Achtung. Achtung. Achtung.
Wir sind umgezogen!

Januar 2021

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Nach und nach werden alte Beiträge – ggf. aktualisiert und überarbeitet – dorthin umziehen. Bitte folgen ... :-)

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Sonntag, 1. Januar 2012

zwanzischzwöllef

so. nun ist es da, das jahr 2012, in dem angeblich die welt untergehen wird. bloß weil die maya nicht weiter in die zukunft zählen wollten.

weiß wie schnee, rot wie blut: rose schneewittchen, neujahr 2012

ich glaube nicht daran, dass die welt aufhören wird zu existieren. genau deswegen (und gleichzeitig: trotzdem!) mache ich vorerst damit weiter, hier und auch in meinem sonstigen leben, die welt zu retten mit der einen oder anderen besonderen maßnahme.

nur für den fall, dass die welt doch noch untergeht: dann soll es wenigstens aufgeräumt sein.

bitte seid auch weiterhin meine gäste:

wir befinden uns nun im dreizehnten jahr des dritten jahrtausends. das wird zumindest eine menge wirbel geben, da bin ich mir sicher. denn wie wir alle wissen: nach der wilden 13 ist nichts mehr wie es vorher war.

als jahresmotto für mein jahr 2012 habe ich daher ein zitat des japanischen dichters matsuo basho (17. jhdt.) gewählt:

jeder tag ist eine reise.
die reise selbst
ist das zuhause.

weil für mich das leben eine form des reisens ist. eine reise, auf der ich tag für tag neuem begegne und gleichzeitig beständig dem alter entgegenziehe. weil ich mich immer mitnehme - ganz egal wohin ich auch gehe - ist es besonders wichtig, dass auch das herz weiß, wo es wohnt.

wenn eine eine reise macht, dann kann sie was erzählen. genau das habe ich hier weiterhin vor. ich freu' mich schon drauf!

so weit für heute.
nun auf ins frische jahr!

es wird das jahr des wasser-drachen - dazu ein andermal mehr ....


kleiner exkurs am rande:
im japanischen original sieht mein jahreszitat für 2012 so aus
日々旅にして、旅を栖とす
mit hilfe der umschrift können auch nicht japanerInnen den wunderbaren rhythmus des verses entdecken:
hibi tabi-ni shite, tabi-o sumikatosu


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Sonntag, 9. Januar 2011

sparsam

es hat mir mal jemand auf den kopf zu gesagt, dass er mich für zwangsneurotisch halte. ich habe dem nicht widersprochen. ganz sicher habe ich den ein oder anderen flitz. ich bin halt eine flitzpiepe.


da gibt es zum beispiel dinge, da kann ich bis aufs blut sparsam sein. obwohl da nicht mal pfennigbeträge bei rumkommen. bleistifte zum beispiel. die spitze ich bis zum bitteren ende.

einen bleistift darf ich erst wegwerfen, wenn er kürzer als fünf zentimeter ist. mein altmodischer stifteverlängerer hilft mir dabei, meine bleistiftstummel auch tatsächlich so lange zu benutzen.

bei anderen dingen hingegen kann ich gnadenlos prassen und geld ausgeben, das ich noch nicht einmal besitze. weiß ich, dass ein honorar unterwegs ist, habe ich es manchmal schon drei mal ausgegeben, bevor es überhaupt auf dem konto eintrifft.

deswegen ist mein konto oft im minus. derzeit mal wieder bis zum anschlag des dispokredits. die disposchulden sind nicht schön. aber sie sind mir lieber als schulden bei freundInnen. geld zerstört freundschaften – deswegen leihe ich da nur was, wenn die kontobank nix mehr hergibt und es überhaupt gar nicht anders geht.

in der silvesternacht war ich sehr verzweifelt, weil das arbeitslosengeld nicht pünktlich eingegangen war. in der annahme, dass das amt mal wieder was verschlampt haben könnte* und ich solche angst hatte, am montag die miete und alles andere nicht bezahlen zu können, schrieb ich am sonntag, den 2. januar 2011 eine email an meine dispobank mit der dringenden bitte um die kulanz, die abbuchungsaufträge nicht zurückzuschicken, sondern ausnahmsweise über das dispolimit hinaus abzubuchen, weil ausreichend geld im lauf der woche ganz sicher eingehen würde.

