Achtung. Achtung. Achtung.
Wir sind umgezogen!

Januar 2021

Das Büro für besondere Maßnahmen ist ab sofort erreichbar auf mojour.de

Nach und nach werden alte Beiträge – ggf. aktualisiert und überarbeitet – dorthin umziehen. Bitte folgen ... :-)

Posts mit dem Label meer werden angezeigt. Alle Posts anzeigen
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Mittwoch, 23. September 2015

Things change

Liebes Publikum.

Neun Monate lang habe ich Euch hier keine neuen besonderen Maßnahmen mehr geliefert.

Der Grund:
Ich war beschäftigt mit einer wirklich großen besonderen Maßnahme in meinem eigenen Leben. Der innere Aufruhr, die Veränderungen waren so einschneidend und so viele, dass ich mich nicht äußern konnte.

Es war mir nicht möglich, große Herausforderungen zu erleben und zu meistern, bestmöglich für mich zu sorgen - und gleichzeitig als Beobachtende neben mir selbst zu stehen und quasi aus meinem Leben eine Live-Reportage zu machen. Deswegen bin ich verstummt. Aber nicht verschollen!

Andere Frauen bringen in einer ähnlichen Zeitspanne einen neuen Menschen auf die Welt.

Zeug in Kisten


Bei mir war es 'nur' ein Umzug. Einmal quer durch die Republik, vom Südwesten in den Nordosten. Die Distanz von 1001 Kilometern entspricht meinem Geburtsdatum.

Den Süden habe ich hinter mir. Ans Meer habe ich immer gewollt, mein Leben lang. Da bin ich nun. Bis zur Ostsee sind es noch vier Kilometer. Das schaffe ich locker mit dem Fahrrad, notfalls auch zu Fuß. Oder mit dem Bus. Neuerdings betrachte ich das Meer mit anderen Augen.

Nun habe ich also einen multiplen innerdeutschen Migrationshintergrund. Das war mehr als ein einfacher Tapetenwechsel. Deswegen brauche ich nicht nur ein neues Bett, sondern auch ein neues Blog.

Das Büro für besondere Maßnahmen  I (südwest) wird daher mit diesem Post geschlossen und bleibt als Archiv erhalten.

Weiter geht es ab sofort im neu eröffneten Büro für besondere Maßnahmen II (nordost). Ich freue mich darauf, Euch alle 'drüben' wieder zu begrüßen. Den Link dorthin findet Ihr auch oben in der Menüleiste.

Ansonsten an dieser Stelle ein großes DANKE an mein geliebtes Lesefolg für Aufmerksamkeit und Zuwendung, mehr als fünf Jahre lang. Stay who you are, and don't forget:

Things change.
Besondere Ereignisse erfordern besondere Maßnahmen.
;-)

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Montag, 22. Dezember 2014

Jahreszitat 2015

Wie jedes Jahr sitze ich auch in diesem Dezember mit dem Kalender und blättere mich durch die vergangenen zwölf Monate.

Was war wichtig? Was habe ich bewegt? Was hat mich bewegt? Welche Richtung möchte ich dem kommenden Jahr geben? Welcher Gedanke wird mich leiten?

In 2014 erlaubte ich mir, in keine Schublade zu passen und trotzdem wunderbar zu sein - und begann das Jahr noch in der Neujahrsnacht mit einem Versprechen an mich selbst:

"Ich muss ans Meer. For good! In diesem Jahr noch mach ich's wahr."

Tsukioka Yoshitoshi,
Abkühlung am Fluss
(Quelle: Wikimedia Commons)

Viele Flüsse, Ströme, kleine Bäche, kleinste Rinnsale sind ins Meer unterwegs, werden irgendwann vereint zum Ozean. Was so ein Wassertropfen kann, das sollte doch auch mir gelingen? Schließlich besteht auch ein Mensch zu 70% Prozent aus Wasser. Noch dazu steht mein Mond in den Fischen.

Vielleicht rührt daher meine Sehnsucht. Ans große Wasser!

Das Schicksal hat mich zur Landratte gemacht. Aber jetzt, mit 50plus, da könnte ich doch den Strömen meiner Sehnsucht folgen, mit ihnen an die See ziehen.

Salzwasser auf meiner Haut! Nicht nur in den seltenen Ferien, nicht immer nur geweint.

Seither bin ich mit Planungen, Vorbereitungen und der Realisierung meines Lebenstraums beschäftigt.

Es ist anstrengend. Es ist aufregend. Veränderungen nicht nur im Außen.

Auch die Veränderungen in meinem Innern sind so dermaßen aufwühlend, dass ich mich hier im Blog seit Monaten nicht „äußern“ konnte. Konnte nicht nach außen tragen, was innen gärt, noch unsortiert ist. Kann es auch jetzt nicht.

Nur so viel:

Ich schwimme. Den Kopf über Wasser. Bewege mich auf mein Ziel zu, mit all meiner Kraft. Manchmal werde ich von kosmischen, oft auch von menschlichen Energien unterstützt – dann ruhe ich ein wenig aus, lasse mich treiben, wieder ein Stück weiter. Die Richtung stimmt. Meerwärts.

Mein Leben lang bin ich einem Irrtum aufgesessen. Der Spontispruch meiner Jugend 

„Nur tote Fische schwimmen mit dem Strom“

- oder, wie Konfuzius sagte 

„Um an die Quelle zu gelangen, muss man gegen den Strom schwimmen“

- der stimmt für mich nicht mehr! Inzwischen kenne ich die Quellen meiner Kraft. Weiß, wo sie liegen und wie ich daraus schöpfen kann. Aber das ist die falsche Richtung für eine, die genug hat von den tröpfelnden Rinnsalen, die sich endlich verströmen will und deren Ziel das große Ganze ist.

Praktischerweise hat Konfuzius auch gleich das Gegenteil von sich selbst behauptet:

„Nur wer mit dem Strom schwimmt, wird das Meer erreichen.“

Wer also ans Meer, wer ins Meer will, die muss mit dem Strom schwimmen. Das ist nicht weniger anstrengend als flussaufwärts. Denn auch meerwärts heißt es, den Kopf oben, den Überblick behalten und nicht in der Masse untergehen, nicht in den Netzen der Schlepper landen.

Sonst ist alles kraftzehrende Schwimmen völlig vergebens. Wer ans Meer will, braucht eine tierische Kondition.

Unterwegs ans Meer meiner Träume bin ich durch Rinnsale, durch Bäche, durch Flüsse geschwommen, beinahe in den Stromschnellen an Felsen zerschellt, bin festgesessen in geschlossenen Schleusen und fast ertrunken im Strom der Erschöpfung.

Es war nicht immer schön, das viele Kopfunter, das lange Strampeln auf dem Trockenen. Auch das dumpfe Dümpeln im trüben Teich, dem ich zu Beginn in grandioser Verirrung ozeanische Ausmaße andichtete. Ich wäre fast darin erstickt.

Aber es war wohl alles wichtig.

Noch bin ich nicht am Ziel, kann das Meer noch nicht sehen. Doch es ist nicht mehr weit. Alles ist im Fluss. Noch ist es anstrengend, und ich robbe bisweilen mit letzter Kraft. Aber ich bin gut unterwegs, und ein Ende dieser beschwerlichen Reise ist in Sicht. Ein paar große beängstigende Anstrengungen noch, dann …

Ein Aufatmen, ein frischer Wind um die Nase, ein neuer Horizont vor Augen – bald!

Mittlerweile bin ich mit allen Wassern nicht nur gewaschen. Deswegen soll mein Motto für das Jahr 2015 auch etwas mit dem Meer zu tun haben. Ich habe verschiedene Textstellen gefunden:
  1. Das Meer verweigert auch den kleinsten Flüssen nicht den Zutritt. Daher seine Tiefe. (aus Japan)
  2. „Einmal ans Meer gelangt, sprichst du nicht mehr von Nebenflüssen.“ (aus Persien, von Sufi-Meister Hakim Sanai, 12. Jhdt.)
  3. „Wer die schiere Weite des Meeres erfahren hat, dem gefällt kein anderes Gewässer mehr.“(aus China)
Alle Varianten sind scheinbar ähnlich, haben für mich aber in Nuancen unterschiedliche, fast gegensätzliche Bedeutungen.

Im japanischen Sprichwort und in der chinesischen Version steckt das hierarchiefreie Nebeneinander von verschiedenen Aspekten mit unterschiedlichen Qualitäten. Auch Kleines ist unverzichtbar, weil Großes sonst nicht möglich wäre. Weil auch die kleinen Gewässer als Wegweiser, Richtungsgeber und Bestandteil des Ganzen wichtig sind. Kein quantitatives Mehr oder Weniger, kein wertendes Besser oder Schlechter – einfach ein qualitatives Anders, ein gleichberechtigtes 'sowohl als auch'. Das mag ich.

Das arabische „nicht mehr sprechen von“ mag bedeuten, angesichts des ozeanisch überwältigenden großen Ganzen, den lästigen Kleinkram, der unterwegs so bedeutungsschwer war, nun anders einzuordnen, für weniger wichtig zu halten und die Mühsale des Wegs vergessen zu können, wenn man am 'höchsten' Ziel angelangt ist. Das finde ich in Ordnung, alles zu seiner Zeit.

