Achtung. Achtung. Achtung.
Wir sind umgezogen!

Januar 2021

Das Büro für besondere Maßnahmen ist ab sofort erreichbar auf mojour.de

Nach und nach werden alte Beiträge – ggf. aktualisiert und überarbeitet – dorthin umziehen. Bitte folgen ... :-)

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Montag, 7. Juli 2014

BfbM – ein halbes Jahrzehnt

­Heute vor fünf Jahren habe ich dieses Blog eröffnet, nannte es forsch „Büro für besondere Maßnahmen“ und versprach meinem damals noch nicht vorhandenem Publikum jede Menge 'Unfug en gros & en détail'.

Zum Teil habe ich das erfüllt und Euch an allerlei mehr oder weniger besonderen Maßnahmen teilhaben lassen.

Jubiläums-Berg

Was ich damals nicht hatte, war ein ausgearbeitetes Konzept, und das gibt es bis heute nicht. Ich schreibe einfach drauflos, was mir durch den Kopf geht und aus den Fingern in die Tastatur purzelt.

Mal aus dem Alltag, mal Erfundenes, mal eine Rubrik wie die Rosenworte oder die kurzen Maßnahmen. Ich fange etwas an, fange noch etwas anderes an, höre das eine oder andere auf, setze wieder ein – und auf diese Weise ist das Büro für besondere Maßnahmen über die Jahre wie ein aus Texten und Bildern gewebter Teppich zu einem Spiegelbild meiner Seele und meines Lebens geworden.

Mein Leben ist eben auch so: Nicht planbar. Immer wieder Rückschläge, immer wieder aufstehen, neue Versuche und Experimente, mich neu zu erfinden und irgendwie auf dieser Welt einen Platz für mich zu schaffen, an dem ich mich wohlfühle und bleiben möchte.

Ich bin und bleibe mein eigenes Überrschungspaket – ganz so, wie ich es damals im ersten Beitrag angekündig hatte.  Ich hoffe, ihr nehmt mir das nicht übel.

Nun fällt der 5. Geburtstag meines Blogs – nette Koinzidenz! – auf den 10. Geburtstag des Mietvertrags für meine Wohnung.

Als ich vor einem Jahrzehnt in dieses helle, luftige Dachgeschoss mit der grandiosen, fast täglich sich ändernden Aussicht auf den B-Berg (meinen „Büro-Berg“) einzog, stand ein gigantischer Blauglockenbaum direkt vor meinem Balkon, nur dreieinhalb Meter vom Haus entfernt.

Das Gute daran: Der Specht wohnte darin und kam immer zum Klopfen, zusammen mit vielen anderen Vogeltieren und Insekten. Außerdem hat der Baum mit den großen herzförmigen Blättern das halbe Dach beschattet und meiner Wohnung an heißen Sommertagen zu einem angenehmen Klima verholfen.

Das weniger Gute an dem Baum war: Er verstellte mir die Aussicht und machte die Wohnung dunkler. Meinen Südbalkon beschattete er gar so vollkommen, dass dort nicht einmal Nachtschattengewächse gedeihen wollten.

Aber nicht nur sein Schatten war gigantisch, sondern auch seine Wurzeln. Sie hatten im Lauf der Jahrzehnte das Fundament des Wohnhauses gesprengt. Mehr als 20 cm breite Lücken klafften zwischen den Grundmauern.

Deswegen wurde der majestätische Baum vor zweieinhalb Jahren Stück für Stück abgesägt und abgetragen – nicht einfach nur gefällt, denn dabei hätte er Haus und Garten stark beschädigen können.

Seither habe ich mehr Licht im Büro für besondere Maßnahmen. Das ist schön. Endlich gedeihen auch mediterrane Kräuter wie Thymian und Salbei auf dem Balkon. Es freut mich, dass ich hier oben endlich auch Wohlriechendes in meiner Nase habe – denn der Gestank der dieselgetriebenen Weinbergs-Trecker, die täglich laut und ungezählt unter meinem Balkon den Hügel hinauf in die Reben brettern, ist erheblich.

Nie zuvor habe ich in so lauter und bedrohlicher Atmosphäre gewohnt wie hier auf dem angeblich so idyllischen Dorfe. Dagegen war es in meiner Berliner Wohnung, gleich um die Ecke vom belebten Kurfürstendamm, geradezu totenstill.

Sogar Rosen blühen inzwischen auf meinem Schattenbalkon, drei Stück, in Kübeln. Sie duften! So lange ich hier noch ausharre, will ich es wenigstens schön haben vor Augen und in meiner Nase.

Gleichzeitig reduziere ich meine anderen Habseligkeiten, lasse nicht nur eigenes Körpergewicht sondern auch angesammelten Ballast los, mache mich so leicht wie möglich und suche nach einer neuen Wohnung, die nicht nur mir und der Katze ein Zuhause bietet, sondern auch mindestens einer meiner drei dornigen Begleiterinnen.

Denn nicht nur Blog-Geburtstag und Mietvertrag fallen zusammen, auch mein ungeliebter Vermieter hat ein gigantisches Gefühl für Timing:

Auf den Tag genau zehn Jahre nach meinem Einzug hier legte er mir die Wohnungskündigung in den Briefkasten. Er hat sich einen Eigenbedarf aus den Rippen geleiert, um mich endgültig und beschleunigt loszuwerden.

Seine Enkelkinder sollen hier im Haus übernachten, wenn sie aus der Ferne zu Besuch kommen. Meinetwegen, dann brauchen sie wenigstens nicht mehr an seiner Wohnungstür herumhängen, die armen Würmer. In seiner 140-m²-Butze in der Bel-Etage geht das natürlich nicht, zu eng! Deswegen kündigt er mir, obwohl die dritte Wohnung im Haus wegen einer kürzeren Kündigungsfrist viel schneller zu haben wäre und obendrein im Erdgeschoss liegt, mit Terrasse und Gartenzugang - was für Kleinkinder ja gewiss günstiger wäre als ein Feriendomizil unterm Dach …

Ihr erinnert Euch? Der Quetschenquäler hasst mich, weil ich nicht bereit bin, ihn zu jeder Tages- und Nachtzeit in meine Wohnung zu lassen, wenn er sich nicht vorher angekündigt hat. Er hasst mich noch mehr, weil ich mich von ihm weder anbrüllen noch herumkommandieren lasse. Er hasst mich ohne Unterlass, weil ich es nicht in Ordnung finde, wenn er mir ohne Vorwarnung für Stunden das Telefon abstellt und die Internetleitung kappt, weil er 'mal eben kurz' was reparieren muss. Er brüllt mich an und knallt mit den Türen, hat mich im Keller schon mit dem Messer in der Hand bedroht, ein ander Mal auf der Treppe angerempelt und fast zu Fall gebracht.

Sein „Eigenbedarf“ ist natürlich vorgeschoben, um mich loszuwerden. Mit anwaltlicher Unterstützung kann und werde ich dagegen vorgehen – falls ich wirklich keine andere Wohnung finde und mehr Zeit brauche … Denn die Atmosphäre hier macht mich schon lange krank, ich muss und will hier sowieso raus, samt Katze und Kräutern und Duftrose – und irgendwie kriege ich das schon hin. Trotz allem. Trotz posttraumatischer Belastungs- und "halbautistischer" Reizfilterstörung, trotz Depressionen, trotz Erwerbslosigkeit und kontinuierlicher Unterkapitalisierung.

Mein Leben hier im Haus der katholischen Spießer ist schon viel zu lange viel zu sehr vergiftet und viel zu belastend für mich. Seit Jahren werde ich gemobbt, nicht gegrüßt, böse angesehen, ignoriert, beschimpft, beleidigt, respektlos behandelt. Diese Vermieter sind Krafträuber erster Güte.

Ich suche schon lange eine andere Wohnung (muss ja auch, von Amts wegen) und setze seit Jahren alle mir möglichen und verfügbaren Hebel in Bewegung, auch wenn die mir unendlich klein und unzureichend erscheinen, wenn Angst und Alpträume mich nicht schlafen lassen, in Hass und blutiger Selbstverletzung enden. Es wird, es muss mir gelingen, für mich endlich einen Platz zu finden, an dem ich in Frieden leben kann.

Der Umzug selbst wird eine gigantische "Besondere Maßnahme" werden. Irgendwie werde ich es überleben. Wie alles andere auch.

Das bin ich mir und diesem Blog schuldig. Bis es so weit ist, bitte ich um Verständnis, wenn ich hier weiterhin etwas „auf Sparflamme“ köchle. Ich habe so viel zu sagen und zu erzählen, aber es ist meist so belastend für mich, dass mir die Kraft zum Aufschreiben fehlt.

Vorerst freut Euch bitte weiterhin über mehr oder weniger kurze Rosenworte und den harmlosen Katzen-Kontent "nebenan" bei Ginivra.

Auf die nächsten fünf Jahre!

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Freitag, 13. Juni 2014

Freitag der Dreizehnte

- eine Fortsetzungsgeschichte, garantiert ohne Fußball! -

„Freitag, der Dreizehnte“ - das ist für mich kein Datum, das mir Angst und Schrecken macht. Erst recht nicht, wenn gleichzeitig auch noch Vollmond ist. Ich habe schon „Donnerstage, den Zwölften“ erlebt, die weitaus Schlimmer waren.

Dennoch ist es natürlich immer eine nette Koinzidenz, wenn an diesen „besonderen“ Tagen auch etwas „besonderes“ passiert. So wie die Betriebsfeier vor genau einem halben Jahr. 

B-Berg bei Vollmond
mit kühlen Nebelschwaden



Aus der aktuellen, schwülen Sommerhitze dürft Ihr Euch dafür zurückversetzen in den mild-kühlen Dezember 2013, der hier im Dreyeckland besonders grau und neblig war.

Die Betriebsfeier I

Es begab sich im vergangenen Jahr, Mitte Dezember. Den ganzen Tag über hatte Nebel im Tal gehangen so dicht, dass wir nicht einmal mehr eine Kirche im Dorf hatten.

Dieser Freitag war für mich ein freier Tag. Ich erledigte meinen Haushalt, sortierte allerlei Papier und aß wenig, denn für den Abend war ich einge­laden: Weihnachtsfeier bei meinem neuen Arbeitgeber.