so waren wir schon mehrmals verfahren in den fast neun jahren, die ich dort kundin bin. meine dispobank und ich. man weiß dort, dass ich eine überziehung des dispos nur im großen notfall erbitte und dass man sich auf meine zahlungsankündigungen immer verlassen kann.

ich hatte wirklich große angst. und wut. weil ich mit dem geld gerechnet hatte. silvester nix hatte einkaufen können für das neujahrswochenende. drei tage heulen und zähneknirschen, silvester und dann auch noch zwei neujahrstage hintereinander, weil der erste januar auf einen samstag fiel. und keine linderung in sicht. niemand nicht telefonisch zu erreichen. weder im amt noch auf der bank.

am montag, den dritten, setzte ich mich in der früh gleich mit dem ersten milchkaffee ans onlinebanking und siehe da: mein geld war da. große erleichterung. miete bezahlt. uff.

eine stunde später klingelte das telefon: eine mir unbekannte frau sparstrumpf von meiner dispobank badisch süd-west. ich war noch ganz in meiner erleichterungsfreude, bedankte mich für den anruf und sagte, dass ich schon online gesehen hätte, dass das geld eingegangen und somit alles in ordnung sei.

frau spartrumpf aber machte überhaupt keine anstalten, sich mit mir mitzufreuen. auf meine nachfrage hin entpuppte sie sich als die mir noch unbekannte "neue" zweigestellenleiterin (die sie seit drei jahren ist). streng belehrend und von oben herab quäkte sie, dass ein dispokredit ja nur vorübergehend bei engpässen zur verfügung stünde und wie denn meine pläne seien, selbigen alsbald wieder zurückzuzahlen.

ich war völlig platt und überfahren. meine finanzielle situation ist seit fast zehn jahren unverändert. mal mehr, mal weniger im dispo. wenn geld kommt, zahle ich ab. ansonsten zahle ich zinsen und gebühren.

frau sparstumpf nörgelte weiter, dass mir ein dispokredit bei so ungeregeltem einkommen gar nicht zustünde und dass - wenn ich wie derzeit arbeitslosengeld erhielte - sie mein konto ja gar nicht pfänden könnte. in solch einer lage würde mir keine bank der welt einen kredit gewähren. was ich denn noch an sicherheiten hätte?

ich hörte nur „dispo sofort zurückzahlen“ und „kontopfändung“. ich weiß natürlich, dass sie theoretisch recht hat. aber warum kommt die damit jetzt? nach mehr als acht jahren? meine zinsen zahlen doch auch ihr gehalt, das schicke geheizte büro und den ergonomischen ledersessel, in den sie täglich furzt. muss das ausgerechnet am ersten arbeitstag des neuen jahres besprochen sein? und dann auch noch am telefon?

nun überlege ich, welche besonderen noch sparsameren maßnahmen ich umsetzen kann und will. ich könnte zum beispiel die bleistiftstummelwegwerfmarge auf drei zentimeter senken. mein fester vorsatz fürs neue jahr lautet jedenfalls:

sobald es mir gelingt, den dispokredit abzuzahlen – wann auch immer das sei – werde ich persönlich dafür sorgen, dass die zinsen, die meiner dispobank dadurch verloren gehen, der frau sparstrumpf dann vom gehalt abgezogen werden.

das hat sie dann davon, mir den jahresanfang so dermaßen zu versauen.


*
die ursache für den späten zahlungseingang lag gar nicht beim amt, sondern bei der dispobank, die zu faul war, am 31.12. das geld meinem konto gutzuschreiben und sich damit bis zum 3.1. zeit gelassen hat.