Es könnte aber auch bedeuten, die kleinen Flüsse für unwichtig zu erklären, sie einem höheren Ziel zu 'opfern'. Den plätschernden Schwätzern keine Aufmerksamkeit mehr zu schenken, wenn „das einzig Wahre“ gefunden ist. Das ist diskriminierend. Das mag ich nicht so. Denn auch der Weg ist das Ziel.

Mir gefällt eine weitere chinesische Variante am besten, weil sie alle Deutungen in sich birgt, eine wertfreie Mischung der anderen Zitate ist:

„Wer einmal das Meer gesehen hat, 
betrachtet die kleinen Flüsse mit anderen Augen.“

Wer das Große kennt, für den haben Kleinigkeiten eine andere Bedeutung. Die Erfahrung macht den Unterschied.

Zum großen Wasser will ich hin. Den Spätsommer und den Herbst meines Lebens verbringen. Bei Vollmond auf dem Steg am Wasser sitzen, die Füße im salzigen Nass erfrischen. Ob mich die kleinen Wässerchen dann noch werden trüben können, das wollen wir doch mal sehen.

Damit ist mein Jahreszitat für 2015 gekürt und erklärt.

Die kommenden zwölf Monate werden zeigen, was an Deutungsmöglichkeiten und Bedeutungen sonst noch darin steckt.
Vielleicht habt IHR ja auch noch eine Idee? Lasst es mich wissen!

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Montag, 25. November 2013

Wandelrosen

Die Rosenworte zum Montag ....

.... auch heute wieder eher kurz und knapp, weil ich mich an einem Ort befinde, an dem das Internet kein breites Band hat:

Wandelröschen (lantana camara) am Meer

"Wenn der Wind des Wandels weht, 
bauen die einen Mauern, die anderen Windmühlen." 
(evtl. aus China*)

.... noch wieder andere setzen die Segel .... oder ziehen einfach mit dem Wind ein Stück weiter, wohin auch immer es sie wehen mag ....

Ich wünsche ein starkes und gelassenes Herz in stürmischen Zeiten.

*当变化的风吹起时,有人会造墙,有人会造风车
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Mittwoch, 9. Januar 2013

die göttin vergessen

kommen reisende mit dem schiff übers mittelmeer, so leuchtet die kleine stadt Selimiye an der pamphylischen küste schon von weitem:

Apollon-Tempel - Side (Türkei)

der apollon tempel wurde römisch erbaut im 2. jahrhundert vor unserer zeit, byzantinisch zerstört etwa 500 jahre später - und vor rund 30 jahren eigens für die touristen als fassade wieder hergerichtet im postmodernen ruinenstil. dazu wurden die besterhaltenen stücke aufeinander gestellt wie der klötzchenbaukasten. lücken und wackelnde elemente wurden aufgefüllt mit zement und beton.

der rest liegt mehr oder weniger sortiert herum. des riesige marmorpuzzle wird erschwert durch den umstand, dass es ursprünglich einmal zwei tempel waren, viele originalstücke längst verschwunden sind, gesichtete teile erst kürzlich nummeriert wurden und zwischendurch auch noch eine bischofsbasilika am selben platz stand.

vom zweiten, größeren tempel ist heute fast nichts mehr zu sehen. ein paar fundamente noch, abgewetzte säulensockel. man stolpert drüber und merkt doch nicht, wie wichtig der platz einmal war:

das heiligtum von athene, patronin des seehandels und verehrt als schutzgöttin der antiken hafenstadt Side. hauptamtlich war athene zuständig für die ressorts weisheit, strategie und kampf, nebenbei auch noch für kunst, handwerk und handarbeit.

athene galt als klug und intelligent; als streitschlichterin, die nur in den krieg zog, wenn er sich nicht vermeiden ließ. sie hat keinen ihrer kriege verloren und zählt zu den drei 'jungfräulichen' göttinnen: wie hestia und artemis war auch athene nicht 'verheiratet' und auf keinen mann angewiesen. eine starke frau also.

bevor ich mich auf den weg ins türkische side machte, wusste ich schon, dass es ihren tempel nicht mehr gibt. an seiner stelle sei nun ein café, las ich irgendwo. voller vorfreude sah ich mich täglich in diesem café sitzen mit blick aufs meer, ausgerüstet mit stift und notizbuch meinen kaffee trinken und - athenens göttliche energie tanken! tja. pustekuchen! nach dem café suchte ich lange, weil da keines ist.

auch nach dem platz, an dem der athene-tempel einst stand, suchte ich lange. weil er so nichtssagend ist, dass alle einfach drüberlatschen. dabei ist es direkt neben dem wiederhergestellten apollon-portal: ein paar weiß-rote absperrgitter um bettgroße ausgrabungen und viel freier platz drumherum. that's it.

bis ich das wusste, habe ich eine menge menschen danach gefragt. es war ein richtiger 'athene in side spurlos verschwunden'-krimi ....

ich fragte einen türkischen reiseführer, der einer deutschen reisegruppe das antike ensemble erklärte. athene kam nicht darin vor. auf mein nachfragen antwortete er sehr herablassend, dass es an dieser stelle immer nur einen apollon-tempel gegeben habe. niemals einen athene-tempel.

wie ich später herausfand, stand er dabei genau vor dem blechschild, auf dem mehrsprachig erklärt wird, wie die beiden tempel früher einmal angeordnet waren. er verdeckte es mit seinem sonnenschirmchen.

ich fragte andere touristInnen: nichts als ahnungsloses schulterzucken. „athene? nein? hier ist nur ein apollon-tempel.“ was nicht zu sehen ist, das existiert auch nicht.

ich fragte die laden- und restaurantbesitzer entlang der angrenzenden einkaufsstraße. sie wollten mir alle etwas verkaufen, mir einen heißen tee oder einen frisch gepressten granatapfelsaft servieren. ich wollte weder tee noch teppich, blieb stur und erntete hohn und gelächter.

„einen athene-tempel? nein, den haben wir nicht, hatten wir noch nie. niemals nicht. wo soll das sein?“

athene ist schon längst nicht mehr der rede wert. sie wurde erst vom christentum, dann vom islam für entbehrlich gehalten und ist in vergessenheit geraten.

ich fand den ort der göttin am späten nachmittag, als ich mir die alten steine rund um apollon noch einmal ansah; ich entdeckte die blechtafel mit dem grundriss und - abseits an die mauer der ehemaligen basilika gelehnt, noch ohne festen platz - eine weitere blechtafel mit ein paar erklärenden worten.

Tempel der Athene, Side

athenes heiligtum stand - ebenso wie das ihres männlichen kollegen aus dem olymp* - an exponierter stelle. es muss gigantisch schön und sehr beeindruckend gewesen sein, beide tempel nebeneinander zu sehen.

ich wage zu behaupten, dass man dem platz - auf der vordersten landzunge der schmalen halbinsel mit einem rundum-ausblick aufs meer - die göttliche energie bis heute anmerkt. das war für mich ein großer kraftort. so oft wie möglich war ich dort, saß oder stand einfach so herum. beobachtete das volk. spürte vergangene zeitalter und hörte die götter tuscheln.

apollon begegnete ich in der vollmondnacht: er kam als großer weißer hund, platzierte sich majestätisch auf einer halben marmorsäule und zeigte mir sein schönes profil. sehr lange saß er unbeweglich so da. ich habe ihn den platz nicht verlassen sehen.

athene kam als kleine, schwarz-grau gestromte katze. sie besuchte mich täglich im hotel, schlich über den balkon in mein zimmer. schnurrend berichtete sie, wie zwei verehrungslose jahrtausende an ihr vorüberzogen. sie hat nichts verloren. weder von ihrer schönheit, noch von ihrer macht.



ps.*
der olymp, übrigens, oberhaus der griechischen zwölfgötter, war ganz paritätisch besetzt - gleichermaßen gegendert - mit sechs göttinnen und sechs göttern. daran sollten sich regierungen, aufsichtsräte und andere männerclubs der gegenwart ein beispiel nehmen. die frauenquote ist keineswegs eine erfindung der neuzeit. seit jeher gehört uns die hälfte des himmels.

Montag, 7. Januar 2013

granatapfelsaft

besondere maßnahme no. XXVI

es ist doch schön, auf einem planeten zu leben, der so wunderbar vielfältig ist, dass auch nach einem halben jahrhundert aufenthalt hier immer noch täglich dinge vorkommen können, die nie zuvor gesehen gehört geschmeckt gespürt waren.

türkischer Granatapfelsaft, frisch gepresst

mein neuestes highlight ist … dieser tiefst dunkelrote, köstlich süßherbe frisch gepresste granatapfelsaft. besonders lecker fand ich ihn (das ist auf dem bild nicht zu sehen, gehörte aber zum gesamtarrangement) mit meeresrauschen im ohr, einer sanften brise auf der haut, einer schnurrenden katze auf den knien und serviert von einem charmanten lächeln südländischer herkunft.

das alles gibt es für nur einen euro am strand westlich von side, türkisches mittelmeer: am unbebauten teil hinter den ruinen der antiken stadt.

warum ausgerechnet da? in der touristen-hochburg von germanisch-türkien schlechthin, wo sonnenhungrig reisende ausgenommen werden wie hierzulande die weihnachtsgans?

nun, das kleine business am unbevölkerten beach war eine erholsame ausnahme vom ausgenommen werden. da standen einfach ein paar stühle vorne am strand, drei meter von der wasserkante weg, wo ich (wie aufmerksame blogleserInnnen wissen) egal an welchem strand der welt gerne mit nackten füßen genüßlich kilometerlang am meer entlang plitsche: meine lebenslange lieblingsbeschäftigung, zu der ich leider viel zu selten komme.

die händler in side sind - so hörte ich sagen - die dreistesten der ganzen türkei, was nepp und kundenfängerei angeht. ob das so stimmt, kann ich nicht bestätigen, weil ich nicht sehr viele orte in der türkei kenne. dass aber die händler in side bisweilen unverschämt, überteuert und sehr unangenehm klebrig sein können, habe ich selbst erlebt. „mein“ granatapfelsafthersteller und -verkäufer war eine rühmliche ausnahme.