Erst seit zwei Monaten gehörte ich zum Team und freute mich auf die Gelegenheit, einmal alle beieinander zu sehen und vor allem darauf, meine direkten KollegInnen und Vorgesetzten auch privat ein wenig kennenzulernen. Dafür war im Arbeitsalltag bisher kaum Zeit gewesen.

Die Fotos an der Pinwand in der Betriebsküche stammten von voran­gegangenen Betriebsfeiern und ließen auf eine feier- und trinkfreudige Truppe schließen. Mir wurde ein bißchen mulmig.

Menschenansammlungen überfordern mich schnell, noch dazu viele neue Gesichter - und das alles in einer fremden Umgebung, auf die ich mich nicht einmal einstellen konnte: Der Ort der Veranstaltung blieb geheim und sollte für alle eine Überraschung sein. Treffpunkt war in der Firma um 19 Uhr.

Habe ich eigentlich schon erwähnt, dass ich Betriebsfeiern und andere Gruppenveranstaltungen sonst möglichst meide? Wenn eine beim stei­genden Pegel an Alkoholisierung nicht mithalten kann, wird sie schnell zur Außenseiterin.

Um mich ein wenig abzusichern, hatte ich am Tag zuvor die Kollegin gefragt, was mich denn anlässlich einer Weihnachtsfeier so erwarten würde - und entschlossen hinzugefügt, dass ich auf keinen Fall bereit sei, irgendwelche rot-weißen Coca-Cola-Kostüme zu tragen, Gedichte aufzu­sagen oder Weihnachtslieder-Karaoke zu singen. Neinnein, so etwas habe es noch nicht gegeben. Vermutlich würde man gemeinsam irgendwo in der Nähe zum Abendessen gehen.

Ich war halbwegs beruhigt, machte mich Diva mit Perlenkette, fuhr durch den immer noch dichten Nebel in die Nachbarstadt. Als ich das Auto am Firmengebäude abstellte, staunte ich nicht schlecht.

Vor dem Portal stand ein riesengroßer Bus des örtlichen Reiseveran­stalters. Leider kein bequemer Luxusliner, sondern die eher ungemütliche Holzklasse, wie sie auch auf Linienfahrten im Nahverkehr eingesetzt wird. Trotzdem: Der war für uns. Interessant! dachte ich. Wir machen sicher einen Ausflug in die Umgebung und gehen Essen an einem ungewöhnlichen Ort, wo ich noch nie war! Wie umsichtig und umweltfreundlich, uns nicht alle einzeln mit dem eigenen, privaten Pkw anreisen zu lassen!

Bis alle eingestiegen waren, das dauerte. Es wurde noch gewartet auf zwei KollegInnen, die letztlich doch nicht kamen. Dann endlich, durch den Nebel! Wir schaukelten in dem ungemütlichen Bus genau die Straßen entlang, die ich gerade erst hergefahren war.

Es ging also nicht aufs Land, sondern Richtung Stadt? Die Spannung stieg, die Vermutungen brodelten: Ins Colombi? Ein geheimnis­volles Dunkeldinner? Ein gemeinser Theaterbesuch? Oder doch ein Sternerestaurant irgendwo auf dem Blauen?

Nach rund sechs Kilometern – wir passierten gerade meinen Wohnort – hieß es, die verspäteten KollegInnen seien nun doch noch bei der Firma eingetroffen und warteten dort. Man werde zurückfahren und sie ein­sammeln.

Habe ich eigentlich schon erwähnt, dass mir vom Busfahren leicht übel wird? Das war schon als Kind so und hat sich bis heute trotz vieler Bus- Konfrontationstherapien nicht gebessert.

Also kehrten wir bei nächster Gelegenheit um, fuhren auf einer parallel verlaufenden Landstraße zurück. Durch den Nebel. Die ganze Truppe war zusehends irritiert. Am meisten irritiert aber war die Assistenz der Geschäftsführung, die den ganzen Abend zwar ebenso geheim, aber doch ganz anders geplant hatte.

Nach einer guten halben Stunde Nebeltour im unbequemen Schaukelbus landeten wir also wieder in unserer Ausgangsstraße. Hielten jedoch nicht vor dem Firmensitz, sondern vor dem Edeka schräg gegenüber. Aussteigen! Ratlose Gesichter. Was jetzt? Gemeinsames Einkaufen? Es war vor Acht, der Supermarkt noch geöffnet.

Habe ich eigentlich schon erwähnt, dass ich Supermärkte wegen des lauten Gefiepes an den Kassen möglichst meide? Meine empfindlichen Ohren kriegen davon Gehörgangskrebs.

Nicht vorne herein, nein! An der Hintertür wurden wir empfangen und ins obere Stockwerk geleitet. Es stockte auf der Treppe, dicht gedrängt standen wir in einem kleinen Foyer, vorne sah ich jemanden mit der Videokamera hantieren.

Cut.
Eine hungrige Stunde lang warten und durch den Nebel fahren, um genau 150 Meter weiter wieder auszusteigen.
Wozu das alles?!
Wird es jetzt endlich etwas zu essen geben?


Eine Fortsetzungsgeschichte gab es vor ein paar Jahren schon einmal. Das erlaube ich mir immer dann, wenn ein Text entstanden ist, den ich für zu lang halte, um ihn „am Stück“ im Blog zu veröffentlichen.

Vielleicht mögt Ihr bis zur nächsten Folge der „Betriebsfeier“ ja den japanischen „Junineumond“ anschauen, eine Memoire aus meiner Zeit als Studentin in Japan. Die Geschichte spielt im sommerlich heißen Kyoto, vor ziemlich genau 24 Jahren.

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Montag, 24. Februar 2014

Sein oder nicht sein

- Rosenworte zum Montag - 

Bei einer Rose beschwert sich niemand, wenn sie im Winter nur ein stacheliger Stock ist mit Nichts dran. Rosen sind eben so.

Leuchtende Aprikola (W. Kordes' Söhne 2000)

Wenn das einmal anders ist - so wie in diesem milden Winter, als ich vergangene Woche bei einem Besuch in Düsseldorf blühende Rosenstöcke sah, mitten im Februar - dann freut und wundert man sich darüber. Niemals aber würden wir dann von allen anderen Rosenstöcken erwarten, jetzt gefälligst auch sofort zu blühen und sie aus dem Garten rupfen, wenn sie das nicht tun.

Bei Menschen ist das anders, wir sind einem ständigen Druck ausgesetzt, uns zu optimieren und pausenlos Höchstleistung zu vollbringen. Wenn einmal unter größter Anstrengung eine Höchstleistung erreicht wurde, wird diese Höchstleistung ab sofort zur Norm erhoben. Und wehe, du fährst dann nicht für den Rest deines Lebens Vollgas. Immer! Man darf dann gar nicht mehr "normal" sein!

AutotechnikerInnen und VerkehrsexpertInnen wissen, dass das fürs Auto schlecht und für Menschen lebensgefährlich ist. Solcherlei Gelassenheit wünsche ich mir auch im mitmenschlichen Umgang. Jeder hat gute und schlechte Tage.

Deswegen gilt in jeder erdenklichen Hinsicht.:

Man muss nicht da bleiben
wo man nicht sein darf
wie man ist.

Im Gegensatz zu den fest verwurzelten Rosenstöcken können wir uns selbst bewegen, können jederzeit einen neuen Standpunkt einnehmen - geographisch, emotional, intellektuell.

Es wird Zeit.


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Montag, 23. September 2013

romy

- rosenworte zum montag -

es wäre ihr 75. geburtstag heute. sie hat rosen sehr geliebt. ihr leben war nicht immer nur rosenduft.

Charles Austin (David Austin, 1973)

Romy Schneider wollte von ganzem herzen sie selbst sein, wollte respektiert und geliebt werden, wie sie wirklich war. auch wenn das anderen, die sie gerne lebenslänglich als Sissi gesehen hätten, nicht immer ins konzept passte. sie blieb konsequent. bis zum schluss.

"Manchmal muß man einfach nach seiner Nase gehen.
Auch wenn man sie sich dabei mal einschlägt." 


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Donnerstag, 5. September 2013

dos 14

im leben einer alkoholikerin ist der erste nüchterne tag sehr wichtig, erst recht, wenn er in ein lange zeit alkoholfreies leben führen soll. im allgemeinen weiß eine das erst hinterher, für WIE lange. bei mir werden es heute vierzehn jahre.

archivbild: leicht verkatert, aber genußfreudig
 (*, **)

manche nennen diesen tag ihren „zweiten geburtstag“. für mich passt das nicht, denn ich bin nicht ein zweites mal geboren. ich war vorher nicht tot und auch nicht lebensunfähig. mein geburtstag bleibt mein geburtstag, das war eine einmalige angelegenheit.

ich nenne diesen jahrestag heute meinen „dry day“. gestern vor 14 jahren habe ich wissentlich und willentlich die letzten alkoholhaltigen getränke zu mir genommen, in bester gesellschaft und zu einem phantastisch leckeren essen: einen feinen brut d'alsce, den heiteren sancerre. einen soliden hennessy zum schluss. lecker war's. adieu.

dass ich nie wieder damit angefangen habe, trotz bisweilen ziemlich widriger lebensumstände, dazu muss ich mir mal kurz selbst auf die schulter klopfen.

ich habe damals aufgehört, weil ich mir im spiegel wieder grade in die augen sehen können wollte.
meiner würde wegen.
weil ich so manches so satt hatte.
dass ich mich nicht mehr auf mich selbst verlassen konnte, zum beispiel.

aber es scheint, als sei mein leben auf eine schiefe bahn geraten. just in dem augenblick, als ich beschloss, straight & sober zu sein, um endlich mich und mein leben zu retten.

als ich noch alkohol trank,
war ich beruflich erfolgreich, hatte ich eine sichere wohnung, einen schönen mann, ein eigenes auto.
ich war körperlich fit, habe viel gelacht, und das leben war leichter.

jetzt trinke ich keinen alkohol mehr,
bin schon lange nicht mehr beruflich erfolgreich,
und habe satte 20 kg zugelegt.
die wohnung ist nicht mehr sicher, auch nicht mein 'zuhause',
der schöne mann längst fort,
das auto .... naja. wenn es denn die bezeichnung noch verdient - wird nächste woche 20.

mir ging es noch nie so schlecht in meinem leben - gesundheitlich, finanziell, seelisch, menschlich – wie im letzten jahrzehnt. ich habe keine ahnung und auch nicht mehr viel hoffnung, dass und wie das jemals wieder besser werden soll. von 'gut' wage ich schon gar nicht mehr zu sprechen.

ohne es zu wollen, bin ich in diesen 14 jahren ohne alkohol eine dicke, einsame, mittellose und verbissene alte geworden. eine richtig schlechte partie. manchmal weiß ich wirklich nicht, wozu ich überhaupt noch auf- oder die nächsten fünf minuten überstehen soll.

nur die würde, die mir aus dem alkoholfreien leben erwächst, die habe ich mir bewahren können. auch wenn das jobcenter seit jahren alles ihm mögliche veranstaltet, um mir auch das noch zu nehmen.

meine würde ist ein verdammt trocken brot.


