles ist gut auf den weg gebracht. gleichzeitig bin ich völlig verwundert, wo so viel alte und neue kräfte plötzlich herkommen. schön ist das, und ich genieße es sehr!

eine von euch schrieb mir im sommer in die kommentare „man soll nicht fünf minuten vor dem wunder die hoffnung aufgeben.“ also habe ich die hoffnung nicht aufgegeben. das war mal ne echte besondere maßnahme! und siehe da: die energie von 'mehr licht' ist ein wunder, ganz sicher.

ein weit größeres wunder ist übrigens derzeit noch >>>in arbeit. davon mehr, sobald es vollbracht ist!


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Samstag, 18. Juni 2011

blasser vollmond

die vollmondfinsternis ist zwar schon drei tage her. da ich hier aber nicht unter aktualitätszwang stehe, erlaube ich mir, mein altes bierglas nachträglich noch einmal herzuzeigen.


das vollmondbier ist inzwischen genauso verblasst wie der vollmond von neulich.

ich habe das glas dem brauer abgeschwatzt. damals, als ich noch bezahlte journalistin war und für den sender multikulti auf der berliner karl-marx-allee vom ersten internationalen bierfestival berichtete.

was die redaktion sich vorgestellt hatte, weiß ich nicht. eher etwas folkloristisches, nehme ich an. biertrinkerInnen aller nationen mit ihren jeweils heimischen saufritualen womöglich.

es war dann doch eher ein kollektives besäufnis, männlich dominiert und mit viel rumtata. „bier, mann und gebrüll“ gehören schließlich untrennbar zusammen.

obwohl ich damals noch alkohol trank und auch bier sehr gern mochte, war mir die veranstaltung nicht geheuer. zu laut. zu plump. zu viele menschen auf einmal, zu viele dicke bäuche ….

es war schwer, das „internationale“ zu finden. es gab eine oder zwei buden, die verkauften bier in flaschen und dosen aus einhundertfünfzig ländern. oder so. fast alle anderen anbieter waren brauer aus deutschland, aus deutschland und aus bayern.

auf der suche nach den nicht ganz so kommerziellen zwischentönen landete ich beim schweizer vollmondbier. bio. in vollmondnächten gebraut. mit der ganzen kraft des vollen mondes. das war damals noch neu. mittlerweile hat sich die methode auch in deutschland etabliert.

ich hielt mich mit dem konsum zurück, musste ja nach den interviews mit möglichst klarem kopf wieder zurück in die redaktion, o-töne schneiden, text schreiben, beitrag produzieren im studio …. journalistinnenalltag eben.

ein glas aber gönnte ich mir im getümmel vor ort, eben jenes. es hat mir geschmeckt, schließlich hatte ich durst. aber auch bio-alkohol macht besoffen und geht auf die leber, da gibt es nix zu deuteln. der brauer freute sich über das medieninteresse (mich), war sehr charmant und schenkte mir das glas mit schweizer akzent.

aus dem souvenirglas habe ich noch zwei jahre lang bier getrunken, später dann saftschorle oder wasser.

die kraft des vollmonds steckte für mich nicht in dem bier, sondern war mit der zeit auf das glas übergegangen. auch wenn ich kein vollmondbier mehr daraus trank. auch, wenn mein apfel- oder ananassaft mit großer wahrscheinlichkeit nicht an vollmond gepresst war. irgendwie hat mir dieses glas immer kraft gegeben. das magische denken meiner kindheit habe ich mir bis heute nicht nur bewahrt. es scheint im gegenteil immer stärker zu werden.

leider war der aufdruck nicht spülmaschinenfest und ist über die jahre verblasst. damit verblasste natürlich auch seine vollmondwirkung. ist doch klar. versteht doch jeder! eine ganze weile schon stand das glas also ungenutzt im küchenschrank, hinterste ecke. zur mondfinsternis habe ich nun beschlossen, mich davon zu trennen.

zeit des ausatmens. zeit des loslassens. kleine schritte.
es sieht so aus, als ob ganz gewaltige veränderungen auf mich zukommen.
ich habe angst, aber ich muss dem entgegengehen.

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Sonntag, 1. Mai 2011

rauchzeichen

heute klopfe ich mir mal selbst auf die schulter. ihr lest richtig. da sonst niemand da ist, muss ich auch das noch selber machen! besondere maßnahme also am diesjährigen tag der arbeit: hier klopft die chefin noch selbst.

im wild-wüsten süd-westen: dreyländereck

mein guter grund: heute auf den tag genau habe ich fünf jahre lang genixraucht. da bin ich mächtig stolz drauf. das war nämlich nicht leicht für mich.

ich habe zwar nur sechs bis acht zigaretten am tag geraucht – aber die waren sehr ritualisiert und haben sehr „dazu“ gehört. zum pause machen zum beispiel. oder um unangenehme gefühle „runterzuziehen“, wenn ich aufgeregt war. seltsamerweise auch zum „luft holen“ vor schwierigen telefonaten. überhaupt – die zigarette „danach“: nicht nur nach einem orgasmus, auch sonst nach getaner arbeit und anderem vollbrachten hexenwerk. zäsuren im alltag: „so. fertig. jetzt erst einmal fünf minuten hinsetzen und eine zigarette, bevor es weitergeht.“

einer meiner lieblingszigaretten war immer die, wenn ich die koffer gepackt hatte vor einer reise. die letzten fünf minuten, bevor es richtig losging. noch mal hinsetzen mit dem letzten kaffee und einer zigarette, den geschmack von freiheit und abenteuer vorweg genommen: „hab ich an alles gedacht? ist alles dabei?“

in heiklen situationen zwickt es mich immer noch, selten zwar und weniger stark als früher – aber es zwickt. auch nach fünf jahren noch. inzwischen weiß ich dann, dass es etwas anderes ist, was mir fehlt. oder zu viel ist. je nachdem.