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Freitag, 31. Dezember 2010

younger than ever

die zeit rast, fast ist schon mitternacht. ein heftiges jahr geht zu ende. es geht so zu ende, wie es war: heftig.

marzipanferkel. glückskeks + -klee


nach wie vor lebe ich prekär und bin auf ergänzendes arbeitslosengeld angewiesen. es war bis heute um mitternacht bewilligt. den fortzahlungsantrag hatte ich mitte november gestellt. also vor fast sieben wochen. auf den bescheid habe ich bis gestern gewartet. da lag er endlich im briefkasten.

die berechnung ist mal wieder voller dummer rechenfehler. das kenn ich schon. in den leistungsstellen der arbeitsämter und arbeitsgemeinschaften werden keine rechenkünstler eingestellt. prinzipiell nicht. aber egal. muss ich halt noch mal hinschreiben, mathenachhilfe geben in den grundrechenarten.

hauptsache erst mal, dass es überhaupt einen bescheid gibt. rechtzeitig. zweite hauptsache, dass es geld gibt. pünktlich. also erst mal alles gut, dachte ich gestern. ich möchte einmal erleben, dass mit dieser behörde alles glatt geht.

denn: nichts ist gut, merke ich heute. kein geld nicht auf dem konto eingegangen. das hätte heute da sein müssen. von rechts wegen. miete, diverse versicherungen, strom, internet und telefon – alles wird am ersten werktag nach neujahr abgebucht.

wenn aber kein geld da ist, kann auch nichts abgebucht werden. das bedeutet: gebühren für diverse rückbuchungen und mitteilungen muss ich extra zahlen. an die bank und die abbucher. mein neues jahr wird mit peinlichen telefonaten, rennerei und bettelei beginnen.

ich hätte gerade noch nicht mal genug geld, um die klitzekleine stinkbombe zu basteln, die sich das alg2-amt in sechs jahren hartz4-kokolores mehr als verdient hat. aber was erwarte ich auch in einem land, in dem gesetze nach rechtskräftig verurteilten verbrechern benannt werden?

das geld für den neujahrs-wochenendeinkauf habe ich mir wo ausgeliehen und den microkredit sofort in glück und wohlstand bringende jahreswechseldevotionalien investiert. ich hab sie alle beieinander und hoffe, dass nicht noch mehr schief geht.

rechtzeitig zum jahresende fand ich übrigens heute ein weißes haar vor dem spiegel.

nein, kein kopfhaar. das ist schon ein paar jahre her, dass ich bei der haarabschneiderin saß, nachdenklich eine der gefallenen locken vom boden auflas und genauer betrachtete. ich hielt sie der friseurin hin „ist das da ein weißes haar in der locke?!“ sie sah mich verunsichert an. womöglich hatte sie angst, ich wolle sie dafür verantwortlich machen. „ja, das ist wohl ein weißes haar“, lächelte sie schüchtern. ich grinste zurück „na, das wurde aber auch zeit!“

das haar, das ich heute fand, war ein barthaar. borstig. schneeweiß. nicht sexy. ich habe es ausgezupft und aufgehoben. das habe ich also nun mit der katze gemeinsam: ein einzelnes weißes barthaar.

es wird zeit. „you are looking younger than ever“, sagte der butler zu miss mo jour, als sie sich – wie jedes jahr zu silvester – allein an den gedeckten dinnertisch setzte.


ps.
ich wünsche euch allen ein heiteres, gelassenes, elegantes, schönes, kuscheliges, gesundes, formidabel lust- und liebevolles jahr der katze. mein motto für 2011 leihe ich mir bei alice walker:

expect nothing.
live frugally
on surprise.*

* erwarte nichts. lebe genügsam von überraschungen.


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Mittwoch, 6. Januar 2010

übern berg: hinterm horizont geht‘s weiter!

so. die rauhnächte wären geschafft. ab sofort werden die tage nicht mehr nur „um einen hahnenschrei“ - also fast gar nicht - länger, sondern um mindestens zwei minuten täglich! das macht pro woche eine satte viertelstunde mehr tageslicht. es geht also rapide aufwärts. das neue jahr legt sich mächtig ins zeug!



ob hähne auch im winter krähen, weiß ich gar nicht. in meinem kleinen winzerdorf ist derzeit keiner zu hören. in ghana übrigens gibt es dazu ein sprichwort „auch die henne weiß, dass die sonne aufgeht, doch sie überlässt das krähen dem hahn".