*
ich löffle ein eis. und ich trage diesen schicken weißen taxifahrer-handschuh, weil ich im sommer eine sonnenallergie an den händen habe ....

**
das copyright für dieses foto gehört ausnahmsweise mal nicht mir, sondern jemandem, den ich grade nicht um erlaubnis fragen kann. hey CR, falls dich das bild hier nervt, just tell me.
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Freitag, 30. August 2013

innenspiegel

jeden tag aufs neue nehme ich mir vor: „aber heute schreibe ich endlich etwas in mein blog.“ und dann schaffe ich es doch wieder nicht.

Spiegellichter

nicht, weil mir die zeit dazu fehlte. nicht, weil mir die themen ausgingen. nicht, weil ich nichts mehr zu sagen hätte. ganz im gegenteil: das, was ich sagen will, ist zu viel. ich drohe daran zu ersticken und weiß nicht, wo ich anfangen soll.

es ist so schrecklich viel und so schrecklich schmerzhaft, dass ich es einfach nicht aufschreiben kann. weil mein eigenes leben mich so dermaßen triggert und fertig macht, dass ich über der tastatur heule und spucke, bis die platine geflutet ist.

angst, verzweiflung, hass und wut lösen sich ab, wohnen ganz nah beieinander. ich weiß keinen ausweg.

viel zu viel.
aber wenigstens mal ein zwischenstand:

die vom jobcenter angekündigte sanktion von neulich habe ich abwenden können. panik und schrecken bleiben. weil diese behörde mit ihren demütigungen und schikanen am längeren hebel sitzt. ich kann es mir nicht leisten, einfach mal eben für ein paar monate auf das existenz-minimum zu verzichten.

die neue arbeitsvermittlerin, frau Nicola, findet ihre art und weise, mir gleich mal eine sanktion anzudrohen, bevor wir uns auch nur guten tag gesagt haben, ganz normal. ich sei die erste, die sich darüber beschwert. weder konnte sie nachweisen, dass sie die erste einladung, die sie mir angeblich geschickt hat, auch ausgedruckt hat („das passiert irgendwo zentral und wird dann gleich verschickt“), noch dass der brief abgeschickt wurde („das wäre doch viel zu teuer, alles mit einschreiben zu verschicken“). erst recht nicht konnte sie beweisen, dass ich die von ihr „einladung“ genannte zwangsvorladung tatsächlich erhalten habe. damit war die sanktion zwar vom tisch. aber der schrecken bleibt und sitzt tief. die kundInnen werden bedroht, schikaniert und in verzweiflung gestürzt, um im zweifelsfall ein paarunddreißig euro zu sparen. wie viel brutalität, sadismus, bosheit und hinterhältigkeit braucht ein mensch, um so etwas tun zu können?

frau Nicola entpuppte sich zudem als manipulative, eiskalte und knallharte amtsperson. sie hörte mir nicht zu, ließ keinerlei argumente gelten. die eingliederungsvereinbarung, die sie mir aufzwängte, enthält nur pflichten für mich, mehr als jemals zuvor. von seiten des jobcenters passiert jetzt gar nichts mehr. sie informierte mich nicht einmal, dass ich nun im besonders strengen und repressiven „programm 50 plus“ gelandet bin. das erfuhr ich eher zufällig, als ich die EV später in der beratungsstelle meines vertrauens checken ließ. die EV ist brutal, aber rechtens.

die chance, im jobcenter im markgräflerland auf eine menschliche arbeitsvermittlerin wie die in hamburg lebende Inge Hannemann zu treffen, ist eher gering. hier im südwesten bei den katholischen spießern wird schikaniert, was nur geht.

frau Nicola zwingt mich, völlig sinnlose bewerbungen zu schreiben auf stellen, wo ich niemals dauerhaft arbeiten könnte. bloß damit frau Nicola ihre statistik abhaken kann. nur, dass unter druck bei mir nichts geht. under PRESSure werde ich dePRESSiv. das raubt mir alle kraft für sinnvolles, für eigenes, stimmiges, für kreatives. der druck, den sie ausübt, macht mich krank. ich kann mich nicht dagegen wehren, bin gnadenlos überfordert und stürze kopfüber in die selbstverletzung.

ich reagiere mit depressionen, schlaflosigkeit, zähneknirschen (schon wieder die beißschiene kaputt; vorgestern eine krone vom zahn gebissen), panik, tinnitus, kopfschmerzen. ich kratze mir die haut am kopf, im gesicht, am ganzen körper blutig, ballere mit den fäusten gegen meinen schädel bis es knirscht: „Kind, schlag dir das aus dem Kopf! Du wirst niemals die sein dürfen die du bist!“ - höre ich die böse mutter keifen. die schmerzlindernde rotweinflasche vor meinem inneren auge nimmt gigantische ausmaße an und rückt in meiner phantasie bedrohlich nahe.

wenn ich mit dem auto unterwegs bin, schaue ich mir in den rebhängen ganz genau an, in welcher kurve ich einfach nur stur geradeaus fahren müsste, um den absturz garantiert nicht zu überleben.

neulich nachts visionierte mir sehr plastisch, dass es mir gelungen war, ein wirklich schmerzlos tödliches gift zu finden. ich spritzte es erst der katze und dann mir. danach bin ich sehr friedlich eingeschlafen, die katze in meinen armen.

im traum war ich unendlich erleichtert. umso schlimmer war das erwachen: ich bin immer noch auf dem falschen planeten. erwerbslos. einsam. arm. nichts ist gut. gar nichts.

das resultat ist - mal wieder - eine erschöpfungsdepression, vorstufe von burnout. inzwischen auch fachärztlich attestiert. ich bin krank, falle für wochen aus. durch frau Nicolas druck finde ich erst recht keine arbeit, sondern werde ich von tag zu tag teurer fürs amt und liege der gesellschaft nun wirklich auf der tasche. dafür schäme ich mich in grund und boden.

mehr als achteinhalb jahre hartz4 sind längst mehr, als ein mensch ertragen kann. egal was ich gearbeitet habe seither: ich war immer angewiesen auf ergänzendes ALG2. weil es nur noch billiglohn gibt. für frauen erst recht. völlig wurscht, dass ich abitur und studiert hab, dass ich ne gute ausbildung hab, einen iq weit über 130, vielseitig begabt und kompetent bin. ich finde nichts passendes. meine arbeit ist nichts (mehr) wert. ich ebenso wenig.

neulich gab ich IT-nachhilfe für senioren. 5 öre die stunde. ein ehrenamt kann sich nur leisten, wer auch die ehre hat. 

ehre und sinn des lebens aber sind mir längst abhanden gekommen. ich existiere nur noch, um die gesetzlichen vorgaben und schikanen des jobcenters zu erfüllen. das ist kein leben.

trösten kann mich nicht einmal mehr der gedanke, dass all die gnadenlosen amtsbratzen ebenso wie die politikerInnen aller couleur, die die hartz4-folter für erwerbslose menschen beschlossen und in gesetze gegossen haben, es spätestens auf dem sterbett büßen werden.

der unermeßliche schmerz und terror, den sie millionenfach aussenden, wird auf sie zurückfallen. stück für stück. das ist ein kosmisches gesetz. dann können die frau Nicolas dieser republik sich röchelnd und wimmernd, aber mit rigidem buchhalterstolz auf die sadistisch dumpfe brust klopfen: "ICH habe unzählige unschuldige erwerbslose gefoltert, getriezt und gequält, mit „sanktionen“ und anderen schikanen in den finanziellen, emotionalen und gesundheitlichen ruin getrieben haben. ICH bin ein toller mensch und habe immer getan, was im gesetz steht. ich war eine gute deutsche!“

wie lange noch?

Sonntag, 24. Februar 2013

stundenglas

let us be kind to one another
we can try ….
before the sand does all run out
of the hourglass
(jeremy, 1973)

ich habe diese große sanduhr. ungefähr eine stunde lang rinnt der sand durch die gläserne taille.

vor vielen jahren habe ich sie gekauft, eigentlich zum baden. ich finde das schön, im meersalzigen badewasser zu wannen und dem sand zuzuschauen, wie er unten immer mehr und oben immer weniger wird. oben bildet sich eine vertiefung im sand, unten fließt ein hügel auf. unausweichlich. unaufhaltsam.

dann stelle ich mir vor, wie das wäre ….