pause machen ohne zigarette kann ich zum beispiel immer noch nicht richtig. stillsitzen ohne alles – nix in der hand, nix im mund, kein rauch zum hinterherschauen: das ist meine königinnenübung. fast unmöglich!

in der anfangszeit war es wirklich schwierig. aber wie beim alkohol, habe ich da auch beim nikotin so etwas wie einen sportlichen ehrgeiz entwickelt: ich zeig's mir, dass ich das kann!

vor allem aber habe ich ausgehalten, was hochkam. nicht einfach, aber möglich. dazu ein möglichst geduldig-liebevoller umgang mit mir selbst. ich habe mich belohnt und aufgemuntert. ganz am anfang erst ein bißchen ab-, dann ziemlich zu- und irgendwann wieder etwas abgenommen.

das war meine größte sorge: werde ich vom nichtrauchen etwa noch dicker?! ja. wurde ich! nicht ganz egal, aber auch das: aushaltbar. ich tröstete mich kognitiv diszipliniert mit der tatsache, dass ich mir jedes mal etwas sehr gutes tue, wenn ich eine zigarette nicht rauche. all das olle nervengift kommt nicht mehr in mich rein!

geraucht hatte ich übrigens 27 jahre lang. mal mehr, mal weniger. über die jahre im schnitt wohl etwas mehr als eine halbe schachtel täglich. angefangen hatte ich mit süßen siebzehn. weil es mir sehr peinlich war, wenn ich bei den joints immer so husten musste. also habe ich das rauchen mit zigaretten geübt. die joints habe ich ziemlich bald wieder gelassen, weil es mir damit nicht gut ging. das nikotin blieb.

ich mag gar nicht ausrechnen, welches vermögen ich da im lauf meines lebens in rauch habe aufgehen lassen. sucht – egal in welcher ausprägung - ist niemals billig. ob und wie ich mir das rauchen heute noch leisten könnte, frage ich mich erst gar nicht mehr. irgendwie hat es immer gereicht – egal wie knapp ich bei kasse war. für die sucht war immer geld da. ich habe es halt passend gemacht.

zigaretten sind teuer geworden. gerade heute mal wieder tritt ein gesetz in kraft „zur erhöhung der tabaksteuer“. 4euro90cent für 19 zigaretten sind es seit heute, also knapp 26 cent das stück. oder – altmodisch gesagt: ungefähr 10 mark pro schachtel und 50 pfennig für eine einzelne zigarette.

als ich anfing in den achtziger jahren, lag der preis bei ca. 15 pfennig das stück. drei mark die schachtel. so ungefähr, glaube ich. trotz bzw. wegen der preissteigerungen machen tabakkonzerne höhere gewinne. 13% gewinnsteigerung allein im ersten quartal 2011. da bin ich wirklich froh, dass ich die nicht weiter alimentiere.

ich kann mich noch erinnern, wie scharf ich damals auf hamsterkäufe war, bei 'billigen' gelegenheiten …. im ausland, auf flughäfen, im intershop auf dem weg von berlin nach restdeutschland, später beim vietnamesen am s-bahnhof treptower park. und so weiter ....

zurück in mein rauchfreies heute:

eintausendachthundertsechsundzwanzig tage ohne nikotin. oder knapp fünfzehntausend zigis nicht geraucht. siebenhundertsiebzig schachteln nicht gekauft, theoretisch satte dreieinhalbtausend euro gespart.

ich wünschte, ich hätte das geld. das wäre eine wunderbare reise! nach feuerland, ins letzte kino! oder in den himalaya, wo das bruttosozialglück zum staatsziel erhoben wurde.

tja. ich habe das geld aber nicht. es hat nie gereicht, um das eingesparte anzusparen. wenn ich das jetzt so virtuell ausrechne, kommt womöglich noch das amt und zieht es mir wieder ab.

so wie vor drei tagen meine einkommensteuerrückerstattung. von den gut 800 euro, die mir das finanzamt im letzten jahr von meinen bezügen an der hochschule zuviel einbehalten und mir jetzt zurückgegeben hat, darf ich genau dreißig euro behalten. den rest rafft das arbeitslosenamt, weil die lohnsteuererstattung angeblich kein erwerbseinkommen ist (dann hätte ich immerhin die ersten 100 euro plus ca. 15% vom rest behalten dürfen, also ca. 200 euro). nein! das ist sogenanntes "sonstiges" einkommen. davon darf ich nix behalten. obwohl ich doch im letzten jahr dafür gearbeitet habe. sehr logische logik.

fast gleichzeitig mit dem schreiben vom amt lag ein brief meiner haftpflichtversicherung im briefkasten. sie haben dem neuen nachbarn, an dessen auto ich anfang märz zwei kleine kratzer à 3 und 5,5mm verursacht hatte, knapp 1500 euro bezahlt für die neulackierung des wagens und den mietwagen.

ich weiß, so etwas darf man nicht vergleichen. da kriegt man nur schlechte laune von. aber genau das war so einer von den seltenen augenblicken: wenn ich noch rauchen täte, hätte ich mir eine angezündet.

dann könnte ich mir heute nicht auf die schulter klopfen.


