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Januar 2021

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Mittwoch, 13. April 2011

hohle frau

eine prachtvolle orchidee hängt im büro für besondere maßnahmen im dachschrägenfenster. das ist dasselbe fenster, das mir die immergleiche und doch täglich wechselnde aussicht auf den b-berg bietet.

Coelogyne Cristata

die orchidee ist ziemlich alt. sie hing schon im büro für besondere maßnahmen, als das büro für besondere maßnahmen noch gar nicht so hieß.

als ich das reinweiße wunder damals im orchideenfachgeschäft meines vertrauens entdeckte, bin ich wochenlang um sie herumgeschlichen. immer wieder hingefahren. immer wieder überlegt, ob ich sie kaufe oder nicht. sie war sehr teuer, und eigentlich konnte ich sie mir nicht leisten. aber ich wollte sie. oh ja.

in solchen fällen neige ich zu magischem denken: ich legte eine zwangspause ein, ging eine ganze weile nicht hin. in der hoffnung, dass sie dann verkauft wäre und ich mir das geld sparen könnte. ist sie nach einer woche noch da, dann ist das ein untrügliches zeichen, dass sie zu mir will. dann muss ich sie kaufen, egal was es kostet.

sie war noch da. auch nach zwei wochen noch. sie wollte zu mir. so sollte es sein. ich schob viel geld über den ladentisch. die kasse klingelte. der orchideenmann hat seinen laden inzwischen geschlossen.

damals habe ich sie wegen ihrer besonderen form geliebt und wegen der großen, reinweißen blüten an hängenden rispen. der name „coelogyne“ sagte mir nichts. es stand nur dabei, dass sie im himalaya heimisch ist, in höhen bis 2500 metern. schöne gegend! da war ich schon mal.

sie ernährt mich also nicht nur optisch, sondern stillt auch - ein bißchen - mein nimmersattes fernweh.

in asien entdeckt und nach europa gebracht wurde diese orchideenart in der ersten hälfte des 19. jahrhunderts. sie war sehr beliebt und viel leichter in der wohnung zu halten als heutzutage - weil sie es im winter kühl mag und es im biedermeier noch keine zentralheizung gab.

vor einer weile erfuhr ich, dass ihr name „coelogyne“ griechischen usrpungs ist und „hohle frau“ bedeutet. ich war entsetzt!

es gab zeiten, da wurden ihre blüten in den brautstrauß gepackt. weil sie so jungfräulich weiß sind. verbunden mit dem frommen wunsch, dass die jungfräuliche braut in unschuldigem weiß, die also noch 'hohle' frau doch bitte alsbald gefüllt werden und zahlreiche nachkommen in die welt setzen möge.

ob dieser brauch entstand aufgrund des namens - oder ob die weiße orchidee ihren namen erst später erhielt aufgrund des brautstraußbrauchs, das habe ich nicht herausfinden können.

als ich von der namensdeutung erfuhr, war ich wirklich irritiert. ich befürchtete, dass die coelogyne mir mit all ihrer schönheit vielleicht gar nicht zusteht, weil ich doch niemals eine braut war.

aber je mehr ich darüber nachdachte, desto mehr wurde mir klar: ich bin genau der prototyp der coelogynenfrau! weil ich keine kinder habe. mein bauch war immer hohl, wenn man von ein paar tennisballgroßen tumoren absieht.

aller voraussicht nach wird das auch so bleiben. ich habe nicht vor, zum medizinischen sonderfall zu werden.

seitdem ich weiß, dass meine coelgyne die blume der hohl gebliebenen frauen ist, verschenke ich ihre ableger an andere frauen, deren kinderpalast immer unbewohnt war. frauen, die niemals einem kind das leben schenken konnten oder - je nach persönlicher einstellung - von der gebärplage lebenslang verschont blieben. sie ist sehr beliebt.

an das leben mit zentralheizung hat sich meine hohle frau inzwischen gewöhnt. was das blühen angeht, ist sie allerdings sehr eigenwillig. das tut sie nicht jedes jahr. manchmal mehr, manchmal nur ganz ganz sparsam. wenn sie blüht, dann im januar/februar: immer um meinen geburtstag herum.

in diesem jahr, in dem ich 49 wurde, blühte sie besonders üppig.

