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Januar 2021

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Mittwoch, 29. Mai 2013

mein #aufschrei

manchmal wühlen die geschehnisse im außen mich innerlich so sehr auf, dass ich nicht einmal mehr meinen namen weiß. dann brauche ich sehr lange, um mich zu sortieren – bevor ich mich dazu äußern kann.

die diskussion um sexuelle belästigung, der twittersturm um den hashtag #aufschrei – das habe ich intensiv verfolgt, es hat mich getroffen und gelähmt.

Regenbogen im Weinberg

als ich neulich bei emma erfuhr, dass Alice Schwarzer ein neues buch herausgegeben hat - ES REICHT! - über und gegen sexuelle belästigung im beruf, da habe ich gedacht: hui, da waren die aber schnell. schon ein buch fertig, während ich immer noch mit sortieren und der besänftigung meiner trauma-flashbacks beschäftigt bin.

eine der autorinnen in ES REICHT! ist Anne Wizorek, die mit dem hashtag #aufschrei im januar 2013 die dokumentation alltäglicher sexismen gegen frauen bei twitter initiert hatte. #aufschrei ist nominiert für den Grimme Online Award  2013. bitte geht wählen! die abstimmung läuft bis einschließlich donnerstag, 13. Juni 2013.

auch der artikel über brüderles „altherrenwitz“ ist schon fast fünf monate her. die diskussion darum war unerträglich - frauenfeindlich! woher kommt so viel hass der männer auf frauen, die sich nicht alles gefallen lassen? ich habe damals den artikel der kollegin Laura Himmelreich im gedruckten Spiegel gelesen - fand ihn gut und angemessen. Sie hat einfach nur getan, was eine gute journalistin tun muss: sie hat laut gesagt bzw. geschrieben, was ist.

mir hat die debatte schier körperlich wehgetan. entsetzt stellte ich fest, dass alltagssexismen gegen frauen seit meiner jugend nicht weniger geworden sind, sondern unverändert bestehen und durch die neuen medialen möglichkeiten sogar härter geworden sind. schlimmer noch: dass eine diffuse mehrheit sie für normal und nicht weiter beklagenswert zu halten scheint.

als ich achtzehn, neunzehn jahre alt war, glaubte ich tatsächlich an das, was wir in der schule lernten. an das grundgesetz zum beispiel: männer und frauen sind gleichberechtigt. meine eigene geschichte hatte mich zwar schon eines anderen belehrt, aber ich war weltmeisterin im verdrängen und wollte das sehr gerne glauben!

1980 wohnte ich in der kölner südstadt, las die noch junge emma im abo. die redaktion war nicht weit weg, quasi um die ecke. nie hätte ich gewagt, bei diesen tollen starken frauen anzuklopfen und vorzuschlagen, dass ich vielleicht auch gerne mal was schreiben würde. ich war doch viel zu schüchtern, viel zu unsicher, viel zu klein.

aber ich glaubte fest daran, dass das mit der abschaffung der sexuellen belästigung nicht mehr lange dauern könne: blöde sprüche im bekanntenkreis? ekliges getatsche in der disco? aufmunternde pfiffe aus dem untergrund der straßenbauarbeiter? das hört sicher bald auf. wir hatten ja das grundgesetz. und die emma.

es hörte nie auf. ich bin sehr froh, dass junge frauen heute – mehr als dreißig jahre später - wagen, sich öffentlich dagegen zur wehr zu setzen. bei mir hieß es damals „du willst es doch auch.“ oder „nu sei doch nicht so empfindlich.“

ich bin aber nun mal „empfindlich“, wenn andere versuchen, mich respektlos zu behandeln, zu demütigen und herabzusetzen, wenn andere mich kleinhalten, meine grenzen mißachten und ihr spaß auf meine kosten geht. erst recht bin ich indigniert, wenn sie dann auch noch versuchen, meine gegenwehr auf die weibchenschiene zu schieben und mich für hysterisch erklären.

so hat der #aufschrei also mein ganzes altes geschichte* durcheinandergebracht, ebenso wie zuvor die brutalen vergewaltigungen in indien, die genitalverstümmelung bei islamischen mädchen und frauen. es ist, als ob der schmerz jeder einzelnen durch meinen körper geht, weil ich doch so vieles schon selbst am eigenen leib erfahren habe.

auch im frühjahr 2010 war ich entsetzlich aufgewühlt, als endlich die vielen missbrauchsskandale in kirchlichen einrichtungen ans licht kamen. seither vergeht kaum ein tag, ohne dass mir nicht mehrfach ein ausdruck wie „sexueller missbrauch“ zu ohren kommt oder unter die augen tritt.

jede einzelne erwähnung ist ein trigger, jedes mal eine erinnerung an die katastrophen meiner kindheit und jugend, jedes mal wieder habe ich den geschmack von sperma, blut und kotze im mund. seitdem ich fünf bin. jahrzehnte hinweg hatte meine seele das gut verdrängt, um überleben zu können.

früher hat dann immer ein schnaps geholfen. als abstinente alkoholikerin kann und will ich mir das aber nicht mehr leisten.

die therapeutInnen haben im lauf der jahre meine alten kindheitserinnerungen hervorgezerrt und mich dann damit allein gelassen. seitdem werde ich diesen ekligen geschmack gar nicht mehr los. in der reha-klinik heiligendamm 2010 habe ich erstmals von einer therapeutin gehört, dass ich hochgradig komplex und multipel traumatisiert sei. aha. danke schön. und jetzt?! „wickeln sie sich ein gummiband ums handgelenk und schnippen Sie dran.“ aha. es hilft nicht!

seit so vielen jahren habe ich diesen schrecklichen geschmack im mund. täglich. und weiß nicht, was ich dagegen machen soll. manchmal möchte ich mir am liebsten den mund mit einer rasierklinge ausschaben. das geht natürlich nicht. mein aufschrei bleibt unerhört.

es will mir nicht in meinen krausen kopf, warum in unserer angeblich 'zivilisierten' welt gewalt und feindlichkeit gegen frauen und mädchen immer noch alltäglich sind und noch dazu in vielen varianten immer noch als kavaliersdelikt gelten. dass macht mich wütend, und es macht mich verzweifelt. wir erleben sie täglich. alle. nur setzen die einen sich mehr, die anderen weniger damit auseinander.

Barack Obama, der präsident der US of A, sagte am 22. märz 2013 in Yad Vashem (Israel): „Hass in all seinen Formen ... hat keinen Platz in der zivilisierten Welt.“ - (im original: „For us, in our time, this means confronting bigotry and hatred in all of its forms, racism, especially anti-Semitism. None of that has a place in the civilized world -- not in the classrooms of children; not in the corridors of power.“ - Quelle: Weißes Haus, Washington D.C.)

er bezog es, da in Jerusalem, vor allem auf antisemitismus. es ist gut, dass er das gesagt hat, und es ist berechtigt. denn antisemitismus ist feindlichkeit gegen die angehörigen einer bestimmten religion, und das ist per gesetz nicht erlaubt.

feindlichkeit gegen frauen ist allerdings auch per gesetz nicht erlaubt. frauen leben auf diesem planeten mehr als juden.

es wäre also an der zeit, dass auch mal ein staatsoberhaupt von rang sagt „sexismus hat keinen platz in der zivilisierten welt.“ oder „für frauenfeindlichkeit ist in einer zivilisierten gesellschaft kein platz.“

was denkt ihr: wie lange wird das noch dauern? ich fürchte, es geht noch lange – und ich hoffe dennoch, dass ich das noch erlebe.


*ps.
das wort 'geschichte' benutze ich gerne im neutrum: weil es für mich bedeutet, dass viele verschiedene gelebte und erinnerte schichten von leben mehr oder weniger sortiert übereinander liegen. ich sehe das als bild, wie eine torte oder einen stapel papier: ein geschichte von vielen schichten eben.
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Montag, 15. April 2013

den schmerz zurückgeben

mehr als dreißig jahre sind vergangen, seitdem ich - kurz nach meinem 18. geburtstag - bei den eltern auszog. 150 mark warm kostete meine erste eigene wohnung - zwei kleine zimmer zur untermiete bei einem lehrer-ehepaar in der kölner südstadt. die eltern gaben mir das kindergeld und ein bißchen mehr. was ich sonst noch brauchte, verdiente ich mit diversen jobs.

die erste Pusteblume, April 2013

in der schule verstand das niemand: „warum ziehst du denn aus, wo doch deine mutter für dich kocht und die wäsche wäscht? und der schulweg dauert jetzt auch viermal so lange.“ sie hatten ja recht.

aber ich hielt die enge bei den eltern nicht mehr aus. wie eng es tatsächlich war in geistiger und emotionaler hinsicht, das mochte ich mir damals noch gar nicht eingestehen. ich redete mich auf die quadratmeter raus, die enge dunkle wohnung, das gemeinsame zimmer mit der jüngeren schwester. unerträglich, schon lange.

zu diesem zeitpunkt hatte ich das schlimmste erfolgreich verdrängt. es hätte sowieso niemand hören wollen, wie es mir wirklich ging. offiziell hieß es „wir können doch über alles reden.“ klar. aber wenn ich mal ein problem hatte, kam die ansage: „da musst du jetzt alleine durch. da kann dir keiner helfen.“ tja.

die eltern hatten mich gut dressiert: sobald ich etwas sagte, das nicht in ihr bild vom unkomplizierten vorzeige-wunschkind passte, gar eine eigene meinung kundtat - dann gab es böse worte, keifen und fauchen. bestenfalls zynische bemerkungen und eiskalte gleichgültigkeit.

wenn ich fror oder traurig war, schob ich das aufs schlechte wetter. besser so. das gab wenigstens nicht noch zusätzlich miese stimmung. es war oft schlechtes wetter. ich lernte, mich und mein unglück unter den teppich zu kehren und verstummte.