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Mittwoch, 29. Dezember 2010

fitness

leider tendiere ich in den letzten jahren zum matronenspeck. ich habe an gewicht zugelegt in einer menge und einer geschwindigkeit, die mir selbst peinlich sind. ungefähr dreißig kilo in zwölf jahren.


meterweise feministische literatur haben bei mir immerhin bewirkt, dass ich weiche rundungen bei anderen frauen sehr charmant und feminin finde – bei mir selbst aber nach wie vor unterträglich. ich mache zwar selten eine konkrete diät, bin aber ständig damit beschäftigt, irgendwie abzunehmen.

das geht schon seit dreißig jahren so mit dieser irrigen, ungesunden, sehr paradoxen und bisweilen selbstschädigenden annahme, dass ich erst dann wirklich liebenswert sei, wenn ich mich erfolgreich dünne mache.

im sommer war es mir gelungen, einen teil vom übergewicht loszulassen, gut sechs kilo waren weg. ich stelle mir das abgespeckte dann gerne in buttertürmchen vor. also in einem stapel von 250g-butter-normverpackungen. jeder butterziegel ist 35 mm hoch. macht bei sechseinhalb kilo gewichtsverlust einen turm von 3,5x4x6,5 immerhin 91 zentimetern höhe. fast ein meter! dieser fett-turm war also vorher in mir drin. jetzt nicht mehr. genial!

ich war sehr stolz und fühlte mich sehr leicht und stark und hatte ambitionen, bis ende des jahres so weiter zu machen und auf der waage zumindest mal wieder eine sieben vorne stehen zu sehen. zuerst sah es auch so aus, als ob mir das gelingen könnte.

es gelang mir jedoch nicht auf dauer, mich weiterhin ausreichend zu bewegen. irgendwann saugte ich mich in alter gewohnheit am schreibtisch fest und dockte auf nimmerwiederlösen am bürostuhl an. ende oktober kippte es, und ich nahm wieder zu. oh schreck. wie gemein! wie doof! da muss ich was machen!

mehr bewegung musste her! weil ich zwar weiß, wie das geht - mir allein aber die energie und disziplin dazu fehlen, brauchte es dringend einen impuls von außen. da kam mir eine aktion des fitnessparks in der benachbarten kurstadt gerade recht:

vier wochen nutzung aller geräte des studios inklusive sauna, teilnahme an allen kursen und einmal die woche myline-ernährungsberatung für schlappe 39 öre. versprochen wurde eine gewichtsabnahme von einem kilo pro woche. zackzack!

da bin ich hin. trotz meiner vorbehalte gegen fitness-studios: ende der neunziger jahre hatte ich mal ein jahres-abo bei diesen rückenspezialisten in berlin. damals habe ich noch alkohol konsumiert. irgendwo hatte ich gelesen, dass alkoholiker muskelschwund kriegen. mein hochintelligenter umkehrschluss: wenn ich mir ein muskelaufbautraining verordne, kann ich keine alkoholikerin sein.

es war schrecklich langweilig. ich habe viel zeit investiert und mich schlechtgelaunt durch den geräteparcour gequält, mindestens einmal die woche. kaum veränderungen gespürt – und alkoholikerin war ich dann doch. trotzdem habe ich das jahresabo abgeturnt bis zum ende.

seither sind mehr als zehn jahre vergangen, und alkohol trinke ich längst nicht mehr. ich dachte also, ein neuer versuch kann nicht schaden. vielleicht hat sich in den fitnessparks dieser welt ja auch was geändert im letzten jahrzehnt? außerdem ist hier kleinkurstadt. nicht großhauptstadt.

also vier wochen fitness von ende november bis den tag vor heiligabend. ich habe mir wirklich mühe gegeben. wie im programm empfohlen, bin ich zwei- bis dreimal mal in der woche hingefahren - auch bei eis und schnee - und habe den sogenannten milon-zirkus absolviert.

das ist ein ding! per chipkarte weiß jedes gerät, wie es sich für mich einstellen muss. ich war beeindruckt. an jeder maschine sind 15 bis zwanzig bewegungswiederholungen in nur 60 sekunden zu absolvieren. dann zack! schnell runter schnell weiter ans nächste gerät die pause dauert nur dreißig sekunden.

es gibt jeweils drei kraftmaschinen und ein ausdauergerät im wechsel, insgesamt acht maschinen stehen da im kreis, zwei runden bittesehr macht 35 minuten und schon bin ich topfit und schlank wie ein tulpe!

in der kreismitte steht eine mit wasser gefüllte glassäule, die von allen immer fest im auge behalten wird wie ein götzenbild: wenn das wasser sprudelt, arbeiten! sprudelt es nicht, schnell schnell! das gerät wechseln, die anderen warten schon!

das alles ging so rasant, dass ich gar nicht wusste, wie ich da atmen und regelmäßig luft holen soll. die schnaufenden schwitzenden leiber um mich herum hätte ich ja noch irgendwie ertragen. ganz schlimm aber fand ich, dass einige – meist ziemlich dicke männer – gerne auf ihr handtuch verzichteten und munter schweißpfützen auf die gerätesitze produzierten.

in dreißig sekunden wurden die nicht trocken. den rhythmus musste ich aber einhalten und mich trotzdem auf die nassen geräte setzen. baah, was war das eklig. ich fühlte mich nicht wohl. der unverzichtbare dudelfunk zu jeder tageszeit strapazierte meine nerven zusätzlich.