7mal7, das ist eine besondere zahl im leben einer frau. es beginnt der große wechsel. mehr noch als die pubertät ist dieser wechsel so gewaltig, dass er auch so heißt. die reproduktionsfähigkeit geht nicht nur in die pause, sondern ihrem ende entgegen, der hormonladen wird stück für stück geschlossen.

ehrlich gesagt, ich freue mich darüber. am meisten freue ich mich drauf, wenn der monatliche zinnoberfluss endgültig versiegt. er macht sich schon rar, ich bin dankbar und erleichtert.

meine roten tage waren immer schier endlos, sehr stark und mit heftigen schmerzen verbunden. in den betten der welt habe ich blutige spuren hinterlassen. für manche schäme ich mich noch heute.

Odontoglossum

gleich im anschluss an die weiße blüht meine blutrote orchidee. sie heißt odontoglossum. das ist ebenfalls griechisch und bedeutet „zahnzunge“.

das wiederum gefällt mir ausgesprochen gut, und zwar im übertragenen sinne einer „scharfen sprache“, die mit geschliffenen wörtern genau das sagt, was ist.

wenn ich also mal zu einer sage „du hast zähne auf der zunge!“ - dann ist das ein großes kompliment.

falls jetzt einer daherkäme und behaupten wollte, ich hätte nicht nur zähne auf der zunge, sondern auch haare auf den zähnen, so kann ich nur antworten:

„das mag sein. aber die sind immer gut gekämmt.“


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Freitag, 31. Dezember 2010

younger than ever

die zeit rast, fast ist schon mitternacht. ein heftiges jahr geht zu ende. es geht so zu ende, wie es war: heftig.

marzipanferkel. glückskeks + -klee


nach wie vor lebe ich prekär und bin auf ergänzendes arbeitslosengeld angewiesen. es war bis heute um mitternacht bewilligt. den fortzahlungsantrag hatte ich mitte november gestellt. also vor fast sieben wochen. auf den bescheid habe ich bis gestern gewartet. da lag er endlich im briefkasten.

die berechnung ist mal wieder voller dummer rechenfehler. das kenn ich schon. in den leistungsstellen der arbeitsämter und arbeitsgemeinschaften werden keine rechenkünstler eingestellt. prinzipiell nicht. aber egal. muss ich halt noch mal hinschreiben, mathenachhilfe geben in den grundrechenarten.

hauptsache erst mal, dass es überhaupt einen bescheid gibt. rechtzeitig. zweite hauptsache, dass es geld gibt. pünktlich. also erst mal alles gut, dachte ich gestern. ich möchte einmal erleben, dass mit dieser behörde alles glatt geht.

denn: nichts ist gut, merke ich heute. kein geld nicht auf dem konto eingegangen. das hätte heute da sein müssen. von rechts wegen. miete, diverse versicherungen, strom, internet und telefon – alles wird am ersten werktag nach neujahr abgebucht.

wenn aber kein geld da ist, kann auch nichts abgebucht werden. das bedeutet: gebühren für diverse rückbuchungen und mitteilungen muss ich extra zahlen. an die bank und die abbucher. mein neues jahr wird mit peinlichen telefonaten, rennerei und bettelei beginnen.

ich hätte gerade noch nicht mal genug geld, um die klitzekleine stinkbombe zu basteln, die sich das alg2-amt in sechs jahren hartz4-kokolores mehr als verdient hat. aber was erwarte ich auch in einem land, in dem gesetze nach rechtskräftig verurteilten verbrechern benannt werden?

das geld für den neujahrs-wochenendeinkauf habe ich mir wo ausgeliehen und den microkredit sofort in glück und wohlstand bringende jahreswechseldevotionalien investiert. ich hab sie alle beieinander und hoffe, dass nicht noch mehr schief geht.

rechtzeitig zum jahresende fand ich übrigens heute ein weißes haar vor dem spiegel.