Sanduhr & Sorgenpüppchen

ich bin ganz winzigwinzigklein und stehe da oben, innen drin: dort am rand, wo sich im sand der trichter bildet. ich bin so ein männchen im sand, ein sandmännchen. das ist gefährlich! ich muss die ganze zeit achtgeben, nicht den halt zu verlieren, denn sonst werde ich abrutschen und vom abfließenden sand in die tiefe gerissen. ich kämpfe und strample - vergeblich. irgendwann passiert es doch, und ich stürze ab. unausweichlich. unaufhaltsam.

nach dem sturz in die tiefe lande ich zunächst weich auf dem sandkegel in der unteren hälfte, der durch den aufprall kein gleichmäßiger kegel mehr ist. aber das macht nichts. der weiterfließende sand wird das schon ausgleichen. was die perfekte optik der sanduhr betrifft, ist mein absturz kein großes problem.

anders mein persönlicher zustand: augen, mund und nase, haare, hemd und hose sind voller sand. ich habe durst. es gibt kein wasser in der nähe. weder zum trinken, noch zum auswaschen. wasser im stundenglas würde den perfekten, reibungslosen ablauf gefährden wie andernorts sand im getriebe.

jenseits meines sandigen glashauses sehe ich in der ferne blaues wasser blitzen. ich komme nicht heran. die runden wände halten absolut dicht.

zum ausruhen ist jetzt sowieso keine zeit, denn nun muss ich acht geben, nicht verschüttet zu werden. der sandstrahl von oben rieselt stetig auf mich herab. unausweichlich. unaufhaltsam. wenn ich dem nicht geschickt ausweiche, werde ich darunter begraben.

ich kann nur hoffen, dass die obere hälfte bald leer ist. dann kann ich ein wenig zur ruhe kommen. gegen den durst wird mir schon noch etwas einfallen. ich hoffe und bete, dass ich eine verschnaufpause kriege, dass die sanduhr nicht sofort wieder auf den kopf gestellt wird. aber jemand wird kommen und sie umdrehen. unausweichlich. unaufhaltsam.

das leben in der sanduhr ist ein alptraum. es ist mein leben. es ist ein paradox.

es gibt kein entrinnen. das leben quält mich. von frühester kindheit an. ich strample und rackere mich ab, stürze im stundenglas von oben nach unten und wieder hinauf. ich habe großen durst. ich hoffe und hoffe, dass, wenn ich mich ganz besonders anstrenge, es dann irgendwann aufhört, dass es besser wird. aber es hört nicht auf, und es wird nicht besser. mein leben zerrinnt im quarz, der scheuert mir die seele wund. gnadenlos. ich bin sisyphos in der sanduhr.

während ich noch - hermetisch eingeschlossen im stundenglas - als geplagtes sandmännchen von wasser träume, sehe ich mich da draußen genüsslich in der wanne liegen. ich sehe, wie ich mich beobachte. ich beobachte, wie ich von mir gesehen werde. ich bin hier und dort, groß und klein, durstig und satt, innen und außen, zermürbt und entspannt - alles zugleich.

im stundenglas krabble ich im sand, in der wanne liegend sehe ich mir selbst dabei zu. und umgekehrt. ich sehe mir dabei zu, wie mein sandmännchen-ich sich zerquält, und ich …. tue nichts.

das ist seltsam schön und grausam zugleich. ich stelle die sanduhr absichtlich mit etwas entfernung von meiner wanne auf, damit ich dieses imaginäre schauspiel nicht unterbrechen kann, ohne auch mein bad abzubrechen.

während ich mich meiner sanduhr-meditation hingebe, summe ich das lied aus dem film jeremy. jedes mal:

lass uns nett zueinander sein. 
wir können es versuchen. 
bevor aller sand 
aus dem stundenglas geronnen ist.


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Donnerstag, 25. Oktober 2012

suchmaschinen-wunder

kurze maßnahme no 28

mein „Büro für besondere Maßnahmen“ ist im grunde ein ziemliches nischenprodukt.

kein mainstream, keine werbung, keine gutscheine, (fast) keine verlosungen, nur ausnahmsweise produkttests ...

statt dessen viel herz auf der tastatur, ehrliches frauen-leben, erfundene phantasien, höhen und tiefen, feinsinniges, humorvolles, freud und leid, philosophisches, kulturhaltiges, alltägliches, schönes, häßliches, ja sogar katzencontent - kurz: frauen und gedöns.

von allem etwas, aber für spezialinteressierte und suchmaschinen viel zu breit gefächert - so wie ich eben auch als frau und als mensch bin.


umso erstaunter war ich vorgestern, als die statistik mir anzeigte, dass mein blog bei google auf rang 12 steht, wenn man - irgendwo in der nähe von Hannover - das allerwelts-stichwort „Büro“ ins suchfeld eingibt. yeah!

hier im südwesten der republik sehe ich mich bei google nicht mal unter den ersten fünfhundert der ungefähr 230 millionen ergebnisse, geschweige denn unter den top twenty.

Hannover muss ein ganz besonderer ort sein! denn gugle irrt sich nicht. niemals.


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Montag, 22. Oktober 2012

alles auf anfang

das leben kann so ein luder sein.

gerade erst hatte ich gedacht: „jetzt haste aber ne menge erfahrungen gemacht. gerade die letzte war ja mal wieder eine echte herausforderung, zu buchen auf das lebenskonto 'erfahrungen - sollseite'. nun könnte zur abwechslung einmal etwas kommen, das ich aus dem fundus an bereits gemachten erfahrungen locker bewältigen kann - damit ich ein bißchen luft habe, um mich mit aller kraft in die neue stelle einzuarbeiten, gut fuß zu fassen und souverän zu werden ...!“

blühender glücksklee (oxalis tetraphylla)

aber immer dann kommt das leben, watscht mir ins gesicht und sagt „äätsch-bäätsch! ich habe noch was neues für dich!“ ZACK! 

dieses luder.

keine drei monate war ich im medienkonzern, halbtags, als redaktionsassistenz für drei verschiedene redakteurinnen. im grunde musste ich dreierlei jobs neu lernen, für jede einen, ganz unterschiedliche aufgaben in unterschiedlichen redaktionssystemen und software-backends. vielerlei, alles sehr komplex.

obwohl ich als zeitarbeiterin schon fast ein dreiviertel jahr in einer anderen abteilung gearbeitet hatte, kam ich mir vor wie in einer neuen firma. erfahrene kolleginnen sagten: „da brauchst du mindestens ein jahr, um dich einzuarbeiten.“ eine ganz ehrliche kollegin sagte: „um sich wirklich auszukennen, braucht man zwei jahre.“

sehr viel auf einmal, so schnell wie möglich, oft sekundenschnelles hin- und her-switchen: auf emails und kundenanfragen umgehend reagieren; dazwischen komplexe übersetzungen juristischer texte aus dem deutschen ins englische (zu denen eine befreundete diplomübersetzerin gesagt hatte, dass sie sich das nur zutrauen würde, wenn ein muttersprachlicher arbeitsrechtler das gegenliest); gleichzeitig zweierlei portalsforen auf neue einträge überwachen (und beantworten); stundenlanges akribisches prüfen diffiziler textbausteine in der software (ist die englische übersetzung korrekt, stimmt die zuordnung …); das alles und noch viel mehr - im geräuschpegel von teils laut telefonierendem großraumbüro und baustellenlärm vor dem fenster.

unmöglich, mir alles gleich beim ersten mal zu merken. ich habe kein fotographisches gedächtnis. mein mensataugliches hochleistungshirn im overload. ich schwamm. stück für stück fand ich mich ein, tag für tag schaffte ich mir mehr boden mehr unter die füße.

wenn ich nicht weiterkam, fragte ich die kollegInnen. so war es vereinbart. wenn ich fehler machte, wurde ich darauf hingewiesen, hörte zu, lernte daraus. wie das eben so ist in einer einarbeitung.

in den vierzehntägigen rücksprachen mit der redaktionsleitung bekam ich großes lob für meine übersetzungen. von den beiden anderen erhielt ich kein konkretes feedback. „solange nichts negatives kommt, ist alles gut im fluss.“ - dachte ich und strengte mich weiter an.

umso entsetzter war ich, als die chefin in meiner elften woche am neuen arbeitsplatz die rücksprache eröffnete mit den worten: „ich habe schlechte nachrichten für Sie.“ - ?!?!?! - „Sie wissen sicher schon, worum es geht.“ - ?!?!?! - „wir wollen Ihnen kündigen.“ - ?!?!?! - „wir haben uns die entscheidung nicht leicht gemacht.“ - ?!?!?! - „Sie sind zeitlich zu unflexibel (ich war pro arbeitstag im schnitt fast eine stunde länger da).“ - ?!?!?! - „Sie haben überhaupt kein gespür dafür, wann hier viel zu tun ist.“ - ?!?!?! - „Sie haben zum falschen zeitpunkt einen tag urlaub genommen (das war kein urlaub, sondern - auf den vorschlag der chefin hin - das zeitnahe abgleiten von überstunden und mit allen abgesprochen).“ - ?!?!?! - „Sie sind im allgemeinen den belastungen dieser stelle nicht gewachsen.“ - ?!?!?! - „Sie hätten doch merken müssen, dass schlechte stimmung ist.“

dann legte sie mir die kündigung vor (abgezeichnet von dreierlei geschäftsführungen und abgenickt vom betriebsrat). ich hatte den empfang zu quittieren, meinen schreibtisch sofort zu räumen, die mitarbeiterkarte auf den tisch zu legen und das haus zu verlassen.

oh leben, du luder!

ich war geschockt und bin es noch. offensichtlich hatten die drei „herrinnen“ (o-ton chefin) seit wochen und monaten über mich gesprochen - und nicht ein einziges mal mit mir. ich hatte keine chance, stellung zu nehmen und - was auch immer - zu verändern, verhalten oder arbeitsweisen zu korrigieren und anzupassen. statt dessen haben sie meine - angeblichen - defizite gesammelt und mich ins offene messer laufen lassen.

luder.

ich war nicht gut. ich war ihnen nicht einmal gut genug, dass ich ihnen die zeit wert gewesen wäre, meine angeblich ungenügenden leistungen mit mir zu besprechen. ich war scheinbar sogar so dermaßen schlecht und unerträglich und schädlich fürs geschäft, dass man mich lieber von jetzt auf gleich wegschickt - und dafür in kauf nimmt, trotz arbeit im überfluss die stelle nun wieder mindestens sechs wochen lang unbesetzt zu haben, um anschließend mit einer neuen kollegin und der einarbeitung wieder ganz von vorne zu beginnen.

abgesehen von dem schock über dieses unerwartete ende von etwas, das für mich mit ganz viel zuversicht begonnen hat …; abgesehen von der verzweiflung, jetzt wieder ohne eine regelmäßige arbeit dazustehen und dem hartz4-amt aufs neue vollzeit ausgeliefert zu sein …; abgesehen von der trauer, so von jetzt auf gleich einen wichtig gewordenen teil meines lebensinhalts abgeschnitten zu bekommen …; abgesehen von der großen ratlosigkeit, was die entsetzlich große differenz angeht zwischen eigen- und fremdwahrnehmung …; abgesehen von der verunsicherung, wie ich denn nun in meinem lebenslauf elegant unterbringe, dass ich bereits während der probezeit rausgeworfen wurde …

abgesehen von alledem ... bin ich ganz schön wütend!

denn auch, wenn ich jetzt im augenblick überhaupt noch nicht weiter weiß, folgendes ist schon mal klar:

es ist überhaupt nicht schön, dass ich meine arbeit schon nach so kurzer zeit wieder verloren habe. aber es ist überhaupt nicht schlimm, dass ich diese arbeit nicht mehr habe:

in einer umgebung, wo ich ohne hellseherische fähigkeiten ständig angst haben müsste, das falsche zu tun oder zu sagen, weil jemand anders darauf lauert, mich vorzuführen, könnte ich auf dauer nicht gedeihen.

für einen betrieb, dessen devise (u.a.) lautet „Bei uns fahren alle Vollgas. Immer. Wer nicht immer Vollgas fährt, fährt besser woanders!“, habe ich einfach nicht genug testosteron im blut, liebe ich das achtsame unterwegs-sein viel zu sehr.

wenn ich schon im firmensprech, das den maskulinen singular zur norm erklärt und frauen für nicht weiter der rede wert hält, nicht vorkomme - dann habe ich dort zwar jetzt meinen job, als kluge frau aber ansonsten nichts verloren.

so.
ich bleibe in bewegung.
leben, es darf wieder etwas neues kommen.
du luder!