die umkleiden waren nicht besser: eng und schlecht gelüftet. es roch unsauber, nicht sehr appetitlich. einmal war so viel betrieb, dass es an der rezeption keinen einzigen schlüssel mehr gab für die ohnehin zahlreichen, winzigen metallkleiderschränke.

nach dem ollen zirkeltraining ging ich jeweils eine knappe halbe stunde aufs laufband. für die ausdauer. das klingt jetzt vielleicht seltsam, aber das war für mich noch das beste an dem programm. da konnte ich mir den mp3 ins ohr legen, die augen zumachen und einfach marschieren: mich abgeben, nicht organisieren, nicht achtgeben, ob und wer mir entgegenkommt. nicht denken und nichts checken müssen. das fand ich sehr erholsam. zumindest, solange nicht direkt neben mir so ein oberschnaufschweißversprüher zugange war.

an der sogenannten ernährungsberatung habe ich auch immerhin zwei mal teilgenommen, ziemlich unsortiertes geplauder. da ich im lauf meines lebens jede einzelne kalorie persönlich mit vornamen kennengelernt habe, hatte ich da allerdings auch nicht viel neues erwartet.

nett fand ich immerhin, dass es im studio wasser und sirups und tee und kaffee kostenlos gab, dass ich sogar eigene getränke mitbringen durfte. das habe ich schon anders erlebt. leider fand ich die atmosphäre insgesamt nicht sehr einladend, so dass ich weder an weiteren kursen teilnahm noch die sauna benutzt habe.

nach meinem programm wollte ich immer nur „nix wie weg“ da und raus an die frische luft. die strapazierte studioluft mussten wir uns mit zahlreichen adventskerzen teilen. ist das üblich?

abgenommen habe ich in dem ollen fitnespark nichts. ganz im gegenteil. kein wunder. bei so viel frust und selbstüberwindung, für mich unangenehme dinge zu unternehmen, braucht‘s mehr schokolade zum trost und schlagsahne zur belohnung.

immerhin kann ich jetzt sagen: „ich habe es versucht“. um mich weiterhin in form zu bringen, werde ich mir etwas anderes überlegen.

bis dahin gilt für alle speckröllchen:
das sind die inneren werte. die haben in einem zierlichen körper einfach keinen platz mehr.


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Mittwoch, 20. Oktober 2010

50 jahre

ein halbes jahrhundert. unvorstellbar. noch älter als ich ist dieser alte toaster, der ein hochzeitsgeschenk für die eltern war.

wendetoaster: rowenta, 1960

es handelt sich um einen klappen- oder wendetoaster modell E5214 von rowenta, noch produziert im von robert weintraud 1884 gegründeten stammwerk in offenbach, bevor die firma anfang der 60er jahre von amerikanischen investoren übernommen wurde. der ist also noch richtig gute ‚deutsche wertarbeit‘ sozusagen.

trotzdem hat dieser toaster in der familie meiner kindheit regelmäßig für ärger gesorgt. die brotscheiben darin werden ‚halbautomatisch‘ gewendet, indem man die klappe weit nach unten öffnet. dann dreht sich das brot wie von selbst. aber es gibt weder timer noch abschaltautomatik, die toasts wollen immer beobachtet und im genau abgepassten augenblick gewendet sein.

die mutter war damit oft überfordert, weil sie gleichzeitig noch die eier mit speck zubereiten, kaffee kochen, frühstückstisch decken, den kohleofen einheizen, die lockenwickler aus den eigenen haaren nehmen, uns wecken und den vater aus dem bett locken musste.

immer wieder wurden ihr die toastscheiben kohlpechrabenschwarz. den brotkoks haben wir dann mit einem messer über dem spülstein abgeschrappt. wenn der geruch kippte von duftendem golden toast zum angebrannten brot, wussten wir, dass spätestens da auch mutters sonntagslaune gekippt war.

der alte 'turn-over' ist also weder praktisch noch pflegeleicht, deswegen wurde er irgendwann gegen ein anderes modell ausgetauscht: eines, das die fertig getoasteten scheiben auswirft, sobald sie die gewünschte bräunung haben.

trotzdem liebte ich den rowenta heiß und innig. vielleicht, weil er den eltern nicht gut genug war. da hatten wir etwas gemeinsam. vor allem aber deshalb, weil nicht nur genormte toastscheiben reinpassen, sondern auch mal ein halbes brötchen, auch kanten oder unegal abgeschnittene brotscheiben. weil er mich achtsamkeit lehrt und konzentration.

als ich mit achtzehn jahren in eine eigene wohnung zog, nahm ich den alten toaster mit und wieder in betrieb. er ist mir bis heute treu geblieben.

ich habe ihn aber auch nie verraten. einmal hat die mutter mir einen ihrer ‚praktischen‘ automatik-toaster aus dem ewigen quelle-katalog geschenkt. ich habe die annahme verweigert. die mutter verstand das nicht. die mutter verstand mich nicht.

in den dreißig jahren, die wir miteinander verbracht haben, mein toaster und ich, habe ich oft das chrom poliert, die elektrik ein paar mal repariert, abgebrochene bakelit-teile wieder angeklebt, ihm eine neue schnur spendiert.

das erstaunliche ist nicht, dass ich dieses oder andere geräte – wie die 20-jährige caffettiera zum beispiel - schon so lange in meinem haushalt habe. erschreckend ist vielmehr, dass ich schon so alt bin, dass die dinge so lange bei mir gewesen sein können.

was wusste ich denn mit achtzehn, werwiewo ich mit ende vierzig sein würde? dass dann alles anders wäre, als ich es mir als teenager erträumte – dass ausgerechnet dieser toaster aber unverändert dabei wäre?

zu meiner herkunftsfamilie habe ich ‚aus gründen‘ seit jahren keinen kontakt mehr. trotzdem habe ich natürlich gewisse daten im kopf. die eltern begehen heute goldene hochzeit. ohne den toaster.

wir wünschen - trotz allem - liebe, gesundheit und glück aus der ferne und feiern hier ein eigenes fest: herzlichen glückwunsch zum 50. geburtstag, mein toaster!


