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Januar 2021

Das Büro für besondere Maßnahmen ist ab sofort erreichbar auf mojour.de

Nach und nach werden alte Beiträge – ggf. aktualisiert und überarbeitet – dorthin umziehen. Bitte folgen ... :-)

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Donnerstag, 20. März 2014

Sandalenwetter

- Besondere Maßnahme No. XXXIII - 

„Bei 15 Grad Kniestrümpfe, 17 Grad Söckchen und ab 20 Grad barfuß“ - das war der Dress-Code meiner Kindheit in einem Kölner Industrie- und Arbeiterviertel, irgendwo zwischen Chemischer Fabrik Kalk und Klöckner Humboldt Deutz.

Schöne Füße: Barfuß ab 20 °C

Natürlich ging das nicht ohne Diskussionen ab. Ich hatte den seltsamen Ehrgeiz, in der Schule die erste zu sein, die ohne Strümpfe ankam. Die Mutter hingegen wollte verhindern, dass ich mir nach dem gerade erst überstandenen Winter ausgerechnet im schönsten Frühling eine Erkältung zuzog.

Abend für Abend starrte ich auf den Wetterbericht und hoffte, dass die Mutter mir einen strumpflosen Tag erlauben würde. Sie war streng und hielt sich an ihre Regel, während ich um zehntel Grade feilschte.

Von all den eiskalten Botschaften der Mutter, die ich bis aufs Fieseste verinnerlicht habe, ist mir die Sockenregel die liebste. Weil sie im positiven Sinn etwas mit 'bemuttern' zu tun hat. Für mich zumindest. Um Zehntelgrade feilsche ich heute nicht mehr. Mit mir selbst macht das keinen Spaß.

Dass es in meiner Kindheit jemals schon an einem Frühlingsanfangstag so wie heute mit 23 °C diskussionslos zum barfuß laufen warm genug gewesen wäre, daran kann ich mich nicht erinnern. Diesen Tag heute habe ich deswegen ganz besonders genossen - als persönlichen Beitrag zum International Day of Happiness and Well-Being.

Umso mehr, als ich nun endlich die neuen Sandalen einweihen konnte: Geschenk einer langjährigen Freundin zum letzten Geburtstag. Aus feinstem Leder, innen wie außen. Nur drei Zentimeter Absatz, sehr bequem. Von der Schuhmanufaktur Remonte. Wenn eine erst die halbe Hundert hinter sich hat und obendrein prekär haushalten muss, sind solcherlei Geschenke durchaus erlaubt und willkommen.

Habe ich eigentlich jemals erwähnt, dass ich Socken und Strümpfe aller Art hasse und so oft wie möglich barfuß laufe, auch im Winter? Meine Füße brauchen Licht und Luft, sonst kann ich mit dem Kopf nicht denken!

Mit diesen Sandalen bin ich also nicht nur schöner zu Fuß unterwegs, sondern auch schneller mit dem Kopf. Ich liebe sie!

Dass die Farbe des Sandalenleders der Fellfarbe meiner geliebten Glückskatze Ginivra ähnelt, die zu meinem Wohlbefinden ebenfalls einen unverzichtbar großen Beitrag leistet, ist allerdings eher Zufall. Glaube ich zumindest.


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Montag, 7. Januar 2013

granatapfelsaft

besondere maßnahme no. XXVI

es ist doch schön, auf einem planeten zu leben, der so wunderbar vielfältig ist, dass auch nach einem halben jahrhundert aufenthalt hier immer noch täglich dinge vorkommen können, die nie zuvor gesehen gehört geschmeckt gespürt waren.

türkischer Granatapfelsaft, frisch gepresst

mein neuestes highlight ist … dieser tiefst dunkelrote, köstlich süßherbe frisch gepresste granatapfelsaft. besonders lecker fand ich ihn (das ist auf dem bild nicht zu sehen, gehörte aber zum gesamtarrangement) mit meeresrauschen im ohr, einer sanften brise auf der haut, einer schnurrenden katze auf den knien und serviert von einem charmanten lächeln südländischer herkunft.

das alles gibt es für nur einen euro am strand westlich von side, türkisches mittelmeer: am unbebauten teil hinter den ruinen der antiken stadt.