was soll eine frau auch groß tun, wenn der mann tagtäglich mit großem getöse selbstverständlichkeiten verkündet und nicht nur so tut, als hätte er den sonnenaufgang selbst erfunden, sondern als fände dieser auch noch ausschließlich auf sein kommando hin statt?!

in ganz uralten zeiten hieß unser heutiger 'dreikönigstag', also der tag nach den zwölf dunkelsten nächten: „sternentag“. das hängt zusammen mit der wiedergeburt des lichts und der verehrung der sonnengöttin – die je nach land und region unterschiedliche namen hatte.

das fiel mir ein, als ich vorhin im radio hörte, dass weder die himmelsforscherInnen noch die katholischen männer und noch nicht einmal der papst selbst heute wissen, was das denn nun für ein besonderes licht gewesen sein könnte am himmel damals vor zweitausend jahren äpfelputz, das den drei sogenannten weisen männern aus dem morgenland den weg leuchtete zum christkindl sein aufenthaltsort.

weder ein komet noch eine supernova noch eine besonders hell leuchtende sternen- oder planetenkonstellation ist für die damalige zeit nachweisbar. meine vermutung ist also hier einmal mehr, dass die christlichen hähne mit lautem krähen die wintersonnenwende neu erfunden haben wollen und dabei alte frauenkulturbräuche mit neuem männerpersonal besetzten.

drei weise männer! pah - wenn ich das schon höre. allein die kombination von „weise“ und „männer“ ist doch pures christliches wunschdenken. „mann“ und „weise" - das sind unvereinbare gegensätze! dann bringen sie auch noch weihrauch, gold und mürre, völlig verpeilt. die waren doch nicht ganz knusper, die herren melchior und kaspar und balthasar.

derlei mitbringsel, mit denen sich männer gerne wichtig machen wollen, gehen doch voll vorbei an den bedürfnissen von mutter und kind zwei wochen nach der geburt! welch ein unfug! hätte die bibel mal besser drei weise frauen erfunden. die hätten ganz gewiss warme decken, jede menge lebensmittel und heilkräuter und feuerholz und falsche pässe mitgebracht für die bevorstehende flucht. außerdem wären sie nicht zwei wochen zu spät gekommen.

drei weise frauen aber konnte die bibel nicht erfinden, denn die gab es ja ursprünglich schon! allen voran die wunderbare frau holle, große weberin und bringerin der kinder. andernorts ist sie auch als berchta bekannt. das war sozusagen die urgroßmutter des nach ihr benannten knecht ruprecht. die weiße freya oder frigga als schutzherrin der mutterschaft wäre ebenfalls mit dabei gewesen. die veranstaltete ja sowieso in den zwölf längsten nächten ihre himmlische sturmfahrt. in babylon – also im nahen osten in der nähe vom christkind sein stall – war die weise göttin nanshe für das deuten von sternen, träumen und vorzeichen zuständig. die hätte den anderen den weg schon rechtzeitig erklärt ....

es war also von anfang an ein himmlisches weiberzechen rund um die jahreswende. kerle waren da nicht vorgesehen, die tauchten dann erst zum frühlingsanfang aus ihrem winterschlaf wieder auf, zwecks zeugung der himmlischen wiedergeburt. an dieser stelle hat's die lustfeindliche bibel dann auch mit den männern nicht gut gemeint und sie kurzerhand zu 'heiligen geistern' erklärt.

ich liebe die alten frauenmythen! mehr - und vor allem: fundierteres als ich das hier biete - über sonnengöttinnen aller kontinente gibt es zu lesen in dem gleichnamigen buch von silke gyadu. der reinste göttinnenkrimi. ich finde es soo wichtig, dass wir frauen große und starke identifikationsfiguren haben, die uns auch kosmisch einbinden. ich will mich nicht nur als minderwertige kopie aus einer überzähligen rippe empfinden müssen, wie uns der angeblich liebe gott das einreden will.

mir hat das schon als kleines mädchen sehr zu schaffen gemacht, wenn die erwachsenen mich glauben machen wollten, dass eva schuld gewesen sei am rauswurf aus dem sogenannten paradies. welch eine himmelschreiende ungerechtigkeit! was konnte denn eva dafür, dass adam nicht umgehen konnte mit seiner apfelallergie?

apropos apfelallergie: zeit für ein stück apfelkuchen mit schlagsahne - zu ehren der großen göttin, versteht sich. apfelkuchen ist mein zweitliebstes lieblingsobst. die große göttin gönnt mir mein paradies.

also lasst euch das neue jahr schmecken – und überlegt vorher gut, mit wem ihr eure äpfel teilen wollt!