ich kehrte in meiner seele so gründlich, dass ich die lügen der eltern verinnerlichte und selbst daran glaubte, dass alles immer schön und harmonisch war. wie konnte ich damals wissen, dass meine traurige kindheit mich ein leben lang verfolgen würde?

zwar hatte ich den - ohnehin seit jahrzehnten nur spärlichen - kontakt zu den eltern im sommer 2008 ganz abgebrochen. doch dann hatte der vater im sommer 2012 den kontakt zu mir gesucht.

aber er wollte weder reden noch hören, wie es mir wirklich geht. weder er noch die mutter wissen bis heute, was ich für ein mensch geworden bin. es scheint sie auch nicht zu interessieren.

es war alles so wie früher. er klopfte seltsame sprüche, heischte aufmerksamkeit. die mutter beschimpfte mich am telefon, beleidigte mir liebe menschen. unfähig zu jeglicher selbstkritik. wenn ich früher erzählte, dass es mit nicht gut geht, fing sie an zu weinen. dann musste ich nicht nur mit meinen eigenen existentiellen problemen fertig werden, sondern auch noch die mutter trösten. wenn es mir nicht gut geht, will sie auch nicht mit mir reden. sie legte bald auf.

in mir kam alles wieder hoch. meine sorgsam verdrängte angst und verzweiflung aus kinderzeiten, die einsamkeit, das gefühl des ausgelieferten verlorenseins - und die gedeckelte wut. oh diese wut. ich weiß gar nicht, wie so viel hass in mir platz haben kann.

die ignoranz der eltern, ihre verlogene selbstzufriedenheit haben mich einmal mehr zutiefst verletzt. ich weiß, die hoffnung stirbt zuletzt. ich hatte wirklich darauf gehofft, dass sie ihre bitte um „wiederannäherung“ ernst gemeint hätten. hatten sie aber nicht. bzw., was sie darunter verstanden, war eine fortsetzung meiner qual mit denselben alten mitteln: sie sind tolle unfehlbare eltern, und ich habe gefälligst den mund zu halten. wenn es mir immer noch nicht gut geht, dann kann das nur daran liegen, dass meine therapeuten schlechte arbeit machen. genau.

die eltern sind der meinung, dass therapie den alleinigen zweck hat, ihre elterliche feindseligkeit und den emotionalen missbrauch klaglos auszuhalten. so wie früher, als ich ihr verhalten aufgrund mangelnder vergleichsmöglichkeiten für normal halten musste. wenn das kind aber auf die idee kommt, sich lieber nicht mehr quälen lassen zu wollen, dann haben offensichtlich die psychologen versagt.

im letzten sommer begann ich also, einen brief an die eltern zu schreiben. weil sie nicht reden wollten. ich schrieb ihnen, wie es mir als kind ging, was mir passiert ist, wie verzweifelt und hilflos und unglücklich ich war. wie sehr die angst mich aufgefressen hat. dass ich schon als schulmädchen vaters schnaps trank, mit 15 (heimlich) die erste therapie machte und vom taschengeld bezahlte, mit 16 den ersten suizidversuch ….

der brief ist sehr lang geworden. weil sie sich immer beschwert haben, dass meine schrift so unleserlich sei, habe ich den brief gedruckt.

ich habe - wieder sehr rational - auch geschrieben, dass ich nicht davon ausgehe, dass sie irgend etwas absichtlich getan haben, um mir weh zu tun. dass ich sehr wohl weiß um ihre verletzte kriegskindheit und sie sicher alles so gut gemacht haben wie sie nur konnten.

aber sie konnten es nicht, und es war nicht gut: die eltern waren durchaus daran beteiligt, dass aus mir hochbegabtem, sensiblen, kreativen kind ein seelisches wrack geworden ist, das - frühkindlich multipel traumatisiert - auf ein dutzend suizidversuche, eine lange suchtgeschichte und unzählige selbstverletzungen bis zum heutigen tage zurückblickt. sie sind die menschen, die mir in meinem leben am meisten geschadet haben.

so sehr viel schmerz habe ich in diesen brief gelegt, dass er kaum zu schließen war, und ich habe ihn sofort danach auf den weg gebracht. keine minute länger wollte ich weder brief noch schmerz im haus haben. vielleicht auch aus angst, ich könnte es mir über nacht anders überlegen und einmal mehr die eltern verschonen, ihnen ihre lebenslügen lassen - so wie ich es als kind bei strafe gelernt habe.

es ist noch nicht ausgestanden. die wut in mir kocht weiter, der hass frisst mich von innen. lässt mich mir selbst dinge antun, die ich nicht meinen ärgsten feinden wünsche. obwohl ich ihnen nur schrieb, wie ich meine kindheit und jugend erlebte, habe ich ein schlechtes gewissen: wie konnte ich den alten leuten, beide über 80, das antun?

dennoch: in mir ist es bedeutend friedlicher geworden. beim schreiben des briefes habe ich viel geweint, geflucht und gespuckt. das innere kind immer auf dem schoß. zwischendurch musste ich ihr einen schokoladenkuchen backen. sonst hätten wir das nicht ausgehalten.

wir haben uns den schmerz angesehen. stück für stück. mit großer kraft. haben ihn gesammelt, in die tüte gepackt und an die verursacher zurück geschickt.

return pain to sender.

ob und wie die familiengeschichte sich nun weiterdreht, bleibt abzuwarten.

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Sonntag, 30. September 2012

kriegsenkelin

als ich im juli vom besuch des vaters berichtete, unsere lebenslang schlechte beziehung und seine erlebnisse im zweiten weltkrieg erwähnte und ihn der von mir so genannten „eisernen generation“ zuordnete - da ahnte ich nicht, dass ich ein phänomen beschrieb, das seit einigen jahren einen namen hat.


ich bin tochter von kriegskindern. ich bin kriegsenkelin.

ich bin tochter von menschen, die im zweiten weltkrieg selbst als kind militärischen an- und übergriffen hilflos ausgesetzt waren, die vertreibung und flucht, den verlust von hab&gut und geliebten menschen ohne filter miterlebten; die ihre traumata niemals verarbeiten konnten, alle gefühle in sich verbunkerten, selbst mit überleben beschäftigt waren und von den eigenen kindern bedingungsloses funktionieren nicht nur erwarteten, sondern auch einforderten.

es trifft nicht nur mich, es trifft viele. die rede ist von einer ganzen generation. es geht um menschen, die - in etwa - zwischen ende der 1950er und anfang der 1970er jahre geboren wurden. die „geburtenstarken“ jahrgänge, auch die.

vermutlich bin ich auch noch kriegs-ur-enkelin. denn auch die eltern waren ja kriegsenkel, kinder von menschen, die den ersten weltkrieg als kind erlebt hatten. in der traumaforschung weiß man heute, dass nicht verarbeitete traumata sich an die nächste generation vererben können.

wer ein trauma nicht auflöst, gibt es weiter. passiert das über mehrere generationen hintereinander, kommen immer neue ungelöste traumata hinzu, das trauma potenziert sich. neue kriege entstehen - auf allen ebenen: nicht nur zwischen staaten, sondern zwischen menschen und - schlimmer noch: IN menschen. in mir. in dir.

das gilt für alle kriege, für alle katastrophen, überall auf dem planeten. welch eine erschreckende einsicht. und gleichzeitig: welch eine riesenchance auf heilung, auf ein kleines bißchen weltverbesserung, wenn ich sehe, dass ich meinen teil dazu beitragen kann, indem ich mit meiner eigenen genesung beginne, das eigene trauma auf- und mich erlöse.

eine freundin brachte mich auf die spur, gab mir einen link, einen buchtitel. ich folgte den hinweisen und fand informationen, verständnis, unterstützung. ich fand etwas beruhigung meines inneren aufruhrs, erklärungen für einen teil meines traurigen lebens von kindheit an. ich fand die chance auf kleine heilung und linderung des schmerzes.

es wächst ein neues verstehen der seelischen nöte der eltern - auch wenn ich nicht für alles verständnis habe und sie schon gar nicht aus ihrer verantwortung entlassen kann. es gibt keinerlei entschuldigung dafür, die eigenen kinder zu quälen und zu foltern, niemals.

die einsamkeit bleibt, die emotionale verwahrlosung, die schreckliche hasserfüllte seelische heimatlosigkeit, die unendliche angst des „sich-verloren-fühlens“. die vergangenheit wird ja nicht plötzlich ungeschehen, bloß weil man sie etwas besser versteht. es gibt keine „undo“-taste fürs gelebte leben.

die journalistin Sabine Bode hatte sich zunächst mit Kriegskindern befasst, bevor sie deren kindern, uns kriegsenkeln also, ein eigenes buch widmete. in „Kriegsenkel“ schreibt sie im kapitel „Gespenster aus der Vergangenheit“:

Ich schreibe über Menschen, denen die eigenen Eltern unwillentlich Schaden zufügten, und - was die Folgen bis heute so schwer erträglich macht - deren Eltern keine eigene Beteiligung am Unglück ihres Kindes sehen, bzw. die überhaupt kein Unglück wahrnehmen.