nein, kein kopfhaar. das ist schon ein paar jahre her, dass ich bei der haarabschneiderin saß, nachdenklich eine der gefallenen locken vom boden auflas und genauer betrachtete. ich hielt sie der friseurin hin „ist das da ein weißes haar in der locke?!“ sie sah mich verunsichert an. womöglich hatte sie angst, ich wolle sie dafür verantwortlich machen. „ja, das ist wohl ein weißes haar“, lächelte sie schüchtern. ich grinste zurück „na, das wurde aber auch zeit!“

das haar, das ich heute fand, war ein barthaar. borstig. schneeweiß. nicht sexy. ich habe es ausgezupft und aufgehoben. das habe ich also nun mit der katze gemeinsam: ein einzelnes weißes barthaar.

es wird zeit. „you are looking younger than ever“, sagte der butler zu miss mo jour, als sie sich – wie jedes jahr zu silvester – allein an den gedeckten dinnertisch setzte.


ps.
ich wünsche euch allen ein heiteres, gelassenes, elegantes, schönes, kuscheliges, gesundes, formidabel lust- und liebevolles jahr der katze. mein motto für 2011 leihe ich mir bei alice walker:

expect nothing.
live frugally
on surprise.*

* erwarte nichts. lebe genügsam von überraschungen.


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Mittwoch, 10. Februar 2010

besondere maßnahme no VIII – haarsträubende haarausreißerei

wenn eine sich aufmacht, ein weblog zu schreiben, dann können die merkwürdigsten dinge passieren.


neulich vor ein paar wochen flatterte mir eine email auf die festplatte, von jener firma, deren geschichte vor fast achtzig jahren in kronberg im taunus begann - als apparatebauwerkstatt für elektrische haushaltsgeräte:

du schreibst in deinem Blog über die wichtigen Dinge im Leben einer Frau. Körperpflege gehört ja mit Sicherheit dazu. … Der nächste Sommer kommt gewiss und dann sind gepflegte Beine wieder ein Muss.... Deshalb haben wir für das "Büro für besondere Maßnahmen" ein besonderes Maßnahmen-Angebot: Hast du Lust den neuen Epilierer "Silk-épil Xpressive Wet&dry" aus dem Hause Braun zu testen? Wir möchten dich herzlich einladen, das Gerät auszuprobieren....

mein erster gedanke war: ist das ein witz?!

mein zweiter gedanke: die haben mich falsch verstanden. ich schreibe doch nicht über so‘n körperpflege- und kosmetikzeugs. wie kommen die dazu, mir vorzuschreiben, was zu den wirklich wichtigen dingen im leben einer frau gehört? für wen sind gepflegte beine ein MUSS? und wenn überhaupt, wieso dann nur im sommer? unterstellen die mir, dass ich im winter verlottere?!

mein dritter gedanke: die fahren eine geniale marketingstrategie, wenn sie nominierte weiberblogs als werbeträgerinnen rekrutieren – respekt!

meine gedanken no vier, fünf, sechs und sieben galten all meinen elektrogeräten von eben diesem hersteller, die mich zum teil schon seit jahrzehnten begleiten und längst teil meines alltags geworden sind: der verständnisvolle wecker, der auf zuruf verstummt; der haar- und tinnitusfreundliche flüster-fön; die zahnbürste, die so schön brummt und kribbelt und – mein olles epiliergerät!

mein achter gedanke: ein neues epiliergerät wäre schick. darf ich so korrupt sein?

dann habe ich aufgehört zu denken, auf den antwortebutton geklickt und nach den konditionen gefragt.

ihr habt richtig gelesen. epiliergerät. kreish! meterweise feministische literatur, die nicht nur im regal gesammelt sondern tatsächlich gelesen ist, jahrzehntelange lektüre von emma, deren redaktion in meiner schulmädchenzeit ja quasi um die ecke war von da wo ich wohnte, nächtelange diskussionen in der frauen-WG im berlin der achtziger jahre, in denen wir qualmten und soffen wie die kerle – es hat alles nichts genutzt:

ich verschwende einen nicht unerheblichen teil meiner kostbaren kognitiven, emotionalen, kreativen, zeitlichen und finanziellen ressourcen darauf, mein äußeres optisch den gesellschaftlichen gepflogenheiten und dem derzeit geltenden weiblichen schönheitsideal anzupassen. kurz: ich würde eher ohne unterhose aus dem haus gehen als ohne lippenstift.