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Donnerstag, 31. Dezember 2009

willkommen zwanzigzehn!

„well, I must say that everything looks very nice!“.... sagte miss sophie, als sie im großen schwarzen abendkleid, ausgestattet mit um die schultern drapierter wolldecke und fingerlosen handschuhen von der galerie herab in die scheinbar unbeheizte halle trat, wo ihr treuer butler james bereits den tisch gedeckt hatte für ein gesetztes fünf-personen-geburtstags-dinner, von denen außer der gastgeberin niemand anwesend war und auch niemand mehr erwartet wurde.




es sieht alles sehr gut aus. ich gebe mir jetzt einfach mühe, das heute für mich auch so zu sehen:

mein saal ist mollig warm geheizt, immerhin. auf meinem tisch leuchten frische rosen, die wohnungen unter mir sind still verlassen (das ist wichtig, weil die vermietermischpoke auch das extra laute obernervige steirische polka-akkordeon mitgenommen hat) - und über den bergen im osten steigt der vollmond empor. das sieht wirklich alles sehr gut aus.

ich bin so froh, dass dieses olle jahrzehnt mit der doppelnull in der mitte endlich zu ende geht. die nichtigen nichtsnutzigen ungezogenen naughties sind vorbei - neun jahre fürs klo! dabei hatte mein Y2K so gut angefangen, damals.

vor zehn jahren war ich noch in berlin, hatte gerade aufgehört mit dem alkohol und beschlossen, ohne drogen ins neue jahrtausend zu gehen. welch eine heldentat! welch ein mut! zuversichtlich blickte ich in eine klare, unbenebelte zukunft. hätte ich gewusst, was mich erwartet .... aber ich habe es nicht gewusst. später habe ich dann diesen sportlichen ehrgeiz entwickelt, nüchtern zu bleiben. meiner würde wegen. ganz egal wie schlimm es noch kommt.

um mitternacht standen wir auf der brücke über den s-bahngleisen in der kreuzberger monumentenstraße und stießen an mit kräutertee - mein schöner, geliebter, kreativer mann und ich.

die große stadt um uns herum versank im suff – und im dichten nebel. wir waren ein bißchen schadenfroh, weil vom großen millenniumsfeuerwerk am brandenburger tor rein gar nichts zu sehen war und all die sensationsgierigen fuzzis da oben in den kreisenden hubschraubern und privatflugzeugen über uns so viel geld für eine nebelpartie verpulvert hatten.

am nächsten morgen habe ich den mann verlassen. „ich vögel dich gerne, aber ich liebe dich nicht,“ hatte er gesagt. solange ich noch trank, habe ich das irgendwie ausgehalten. ausgeschlafen und nüchtern ertrug ich es nicht. also bin ich gegangen. ich wußte in dem augenblick noch gar nicht, dass das endgültig war. natürlich hatte ich gehofft, dass er seine meinung noch ändert und mich bald wieder anrufen würde. er hat sich nie wieder gemeldet.

ich hatte das zusammensein mit ihm so sehr genossen. ich habe ihn so sehr geliebt! er hatte eine wunderbare art, mir beim spazierengehen die hand auf die schulter zu legen, dass es ganz leicht war. er hing nicht an mir dran, wie manch anderer. er ließ seinen arm einfach nicht schwer werden. er war immer wach und präsent, aber niemals belastung.

ich war unendlich traurig darüber, dass wir uns nicht mehr sahen – und gleichzeitig fassungslos, weil er mich wirklich hatte gehen lassen. ich übernahm zusätzliche schichten. die arbeit in der redaktion lenkte mich ab und half mir, die trennung ohne alkohol zu überstehen.

das war vor zehn jahren.

vor zwanzig jahren habe ich silvester und neujahr in japan verbracht. das war eine ganz andere welt, damals bei meinen geishamüttern in kyoto.