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Dienstag, 10. Januar 2012

half century

ein halbnasser, halbgrauer tag, seit mittag ist es trocken, etwas heller grau sogar. nicht schlecht für anfang januar! gegen sonnenuntergang blitzt dann sogar noch einmal die sonne über meinen berg. wunderbar!

den ganzen tag lang klingelt das telefon, emails purzeln herein eine nach der andern. sie kommen aus aller welt, ich freue mich sehr und komme zu nichts.

ich hatte auch nicht vor, irgend etwas zu tun heute: ein freier tag, und ich bin die hauptperson. ein halbes jahrhundert bin ich nun schon unterwegs auf diesem planeten. das war nicht immer lustig.

daran aber mag ich heute nicht denken. ich freue mich riesig, dass so viele menschen mich im herzen haben und nicht vergessen.

ein großes fest ist nicht geplant, stattdessen ein abendessen mit der besten freundin, wie jedes jahr. in meiner nähe sind nicht viele: familie habe ich ja keine. meine geliebten 'wahlverwandten' sind verstreut über die republik, den kontinent, den ganzen den globus sogar. da weiß ich immer, wo sie sind. das ist gut.

irgendjemand brachte mich neulich auf die idee, mal im internet rumzusuchen, was denn für eine musik am tag meiner geburt auf platz 1 in den hitparaden war.

nicht, dass meine eltern jemals hitparaden gehört hätten. aber irgendeinen nachhall scheint es in meiner seele dennoch zu geben.

heraus kam nämlich, dass eines meiner seit jahrzehnten unschlagbaren lieblingslieder die damalige nummer eins war: das lied vom löwen, der im dschungel schläft. der mir sagt, dass ich keine angst haben brauche: wimoweh.

oder: "The lion sleeps tonight". The Tokens sind mit ihrer aufnahme aus dem jahr 1961 berühmt geworden. nicht nur Walt Disney hat mit dem song ein vermögen gemacht. Salomon Linda hingegen, der die originalfassung 'mbube' geschrieben hatte, ging leer aus und bekam von dem großen erfolg seines lieds quasi nichts ab.

floren hat auf seinem youtube-channel mehr als zweihundert (sic!) verschiedene (unfassbar!) interpretationen des stücks aus allen welten zusammengetragen. da könnte ich eine ganze nacht lang zuhören, die löwen aller länder schlafen lassen und ganz beruhigt sein.

für meinen eigenen geburtstag habe ich mir eine südafrikanisch-niederländische version ausgesucht. Ilonka Biluska singt „in de grote jungle, in het stille dörpje, da slaapt de Leeuw vannacht“ ....


*seufz* herzallerliebst *dahinschmelz* weil ich ein mädchen bin! so war das vor fünfzig jahren eben.

ich singe fröhlich mit und habe keine angst, mein kind. alles wird gut.
für die nächsten fünfzig jahre bin ich gewappnet.


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Donnerstag, 29. Dezember 2011

countdown

weniger als 100 stunden sind noch geblieben von 2011. es gilt, sie sinn- und liebevoll zu verbringen. ich habe da so diverse rituale, mit denen ich 'das alte jahr aufräume'.

jahresendrose 2011

eines davon: ich zähle meine rosen und lasse ihnen eine letzte aufmerksamkeit an-gedeihen. in diesem jahr habe ich mich von einigen getrennt, weil sie sich in den kübeln auf dem garagendach nicht mehr so recht wohlfühlten. sieben dornenfeen sind mir geblieben, schön und duftig, mit allem rosenrecht.

eine meiner sieben lieben trägt meinen namen und kam auf den markt im selben jahr, als ich von berlin hierher in den rosenwarmen südwesten der republik zog. die 'mo jour-rose' (in echt heißt sie natürlich ein kleines bißchen anders) hat das ganze jahr hindurch geblüht und tut es in diesem winter wundersamerweise immer noch. so lange dieses rosarosenrot so stark und so gesund ist, geht es mir im grunde gut und werde ich immer da wohnen bleiben, wo ich möchte. da bin ich mir sicher!

jahresendritual nummer 2: ich 'sortiere mein leben'. dazu schaue ich mir die tagebücher und notizen des zu ende gehenden jahres noch einmal an, ordne alles schön der reihe nach und packe es in die kiste zum rest meiner vergangenheit. ausatmen. loslassen.

nummer drei ist sehr persönlich: am silvesterabend lege ich die tarotkarten für den jahreszyklus. ich schaue mir an, was das nächste jahr bringt – und packe sie wieder weg und vergesse alles …. bis ich die karten zum nächsten silvester wieder hervorhole und nachschaue, ob's gestimmt hat.

ganz wichtig nummer 4 des kleeblatts: danke sagen! allen menschen und dingen und erfahrungen und träumen und gedanken und gefühlen, die mir begegnet sind und mein leben um ein weiteres jahr bereichert haben. danke!

ich gebe zu, dass mir das nicht immer leicht fällt. besonders in diesem jahr zwanzigelf war ich entsetzlich oft mit 'überleben' beschäftigt, weniger mit 'leben'. es gab und gibt eine menge ärger, auf den ich gerne verzichtet hätte.

[und NEIN! es ist nicht ALLES leid und nicht JEDE katastrophe zu irgend etwas nütze im leben. manche prüfung mag uns zu höchstleistungen antreiben, an denen wir wachsen und reifen. aber ganz sicher nicht ausnahmslos alles. einen ständigen existenzkampf zum beispiel, den braucht kein mensch. gewalt und missbrauch auch nicht. und auch nicht diverse naturkatastrophen. haut mir bloß ab damit!]

danke sagen – das ist ein prozess. das erledige ich nicht in einer halben stunde kurz vor mitternacht. das braucht die ganze woche zwischen weihnachten und silvester. eigentlich gehört täglich danke gesagt. im alltag vergesse ich das leider oft.

deswegen kommt mein DANKE in diesem jahr ganz laut und öffentlich. hier. im büro für besondere maßnahmen.


DANKE!
von herzen:
  • allen leserInnen und kommentatorInnen, fans und followers hier für aufmerksamkeit, zeit und energie
  • den besten freundInnen für zuhörende herzen, klar sprechende lippen und liebevolle augen-blicke
  • den allerbesten freundInnen für stundenlange telefonate, leckere essen und das aushalten meiner tränen
  • all meinen rosen für den schönsten duft der welt
  • der treppe vorm haus, dass sie mich nur einmal schmerzhaft hat stürzen lassen und nicht noch öfter [falls ich dieses 2011 jemals in meinen memoiren erwähnen werde, dann als das jahr, in dem ich den ganzen wunderbaren sommer über nicht ein einziges mal sandalen tragen konnte wegen des nicht heilen wollenden knöchels von mai bis oktober]
  • meinen kursteilnehmerinnen für kreativität und durchhaltevermögen
  • der einäugigen katze für zärtlich schnurrende zeiten
  • der psychosomatischen klinik emmendingen für eine mehr als schräge nulltherapie, die meine lebensgeister wiedererweckt hat
  • dem jobcenter, weil es – wenn auch widerwillig – die wohnungsmiete trotz amtlicher unangemessenheit dann doch das ganze jahr über bezahlt hat
  • meiner engagierten rechtsanwältin, die das jobcenter genau dazu gebracht hat, ohne mir ein horrendes honorar in rechnung zu stellen
  • meinen neuen arbeitgeberInnen für eine wunderbare chance kurz vor dem vollenden des halben jahrhunderts (da geht es mir gut – demnäxt mehr!)
  • ganz vielen anderen bloggerInnen, die mir mit texten und bildern und videos viele neue wunderbare impulse gegeben haben
  • meiner hulatanz-meisterin, die mich viel mehr lehrt als nur die hüften richtig zu schwingen
  • der sonne fürs licht
  • den sternen für glanz
  • dem meer für sein ständiges rauschen, obwohl wir uns in diesem jahr gar nicht gesehen haben: ich sterbe vor sehnsucht.
  • meinem tinnitus, der sich davon nicht beeindrucken lässt und mich warnt, wenn ich mal wieder gefahr laufe, auf der eigenen überholspur an mir selber vorbeizuleben
  • danke: to be continued ....

mein motto für 2011 war übrigens bestens gewählt:
„erwarte nichts. lebe genügsam von überraschungen.“ (alice walker)
das hat mich gut durchgebracht.
jetzt, gegen ende, sieht es sogar so aus, als ob ich das jahr mit satt gefüllter überraschungskiste verlasse. verhungern werde ich vorerst jedenfalls nicht.

der countdown läuft ....
keine fünfzig stunden mehr bis zum schicken schaltjahr 2012:
fangt's gut an!


