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Mittwoch, 1. Mai 2013

kalte raucherin

innerhalb von sieben jahren, so sagt man, habe sich jede zelle des körpers einmal erneuert. statistisch gesehen, versteht sich. manche öfter, manche seltener. in jungen jahren schneller, im alter langsamer.

im kopf wahrscheinlich seltener, denn mein gehirn kann mich sehr gut an dinge erinnern, die länger als sieben jahre zurückliegen.

Wasserwelt mit guter Luft (Rheinfall bei Schaffhausen)



wie auch immer: ab heute hat keine einzige zelle meines körpers jemals mit von mir selbst inhaliertem nikotin zu tun gehabt. statistisch gesehen, versteht sich.

mein gehirn kann mich nämlich noch sehr genau daran erinnern, wie das war, damals …

die ersten zigaretten rauchte ich mit siebzehn. nicht, weil ich das schick fand oder gar appetitlich. neinnein, ganz im gegenteil. der vater rauchte ja auch, und das stank mir ganz gewaltig. schon seit kinderzeiten.

die ersten zigaretten rauchte ich, um zu üben. man stelle sich das vor. damit ich bei den joints mit den männern nicht immer so husten musste, denn das war mir peinlich. das war mädchen!

die wenigen versuche mit hasch gab ich jedoch nach kurzer zeit wieder auf. THC war eindeutig nicht meine droge: sie machte mich stoned. im wahrsten sinne des wortes: sobald die wirkung einsetzte, saß ich unbeweglich in der ecke, konnte mich nicht mehr rühren, konnte auch nicht reden und war schwer wie ein stein.

mag sein, andere haben das genossen. ich nicht. mir war auch nicht nach lachen zumute. statt dessen wurde mir oft übel. außerdem konnte ich die wirkung nicht kontrollieren: weder wann es anfing, noch wie stark es war, noch wie lange es dauerte. das war mir unheimlich.

vom kiff versteinert war ich mir und dem drumherum wehrlos ausgeliefert. das ging nicht. zumal dieser zustand bisweilen von anwesenden herren durchaus ausgenutzt wurde. zum glück kann ich mich nicht an alle erinnern.

nur einmal, weiß ich noch, da hatte ich echt spaß. das war 1982, auf ko samui am strand, in der bambushütte mit dem palmendach. wir hatten grüne kekse gegessen. sehr lecker. die wirkung setzte sehr spät ein und sehr heftig. den mann, der dabei war, mochte ich sehr.

als er mich verließ, ließ ich den shit und wandte mich verstärkt dem alkohol zu. das hatte ich damals besser unter kontrolle in menge und wirkung.

die zigaretten aber blieben, an die hatte ich mich gewöhnt, und sie sollten mich fast drei jahrzehnte lang begleiten. mo jour, ganz dame von welt: lässig am tresen lehnend, in der einen hand das glas mit drink nach wahl, in der anderen hand die zigarette, geistreich plaudernd, charmant und unschlagbar unnahbar.

mit dem drink nach wahl, das hat nach meinem entzug im herbst 1999 auch ohne alkohol funktioniert. die „wasserwelt“ im berliner hansaviertel am tiergarten wurde damals zu einer meiner lieblingsbars. man servierte die leckersten alkoholfreien getränke der stadt. welch ein genuss!

orte wie die wasserwelt halfen mir in den anfängen meiner abstinenz, nicht dem traurigen gefühl von verzicht zu erliegen und rückfällig zu werden.

heutzutage aber taugt die phantasie der rauchenden, trinkenden kultur- & musik-journalistin und polyglotten weltreisenden nicht mehr zur coolen selbstinszenierung. denn an vielen tresen der welt ist inzwischen rauchverbot. wenn die protagonistin zum qualmen vor die tür muss, stirbt die illusion.

was bin ich da froh, dass ich mit dem nikotin rechtzeitig aufgehört habe. vor sieben jahren nämlich, am 30. april 2006, rauchte ich meine letzte zigarette.

nach dem ersten rauchfreien jahr, so heißt es, gilt eine ehemalige raucherin dann als nichtraucherin. diese bezeichnung finde ich nicht zutreffend und irreführend.

nichtraucherInnen haben nach meinem verständnis niemals im leben geraucht, niemals angefangen. ein paar probezichten vielleicht, aber das sollte es dann gewesen sein.

wer nikotinsüchtig ist und aufhört, hat meist einen ordentlichen entzug, der ziemlich lange dauern kann und den gesamten stoffwechsel betrifft.

