Besondere Ereignisse erfordern besondere Maßnahmen. Denn irgendwas is' immer ....
[über den Umgang mit Katzen & Vermietern - und andere wichtige Dinge im Leben einer Frau]
Ganz selten einmal beteilige ich mich an sogenannten „Blogparaden“. Genau genommen erst einmal. Das waren im März meine „sweet thoughts“ - bei Sabienes Blogparade „Mahlzeit – zuckersüß“.
Bei einer Blogparade denkt sich ein/E BloggerIn ein Thema aus, macht's bekannt und hofft darauf, dass sich möglichst viele andere AutorInnen gleichzeitig aus verschiedenen Perspektiven mit dem selben Thema beschäftigen. Das kann dann zu ganz wunderbaren Synergie-Effekten und den schönsten Überraschungen führen.
Es schwirren nicht nur die Gedanken dazu in meinem Kopf, sondern auch ein paar der gemeinten Dinge bei mir im Haus herum: Solche altmodischen, etwas umständlich (gewordenen) Gegenstände eben, die aus anderer Leuts' Alltagen längst verschwunden sind …
Früher waren sie vielleicht mal „le dernier cri“, die „must haves“ meiner Jugend oder auch technisches Handwerkszeug aus den Anfängen meiner Zeit als Rundfunkredakteurin – inzwischen wurde vieles davon ersetzt durch Schnelleres, Kleineres, Größeres, Pflegeleichteres, Lauteres, Effektiveres usw. – aber eben nicht alles.
Da wäre zum einen mein unkaputtbarer Wendetoaster aus Edelstahl – von Rowenta, Modell E5214 -, der seit mehr als 53 Jahren seinen Dienst tut.
Wendetoaster Rowenta E5214, Edelstahl
Kurz Luft holen: Der ist älter als ich! Wahrscheinlich kriegte der heutzutage kein TÜV-Siegel mehr, denn er ist höllisch brandgefährlich! Hier habe ich ihn bereits angemessen gewürdigt. Der Text ist unverändert aktuell.
Dann wäre da noch das kleine Uhrenradio mit Cassettenlaufwerk von Sony. In Türkispetrolblau, typisch frühe 90er-Jahre, Modell CFT-1. Das Gerät war auch erhältlich in einem dunklen Orange schon damals im „Retro-Look“ – todschick! Nicht „My First Sony“. Das war natürlich ein Walkmann 1981! Aber vielleicht mein drittes oder viertes Gerät. Der geniale Werbespruch dazu war damals „It's not a trick, it's a Sony“.
Sony Radio Cassette Player CFT-1
Echt ein tolles Ding! Ein Foto der Vorderseite findet ihr hier. Es funktioniert wahlweise mit Strom oder mit Batterie bzw. Akku, kann die Zeit anzeigen und weckt – auf Wunsch mit freundlichem Piepston oder mit Radio oder Wunschmusik von MC (der damals noch üblichen MusiCasstte oder CompactCassette).
Außerdem hatte es eine ausziehbare Teleskop-Antenne für besseren Radioempfang. Yeah. Das war damals krass cool. Kabelempfang oder Internetradio hatten wir nämlich noch nicht. Ich war Anfang 30. Der blaue Sony funktioniert bis heute und steht inzwischen in meinem Badezimmer. Ich freue mich jeden Morgen darüber. Weil es so schön ist.
Als drittes Beispiel für die bei mir noch lebendigen #dailyvanish möchte ich meine Kaffeefilter nennen.
Melitta Kaffeefilter 102, Porzellan
Von Melitta natürlich – die Klassiker. In verschiedenen Größen, mit dazu passendem Filterpapier. Je nachdem, ob ich den Kaffee alleine trinke oder ob Besuch kommt. Ich benutze sie zwar nur selten, weil mir Filterkaffee nicht schmeckt und ich meinen täglichen Milchkaffee immer und nur mit der italienischen Caffetiera zubereite. Aber hin und wieder kommt einer der beiden Filter dann doch noch zum Einsatz. Wenn's mal schneller gehen muss. Oder wenn mir mal nostalgisch zumute ist.
Manchmal, wenn alte Dinge kaputt gehen, repariere ich sie. Ich hänge dran, irgendwie. Kann ich sie nicht reparieren oder reparieren lassen, dann übergebe ich sie der Müllverwertung. In einem kleinen Ritual, mit dem ich mich bei dem Gegenstand für langjähriges Funktionieren, für treue Lebensbegleitung und -erleichterung bedanke.
Zu dem Ritual gehört inzwischen auch, dass ich ein Abschiedsfoto von jedem Gegenstand mache, der mich verlässt. Damit ich auch später mal noch weiß, was und wer einst zu meinem Alltag gehörte. Das erleichtert mir das Loslassen sehr.
Den Dateiordner, in dem ich diese Bilder aufbewahre, werde ich nun umbenennen. In „dailyvanish“ - für all die Dinge, die aus meinem Alltag verschwunden sind. Danke sehr, lieber Sebastian Hartmann, für dieses schöne Wort.
könnt ihr euch noch erinnern, wann ihr die erste email geschrieben habt? an wen? oder von wem ihr die erste elektronische post erhalten habt?
ganz ehrlich? ich weiß es nicht mehr. es muss irgendwann ende der 90er jahre des vorigen jahrtausends gewesen sein, ist also im grunde noch gar nicht so lange her. vor allem, wenn ich bedenke, dass ich schon seit anfang der 80er jahre mit computern arbeite.
Blaubeeren aus Russland
was ich noch sehr gut weiß, ist, dass sich einige pressestellen sehr darüber wunderten, dass ich in meiner redaktion eines berliner ard-senders bis zum ende des jahres 2000 keine persönliche email-adresse hatte (das wurde als unnötig betrachtet) – während ich privat schon längst online vernetzt war.
anfangs freute ich mich sehr über das papierärmere büro. es war eine erleichterung, weniger altpapier zum container tragen zu müssen. dass aber irgendwann mein analoger postkasten mit ausnahme von rechnungen und unerfreulicher post vom amt so gut wie leer bleiben würde – das konnte ich mir damals nicht vorstellen.
heutzutage kommen kaum noch persönliche briefe oder karten an. der briefträger, den ich früher sehnsüchtig erwartete, weil er mir oft so schöne bunte dinge mit abenteuerlichen briefmarken aus der fremde brachte, hat seinen zauber verloren.
im digitalen zeitalter kommen nicht nur urlaubsgrüße als sms, als allgemein gehaltene rundmail oder gleich als öffentlich auf facebook gepostetes knipsefoto, sondern sogar todesanzeigen. der persönliche gruß, die handverlesene karte samt liebevollst abgeschleckter briefmarke sind pure nostalgie.