warum ausgerechnet da? in der touristen-hochburg von germanisch-türkien schlechthin, wo sonnenhungrig reisende ausgenommen werden wie hierzulande die weihnachtsgans?

nun, das kleine business am unbevölkerten beach war eine erholsame ausnahme vom ausgenommen werden. da standen einfach ein paar stühle vorne am strand, drei meter von der wasserkante weg, wo ich (wie aufmerksame blogleserInnnen wissen) egal an welchem strand der welt gerne mit nackten füßen genüßlich kilometerlang am meer entlang plitsche: meine lebenslange lieblingsbeschäftigung, zu der ich leider viel zu selten komme.

die händler in side sind - so hörte ich sagen - die dreistesten der ganzen türkei, was nepp und kundenfängerei angeht. ob das so stimmt, kann ich nicht bestätigen, weil ich nicht sehr viele orte in der türkei kenne. dass aber die händler in side bisweilen unverschämt, überteuert und sehr unangenehm klebrig sein können, habe ich selbst erlebt. „mein“ granatapfelsafthersteller und -verkäufer war eine rühmliche ausnahme.

Granatapfelsaftproduktion am Strand von Side

herr serdar saß hinter seinem tisch mit blick aufs meer und wartete geduldig auf kundschaft. kein rufen kein säuseln kein brüllen kein palaver kein überreden kein geschwalle keine blumigen versprechungen und erst recht kein beleidigtes schimpfen, wenn man das angebot nicht wahrnehmen wollte. sein saft kostete einen euro - wie überall sonst auch. ich darf daran erinnern, dass es hierzulande für einen euro mal gerade einen granatapfel gibt - wenn er günstig ist.

ich mochte die schlichtheit seiner ausrüstung auf dem leicht verwitterten kunststofftisch: die schon etwas rostige aber funktionstaugliche saftpresse, das obst auf dem einem tablett, auf dem anderen gläser, strohhalme und servietten; das vom blutroten saft getränkte holzschneidebrett mit den vielen schnittnarben vom großen messer. sonst nichts.

side im späten herbst. saftdurstige touristen gab es an dieser stelle des strands nicht mehr viele. in den oft langen pausen kraulte der mann seinen strandkater romeo. bei einem späteren besuch überließ er ihn mir vertrauensvoll.

Granatapfelsaftproduzent mit Firmenkater Romeo

„efendi nar suyu” - mister pomegranate juice am herbstlichen mittelmeer, sanfte brandung und kribbelnder sand zwischen meinen nackten zehen, blutroter saft und katze. das war mein kleines paradies.

meinen saft übrigens habe ich ganz alleine getrunken. nie, niemals! käme ich auf die idee, mein stück vom paradies mit einem mann zu teilen. wir wissen ja, was für eine katastrophe biblischen ausmaßes dabei herausgekommen ist: eva war einfach zu nett, als sie ihren paradiesischen granatapfel mit adam teilte.


PS.
zu hause im südwesten der republik ist übrigens die firma Jacoby der saftladen meines vertrauens: regional und bio seit bald 100 jahren - quasi bei mir um die ecke. die haben einen - wie ich finde - sehr guten und vor allem bezahlbaren granatapfelsaft im angebot. (nein, dies ist keine werbesendung. zumindest keine bezahlte.)

Mittwoch, 16. März 2011

insel des glücks

wohl die größte ironie an der ganzen katastrophe rund um das kernkraftwerk in der japanischen präfektur fukushima:

fukushima - japanisch 福島 - bedeutet ‚insel des glücks‘. ausgerechnet.


fukushima ist knappe 14.000 quadratkilometer groß, also etwas kleiner als schleswig-holstein. mit rund 2 millionen einwohnern ist es etwas dünner besiedelt als unser nördlichstes bundesland. städte und dörfer konzentrieren sich dicht gedrängt entlang der küste. die berge – wie in japan üblich - sind fast unbewohnt.

an der küste entlang gibt es die wichtigsten straßen und eisenbahn-verbindungen. ein großteil davon wurde durch das erdbeben und die anschließende tsunami zerstört. deswegen ist es derzeit so schwierig, dorthin zu gelangen – für lieferungen mit nahrungsmitteln, medikamenten, aufräumgeräten, akw-rettungs-equipment gibt es fast keine transportwege mehr.