für mich war es viel schwieriger „die erste zigarette stecken zu lassen“ als „das erste glas stehen zu lassen“. porca miseria*, was hat mich das nikotin gezickt!

mittlerweile habe ich nur noch ganz ganz selten das bedürfnis nach einer zigarette. dann horche in mich hinein und stelle fest, dass es meist etwas ganz anderes ist, das mir in dem augenblick gerade fehlt. etwas, das mit nikotin überhaupt nichts zu tun hat.

pause machen zum beispiel. mit den händen und mit dem kopf nichts tun, das fällt mir immer noch ganz schwer, wenn ich dabei nicht einem blauen dunst mit lustigen rauchringen hinterhersehen kann.

es soll ja menschen geben, denen macht so ein nikotinentzug überhaupt nix aus. die hören auf und gut is. bei mir war das anders. ich habe wirklich gelitten.

aber ich habe durchgehalten. mit kognitiver disziplin, ganz ganz viel geduld und sehr viel schokolade. dazu gummibärchen in krankenhausmengen. was hilft, hat recht.

heute bezeichne ich mich - analog zur „trockenen alkoholkerin“ als „kalte raucherin“. das bringt für mich angemessen zum ausdruck, welch eine enorme anstrengung und leistung es sein kann, etwas NICHT zu tun. erst recht, wenn eine danach süchtig ist. dass mir das bis heute gelingt, darauf bin ich stolz.

als im sommer 2008 in den meisten kneipen bundesweit ein rauchverbot eingeführt wurde, war ich dankbar. lecker essen gehen ohne nikotinschwaden. das fand ich sogar als noch-raucherin sehr unappetitlich. da war ich paradox.

in nordrhein-westfalen tritt heute ein noch viel umfassenderes rauchverbot in kraft, das ebenso streng ist wie in bayern. das finde ich gut. das wünsche ich mir für baden-württemberg auch. wer sich vergiften möchte, möge das bitte bei sich zu hause tun und nicht noch andere da mit hineinziehen.

dass ich das rauchen (und trinken) nicht erst noch aufhören muss, dass ich den entzug hinter mir habe - darüber bin ich sehr erleichtert. das ist eine hart erkämpfte erfolgsgeschichte in meinem leben.


*ps.
tolle und kostenlose unterstützung fürs rauchfrei werden gibt es übrigens bei der BundesZentrale für gesundheitliche Aufklärung in Köln.

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Montag, 18. März 2013

ich bin heldin

endlich einmal eine gute nachricht! 

große freude, dankbarkeit und stolz waren meine reaktionen auf die nachricht, dass ich von der verlegerin Renate Blaes  zur heldin ernannt worden bin. sie hat in ihrem blog eine wunderbare laudatio über mich geschrieben. beim lesen bin ich fast kein bißchen rot geworden. das kann und will ich nicht unkommentiert in den unendlichen weiten des internets verloren gehen lassen!

Die 3-fach lächelnde Heldin: Linzertorte

seit mehr als zwei wochen drehe und wende ich eine antwort in meinem kopf, die mehr ist als ein simples "dankeschön".

an dieser stelle halte ich ein interview mit mir selbst für angemessen. drei fragen an eine heldin ....


1) wie es für dich, heldin genannt zu werden?
erst einmal ist das total ungewohnt. wenn meine mutter mich früher so nannte, dann war das garantiert ironisch und sehr abwertend gemeint. als erstes gucke ich also an mir herunter und frage mich „was habe ich jetzt schon wieder falsch gemacht?“ - als ich dann aber die laudatio gelesen habe, und die ist so liebevoll, da war ich ganz gerührt und habe versucht, diese anerkennung vorsichtig anzunehmen und ganz langsam zu lutschen wie ein honigbonbon.
mittlerweile freue ich mich einfach, dass da jemand ist, die zu würdigen weiß, wie anstrengend das leben sein kann und welche kraft es braucht, das leben bei lebendigem leibe auszuhalten, ohne betäubungsmittel, ohne wieder in süchtiges verhalten abzugleiten - und mir das auch sagt. dafür bin ich sehr dankbar!
dann sagt sie es ja nicht nur mir, sondern ganz öffentlich der ganzen welt. da musste ich auch erst einmal tief luft holen. aber es ist tatsächlich ein starkes stück, nicht rückfällig zu werden weder mit alkohol noch mit nikotin, trotz all der katastrophen in meinem leben. ich bin stolz darauf, dass mir das gelingt, und dankbar für die anerkennung.