kein lautes getöse und geböller, kein geistloses besäufnis mit jubeltrubel, keine zwangsgutelauneaufbestellung – sondern eine stille, besinnliche nacht in heiterer gelassenheit.

party ist in japan eher an weihnachten – weil da der sohn vom christengott geburtstag hat. also gibt es christmasparty mit weihnachtstorte: die torte ist vorzugsweise aus sahne mit erdbeeren. nicht, dass erdbeeren an weihnachten in japan besonders reif und billig wären – ganz im gegenteil: die werden aus der ferne eingeflogen und sind kostbar einzeln verpackt wie pralinen! aber nichts sonst sieht für japanische augen so sehr aus wie weihnachtsmänner im schnee.

frauen werden in japan übrigens gerne mit dem rot-weißen sahne-erdbeer christmas-cake verglichen: es heißt, nach dem fünfundzwanzigsten seien wir nicht mehr frisch. im klartext: eine frau, die mit 25 noch nicht verheiratet ist, gilt als ungenießbar. eine vergleichbar abwertende redewendung für männer gibt es in japan natürlich nicht. aber das nur am rande.

zurück zur neujahrsnacht in japan:

ganz im gegensatz zu uns, wo man zwischen weihnachten und dreikönig am besten alles stehen und liegen lässt, was irgendwie mit haushalt und wäsche waschen zu tun, damit sich nicht böse geister darin festsetzen können, die man dann das ganze jahr über nicht mehr los wird, muss in japan das neue jahr blitzeblank begrüßt werden!

beim putzen und schrubben und polieren kommt die japanische hausfrau also im alten jahr noch einmal ordentlich ins schwitzen. nach der äußeren putzete ist dann der eigene körper dran. letzteren brauch habe ich übernommen: seither beschließe ich mein altes jahr mit einem vollbad – am liebsten in meersalz mit rosenblüten. salz reinigt. sehr spirituell und auch in echt! und der ganze dreck vom alten jahr gurgelt auf und davon durch den abfluss auf nimmer wiedersehen. wunderbar!

später am abend saßen wir bei freunden und aßen toshikoshi-soba: lange jahresendnudeln aus buchweizenmehl. für ein langes leben, und um immer beieinander zu sein mit dem herzen.

nach mitternacht machten wir uns auf den weg zum tempel der familie, zum ersten gebet. es hatte geschneit, mit vielen anderen stapften wir zu fuß durch den wald, eine kalte nacht. wieder zurück im haus, gab es eine klare suppe mit mochi. klebrige, glibbrige, absolut köstliche reismehlknödel, ohne die das neue jahr nicht beginnen kann!

bis all das erledigt ist, ist die nacht schon fast rum, und das ist auch sinn der sache. mit dem beginn des neuen jahres wird die wiedergeburt des lichts gefeiert. die große mutter, die sonnengöttin amaterasu omikami wird geehrt, und man darf nicht schlafen gehen, bevor man nicht die neujahrssonne gesehen und ehrfürchtig begrüßt hat!

die neujahrssonne begrüßen ohne vorher eine runde zu schlafen, das finde ich hier in meinen breitengraden wirklich schwierig. diese deutsche winternacht ist mir einfach zu lang, um durchzumachen! zum ausgleich mache ich dann in der frühe einen doppelten sonnengruß und hoffe, dass die große göttin das als angemessen empfindet.

mit dem ende dieser nacht beginnt das jahr des tigers. das ist mein jahr, das wird gut, das weiß ich: da bin ich unter gleichgesinnten – auch wenn wir tigressen sonst eher einzelgängerInnen sind.

ich denke ja immer, dass die erde eigentlich hopsen müsste um mitternacht, weil ein neues jahr beginnt. ist aber nicht so. sie dreht sich einfach weiter.

trotzdem wäre ich nicht überrascht, wenn‘s hüpfen täte: zwanzigzehn kann kommen. es sieht alles gut aus. ich zünde mein bestes räucherwerk und gebe euch einen ringelnatz mit auf den weg:

„ein rauch verweht, ein wasser verrinnt, eine zeit vergeht, eine neue beginnt.“

fangt‘s gut an!


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