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Mittwoch, 13. Oktober 2010

kaffeehaus

das tal versinkt im herbstnebel, mein büro ist heute völlig aussichtslos. nicht mal mehr die kirche ist noch im dorf.


was bin ich da froh, dass ich - gestern erst! – mir den luxus einer sonnigen kaffeehaussitzung gegönnt habe. für viele menschen ist das nichts besonderes, die machen das jeden tag. früher war das bei mir nicht anders. die lebensumstände haben sich geändert.

wenn eine am prekären rand der gesellschaft lebt, will jedes ‚die wohnung verlassen‘ sehr gut überlegt und geplant sein, denn es ist (fast) immer mit ‚geld ausgeben‘ verbunden: „wenn ich heute da und da hinfahre, reicht das benzin im tank dann in der kommenden woche noch für den arztbesuch in der stadt?“

ich hasse diese erbsenzählergedanken, aber ich muss sie mir machen. auf dem land sind die wege weit, ich habe nicht immer die kraft, alles mit dem fahrrad zu erledigen.

[.... genau an dieser stelle muss ich beim ‚schreiben im nebel‘ jetzt sehr sehr aufpassen, dass mir nicht nur jämmerliche gedanken und „esistallessoanstrengendleerundlieblosinmeinemleben“-sätze in die tastatur wollen. das ist schrecklich! vier mal schon habe ich neu angefangen mit meinem heutigen text]

also noch mal von vorne:

gestern war ein milder sonniger herbsttag. ich war mit dem rad in der großen stadt zu einem arzttermin. frühmorgens losgeradelt bei temperaturen knapp über null (auf den autoscheiben war noch frost), eingepackt in handschuhe, schal und mütze, konnte ich am mittag ohne jacke draußen bei fast 20 grad in der sonne sitzen. wonne!

kaffeehaussitzungen sind für mich selten geworden. ich tue dann so, als wäre ich im urlaub, nehme mein notizbuch und schreibe auf, was ich sehe, was ich denke.... nix literarisches, eher geschriebene skizzen. so, wie andere leute fotografieren oder bilder malen.

das 'schreiben in cafés' begleitet mich seit mehr als dreißig jahren. immer, wenn ich alleine unterwegs bin. viele meiner tagebücher sind an kaffeehaustischen entstanden. wenn ich das heute noch einmal lese, erinnere ich mich an die schönen aussichten von damals. und an das strahlende lächeln charmanter kellner, die mir den milchkaffee servierten, als wäre es der hauptgewinn im lotto.

wenn ich mit begleitung im café sitze, dann gucke ich gern leute und lästere übers volk. das hat mir mein arzt verordnet. ich soll auf keinen fall immer nur probleme wälzen und psychologisieren. „Das ist Gift für die Seele! Setzen Sie sich mit der besten Freundin auf einen Ausflugsdampfer, ziehen sie über die anderen Passagiere her und machen sich einen lustigen Nachmittag!“ das hat der gesagt. damals, in berlin.

ohne begleitung ist das schwer möglich: ich bin zu schüchtern, um laute selbstgespräche zu führen. also schreibe ich alles auf. das ist sehr erholsam für mein herz, ein kurzes ausruhen vom kargen leben im prekariat. tiefes aufatmen von der oft schwierigen organisation des alltags.

kaffeehaussitzungen zählen zu den besonderen maßnahmen. ich versuche, mir das so oft wie möglich zu schenken: der kleine luxus eines milchkaffees auf der sonnenseite gehört zu meinen lebensnotwendigkeiten. auch wenn die aussichten nicht mehr so schön sind und das lächeln der kellner gerade noch für einen trostpreis reicht.


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Mittwoch, 29. September 2010

was bleibt

mit dem loslassen bin ich noch längst nicht fertig. das ist für mich ein lebenslanger prozess, alles ist immer im fluss. manchmal gerät er ins stocken. manchmal gibt es ereignisse im innen oder außen, die ihn beschleunigen.

strandgut: sand, granitkiesel, rosa rugosa, haselnüsse, muscheln

die zeit am meer war für mich eine solche gelegenheit. sehr erstaunlich, mit wie wenig zeug ich doch eine ganze weile ganz prima ausgekommen bin. andere hatten weitaus mehr gepäck als ich. in beide richtungen.

natürlich ist auch bei mir einiges dazugekommen. ein neuer sand zum beispiel für meine sandstrandsandsammlung. auch die getrocknete rosenblüte von der promenade bleibt ein weilchen. ebenso die zwei noch nicht eingelösten zaubernüsse, die das rote eichhörnchen im patientengarten mir vor die füße warf.

untrennbar verbunden mit der frage „was lasse ich gehen?“ ist der andere pol: was nehme ich mit? was wird mich noch eine weile begleiten? was ist mir wichtig? was gibt mir halt, im augenblick?