Englische Telefonzelle aus Thailand
innehalten unterwegs oder manchmal auch im alltag, sich über den eigenen standort klar werden und den daheim verweilenden oder freundInnen in der ferne handschriftlich mitteilen, wie es gerade geht und dass ich an sie denke - das wird zumeist nur noch als lästige zeitverschwendung und unnötige geldausgabe angesehen.
schade.
längst ist mein postkasten kaum mehr als dekoration am hauseingang. es gibt keine überraschungen mehr. seit jahren schon öffne ich die briefkastenklappe nicht mehr in neugieriger vorfreude, sondern mit einem angstvollen klumpen im magen. auf rechnungen und deutschgraue amtsbriefe würde ich gerne verzichten. die teure edelstahlkiste könnte man von mir aus ruhig abhängen. das darf ich als gute bürgerin aber nicht.
da ich weder den briefkasten entfernen noch den empfang unliebsamer post abstellen kann, musste für das postalische gleichgewicht eine besondere maßnahme her:
vor ein paar monaten habe ich mich angemeldet bei Postcrossing. das ist eine art versandportal für echte postalische schneckenpostpostkarten. wenn ich eine postkarte schreiben möchte, erhalte ich eine zufällige anschrift irgendwo auf der welt. sobald meine postkarte dort als 'angekommen' registriert wird, wird meine adresse an jemand anderen verlost.
das projekt Postcrossing besteht als webseite seit 2005. mehr als vierhunderttausend "postcrossers" haben bisher fast 20 millionen postkarten weltweit hin und her und kreuz und quer geschickt.
anfangs war ich skeptisch. aber es funktioniert – unkompliziert und kostenlos, und es macht spaß.
Orchideen aus Israel
es ist natürlich ein unterschied, ob mir ein guter freund von seinem ausflug ans andere ende der welt einen lieben herzensgruß schickt – oder ob eine unbekannte aus irgendwo mir ein paar freundliche zeilen smalltalk auf eine postkarte schreibt.
trotzdem: in jeder karte steckt ganz viel persönliches, liebevolles gestalten und nachdenken über die frage „wie kann ich dieser fremden person, deren anschrift mir nun mitgeteilt wurde, eine freude machen?“
es ist nicht ganz das „echte“ gefühl - eher ein bißchen 'pseudo'. wie kaffeesurrogatextrakt - und doch bringt es in meinen täglichen gang zum briefkasten wieder ein bißchen vorfreude, so wie früher. ich lass ihn noch eine weile hängen.
postcrossingkarten schreibe ich zwei bis drei mal im monat. fast ebenso viele erhalte ich auch.
mein persönlicher nebeneffekt: zusätzlich schreibe ich auch wieder mehr postkarten an 'meine' leute, die in aller welt verstreut leben. einfach so. ich hoffe, sie finden das nicht allzu schrullig.
die mutter (wütend): „kind! du meins' immer, mer wollt' dir wat. isch komme ja jaar nit mie an disch eran [du denkst immer, man wollte dir etwas böses. ich komme gar nicht mehr an dich heran]!“
die freundin (zu besuch, ratlos): „ich fühle mich ausgeschlossen, wenn du mich alleine hier sitzen lässt und dich so in dich zurückziehst.“
ein mann (überheblich): „du bist eine komische frau!“
ein anderer mann (erleichtert): „ich halte es mit dir einfach nicht mehr aus!“
noch ein mann (gekränkt): „du sagst nie, was ist.“
der vater (vorwurfsvoll): „nun stell dich nicht immer so an, andere können das doch auch!“
…. „sei doch nicht immer so empfindlich!“ (genervt)
…. „du immer und deine befindlichkeiten ….“ (ungeduldig)
…. „nun hab dich nicht so ….“
…. „ich darf dich ja noch nicht einmal anfassen, wann ich will ….“ (beleidigt)
…. „dir kann man es auch niemals recht machen ….“
…. „du bist echt schrullig ….“
…. „du hast eindeutig autistische züge ….“
indizien? hin-weise? be-weise?
als ich vor rund zwei jahren das erste buch über hochbegabung las (andrea brackmann, hochbegabt und hochsensibel, darüber geschrieben habe ich damals in nathalies begabungsblog), kam ich zum ersten mal mit der these in berührung, dass es eine verbindung geben könnte zwischen einem hohen iq und autismus vom typ asperger.
eine 'freundin' hatte mich mit dieser 'diagnose' schon 2008 in verbindung gebracht.
im vorigen jahr stieß ich auf sabine kiefners blog „eine frau mit autismus“ - typ asperger. auch sie hochbegabt, unser iq fast gleich. ich las ihre einträge voller faszination und neugier.
ich arbeitete mich durch das internet, versuchte im wust der informationen die spreu vom weizen zu trennen, machte – mit aller gebotenen vorsicht – diverse selbsttests. die hinweise verdichteten sich.
im sommer vergangenen jahres meldete mich bei der hiesigen universitätsklinik. dort gibt es eine asperger spezial-sprechstunde.
zunächst hieß es: viele fragebögen ausfüllen und zurücksenden. dann geduldig warten. je nach dem ergebnis der fragebogenauswertungen wird man zu einem persönlichen gespräch eingeladen oder auch nicht. die warteliste ist lang. sehr lang.
im herbst erzählte ich meiner ärztin von meiner vermutung, von den fragebögen. sie kennt mich seit sechs jahren, ist neurologin und psychiaterin: „das ist völliger quatsch. Sie haben doch so viele ressourcen!“
im januar rief die uniklink mich an. es wurde ein termin zum persönlichen diagnose-gespräch vereinbart. das war heute vor drei wochen.
der herr universitätsoberarzt waren sich schnell einig. eindeutig autistin. vermutlich asperger. 'vermutlich' deswegen, weil es niemanden gibt, der eindeutige aussagen über mich in meiner kindheit machen könnte.
der schriftliche bericht ist noch nicht da. mit der mündlichen diagnose bin ich erst einmal allein gelassen. wie so oft in meinem leben.
seither versuche ich, mich neu zu sortieren und mir klarzuwerden, was das nun für mein weiteres leben bedeutet, autistin zu sein.
das etikett hat einen anderen beigeschmack. nicht mehr „frühkindlich sexuell traumatisierte kreative hochbegabte“ sondern „frühkindlich sexuell traumatisierte kreative hochbegabte autistin“.
damit bin ich vom high potential brain pathologisiert hin zur schwerbehinderten mit geistiger entwicklungsstörung.
patsch!
der kollege dr. dr. an der uniklinik widersprach der diagnose nicht.
ich war mir nicht sicher, ob ich in der nun zugewiesenen autismus-schublade wirklich bleiben möchte. zwar hatte ich die untersuchung zur abklärung selbst angestoßen, aber es wäre mir auch recht gewesen, wenn ich mit meinen „symptomen“ weiterhin unter dem spektrum „hochbegabung mit ausgeprägt hoher empfindsamkeit“ hätte segeln können.
das wäre charmanter. die autistische behinderung brauche ich nicht wirklich. das klingt so dequalifizierend.
der arzt sagte: „es gibt auch hochbegabte, die keine autisten sind. das hängt nicht automatisch zusammen.“ aha.
er sagte auch: „Sie müssen mit dieser diagnose nicht in die gosse.“ vielen dank, herr doktor. er war durchaus respektvoll.
dass ich bei meiner derzeitigen arbeitsstelle schon nach vier stunden völlig am ende meiner kräfte bin und nachmittags nichts mehr auf die reihe kriege, sondern oftmals nur noch heulend in der ecke hänge, wunderte ihn nicht.
er sagte noch: „es ist nicht selten, dass autisten vom typ asperger eine sucht entwickeln, um den anforderungen der 'neurotypischen' welt gerecht werden zu können.“ dieser arzt ist eindeutig ein neurotyp. ich erlebte die begegnung mit ihm übrigens nicht als unangenehm, alles in allem.
andererseits: diese diagnose entschuldigt nichts, erklärt aber manches. womöglich nicht alles, aber vieles. einzelne facetten meines in-der-welt-seins, wie es nun einmal ist. meine schrullen zum beispiel. angefangen vom immer gleichen ritual des kaffeekochens mit der caffetiera bis hin zum ständigen gefühl, nicht von dieser welt zu sein, nirgends dazuzugehören, mich wie unter einer glasglocke zu bewegen.
was ist und was wird, das gilt es nun herauszufinden. oder einen teil davon. es bleibt spannend.
auch in meinem prekären hartz4-ergänzungsleben finde ich nicht immer nur deutschgraue amtspost in meinem briefkasten. an manchen tagen flattern die schönsten dinge** ins haus.