Sie werden in diesem Buch nicht beschuldigt, denn als Traumatisierte konnten sie ihr Handeln nicht richtig einschätzen. Aber sie werden auch nicht geschont. Denn Schonung würde bedeuten, das Schweigen in die nächste Generation weiter zu tragen, wo es erneut Verwirrung und unerklärliche Symptome verursachen könnte.“ *

vater und mutter sind die menschen, die mir in meinem leben am meisten geschadet haben. sie sind jetzt 80 und 85 jahre alt. sie haben nicht mehr viel zeit, um sich aus ihren eigenen verwirrungen zu lösen, und offensichtlich so gar kein interesse daran. was sie eine „wiederannäherung“ nennen, ist für mich eine fortsetzung der qualen meiner kindheit und jugend. ich darf nicht sagen, was ist und was war - sonst gibt es keifen und fauchen, zynische bemerkungen und beleidigten kontaktabbruch. 

statt dessen soll ich sie emotional füttern, hätscheln und päppeln. nur dann bin ich - in ihren augen - die „gute“ tochter. das lügen den eltern zuliebe aber, damit sie sich ihre eigenen lebenslügen nicht eingestehen müssen, halte ich nur schwer aus: sind sie außer blickweite, mache ich fressanfälle, knalle mit dem schädel gegen die wand und zerkratze mir die kopfhaut bis es blutet. nicht wieder zum alkohol, zu nikotin oder anderen drogen zu greifen, fällt mir in solchen zeiten besonders schwer.

zu wissen, dass ich mit dem „phänomen“ nicht alleine bin, lindert den schmerz. im internet und in echt gibt es unterstützung. besonders hilfreich finde ich das „ForumKriegsenkel“ mit vielen informationen, einer aktuellen studie (2012), lebensgeschichten, literaturtipps und links.

hier im blog habe ich ein weiteres 'label' eingetragen, das auf posts verweist, die mit meinem kriegsenkelin-sein zu tun haben - auch wenn ich das wort „kriegsenkel“ nicht immer explizit benutzt habe.

gleichzeitig habe ich damit auch mojour - also mir selbst - ein neues 'label' angehängt: immer unterwegs mit dem ziel, die zu werden und zu sein, die ich wirklich bin, lautet der aktuelle zwischenstand ungefähr so:

frühkindlich multipel sexuell und anders traumatisierte, rezidivierend depressive, kreative, hochsensible hochbegabte, prekär lebende, anonym bloggende journalistin, trockene alkoholikerin, kalte raucherin und kriegsenkelin mit autistischen zügen in den wechseljahren“ .... und noch viel mehr!


* aus: 
Sabine Bode, Kriegsenkel, Klett-Cotta 2009, ISBN 978-3-608-94550-8 (S. 30)


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Dienstag, 23. August 2011

kurze maßnahme no. XXV

my very first schallplatte ....
.... war diese:

[Wum (Loriot) - Ich wünsch' mir ne kleine Mietzekatze]

damals war ich zehn. der krächzende hund sprach mir aus der seele.
leider haben die eltern weder ihn noch mich ernst genommen.

eine katze durfte ich nie nicht. haustiere waren verboten.
ich musste mich mit wum und wendelin begnügen. naja.
besser als nichts. immerhin konnte ich drüber lachen.
loriot hat also meine kindheit gerettet.
so was fällt mir oft erst ein, wenn es zu spät ist, um persönlich danke zu sagen.
danke loriot

die platte habe ich nicht mehr.
aber eine wunderbare mietzekatze.


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Mittwoch, 9. März 2011

meine vorbilder

ein schulaufsatz

als ich noch ein kleines mädchen war, wollte ich unbedingt lehrerin werden. die klassenlehrerin in der grundschule war mein großes vorbild. zumindest verehrte ich sie sehr. am meisten verehrte ich sie, weil sie mir gute noten gab. sie hatte die macht über wohl und wehe aller schulkinder. mir wollte sie wohl.

erdmännchen? erdweibchen?

meine grundschullehrerin war mir nicht wirklich ein vorbild. ich kannte sie ja kaum. aber sie war die erste frau in meinem leben, die nicht nur hausfrau war. sie hatte einen eigenen beruf, sie verdiente eigenes geld, sie war von niemandem abhängig, durfte sogar ihre eigene meinung sagen. andere leute (also ich und meine schulkameradInnen) mussten tun, was sie sagte - und wir mussten es gut machen, sonst gab es schlechte noten. ja: sie hatte macht. das gefiel mir.

meine eigenen eltern taugten als vorbild wenig. der vater meist fort zur arbeit. war er zu hause, saß er entweder vor dem fernseher, schnarchte auf dem sofa oder lag nach der nachtschicht im bett. er war ein sehr abwesender vater. außerdem war er ziemlich dick, furzte und rülpste nach belieben: SEINE vorbilder waren mittelalterliche ritter. ich mochte ihn nicht. ich ekelte mich. er war mir peinlich.

auch die mutter war mir wenig vorbild mit ihrer eiskalten ungeduld. sie arbeitete zwar auch hin und wieder, dies und das - ließ aber regelmäßig durchblicken, dass ihr das alles zu viel sei und dass sie das nur für uns täte - also nur für die schwester und für mich - weil wir uns sonst nichts hätten leisten können. sie war oft schlecht gelaunt und zog sich immer wieder mit migräne in ihr schlafzimmer zurück.

ich verbrachte sehr viele tage meiner kindheit auf zehenspitzen, weil entweder der vater oder die mutter absolute ruhe brauchten. ich lernte: weil es mich gibt, geht es den eltern schlecht. nein: zu hause kein vorbild nirgends.

nach der grundschule waren mir auch die lehrerinnen auf dem gymnasium kein vorbild mehr: allesamt strenge alte jungfern. die meisten ziemlich schmallippig. zwar gab es die eine oder andere lehrerin, die ich sehr liebte - meine kunstlehrerin zum beispiel: sie war mit einem blinden goldschmied verheiratet und wunderbar feinfühlig. vor den meisten aber hatte ich angst. so furchterregend wollte ich nun wirklich nicht werden.

mit den vorbildern hatte ich es also nicht leicht. frauen, denen ich hätte ähnlich werden wollen, gab es wenige. die, die ich verehrte, fanden in den strengen augen der eltern keinen gefallen.

bezaubernde jeannie, die war super! wie sie immer ihren willen kriegte und den mann an der nase herumführte. wunderbar! leider nicht realistisch - dieses vorbild taugte höchstens für den karneval.

eine geistreiche, kluge philosophin wollte ich werden, wie simone de beauvoir. als ich erfuhr, welchen preis sie dafür zahlte im zusammenleben mit herrn sartre, schrumpfte sie vor meinen augen zusammen. was nicht heißt, dass ich ihre texte nicht trotzdem bewunderte.

ganz enorm beeindruckt hat mich die schweizerin isabelle eberhardt, die in männerkleidern allein durch die sahara ritt, romane schrieb und reiseberichte: „ohne Schreiben gibt es keine Hoffnung für mich in diesem verfluchten Leben in ewiger Finsternis”. das war ich! alleine in die wüste, das habe ich mich aber dann doch nicht getraut. und schon mit 26 sterben wollte ich auch nicht.

irgendwann blieb keine mehr übrig, und lange zeit wollte ich sein wie verschiedene männer. als vorbilder wählte mir natürlich nur die allerberühmtesten: pablo picasso oder marcel duchamp, charles bukowski oder tom waits zum beispiel.

ich habe tatsächlich geglaubt an das, was mir in der schule beigebracht worden war: dass männer und frauen gleichberechtigt seien und gleiche chancen hätten.

ich dachte, ich könnte mich frei bewegen auf diesem planeten, könne sagen was ich denke und tun, was mir beliebt und meinem wesen entspricht. riskant leben, ein bißchen bohème sein - trotzdem respektiert werden und anerkennung finden. wie andere männer eben auch.

ich habe mir lange vorgemacht, dass das möglich sei. dabei war das vielleicht der größte irrtum meines lebens. und der kraftraubendste.

es war sehr schmerzlich, einzusehen, dass ich nicht frau sein kann und trotzdem leben wie ein mann. wie deprimierend! damit waren alle meine vorbilder hinfällig. egal welchen geschlechts.

mit den jahrzehnten lernte ich, dass es im leben sowieso nicht in erster linie um vorbilder geht, sondern darum, die zu werden und zu sein, die ich wirklich bin. mit ganzem herzen ich selbst und sonst gar nichts.

allerdings gehe ich bis heute nicht davon aus, dass “die zu sein, die ich bin” ein erreichbares endziel ist, an dem ich perfekt und fertig wäre. welch eine schreckenslangweilige vorstellung!

“sein, wer man wirklich ist” - das ist vielmehr ein immerwährender prozess, in dem ich mich - hoffentlich - bis an mein lebensende befinden werde. ich gehöre ganz sicher nicht zu den menschen, die irgendwann von sich behaupten wollen oder können, sie seien fertig. ich möchte mein leben lang lernen, mich ein leben lang verändern und womöglich sogar täglich neu erfinden dürfen.

wenn mir das gelingen könnte, in liebevoller achtsamkeit - dann wäre ich mein eigenes vorbild.


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Freitag, 21. Januar 2011

auf linie

um nicht völlig in der winterdepression zu versinken, bemühe ich mich, jeden tag mindestens eine halbe stunde vor die tür zu gehen. in die weinberge. das kostet kein geld. das ist wichtig.


das schwierige ist nicht das spazierengehen. ich laufe sehr gerne. das schwierige ist die einsamkeit. wenn eine den ganzen tag allein ist, sich selbst zum gedankengang allein vor die tür schickt, alleine draußen durch die reben stapft und auch beim nachhausekommen niemandem erzählen kann, was sie gesehen hat, was sie gedacht hat – das ist .... folter.

ich stecke mir den mp3 ins ohr. ich höre musik oder ein buch. es bleibt einsam. rebstockreihe auf und rebstockreihe ab kullern die tränen. all die jahre schon.

das andere schwierige ist die eintönigkeit, reihe um reihe. das gleichförmige, das im winter umso deutlicher wird, wenn auch das letzte bißchen grün vom schnee verschluckt wird, alles nur noch schwarz und weiß scheint: landwirtschaftliche einöde. in alle richtungen.

da stehen sie in reih und glied, die rebstöcke. gezüchtet auf höchsten ertrag, beste klimatauglichkeit. neuerdings werden neue rebenreihen mit größerem abstand gepflanzt. weil immer weniger von hand geerntet wird. nicht mehr menschen mit eimern und kleine weinbergs-trecker müssen durchpassen, sondern große laute weinbeerengefräßige erntemaschinen.

ich stapfe durch die reben. manchmal schnüre ich wie eine katze meine spuren auf eine imaginäre perlenkette. das immergleiche auf und ab langweilt mich. die reben wachsen an langen drähten. ausrutscher nach rechts oder links sind nicht vorgesehen. trotzdem fällt es mir schwer, ganz gerade linien zu laufen. die gleichförmige landschaft fessselt nicht meinen geist, erlaubt den gedanken das wandern.