auf seiner webseite wirbt fukushima um investoren und die ansiedlung von firmen mit sechs großen vorteilen. einer davon:

„Fukushima supplies a stable industrial infrastructure with few earthquakes and disasters, as well as plentiful water resources.“ (Fukushima verfügt über eine stabile industrielle Infrastruktur mit nur wenigen Erdbeben und Katastrophen sowie reichliche Wasserquellen.)

fukushima - seit fünf tagen insel des unglücks, hilflos. ein beben, ein großes wasser, eine schier endlose reihe atomarer katastrophen.

jiji, eines der größten japanischen online-nachrichten portale, meldet 6.600fache strahlung, 20km vom akw fukushima entfernt.

nun sollen die schmelzenden reaktorkerne mit wasserwerfern gekühlt werden. heute schneit‘s. hilft das vielleicht ein bißchen?

für die obdachlos gewordenen und evakuierten hunderttausende menschen hingegen macht das winterwetter die situation nur noch schwieriger.

mein gehirn will die bilder und informationen, die es im TV und internet sieht, einfach nicht zu einer realität koordinieren. es ist alles so surreal.

fukushima hat ein angenehmes klima am meer, den gleichen breitengrad wie sizilien. in knapp zwei wochen wird in japan die kirschblüte beginnen: ein landesweites frühlingsfest, das dem verlauf der kirschblüte von süden nach norden folgt und sich alljährlich über mehrere wochen hinzieht.

so sehr ein japanisches symbol für frieden und wohlstand, dass es im japanischen völlig ausreichend ist, „hanami - 花見 - blüten-sehen“ zu sagen. ohne den zusatz ‚kirschen‘: jedeR weiß, dass damit immer und ausschließlich kirschblüten gemeint sind.

falls es dann im land der glücksinseln und den anderen von den katastrophen betroffenen landesteilen japans noch kirschbäume gibt, wird das ein seltsamer anblick. zartrosafarbene, duftige pracht zwischen trümmern und geborstenen atommeilern.

ich sage jetzt, dass bis dahin das allerschlimmste nicht passiert sein wird, dass es nach all den katastrophen doch noch ein wunder gibt. das sage ich jetzt! ich sage es dem universum und amatarasu omikami - der großen mutter sonnengöttin - und allen anderen kosmisch zuständigen.

die menschen in fukushima können doch nichts dafür, dass machtgeile regierungen und geldgeile energiekonzerne weltweit so eine schreckenstechnik forcieren. bloß, weil man aus dem angereicherten uran für die brennstäbe auch bomben bauen könnte - aus nem windrad aber nicht. könnte man diejenigen verantwortlichen jetzt mal bitte alle zum löschen und kühlen einteilen?!


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Samstag, 20. November 2010

glückskind

es gibt so tage, da könnte ich zwitschern vor freude. da passieren in meinem prekären leben dinge, von denen ich nicht mal mehr zu träumen wage. aber plötzlich sind sie echt und wahr.

amsel 

neulich vor einem monat zum beispiel. da bekam das kleine alte auto nach vielen reparaturen gegen teuer geld eine neue TÜV-plakette. gegen sehr teuer geld, das ich im grund gar nicht besitze – und doch irgendwie aufgetrieben habe, weil mir das kleine alte auto so wichtig ist. es ist schwarz.

wenn es im vergangenen jahr eine doppelte abwrackprämie gegeben hätte für autos, die doppelt so alt sind: ich hätte sie vielleicht doch genommen. so aber habe ich diesen schrottwahnsinn nicht mitgemacht. das wäre mir zu billig gewesen. für nur zweieinhalbtausend ocken hätte ich mein kleines schwarzes nicht hergegeben.

die neue TÜV-plakette war gerade mal drei tage alt, da krachte unterm auto der auspuff ab. großer schreck! und große angst, jetzt noch mehr teure reparatur bezahlen zu müssen.

mein büro liegt ein bißchen am berg, die autowerkstatt ist weiter unten im dorf. wenn das auto mal nicht anspringt, kann ich einfach runterrollen. notfalls macht der werkstattmann auch hausbesuche. das ist ein echter schatz.