Granatapfelsaftproduktion am Strand von Side

herr serdar saß hinter seinem tisch mit blick aufs meer und wartete geduldig auf kundschaft. kein rufen kein säuseln kein brüllen kein palaver kein überreden kein geschwalle keine blumigen versprechungen und erst recht kein beleidigtes schimpfen, wenn man das angebot nicht wahrnehmen wollte. sein saft kostete einen euro - wie überall sonst auch. ich darf daran erinnern, dass es hierzulande für einen euro mal gerade einen granatapfel gibt - wenn er günstig ist.

ich mochte die schlichtheit seiner ausrüstung auf dem leicht verwitterten kunststofftisch: die schon etwas rostige aber funktionstaugliche saftpresse, das obst auf dem einem tablett, auf dem anderen gläser, strohhalme und servietten; das vom blutroten saft getränkte holzschneidebrett mit den vielen schnittnarben vom großen messer. sonst nichts.

side im späten herbst. saftdurstige touristen gab es an dieser stelle des strands nicht mehr viele. in den oft langen pausen kraulte der mann seinen strandkater romeo. bei einem späteren besuch überließ er ihn mir vertrauensvoll.

Granatapfelsaftproduzent mit Firmenkater Romeo

„efendi nar suyu” - mister pomegranate juice am herbstlichen mittelmeer, sanfte brandung und kribbelnder sand zwischen meinen nackten zehen, blutroter saft und katze. das war mein kleines paradies.

meinen saft übrigens habe ich ganz alleine getrunken. nie, niemals! käme ich auf die idee, mein stück vom paradies mit einem mann zu teilen. wir wissen ja, was für eine katastrophe biblischen ausmaßes dabei herausgekommen ist: eva war einfach zu nett, als sie ihren paradiesischen granatapfel mit adam teilte.


PS.
zu hause im südwesten der republik ist übrigens die firma Jacoby der saftladen meines vertrauens: regional und bio seit bald 100 jahren - quasi bei mir um die ecke. die haben einen - wie ich finde - sehr guten und vor allem bezahlbaren granatapfelsaft im angebot. (nein, dies ist keine werbesendung. zumindest keine bezahlte.)

Montag, 18. Juni 2012

sommernacht

gedankensprünge, heute mal mit soundtrack: luca carboni, mare²

natürlich bin ich längst wieder im alltag angekommen, aber ich gestehe: meine italienreise war ungewöhnlich nachhaltig. auch mehr als einen monat danach trage ich diverse „italienische momente“ noch sehr in meinem herzen.

sogar in diversen synaptischen spalten hüpft es immer wieder auf und ab und singt: „mare mare – ma che voglio di arrivare!“


zum ersten mal in meinem leben hatte ich diese wunderbaren italienischen fensterläden vor den verandatüren. zwei wochen lang, in dunkelgrün: die sorte, bei der man in geschlossenem zustand von innen noch eine art halbfenster nach außen halb hochklappen kann. einen spaltbreit nur. so dass auf keinen fall sonne hereinscheint – die öffnung aber groß genug ist, um hinauszulünkern und nachzusehen, wer da unten so ein palaver macht.

die habe ich sehr geliebt, das macht so sanfte aussichten. die welt da draußen in querscheiben geschnitten, das licht leicht gefiltert und auch lärm milde gedämpft – non me ne frega. die hätte ich hier gerne auch ….

dann wäre der quetschenquälende vermieter nicht ganz so laut, das spießige ambiente im haus nicht ganz so krass ….

heute abend hatte ich den sommerlichen 'dorfhock' in der nachbarschaft schräg gegenüber. alle waren da: blechblasendes rumtata mit polka-rhythmischem synthesizer und weinseliges herrengrölen bei 30 grad. hachz. es muss sehr schön sein, wenn man so etwas schön findet. da könnte man sich so richtig hineinfallen lassen und im übertragenen sinne hineinkuscheln in so viel dörfliche geborgenheit. leider finde ich mich nicht darin wieder: das ist mir nicht italienisch genug.

statt dessen sitze ich allein auf dem nächtlichen balkon, unten zirpen die grillen und klappen die dörfler ihre letzten bierzeltgarnituren zusammen. Ginivra, die katze, kümmert sich hingebungsvoll um motten, käfer und anderes sommernachtsgetier.

ich schreibe im nachtflug, das mag ich sehr. das dorf ist jetzt still, kaum noch irgendwo licht. der ruf eines käuzchens über dem tal, weit hinten im wald. jetzt fehlen nur ein paar glühwürmchen im kartoffelstrauch - die idylle wäre perfekt.

sie ist es nicht: der nachtbus dröhnt unten vorbei. auch ich muss morgen wieder früh raus. ich sitze einfach noch ein weilchen hier und habe es schön, still und warm.

fast mittsommer. schwüle nächte. nichts ist so öde wie ein sommer allein. schon wieder einer. aber es ist wie es ist. ich versuche, es trotzdem zu genießen – und ich genieße es.

so seltsam das vielleicht klingt: ich schwitze gern. zu den schönsten momenten meines lebens gehören die kurzen zeiten des jahres, in denen nicht ein kubikmillimeterchen meines körpers friert. wenn alles gut durchwärmt ist und entspannt. wenn ich keine kleidung brauche, um mich zu wärmen, sondern nur, um mich vor der sonne (und vor neugierigen blicken) zu schützen. am liebsten trage ich dann lange, leichte röcke. einen sarong. mit nichts drunter (das weiß nur ich!). ein lockeres top dazu. gerne aus leinen, seide, fließend und weich. mein sommerluxus, mit einem hauch schüchterner hemmungslosigkeit.

ein bißchen träge lasse ich die schönsten sommernächte meines lebens revue passieren. in allen erinnerungen spielt das meer eine rolle, in manchen auch eine hängematte. und ich stelle fest:

was den dörflern ihr hock, ist mir das meer: ziemlich unverzichtbar. leider ist es von hier aus ziemlich weit weg. meine phantasie schlägt kapriolen und flutet mal eben den rheingraben. das wäre dann so eine art fjord bis in die niederlande. ähem. die müssten wir nur kurzfristig auf stelzen legen. ich will ja niemanden ertränken. der berg gegenüber wäre insel, und in freiburg säßen wir am dreisam-hafen.

sehr schön. das werde ich über nacht mal ein bißchen ausbauen.... schöne träume euch allen – und einen heiteren sommer voller schmetterlinge wo auch immer!


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Montag, 7. Mai 2012

lido annunziata

riviera für anfänger #1

wenn man ans meer fährt, freut man sich aufs meer. davon gehe ich mal aus. das meer ist einfach da, gehört irgendwie allen und jeder darf hin und rein. einfach so. 


 einfach so?! überall?! wild und frei?! wie naiv!

von der ostsee weiß ich ja schon, dass es an manchen abschnitten kurtaxe kostet, wenn man die strandpromenade betreten, ja sogar überschreiten und ans, womöglich auch ins wasser will. und wehe, du kannst deinen ausweis nicht vorzeigen, wenn die kontrolle kommt! wenn quallen im wasser sind und du dann doch lieber nicht rein willst, kriegst du dein geld nicht zurück. pech gehabt.

auf der griechischen insel korfu gab es an manchen abschnitten liegestühle mit sonnenschirm zu mieten. der strand wurde von der gemeinde stückweise gegen gebühr bzw. höchstgebot bzw. schmiergeld verpachtet. trotzdem durfte man sein handtuch beliebig irgendwo parken und auch kostenlos baden gehen – nur eben nicht auf einer unbezahlten sonnenliege.

hier an der riviera ist der strand dicht. da gibt es kaum noch ein quadratzentimeterchen, das nicht kommerziell genutzt wird. ausgenommen die drei nassen meter entlang der wasserkante. da habe ich noch einmal glück gehabt! das ist transitzone, spazierengehen dort erlaubt – mein geliebtes wasserplitschen gratis.

die kostenlosen zugänge zum strand aber sind sehr schmal und liegen ziemlich weit auseinander. die muss eine erst finden! man darf da nicht einfach über kostenpflichtiges terrain geradewegs ans meer marschieren. oh no!

zum glück ist noch vorsaison. da ist es nicht ganz so streng - aber die vorbereitungen sind bereits in vollem gange. die riviera macht sich startklar für den sommer und takelt sich auf wie eine gealterte diva:

als erstes wird der damenbart abrasiert, die stoppeln sind häßlich. im falle meines strands bedeutet das: die verrotteten, stinkigen algen und aller anderer strandmüll werden stück für stück zusammengefegt und abtransportiert – oder dem nachbarn hingeschoben.