aus den rebstockreihen im immer gleichen abstand werden linien im immergleichen abstand. der weiße schnee wird zu weißem papier. nicht meine schuhe hinterlassen spuren, sondern ich sehe meine hand die linien füllen, mit tinte. lustig hüpfende, schnörkelige buchstabenreihen. auch beim schreiben fällt es mir schwer, eine gerade linie zu verfolgen.

plötzlich sehe ich mich wieder in der schule, fünfte oder sechste klasse. die strenge deutschlehrerin. sie hatte immer etwas zu mäkeln, immer etwas zu kritisieren. weder meine aufsätze noch meine diktate waren ihr gut genug.

sie hielt an strengen vorgaben und formalien fest, die exakt zu kopieren ich nicht in der lage war. sie war eine sehr deutsche deutschlehrerin.

einmal hat sie mich vor der ganzen klasse runtergeputzt. weil ich meinen text nicht genau auf den linien geschrieben hatte. sie fauchte, dass sie es ja noch verstehen könne, wenn die schrift nicht immer genau an der linie bleibt und man die feder manchmal ein bißchen höher ansetzt. wie es aber sein könne, dass ich mit dem füller "ständig" unter die linie rutsche, das sei ihr völlig unverständlich.

wir sehen: schon als kind war ich nicht linientreu.

nachdem wir das geklärt hätten, wird mir der nächste rebengang leichter fallen.


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Mittwoch, 20. Oktober 2010

50 jahre

ein halbes jahrhundert. unvorstellbar. noch älter als ich ist dieser alte toaster, der ein hochzeitsgeschenk für die eltern war.

wendetoaster: rowenta, 1960

es handelt sich um einen klappen- oder wendetoaster modell E5214 von rowenta, noch produziert im von robert weintraud 1884 gegründeten stammwerk in offenbach, bevor die firma anfang der 60er jahre von amerikanischen investoren übernommen wurde. der ist also noch richtig gute ‚deutsche wertarbeit‘ sozusagen.

trotzdem hat dieser toaster in der familie meiner kindheit regelmäßig für ärger gesorgt. die brotscheiben darin werden ‚halbautomatisch‘ gewendet, indem man die klappe weit nach unten öffnet. dann dreht sich das brot wie von selbst. aber es gibt weder timer noch abschaltautomatik, die toasts wollen immer beobachtet und im genau abgepassten augenblick gewendet sein.

die mutter war damit oft überfordert, weil sie gleichzeitig noch die eier mit speck zubereiten, kaffee kochen, frühstückstisch decken, den kohleofen einheizen, die lockenwickler aus den eigenen haaren nehmen, uns wecken und den vater aus dem bett locken musste.

immer wieder wurden ihr die toastscheiben kohlpechrabenschwarz. den brotkoks haben wir dann mit einem messer über dem spülstein abgeschrappt. wenn der geruch kippte von duftendem golden toast zum angebrannten brot, wussten wir, dass spätestens da auch mutters sonntagslaune gekippt war.

der alte 'turn-over' ist also weder praktisch noch pflegeleicht, deswegen wurde er irgendwann gegen ein anderes modell ausgetauscht: eines, das die fertig getoasteten scheiben auswirft, sobald sie die gewünschte bräunung haben.

trotzdem liebte ich den rowenta heiß und innig. vielleicht, weil er den eltern nicht gut genug war. da hatten wir etwas gemeinsam. vor allem aber deshalb, weil nicht nur genormte toastscheiben reinpassen, sondern auch mal ein halbes brötchen, auch kanten oder unegal abgeschnittene brotscheiben. weil er mich achtsamkeit lehrt und konzentration.

als ich mit achtzehn jahren in eine eigene wohnung zog, nahm ich den alten toaster mit und wieder in betrieb. er ist mir bis heute treu geblieben.

ich habe ihn aber auch nie verraten. einmal hat die mutter mir einen ihrer ‚praktischen‘ automatik-toaster aus dem ewigen quelle-katalog geschenkt. ich habe die annahme verweigert. die mutter verstand das nicht. die mutter verstand mich nicht.

in den dreißig jahren, die wir miteinander verbracht haben, mein toaster und ich, habe ich oft das chrom poliert, die elektrik ein paar mal repariert, abgebrochene bakelit-teile wieder angeklebt, ihm eine neue schnur spendiert.

das erstaunliche ist nicht, dass ich dieses oder andere geräte – wie die 20-jährige caffettiera zum beispiel - schon so lange in meinem haushalt habe. erschreckend ist vielmehr, dass ich schon so alt bin, dass die dinge so lange bei mir gewesen sein können.

was wusste ich denn mit achtzehn, werwiewo ich mit ende vierzig sein würde? dass dann alles anders wäre, als ich es mir als teenager erträumte – dass ausgerechnet dieser toaster aber unverändert dabei wäre?

zu meiner herkunftsfamilie habe ich ‚aus gründen‘ seit jahren keinen kontakt mehr. trotzdem habe ich natürlich gewisse daten im kopf. die eltern begehen heute goldene hochzeit. ohne den toaster.

wir wünschen - trotz allem - liebe, gesundheit und glück aus der ferne und feiern hier ein eigenes fest: herzlichen glückwunsch zum 50. geburtstag, mein toaster!


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Sonntag, 1. August 2010

ptbs

eine neue diagnose, mit der ich mich erst einmal anfreunden muss. die ärztin hat es noch gar nicht mit mir besprochen. aber es steht als kürzel in meinem therapieplan, der mir am donnerstag ausgehändigt wurde.

grand hotel heiligendamm: rückansicht II

posttraumatische belastungsstörung. ich weiß, was es bedeutet und weiß es auch irgendwie nicht. schließlich lebe ich seit meiner frühen kindheit mit den symptomen.

dass „das“ eine eigene „krankheit“ ist, weiß ich erst seit wenigen jahren. dass es auf mich zutrifft, habe ich lange geahnt. scheinbar hat bisher nur niemand gewagt, laut auszusprechen und deutlich aufzuschreiben, was ist.

es beruhigt mich und hilft mir sehr, dass meine probleme - oder zumindest ein teil davon - nun einen namen haben. vor allem gibt es meinem aufenthalt und meiner behandlung hier eine neue richtung. ptbs macht andere maßnahmen notwendig als eine rezidivierende depressive störung mittleren bis schweren grades nicht genauer bezeichneter herkunft.

was mich hier im détail erwartet, weiß ich noch nicht. erst einmal habe ich die erlaubnis, in aller ruhe anzukommen und mich einzugewöhnen. meine seele ist noch lange nicht wieder bei mir. ich warte geduldig.

die ersten tage seit mittwoch waren unendlich schwierig für mich und sind es noch. als ich mein zimmer sah, wäre ich fast rückwärts wieder hinausgegangen, wollte auf dem absatz kehrt machen und sofort nix wie weg hier.

es war so beklemmend eng, die aussicht wie ein graues betonbrett direkt vor der nase, dass ich schier keine luft bekam und in den ersten beiden nächten so gut wie nicht geschlafen habe. atemnot, migräne, übelkeit, verzweiflung.

vorgestern hat man mir den umzug in ein anderes zimmer weiter oben ermöglicht. seither wird es leichter. nun schaue ich auf die straße und den bahnhof über den wald nach osten und sehe ganz viel himmel. wenn ich mich ganz weit aus dem fenster beuge, sehe ich ein kleines stückchen vom meer. ich schlafe wieder.

das programm der ersten tage war heftig voll zackzack ein termin jagte den nächsten, eine untersuchung an der anderen. lange flure auf und ab fremde türen suchen, lange vor und in behandlungszimmern sitzen und warten. das alles in neuer umgebung, hunderte von fremden menschen um mich herum, ständig neue gesichter.

ich fand es brutal, war total gestresst und überfordert. erst recht nach der langen reise und zwei schlaflosen nächten.

aber nun scheint es ruhiger zu werden. peu à peu kann ich mich um die dinge kümmern, dir mir selbst wichtig sind. für fast jedes anliegen gab es bislang ein offenes ohr und wohlwollende unterstützung. dafür bin ich sehr dankbar.

ich fühle mich gut aufgehoben. die ankunft meiner seele erwarte ich in kürze.

selbige hängt noch in duisburg, dort ist sie wohl unterwegs ausgestiegen, als wir durchs ruhrgebiet fuhren:

die ungeheuerlichen ereignisse bei der love parade am vergangenen samstag haben mich total gerissen. ich kenne diesen tunnel aus meiner kindheit. das ist ein endloses gruselding auch ohne menschenmassen.

dabei hatte ich mit der loveparade nie was am hut, mit lauter musik und tecchno (heißt das heutzutage überhaupt noch so?) sowieso nicht. im gegenteil. als ich noch in berlin lebte, habe ich regelmäßig geschimpft über den lärm und um meinen geliebten tiergarten gebangt.

der morgen danach war immer besonders schrecklich. die räumkolonnen der BSR in der 'straße des 17. juni' kamen kaum durch die berge von müll, überall stank es nach kloake. am schlimmsten aber war, dass überhaupt kein vogel mehr da war. kein zwitschern kein gar nix war zu hören. jedes jahr musste der park quasi neu aufgeforstet werden, weil die ravermeute alles kurz und klein getreten und totgepinkelt hatte.

aber das eine hat ja mit dem anderen nichts zu tun. erst recht nicht mit dem leid, das nun geschehen ist.

als ich am samstag, den 24. juli im online ticker so gegen 18 uhr die erste nachricht las, dass es bei der love parade in duisburg tote gegeben hatte, war ich gerade mit reisevorbereitungen beschäftigt. danach konnte ich mich auf nichts mehr konzentrieren.