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Mittwoch, 29. Dezember 2010

fitness

leider tendiere ich in den letzten jahren zum matronenspeck. ich habe an gewicht zugelegt in einer menge und einer geschwindigkeit, die mir selbst peinlich sind. ungefähr dreißig kilo in zwölf jahren.


meterweise feministische literatur haben bei mir immerhin bewirkt, dass ich weiche rundungen bei anderen frauen sehr charmant und feminin finde – bei mir selbst aber nach wie vor unterträglich. ich mache zwar selten eine konkrete diät, bin aber ständig damit beschäftigt, irgendwie abzunehmen.

das geht schon seit dreißig jahren so mit dieser irrigen, ungesunden, sehr paradoxen und bisweilen selbstschädigenden annahme, dass ich erst dann wirklich liebenswert sei, wenn ich mich erfolgreich dünne mache.

im sommer war es mir gelungen, einen teil vom übergewicht loszulassen, gut sechs kilo waren weg. ich stelle mir das abgespeckte dann gerne in buttertürmchen vor. also in einem stapel von 250g-butter-normverpackungen. jeder butterziegel ist 35 mm hoch. macht bei sechseinhalb kilo gewichtsverlust einen turm von 3,5x4x6,5 immerhin 91 zentimetern höhe. fast ein meter! dieser fett-turm war also vorher in mir drin. jetzt nicht mehr. genial!

ich war sehr stolz und fühlte mich sehr leicht und stark und hatte ambitionen, bis ende des jahres so weiter zu machen und auf der waage zumindest mal wieder eine sieben vorne stehen zu sehen. zuerst sah es auch so aus, als ob mir das gelingen könnte.

es gelang mir jedoch nicht auf dauer, mich weiterhin ausreichend zu bewegen. irgendwann saugte ich mich in alter gewohnheit am schreibtisch fest und dockte auf nimmerwiederlösen am bürostuhl an. ende oktober kippte es, und ich nahm wieder zu. oh schreck. wie gemein! wie doof! da muss ich was machen!

mehr bewegung musste her! weil ich zwar weiß, wie das geht - mir allein aber die energie und disziplin dazu fehlen, brauchte es dringend einen impuls von außen. da kam mir eine aktion des fitnessparks in der benachbarten kurstadt gerade recht:

vier wochen nutzung aller geräte des studios inklusive sauna, teilnahme an allen kursen und einmal die woche myline-ernährungsberatung für schlappe 39 öre. versprochen wurde eine gewichtsabnahme von einem kilo pro woche. zackzack!

da bin ich hin. trotz meiner vorbehalte gegen fitness-studios: ende der neunziger jahre hatte ich mal ein jahres-abo bei diesen rückenspezialisten in berlin. damals habe ich noch alkohol konsumiert. irgendwo hatte ich gelesen, dass alkoholiker muskelschwund kriegen. mein hochintelligenter umkehrschluss: wenn ich mir ein muskelaufbautraining verordne, kann ich keine alkoholikerin sein.

es war schrecklich langweilig. ich habe viel zeit investiert und mich schlechtgelaunt durch den geräteparcour gequält, mindestens einmal die woche. kaum veränderungen gespürt – und alkoholikerin war ich dann doch. trotzdem habe ich das jahresabo abgeturnt bis zum ende.

seither sind mehr als zehn jahre vergangen, und alkohol trinke ich längst nicht mehr. ich dachte also, ein neuer versuch kann nicht schaden. vielleicht hat sich in den fitnessparks dieser welt ja auch was geändert im letzten jahrzehnt? außerdem ist hier kleinkurstadt. nicht großhauptstadt.

also vier wochen fitness von ende november bis den tag vor heiligabend. ich habe mir wirklich mühe gegeben. wie im programm empfohlen, bin ich zwei- bis dreimal mal in der woche hingefahren - auch bei eis und schnee - und habe den sogenannten milon-zirkus absolviert.

das ist ein ding! per chipkarte weiß jedes gerät, wie es sich für mich einstellen muss. ich war beeindruckt. an jeder maschine sind 15 bis zwanzig bewegungswiederholungen in nur 60 sekunden zu absolvieren. dann zack! schnell runter schnell weiter ans nächste gerät die pause dauert nur dreißig sekunden.

es gibt jeweils drei kraftmaschinen und ein ausdauergerät im wechsel, insgesamt acht maschinen stehen da im kreis, zwei runden bittesehr macht 35 minuten und schon bin ich topfit und schlank wie ein tulpe!

in der kreismitte steht eine mit wasser gefüllte glassäule, die von allen immer fest im auge behalten wird wie ein götzenbild: wenn das wasser sprudelt, arbeiten! sprudelt es nicht, schnell schnell! das gerät wechseln, die anderen warten schon!

das alles ging so rasant, dass ich gar nicht wusste, wie ich da atmen und regelmäßig luft holen soll. die schnaufenden schwitzenden leiber um mich herum hätte ich ja noch irgendwie ertragen. ganz schlimm aber fand ich, dass einige – meist ziemlich dicke männer – gerne auf ihr handtuch verzichteten und munter schweißpfützen auf die gerätesitze produzierten.

in dreißig sekunden wurden die nicht trocken. den rhythmus musste ich aber einhalten und mich trotzdem auf die nassen geräte setzen. baah, was war das eklig. ich fühlte mich nicht wohl. der unverzichtbare dudelfunk zu jeder tageszeit strapazierte meine nerven zusätzlich.

die umkleiden waren nicht besser: eng und schlecht gelüftet. es roch unsauber, nicht sehr appetitlich. einmal war so viel betrieb, dass es an der rezeption keinen einzigen schlüssel mehr gab für die ohnehin zahlreichen, winzigen metallkleiderschränke.

nach dem ollen zirkeltraining ging ich jeweils eine knappe halbe stunde aufs laufband. für die ausdauer. das klingt jetzt vielleicht seltsam, aber das war für mich noch das beste an dem programm. da konnte ich mir den mp3 ins ohr legen, die augen zumachen und einfach marschieren: mich abgeben, nicht organisieren, nicht achtgeben, ob und wer mir entgegenkommt. nicht denken und nichts checken müssen. das fand ich sehr erholsam. zumindest, solange nicht direkt neben mir so ein oberschnaufschweißversprüher zugange war.

an der sogenannten ernährungsberatung habe ich auch immerhin zwei mal teilgenommen, ziemlich unsortiertes geplauder. da ich im lauf meines lebens jede einzelne kalorie persönlich mit vornamen kennengelernt habe, hatte ich da allerdings auch nicht viel neues erwartet.

nett fand ich immerhin, dass es im studio wasser und sirups und tee und kaffee kostenlos gab, dass ich sogar eigene getränke mitbringen durfte. das habe ich schon anders erlebt. leider fand ich die atmosphäre insgesamt nicht sehr einladend, so dass ich weder an weiteren kursen teilnahm noch die sauna benutzt habe.

nach meinem programm wollte ich immer nur „nix wie weg“ da und raus an die frische luft. die strapazierte studioluft mussten wir uns mit zahlreichen adventskerzen teilen. ist das üblich?

abgenommen habe ich in dem ollen fitnespark nichts. ganz im gegenteil. kein wunder. bei so viel frust und selbstüberwindung, für mich unangenehme dinge zu unternehmen, braucht‘s mehr schokolade zum trost und schlagsahne zur belohnung.

immerhin kann ich jetzt sagen: „ich habe es versucht“. um mich weiterhin in form zu bringen, werde ich mir etwas anderes überlegen.

bis dahin gilt für alle speckröllchen:
das sind die inneren werte. die haben in einem zierlichen körper einfach keinen platz mehr.


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Sonntag, 17. Oktober 2010

rituale no. 2 – la caffettiera

ich schrieb es schon mal zu anfang des jahres, als ich von meinem sonntagsfrühstück berichtete, dass mir rituale - also die kleinen selbstgewählten regelmäßigkeiten im alltag - halt geben.

hat eigentlich irgend eineR von euch gemerkt, dass ich da im februar ein kochrezept verbraten habe? so weit war es gekommen mit mir! ‚damals‘ gehörte ich zur arbeitenden bevölkerung, meine akkus waren ziemlich leer: eier mit speck füllten meine kreativen lücken.

espressokocher: VeV viganò, 1990

zur zeit bin ich wieder freie radikale. das bedeutet: ich produziere drei bis vier texte in der woche, gebe kurse zwei bis drei mal im monat. den rest der zeit bin ich damit beschäftigt, meinen alltag zu organisieren, irgendwie wieder boden unter die füße zu bekommen und diese bodenhaftung dann auch möglichst zu behalten.

rituale sind da ganz besonders wichtig, weil sie mir helfen, struktur in mein leben zu bringen. die bereits erwähnten ‚eier mit speck‘ gibt es bei mir ungefähr einmal in der woche. es gibt auch rituale, die finden täglich statt. ganz regelmäßig, ohne ausnahme.

die rede ist von meinem allerliebsten lieblingsritual. damit beginnt mein tag. ein tag, der so nicht beginnt, ist keiner:

das kaffeekochen. mit dem italienischen espressokocher. seit dreißig jahren geht das schon so. quasi jeden morgen. verschone mich bloß mit filterkaffee!

meine erste caffettiera bekam ich mit achtzehn. von einem italienischen freund aus rom. die war noch aus aluminium, in der typischen achteck-form, per due tazze. bei uns im rheinland kannte man das damals noch nicht. für die ersatzteile fuhr ich ‚mal eben‘ nach roma. den schlüssel für die wohnung in tiburtina hinter der stazione termini besitze ich noch heute.

später wurden meine espressokocherinnen größer. die aktuelle ist aus edelstahl, natürlich aus italien, sechs tassen. sie bedient mich seit zwanzig jahren mehrmals täglich. es ist jeden morgen dasselbe in meiner kleinen zwergenküche, ein fest einstudierter tanz:

caffettiera von der anrichte nehmen. vierteldrehung nach rechts. ober- und unterteil auseinanderschrauben. sieb herausnehmen. kaffeerest vom vortag in den müll schnicken. alle teile kurz abspülen. trocknen. wasser ins unterteil einfüllen. vierteldrehung links. unterteil absetzen. sieb einsetzen. halbe drehung rechts: kaffeedose mit links vom regal nehmen. den kaffeelöffel, der immer obenauf liegt, in die andere hand. halbe drehung zurück nach links, derweil den deckel von der dose abnehmen. drei portionen pulver ins sieb füllen. kaffeelöffel leicht auf den siebrand schlagen, damit letzte pulverkörnchen abfallen. halbe drehung nach rechts. derweil deckel auf die kaffeedose drücken. dose im regal abstellen und löffel obenauf legen. viertel drehung nach links. caffettiera-oberteil von der spüle nehmen. viertel drehung nach links. oberteil aufs unterteil schrauben. gut festzurren. dabei richtigen drehmoment abpassen.

dann wird‘s sportlich: griff nach links oben, leichte körperdehnung: da steht der rote campinggaskocher im regal. der espresso muss aufs feuer. in berlin hatte ich gasherd und passende verkleinerungsringe. hier in dreyeckland südwest habe ich nur eletroherd. schrecklich. damit kann man aufwärmen, aber nicht kochen. erst recht keinen kaffee. etwa alle zehn bis vierzehn tage braucht der kocher eine neue kartusche.

den gaskocher auf die anrichte stellen. caffettiera obenauf mittig ausrichten. anzünden mit streichholz. feuer zu feuer. ende des ersten akts.