dann kommt die grundierung. wenn ich bislang immer gedacht habe, dass der sand am sandstrand aus dem meer kommt, so werde ich hier eines besseren belehrt: der sand für den goldgelben rivierastrand kommt aus dem baumarkt, wird hier lasterweise angekarrt und mit dem caterpillar bulldozer fein säuberlich schicht für schicht aufgetragen, geglättet, fixiert. sozusagen die grundlage fürs beach make-up, in einem freundlichen – na, nennen wir die farbe mal – saharabeige. ungefähr einen halben bis einen meter dick – je nach finanzieller lage und renommé der strandbarbetreiber.


eines ist schon mal klar: einen löffel voll sand als souvenir für meine sandstrand-sandsammlung daheim brauche ich von hier gar nicht erst mit nach hause nehmen. den könnte ich auch gleich aus dem bauhaus holen … auch muscheln finden sich hier kaum. die wenigen sehen so perfekt aus, dass ich mich schon frage, ob die von anfang an unter den geläuterten sand gemischt werden zu einem gewissen prozentsatz. könnte ja sein. für die zahlenden strandgäste. souvenir ist souvenir.

zwischendurch der gärende grünalgen-damenbart wird zum ärgernis: er wächst schnell nach, muss täglich entfernt werden. das machen die privaten. an den öffentlichen stellen sammelt sich der gärende schmodder in stinkenden bergen. gerne mal einen meter hoch. da macht das kostenlose baden dann auch keinerlei spaß mehr …

zurück zum beach make up. damit das makellos bleibt wie auf den postkarten, werden flugs überall verbotsschilder aufgestellt: ballspielen verboten, hunde und andere tiere verboten, lagern verboten, lärmen verboten … im übertragenen sinne: unsere diva benutzt einen altmodischen, nicht lange haltbaren lippenstift: küssen verboten – sonst blättert die farbe ab.

der rest der strandtakelage – wie ketten, glitzerfummel, strassgehänge, ringe, haarspangen und so zeug – kommt dann nach und nach in form von neuanstrich der umkleidekabinen, aufstellen erster sonnenliegen an regenfreien tagen, installieren lauter beschallung, erweiterung der speisekarte, reparatur der orgelnden minikinderkarussells, bepflanzen neuer blumenkübel … man kennt das auch von diversen internetgames, wo man immer noch ein upgrade kaufen kann, damit die kundInnen zufriedener sind, geduldiger bleiben und mehr geld ausgeben.

dass unsereins mehr geld ausgibt, ist ja der zweck der ganzen aktion: unsere alternde diva will ein ausverkauftes haus, vertickt ihre karten zu höchstpreisen! wie bei der premiere in der oper sind auch die strandliegen und sonnenschirme unterschiedlich teuer: nicht nur abhängig davon, ob man sie für einen halben oder einen ganzen tag nutzen möchte, sondern je nachdem, ob man auf der loge sitzt oder im orchestergraben.

will sagen: nicht nur im theater, sondern auch am strand kostet die erste reihe mindestens doppelt so viel wie die letzte. denn hinten hört und sieht man fast nix mehr vom meer. dafür hört man dort lauter strandansagen.

genau das bedeutet der titel: ein lido annunziata ist ein angesagter strand. einer, der bewacht wird von jemandem, der das sagen hat. der auch sagt, ob man ins wasser darf oder nicht. vor allem lautet die ansage, was es kostet.

(um ehrlich zu sein: wenn ich für meine täglichen strandspaziergänge zusätzlich bezahlen müsste, dann könnte ich sie mir nicht leisten. leider.)

ich bin sehr sehr froh, dass ich hier zu einer jahreszeit über der strandpromenade logiere, in der außer meeresrauschen tatsächlich kaum etwas zu hören ist. nur ab und zu rumpelt die sandstrandplanierraupe …

bevor sich der vorhang hebt und der große rummel losgeht, bin ich längst wieder weg. aber bis dahin - finde ich es hier wirklich so richtig richtig schön!


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Mittwoch, 11. Mai 2011

in der blauen bar

eine erfundene memoire

lässig schiebt sie sich auf einen hocker, lehnt sich an die theke und grinst erwartungsvoll. angelos, ihr lieblingskellner, hat sie nicht kommen sehen. er steht mit dem rücken zu ihr und ist gerade damit beschäftigt, einen berg frischen joghurt auf ein müsli zu türmen. liebevoll verziert er die portion mit weintrauben, bananenscheiben und schokostückchen. dann krönt er das luxusfrühstück mit einer goldgelben honigspirale.

In the Blue Bar, πλατεία σαπφο, 1986

er ist so konzentriert in seiner arbeit, dass er anna noch nicht einmal im spiegel bemerkt. anna liebt es, ihm bei der arbeit zuzusehen. sie hält das für einen perfekten tagesbeginn: angelos lächelt sanft vor sich hin, jeder handgriff sitzt, er tanzt sein persönliches müsli-ballet. die blue bar ist berühmt für ihr frühstücksmüsli mit sahnejoghurt und orangenblütenhonig. manch ein tourist kommt nur deswegen hierher.

da sind sie alle gleich, die deutschen touristen, denkt anna: otto dumpfbacke will am ballermann auf mallorca sein wiener schnitzel, und emma rucksacktouristin will mitten in der ägäis ihr biomüsli. gehupft wie gesprungen: hauptsache, in der fremde ist es nicht allzu fremd, sonst fühlen wir uns nicht richtig wohl.

angelos ist fertig mit seinem werk, dreht sich um und strahlt sie an: „guten morgen du schöne. was darf es sein?“ anna schluckt. dieser mann schafft es noch nach mehr als fünfundzwanzig jahren, sie mit einem einzigen blick zu verzaubern. angelos, der engel, strahlt nicht nur mit den augen, nicht nur sein mund lächelt. dieser mann ist glücklich im leben, und davon möchte er aller welt etwas abgeben.

„einen milchkaffee bitte, extra stark.“ strahlt anna zurück. angelos hätte nicht fragen brauchen. so lange kennen sie sich. aber es gehört zum ritual. „möchtest du ein glas wasser dazu?“ auch das fragte er sie jedes mal. er hatte ihr einmal erzählt, dass er sich hüte, seine gäste in schubladen zu stecken. es sei das geheimnis seines erfolgs, jeden gast auch beim hundertsten mal noch so zu behandeln, als ob er gerade eben die blue bar zum ersten mal betreten hätte. angelos verschenkte aufmerksamkeit und respekt. seine gäste belohnten ihn mit treue.

so vieles hatte sich geändert in dem kleinen dorf direkt am meer: skala eressos auf der insel lesbos. mitte der achtziger jahre hatte sie diesen strand für sich entdeckt; den feinen sand, der doch grob genug war, um nicht in allen ritzen lästig festzusitzen; die türkisblaue, kristallklare bucht mit der kleinen vorgelagerten insel, der all ihre sehnsucht galt.

jetzt bin ich wieder hier. nach all den jahren. anna seufzt und nippt am heißen milchkaffee. der ist so, wie er sein soll. das ist beruhigend, wenn nach so vielen jahren nicht nur fremde sie empfängt. so vieles ist anders. hat sich verändert. nicht nur hier. auch in annas leben.

aber die blue bar ist geblieben und lebt. angelos strahlt wie eh und je, ist nur ein bißchen runder geworden. noch mehr lachfalten. mit einem sanften stubser holt er anna aus ihren gedanken zurück ins hier und jetzt: „schau mal, da kommt miranda. sie hat käsekuchen gebacken. magst du ein stück?“

„unbedingt. ein großes! kalimera miranda, ti kanis?!“ anna lacht. nie hätte sie erwartet, auf einer griechischen insel kurz vor der türkischen küste den leckersten käsekuchen ihres lebens zu essen.

σκάλα ερεσού, λέσβος / μυτιληνη 1986

miranda, die wunderbare, war damals angelos freundin gewesen und hatte ihn in der blue bar unterstützt. irgendwann zwischendurch hatte sie ein paar jahre in deutschland verbracht und eine ausbildung zur konditorin gemacht. in einem fünf-sterne-haus. typisch miranda. dachte anna. sie kennt keine kompromisse und will immer nur das beste. das war schon damals so. ihr herzlicher, zupackender ehrgeiz hatte die blue bar wirtschaftlich stabil gemacht. jetzt stehen ihre torten und pasteten in allen reiseführern.

„und ich darfs essen...“ der käsekuchen ist köstlich, anna grinst vergnügt. hinter der theke stehen miranda und angelos arm in arm und strahlen sie an.

„weißt du noch, wie dein flugzeug nicht starten konnte, weil so ein schrecklicher gewittersturm war, damals, anfang mai? und wie du mit dem taxi zurückgekommen bist, den ganzen weiten weg vom flughafen ans andere ende der insel hierher zu uns nach eressos mitten in der nacht? wir haben uns sehr darüber gefreut, dich noch ein weilchen um uns zu haben!“

miranda freut sich wirklich, mich wiederzusehen. denkt anna und erinnert sich an dieses schöne frühjahr. fast zwei monate hatte sie damals hier verbracht mit einer übersetzung im gepäck: vormittags dicke wörterbücher und japanische lyrik auf der terrasse des ferienhauses, nachmittags strandleben und abends die bar. der verpasste flug hatte ihr eine aufenthaltsverlängerung von zwei wochen beschert.

anna schaut auf von milchkaffee und käsekuchen, blickt in die strahlenden gesichter und fragt sich wehmütig „warum eigentlich bin ich damals nicht für immer hier geblieben?“

im memoriam blue bar, plateia sappho, skala eressos (mytilini/lesvos), 1986


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Sonntag, 30. Januar 2011

gegangen

sie war mir nicht einmal besonders nah. räumlich.
wir haben ein paar urlaubswochen miteinander verbracht.
mehrmals. ein paar jahre her.


täglich waren wir umeinander.
wir haben viel gelacht.
wir haben dieselben katzen gekrault.
von herz zu herz gesehen.

ich war ihr gast.
sie: die seele des hauses.
älter als ich.
aber nicht alt genug, um meine mutter zu sein.

und doch:
sie war die mutter
meiner sonnigen zeiten.

wie ich das kristallklare meer liebe -
das nie wütend wurde.
so habe ich sie geliebt -
die manchmal sehr wohl wütend wurde.

athanasía - die unsterbliche.
jetzt ist sie fort.
ich fasse es nicht.


todesnachrichten
kommen heutzutage per email.

in meinem herzen
ein loch.