die antwort auf diese fragen ist niemals endgültig. anders als die nach dem loslassen. was ich einmal weggegeben habe, ist für immer fort. bei dingen, die ich jetzt behalte, kann ich mir die gleiche frage in einem monat oder einem jahr noch einmal stellen.

das macht das loslassen für mich schwieriger als das behalten.

außerdem stelle ich fest, dass mit zunehmendem alter meine dinge sich vermehren. ist das so, weil ich jetzt, mit ende vierzig, mehr gelegenheiten gelebt habe, an die ich mich erinnern möchte als - sagen wir mal – mit achtzehn? mit achtzehn zog ich von den eltern fort und nahm fast nichts mit. mein umzugszeug passte damals in zwei pappkartons. inzwischen brauche ich einen mittelgroßen LKW.

warum ist das so viel geworden? habe ich angst, dass meine erinnerung mich vergisst, wenn ich keine beweisstücke mehr in meiner nähe habe? ich gebe zu: ja, das habe ich. manchmal blättere ich alte briefe durch und weiß nicht mehr, wer das überhaupt war, die mir da so liebevoll geschrieben hat. dann erschrecke ich sehr.

seitdem ich finanziell so prekär dastehe, behalte ich mehr als früher, gebe weniger fort. schätze mal, das ist die angst, die dinge nicht mehr einfach so nachkaufen zu können, falls ich sie doch mal wieder brauchen sollte. je weniger geld eine hat, desto mehr gibt sie ja anteilig aus. wenn man tausend euro hat im monat, sind 25 euro für eine handgefertigte schöne milchkaffeetasse aus hauchdünner keramik im verhältnis weniger als wenn man nur 350 hat. das macht die einzelnen dinge wertvoller, auch wenn der preis der gleiche ist.

es ist - merkwürdig genug - auch ein elterlich erlebter alptraum, der mir als kind vererbt wurde. die waren ausgebombt im krieg. nichts mehr gehabt als die kleider am leib. es war schon seltsam genug, als ich mal den wohnungsschlüssel verloren hatte. ich wusste doch, die wohnung war noch da und all mein zeug darin ebenso.

aber die umgekehrte vorstellung: den schlüssel in der tasche zu haben, nach hause zu kommen – und die ganze wohnung und alles zeug darin ist weg und auf immer verloren?!  ich träume das oft, dass ich irgendwo bin, wo eigentlich meine wohnung sein sollte – aber ich bin da ganz verkehrt, gehöre da nicht hin, darf da nicht mehr sein, habe kein zuhause mehr. alles weg. alles sehr feindlich. kein ort mein ort, nirgends nicht.

irgendwie macht‘s auch die einsamkeit, das beziehungsfreie flottieren im kosmos, dass ich mein herz bisweilen mehr an dinge hänge. es ist ja nur ganz selten jemand da, mit der ich solche entzückenden kleinigkeiten wieder wachrufen könnte, wie damals …. „weißt du noch, als wir miteinander auf bali waren, in dem künstlerdorf klungkung, abends auf dem nightmarket, an dem kleinen food-stall die frau mit den schwarzen betel-zähnen, der ihre hühnersuppe, wie lecker die war?!“

als der kokosnussschalensuppenlöffel, den ich mir damals kurz vor oder nach der suppe dort gekauft hatte, kaputt ging – da habe ich rotz und wasser geheult. es ist, als ob es jetzt keinen zeugen mehr gäbe für mein abenteuer.

aus genau diesem grund müssen manche sachen einfach bleiben, bis sie auseinanderfallen. die könnte ich niemals weggeben. weil sie eine geschichte haben, die kein anderer kennt und die nur für mich wichtig ist.

das kleine pressglaskännchen zum beispiel, das seit jahr und tag in allen wohnungen egal wo ich war alle umzüge mitgemacht und überlebt hat, immer mit bestem olivenöl gefüllt in meinem gewürzregal am herd steht und täglich in gebrauch ist, und das, obwohl es eigentlich ein bißchen häßlich ist und als ölkännchen viel zu klein und – was noch schlimmer ist – obwohl es tropft! dieses glaskännchen stand vor mehr als einem vierteljahrhundert an einem geburtstagsmorgen als geschenk mit einer rose drin vor der tür meiner studentenbude. so viel liebe kann ich doch nicht einfach wegwerfen! keine frage: das bleibt.

das weggeben übrigens, fällt mir leichter, wenn ich weiß, dass dinge, die „noch gut“ sind, irgendwo anders weiter benutzt werden. in vielen städten gibt es mittlerweile verschenkmärkte. das sind webseiten für kostenlose kleinanzeigen, wenn man seine sachen kostenlos hergibt. das verringert den sperrmüll einerseits, spart geld und schont die umwelt. schicke sache das.

dann gibt es natürlich noch freecycle – das weltweite verschenkenetzwerk – mit ganz vielen lokal organisierten gruppen auch in deutschland. da habe ich schon einiges hingegeben, leichten herzens – und auch schon das eine oder andere „für umme“ abgestaubt.

da ist dann zwar „die sache“ weg - aber es bleibt ein gutes gefühl, ein ganz aufgeräumtes.