am sonntag habe ich die koffer gepackt. ich habe unendlich lange dafür gebraucht, weil ich dieses unglück so ungeheuerlich, so absolut unfassbar fand. immer wieder habe ich nach neuen informationen gesucht.

inzwischen habe ich videos gesehen, die das geschehen dokumentieren. ich habe authentische blogs gelesen darüber wie grausam die situation war. ich fasse es nicht und sende kraft, licht und liebe den überlebenden und angehörigen.

ich habe versucht, mir jeglichen gedanken daran zu verbieten, weil es doch sowieso niemandem nutzt und nichts ungeschehen macht, wenn auch ich noch schockiert und heulend in der ecke sitze, obwohl ich gar nicht dabei war.

es half nichts. es ist nicht das aktuelle unglück allein, das mich so aufwühlt. es triggert alte bilder aus meiner kinderzeit in duisburg. der tunnel. der bahnhof. der große platz. der vergoldete anker, auf den der fiese großvater so stolz war.

im woolworth machte er das kleine mädchen zu seiner lolita mit knallrot geschminkten lippen. noch heute höre ich die leute tuscheln „hast du das gesehen, das ist ja schrecklich“. noch heute schmecke ich den billigen lippenstift.

es ist kein wunder, dass ich ziemlich aufgelöst hier ankam. auch die vergangenen monate am ungeliebten arbeitsplatz und die sogenannten „missbrauchsskandale“ stecken mir noch in den knochen.

ich war so dermaßen am ende meiner kraft, dass ich mich nicht einmal darüber freuen konnte, endlich am meer zu sein.

heute erst war ich mal baden. da hat es geregnet. das ist mal wieder typisch. es war trotzdem schön.

morgen beginnen die therapien, erst mal noch soft: in den ersten tagen geht es hauptsächlich um körperliche fitness und seelisches entspannen, um mich zu stabilisieren.

danach geht meine reise mehr nach innen. ich bin noch nicht sicher, in wie weit ich in den nächsten wochen die öffentlichkeit daran teilhaben lassen möchte und hier regelmäßig schreiben will. ich werde vieles umkrempeln und neu sortieren. das braucht zeit. meine zeit.

wenn mal länger nix kommt, dann seid gewiss: ich bin hier gut aufgehoben. wenn ich will, ist immer jemand für mich da.


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Mittwoch, 9. Juni 2010

nachtschaden

wenn die nächte nicht zu kalt sind, schlafe ich bei offener balkontüre. nachts ist mein dorf für gewöhnlich himmlisch friedlich, mal abgesehen von den kirchenglocken alle viertelstunde.


neulich, in der nacht von sonntag auf montag, wurde ich wach von lautem grölen, das - erst unverständlich - näher kam und lauter wurde. normalerweise baue ich solche ‚nächtlichen störgeräusche‘ in meine träume ein, um nicht aufwachen zu müssen.

ich träumte also fußballplatz nach dem spiel und besoffene männer im siegestaumel. mir war nicht wohl im traum, denn ich finde alkoholisierte kerle nicht angenehm. die schlachtrufe wurden immer deutlicher, und es hörte sich so an wie „sieg heil, das ist geil, wir besiegen die juden und andere völker“.

mir wurde bang, ich fühlte mich bedroht und wachte auf mit herzklopfen. der traum war weg – aber das grölen blieb. flaschen klirrten. da zog ein ganzer trupp die nächtliche dorfstraße entlang. laut. ich hatte den text nicht bloß geträumt! dreiviertel drei schlug die turmuhr. ansonsten totenstille.

ich zog mir was über und ging raus auf den balkon. erkennen konnte ich nichts und niemand. licht mochte ich nicht machen vor angst, gesehen zu werden. ich weiß, dass das nicht logisch ist.

meine angst ist niemals logisch, aber sie sitzt tief. bloß nicht auffallen! nichts falsches sagen, nichts falsches tun in der öffentlichkeit – sonst kommen sie und holen dich in der nacht! in meiner erinnerung mischen sich geschichtsfetzen mit den kriegserzählungen der mutter. ich bin das kind einer traumatisierten generation, und ich habe diese angst geerbt.

die mutter war ein teenager damals. süße siebzehn bei kriegsende. sie hat überlebt mit dem was sie am leib hatte, sonst nichts. viel erzählt hat sie nie, vielleicht habe ich auch die falschen fragen gestellt. wir hatten ja ohnehin kein besonders gutes verhältnis zueinander.

in erinnerung geblieben ist mir vor allem ihre schilderung vom tod ihres vaters: mein großvater war zuckerkrank und musste regelmäßig zur behandlung in ein krankenhaus. diabetes war in den 40er jahren des vorigen jahrhunderts weitaus schwieriger zu behandeln als heute.

das hospital war katholisch, wurde von nonnen geführt, und so lange ging wohl immer alles gut. dann wurde das krankenhaus von nazis übernommen. kurz darauf starb ihr vater in der klinik. man habe ihm aus versehen nach der insulinspritze statt zucker eine weitere dosis insulin gegeben. ein bedauerliches mißgeschick.

der verdacht der familie ging dahin, dass die falsche spritze kein versehen war, sondern absicht. nachzuweisen war gar nichts. es bleibt im vagen, verschwommenen. der großvater taugte nicht als soldat und nationalsozialistisches kanonenfutter. er war unheilbar krank.

damals war das eben so. die mutter erzählte diese geschichte immer ganz ungerührt, als ob es gar nicht um ihr eigenes leben ging, sondern um jemand anderen. die gefühle im bunker verschüttet. therapeutische unterstützung kannte nach dem zweiten weltkrieg niemand. nicht aufarbeitung, sondern wiederaufbau hieß die devise.

der großvater mütterlicherseits gehörte damals in die kategorie „nicht lebenswertes leben“. ich hatte immer angst, dass ich auch ‚so eine‘ bin. „wenn du nicht brav bist, dann holen sie dich!“ war ein standardspruch in meiner kindheit. wer hat das gesagt? die mutter? der vater? die großmutter? der stiefgroßvater? ich erinnere nur das gefühl, und diese angst ist mir bis heute geblieben.

ich bin nirgends sicher. nicht einmal im eigenen bett. da erst recht nicht! an eine nacht ohne alpträume kann ich mich gar nicht erinnern. solange das nur träume sind, wenn auch schlechte – komme ich damit schon irgendwie klar.

aber was ist, wenn du wach wirst, und der alptraum geht einfach weiter?! was ist das für eine welt? was ist das für ein dorf, in dem ich hier lebe? wo nachts nazis (oder nazi-ähnliche!?) unbehelligt grölend durch die straßen ziehen?

hab keine angst, mein kind, es ist alles gar nicht so schlimm wie es aussieht. das meiste ist viel schlimmer!

was ist das für ein leben, wenn es sich bei lebendigem leib anfühlt wie ein immer währender alptraum? meine größte hoffnung ist die, eines morgens wachzuwerden, die sonne scheint, neben mir ein friedlich schnarchender geliebter mensch und alles ist gut - all die jahrzehnte von angst und schmerz und einsamkeit und trauer, das war nur ein böser böser traum. so ist das aber nicht. der böse traum geht einfach immer weiter.

ich habe lange nicht wieder einschlafen können am montag morgen.


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Sonntag, 9. Mai 2010

tochter aus schlechtem hause

seit wochen, seit monaten schon: ich schleiche um dieses thema herum. es geht mir nicht gut damit. ständig dieser begriff, immer und überall, zu jeder tages- und nachtzeit. im fernsehen im radio in der zeitung im internet: diese wörter, und ich benutze sie hier und heute nur ein einziges mal: sexueller missbrauch. als ob es auch einen angemessenen sexuellen GEbrauch gäbe. wie bei tabletten oder alkohol oder nikotin. als ob die opfer von sexualisierter gewalt, von sexuellem machtmissbrauch auch ein genussmittel seien, wenn man(n) sie nur richtig zu gebrauchen weiß.



es kotzt mich an, und ich kotze zurück. es triggert. mir geht‘s beschissen. auch wenn irgendwo gute absichten dahinterstecken mögen, dass das thema zur zeit in allen medien so rasend präsent ist. gestern ist mixa abgetreten worden. endlich. ich hoffe, dass noch viele weitere folgen werden.

nicht nur kirchenväter. auch all die anderen väter, die leiblichen, die stiefväter, die großväter, die onkelväter. alle sollen sie zurücktreten, wenn sie jemals das menschenrecht auf sexuelle selbstbestimmung eines anderen menschen nicht respektiert haben. ich fordere einen kollektiven rücktritt. am vatertag, vielleicht?

das bild der täter ändert sich. in meiner kindheit und jugend war es angeblich der fremde im park, der nachts ahnungslose frauen und kinder überfiel und im dunkeln hinter die büsche zog. aktuell wird berichtet von vertrauenspersonen, die sich an ihren zöglingen vergehen.

mit den jetzigen aufklärungen rückt endlich - seit kurzem – der sexuelle machtmissbrauch innerhalb der familie und im bekanntenkreis mehr in den mittelpunkt. der ARD monitor  brachte es am 22. april 2010. das habe ich zufällig gesehen [leider ist die sendung in der mediathek der nicht mehr abrufbar].

es ging darin unter anderem um die beschränkung von therapiestunden für die betroffenen. die krankenkasse zahlt nämlich maximal achtzig. ich weiß das. eine frau sagte dazu im film: „das ist, als ob man zu einem nierenkranken patienten sagen würde: nach der achtzigsten dialyse ist endgültig schluss. jetzt muss deine kaputte niere aber auch mal wieder alleine klarkommen.“ danach war mir schlecht.

auf arte gab es dazu in der verganenen woche einen themenabend   – den anzusehen, habe ich mir nicht zugemutet.

als kleines mädchen bin ich immer gewarnt worden vor dem bösen fremden mann, der mit bonbons versucht, mich zu seinem kaninchenstall zu locken, um mir etwas kuscheliges zum streicheln zu zeigen. „geh‘ da auf keinen fall mit“ - das war mutters kategorischer imperativ, bevor sie mich allein auf den schulweg schickte. die mutter war so dumm. so blind.