2) ganz allgemein, wie würdest du den begriff der heldin definieren?
eine heldin - das ist für mich eine, die authentisch ihren eigenen weg geht. eine, die sich ihren eigenen lebens-sinn stiftet bzw. stiften muss, weil das, was die gesellschaft an sinn und zweck für sie bereithält, ihrem persönlichen sein nicht entspricht. die es sich nicht leicht macht und auch eher unbequeme wege geht - die es aber gleichzeitig auch aushält, für andere unbequem zu sein. dafür braucht eine frau große innere stärke und sehr viel mut. heldin sein bedeutet: ein hohes maß an ethischer verantwortung übernehmen.

heldin sein ist für eine frau ja noch eher ungewöhnlich. historisch gesehen ist der begriff des helden den männern vorbehalten. männer haben schlachten gewonnen und drachen getötet - und wurden für ihre heldentaten mit einer prinzessin belohnt.

frauen kämpfen im allgemeinen nicht auf kriegsschlachtfeldern. unsere heldinnentaten sind andere.
die gesellschaft geht stillschweigend davon aus, dass frauen ihre alltagsdrachen erledigen, ohne großes lob zu erwarten und erst recht keinen prinzen als belohnung. frauen sind - auch heute noch - viel zu selten der rede wert. gerade in der deutschen sprache können bzw. müssen wir ein lied davon singen, und das heißt nicht 'lobet den herrn'.
eine heldin ist nicht nur, wer sich selbstlos aufopfert für andere, wer zur märtyrerin wird. das ist schon fast leicht, weil es überall, wie automatisch, sehr viel anerkennung findet. „nächstenliebe“ bringt eine menge honigbonbons fürs ego, und ist damit in unserer christlich geprägten gesellschaft eine der wenigen erlaubten formen von weiblicher selbstliebe. frauen dürfen als heldin nicht egoistisch sein, dürfen nicht auch für eigene ziele kämpfen. das ist ein ziemlich verdrehtes, moralinsaures idealbild, das für echte heldinnen nicht taugt, weil es frauen in ihrer entwicklung behindert.

für den heldischen mann hingegen ist es völlig selbstverständlich, dass er mit seinen heldentaten auch egoistische ziele verfolgt: er kämpft für mehr persönliche macht, für mehr persönlichen reichtum, für größeren einfluss, für ein höheres einkommen - und alle finden das legitim. aber wehe, eine frau gibt zu, dass sie für die verbesserung ihrer persönlichen materiellen situation kämpft. dann gilt sie als selbstsüchtige, gewissenlose intrigantin - aber keineswegs als heldin! dann ist sie nicht mehr prinzessin, sondern hexe.

heldin zu sein, das bedeutet für mich vor allem, gemäß meiner möglichkeiten meine potentiale voll zu entfalten und für eigene ethische ziele zu kämpfen. widerstand kommt da gar nicht mal immer nur (aber oft) von männern, sondern leider auch von frauen, die es nicht ertragen, wenn eine aus dem krabbenkorb entkommen und besser sein will als die anderen - weil sie es eben kann.

frauen müssen heutzutage an so vielen fronten stark sein, dass das töten von drachen dagegen wie ein kindergartenspiel für kleine jungs aussieht. wir sollen stets perfekt sein als frau, liebhaberin, ehefrau, freundin, mutter, tochter, angestellte, chefin, kollegin, freischaffende, haushälterin, putzfrau, pflegerin - all das am besten gleichzeitig und noch dazu schlank und makellos dem aktuellen schönheitsideal entsprechend, dass es in meinen augen schon eine heldinnentat ist, diesen unmenschlichen druck im alltag unbeschadet und in würde zu überstehen, ohne sich selbst oder andere zu verletzen, ohne den enormen druck auf andere abzulassen. wer da abends noch den eigenen namen kennt und weiß, wer sie ist - ohne sich verbogen zu haben - die ist heldin.

ganz und gar, mit jeder zelle authentisch zu sein (bzw. erst einmal zu werden und dann zu bleiben) ist die grundvoraussetzung einer heldin. weil schon allein diese haltung auf andere abstrahlt und sie ermuntert und ermutigt, nicht aufzugeben. das gelingt mir nicht immer. aber ich gebe mir mühe. wenn ich dann ab und zu noch energie habe, diese kraft auch für andere einzusetzen, bin ich super-heldin.