der werkstattschatz machte große augen, als er den weggebrochenen auspuff an der letzten schelle hängen sah. es war ihm wohl auch peinlich, dass sowohl er als auch der TÜV-man die marode stelle übersehen hatten.

nahm er also das auto sofort auf seine halbautomatische hebebühne, besah den schaden, diagnostizierte, dass er das mal eben schweißen könne und schickte mich auf einen spaziergang in die reben.

als ich nach einer knappen stunde zurück kam, saß der auspuff wieder gerade und hatte die schönste verstärkte und kunsthandwerklich verzierte schweiss- und lötnaht von allen. an der stelle geht der auspuff sicher nie wieder kaputt.

kosten der reparatur? „nix. das schenk ich dir.“ jetzt hat das kleine alte auto einen eingebauten talisman mit schutzengel. ich bin entzückt. meine innere finanzministerin ist es auch.

da war ich glückskind vor einem monat, und in dieser woche schon wieder:

auch der klapprechner, auf dem ich die besonderen maßnahmen produziere, ist nicht mehr der jüngste. er ist zwar noch nicht so alt wie das kleine schwarze auto, aber auch schon seit 2003 auf dem markt. kleiner als der große graue kasten davor. und schwarz.

im grunde tut der klapperrechner ganz zuverlässig, was ich will; hat ein starkes 2giga-herz und für meine zwecke ausreichend graue speicherzellen. vor gut zweieinhalb jahren habe ich ihn gebraucht gekauft bei einem rentner in einem der schönen nachbardörfer.

seit einer ganzen weile aber hat das kleine schwarze notebook eine ziemlich lästige eigenart: es geht bei der arbeit einfach aus. ohne vorwarnung. mittendrin. zack! bildschirm schwarz. digitale schlafkrankheit.

wenn ich‘s danach wieder hochfahre, erscheint eine horrormeldung, weiß auf schwarzem bildschirm: ‚bad RTC battery‘. großer schreck, immer wieder!

mit bösen BIOS-batterien habe ich keine erfahrung. immer wieder habe ich den rechner einfach durch mehrfaches ein- und ausschalten ans laufen gekriegt. datum und uhrzeit wieder neu eingestellt. tutto va bene bis zum nächsten mal.

es blieb die angst, dass mein kleines schwarzes notizbuch irgendwann mausetot bleiben könnte nach so einem absturz. und dass trotz bester datensynchronisierung auf externer festplatte die schönsten maßnahmen verloren gehen könnten.

angst auch, weil computerreparatur ja teuer ist, neues notebook gleichzeitig mit neuer TÜV-plakette sowieso jenseits meines prekären budgets. da habe ich ganz schüchtern den notebook-man im anderen dorf kontaktiert, ob er wohl eine idee habe, woran das liegt und ob man da was machen könne.

prompte email zurück „Bitte bringen Sie das Notebook zu mir. Ich werde es Ihnen reparieren. Es ist nur eine Kleinigkeit.“

als ich das laptop hinbrachte und nach den reparaturkosten fragte, sagte er „das kostet fast nichts.“

als ich das laptop wieder abholte und nach den reparaturkosten fragte, sagte er: „das kostet nichts.“

es war nur eine lötstelle. nebenbei hat der notebookschatz innen und außen alles geputzt, hat katzenhaare und kekskrümel entfernt und sogar die pfeilnachoben-taste repariert, die ich immer mit tesafilm gefixed hatte.

nun hat auch das kleine schwarze notebook einen eingebauten talisman mit schutzengel. ich bin entzückt. meine innere finanzministerin ist es auch.

er wollte wirklich gar kein geld. den mitgebrachten rotwein feinherb aus der winzergenossenschaft gegenüber und das stück blütenkäse aus dem bioladen hingegen nahm er gerne. ich war sehr gerührt.

ich bin sehr gerührt. so viel glückskind!
das es menschen gibt, die nicht nur das geld sehen, die andere werte leben.
das ist gut.
das tut gut.
das stärkt mein herz!


[wer hätte je gedacht, dass ich mal ein loblied auf – wenn auch ausgewählte – männer schreiben würde?! das ist die besonderste maßnahme von allen.]


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