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Mittwoch, 8. September 2010

see adé

das wars. sechs wochen rehab, von denen ich mir so viel versprochen hatte, sind rum. ich bin sehr müde, sehr erschöpft. alle tage waren so sehr fremdbestimmt. nie durfte ich einen eigenen rhythmus leben. einen einzigen freien vormittag hatte ich, gestern. und zwei freie nachmittage.

silbermöwe (larus argentatus)

die psychotherapie war nicht sonderlich 'hilfreich'. tinnitus, kopfschmerzen, depressionen unverändert. das bewegungsprogramm hat mich immerhin dabei unterstützt, fast fünf kilo abzunehmen. das bedeutet noch lange nicht, dass ich jetzt wieder schlank wäre. trotzdem: in butterpaketen gerechnet, habe ich zwanzig stück an ballast abgeworfen. gut, dass die weg sind.

mehr zeit fürs meer hätte ich gerne gehabt. da bin ich nie richtig angekommen, immer nur unter zeitdruck. davon war meine seele wie taub, ich habe das meer nicht gespürt. auch wenn es noch so schön gekribbelt hat die wenigen male, die ich ganz drin war.

niemals ist es mir so unter die haut gegangen, wie ich das von früher kenne. die innere freiheit, die das sein am meer mir sonst gegeben hat, die ich so sehr liebe und auch so sehr brauche, hat sich hier nicht eingestellt.

vielleicht lag es an den vielen zäunen, von denen jeder einzelne zu sagen schien: wir wollen nicht, dass du hier bist. so surreal, das alles. schade auch, dass der august so nass und so kühl war.

am meisten vermissen werde ich die rufe der möwen. sehr eigenwillig, sehr schön. silbermöwen sind es übrigens. das habe ich inzwischen gelernt. manchmal klingen sie wie junge katzen.

es fühlt sich an, als sei ich gar nicht hier gewesen. das ist so ungeheuerlich, dass es mich selbst erschreckt.


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Mittwoch, 1. September 2010

reizklima III

wie ich schon mehrfach berichtete, befinde ich mich derzeit in heiligendamm an der ostsee in einer gegend mit absolut guter reiner frischer luft. die klinik hat eine fachabteilung für atemwegserkrankungen.

mecklenburgische bäderbahn

besonders asthmakranke hoffen hier auf linderung. die lungenkranken werden meist in den zimmern der ersten etage untergebracht, direkt über dem eingang. von dort haben sie die schönste aussicht direkt auf die schienen der bäderbahn „molli“.

rein optisch ist gegen den kleinen nostalgischen zug nichts einzuwenden. auch von meinem fenster aus sind der kleine bahnhof und die schienen zu sehen. sehr pittoresk!

der molli wird von dampflokomotiven gezogen, die mit braunkohle beheizt werden. das qualmt und stinkt wie weiland mein kachelofen in berlin, wenn ich aus versehen briketten der marke „rekord“ gekauft hatte.

der molli schnaubt eingleisig zwischen bad doberan und kühlungsborn. die züge treffen sich halbwegs auf dem zweigleisigen heiligendammer bahnhof und fahren hier aneinander vorbei.

immer zur vollen stunde ist molli-alarm, zwischen sieben uhr früh und sieben uhr am abend. dann schließt sich mit heiterem klang die schranke und bleibt so lange unten, bis der zug von west nach ost angekommen und der zug von ost nach west abgefahren ist.

das kann schon mal gute zehn minuten dauern. die ganze zeit stehen und stauen sich dann die autos. direkt vor der klinik. unter der asthmaabteilung. mit laufendem motor.

während abgaswolken und dampfschwaden lustig vereint in der sonne wirbeln, hält drinnen im saal der chefarzt einen vortrag über die vorzüge der seeluft und betont, wie wichtig es sei, mit dem rauchen aufzuhören.

die überdachte raucherInnenecke ist fünfzig meter vom klinikeingang entfernt und stets gut frequentiert. geraucht wird auf dem weg dorthin, unter den fenstern der asthmakranken.

ich atme tief durch, freue mich über die gute luft und darüber, dass zumindest nikotin nicht mehr mein thema ist.


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Mittwoch, 25. August 2010

reizklima II

offiziell bin ich hier in einer gegend mit absolut guter reiner frischer luft, meistens vom meer her. die klinik ist bekannt für ihre lungenheilabteilung mit bester sauerstoff-therapie.

heiligendamm: seebrücke und grandhotel

seit gestern stinkt es allüberall nach frischer gülle, im ort und um den ort herum: im klinikgarten, in der klinik selbst und auch in meinem zimmer. es stinkt nach frischer gülle im kurwald und auf der kurwiese und auf der strandpromenade und trotz stürmischen winds stinkt die brühe von den feldern ringsum sogar bis auf die seebrücke hinaus.

der geruch will mir gar nicht mehr aus der nase. das ist echt eklig. ich bitte um eine große portion mitleid. für mich. aber auch und vor allem für die gäste des grandhotels, die trotz eines preises ab 300 euro für ein zimmer mit seeblick diesen duft der großen weiten welt nicht einfach abschalten können.


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Sonntag, 22. August 2010

ratlos

seit dreieinhalb wochen bin ich nun in dieser klinik, mehr als die hälfte 'meiner zeit' ist um – und ich verstehe immer weniger, was das hier eigentlich soll.


das ist schlimm für mich, denn ich hatte doch so gekämpft, hatte so lange gewartet, hatte auch große hoffnungen in die behandlung hier gesetzt. zumindest hatte die ärztin immer so getan, als wenn das was ganz großes wäre, so eine rehab machen zu dürfen.

ganz sicher ist es zu früh, etwas konkretes, abschließendes zu sagen. nach wie vor stecke ich ja mitten drin im prozess und bin höchst angestrengt damit beschäftigt, mich den zu- und umständen hier anzupassen.

mir fehlen die kraft, aber vor allem auch das hintergrundwissen und ein adäquater spiegel, um angemessen einordnen zu können, um sagen zu können „was passiert hier wirklich?“

ich weiß es nicht. ich weiß nur, dass ich mich hier nicht wohl fühle. unfrei, eingezwängt. ich erfülle den plan der klinikleitung. nicht meinen.

in der kommenden woche steht eine sogenannte „chefarztvisite“ im terminplan. zehn minuten arzttermin bei einer frau, die mich noch nie gesehen hat. dabei wird auch die diagnose noch einmal überprüft. ein kurzes frage- und antwortspiel wird entscheiden über wohl und wehe und über das, was auf jahre hin in meinen akten steht.

was machen die da? was passiert?! hatte ich schon geschrieben, dass es schwierig ist, bei all den terminen einen rhythmus zu finden? die chefarztvisite liegt mitten in der mittagessenszeit. auch dafür werde ich auf eine mahlzeit verzichten. rhythmus adé.

in der vergangenen woche ist es mir tatsächlich einmal gelungen, an einem nachmittag drei freie stunden am stück zu haben. zum glück hat es da nicht geregnet. ich bin sofort ans meer, endlich! die ganze zeit immer an der wasserkante langgelaufen.

die wellen, die weite: das beruhigt meine flatternden nervenenden und besänftigt den tinnitus. zumindest solange ich dort bin. dann stehe ich am ufer und weine. salzwasser zu salzwasser. wieder zurück in der klinik, hat das aufatmen sofort ein ende. mir ist hier sehr eng ums herz.

die klinik ist teil eines konzerns und fährt ein sparprogramm. zimmer werden im akkord geputzt, mitarbeiterInnen erhalten so wenig lohn wie nur möglich. so viel immerhin habe ich inzwischen herausgefunden. fast schäme ich mich, dass es mir hier auf kosten unterbezahlter schufterei anderer gut gehen soll.

in dieser institution ist alles von vorn bis hinten 'durchoptimiert', jede minute geplant, die qualität aufs beste 'gemanaged'. will sagen, für menschen ist hier eigentlich kein platz.

zwanzig minuten haltungsgymnastik. dreißig minuten qi gong. zwanzig minuten laufband. dreißig minuten therapiegespräch. zwanzig minuten massage. neunzig minuten gruppentherapie. dreißig minuten entspannungstherapie. zwanzig minuten massage. neunzig minuten beschäftigungstherapie. und - ja tatsächlich! - zwanzig minuten fango.

alles in allem soll ein echter arbeitstag simuliert werden. zwanzig minuten dies. dreißig minuten jenes. zwischen acht und siebzehn uhr. du musst leiden, um zu heilen! wir quälen dich, damit es dir besser geht! rehab ist kein urlaub!