3) in welchen lebensbereichen fühlst du dich als heldin?
als alkoholikerin bin ich seit bald 14 jahren abstinent. angesichts meiner oft schwierigen lebensumstände, die sich in dieser zeit nicht verbessert, sondern sehr konkret sehr verschlechtert haben, bin ich da meine eigene heldin.
darüber hinaus bin ich seit mehr als 10 jahren aktiv in der sucht- und rückfallprophylaxe. unter meinem echten namen. ich fürchte, das hat sehr dazu beigetragen, dass ich beruflich keinen fuß mehr in irgendeine tür bekommen habe, dass man mir nichts mehr zutraut. das stigma der "versoffenen schlampe" ist groß - auch wenn ich die niemals war. vorurteile sind hartnäckig, die sanktionen frauen gegenüber sind immer noch härter als bei männern. ich habe damals einfach nicht damit gerechnet, dass es mir nachteile bringt, wenn ich mit meiner überwundenen sucht offen umgehe als kompetente fachfrau in eigener sache. es ist erschreckend, wie ignorant und rückständig manche menschen in dieser hinsicht immer noch sind.

heldin sein bedeutet nicht nur, stark und irgendwie "besser" zu sein als andere - sondern auch rückschläge einzustecken, missgunst zu ertragen und gegenwind auszuhalten. das ist vielleicht das schwierigste daran. weil mich das schon im „echten“ leben sehr viel kraft kostet, bin ich in diesem weblog immer noch anonym. die anonymität ist ein schutz, der - so seltsam das klingt - meiner inneren heldin die existenz erleichtert.

falls ihr weitere fragen habt, könnt ihr mir die unten in den kommentaren stellen. ich werde dann darüber nachdenken und gerne noch das eine oder andere beantworten.


ps.
der tag der heldinnen am 8. und 9. märz 2013 war kein offizieller, sondern als werbewirksamer hinweis aufs eigene programm proklamiert vom TV-sender sixx, dem „frauenfernsehen“ aus dem hause prosiebensat1.

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Sonntag, 21. August 2011

hochbegabt – ganz normal?

eine buchbesprechung

als ich vor knapp fünf jahren endlich den offiziellen iq-test bei mensa in deutschland machte, war ich ziemlich aufgeregt. es dauerte gefühlte monate, bis das ergebnis eintraf: die von mir erzielte sehr hohe hausnummer bestätigte meine heimliche vermutung aus schulmädchenzeiten und überraschte mich nicht wirklich.


das ergebnis schwarz auf weiß zu sehen, von einem psychologen unterschrieben, beruhigte mich ein bißchen. hatte ich meine intelligenz zumindest nicht versoffen in all den jahren.

die beigefügte einladung, dem verein der superschlauen doch bitte beizutreten, schmeichelte mir. ich folgte ihr nicht, weil a) das geld für den jahresbeitrag für hartz-IV-empfängerInnen im regelbedarf nicht vorgesehen ist und b) ich wenig sinn darin sehe, einem verein beizutreten, dessen aufnahmekriterium einzig ein IQ jenseits der 130 ist.

für meinen IQ kann ich nix. ich bilde mir nichts drauf ein. das ist kein 'besser oder schlechter', allenfalls ein wertfreies 'anders': angeboren wie meine grünen augen. ich kann weder das eine noch das andere ändern. höchstens kaschieren. es ist wie es ist. ich gehe damit um.

der brief mit dem ergebnis verschwand in einem ordner. ich hatte immer noch keine ahnung, was es mit der diagnose „hochbegabung“ tatsächlich auf sich hat – mal abgesehen von der tatsache, dass man dann vielleicht schneller rechnen kann.

erst durch mein blog und speziell eine meiner leserinnen entdeckte ich vor rund zwei jahren das thema für mich neu. ich las „Jenseits der Norm – hochbegabt und hochsensibel“ von Andrea Brackmann. das buch war eine offenbarung für mich. eine buchbesprechung habe ich damals im begabungsblog von Nathalie Bromberger veröffentlicht.

der klett-cotta verlag mochte meinen beitrag und war so nett, mir auch das zweite buch von Andrea Brackmann zuzusenden: „Ganz normal hochbegabt – Leben als hochbegabter Erwachsener“. so rasch nach dem ersten gelesen stand da für mich nicht viel neues drin. durch meine anstrengende situation als hochschulsekretärin war ich viel zu sehr mit mir selbst beschäftigt. für die einzelnen schicksale anderer „betroffener“ hatte ich damals weder kopf noch nerven.