Die Kaiserin liebt das Leben.
manchmal kommt das gute einfach so, quasi als unerwartete bereicherung. dann wieder war ich selbst diejenige, die einen entscheidenden kleinen impuls gesetzt hat, der nun positive wirkung zeigt. manchmal kommt auch der impuls von außen, ich reagiere darauf oder lasse es sein, je nachdem. und schon ändert sich die kette der ereignisse.
Die Kaiserin hat viele Chancen.
Die Karten der Kaiserin
ob ich impulse setze oder nicht, ob und wie ich auf einflüsse von außen reagiere, da denke ich nicht immer drüber nach. das ist oft eine frage, die in millisekunden entschieden wird: ich folge meiner intuition, höre auf meinen bauch.
Die Kaiserin folgt ihrem innersten Gesetz.
im grunde bin ich darin ziemlich gut – wenn ich es mir denn erlaube. leider ist mir die innere stimme früher mal ziemlich aberzogen worden. das war nicht nur die mutter. auch heute noch gibt es da draußen viele, die die stimme einer klugen frau nicht hören, nicht respektieren wollen.
Die Kaiserin respektiert sich selbst.
nachdem ich also in den ersten beiden jahrzehnten meines lebens edukativ ziemlich verkorkst wurde, bin ich nun wohl für den rest meines lebens damit beschäftigt, wieder zu verwildern. sprich: auf meine innere stimme zu hören und tag für tag die zu werden und zu sein, die ich wirklich bin.
Die Kaiserin nimmt sich, was sie braucht.
das buch „Der Weg der Kaiserin“ von Ulja Krautwald und Christine Li unterstützt mich darin schon seit mehr als zehn jahren. die 'kaiserin' gab es wirklich: Wu Zhao herrschte vor mehr als tausend jahren in china als einzige frau, die jemals offiziell herrscherin war (also nicht 'nur' die ehefrau eines kaisers). ihre geschichte wird im buch erzählt. parallel werden ihre kaiserlichen strategien so ins moderne übertragen, dass sie für frauen der gegenwart von unschätzbarem wert sind.
Die Kaiserin hält sich nicht an Konventionen.
jeder von uns wohnt eine kaiserin inne, wir sind nur nicht immer mit ihr in kontakt. wie auch, wenn erziehung und gesellschaft alles daran setzen, die – dem mainstream (oder sollte ich lieber schreiben: „manstream“?!) oft unbequeme - innere stimme einer kaiserin möglichst mundtot zu machen.
Die Kaiserin ist nicht Everybody's Darling.
'Die Kaiserin' ist nicht nur lesebuch, sondern auch lebensbuch. jedes kapitel liefert seine „essenz“ gleich mehrfach mit: zum einen in form einer rezeptur für einen tee nach allen regeln der traditionellen chinesischen medizin, zum anderen als strategische sätze für frauen jeden alters in verschiedenen lebenssituationen: die innere stimme der kaiserin quasi für den hausgebrauch.
Die Kaiserin meidet herrschsüchtige Ärzte und Menschen, die nicht lachen.
„hör auf mich!“ scheint die kaiserin mir zuzurufen, wenn ich ihr mal zu lange den rücken kehre, wenn ihre stimme im mich fordernden alle-tage-trott unterzugehen droht.
Die Kaiserin weiß um Ebbe und Flut.
damit ich sie besser hören kann, gibt es ihre kaiserinnensätze jetzt auf karten*. in kaiserlich roten schachteln – und das auch noch in zwei versionen: groß und klein, für zu hause und für unterwegs. künstlerisch gestaltet die großen, eher schlicht die kleinen.
Die Kaiserin weiß, was sie will.
der stimme der kaiserin lauschen – das bedeutet innehalten im alltagskarussell. stille sein. ein kaiserlicher augenblick! niemals würde die kaiserin mir sagen: 'tu dies oder tu jenes'. ihre sätze wirken subtiler, indem sie meiner eigenen inneren stimme zu ihrem recht verhilft, gehört zu werden. man könnte auch sagen: die kaiserin holt die intuition aus dem nebel, sie bringt den bauch zum sprechen.
Die Kraft der Kaiserin entsteht in der Tiefe.
wie auch beim tarot lege ich die karten der kaiserin auf ein eigenes, ein ganz besonderes tuch. das tuch für meine kaiserinnenkarten zeigt den grundriss des alten kaiserlichen palastes in kyoto. ich liebe dieses alte tuch sehr, denn der plan ist von ergreifend schlichter ordnung. ich tendiere ja bekanntlich dazu, mein leben zu verkomplifizieren. die sätze der kaiserin sind klipp und klar. das hilft.
Die Kaiserin konzentriert sich auf das Wesentliche.
manchmal haben diese karten eine sehr direkte wirkung. manchmal dauert es ein weilchen. sie machen garantiert stark, schön, schlau und glücklich - und das nicht nur, wenn sie im briefkasten liegen. ich werde demnächst mehr berichten. lasst euch überraschen. oder probiert es selbst aus!
der tägliche umgang mit diesen karten ist zwar auch eine besondere, vor allem aber eine kaiserliche maßnahme. kaiserliche maßnahmen stehen für sich und werden nicht gezählt.
*
- die karten der kaiserin, edition kunst und edition classic sind erschienen und erhältlich beim krautwaldverlag.
- die sätze der kaiserin erscheinen auch in täglichem wechsel auf der startseite von zinnoberfluss.
„paket vom optiker!“ der postbote sang es schon im treppenhaus und kriegte sich gar nicht mehr ein: „paket vom optiker!“ strahlend überreichte er mir den schmalen karton. als ob er den inhalt bestens kannte. ich hingegen war total überrascht.