wie kann mir ein solcher plan helfen, mein leben neu zu ordnen? wie kann ich daraus neue impulse gewinnen, um anders umzugehen mit dem schmerz, der von innen kommt? was hilft mir das?

der montagmorgen beginnt mit der gruppentherapie. das bedeutet in meinem fall: statt frühstück eine dreiviertelstunde gemeinsamer gruppenzwangsspaziergang unter aufsicht einer physiotherapeutin. durch den wald, am strand entlang, mit sondergenehmigung über das gelände des grandhotels. in der vergangenen woche durften wir uns bei regen auf dem bahnhofsvorplatz im kreis aufstellen und ein lustiges gruppenspiel spielen. das spiel hieß „das ist mein knie“. ist das die vorbereitung aufs altersheim? mir graust es ganz gewaltig.

energetisch fühle ich mich überfordert und bin ständig müde. intellektuell hingegen langweilt mich der alltag in der klinik. mit der geistigen, spirituellen langeweile angemessen umzugehen, das ist eine herausforderung. zum glück bringe ich da einiges mit an verinnerlichter motivation. und: ich bin sehr dankbar für meine kluge tischnachbarin. das ist ein großer lichtblick! unsere gespräche, diskussionen und gemeinsame kleine fluchten haben mich schon so manches mal gerettet.

mit das beste, was mir hier bislang passiert: wie immer am meer bewege ich mich mehr und habe in drei wochen vier kilo abgenommen. das sind sechzehn viertelkilo-pakete butter. ich hoffe sehr, dass die dauerhaft wegbleiben. immerhin ein kleiner anfang. vom doofen matronenspeck würde ich mich sehr gerne dauerhaft verabschieden.

das andere, was ich richtig gut finde: dass ich echt weit weg bin von meinem ollen alltag. kein vermieter, der tagtäglich auf seinem akkordeon dudelt! ich muss nicht nachdenken, ob ich mir jetzt noch etwas obst leisten kann oder ein pfund kaffee kaufen darf: hier nehme ich einfach vom buffett was mir schmeckt. außerdem muss ich keine angst haben vor demütigender amtspost im briefkasten.

und das meer natürlich, große mutter aller salzwasser! auch wenn nicht viel zeit ist – so bemühe ich mich doch, jeden tag hinzugehen. zumindest mal kurz gucken. wenn mehr zeit ist fürs meer, gibt es auch mal einen kaffee an der hafenpromenade im nachbarort. da kann ich hin radeln, leute gucken und ablästern. die seele ins blaue baumeln lassen. therapie vergessen und einen klaren kopf kriegen.

neulich gab es zum kaffee einen fettgebackenen spritzkuchen mit ganz viel zuckerguss. und blick aufs meer. das war das beste. das allerbeste überhaupt!


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Mittwoch, 18. August 2010

reizklima

offiziell bin ich hier in einer gegend mit absolut guter reiner frischer luft, meistens vom meer her. die klinik ist bekannt für ihre atemwegserkrankungs-heilabteilung mit bester meeres-aerosoltherapie.

sonnenuntergang: ostsee (august 2010)

das gesunde meeres-aerosol ist voll mit feinem salz, jod und magnesium und noch viel mehr so konstruktivem zeugs. deswegen plitsche ich am liebsten mit nackten füßen an der wasserkante längs. atme tief ein und wieder aus. gerne stundenlang. immer auf und ab. dazu war bislang leider noch keine zeit. aber ich bin ja auch erst seit drei wochen hier.

selbst wenn es mal nur eine knappe halbe stunde ist kurz vorm dunkelwerden, tut das wasserkantenplitschen der lunge und meiner seele doch gut. auch optisch ist es abends am meer besonders reizvoll.

nun gibt es aber ein phänomen, das wundert mich wirklich und zwar schon seit fast zwei jahrzehnten: jedes mal, wenn ich an der ost-ostsee bin oder sonstewo in der ex-ostzone, riecht es - auch an der sogenannten „frischen luft“ - streng nach altem pommesfett. das finde ich nicht appetitlich.

die bratfettbuden scheinen strategisch verteilt, gerne auch mal bis an den strand runter. es gibt vorn an der strandpromenade ein eiscafé. wenn ich da direkt davor stehe, duftet es nicht etwa einladend nach kaffee oder schlagsahne. nein! der gestank von längst überfälligem frittürenbad macht mir brechreizklima.

ich bitte um entschuldigung dafür, dass ich jetzt überhaupt nicht politisch korrekt bin – aber ich weiß nicht, wie ich meine erfahrungen anders in worte fassen könnte: „bei uns“ - also in besserwessiland – kenne ich das so extrem und in dieser häufigkeit nicht, dass das heiße fett auch außerhalb der küche zu riechen ist.

seit zwanzig jahren frage ich mich: wie kommt's? und: könnte man das nicht irgendwie abstellen? mögen 'die' das? seid „ihr ostdeutschen“ olfaktorisch so .... unempfindlich? .... abgehärtet?

derjenigen, die mir diese frage hinreichend sinnstiftend, fundamental wissenschaftlich und bitteschön auch politisch mindestens teilweise korrekt beantworten kann, spendier ich auf wunsch gerne eine goldene maßnahme. oder auch ne portion pommes rotweiß.


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Sonntag, 15. August 2010

springen verboten

es ist nicht leicht für mich, patientin zu sein in dieser reha-klinik. der rahmen ist so eng gesteckt, die termine sind so viele, so unflexibel und so dicht gesetzt, dass ich gar nicht weiß, wo ich die kraft hernehmen soll, um all dem gerecht zu werden und eine 'gute patientin' zu sein.

hinweisschild: seebrücke heiligendamm

wenn ich keine gute patientin bin, riskiere ich, wieder nach hause geschickt zu werden. das will ich auf jeden fall verhindern. natürlich wird man das niemals so sagen. offiziell heißt das dann in etwa: „wir sind der meinung, dass wir nicht die richtige klinik sind für Ihr krankheitsbild und dass wir Ihnen nicht angemessen helfen können.“

so schnell wieder zurück, das will ich auf keinen fall. also passe ich mich ein, so gut es geht. aber vielleicht haben sie ja recht, und ich bin wirklich am falschen ort?

ich hatte gehofft, hier zur ruhe kommen und kraft tanken zu dürfen. es ist eher das gegenteil der fall. ich fühle mich eingeengt und ausgebremst, hänge wie ein bild gefangen in einem rahmen, der mich nicht angemessen zur geltung bringt.

mit am schlimmsten sind die mahlzeiten. in aller öffentlichkeit. in großen räumen. auch, wenn ich seit einer ganzen weile schon in dem sehr viel ruhigeren nebenraum sitzen darf. es bleibt unruhig: mehr als 250 patientInnen schwatzen, schmatzen und schwitzen, bedienen sich am buffett, stehen schlange am einzigen toaster, am safthahn, drängeln sich um die schnell leer geräumten „besten happen“.

frühstück ist ab sieben. spätestens um dreiviertel neun ist kehraus; mittagessen ab halb zwölf – um halb eins schon kommen die mitarbeiterInnen des hauses. bis dahin muss mein platz frei und aufgeräumt sein. abendessen zwischen fünf und viertel vor sieben.so früh, da denke ich sonst nicht mal ans kochen.

während man isst ("schmackhafte" schonkost, übrigens), fahren die küchenhelferinnen mit großen wagen laut klappernd durch den saal und sammeln benutztes geschirr und besteck ein. nie ruhe. unter der woche sind die mahlzeiten im einzelfall noch kürzer, weil die essenszeiten sich überschneiden mit therapien und anwendungen.

zwischen den mahlzeiten gibt es für die individuelle versorgung den wasserhahn, den kaffee- und schokoriegel-automaten und am nachmittag die cafeteria mit kuchen, sekt und bier. in der so genannten teeküche stehen den anstaltsinsassen von 7 bis 8uhr30 und von 16 bis 22uhr30 ein wasserkocher und eine kaffeemaschine zur verfügung. tassen, anderes geschirr oder teekannen gibt es dort nicht, auch keinen kühlschrank. wir müssen alles selbst mitbringen oder irgendwo kaufen. tagsüber zwischen 8uhr30 und 16 uhr ist der raum sowieso abgeschlossen.

es gibt keine pause, keine ruhezeit nach dem essen. ständig sind da so viele fremde menschen. es gelingt mir nicht, in einen rhythmus zu finden. den bräuchte ich dringend für mein wohlbefinden. aber irgendwas ist immer. das macht mich müde. so sehr müde und erschöpft.

in den stundenplänen der klinik gibt es nichts, worauf ich mich freue. nichts, was mir wirklich spaß macht. ich funktioniere, erfülle das therapiesoll und träume davon, ans meer zu dürfen – so wie „zu hause“ auch.

dabei stelle ich fest, dass ich zu dem platz, wo ich derzeit miete zahle und wo mein zeug steht, keinerlei gefühl von 'zu hause' habe. ich vermisse nichts. gar nichts, spüre nicht einmal einen anflug von 'heimweh'.

genau so gut könnte ich auch an die ostsee ziehen. wenn ich es finanziell stemmen könnte, würde ich das womöglich sofort tun. bloß um mal wieder woanders zu leben. dabei hatte ich doch damals fest vor, endlich sesshaft zu werden, als ich im frühjahr 2002 von berlin ins dreyeckland zog.