einmal im monat kümmere ich mich auch um meine körperbehaarung und andere hornige auswüchse. einen guten rhythmus gibt mir der mond. da heißt es in den gängigen mondkalendern u.a., dass die tage, an denen der mond das sternzeichen steinbock durchwandert, besonders günstig seien für die intensive pflege der fuß- und fingernägel.

nimmt der mond dann gerade zu, wachsen sie schnell und fest wieder nach. angeblich. nimmt er ab, wachsen sie nicht so schnell nach, aber dafür gerade. angeblich. der abnehmende mond im steinbock eignet sich daher auch besonders für das entfernen von hornhaut und von körperhaaren, die frau auf dauer loswerden will. angeblich.

ob das stimmt, weiß ich nicht. aber es schadet nicht, wenn ich mich an diesen rhythmus halte und mein sonst so zerrissenes leben hier und da mit einem kleinen ritual etwas stabilisiere.

der abnehmende mond im steinbock, das ist heute, und deswegen steht in meinem filofax bei den tagesaufgaben ein mehr oder weniger kryptisches „haare weg“. ich weiß, was gemeint ist. das volle programm:

augenbrauen zupfen, die drei goldenen barthaare ausreißen, das eine haar auf der warze neben der rechten nasolabialfalte kurz schneiden, die achseln rasieren, bikinizone kritisch beäugen und die haare auf den schienbeinen entfernen.

und während ich das alles so mach‘, frage ich mich, wer denn eigentlich diese seltsamen haarigen regeln aufgestellt hat und wozu das alles gut sein soll. schönheitsideale sind sooo willkürlich!

hat schon mal eine von euch von irgendeiner kultur gehört, in der männer dazu angehalten werden, sich unter größten schmerzen und gefahren für die gesundheit ihrer körperbehaarung zu entledigen, einmal abgesehen von der unabdingbaren bartrasur?

mein bester schwuler freund würde sagen: mann mit bart ist sowieso OB doppelzehn. mit OB meint er nicht den baumwollstöpfel für die mens. männer unter sich sprechen von OB als OrgasmusBremse, auf einer skala von eins bis zehn. zehn wird getoppt von doppelzehn. OB doppelzehn geht also gar nicht. genau. mann mit bart geht gar nicht, das ist auch meine persönliche OB doppelzehn, da bin ich total tote hose. männerhaare gehören auf und nicht unter den kopf.

aber müssen männer sich die achselhaare rasieren? die badehosenzone epilieren? die brust enthaaren? nein. wozu auch?

wem nützt es, wenn ich die augenbrauen ‚in form‘ bringe und so lange daran herumzupfe, bis es aussieht, als ob ich ständig erstaunt sei und immer nur bewundernd-ehrfürchtig mit weit nach oben gezogenen brauen von ganz tief unten (zu den herren der schöpfung) aufschaue? widerspruchslos, versteht sich.

warum schminke ich mir die augen groß und ausdrucksvoll, bis sie dem harm- und hilflosen kindchenschema entsprechen, von dem manche männer sich so gerne anhimmeln lassen?

der damenbart ist ohnehin eine lachnummer: denn so eine hat auch haare auf den zähnen und kriegt sowieso keinen mann ab. also lieber bart ab. da ziehe ich mit den männern gleich.

warum mag ich meinen eigenen geruch nicht, rasiere mir die achselhaare und übertünche die reste von schweiß mit deo? okay – rasieren, das geht so gerade noch. aber epilieren? direkt an den lymphknoten und all den empfindlichen nervenbahnen? das halte ich nicht für gesund.

die bikinizone oder gar die scham enthaaren? obwohl da die haut so wunderbar empfindsam und empfänglich ist für wohl- und schandtaten? warum um alles in der welt soll ich mich da selbst verletzen? weil männer lieber nackte kindermösen vögeln? weil sie angst haben vor ‚echten‘ frauen? ich weiß es nicht. ich weiß nur, dass dieser 'haarfreie trend' sich in den letzten ein, zwei jahrzehnten sehr verstärkt hat.