„ein paket vom optiker?“ dachte ich. „komisch. die brille habe ich doch längst abgeholt. die wäre auch nicht so groß und so schwer.“ ich trug sie auf der nase, dreizehn gramm leicht.
langsam ging ich die stufen zu meiner wohnung hoch, betrachtete das paket von allen seiten. „hab' ich etwa was gewonnen?! na, das kann ja heiter werden.“
dann erinnerte ich mich, dass ich mich über die neue brille beschwert hatte. aus optischen gründen. wenn ich damit vor dem pc sitze, ist es eine verschwommene qual statt scharfsichtiger klarheit. als entschuldigung hatte man mir ein kleines präsent versprochen.
also eine entschuldigung sollte in meinem paket sein. quadratisch. länglich. schwer. zerbrechlich. ich hatte keine ahnung. wirklich nicht. ich rätselte: „hoffentlich ist das nicht irgendeine häßliche blumenvase in brillenform ….“ - bei meinem glück mit geschenkten gäulen ein durchaus berechtiger gedanke.
wieder in der wohnung, machte ich mir erst einmal einen kaffee. das ist so ein altes magisches denken von mir. je länger es mir gelingt, meine neugier im zaum zu halten und geduldig zu sein, umso besser wird der inhalt von briefen und paketen. da bin ich mir sicher! zumindest wird er weniger schlimm.
während der kaffee sich machte, legte ich mein altes päckchen- und brieföffnermesser schon mal zurecht. nach dem ersten schluck milchkaffee – aaaah! noch einmal tief luft holen und dann ran an die verpackung. ich liebe geschenke und war voller vorfreude!
ihr seht, was drin war im karton: eine flasche champagner. veuve emille brut. nicht gerade der allerteuerste, aber ein solides gesöff.
shice.
es hätte doch echt mal ein geschenk sein können, über das ich mich richtig freue und das ich auch behalten darf. statt dessen schickt mir der optiker die tödliche versuchung - und das auch noch in zeiten allerdünnster haut.
ich hätte den champagner gerne getrunken. sekt und champagner habe ich früher sehr geliebt. weil der nicht betrunken macht (dachte ich), sondern leicht und heiter, ein bißchen 'kieksig'. auch nach fast zwölf alkoholfreien jahren weiß ich noch genau, wie lecker das schmeckt. und wie schön der kribbelt, nicht nur in meinem bauch. ooh ja!
nur zu gern würde ich mir wieder mal die kante geben, ferien haben zumindest im kopf und den ganzen ollen lebenskokolores einfach für eine weile vergessen dürfen.
aber von sucht gibt es – genauso wie von erwerbslosigkeit - keinen urlaub. wenn ich jetzt wieder anfange, wäre es vorbei mit meiner würde, der anfang vom ende.
es würde nicht bleiben bei dem einen glas, der einen flasche. selbst, wenn ich es noch so wollte. eine zeit lang würde es vielleicht gehen. aber dann würde ich mehr wollen. viel mehr. so viel, dass ich ratzfatz wieder auf meinem damaligen level wäre von mindestens einer flasche wein am tag und darüber hinaus.
das nennt man suchtgedächtnis. das suchtgedächtnis ist ein ziemlich komplexer vorgang. es hat nichts zu tun mit 'charakterschwäche', wenn eineR nicht mehr aufhören kann nach dem ersten glas.
der körper will mehr, nicht die psyche. das suchtgedächtnis ist eingebrannt in den synapsen und sonstewo, quasi unlöschbar auf meiner internen festplatte. nicht bloß im arbeitsspeicher. auch kein fehler im betriebssystem, der mit einem flotten update dauerhaft zu beheben wäre.
nix da. es hat mit dem ADH zu tun. und mit dem MEOS.
wissenschaftlich kann ich das nicht erklären, dazu fehlt mir der hintergrund. aber ich kenne die groben zusammenhänge. die vorgänge in meinem körper, die mit alkoholkonsum und alkoholabbau zu tun haben, stelle ich mir vereinfacht vor wie einen netten kleinen zeichentrickfilm.
oder einen film von woody allen: „was sie schon immer über alkohol wissen wollten, aber sich nie zu fragen trauten, weil sie angst haben, ganz damit aufhören zu müssen, sobald sie die antwort kennen.“
der // zeichentrickfilm // geht ungefähr so:
wenn ich alkohol in meinen körper schütte, sind das anfangs sehr nette, lustige gesellen. das macht erst mal spaß. aber je mehr davon und je länger die in meinem körper in den blutbahnen und sonstewo zirkulieren, umso mehr verwandeln sie sich in brutale rabauken. sie grölen und prügeln, die reinsten stoffwechsel-hooligans.
dann schreit das gehirn: „was ist denn das für eine schlägertruppe?! die wollen wir nicht mehr, die sind ja giftig! leber! mach was!“
dann macht die leber was: sie produziert das alkohol-abbau-enzym alkoholdehydrogenase, kurz ADH. der magen hilft ihr dabei.
die zwei sind ein gutes team und putzen schön was weg. die jungs werden zahm, schlafen ihren rausch aus und am nächsten morgen geht es uns wieder gut.
wenn wir jetzt aber noch mehr alkohol-jungs oben reinlassen, dann machen die beiden irgendwann schlapp. so viel arbeit auf einmal, daran sind sie nicht gewöhnt. die folge?
am nächsten tag geht es allen körperteilen dreckig. am schlimmsten ist es im kombinierkästchen: da haben wir einen kater. das ist so ein fieses fettes tier, dass einem schwer auf dem kopf rumhängt, seine krallen in unsere kopfhaut schlägt und den schwanz vor unseren augen hin und her baumeln lässt. ihr wisst schon: verirrte, schlecht gelaunte alkoholjungs randalieren in den blutbahnen.
wenn das passiert, dann kriegt die leber eine krasse diskussion: „ey du faule leber, hasse nich' genug enzym? jetz' gehz uns konkret dreckig und du bisse schuld, du fette assibratze! servier das nich' noch mal, sonz messer isch disch krankenhaus. ischwör...“
die leber kann zwar nix dafür, wenn jemand anders so viel alkohol in ihren körper kippt, aber sie hat keinen bock auf prügel. sie schweigt und merkt sich, wieviel enzym sie produziert hat und dass das zu wenig war. beim nächsten mal produziert sie dann mehr und schneller.
wenn noch mehr alkohol kommt und noch mehr, dann schafft die leber das nicht mehr alleine. auch nicht, wenn der magen ihr hilft. dann delegiert sie einen teil von den saufjungs ans MEOS.
das geht nicht von heute auf morgen. es braucht eine gewisse gewöhnung, viele wiederholungen größerer alkoholischer raufboldclubs, immer wieder, über längere zeit. die leber ist ein toughes stück. bei erwachsenen menschen dauert das ungefähr fünf bis fünfzehn jahre. bei jugendlichen im alter von 15 – 25 jahren dauert es fünf bis fünfzehn monate, und bei kindern unter 15 hat die leber den bogen schon nach fünf bis fünfzehn wochen raus.
dann weiß sie bescheid, wieviel sie selbst produzieren muss und wieviel das MEOS übernehmen muss, so dass alle alkoholjungs unschädlich gemacht werden. weil sie so viel braucht, dass sie sich dann keine pause mehr gönnen darf, wenn sie mal angefangen hat, produziert sie quasi in vorauseilendem gehorsam immer sofort die zuletzt benötigte höchstmenge, sobald auch nur ein tropfen alkohol in ihre nähe kommt.
immer. alkoholjungs im anmarsch? zwei? na dann mal los! gestern waren es am ende achtundzwanzig! MEOS, du auch, mach hinne!
wenn also wieder 28 alks kommen, ist alles paletti, die leber packt ihr pensum, das MEOS übernimmt den überschuss.
ungefähr in dem augenblick, wo die leber ADH nicht mehr nach bedarf, sondern auf vorrat produziert und das MEOS sich einschaltet, übernimmt das suchtgedächtnis die kontrolle. genau das ist der 'point of no return'. die sucht ist ausgebildet, irreversibel.