es ist lange bekannte tatsache, dass die meisten sexuellen straftaten innerhalb des familiären umfelds 'passieren'. aber vorsicht: pfoten weg! tabu! darüber wird nicht gesprochen. der familiäre dreck wird brav unter den eigenen teppich gekehrt.

kaum eine frau, mit der ich jemals über dieses thema gesprochen habe (und es waren viele), hat es geschafft, in ihrem sexuellen selbstbestimmungsrecht unversehrt durch ihr bisheriges leben zu kommen.

die dunkelziffer ist groß. ich bin so eine: ich bin eine dunkelziffer.

mutters warnung ging in die falsche richtung, und sie kam zu spät. als es anfing, konnte ich weder laufen noch sprechen. ich strampelte und schrie um mein leben - das machte alles noch schlimmer: „ja schrei du nur, du bist sooo süß, wenn du wütend wirst“. es half nichts. ich wurde stumm.

es geschah immer wieder, ging über lange jahre, und der stiefvater des vaters starb, als ich fünfzehn war. der oppa war nicht der einzige. ich habe vieles abgespalten, um überleben zu können. heute weiß ich nicht, ob es richtig war, das alles in langen therapiestunden wieder hochzuholen.

als das kleine mädchen sprechen konnte, sagte es zur mutter: „du mama dem papa wächst eine zigarre aus dem bauch“. die mutter wollte nicht hören. „kind, do bess verdötsch. datt jitt et doch jar nit.“ natürlich. ich bin ja nicht richtig im kopf und wurde wieder stumm.

heute weiß man, dass jede zelle eines menschlichen körpers sich innerhalb von sieben jahren erneuert. es hat also nicht eine einzige meiner aktuellen körperzellen das alles jemals persönlich miterlebt. trotzdem werde ich diesen ekligen geschmack im mund einfach nicht mehr los.

mit anfang dreißig, als ich mich an einiges wieder erinnerte, berichtete ich der mutter davon. sie wollte alles nicht glauben und weinte bitterlich, weil sie so eine missratene tochter hat, die ihrer familie so schreckliche dinge vorwirft. da rief die schwester mich an und fauchte: „wie kannst du meiner mutter das antun?!“ ich ertrug es nicht, mich von der „familie“ ganz zu lösen und wurde wieder stumm.

vor knapp zwei jahren habe ich mit der mutter einen letzten versuch gestartet. sie schaltete einfach ihre hörgeräte ab: „wieso kommst du denn nach all den jahren immer noch mit den alten geschichten. das ist doch alles schon so lange her. ich weiß gar nicht, was du willst. wir haben dich doch eigentlich nicht verprügelt und satt zu essen hattest du auch immer.“

da habe ich es nicht mehr ausgehalten und den ohnehin spärlichen kontakt zur familie endgültig abgebrochen. damit habe ich nach außen deutlich gemacht, was ich mit dem herzen schon als kind gespürt habe: vater und mutter beschützen mich nicht. ich bin ein emotionales waisenkind.

heute ist muttertag. ich bin sehr traurig und sehr wütend. alles zugleich. ich hätte gerne eine frau in meinem leben gehabt, die die bezeichnung ‚mutter‘ verdient.


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Sonntag, 28. Februar 2010

ritual* no 1: sonntagsfrühstück

es hat mal einen menschen gegeben, der hat mir ins gesicht gesagt, dass er mich schrullig findet. irgendwie. das hat mich ein bißchen irritiert.

ein blick in den duden erklärt schrullen als „wunderliche angewohnheiten, marotten, ticks, spleens oder macken“. oder gar: „(oft von älteren menschen) befremdende, meist lächerlich wirkende angewohnheiten“.


ähem. bin ich ein ‚älterer mensch‘? das ist relativ und kommt auf die bezugsperson an. klar, ich bin älter als meine jüngere schwester und noch ne ganze menge anderer leute. aber das war schon immer so. trotzdem hätte ich mich als zweijährige sicher nicht als ‚älterer mensch‘ bezeichnet. vielleicht ist man ein älterer mensch, wenn man älter ist als die hälfte der bevölkerung?

das weibliche durchschnittsalter in deutschland liegt bei 45,2 jahren. tja. da bin ich jenseits. definitiv. ich muss mich wohl damit abfinden: ich bin eine alternde frau. das kann jeder passieren.

leider habe ich damals nicht weiter nachgefragt, und deshalb ist mir bis heute unklar, was derjenige mit dem prädikat „schrullig“ genau gemeint hat. vielleicht hatte ich angst vor der antwort. wir waren danach auch nicht mehr sehr lange befreundet.

wollte er sagen, dass ich schrullen habe? oder wollte er sagen, dass ich eine schrulle sei? haben oder sein - das ist die frage! auch hier:

schrullen haben, kann nämlich auch bedeuten, dass man „tolle einfälle“ hat, also gute ideen. geht aufs niederdeutsche zurück. dann wäre es ein nettes kompliment gewesen. ich denke jedoch, derjenige war des niederdeutschen nicht mächtig. er war eher niederträchtig.

deswegen befürchte ich fast, er wollte mir unterstellen, dass ich eine schrulle** sei, und das ist nun wiederum etwas ganz gemeines, in männeraugen zumindest: „die bezeichnung für eine ältere, eigensinnige frau mit einer abseits der norm liegenden persönlichkeit und charaktereigenschaften, die im allgemeinen als seltsam oder verwirrt bis leicht verrückt angesehen werden“ - sagt das wikiwörterbuch. madonna!

wenn ich mir diese definition aber mal auf der zunge zergehen lasse, so wort für wort …. dann stelle ich fest, wie sich mir mehr und mehr ein verschmittstes grinsen im gesichte breit macht. dass ich älter bin, hatten wir ja oben schon geklärt. dazu eigensinnig? nicht mainstream? außergewöhnlich, von mir aus auch ‚leicht verrückt‘? na, immer her damit! mit dem größten vergnügen oute ich mich hier als schrullentrulla!

nachdem das also mal raus ist, kann ich jetzt - in verbindung mit meinen schrulligen angewohnheiten – endlich zu meinem eigentlichen sonntagsthema kommen:

was andere vielleicht ‚schrullig‘ nennen, das sind für mich ‚rituale‘. also sachen, die ich immer wieder tue auf immer die gleiche art und weise, und das schon seit vielen vielen jahren. diese dinge geben mir halt im leben, sie strukturieren meinen alltag. deswegen sind sie mir wichtig, lieb und teuer. ich muss nicht jedes mal neu drüber nachdenken, ob ich was wann wie warum mache: ich mach‘s einfach, weil ich‘s so mache.

mein sonntagsfrühstück zum beispiel. das gibt es seit meiner kindheit. es ist vielleicht das einzig schöne, was ich damals hatte und das ich mir in mein erwachsenenleben gerettet habe. sonntags gibt es bei mir "eier mit speck auf toast". fast immer. regelmäßig. toastbrot deshalb, weil die bäckerin damals sonntags noch nicht geöffnet hatte. frische brötchen gab es bei uns nur samstags. und sonntags eben toastbrot. aus dem altmodischen toaster, der an den seiten klappen hat wie flügel. da steckt man die toastscheiben rein. wo das toastbrot drin anbrennt, wenn man es nicht rechtzeitig wendet und rausholt. das hüpft nicht von alleine.

diesen toaster meiner kindheit besitze ich noch. er funktioniert bestens. sonntag um sonntag. ich habe ihn all die jahre gut gehütet. er war ein hochzeitsgeschenk für die eltern. gute deutsche wertarbeit. aus edelstahl. im oktober wird er ein halbes jahrhundert alt sein. älter als ich.

während der toaster das brot röstet, habe ich die zeit im auge. gleichzeitig schneide ich den mageren speck in feine scheiben, gebraten wird der in butter, weil das so gut duftet. ich habe noch die großmutter im ohr: „kind, du musst den speck in butter braten. damit fängt man männer!“ das schien ja was tolles zu sein. wer jetzt denkt, ich hätte hier einen käfig voller kerle im haus, die sämtlich opfer meiner speckschrulle wurden, irrt: ich habe sie immer wieder freigelassen.

die eier werden gut verkleppert mit einem schluck milch, einer prise zucker und etwas sojasauce. zum schluss noch ein schwapp sprudelwasser: das macht mein rührei fluffig locker. über den knusprigen speck gießen und stocken lassen. pfeffern salzen fertig! wichtig ist eine gute pfanne. auch da bin ich perfekte schrulle: das ei darf weder anbeppen noch schwarz werden.

ich nehme auch immer nur mageren speck. und das, obwohl ich sonst so gut wie kein schweinefleisch esse. "eier mit speck auf toast" ohne speck - das geht einfach nicht. so mit anfang zwanzig war ich mal zum frühstück eingeladen bei jemand anders, das war in basel. da gab es ebenfalls eier mit speck, oh wunder! der mann kam auch aus dem rheinland. wir haben sehr darüber gelacht, über unser beider traditionelles früchstücksei. der hat aber keinen mageren speck benutzt, sondern fetten. da war klar: der kommt aus düsseldorf.

dazu habe ich dann gerne einen frischen orangensaft oder einen becher darjeeling. und eines der brandenburgischen konzerte von bach. seit ungefähr dreißig jahren. fast jeden sonntag.

böse zungen könnten jetzt von ‚zwangsneurose‘ reden. sollen sie ruhig, wenn die das brauchen. aber wehe, es sagt noch mal eineR „junge frau“ zu mir, und sei es auch nur aus versehen – dem werde ich zeigen, was ne schrulle is‘! ab sofort bin ich nur noch „gnädige frau“ - wenn schon "älter", dann aber auch richtig!


* rituale sind ganz spezielle besondere maßnahmen
** schrulle ist feminin. hat wer ne ahnung oder eine idee, wie das männliche gegenstück heißen könnte?
wenn wir es analog zu macke - macker bilden, vielleicht schruller?