es geht gleich weiter mit einer halben drehung und griff nach rechts rückwärts: die stehen die großen milchkaffeeschalen im regal. die lieblingstasse für den tag auswählen, körperdrehung zurück, tasse abstellen. vierteldrehung nach links, kühlschranktüre öffnen, milchtüte aus der tür nehmen, kühlschranktüre schließen. etwas milch in die tasse füllen. dabei zähle ich bis drei. dann ist immer gleich viel milch in der großen tasse. milchtüte zurück in den kühlschrank.

die schöne tasse mit dem schluck milch kommt jetzt für dreißig sekunden in die mikrowelle. dann ist die milch warm, die tasse ebenso. nichts ist schlimmer, als heißen kaffee in eine kalte tasse zu füllen. pfui!

bis der kaffee sich gemacht hat, haben wir eine kurze pause. zeit genug, um das katzenfutter zu richten oder die spülmaschine auszuräumen.

wenn der espresso aus dem röhrchen sprotzelt und faucht – oh wie ich dieses geräusch liebe, und erst den duft dazu! - dann wird die milch mit dem schneebesen schaumig gerührt. hauptsache, die milchhaut ist mikroskopisch klein zerstückselt. die mag ich nämlich nicht.

dann den espresso schwungvoll hinein, möglichst nach latte art ein herzchen in den schaum dekoriert. caffetiera abstellen, den feuerwehrroten gaskocher wieder hoch ins regal mit leichter drehung und dehnung nach links oben. zurück auf den boden, griff ins regal geradeaus hinter dem herd: kleine kakaowolke auf den milchschaum stäuben. fertig.

und dann. dann! jaaaaa!

während ich dies schrieb, habe ich zwei mal kaffee gekocht. es ist aber auch zu schön.


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Donnerstag, 23. September 2010

loslassen

pünktlich zum herbstanfang kullerte mir die erste kastanie vor die füße. da war ich bei fast sommerlichen temperaturen mit dem fahrrad unterwegs. bergab. mit rückenwind. trotzdem habe ich gebremst und die kastanie in meine hosentasche gesteckt.


weil ich das jedes jahr so mache. die kastanie, sagt man, verbessert die willenskraft. in ihr steckt die ganze kraft des sommers. diese kraft soll mich über den winter tragen. die erste kastanie nach den großen ferien macht mich stark. deswegen hebe ich sie auf und nehme sie mit.

was denn, der sommer schon wieder vorbei? ja. schon vorbei. der kastanienbaum trennt sich von seiner jahresproduktion an fortpflanzungsmitteln. eine gute zeit für mich, um auch selbst loszulasssen. oder zumindest ‚loslassen zu üben‘.

loslassen ist wichtig. es erleichtert, kann mich aber nicht nur heiter, sondern auch traurig stimmen. es ist immer auch ein abschied im loslassen, das gefühl von wehmut. ein weh und ein mut – alles zugleich!

loslassen ist wichtig, aber es ist nicht immer einfach. ich bemühe mich schon im alltag, nicht allzuviel anzusammeln. dann muss ich auch nicht so viel loslassen am ende.

also habe ich zum beispiel mit mir selbst so eine art vereinbarung getroffen, dass ich für jedes kilo zeug, das ich in meine wohnung hereintrage, irgendein anderes kilo zeug wieder hinausbringe. es funktioniert nicht immer. aber es hilft mir, nicht völlig dem sammeltrieb zu verfallen.

die chinesen haben ein sprichwort: wenn das alte nicht geht, kann das neue nicht kommen.

loslassen schafft platz. materiell - in der wohnung. immateriell - in der seele, im herzen.

alten kummer, alten groll loszulassen ist genau so wichtig wie endlich diesen karton wegzuwerfen mit alten verbindungskabeln aus meinen längst vergangenen ü-wagen- und pressekonferenz-zeiten. damit mache ich ganz sicher keine reportage mehr. loslassen. weg damit.

tonnenschwere steine. alte blumentöpfe, ganz verkrustet. weg damit.

manchmal passiert das loslassenkönnen wie von selbst: da gab es eine böse alte seelenwunde, eine kränkung sondergleichen. weil mal ein mann, den ich damals sehr liebte und von dem ich dachte, dass wir glücklich miteinander wären, mich schnöde gegen eine andere ausgetauscht hat. bescheid gesagt hat er mir natürlich erst, als sein frauentausch für ihn schon längst in trockenen tüchern war: „ich liebe dich halt nicht mehr.“ aus und vorbei. gründe konnte er mir nicht nennen. die andere wärmte ihn besser als ich. so war das halt. der schuft.

das chinesen-sprichwort also etwas abgewandelt: wenn der alte nicht geht, kann der neue nicht kommen.

viele jahre habe ich dem nachgetrauert. so sehr war ich verletzt und vor den kopf gestoßen. traue niemals einem mann und erst recht nicht traure um einen. ich kann aber auch hartnäckig sein in meiner trauer. bis ich neulich im internet zufällig über ein aktuelles foto von meinem ehemaligen prinzen surfte. da sieht der so was von bieder und fettig aus, und erst dieser alberne ziegenbart – also neee. zack! entzaubert. let him go. wozu google nicht alles gut sein kann.

nicht nur die kastanie lässt los. von heute an ist herbst. die meisten bäume werden demnächst ihre blätter loslassen. kräfte konzentrieren im innern. in den hügeln ringsum ist die weinlese in vollem gange. ernten, was geworden ist. loslassen, was im kommenden winter nur noch lästiger ballast wäre.

pflanzen haben es da einfacher als unsereins. die können nicht denken. die trauern nicht um ihre verlorenen früchte und blätter. außerdem geht im nächsten frühjahr sowieso alles wieder von vorne los.

für menschen ist das nicht so einfach. im großen gesehen, haben wir nur einen einzigen zyklus. wenn es einer den lebenssommer verhagelt, sehnt sie sich nach der jugend zurück, möchte noch mal von vorne anfangen dürfen – damit der herbst und der winter nicht so karg und so kalt werden.

pech gehabt. die jugend ist vorbei. loslassen die alten geschichten! unwiederbringbar. das leben fängt nicht irgendwann an, wenn ich dieses noch und jenes noch erledige und durchhalte. nein. das leben geht einfach immer weiter. und irgendwann war‘s das dann.

ausatmen. loslassen.

es ist vollmond heute, zum herbstanfang. bei abnehmenden mond fällt das loslassen angeblich leichter. ab jetzt also: ausatmen. loslassen.

einen neuen anlauf nehmen, tief einatmen – und loslassen mit dem ausatmen. es geht. es geht.

ich beginne mit einfachen übungen:

zeug bei ebay verkaufen, zum beispiel. das verstopft doch nur die ecken. die nicht benutzte caffetiera. ausatmen. loslassen. die schöne alte indische tagesdecke. ausatmen. loslassen. ein paar bücher, die ich sicher nicht noch einmal lesen werde. ausatmen. loslassen. das epiliergerät. ausatmen. loslassen. jedes kilo weniger zählt.

schwieriger ist es mit dem seelenballast, mit altem groll. ausatmen. mit grindigem kummer. ausatmen. ungeweinte tränen. atmen hilft. auch wenn es nicht so locker sitzt. ausatmen. loslassen. immer wieder. ich übe. das einatmen kommt von alleine. aktiv ausatmen ist wichtiger. bei schwierigen dingen zählt jedes gramm einzeln.

ich schau die kastanie an und weiß, was ich zu tun habe. weg ist weg: da weiß ich immer, wo es ist.

die inventur geht weiter ...


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Sonntag, 31. Januar 2010

working poor?

hatte ich neulich noch ganz zuversichtlich geschrieben, dass der lohn auf meiner neuen stelle am monatsende zumindest für die miete reichen würde, belehrt mich nun die realität eines besseren:



das monatsende ist da. das monatsgeld ist nicht da. ich kann also morgen, am nächsten monatsersten, meine miete – mal wieder – nicht bezahlen.

dass mein neuer lohn nicht besonders viel sein und kaum zum leben reichen würde, das war mir schon klar: ich hatte ausgerechnet, dass der nettolohn aus meiner 85%-stelle weit unter dem betrag liegen wird, den ich vor rund zehn jahren als arbeitslosengeld aus einer halben stelle erhalten hatte.

nun gut, es ist meine entscheidung, dass ich mich darauf eingelassen habe – denn es ist alles besser als arbeitslos oder prekär selbständig zu sein. ich habe es auch gut getroffen: ein eigenes büro, ausreichend geheizt, sehr humane arbeits- und regelmäßige freizeiten, freundliche gebildete menschen um mich herum. ich stehe nicht irgendwo an einem fließband, nicht in einer lauten zugigen fabrikhalle, ich muss nicht im akkord eklige schweinswurst in plastik verpacken und es gibt auch keinen widerlichen chef, der nach dem falschen rasierwasser stinkt und meint, ausgerechnet mir erklären zu müssen, wo‘s im leben lang geht. ich muss noch nicht einmal eine uniform tragen.

also kein grund zum jammern, im grunde.
aber wovon soll ich leben, wenn mir kein geld gezahlt wird? wie soll ich arbeiten, wenn ich mir nichts zum essen kaufen kann?

das arbeitslosenamt weigert sich vorläufig, mir auch nur einen weiteren cent zu zahlen. die schreiben mir – im demütigenden kasernenton, wie immer – dass sie in meiner angelegenheit keinen finger mehr rühren geschweige denn irgend etwas ausrechnen und erst recht kein geld bezahlen werden, bevor ich nicht abrechnung des arbeitgebers und kontoauszüge mit nachweis über zeitpunkt und höhe des geldeingangs vorgelegt habe. es gibt aber keinen geldeingang bislang. was soll ich also vorlegen? was bin ich auch so dumm, unbedingt arbeiten zu wollen!

der gehaltsabrechner von meiner arbeitgeberin heißt „landesamt für besoldung und versorgung“. ich erhalte von dort auch keinen lohn oder gar ein gehalt. nein. ich beziehe bezüge. wie beim bettwäschewechsel. es ist mir egal, wie sie es nennen. hauptsache, die bezahlung für die von mir geleistete arbeit wird korrekt berechnet und pünktlich ausgezahlt in deutschen euro. denn auch eine nichtsoldatin will gut besoldet und versorgt sein.