leider hat nämlich die leber ein besseres gedächtnis als jeder elefant. sie wird den zuletzt erreichten höchststand nie wieder vergessen! nie. nicht nach einer alkoholfreien woche, nicht nach einem monat oder einem jahr, auch nicht nach zehn oder zwanzig abstinenten jahren. dieses leberluder ist nachtragend bis an unser lebensende.
zu dumm. wenn jetzt nämlich ich oder ein anderer alkoholsüchtiger mensch mal wirklich weniger trinken will als die übliche tagesdosis, dann kommt zwar die leber damit klar – aber nicht der rest vom body. weil die leber unaufgefordert ihr höchstpensum produziert, sobald sie einmal angefangen hat. auch wenn wir das ausnahmsweise mal nicht brauchen.
ist aber noch 'unbenutztes' alkoholabbauenzym vorhanden, dann ist die leber 'sauer' und beschwert sich bei den synapsen im hirn: „ey, ihr da oben! wozu mach ich mir denn hier die ganze enzymproduktionsarbeit!? guck mal, so viel übrig, steht hier alles noch rum! das schütte ich jetzt aber nicht weg. schick mehr alkohol!“ und schon ist es vorbei mit meinen guten vorsätzen „heute trinke ich aber mal weniger alkohol.“
tja. netter versuch, mal nur ein glas champagner trinken zu wollen statt wie sonst – oder wie früher - immer die ganze flasche. zu dumm aber auch, dass meine leber sich sofort daran erinnern würde, wieviel sie damals - zu meinem letzten lustigen besäufnis im sommer 1999 - zuletzt gebraucht hat.
// ende des zeichentrickfilms //
für mich ist es eine große erleichterung, um diese inneren stoffwechsel-zusammenhänge der alkoholsucht zu wissen. es hat mir geholfen, von dem seltsamen anspruch wegzukommen, den viele menschen an trockene alkoholikerInnen haben und den diese auch - aus falschem ehrgeiz, unwissen oder scham - an sich selbst stellen:
irgendwann mal wieder 'normal' trinken zu können, wenn ich nur tapfer lange genug abstinent bin. pustekuchen! das wird niemals funktionieren, never ever niemals nicht. eine kurze zeit lang vielleicht. aber über kurz oder lang lässt die eigene leber mir gar keine andere wahl, als wieder so viel zu trinken wie damals am schluss. bloß damit sie ihr zeugs los wird.
deswegen ist es für trockene alkoholiker nicht nur 'leichter', überhaupt keinen alkohol zu trinken als nur ab und zu ein glas. es ist die einzige möglichkeit, um die sucht auf dauer im zaum zu halten.
genau deswegen bleibt auch mein champagner zu. schließlich ist mein name nicht „ame weinhaus“ - sprich: ['eimi 'wainhaus]; falls ich mich jemals wieder auf eine bühne oder vor ein mikrofon stelle, dann sicher weder torkelnd noch lallend. in dieser hinsicht ist Amy Winehouse kein vorbild für mich. aber ihre stimme, hach! ihr song über die rehabilitationsverweigerung ist grandios. absolut typische, nasse suchtdenke!
ich überlege also noch, was mach ich mit der flasch?! es ist ein bißchen gefährlich, die in meiner wohnung stehen zu lassen. ein bißchen sehr gefährlich sogar. man sollte es nicht meinen, aber das ding im karton in der hintersten ecke des büroschranks zwickt mich.
zum wegwerfen ist sie mir zu kostbar – dafür lebe ich zu prekär, und champagner ist schon was besonderes für mich. die witwen-brause einfach nur an die/den erstbesteN zu verschenken, fände ich ein bißchen .... schade drum. bei ebay verkauft es sich schlecht, das habe ich schon recherchiert. eintauschen gegen 7-zwerge-kindersaft geht leider auch nicht.
soll ich eine tombola veranstalten? oder einen wettbewerb? was meint ihr? was mach' ich bloß mit der droge!?
heute klopfe ich mir mal selbst auf die schulter. ihr lest richtig. da sonst niemand da ist, muss ich auch das noch selber machen! besondere maßnahme also am diesjährigen tag der arbeit: hier klopft die chefin noch selbst.
im wild-wüsten süd-westen: dreyländereck
mein guter grund: heute auf den tag genau habe ich fünf jahre lang genixraucht. da bin ich mächtig stolz drauf. das war nämlich nicht leicht für mich.
ich habe zwar nur sechs bis acht zigaretten am tag geraucht – aber die waren sehr ritualisiert und haben sehr „dazu“ gehört. zum pause machen zum beispiel. oder um unangenehme gefühle „runterzuziehen“, wenn ich aufgeregt war. seltsamerweise auch zum „luft holen“ vor schwierigen telefonaten. überhaupt – die zigarette „danach“: nicht nur nach einem orgasmus, auch sonst nach getaner arbeit und anderem vollbrachten hexenwerk. zäsuren im alltag: „so. fertig. jetzt erst einmal fünf minuten hinsetzen und eine zigarette, bevor es weitergeht.“
einer meiner lieblingszigaretten war immer die, wenn ich die koffer gepackt hatte vor einer reise. die letzten fünf minuten, bevor es richtig losging. noch mal hinsetzen mit dem letzten kaffee und einer zigarette, den geschmack von freiheit und abenteuer vorweg genommen: „hab ich an alles gedacht? ist alles dabei?“
in heiklen situationen zwickt es mich immer noch, selten zwar und weniger stark als früher – aber es zwickt. auch nach fünf jahren noch. inzwischen weiß ich dann, dass es etwas anderes ist, was mir fehlt. oder zu viel ist. je nachdem.
pause machen ohne zigarette kann ich zum beispiel immer noch nicht richtig. stillsitzen ohne alles – nix in der hand, nix im mund, kein rauch zum hinterherschauen: das ist meine königinnenübung. fast unmöglich!
in der anfangszeit war es wirklich schwierig. aber wie beim alkohol, habe ich da auch beim nikotin so etwas wie einen sportlichen ehrgeiz entwickelt: ich zeig's mir, dass ich das kann!
vor allem aber habe ich ausgehalten, was hochkam. nicht einfach, aber möglich. dazu ein möglichst geduldig-liebevoller umgang mit mir selbst. ich habe mich belohnt und aufgemuntert. ganz am anfang erst ein bißchen ab-, dann ziemlich zu- und irgendwann wieder etwas abgenommen.
das war meine größte sorge: werde ich vom nichtrauchen etwa noch dicker?! ja. wurde ich! nicht ganz egal, aber auch das: aushaltbar. ich tröstete mich kognitiv diszipliniert mit der tatsache, dass ich mir jedes mal etwas sehr gutes tue, wenn ich eine zigarette nicht rauche. all das olle nervengift kommt nicht mehr in mich rein!
geraucht hatte ich übrigens 27 jahre lang. mal mehr, mal weniger. über die jahre im schnitt wohl etwas mehr als eine halbe schachtel täglich. angefangen hatte ich mit süßen siebzehn. weil es mir sehr peinlich war, wenn ich bei den joints immer so husten musste. also habe ich das rauchen mit zigaretten geübt. die joints habe ich ziemlich bald wieder gelassen, weil es mir damit nicht gut ging. das nikotin blieb.