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Donnerstag, 23. September 2010

loslassen

pünktlich zum herbstanfang kullerte mir die erste kastanie vor die füße. da war ich bei fast sommerlichen temperaturen mit dem fahrrad unterwegs. bergab. mit rückenwind. trotzdem habe ich gebremst und die kastanie in meine hosentasche gesteckt.


weil ich das jedes jahr so mache. die kastanie, sagt man, verbessert die willenskraft. in ihr steckt die ganze kraft des sommers. diese kraft soll mich über den winter tragen. die erste kastanie nach den großen ferien macht mich stark. deswegen hebe ich sie auf und nehme sie mit.

was denn, der sommer schon wieder vorbei? ja. schon vorbei. der kastanienbaum trennt sich von seiner jahresproduktion an fortpflanzungsmitteln. eine gute zeit für mich, um auch selbst loszulasssen. oder zumindest ‚loslassen zu üben‘.

loslassen ist wichtig. es erleichtert, kann mich aber nicht nur heiter, sondern auch traurig stimmen. es ist immer auch ein abschied im loslassen, das gefühl von wehmut. ein weh und ein mut – alles zugleich!

loslassen ist wichtig, aber es ist nicht immer einfach. ich bemühe mich schon im alltag, nicht allzuviel anzusammeln. dann muss ich auch nicht so viel loslassen am ende.

also habe ich zum beispiel mit mir selbst so eine art vereinbarung getroffen, dass ich für jedes kilo zeug, das ich in meine wohnung hereintrage, irgendein anderes kilo zeug wieder hinausbringe. es funktioniert nicht immer. aber es hilft mir, nicht völlig dem sammeltrieb zu verfallen.

die chinesen haben ein sprichwort: wenn das alte nicht geht, kann das neue nicht kommen.

loslassen schafft platz. materiell - in der wohnung. immateriell - in der seele, im herzen.

alten kummer, alten groll loszulassen ist genau so wichtig wie endlich diesen karton wegzuwerfen mit alten verbindungskabeln aus meinen längst vergangenen ü-wagen- und pressekonferenz-zeiten. damit mache ich ganz sicher keine reportage mehr. loslassen. weg damit.

tonnenschwere steine. alte blumentöpfe, ganz verkrustet. weg damit.

manchmal passiert das loslassenkönnen wie von selbst: da gab es eine böse alte seelenwunde, eine kränkung sondergleichen. weil mal ein mann, den ich damals sehr liebte und von dem ich dachte, dass wir glücklich miteinander wären, mich schnöde gegen eine andere ausgetauscht hat. bescheid gesagt hat er mir natürlich erst, als sein frauentausch für ihn schon längst in trockenen tüchern war: „ich liebe dich halt nicht mehr.“ aus und vorbei. gründe konnte er mir nicht nennen. die andere wärmte ihn besser als ich. so war das halt. der schuft.

das chinesen-sprichwort also etwas abgewandelt: wenn der alte nicht geht, kann der neue nicht kommen.

viele jahre habe ich dem nachgetrauert. so sehr war ich verletzt und vor den kopf gestoßen. traue niemals einem mann und erst recht nicht traure um einen. ich kann aber auch hartnäckig sein in meiner trauer. bis ich neulich im internet zufällig über ein aktuelles foto von meinem ehemaligen prinzen surfte. da sieht der so was von bieder und fettig aus, und erst dieser alberne ziegenbart – also neee. zack! entzaubert. let him go. wozu google nicht alles gut sein kann.

nicht nur die kastanie lässt los. von heute an ist herbst. die meisten bäume werden demnächst ihre blätter loslassen. kräfte konzentrieren im innern. in den hügeln ringsum ist die weinlese in vollem gange. ernten, was geworden ist. loslassen, was im kommenden winter nur noch lästiger ballast wäre.

pflanzen haben es da einfacher als unsereins. die können nicht denken. die trauern nicht um ihre verlorenen früchte und blätter. außerdem geht im nächsten frühjahr sowieso alles wieder von vorne los.

für menschen ist das nicht so einfach. im großen gesehen, haben wir nur einen einzigen zyklus. wenn es einer den lebenssommer verhagelt, sehnt sie sich nach der jugend zurück, möchte noch mal von vorne anfangen dürfen – damit der herbst und der winter nicht so karg und so kalt werden.

pech gehabt. die jugend ist vorbei. loslassen die alten geschichten! unwiederbringbar. das leben fängt nicht irgendwann an, wenn ich dieses noch und jenes noch erledige und durchhalte. nein. das leben geht einfach immer weiter. und irgendwann war‘s das dann.

ausatmen. loslassen.

es ist vollmond heute, zum herbstanfang. bei abnehmenden mond fällt das loslassen angeblich leichter. ab jetzt also: ausatmen. loslassen.

einen neuen anlauf nehmen, tief einatmen – und loslassen mit dem ausatmen. es geht. es geht.

ich beginne mit einfachen übungen:

zeug bei ebay verkaufen, zum beispiel. das verstopft doch nur die ecken. die nicht benutzte caffetiera. ausatmen. loslassen. die schöne alte indische tagesdecke. ausatmen. loslassen. ein paar bücher, die ich sicher nicht noch einmal lesen werde. ausatmen. loslassen. das epiliergerät. ausatmen. loslassen. jedes kilo weniger zählt.

schwieriger ist es mit dem seelenballast, mit altem groll. ausatmen. mit grindigem kummer. ausatmen. ungeweinte tränen. atmen hilft. auch wenn es nicht so locker sitzt. ausatmen. loslassen. immer wieder. ich übe. das einatmen kommt von alleine. aktiv ausatmen ist wichtiger. bei schwierigen dingen zählt jedes gramm einzeln.

ich schau die kastanie an und weiß, was ich zu tun habe. weg ist weg: da weiß ich immer, wo es ist.

die inventur geht weiter ...