es ist mir auch in mehr als acht jahren nicht gelungen, wurzeln zu schlagen. mein inneres zigeunerkind hat unruhe, will wieder auf wanderschaft! dabei weiß ich doch, dass ich mir selbst nicht entkommen kann: all den schmerz, die einsamkeit und die trauer würde ich doch immer mitnehmen, egal wohin. außerdem braucht diese gegend ganz bestimmt nicht noch eine arbeitslose endvierzigerin, die nicht mal mehr vollschichtig arbeitsfähig ist und sich auch auf absehbare zeit nicht selbständig wird ernähren können.

trotzdem, wieso eigentlich nicht?! was, wenn ich beschließe, meine seelenlast einfach nicht mehr mit mir herumzuschleppen?! irgendwo abzuladen und in einem imaginären seelenmüll-endlager auf nimmerwiedersehen zu versenken? kann das gelingen? ich nehme an, ich werde hilfe brauchen.

mein leben lang schon wollte ich am meer leben. wann, wenn nicht jetzt? warum nicht die wechseljahre mit einem weiteren großen wechsel einläuten, wenn ich sieben mal sieben jahre gelebt habe?

also lasse ich diesen gedanken mal zu, schaue im internet nach wohnungsangeboten, sondiere den arbeitsmarkt. warnemünde gefällt mir gut. aber da lege ich mich jetzt noch nicht fest. auch in wismar hat es mir gut gefallen. sonst habe ich hier ja bislang noch nicht viel gesehen.

ich weiß nur, dass ich diese landschaft mit dem weiten horizont und dem hohen himmel schon jetzt sehr mag. wie sich das gefühl entwickelt, wenn meeresrauschen womöglich alltag wird, das kann ich nicht hellsehen, müsste ich ausprobieren.

wer weiß. vielleicht gibt es ja doch eine möglichkeit, mir diesen traum zu verwirklichen – und dann schreibe ich auf das doofe schild: springen erbeten!


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Mittwoch, 11. August 2010

auf dem dach

da sitzt die möwe jeden abend und auch tagsüber ganz oft, immer an derselben stelle und lacht sich eins über uns tränentrinen auf der dachterrasse in der vierten kliniketage.


anfangs dachte ich, es sei eine lachmöwe. aber das ist sie oder er wohl nicht – auch wenn es sich für mich so anhört. aber sie sieht anders aus als die lachmöwen auf den bildern im internet. da ich von möwen bislang keine ahnung habe, erkenne ich die art nicht. gibt es eineN möwInnen-expertIn unter meinen geneigten leserInnen? dann bitte her mit der auflösung!

ich mag dieses lachen von hoch oben, über allem: es relativiert die dinge hier unten. mir hilft es jedenfalls, meine angelegenheiten für angemessen wichtig oder unwichtig zu halten, je nachdem.

die möwe mit ihrem heiteren schnabel bringt mich regelmäßig zum grinsen, ich mag sie sehr. andere mögen sie nicht so sehr und versuchen, ihr die lachenden rufe zu verbieten, indem sie in die hände klatschen und laut „kschscht-kscht“ rufen. in meinen ohren ist das sehr viel unangenehmer als ein möwenruf.

die möwe übrigens schert sich herzlich wenig um ihre menschlichen kritikerInnen. es bringt sie eher dazu, sich noch ein paar kumpel einzuladen auf ihren dachausguck – und dann lachen sie im chor. hahhah!


heute bin ich seit zwei wochen hier. allmächlich fügt sich das, was „mit mir passiert“, zu einem bild. therapeutische puzzlesteinchen wachsen ineinander. da ich selbst mitten drin bin im prozess, ist es nicht leicht, einen schritt zurückzutreten und mich von außen zu betrachten, mir selbst zuzuschauen.

dennoch will ich das ein bißchen versuchen, weil ich selbst neugierig bin. wieder einmal bin ich mein eigenes überraschungspaket. keine ahnung, was drin ist. keine ahnung, wo es hingeht.

die diagnose PTBS, von der ich anfangs etwas überrumpelt war, wird hier sehr ernst genommen. ich darf alles in meinem tempo machen. wann immer ich das gefühl habe, dass mir etwas zuviel wird oder zu nahe geht, darf ich stop sagen. miteinander testen wir meine grenzen. mir scheint, das gesamte klinikpersonal ist daran beteiligt. manche sicher, ohne es zu wissen.

das lässt mir viel verantwortung – aber ich muss nicht mit allem alleine klarkommen. wann immer ich unterstützung brauche, ist jemand da. wenn nötig, wird schnellstmöglich ein termin gemacht mit der mich betreuenden ärztin und therapeutin. meist innerhalb weniger stunden.

ich fühle mich aufgehoben. die ärztin spricht alles direkt an, ungeschminkt – aber niemals respektlos. niemals von oben herab. immer authentisch. immer wohlwollend. das hilft mir sehr. stück für stück kann ich vertrauen, kann ich mich auch mal abgeben und folge ihren ideen gerne.

heute sagte sie mir, dass sie nicht davon ausgehen würde, dass ich diese klinik nach sechs wochen als geheilt verlassen würde. wir könnten versuchen, damit zu beginnen, mich ein stück weit zu stabilisieren. aber auch das würde länger dauern, ich solle geduld haben, nicht zu viel erwarten. weder von mir noch von anderen.

ziel sei, mich möglichst bald nach der reha in eine ambulante traumatherapie zu vermitteln. neue perspektive! auch wenn mir niemand versprechen kann, dass das erfolg haben wird.

sie sagte heute: ein trauma, das sich über so viele jahre (seit meiner frühen kindheit) hinweg aufgebaut – und in teilen auch mehr als einmal wiederholt - hat, sei nicht einfach zu behandeln. d'accord. also darf ich aufhören, mich selbst zu stressen und kann allmählich entspannnen.

leider gibt die rentenversicherung als träger vor, dass täglich mindestens vier anwendungen oder therapien stattfinden müssen, damit die rehab als ebensolche anerkannt und bezahlt wird. das zerhackstückt meinen tag.

sportliches, entspannendes, besprechendes, psychologisches, informierendes und nährendes wechseln sich ab von acht bis 16 uhr. dazwischen pausen bis ca. 60 minuten. warten und starten, immer abwechselnd. das ist für mich anstrengend. der viele leerlauf ist ermüdend. therapie mit angezogener handbremse.

meine lieblingsanwendung „klimatherapie“ steht täglich im plan, auch am wochenende – und wird duchgeführt durch selbständige „Bewegung in der Uferzone“ am „Ostseestrand“. sehr schön!

leider reicht die zeit kaum dazu, das mal in ruhe zu machen, weil zwischen zwei „therapien“ und/oder den eng gesteckten mahl-zeiten selten mehr als eine stunde pause ist und es sich daher wegen der langen umwege um das eingezäunte grand hotel bis ans meer nicht lohnt. kaum bin ich dort und höre endlich das meeresrauschen, das in ausreichend lang anhaltender dosis meinen tinnitus besänftigen könnte, muss ich auch schon wieder zurück zackzack!

ständig muss ich auf die uhr gucken. das ist doof. das trägt nicht zu meiner entspannung bei. ich muss andere wege finden!

zwischenzeitlich kriege ich einen richtigen hass auf diesen geldadeligen hotelzoo hinter edel-gittern. wenn karasek, joschka fischer, geissen und plathe dort doch wenigstens auch richtig eingesperrt wären …. aber nein! sie dürfen raus! ich muss ihnen auf der promenade ins gesicht sehen und werde schier grün vor lauter neid, weil die den kurzen 90-sekunden-weg ans meer nehmen dürfen und ich nicht.

dann wieder grinse ich mir eins und denke mir wie gut ich das doch habe, dass ich hier nicht nur ein, zwei nächte in heiligendamm bin, sondern satte sechs wochen. also hat so'n ollet trauma dann ooch auch mal wat jutet.

da lacht die möwe wieder! alles in allem bin ich froh und sehr dankbar, dass ich hier sein darf.


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Sonntag, 8. August 2010

hafenratte

was meerwasser angeht, so gehöre ich eher zu den leuten, die hauptsächlich darin herum plantschen.

es gibt andere, die bauen mit stoffbahnen überspannte hohlkörper, um sich auf und über das wasser zu bewegen.

warnemünde: leuchtturm / hanse sail 2010

das findet die meeressüchtige landratte in mir spannend. also bin ich gestern nach warnemünde geradelt und habe mir das große segelboot-meeting angesehen, die hanse sail 2010 in rostock.

ich war beeindruckt. stundenlang konnte ich auf der kaimauer am hafen sitzen, mit den beinen baumeln und schiffe gucken. das war gigantisch schön! etwas so erhabenes und erhebendes habe ich selten erlebt. so viele so große segelschiffe auf einmal habe ich sowieso noch nie gesehen.

wie ein kind habe ich gestaunt, habe mich sehr frei gefühlt, leicht und heiter - und konnte diesen therapiepausensamstag so richtig genießen.

von dem klinik-alltag hier mag ich zur zeit noch nicht erzählen. nur so viel, dass ich es sehr sehr anstrengend finde. die öffentlichen mahlzeiten zu eng gesteckten zeiten, wenn ich weder appetit noch hunger habe. die vielen fremden menschen, immer und überall. ich passe mich ein, so gut es geht.


ps.
die acht ist meine glückszahl. dass ich ausgerechnet am 08. august meinen 88. post veröffentliche, freut mich. es war nicht geplant.