als ich mich neulich dabei ertappte, dass ich im zusammenhang mit einer anderen diagnose an die hiesige universitätsklinik schrieb „im übrigen möchte ich darauf hinweisen, dass ich an einer hochbegabung 'leide'“ - habe ich mich an Brackmanns buch wieder erinnert und zog es von ziemlich tief unten aus dem bücherstapel auf meinem nachttisch hervor.

erstens darf es doch nun wirklich nicht sein, dass ich an meiner brillanz leide. zweitens tue ich auch Frau Brackmann damit unrecht und all den autorInnen in ihrem buch, die so offen von den freuden und qualen ihrer eigenen intelligenz berichten.

manchmal brauche ich einfach gleichgesinnte mit ähnlichen erfahrungen, um mich selbst wieder ins lot zu rücken. das ist wie mit der selbsthilfegruppe für trockene alkoholikerInnen. es hilft.

es hilft, darüber zu lesen, dass auch andere 'superhirne' nicht zwangsläufig erfolgreiche überflieger sind. damit hadere ich ja sehr: dass mein potential so brachliegt, weder gefordert noch gefördert (und vor allem: nicht angemessen honoriert) wird. dass ich andererseits ganz oft die schnauze voll habe davon, ständig 'denken' zu müssen und niemals abschalten zu können. bisweilen würde ich am liebsten auf einem niveau von, sagen wir: IQ 78 dahindümpeln. ruhe haben im kopf. nicht ständig alles hinterfragen und auch noch dem letzten i-tüpfelchen auf den grund gehen müssen; statt dessen die welt und das leben nehmen wie es kommt. zwar leicht debil sein, aber zufrieden.

die mit einem hohen IQ einhergehende hohe empfindsamkeit, von der ich niemals pause habe, erklärt auch – zum teil – meinen hohen alkoholkonsum über jahrzehnte hinweg: wenn es mir zu viel wurde, habe ich meine sinne mit alkohol betäubt, die immer grellen wahrnehmungen gedämpft und weichgespült. das erklärt auch, warum es mir jetzt, auch nach jahren ohne droge – in dieser hinsicht schlechter geht als vorher: meine wache belastbarkeit beträgt nur einen bruchteil von der im betäubten zustand. ich 'funktioniere' nicht mehr so 'gut' wie früher; musste lernen und lerne immer noch, meine eigenen grenzen überhaupt erst wahrzunehmen, sehr viel enger zu stecken als ich es mir für mich selbst wünschen würde – und mich damit abzufinden, dass ich meinen eigenen hohen ansprüchen niemals mehr werde gerecht werden können.

Andrea Brackmanns buch hilft mir also sehr, noch einmal aus verschiedenen blickwinkeln beleuchtet zu erfahren, dass hochbegabte z.b. nicht nur 'schneller denken' können, sondern auch ein vielfaches an informationen aufnehmen und dieses viele obendrein auch noch heftiger empfinden: dadurch mehr verarbeiten müssen und in manchen bereichen leichter überfordert und auch oft langsamer sind als 'normal begabte'.

außerdem wäre frau Brackmann nicht sie selbst, wenn sie das runde dutzend sehr berührender lebensgeschichten von hochbegabten erwachsenen einfach nur kommentarlos aneinandergereiht hätte.

während hochbegabte kinder immer häufiger frühzeitig als solche erkannt werden und eine angemessene förderung erhalten, geht man bei erwachsenen scheinbar immer noch davon aus, dass es sich 'irgendwann auswächst'. das tut es jedoch nicht. es bleibt uns erhalten!

ebenfalls im buch zu finden sind daher hinweise zum aktuellen stand der forschung, tipps und anlaufstellen; dazu eine übersicht samt kritischer bemerkungen zu den gängigen IQ-tests und – für mich mit das wichtigste: eine sehr einfühlsame zusammenstellung der wichtigsten merkmale von hochbegabung mit den allerschönsten verhaltensempfehlungen, damit umzugehen, ohne ständig sich selbst zu zerfleischen.

meine lieblingsstelle kommt fast am schluss: die liste der sogenannten 'häßlichen wörter'. dabei handelt es sich um eine beliebig erweiterbare aufzählung von meist 'sozialen' situationen, die für menschen mit hochbegabung oft nur schwer auszuhalten sind. ich zitiere: „Betriebsausflug, Großputz, Stuhlkreis, geselliges Beisammensein, Supermarktmusik, Schützenfest, runde Geburtstage, Höflichkeitsfloskel, Schwimmbad, Großraumbüro ....“

ich empfinde es als sehr wohltuend, mich zu solcherlei nicht mehr zwingen zu müssen, nur weil alle anderen das normal finden; statt dessen nun endlich sagen zu dürfen „nein danke, das ist nichts für mich“ und mich an derlei aktivitäten nur noch zu beteiligen, wenn es überhaupt gar nicht anders geht. oder früher zu gehen, wenn es mir zu viel wird und für danach ausreichend pause zum kräftesammeln einzuplanen.