ich mag gar nicht ausrechnen, welches vermögen ich da im lauf meines lebens in rauch habe aufgehen lassen. sucht – egal in welcher ausprägung - ist niemals billig. ob und wie ich mir das rauchen heute noch leisten könnte, frage ich mich erst gar nicht mehr. irgendwie hat es immer gereicht – egal wie knapp ich bei kasse war. für die sucht war immer geld da. ich habe es halt passend gemacht.
zigaretten sind teuer geworden. gerade heute mal wieder tritt ein gesetz in kraft „zur erhöhung der tabaksteuer“. 4euro90cent für 19 zigaretten sind es seit heute, also knapp 26 cent das stück. oder – altmodisch gesagt: ungefähr 10 mark pro schachtel und 50 pfennig für eine einzelne zigarette.
als ich anfing in den achtziger jahren, lag der preis bei ca. 15 pfennig das stück. drei mark die schachtel. so ungefähr, glaube ich. trotz bzw. wegen der preissteigerungen machen tabakkonzerne höhere gewinne. 13% gewinnsteigerung allein im ersten quartal 2011. da bin ich wirklich froh, dass ich die nicht weiter alimentiere.
ich kann mich noch erinnern, wie scharf ich damals auf hamsterkäufe war, bei 'billigen' gelegenheiten …. im ausland, auf flughäfen, im intershop auf dem weg von berlin nach restdeutschland, später beim vietnamesen am s-bahnhof treptower park. und so weiter ....
zurück in mein rauchfreies heute:
eintausendachthundertsechsundzwanzig tage ohne nikotin. oder knapp fünfzehntausend zigis nicht geraucht. siebenhundertsiebzig schachteln nicht gekauft, theoretisch satte dreieinhalbtausend euro gespart.
ich wünschte, ich hätte das geld. das wäre eine wunderbare reise! nach feuerland, ins letzte kino! oder in den himalaya, wo das bruttosozialglück zum staatsziel erhoben wurde.
tja. ich habe das geld aber nicht. es hat nie gereicht, um das eingesparte anzusparen. wenn ich das jetzt so virtuell ausrechne, kommt womöglich noch das amt und zieht es mir wieder ab.
so wie vor drei tagen meine einkommensteuerrückerstattung. von den gut 800 euro, die mir das finanzamt im letzten jahr von meinen bezügen an der hochschule zuviel einbehalten und mir jetzt zurückgegeben hat, darf ich genau dreißig euro behalten. den rest rafft das arbeitslosenamt, weil die lohnsteuererstattung angeblich kein erwerbseinkommen ist (dann hätte ich immerhin die ersten 100 euro plus ca. 15% vom rest behalten dürfen, also ca. 200 euro). nein! das ist sogenanntes "sonstiges" einkommen. davon darf ich nix behalten. obwohl ich doch im letzten jahr dafür gearbeitet habe. sehr logische logik.
fast gleichzeitig mit dem schreiben vom amt lag ein brief meiner haftpflichtversicherung im briefkasten. sie haben dem neuen nachbarn, an dessen auto ich anfang märz zwei kleine kratzer à 3 und 5,5mm verursacht hatte, knapp 1500 euro bezahlt für die neulackierung des wagens und den mietwagen.
ich weiß, so etwas darf man nicht vergleichen. da kriegt man nur schlechte laune von. aber genau das war so einer von den seltenen augenblicken: wenn ich noch rauchen täte, hätte ich mir eine angezündet.
dann könnte ich mir heute nicht auf die schulter klopfen.
ein halbes jahrhundert. unvorstellbar. noch älter als ich ist dieser alte toaster, der ein hochzeitsgeschenk für die eltern war.
wendetoaster: rowenta, 1960
es handelt sich um einen klappen- oder wendetoaster modell E5214 von rowenta, noch produziert im von robert weintraud 1884 gegründeten stammwerk in offenbach, bevor die firma anfang der 60er jahre von amerikanischen investoren übernommen wurde. der ist also noch richtig gute ‚deutsche wertarbeit‘ sozusagen.
trotzdem hat dieser toaster in der familie meiner kindheit regelmäßig für ärger gesorgt. die brotscheiben darin werden ‚halbautomatisch‘ gewendet, indem man die klappe weit nach unten öffnet. dann dreht sich das brot wie von selbst. aber es gibt weder timer noch abschaltautomatik, die toasts wollen immer beobachtet und im genau abgepassten augenblick gewendet sein.
die mutter war damit oft überfordert, weil sie gleichzeitig noch die eier mit speck zubereiten, kaffee kochen, frühstückstisch decken, den kohleofen einheizen, die lockenwickler aus den eigenen haaren nehmen, uns wecken und den vater aus dem bett locken musste.
immer wieder wurden ihr die toastscheiben kohlpechrabenschwarz. den brotkoks haben wir dann mit einem messer über dem spülstein abgeschrappt. wenn der geruch kippte von duftendem golden toast zum angebrannten brot, wussten wir, dass spätestens da auch mutters sonntagslaune gekippt war.
der alte 'turn-over' ist also weder praktisch noch pflegeleicht, deswegen wurde er irgendwann gegen ein anderes modell ausgetauscht: eines, das die fertig getoasteten scheiben auswirft, sobald sie die gewünschte bräunung haben.
trotzdem liebte ich den rowenta heiß und innig. vielleicht, weil er den eltern nicht gut genug war. da hatten wir etwas gemeinsam. vor allem aber deshalb, weil nicht nur genormte toastscheiben reinpassen, sondern auch mal ein halbes brötchen, auch kanten oder unegal abgeschnittene brotscheiben. weil er mich achtsamkeit lehrt und konzentration.
als ich mit achtzehn jahren in eine eigene wohnung zog, nahm ich den alten toaster mit und wieder in betrieb. er ist mir bis heute treu geblieben.
ich habe ihn aber auch nie verraten. einmal hat die mutter mir einen ihrer ‚praktischen‘ automatik-toaster aus dem ewigen quelle-katalog geschenkt. ich habe die annahme verweigert. die mutter verstand das nicht. die mutter verstand mich nicht.
in den dreißig jahren, die wir miteinander verbracht haben, mein toaster und ich, habe ich oft das chrom poliert, die elektrik ein paar mal repariert, abgebrochene bakelit-teile wieder angeklebt, ihm eine neue schnur spendiert.
das erstaunliche ist nicht, dass ich dieses oder andere geräte – wie die 20-jährige caffettiera zum beispiel - schon so lange in meinem haushalt habe. erschreckend ist vielmehr, dass ich schon so alt bin, dass die dinge so lange bei mir gewesen sein können.
was wusste ich denn mit achtzehn, werwiewo ich mit ende vierzig sein würde? dass dann alles anders wäre, als ich es mir als teenager erträumte – dass ausgerechnet dieser toaster aber unverändert dabei wäre?
zu meiner herkunftsfamilie habe ich ‚aus gründen‘ seit jahren keinen kontakt mehr. trotzdem habe ich natürlich gewisse daten im kopf. die eltern begehen heute goldene hochzeit. ohne den toaster.