gerade das aber scheint das amt nicht als seine oberste pflicht anzusehen, sondern eher dafür zuständig zu sein, für das land geld zu sparen, indem es fällige zahlungen möglichst lange hinauszögert:

ich hatte alle papiere und anträge und formulare und eidesstattliche versicherungen etcpp rechtzeitig und vollständig abgegeben und eingereicht. ich war ganz brav, wirklich. obwohl mir der im schrecklichsten amtsdeutsch abgefasste papierkram sehr suspekt war. ich habe mich verbissen durchgebissen und war ohne einschränkung kooperativ.

dann kam die erste verdienstbescheinigung mit einem vorläufigen nettolohn, der weit unter meinem hartz4 geld lag – inklusive der aufforderung, doch gefälligst endlich meine lohnsteuerkarte einzureichen. ich verstand es nicht. die lohnsteuerkarte hatte ich mit allem anderen gleichzeitig abgegeben.

ich rief an bei frau landesverzögerungsamt. sie teilte mir mit, dass all meine schön sortierten papiere am posteingang erst einmal auseinander gerissen und in die einzelnen mehr oder weniger zuständigen landesbesorgungsamtsabteilungen verteilt werden. aha.

und die lohnsteuerkarte? die musste erst eingescannt werden, da gab es wohl einen stau am scanner, weil dort viel betrieb sei wegen der häufung neuer lohnsteuerkarten zum jahresanfang. jedenfalls habe sie selbige noch nicht erhalten aber da, in der ferne, ja das könnte sie sein …

aha. das schwäbische erbsenzähleramt verschlampt also meine unterlagen im scannerstau und dann wird natürlich mir unterstellt, dass ich dafür verantwortlich sei. *grmblfx*. nicht ärgern, kleine mo! in fast fünfzig jahren bundesrepublik deutschland hattest du zeit genug, zu lernen, dass ein deutsches amt keinen fehler macht, ja geradezu übermenschlich fehlerfrei ist!

ich fühle mich wie kafkas kleine schwester, verloren im großen grauen schloss. leere gänge, verschlossene türen. vergebliches warten. hin und her und auf und ab. niemand zuständig.

frau landesbesorgungsamt machte mir schließlich ein huldvolles angebot, das weit hinter ihren eigentlichen pflichten zurückblieb: mir des gehalt anhand der nun doch vorliegenden lohnsteuerkarte noch einmal neu zu berechnen und die mir zustehende differenz dann im nächsten monat mit auszuzahlen.

im nächsten monat?! aber gnädige frau! hartz4 ist schon zum leben zu wenig. aber ein arbeitslohn, der fast fünfzig prozent darunter liegt?! ich soll dem land ein zinsloses darlehen gewähren?! ich habe korrekt gearbeitet und erwarte dafür auch eine korrekte bezahlung!

sie hatte ein noch huldvolleres einsehen und bot mir an, den mir zustehenden differenzbetrag als abschlag noch vor monatsende zu überweisen. das war vor zehn tagen. ich habe auch eine schriftliche bestätigung erhalten. bloß das geld nicht.

die von mir angegebene bankverbindung habe ich ein halbes dutzend mal nachkontrolliert. aus angst, dass der fehler vielleicht doch bei mir liegen könnte. aber so oft ich auch die zahlen vergleiche: sie bleiben korrekt. der ausbleibende geldeingang ist nicht korrekt.

ist das die strafe dafür, dass ich gewagt habe, bei einem deutschen amt vorzusprechen und auf einen fehler hinzuweisen? neinneinnein, die meinen das nicht persönlich. deutsche ämter sind einfach so. ich muss acht geben, dass ich nicht zu allem anderen auch noch einen verfolgungswahn entwickle.

geld ist jedenfalls keins mehr da.
mein dispo ist weit überzogen, wie immer.
ich knirsche mit den zähnen vor wut und angst und verzweiflung.
was sage ich bloß meinem arroganten spießervermieter?
es schnürt mir die luft ab.
ich hoffe auf morgen.
oder übermorgen.
still halten. nicht aufregen.
tief durchatmen.
geduld haben.
jetzt bloß nicht rückfällig werden.
ich habe schon schlimmeres überstanden ...


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Donnerstag, 24. Dezember 2009

der geburtstag der kaiserin

die kaiserin feiert geburtstag heute. das heißt, sie feierte, so sie noch lebte. das tut sie aber nicht, schon lange nicht mehr. ne ganze menge menschen auf diesen planeten feiert heute den geburtstag eines mannes, der auch schon lange nicht mehr lebt. deswegen denke ich, es ist höchste zeit für ein frauliches gegengewicht!


von sissi ist natürlich die rede, mit deren geschichte ich aufwuchs, allweihnachtlich, um genau zu sein. genau deswegen werden die alten filme mit romy schneider ja so regelmäßig wiederholt: weil die sissi a christkinderl war.

dabei scheint der 24. dezember ein allseits beliebter geburtstag zu sein. meiner schwester ist das auch gelungen, der coup mit dem christkindlsgeburtstag. ava gardner ebenso. von den gut 180 geburtstagskindern, die die wikipedia aktuell für heute auf der liste hat, ist sissi übrigens die einzige frau der ersten 1900 jahre unserer zeitrechnung. im zwanzigsten jahrhundert sind dann 15 der 120 geburtstagskinder weiblich – also immerhin zwölfeinhalb prozent. aber das ist sicher nur zufall, dass an heiligabend so wenig frauen geburtstag haben.

weil ich mit weihnachten nix am hut hab, feier ich also heute der sissi ihren geburtstag, ganz kaiserlich, im haus meiner kaiserlichen freundin. der tisch scheint sich zu biegen unter dem üppigen buffett, seit tagen – ach was sage ich? seit wochen!! - ist sie in ihrer kleinen küche mit dem zaubern der kostbar-köstlichsten verführungen beschäftigt. gäste sind geladen und werden erwartet oder sind schon eingetroffen.

von sissi weiß ich nicht mehr als das, was in den büchern steht. in meinen ersten lebensjahren habe ich natürlich alles geglaubt, was in den filmen vorkam. später nicht mehr.

vor ein paar jahren habe ich urlaub gemacht auf korfu. diese schöne insel kannte ich ja schon aus ihren filmen. da habe ich mir gedacht: was für die kaiserin das beste, das ist für mich gerade gut genug. die insel, auf der die sissi von ihrer lungenkrankheit genesen ist, sollte wohl bestens geeignet sein, um mich vom stress und den demütigungen eines lebens mit hartz4 zu erholen. also habe ich damals meine letzten ersparnisse für einen urlaub am meer verprasst - und ich habe mich tatsächlich bestens wohl gefühlt dort!

auf korfu, nicht weit weg von der inselhauptstadt an der ostküste, kann man noch heute den sommerpalast der kaiserin besichtigen. sich ansehen, wie (relativ) schlicht sie dort gelebt hat, fernab vom unmenschlich einschnürenden spanischen hofzeremoniell, das den klugen, eigensinnigen wildfang magersüchtig hatte werden lassen. für meinen geschmack ist ihr achillion-palast zwar ein bißchen zu weit weg vom meer und ein bißchen zu hoch auf dem berg, aber die aussicht von dort oben ist in der tat gigantisch kaiserlich.

in die insel korfu habe ich mich geradezu hineinverliebt, die zeit dort habe ich sehr genossen. falls ich es mir jemals wieder werde leisten können, ans meer zu fahren, so würde ich wieder dort landen, in meiner blauen lieblingsbucht, in dem kleinen haus direkt am strand, zimmer mit balkon und blick aufs meer, aufs meer! aufs meer, das ich so sehr liebe; wo man das rauschen des kristallklaren wassers immer immer um sich hat: das hat sogar meinen tinnitus besänftigt. zeitweilig.

wenn ich heute den geburtstag der kaiserin feiere, dann gedenke ich dabei auch meiner eigenen inneren kaiserin, der wilden frau, die ich bin, mit all meinen eigenen sinnen, mit all meinem eigen-sinn. ich denke an mich und ich feiere mich, meine kaiserliche freundin und ich, wir feiern uns, wir lassen uns feiern und geben mit vollen händen und überfließenden herzen, weil das zum feiern dazugehört.

meine innere kaiserin hat jeden tag geburtstag. oft muss ich mich tatsächlich täglich neu daran erinnern, sie immer wieder aufs neue zu entdecken, hervorzuholen unter dem alltagsgerümpel. denn bisweilen hockt sie klein und still und grau zwischen den vielen schichten aus demütigungen und enttäuschungen, aus schmerzen und angst, die – übereinander gelegt – das ge-schichte meines lebens sind.

beim entdecken meiner persönlichen kaiserin hat mit ein ganz besonderes buch sehr geholfen, das mich nun schon seit vielen jahren begleitet. „der weg der kaiserin“ heißt es. die autorinnen christine li und ulja krautwald erzählen darin die geschichte der chinesin wu zhao, ihren aufstieg von der konkubine zur mächtigsten frau des reiches, zur kaiserin – und zur einzigen frau, die im alten china jemals offiziell herrscherin war. das buch erzählt eine geschichte von vor mehr als tausend jahren. gleichzeitig werden die strategien aus alten zeiten so ins heutige leben übertragen, dass sie auch für kaiserliche frauen der gegenwart durchaus hilfreich und von großer bedeutung sein können.

dieses buch fasziniert mich. es gibt mir – immer wieder aufs neue! - kraft und halt in meinem kleinen universum, wo das leben einer freien radikalen bisweilen richtig doof und mühsam ist. ganz wunderbar unterstützend finde ich die strategischen sätze der kaiserin, die jedem kapitel hintenangestellt sind. schlichte weisheiten im grunde – die im heutigen alltag leider allzu oft tief verschüttet sind.

es gibt eine wunderbare webseite zu dem buch und allem, was damit zusammenhängt - zinnoberfluss, auf der die kaiserliche leserin zum beispiel täglich mit einem neuen 'kaiserinnenspruch' begrüßt wird.

heute steht da „die kaiserin beherrscht ihr eigenes reich“. genau. ganz egal, wie groß oder wie klein das auch sein mag. was sonst?!

ich wünsche euch für heute und immer wieder aufs neue ein kaiserliches geburtstagsfest! ganz egal, wessen geburtstag ihr heute feiert. vergesst nicht, dafür zu sorgen, dass es euch gut geht, denn nur dann kann frau sich auch um andere kümmern - und die haben dann auch wirklich was davon.


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