ebenfalls wohltuend die erkenntnis, dass solcherlei 'hochbegabte empfindlichkeiten' weder durch therapie noch durch mehr selbstdisziplin kurierbar sind. ich bin und bleibe eine empfindliche zicke. das erleben der eigenen hochbegabung und der umgang damit sind täglich neue herausforderungen, vermutlich bis an mein lebensende und ohne pause.

diese aussicht ist nicht gerade beruhigend. aber mit meinem kreativen hochleistungsgehirn dürfte auch das zu schaffen sein.


Andrea Brackmann
Ganz normal hochbegabt
Leben als hochbegabter Erwachsener
Klett-Cotta Leben!
ISBN 978-3608860061
derzeit 14,95 €

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Montag, 4. Juli 2011

suchtgedächtnis

„paket vom optiker!“ der postbote sang es schon im treppenhaus und kriegte sich gar nicht mehr ein: „paket vom optiker!“ strahlend überreichte er mir den schmalen karton. als ob er den inhalt bestens kannte. ich hingegen war total überrascht.

„ein paket vom optiker?“ dachte ich. „komisch. die brille habe ich doch längst abgeholt. die wäre auch nicht so groß und so schwer.“ ich trug sie auf der nase, dreizehn gramm leicht.

langsam ging ich die stufen zu meiner wohnung hoch, betrachtete das paket von allen seiten. „hab' ich etwa was gewonnen?! na, das kann ja heiter werden.“



dann erinnerte ich mich, dass ich mich über die neue brille beschwert hatte. aus optischen gründen. wenn ich damit vor dem pc sitze, ist es eine verschwommene qual statt scharfsichtiger klarheit. als entschuldigung hatte man mir ein kleines präsent versprochen.

also eine entschuldigung sollte in meinem paket sein. quadratisch. länglich. schwer. zerbrechlich. ich hatte keine ahnung. wirklich nicht. ich rätselte: „hoffentlich ist das nicht irgendeine häßliche blumenvase in brillenform ….“ - bei meinem glück mit geschenkten gäulen ein durchaus berechtiger gedanke.

wieder in der wohnung, machte ich mir erst einmal einen kaffee. das ist so ein altes magisches denken von mir. je länger es mir gelingt, meine neugier im zaum zu halten und geduldig zu sein, umso besser wird der inhalt von briefen und paketen. da bin ich mir sicher! zumindest wird er weniger schlimm.

während der kaffee sich machte, legte ich mein altes päckchen- und brieföffnermesser schon mal zurecht. nach dem ersten schluck milchkaffee – aaaah! noch einmal tief luft holen und dann ran an die verpackung. ich liebe geschenke und war voller vorfreude!

ihr seht, was drin war im karton: eine flasche champagner. veuve emille brut. nicht gerade der allerteuerste, aber ein solides gesöff.

shice.

es hätte doch echt mal ein geschenk sein können, über das ich mich richtig freue und das ich auch behalten darf. statt dessen schickt mir der optiker die tödliche versuchung - und das auch noch in zeiten allerdünnster haut.

ich hätte den champagner gerne getrunken. sekt und champagner habe ich früher sehr geliebt. weil der nicht betrunken macht (dachte ich), sondern leicht und heiter, ein bißchen 'kieksig'. auch nach fast zwölf alkoholfreien jahren weiß ich noch genau, wie lecker das schmeckt. und wie schön der kribbelt, nicht nur in meinem bauch. ooh ja!

nur zu gern würde ich mir wieder mal die kante geben, ferien haben zumindest im kopf und den ganzen ollen lebenskokolores einfach für eine weile vergessen dürfen.

aber von sucht gibt es – genauso wie von erwerbslosigkeit - keinen urlaub. wenn ich jetzt wieder anfange, wäre es vorbei mit meiner würde, der anfang vom ende.

es würde nicht bleiben bei dem einen glas, der einen flasche. selbst, wenn ich es noch so wollte. eine zeit lang würde es vielleicht gehen. aber dann würde ich mehr wollen. viel mehr. so viel, dass ich ratzfatz wieder auf meinem damaligen level wäre von mindestens einer flasche wein am tag und darüber hinaus.