wir wünschen - trotz allem - liebe, gesundheit und glück aus der ferne und feiern hier ein eigenes fest: herzlichen glückwunsch zum 50. geburtstag, mein toaster!
ich schrieb es schon mal zu anfang des jahres, als ich von meinem sonntagsfrühstück berichtete, dass mir rituale - also die kleinen selbstgewählten regelmäßigkeiten im alltag - halt geben.
hat eigentlich irgend eineR von euch gemerkt, dass ich da im februar ein kochrezept verbraten habe? so weit war es gekommen mit mir! ‚damals‘ gehörte ich zur arbeitenden bevölkerung, meine akkus waren ziemlich leer: eier mit speck füllten meine kreativen lücken.
espressokocher: VeV viganò, 1990
zur zeit bin ich wieder freie radikale. das bedeutet: ich produziere drei bis vier texte in der woche, gebe kurse zwei bis drei mal im monat. den rest der zeit bin ich damit beschäftigt, meinen alltag zu organisieren, irgendwie wieder boden unter die füße zu bekommen und diese bodenhaftung dann auch möglichst zu behalten.
rituale sind da ganz besonders wichtig, weil sie mir helfen, struktur in mein leben zu bringen. die bereits erwähnten ‚eier mit speck‘ gibt es bei mir ungefähr einmal in der woche. es gibt auch rituale, die finden täglich statt. ganz regelmäßig, ohne ausnahme.
die rede ist von meinem allerliebsten lieblingsritual. damit beginnt mein tag. ein tag, der so nicht beginnt, ist keiner:
das kaffeekochen. mit dem italienischen espressokocher. seit dreißig jahren geht das schon so. quasi jeden morgen. verschone mich bloß mit filterkaffee!
meine erste caffettiera bekam ich mit achtzehn. von einem italienischen freund aus rom. die war noch aus aluminium, in der typischen achteck-form, per due tazze. bei uns im rheinland kannte man das damals noch nicht. für die ersatzteile fuhr ich ‚mal eben‘ nach roma. den schlüssel für die wohnung in tiburtina hinter der stazione termini besitze ich noch heute.
später wurden meine espressokocherinnen größer. die aktuelle ist aus edelstahl, natürlich aus italien, sechs tassen. sie bedient mich seit zwanzig jahren mehrmals täglich. es ist jeden morgen dasselbe in meiner kleinen zwergenküche, ein fest einstudierter tanz:
caffettiera von der anrichte nehmen. vierteldrehung nach rechts. ober- und unterteil auseinanderschrauben. sieb herausnehmen. kaffeerest vom vortag in den müll schnicken. alle teile kurz abspülen. trocknen. wasser ins unterteil einfüllen. vierteldrehung links. unterteil absetzen. sieb einsetzen. halbe drehung rechts: kaffeedose mit links vom regal nehmen. den kaffeelöffel, der immer obenauf liegt, in die andere hand. halbe drehung zurück nach links, derweil den deckel von der dose abnehmen. drei portionen pulver ins sieb füllen. kaffeelöffel leicht auf den siebrand schlagen, damit letzte pulverkörnchen abfallen. halbe drehung nach rechts. derweil deckel auf die kaffeedose drücken. dose im regal abstellen und löffel obenauf legen. viertel drehung nach links. caffettiera-oberteil von der spüle nehmen. viertel drehung nach links. oberteil aufs unterteil schrauben. gut festzurren. dabei richtigen drehmoment abpassen.
dann wird‘s sportlich: griff nach links oben, leichte körperdehnung: da steht der rote campinggaskocher im regal. der espresso muss aufs feuer. in berlin hatte ich gasherd und passende verkleinerungsringe. hier in dreyeckland südwest habe ich nur eletroherd. schrecklich. damit kann man aufwärmen, aber nicht kochen. erst recht keinen kaffee. etwa alle zehn bis vierzehn tage braucht der kocher eine neue kartusche.
den gaskocher auf die anrichte stellen. caffettiera obenauf mittig ausrichten. anzünden mit streichholz. feuer zu feuer. ende des ersten akts.
es geht gleich weiter mit einer halben drehung und griff nach rechts rückwärts: die stehen die großen milchkaffeeschalen im regal. die lieblingstasse für den tag auswählen, körperdrehung zurück, tasse abstellen. vierteldrehung nach links, kühlschranktüre öffnen, milchtüte aus der tür nehmen, kühlschranktüre schließen. etwas milch in die tasse füllen. dabei zähle ich bis drei. dann ist immer gleich viel milch in der großen tasse. milchtüte zurück in den kühlschrank.
die schöne tasse mit dem schluck milch kommt jetzt für dreißig sekunden in die mikrowelle. dann ist die milch warm, die tasse ebenso. nichts ist schlimmer, als heißen kaffee in eine kalte tasse zu füllen. pfui!
bis der kaffee sich gemacht hat, haben wir eine kurze pause. zeit genug, um das katzenfutter zu richten oder die spülmaschine auszuräumen.
wenn der espresso aus dem röhrchen sprotzelt und faucht – oh wie ich dieses geräusch liebe, und erst den duft dazu! - dann wird die milch mit dem schneebesen schaumig gerührt. hauptsache, die milchhaut ist mikroskopisch klein zerstückselt. die mag ich nämlich nicht.
dann den espresso schwungvoll hinein, möglichst nach latte art ein herzchen in den schaum dekoriert. caffetiera abstellen, den feuerwehrroten gaskocher wieder hoch ins regal mit leichter drehung und dehnung nach links oben. zurück auf den boden, griff ins regal geradeaus hinter dem herd: kleine kakaowolke auf den milchschaum stäuben. fertig.
und dann. dann! jaaaaa!
während ich dies schrieb, habe ich zwei mal kaffee gekocht. es ist aber auch zu schön.
das war eine schöne überraschung, als ich neulich vorgestern das dritte weltwunder der antike besuchte: oben auf der letzten noch verbleibenden säule des artemistempels liegt ein bewohntes storchennest. mit mindestens einem storchenkind drin, das von mama und papa storch fleißig mit frischen fröschen und babyschildkröten gecatert wird. das große klappern gehört hier ganz natürlich zum handwerk:
artemis hätte das sicher gefallen, denn sie gilt nicht nur als göttin der tiere, sondern auch als jagende bestimmerin über geburt und sterben, die erde selbst. artemis war nie verheiratet, keinem manne untertan, sie war frei und kinderlos - und wurde verehrt als beschützerin der frauen jeglichen alters und der kinder.
der ihr geweihte tempel bei ephesos an der türkischen ägäisküste war groß wie ein fußballfeld und dreißig meter hoch. jede menge platz also für angemessene verehrung. eine der vielen tempelvarianten, die im lauf der zeiten entstanden und wieder verfielen, war so schön, dass er in der antike zum weltwunder erklärt wurde. übrig ist davon leider nicht mehr viel: die weiße pracht der letzten version wurde in byzantinischer zeit als marmorsteinbruch vernutzt.
die einzige säule, die symbolhaft noch steht (von ehemals mehr als 120), ist so hoch wie die berliner altbauten aus der gründerzeit: traufhöhe 14 meter. das sind immerhin rund dreiviertel ihrer ursprünglichen größe. die säule steht auch nicht zufällig noch da (das wäre dann ein doppeltes weltwunder), sondern wurde neuzeitlich aus vorhandenen resten mit zement zusammengeklebt. das vermittelt immerhin einen ungefähren eindruck.