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Samstag, 6. Februar 2010

intelligenzbestie

„do bess ene intelijenzbestije!“ noch heute höre ich die mutter fauchen, wenn ich mit unschlagbarer logik eines ihrer fadenscheinigen argumente widerlegt oder ihre autoritären anweisungen blitzgescheit als pädagogisch wertlos entlarvt hatte.



sie war sauer auf mich. meine intelligenz passte ihr nicht ins konzept. intelligent sein bedeutete für mich, nicht liebenswert sein. die mutter empfand meine klugheit als bedrohung. bei mir zu hause war das so. also wurde ich dafür geschimpft. oder man machte sich darüber lustig. die unterschwellige botschaft war: „sei eine andere!“ genauso hätte sie von mir verlangen können, nicht immer so grüne augen zu haben, sondern besser blaue.

schrieb ich mit meiner intelligenzbestie hingegen gute noten in der schule, dann war ihr das ganz recht. nicht, dass der inhalt meiner klassenarbeiten sie irgendwie interessiert hätte. aber dann konnte sie sich brüsten vor ihren freundinnen, weil sie so eine schlaue tochter hatte: „die intelligenz hat sie natürlich von mir.“

die mutter lebte das, was ich einen ‚verlängerten narzissmus‘ nenne. sie fühlt sich nur dann als ‚gute mutter‘ wenn ihre tochter erfolgreich ist. es ist, als hätte sie kein eigenes selbstwertgefühl. wenn es mir nicht gut geht, dann geht es ihr schlecht. was dann früher öfter mal dazu geführt hat, dass – wenn ich ihr am telefon von einem meiner (geringeren) probleme erzählte - sie laut seufzte und anfing zu weinen. was dann wiederum mich in die schreckliche situation brachte, nicht nur mit meinem eigenen problem fertig zu werden, sondern auch noch die mutter zu trösten, dass ich überhaupt ein problem hatte.

irgendwann habe ich aufgehört, ihr irgend etwas für mich wirklich wichtiges von mir zu erzählen.

erzählt habe ich dann nur noch erfolgserlebnisse, da konnte sie was mit anfangen. damit brüstete sie sich wiederum vor ihren freundinnen und fühlte sich wohl, weil sie sich für eine gute mutter halten konnte, die eine erfolgreiche tochter produziert hat.

leider übersah sie dabei völlig, dass – trotz meiner ‚intelligenz‘ ich auch immer viel zeit mit lernen und experimentieren und lesen und neugierig alles mögliche herausfinden verbrachte. sehr viel zeit, um genau zu sein. statt dessen berichtete die mutter ihrem entzückenden damenkränzchen entzückt, dass mir ja immer alles zuflöge und unglaublich leicht fiele.

mich hat sie übrigens nie gelobt für meine guten noten. statt dessen gab es einen zuverdienst zum mageren taschengeld: zwei mark für eine eins, eine mark für eine zwei und fünfzig pfennig für eine drei lagen wortlos auf dem küchentisch neben dem von der erziehungsberechtigen unterschriebenen klassenarbeitsheft.

im allgemeinen lagen bei mir ein- und zwei-markstücke. das mit den silberlingen hatten sie nur eingeführt, damit die schwester - die mit ihren noten weniger glück hatte als ich - nicht völlig verarmte. als ich einmal eine zwei-minus nach hause brachte – das war ein ausrutscher in latein - hieß es „das ist doch nicht so schlimm.“

meine guten noten hielt ich tatsächlich immer nur für glück. nie war ich mir der qualität meiner leistung sicher. wie sollte ich auch. die mutter war ja davon überzeugt, dass mir immer alles ‚zuflog‘. niemals war eine eins in mathe das resultat meiner guten vorbereitung. was also, wenn das zufällige talent einfach mal zufällig an mir vorbeiflöge? ich verbrachte nächtelange alpträume damit, eine fünf oder sechs nach der anderen zu schreiben und war jedes mal aufs neue überrascht über eine gute note im richtigen leben. gleichzeitig fühlte ich mich wie eine betrügerin, die eine solche gar nicht verdient hatte.

für die guten leistungen wurde ich zwar in der schule durchaus gelobt – das war dann allerdings eine eher ambivalente angelegenheit. ich wurde mehrmals zur klassensprecherin gewählt mit der begründung, dass ich es mir schließlich leisten könne, auch mal kritik zu üben, weil die lehrerinnen mich wegen meiner guten noten mochten und mich nicht sitzenbleiben lassen konnten, weil ich dafür zu gut war.

klassensprecherin sein war ein undankbarer job. ich mochte das nicht. wegen meiner guten noten war ich auch immer eine beliebte nachbarin in klassenarbeiten oder zum abschreiben der hausaufgaben vor der stunde.

freundinnen hatte ich hingegen wenige. den klassenkameradinnen waren meine guten noten suspekt. ich war nicht nur praktische intelligenzbestie zum abschreiben und um der strengen klassenlehrerin mal die meinung zu sagen, sondern gleichzeitig auch mit dem label ‚streberin‘ versehen. zwangsläufig. denn wer gute noten hat, muss ja streberin sein. das tat weh. ich versuchte, absichtlich fehler einzubauen. das schadete meinen gesamtnoten nicht. statt dessen waren diejenigen sauer, die dann versehentlich die fehler von mir abschrieben. sie fühlten sich von mir hereingelegt.

irgendwann mit fünfzehn oder sechzehn wollte ich wissen, was tatsächlich dran war an den sticheleien. denn ich schämte mich für meine guten noten. ich machte einen langen, komplizierten intelligenztest. heimlich. mit einem buch, das ich mir aus der psychologieabteilung der stadtbücherei ausgeliehen hatte. ich hielt mich genau an die anweisungen. mit stoppuhr. schummelte nicht. nahm mir eher weniger zeit, als erlaubt war zum lösen der aufgaben. 136. intelligenzbestie. tatsächlich.


// cut //


vor gut zwei jahren wollte ich es noch einmal ganz genau wissen: war mein testergebnis von damals richtig? immerhin lag mein sicher stümperhafter selbsttest schon mehr als 30 jahre zurück. nimmt die intelligenz mit dem alter ab? in den wechseljahren? oder hatte ich mir gar den einen oder anderen bunten punkt in der zwischenzeit versoffen? erholt sich das gehirn bei längerer abstinenz?

also machte ich einen ‚offiziellen‘ intelligenztest. beim club der superschlauen. mein ergebnis lag ein stück über dem von damals: hochbegabt. mein krauser kopf ist bestens mensatauglich.

hilft es mir, das zu wissen? schwer zu sagen. dieses ergebnis beantwortet noch lange nicht all meine fragen. aber es erklärt ein bißchen, warum mir zum beispiel das lernen von sprachen nicht nur spaß macht, sondern auch immer sehr leicht fiel.

ob ich jetzt eingebildet werde und arrogant? klar. im sinne von ‚selbst-bewusst-sein‘, weil ich mir meiner selbst und meiner fähigkeiten noch ein bißchen mehr bewusst bin.

stolz drauf? nicht wirklich. intelligenz ist eine anlage, wie grüne oder blaue augen. ich kann es nicht ändern, und ich kann es auch nicht einfach abstellen. obwohl ich das manchmal sehr gerne möchte. das denken abstellen. zur erholung des kopfes. auf einem iq von 84 gemütlich dahindümpeln. hang loose.

es ist wie es ist. es ist nicht immer nur gut, nicht immer nur schön, nicht immer nur ein vorteil, erst recht nicht für eine frau. auch eine garantie für erfolg im leben ist ein hoher IQ ganz sicher nicht. dazu ein ander mal mehr.


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Sonntag, 24. Januar 2010

nachtwanderungen I

neulich habe ich von meinen inneren kindern erzählt. sie sind nicht immer so fröhlich wie an dem tag, als wir von der nominierung erfuhren. manchmal kommen sie raus, wenn sie befürchten, dass unangenehme erlebnisse von früher sich wiederholen könnten. dann kann es sogar passieren, dass sie mein leben in die hand nehmen und mich dinge tun lassen, die anderen völlig irrational erscheinen. ein beispiel:

Hauchzarte Keramik: Susann Babion, Freiburg

„komm und setz dich zu mir auf den schoß,“ sagte der mann meines herzens.
das klang verlockend.
ich setzte mich auf sein linkes knie und er legte einen arm um meinen rücken.
es war wacklig.
ich versuchte, es schön zu finden.
eine völlig neue situation. und dennoch uralt.
ich hätte es sehr gerne schön gefunden. es war nah.
die hand in meinem rücken war warm.
das war angenehm.
ich hätte mich gerne behaglich und geborgen gefühlt.
es blieb wacklig. nähe ist gefährlich.

plötzlich war ich zu zweit auf diesem knie.
das fünfjährige mädchen wurde wach. es hatte angst.
„müssen wir hier sitzen?“ flüsterte das fünfjährige mädchen.
„er hat uns dazu eingeladen.“
„ich will nicht beim oppa auf den knien sitzen müssen,“ flüsterte das fünfjährige mädchen.
„aber das ist nicht der opa. wir sitzen bei gb.“
„der oppa wollte aber auch immer, dass ich mich auf seinen schoß setze, und dann war das so komisch,“ flüstert das fünfjährige mädchen.
„aber das ist nicht der opa. wir sitzen auf gb‘s knie.“
„der oppa hat immer gesagt, er hat mich lieb. und dann musste ich mich auf seinen schoß setzen, und dann hat er so komische sachen gemacht, weil er mich lieb hatte,“ sagt das fünfjährige mädchen.
„der opa hatte dich nicht lieb. er hat das nur gesagt, damit du stillhältst. der opa hat dir sehr sehr weh getan. eigentlich hatte er nur sich selbst lieb. der opa ist schon lange tot. er kann dir nichts mehr tun. das hier, das ist nicht das knie vom opa. das ist der gb.
„hat der gb uns auch lieb?“ fragt das fünfjährige mädchen.
„das weiß ich nicht.“
„warum sitzen wir dann hier?“ fragt das fünfjährige mädchen und klettert von dem knie wieder runter.

dann nimmt sie mich an der hand und wir müssen gehen weil sie sagt, sie hält es nicht eine minute länger aus. der mann meines herzens mit den schönen händen, der von dem inneren dialog ja gar nix mitkriegt, wundert sich nur und hält mich für ferngesteuert. so eine kann man(n) doch nicht lieben, die einfach aufsteht und geht und nicht einmal selbst weiß warum. denn der dialog mit dem inneren kind, davon wußte ich in dem augenblick tatsächlich noch nichts. von ihren streichen erzählt mir die fünfjährige immer erst später. wenn überhaupt.