das nennt man suchtgedächtnis. das suchtgedächtnis ist ein ziemlich komplexer vorgang. es hat nichts zu tun mit 'charakterschwäche', wenn eineR nicht mehr aufhören kann nach dem ersten glas.

der körper will mehr, nicht die psyche. das suchtgedächtnis ist eingebrannt in den synapsen und sonstewo, quasi unlöschbar auf meiner internen festplatte. nicht bloß im arbeitsspeicher. auch kein fehler im betriebssystem, der mit einem flotten update dauerhaft zu beheben wäre.

nix da. es hat mit dem ADH zu tun. und mit dem MEOS.

wissenschaftlich kann ich das nicht erklären, dazu fehlt mir der hintergrund. aber ich kenne die groben zusammenhänge. die vorgänge in meinem körper, die mit alkoholkonsum und alkoholabbau zu tun haben, stelle ich mir vereinfacht vor wie einen netten kleinen zeichentrickfilm.

oder einen film von woody allen: „was sie schon immer über alkohol wissen wollten, aber sich nie zu fragen trauten, weil sie angst haben, ganz damit aufhören zu müssen, sobald sie die antwort kennen.“

der // zeichentrickfilm // geht ungefähr so:

wenn ich alkohol in meinen körper schütte, sind das anfangs sehr nette, lustige gesellen. das macht erst mal spaß. aber je mehr davon und je länger die in meinem körper in den blutbahnen und sonstewo zirkulieren, umso mehr verwandeln sie sich in brutale rabauken. sie grölen und prügeln, die reinsten stoffwechsel-hooligans.

dann schreit das gehirn: „was ist denn das für eine schlägertruppe?! die wollen wir nicht mehr, die sind ja giftig! leber! mach was!“

dann macht die leber was: sie produziert das alkohol-abbau-enzym alkoholdehydrogenase, kurz ADH. der magen hilft ihr dabei.

die zwei sind ein gutes team und putzen schön was weg. die jungs werden zahm, schlafen ihren rausch aus und am nächsten morgen geht es uns wieder gut.

wenn wir jetzt aber noch mehr alkohol-jungs oben reinlassen, dann machen die beiden irgendwann schlapp. so viel arbeit auf einmal, daran sind sie nicht gewöhnt. die folge?

am nächsten tag geht es allen körperteilen dreckig. am schlimmsten ist es im kombinierkästchen: da haben wir einen kater. das ist so ein fieses fettes tier, dass einem schwer auf dem kopf rumhängt, seine krallen in unsere kopfhaut schlägt und den schwanz vor unseren augen hin und her baumeln lässt. ihr wisst schon: verirrte, schlecht gelaunte alkoholjungs randalieren in den blutbahnen.

wenn das passiert, dann kriegt die leber eine krasse diskussion: „ey du faule leber, hasse nich' genug enzym? jetz' gehz uns konkret dreckig und du bisse schuld, du fette assibratze! servier das nich' noch mal, sonz messer isch disch krankenhaus. ischwör...“

die leber kann zwar nix dafür, wenn jemand anders so viel alkohol in ihren körper kippt, aber sie hat keinen bock auf prügel. sie schweigt und merkt sich, wieviel enzym sie produziert hat und dass das zu wenig war. beim nächsten mal produziert sie dann mehr und schneller.

wenn noch mehr alkohol kommt und noch mehr, dann schafft die leber das nicht mehr alleine. auch nicht, wenn der magen ihr hilft. dann delegiert sie einen teil von den saufjungs ans MEOS.

das geht nicht von heute auf morgen. es braucht eine gewisse gewöhnung, viele wiederholungen größerer alkoholischer raufboldclubs, immer wieder, über längere zeit. die leber ist ein toughes stück. bei erwachsenen menschen dauert das ungefähr fünf bis fünfzehn jahre. bei jugendlichen im alter von 15 – 25 jahren dauert es fünf bis fünfzehn monate, und bei kindern unter 15 hat die leber den bogen schon nach fünf bis fünfzehn wochen raus.

dann weiß sie bescheid, wieviel sie selbst produzieren muss und wieviel das MEOS übernehmen muss, so dass alle alkoholjungs unschädlich gemacht werden. weil sie so viel braucht, dass sie sich dann keine pause mehr gönnen darf, wenn sie mal angefangen hat, produziert sie quasi in vorauseilendem gehorsam immer sofort die zuletzt benötigte höchstmenge, sobald auch nur ein tropfen alkohol in ihre nähe kommt.