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Mittwoch, 19. Mai 2010

sandstrandsand-sammlung

in der kurzen maßnahme no 11 dreht sich alles um den mandelkern. oder wie auch immer dieses kleine fitzelchen im limbischen system meines gehirns heißt, wo durch düfte gefühle ausgelöst werden:



das ist quasi ein positiver trigger, der auch für das schreiben von lebendigen texten gilt: schreibe ich statt des allgemeinen wortes „rote blume“ das konkretere wort „duftende rote rose“ hier hin, dann wird in den gehirnen meiner geneigten leserInnen dasselbe hirnareal angeregt, als ob sie tatsächlich an einer rose schnuppern! genial, oder?!

leider gilt das anders herum auch für ‚gülle‘ – aber nur so lange, bis ich mir wieder in erinnerung rufe, dass ‚gül‘ das türkische wort für rose ist.

so trickse ich in meinem kleinen landleben mir das eine oder andere alltagsgraue bunt und lecker. das funktioniert nicht nur mit gerüchen, sondern auch mit anderen schönen erinnerungen.

meine schönsten erinnerungen habe ich in kleinen einweckgläsern konserviert - lange bevor irgendwer vom mandelkern genaueres wusste: von den stränden der letzten zwanzig jahre habe ich sandproben mitgebracht. die stehen etikettiert in reih und glied. ohne verfallsdatum. wenn ich mal fernweh habe, dann suche ich mir mein traumziel aus und streue davon eine prise in die mit meersalzwasser gefüllte badewanne.

das kribbelt so schön. und duftet nach ganz weit weg!


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Sonntag, 11. April 2010

finita la musica - passata la festa

eine woche lang hatte ich das sonnige rauschen der ägäis in den ohren - die schönste musik! - fast rund um die uhr, und auch der rest war all inclusive ….


das war ja mein erstes mal, so alles inbegriffen. bislang war es mir immer ein großes gruseln, im urlaub rund um die uhr bespaßt zu werden und mich irgendwelchen gut gemeinten animationen (nein, das sind keine lustigen zeichentrickfilme ….) aussetzen zu müssen.

wenn ich früher unterwegs war, dann wusste ich zwar meist die ungefähre richtung, meistens aber hatte ich keine ahnung, wo mich das konkret hinführte. erst recht nicht wusste ich morgens, wo ich abends schlafen würde. das ging gut, so lange ich viel zeit hatte und neugierig war auf alles, was das leben an fremden orten so zu bieten hat – immer nach der devise „you don‘t know a place, if you don‘t know what it looks like after midnight“.

mit den jahren sind meine urlaubszeiten kürzer geworden, ich habe vieles gesehen und kennengelernt, manches ist – egal wo – die wiederholung von etwas, das ich schon kenne (und das mir womöglich nicht besonders gut gefiel). die welt nach mitternacht interessiert mich nur noch selten, denn auch das nachtprogramm ist an vielen orten ähnlich.

außerdem brauche ich nach mitternacht meinen schlaf, weil ich den frühen morgen sehr viel schöner finde und einen frischen tag ebenso frisch begrüßen möchte. kurz: ich möchte weniger abenteuer, statt dessen mehr erholung. da habe ich eine gewisse infrastruktur zu schätzen gelernt.

als ich mich diesmal auf den weg machte, wusste ich nicht nur abfahrts- und ankunftszeiten im voraus, sondern auch, dass ich am flughafen abgeholt und ins von mir gebuchte hotel gebracht werden würde. welch ein luxus, sehr komfortabel fand ich das!

damit aber nicht genug. all inclusive – das begann erst so richtig mit einem neon(!)gelben plastikbändchen beim check-in. ein gelbes plastikbändchen! am rechten handgelenk! ich war entsetzt. obendrein nicht zu öffnen und so eng, dass ich das tag und nacht tragen muss?! ich?! forget it! nach kurzem palaver schnitt die empfangsdame das an mir bereits installierte gelbband wieder ab und gab mir ein offenes zur freien verwendung. uff!

das neue futterbändel nahm ich dann ganz locker auf links, so dass ich‘s abstreifen konnte, sobald ich mich außerhalb des hotels bewegte. mit dem ding hätte ich mich unmöglich vor die tür gewagt …

gleichzeitig mit dem bändel erhielt ich eine blasse fotokopie, auf der das komplette programm aufgeführt war. inbegriffen waren u.a. drei mahlzeiten täglich sowie snacks und getränke wann immer mir danach war. außerdem die benutzung des pools, der sonnenliegen, der auf den sonnenliegen liegenden matratzen und der zwischen den sonnenliegen stehenden sonnenschirme am pool und am strand. wie nett!

das essen war – nach kleinen anfangsschwierigkeiten – köstlich. ich habe mich drei mal täglich satt gegessen und in der einen woche trotzdem ein kilo abgenommen. das ist mediterran! am meer geht es mir immer gut.

die anfangsschwierigkeiten lagen wohl eher daran, dass am tag meiner ankunft das hotel auch erst den ersten tag wieder geöffnet hatte nach der winterpause. da brauchte es ein paar tage, bis sich alle und alles eingespielt hatte. das taten alle sehr freundlich und charmant, und ich staunte mit großen augen, wie das angebot von tag zu tag immer nur noch und noch mehr wurde.

auf jeden fall habe ich es unendlich genossen, mich an einem reichhaltigen, abwechslungsreichen büfett drei mal täglich bedienen zu dürfen. welch ein geschenk! ich musste die mahlzeiten weder planen noch einkaufen noch zubereiten noch abwaschen noch aufräumen – und ich brauchte mich nie nie nie zu fragen, ob ich mir das jetzt leisten kann oder nicht.

allein das und die langen spaziergänge am strand wären mir erholung genug gewesen.

bisweilen großes vergnügen war es mir dann aber auch, andere pauschalis zu beobachten. entweder von meiner balkonloge auf die swimmingpool-bühne herab, oder kaffee trinkend und schreibend in der lobby sitzend. ich gucke gern!


zum schwimmen und sonnenbaden war es eigentlich noch zu kühl und das hotel war längst nicht ausgebucht. trotzdem gab es gäste, die bereits vor dem frühstück sich mit handtüchern gleich mehrere der wirklich zahlreichen sonnenliegen am pool „reservierten“, die dann wiederum oft den ganzen tag über verwaist da standen. aber besetzt waren. vielleicht könnte ich mit einer „sonnenliegenversicherung“ eine lukrative marktlücke auftun?

ich war nicht am pool, weder dran noch drin – aber es hat mich sehr in den fingern gejuckt, da bisweilen das eine oder andere handtuch wandern zu lassen ....

ein paar mal baden war ich dann natürlich doch, im meer! nach mehr als zweieinhalb jahren, endlich! eine, die schon mal ostern in den berliner wannsee gestiegen ist, die lässt sich doch nicht abschrecken von wassertemperaturen unter 20 grad. es war gigantisch schön, ich liebe dieses einzigartige kribbeln auf der haut und bin sooo froh, dass das salzwasser in meinem gesicht  mal nicht nur tränen waren.

seltsam fand ich die angewohnheit manch anderer gäste, quasi hamstermäßig bei allem auf vorrat zuzugreifen. dabei gab es doch von allem im überfluss. immer! woher kommt diese seltsame angst, nicht genug zu kriegen, zu kurz zu kommen?

ebenso erschreckend fand ich eine pauschale mitnahme-mentalität auch bei dingen, die gar nicht zum angebot gehörten. ich möchte gar nicht wissen, wieviel prozent der inventarschwund eines urlaubshotels pro saison beträgt.

wirklich hin und weg – und auch das all inclusive! - war ich von der freundlichkeit allüberall. es war wie ein bad in herzenswärme! souvenirverkäufer und kellner flirteten mich, es war kaum zu fassen, als ob ich noch zwanzig wäre. fast jeder von denen hätte mein sohn sein können!

die augenzwinkernden angebote für verabredungen nach dienstschluss am strand schmeichelten mir sehr und linderten meine sehnsucht nach südlicher zuwendung. gleichzeitig war ich froh, inzwischen alt und abgeklärt genug zu sein, das nicht ernst zu nehmen. also charmierte ich entzückt retour - und ließ mich auf nichts ein.

am frühen morgen vor meiner abreise erfuhr ich, dass die angestellten für die dauer der saison allesamt im hotel untergebracht sind: die männer hausen unterirdisch in gruppenräumen im keller, in stockbetten. die frauen schlafen auf verschiedene etagen verteilt in den fensterlosen „house-keeping-offices“. es gibt keine freien tage, alle arbeiten vom 1. april bis zum 30. oktober durchgehend 60 bis 80 stunden die woche. der monatsverdienst des hotelboys beträgt 600 türkische lira, umgerechnet 300 euro. er arbeitet tag und nacht und springt ein, wenn irgendwo wer fehlt. der koch erhält immerhin 1200 lira: wann er anfängt, damit das große frühstück für zwei- bis dreihundert leute ab sieben uhr früh fertig ist??? wann er ins bett kommt, wenn das dinner-buffett bis 21uhr30 geöffnet ist??? die kellner liegen mit verdienst und arbeitszeiten irgendwo dazwischen.

ich war tief beschämt.


PS.
fast vergessen: auch WLAN in der lobby war inclusive. emails haben funktioniert. aber youtube und ein paar andere seiten waren von der türkischen regierung zensiert und komplett gesperrt. diese info nur so am rande über ein land, das gerne in die EU möchte.


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