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Dienstag, 6. Oktober 2009

besondere maßnahmen III – kopfschmerzen

ich habe kopfschmerzen heute. das passiert mir öfter. es ist nix neues:

weintrauben "gutedel" und walnüsse

kopfschmerzen hatte ich schon als kind, als schulmädchen. kopfschmerzen hatte ich später als studentin und noch später als journalistin. mein leben lang habe ich oft dagegen angetrunken. nach dem ersten glas bier oder wein waren die kopfschmerzen erst einmal weg. nach dem dritten oder vierten glas bier oder wein waren dann andere kopfschmerzen da – aber da wußte ich wenigstens, wo die herkamen. als ich vor zehn jahren mit dem alkohol aufgehört habe, kamen die kopfschmerzen dauerhaft zurück.

mit viel geduld, vielen vergeblichen versuchen, mit der hilfe von kompetenten ärztInnen und therapeutinnen - zeitweise auch mit medikamenten - habe ich die kopfschmerzen ganz gut in den griff gekriegt. das hat anderthalb jahre gedauert. dauerhaft weg sind sie natürlich nicht. das bleibt meine ewige baustelle.

derzeit sind sie wieder da. weil in meinem leben alles zu viel ist, vielleicht? oder manches zu wenig? ach! was weiß denn ich!

vor ziemlich genau fünfzehn jahren habe ich mir die kopfschmerzen einmal von der seele geschrieben. beim aufräumen neulich fiel mir der text wieder in die hände, und ich bin ganz erschrocken, wie aktuell das alles noch ist:

kopfschmerzen

kopfschmerzen ist – mir ist alles zu viel
kopfschmerzen ist – es ist mir zu eng
kopfschmerzen ist – ich krieg keine luft
kopfschmerzen ist – hilflos
kopfschmerzen ist – lass' mich in ruhe
kopfschmerzen ist – resigniert
kopfschmerzen ist – überfordert
kopfschmerzen ist – mein leben ist sinnlos
kopfschmerzen ist – rabääh

kopfschmerzen text kopfschmerzen
gelähmt im kopf wund im herzen zurückschlagen wollen nicht dürfen nicht können allein alleingelassen die wut der schmerz der schmerz der schmerz
warum helfen die mir nicht
der schmerz der schmerz hört das denn niemals auf
es wird besser werden, sagt sie.

kopfschmerzen ist – ich habe angst
kopfschmerzen ist – ach

ich bin nicht mehr zweieinhalb. wer mir damals nicht geholfen hat, wird es auch heute nicht tun. das tut so weh und die kucken zu. alle, alle sitzen sie in meinem kopf und streiten sich um meine gedanken. diktieren gefühle. das ist gut, das gefällt dir doch. nein das tut weh ich mag das nicht. kind sei still das ist gut hast du gehört. mama nein aua aua.
mein kopf. da hocken sie heute noch.
schmerz ist liebe.
allein sein ist nähe.
pflicht ist spaß.
lust ist verboten.
nein. lust ist nicht verboten. sie kommt einfach nicht vor.

kopfschmerzen ist - ihr habt mich verraten
kopfschmerzen ist – ihr habe mich an den opa verkauft
kopfschmerzen ist – wir haben es doch nur gut gemeint
kopfschmerzen ist – alles gelogen

köpfchen aua
wir werden dir dein krauses lockenköpfchen schon noch zurechtrücken
du immer
du bist ja verdötscht
was willst du jetzt schon wieder – siehst du nicht, dass ich kopfschmerzen habe?!
kind sei still
mama aua

kopfschmerzen ist – lieber tot sein wollen
kopfschmerzen ist – ihr werdet schon sehn was ihr davon habt
kopfschmerzen ist – schlechtes gewissen
kopfschmerzen ist – ich bin schuld
kopfschmerzen ist – ich bin nicht gut genug
kopfschmerzen ist – die wollen mich hier sowieso nicht

wenn sie mich wollten, dann wären sie netter zu mir. sind sie aber nicht. also bin ich ein kosmischer irrtum. eine last, die ihnen „gerade noch“ gefehlt hat.
jetzt müssen sie irgendwie damit zurechtkommen, dass ausgerechnet ich auch noch da bin. kind, du bist mir zu schwer. kind ohne namen. kind bis in alle zeiten. kind ist lästig. lästige last. wenn wir das gewusst hätten, hätten wir dich nicht bestellt. der ewige versandhauskatkalog. kind leider ohne umtauschrecht. du warst immer ein wunschkind. haha. also benimm dich gefälligst so, wie wir dich uns gewünscht haben.

kopfschmerzen ist – keiner hört mir zu
kopfschmerzen ist – immer bin ich falsch

wenn ich mal was richtig mache, und keiner will es zur kenntnis nehmen – habe ich es dann überhaupt gemacht? oder war es doch wieder falsch, weil keiner zugeguckt hat? also besser gar nix tun?

kopfschmerzen ist – nichts tun dürfen
kopfschmerzen ist – nichts tun wollen dürfen
kopfschmerzen ist – nichts tun dürfen wollen
kopfschmerzen ist – durcheinanderohnenende

kopfschmerzen ist – nix wie weg hier!

natürlich bin ich noch hier. genau so wie die kopfschmerzen noch da sind. vor meiner vergangenheit kann ich nicht wegrennen. vor meiner gegenwart auch nicht.


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Mittwoch, 5. August 2009

anonym oder für alle erkennbar?

diese frage beschäftigt mich seit meinen ersten zeilen hier.

wieviel zeig' ich her von mir, im klartext? in diesem weblog wünsche ich mir einen ort für meine kleinen geschichten, für anekdoten aus meinem leben, aber auch für gedanken über die große göttin & die welt: mal kreativ, mal kritisch, mal kitsch.

mo jour - on the beach

ich möchte mein innerstes nicht verstecken, will nicht 'so tun, als ob ....' – das habe ich die meiste zeit meines lebens getan. es hat mich sehr krank gemacht.

ich habe beschlossen, hier im "büro für besondere maßnahmen" so offen zu sein, wie mein herz und derzeitiges wissen um die welt es nur zulassen. was namen, wohnort, umfeld angeht, werde ich lebewesen und dinge anonymisieren, pseudonymisieren, mit wörtern verfremden – vorerst zumindest, als 'besondere maßnahme', um mich selbst zu schützen.

noch spüre ich auch angst, wenn ich mich oute mit einzelheiten, die 'in der welt da draußen' – also jenseits von meinem schreibtisch mit der schönen aussicht – gar nicht immer so gut angesehen sind. manchmal schäme ich mich sogar. ich weiß, dass menschen, die mir neugierig wohl wollen, mich hier erkennen werden. seid willkommen!

andererseits weiß ich, dass ich mit meinen themen nicht allein bin auf dieser welt. ganz im gegenteil: wir sind millionen!

da sind schwer zu durchbrechende tabus. immer noch! es ist in dieser gesellschaft nicht opportun, wenn man nicht ganz oben mitschwimmt – darüber wird höchstens in der dritten person gesprochen. das passiert immer nur den anderen. die armen! aber nur ganz ganz selten erzählen die menschen selbst, was es für sie bedeutet, wie es ihnen damit geht.

genau das ist es aber, was arbeitslosigkeit mit zunehmender armut & vereinsamung, seelische & körperliche 'unzulänglichkeiten' und – wie unappetitlich! - wechseljahres- & andere altersphänomene so schlimm, so unerträglich machen: zum stillschweigen verurteilt zu sein! darüber spricht man nicht! was sollen denn die nachbarn denken?! also redet man nicht darüber - weil man sich schämt und weil man angst hat, abgestempelt und stigmatisiert zu werden.

wenn ich öffentlich erzähle, dass ich – trotz bester ausbildung und ausgestattet mit einem mensatauglichen intelligenzquotienten - ergänzend hartz4 beziehe, kriege ich dann überhaupt jemals wieder einen auftrag?

wenn ich hier offen erzähle, dass ich - seit vielen jahren trockene - alkoholikerin bin, wird mich jemals wieder jemand einstellen?

wenn ich erzähle, dass ich bisweilen – trotz allen mutes, trotz aller zuversicht, trotz allen humors – völlig verzweifelt heulend depressiv in der ecke sitze, weil mein leben seit einigen jahren immer nur schrumpft … - wird das hier noch jemand lesen wollen?

wenn ich erzähle, dass ich mit mitte vierzig schon in den wechseljahren stecke, dass meine ehemals schöne taille sich auf nimmerwiedersehen verabschiedet und in einen matronenspeckgürtel verwandelt hat – wird jemals wieder ein mann mich liebevoll anschauen?

nun ja. es ist, wie es ist.

meine gutbürgerliche nachbarschaft will solcherlei nicht hören. das einzige, was wir gemeinsam haben, ist die schöne aussicht ins rebenland. mehr nicht.
für diese nachbarschaft tue ich weiterhin 'so, als ob …' ich die erfolgreiche selbständige unternehmerin sei.

mit mir vertrauten menschen aber - und hier im weblog, für all die andern, denen es auch so geht! - da will ich ganz sein dürfen. weil das heilen hilft - deswegen ist es einen versuch wert. oder was meint ihr?


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