auch weibliche schienbeine sollen haarmakellos glatt sein. warum?! ganz sicher nicht nur, damit sie aus dünnen nylonstrümpfen nicht so stachlig hervorstechen und - igitte! - böse laufmaschen verursachen. stellt euch mal vor, wir lebten in einer kultur, in der wir für viele und starke bein- und sonstewohaare bewundert würden! hach was wäre das schön, komplimente zu hören wie „du bist echt ne starke frau mit deinem schienbeinpelz“ oder „deine haarigen waden sind sooo sexy!“

in so einer kultur leben wir aber nicht. deswegen zupfe ich mir einmal im monat ein paar der derzeit nicht akzeptierten härchen aus. auf den schienbeinen. das gerät, das die liebe britta von braun mir zum ausprobieren geschickt hat, taugt dafür bestens. als neuzeitliches frauenfoltergerät an den anderen stellen taugt es leider auch. ich bedanke mich artig.


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Donnerstag, 22. Oktober 2009

besondere maßnahmen VI - haarsträubende haarabschneiderei

manch eineR sagt, ich hätte haare auf den zähnen. das mag sein, aber die sind die meiste zeit gut gekämmt.

bisweilen habe ich haare in der tastatur. aber die werden immer weniger, seitdem die katzen nicht mehr da sind.

ich habe noch drei goldene barthaare am kinn, so richtig dicke stoppelige. das vierte ist schon weiß. regelmäßig vor wichtigen terminen denke ich darüber nach, ob ich sie auszupfe oder nicht.

die meisten haare habe ich auf dem kopf, wuschelgelockt – und die wollen immer gut frisiert sein.



das aber ist nicht so einfach, wie es sich anhört. ich bin schon öfter heulend und fluchend vom friseur nach hause gekommen als vom zahnarzt.

irgendwie scheint das eine schwierige sache zu sein, gelockte haare in eine lockige frisur zu verwandeln, und ich habe nur selten erlebt, dass das jemandem bei mir auf anhieb gelungen wäre. es ist übrigens keine frage des geldes, ob es gut wird oder nicht. die eine kann es – der andere nicht.

einer, ders konnte, war mein polnischer frisör in berlin. andré. sehr charmant. sehr schwul. als ich ihn kennenlernte, war er noch lehrling in einer kleinen vorstadt­klitsche. da ging ich normalerweise nie rein, weil dieser laden nichts anderes erwarten ließ als eben genau neuköllner vorstadthaarschnitte: super­blonde dauer­wellen mit noch superblonderen strähnchen, passend zu spackig sitzenden glitzer­leggings, knatschblauem lidschatten und quietscherosa lippen­stift. cindy von marzahn hatte sich damals noch nicht erfunden, aber die ureinwohnerinnen von berlin-neukölln sahen schon immer so aus.

ich war wohl auf einem meiner immer wiederkehrenden „ab-sofort-muss-alles-anders-werden“-trips. die beginnen oft mit einem spontanen frisörbesuch, welcher dann wiederum leider oft in obigem heulen-und-fluchen endet, womit dann wieder alles beim alten wäre.

ganz spontan und wagemutig landete ich dies eine mal also in der neuköllner vorstadtklitsche beim lehrling auf dem frisierstuhl. aber bloß, weil die damen alle beschäftigt waren. andré war der einzige mann im laden. ich war skeptisch, ließ ihn aber machen. andré machte. charmant und liebevoll. vergnügt auf irgendeiner droge. aber gekonnt und perfekt. es war kaum zu glauben: ich verließ den frisör­laden …. und ich gefiel mir gut!

seither und solange ich in berlin blieb, ließ ich an meinen charakterkopf nur noch andré aus polen. egal in welchem salon er nach der lehre arbeitete, ich reiste ihm hinterher, kreuz und quer durch die große stadt. ich wurde sein haarschneide-groupie, und ich bereute es nie. seine schnitte waren jedes mal haargenau, von ausgesucht pfiffiger eleganz, wunderbar ausgeglichen in den proportionen und immer passend zu meinem typ:

nie zuvor hatte ich die erfahrung gemacht, dass mein widerspenstig krauser kopf auf so viele verschiedene arten schön sein konnte.