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Dienstag, 6. Oktober 2009

besondere maßnahmen III – kopfschmerzen

ich habe kopfschmerzen heute. das passiert mir öfter. es ist nix neues:

weintrauben "gutedel" und walnüsse

kopfschmerzen hatte ich schon als kind, als schulmädchen. kopfschmerzen hatte ich später als studentin und noch später als journalistin. mein leben lang habe ich oft dagegen angetrunken. nach dem ersten glas bier oder wein waren die kopfschmerzen erst einmal weg. nach dem dritten oder vierten glas bier oder wein waren dann andere kopfschmerzen da – aber da wußte ich wenigstens, wo die herkamen. als ich vor zehn jahren mit dem alkohol aufgehört habe, kamen die kopfschmerzen dauerhaft zurück.

mit viel geduld, vielen vergeblichen versuchen, mit der hilfe von kompetenten ärztInnen und therapeutinnen - zeitweise auch mit medikamenten - habe ich die kopfschmerzen ganz gut in den griff gekriegt. das hat anderthalb jahre gedauert. dauerhaft weg sind sie natürlich nicht. das bleibt meine ewige baustelle.

derzeit sind sie wieder da. weil in meinem leben alles zu viel ist, vielleicht? oder manches zu wenig? ach! was weiß denn ich!

vor ziemlich genau fünfzehn jahren habe ich mir die kopfschmerzen einmal von der seele geschrieben. beim aufräumen neulich fiel mir der text wieder in die hände, und ich bin ganz erschrocken, wie aktuell das alles noch ist:

kopfschmerzen

kopfschmerzen ist – mir ist alles zu viel
kopfschmerzen ist – es ist mir zu eng
kopfschmerzen ist – ich krieg keine luft
kopfschmerzen ist – hilflos
kopfschmerzen ist – lass' mich in ruhe
kopfschmerzen ist – resigniert
kopfschmerzen ist – überfordert
kopfschmerzen ist – mein leben ist sinnlos
kopfschmerzen ist – rabääh

kopfschmerzen text kopfschmerzen
gelähmt im kopf wund im herzen zurückschlagen wollen nicht dürfen nicht können allein alleingelassen die wut der schmerz der schmerz der schmerz
warum helfen die mir nicht
der schmerz der schmerz hört das denn niemals auf
es wird besser werden, sagt sie.

kopfschmerzen ist – ich habe angst
kopfschmerzen ist – ach

ich bin nicht mehr zweieinhalb. wer mir damals nicht geholfen hat, wird es auch heute nicht tun. das tut so weh und die kucken zu. alle, alle sitzen sie in meinem kopf und streiten sich um meine gedanken. diktieren gefühle. das ist gut, das gefällt dir doch. nein das tut weh ich mag das nicht. kind sei still das ist gut hast du gehört. mama nein aua aua.
mein kopf. da hocken sie heute noch.
schmerz ist liebe.
allein sein ist nähe.
pflicht ist spaß.
lust ist verboten.
nein. lust ist nicht verboten. sie kommt einfach nicht vor.

kopfschmerzen ist - ihr habt mich verraten
kopfschmerzen ist – ihr habe mich an den opa verkauft
kopfschmerzen ist – wir haben es doch nur gut gemeint
kopfschmerzen ist – alles gelogen

köpfchen aua
wir werden dir dein krauses lockenköpfchen schon noch zurechtrücken
du immer
du bist ja verdötscht
was willst du jetzt schon wieder – siehst du nicht, dass ich kopfschmerzen habe?!
kind sei still
mama aua

kopfschmerzen ist – lieber tot sein wollen
kopfschmerzen ist – ihr werdet schon sehn was ihr davon habt
kopfschmerzen ist – schlechtes gewissen
kopfschmerzen ist – ich bin schuld
kopfschmerzen ist – ich bin nicht gut genug
kopfschmerzen ist – die wollen mich hier sowieso nicht

wenn sie mich wollten, dann wären sie netter zu mir. sind sie aber nicht. also bin ich ein kosmischer irrtum. eine last, die ihnen „gerade noch“ gefehlt hat.
jetzt müssen sie irgendwie damit zurechtkommen, dass ausgerechnet ich auch noch da bin. kind, du bist mir zu schwer. kind ohne namen. kind bis in alle zeiten. kind ist lästig. lästige last. wenn wir das gewusst hätten, hätten wir dich nicht bestellt. der ewige versandhauskatkalog. kind leider ohne umtauschrecht. du warst immer ein wunschkind. haha. also benimm dich gefälligst so, wie wir dich uns gewünscht haben.

kopfschmerzen ist – keiner hört mir zu
kopfschmerzen ist – immer bin ich falsch

wenn ich mal was richtig mache, und keiner will es zur kenntnis nehmen – habe ich es dann überhaupt gemacht? oder war es doch wieder falsch, weil keiner zugeguckt hat? also besser gar nix tun?

kopfschmerzen ist – nichts tun dürfen
kopfschmerzen ist – nichts tun wollen dürfen
kopfschmerzen ist – nichts tun dürfen wollen
kopfschmerzen ist – durcheinanderohnenende

kopfschmerzen ist – nix wie weg hier!

natürlich bin ich noch hier. genau so wie die kopfschmerzen noch da sind. vor meiner vergangenheit kann ich nicht wegrennen. vor meiner gegenwart auch nicht.


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