immer. alkoholjungs im anmarsch? zwei? na dann mal los! gestern waren es am ende achtundzwanzig! MEOS, du auch, mach hinne!

wenn also wieder 28 alks kommen, ist alles paletti, die leber packt ihr pensum, das MEOS übernimmt den überschuss.

ungefähr in dem augenblick, wo die leber ADH nicht mehr nach bedarf, sondern auf vorrat produziert und das MEOS sich einschaltet, übernimmt das suchtgedächtnis die kontrolle. genau das ist der 'point of no return'. die sucht ist ausgebildet, irreversibel.

leider hat nämlich die leber ein besseres gedächtnis als jeder elefant. sie wird den zuletzt erreichten höchststand nie wieder vergessen! nie. nicht nach einer alkoholfreien woche, nicht nach einem monat oder einem jahr, auch nicht nach zehn oder zwanzig abstinenten jahren. dieses leberluder ist nachtragend bis an unser lebensende.

zu dumm. wenn jetzt nämlich ich oder ein anderer alkoholsüchtiger mensch mal wirklich weniger trinken will als die übliche tagesdosis, dann kommt zwar die leber damit klar – aber nicht der rest vom body. weil die leber unaufgefordert ihr höchstpensum produziert, sobald sie einmal angefangen hat. auch wenn wir das ausnahmsweise mal nicht brauchen.

ist aber noch 'unbenutztes' alkoholabbauenzym vorhanden, dann ist die leber 'sauer' und beschwert sich bei den synapsen im hirn: „ey, ihr da oben! wozu mach ich mir denn hier die ganze enzymproduktionsarbeit!? guck mal, so viel übrig, steht hier alles noch rum! das schütte ich jetzt aber nicht weg. schick mehr alkohol!“ und schon ist es vorbei mit meinen guten vorsätzen „heute trinke ich aber mal weniger alkohol.“

tja. netter versuch, mal nur ein glas champagner trinken zu wollen statt wie sonst – oder wie früher - immer die ganze flasche. zu dumm aber auch, dass meine leber sich sofort daran erinnern würde, wieviel sie damals - zu meinem letzten lustigen besäufnis im sommer 1999 - zuletzt gebraucht hat.

// ende des zeichentrickfilms //

für mich ist es eine große erleichterung, um diese inneren stoffwechsel-zusammenhänge der alkoholsucht zu wissen. es hat mir geholfen, von dem seltsamen anspruch wegzukommen, den viele menschen an trockene alkoholikerInnen haben und den diese auch - aus falschem ehrgeiz, unwissen oder scham - an sich selbst stellen:

irgendwann mal wieder 'normal' trinken zu können, wenn ich nur tapfer lange genug abstinent bin. pustekuchen! das wird niemals funktionieren, never ever niemals nicht. eine kurze zeit lang vielleicht. aber über kurz oder lang lässt die eigene leber mir gar keine andere wahl, als wieder so viel zu trinken wie damals am schluss. bloß damit sie ihr zeugs los wird.

deswegen ist es für trockene alkoholiker nicht nur 'leichter', überhaupt keinen alkohol zu trinken als nur ab und zu ein glas. es ist die einzige möglichkeit, um die sucht auf dauer im zaum zu halten.

genau deswegen bleibt auch mein champagner zu. schließlich ist mein name nicht „ame weinhaus“ - sprich: ['eimi 'wainhaus]; falls ich mich jemals wieder auf eine bühne oder vor ein mikrofon stelle, dann sicher weder torkelnd noch lallend. in dieser hinsicht ist Amy Winehouse kein vorbild für mich. aber ihre stimme, hach! ihr song über die rehabilitationsverweigerung ist grandios. absolut typische, nasse suchtdenke!



ich überlege also noch, was mach ich mit der flasch?! es ist ein bißchen gefährlich, die in meiner wohnung stehen zu lassen. ein bißchen sehr gefährlich sogar. man sollte es nicht meinen, aber das ding im karton in der hintersten ecke des büroschranks zwickt mich.

zum wegwerfen ist sie mir zu kostbar – dafür lebe ich zu prekär, und champagner ist schon was besonderes für mich. die witwen-brause einfach nur an die/den erstbesteN zu verschenken, fände ich ein bißchen .... schade drum. bei ebay verkauft es sich schlecht, das habe ich schon recherchiert. eintauschen gegen 7-zwerge-kindersaft geht leider auch nicht.

soll ich eine tombola veranstalten? oder einen wettbewerb? was meint ihr? was mach' ich bloß mit der droge!?


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