andré hatte - was haare angeht - den richtigen blick für den goldenen schnitt. das hat er mir viel später einmal erklärt. wenn er einen menschen vor sich sah, dann ratterten wie die rollen in einem spielautomaten ungefähr drei dutzend verschiedene frisuren durch seinen kopf, die zu demjenigen passen könnten. seine inneren bilder rasteten ein bei genau den drei haarschnitten, in denen sich die kundin dann auch selbst schön finden würde. ein genie! und doch so unprätentios in seiner art. ich blieb ihm lange jahre treu.

das änderte sich erst, als ich ans andere ende der republik zog. zwar verband ich meine berlinbesuche anfangs – ganz jetset! - immer noch mit einem haar­schneidetermin 'chez andré'. aber dann verlor ich ihn aus den augen: meine berlin-besuche wurden seltener, der kontakt brach ab, er arbeitete nicht mehr im alten laden, seine telefonnummer stimmte nicht mehr, und ich fand ihn nie wieder.

nun bin ich angewiesen auf die hiesigen friseure, sozusagen „verloren in der provinz“! es ist fürchterlich. vom billigen haarabschneider am fließband bis hin zum sogenannten edel-coiffeur habe ich sie alle durchprobiert.

es ist zum verzweifeln. sie schaffen es einfach nicht! die eine versteht meine beschreibung nicht – gerade so als ob ich chinesisch rede. die andere sagt „so eine frisur lernen wir hier schon seit jahren nicht mehr“ und die dritte behauptet ganz frech „es gibt kundinnen, die wollen zwei frisuren gleichzeitig“.

sage ich „bitte nur die spitzen“, wird der ehemals wuschelige stufenschnitt stramm über den kamm gezogen und auf eine länge getrimmt. ich bin doch kein pudel!

bitte ich um einen 'wuscheligen nacken' - endet das ganze in einer spießig runden kante mit entenschwanz.

gehe ich zum teuersten laden in stadtmitte, wird es zwar ordentliches handwerk, aber bieder und langweilig.

auch derzeit wage ich mich kaum ohne kopftuch auf die straße. bei meinem letzten friseurversuch schnippelte die lady mit der effilierschere an meinen natur­locken herum. an naturlocken! mit der effilierschere! ohne etwas zu sagen, versteht sich.

ich merke es ja immer erst hinterher, was passiert ist – weil ich vor dem großen frisörspiegel nie die brille aufhabe. als ich sie wieder anzog, war meine locken­pracht zum wischmopp verkommen.

in der hoffnung, dass sich das über nacht von alleine wieder krummlegt, zahlte ich und ging. aber irrtum: der wischmopp blieb auch nach dem waschen ein wischmopp.

am nächsten tag ging ich wieder hin. wir hatten vereinbart, dass ich noch mal kommen dürfe, wenn es mir auch nach 'einmal drüber schlafen' denn so gar nicht gefiele. 'nicht gefallen' war der reine euphemismus. ich war kreuz­unglücklich!

diejenige welche den schaden tags zuvor angerichtet hatte, mochte keinen zweiten versuch an mir wagen. die dann zuständige kollegin zog stramm, kämmte glatt und schnitt wie ein feldwebel; musste hier noch was angleichen und da noch was korrigieren, bis aus dem kinnlangen wischmopp eine nur noch halbwischmopp­hafte kurzhaarfrisur geworden war. kurzhaar! am tag zuvor waren die locken noch schulterlang gewesen. da war ich doppelt bedient.

das allerschlimmste: sie hat die haare gegen meine anweisung vorne so kurz abgeschnitten, dass ich sie nicht einmal mehr hinters ohr klemmen kann. das grenzt an körperverletzung. denn dadurch fallen mir die haare ins gesicht, baumeln ständig vor den augen und triggern mir kopfschmerzen.

deswegen ist für die nächsten mindestens sechs monate wieder einmal die variante haarband angesagt. manchmal denke ich, meine haare sind inzwischen mindestens so prekär wie ich. das ist gar nicht gut für meinen selbstwert.

so langsam weiß ich auch nicht mehr, wo ich zum haareschneiden noch hingehen soll. in solchen augenblicken finde ich mein kleines landleben überhaupt nicht mehr lustig und habe ganz dolles heimweh nach meinem großen ollen berlin.


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