sonst gibt es da nix mehr, ein paar große steinblöcke liegen herum. in der woche vor meinem besuch hatte es heftig geregnet, ein großteil des geländes steht noch unter wasser: tümpel und sumpfwiese, teils bedeckt von quietschegrünen algen. eine gänsefamilie in formation marschierte hindurch.
da das ehemalige tempelgelände außer der einen säule, den paar herumliegenden trümmern und einer handvoll souvenirständen optisch nicht viel zu bieten hat, halten die touristen hier meist nur für ein beweisfoto – wenn überhaupt. es kostet noch nicht einmal eintritt. die antike ruinenstadt ephesos nebenan ist da weitaus spektakulärer. bloß das meer ist nicht mehr da, wo es früher mal war.
auch ephesos habe ich mir angesehen, und es ist wirklich beeindruckend – aber die dazu berichteten fakten hatten mit den wirklich wichtigen dingen im leben einer frau nicht viel zu tun. ich fand es wenig aufschlußreich, zu erfahren, welcher kaiser wann welchen triumphbogen oder welches theater oder welche bibliothek gebaut oder abgerissen hat.
es ist – wie so oft in der HIStorie - als hätten dort überhaupt keine frauen gelebt, obwohl die stadt schon in der antike rund eine viertel million einwohnerInnen gehabt haben soll. frauen waren wohl auch hier den herren nicht der rede wert – höchstens als jungfräuliche priesterinnen der großen göttin kommen sie vor. das können ja aber nicht alle gewesen sein. HERstory wurde nirgendwo aufgeschrieben.
angesichts dessen wundert es mich wenig, dass so ein riesiger tempel zu ehren der größen göttin quasi zu nichts zerfällt, während das angebliche bordell der antiken hafenstadt noch vergleichsweise prima erhalten ist.
da ich bei artemis also meine ruhe hatte, bin ich ganz lange auf den trümmern im sumpf gehockt, habe die schildkröten beobachtet, den fröschen zugehört, die schöne duftende frühlingsluft genossen und die relative stille. ich fand diesen platz bemerkenswert, fast magisch - und von einer ganz einzigartigen energie, wie ich sie noch nirgendwo gespürt habe. dieses tempelgelände ist ein ort von sehr sehr großer kraft, ohne zweifel.
am liebsten hätte ich an diesem quakenden froschteich auf den steinen unter der säule einen kleinen hulatanz zu ehren der göttin aufgeführt. das hätte ihr sicher gefallen. ich gestehe: ich habe es nicht gewagt. man darf nicht vergessen, dass ich mich hier in einem islamischen land befinde und sehr froh bin, mich als ungläubige frau alleine draußen überhaupt frei bewegen zu dürfen. ich wollte niemanden provozieren und habe getanzt nur in meinen gedanken.
die idee, ausgerechnet in meinem siebenmalsiebten lebensjahr eine wallfahrt zum tempel der artemis bei ephesos zu unternehmen – und das ausgerechnet an einem karfreitag, verdanke ich der heiteren koinzidenz, dass meine eine woche osterurlaub aus finanziellen gründen hier stattfindet: möglichst auf der sicheren sonnenseite, unbedingt direkt am meer und eventuell badebare temperaturen – das waren meine bedingungen. da gab es für mein budget nicht viele möglichkeiten.
im grunde reicht es mir, so viel wie möglich am strand auf und ab zu laufen und bei langeweile ein paar alte steine besichtigen zu können.
dass ich auf einen solchen schatz an alter heiligkeit und mystischer atmosphäre stoßen würde – nicht im traum hätte ich daran gedacht! es ist fast, als wäre ich schon einmal dort gewesen, früher mal. viel früher. durch ephesos bin ich gestapft mit schlafwandlerischer sicherheit, die erklärungen habe ich gar nicht gewollt, ich habe mich bestens ausgekannt. von ferne hörte ich die sprechgesänge der menge im großen amphitheater zu ehren der artemis. stundenlang. das theater dort ist groß, die akustik ist selbst in der ruine noch gigantisch. stellt euch ein steinernes halbrundes stadion vor, gefüllt bis auf den letzten platz. unfassbar.
eine der artemis zugesprochenen pflanzen übrigens - artemesia vulgaris (beifuß) – gilt als besonders wohltuend in den wechseljahren: artemisia regt die hypophyse an, wirkt krampflösend, kreislauffördernd und wird empfohlen als universalentgiftungspflanze für frauen, weil sie die ausscheidung von stoffwechselschlacken über harn, schweiß und menstruationsblut unterstützt.
auch das andere kraut der großen göttin artemis hat in meinem leben lange eine rolle gespielt: artemisia absinthium, die grüne fee. wie oft habe habe ich mir wermut auf die schwermut gekippt, um den schmerz zu lindern und das schreckliche gefühl, nicht gut genug zu sein.
aber das ist lange her. jetzt ist erst einmal die heilende seite von artemis für mich zuständig, für ein ganzes weilchen. das hoffe ich zumindest.
es hat mal einen menschen gegeben, der hat mir ins gesicht gesagt, dass er mich schrullig findet. irgendwie. das hat mich ein bißchen irritiert.
ein blick in den duden erklärt schrullen als „wunderliche angewohnheiten, marotten, ticks, spleens oder macken“. oder gar: „(oft von älteren menschen) befremdende, meist lächerlich wirkende angewohnheiten“.
ähem. bin ich ein ‚älterer mensch‘? das ist relativ und kommt auf die bezugsperson an. klar, ich bin älter als meine jüngere schwester und noch ne ganze menge anderer leute. aber das war schon immer so. trotzdem hätte ich mich als zweijährige sicher nicht als ‚älterer mensch‘ bezeichnet. vielleicht ist man ein älterer mensch, wenn man älter ist als die hälfte der bevölkerung?
das weibliche durchschnittsalter in deutschland liegt bei 45,2 jahren. tja. da bin ich jenseits. definitiv. ich muss mich wohl damit abfinden: ich bin eine alternde frau. das kann jeder passieren.
leider habe ich damals nicht weiter nachgefragt, und deshalb ist mir bis heute unklar, was derjenige mit dem prädikat „schrullig“ genau gemeint hat. vielleicht hatte ich angst vor der antwort. wir waren danach auch nicht mehr sehr lange befreundet.
wollte er sagen, dass ich schrullen habe? oder wollte er sagen, dass ich eine schrulle sei? haben oder sein - das ist die frage! auch hier:
schrullen haben, kann nämlich auch bedeuten, dass man „tolle einfälle“ hat, also gute ideen. geht aufs niederdeutsche zurück. dann wäre es ein nettes kompliment gewesen. ich denke jedoch, derjenige war des niederdeutschen nicht mächtig. er war eher niederträchtig.
deswegen befürchte ich fast, er wollte mir unterstellen, dass ich eine schrulle**sei, und das ist nun wiederum etwas ganz gemeines, in männeraugen zumindest: „die bezeichnung für eine ältere, eigensinnige frau mit einer abseits der norm liegenden persönlichkeit und charaktereigenschaften, die im allgemeinen als seltsam oder verwirrt bis leicht verrückt angesehen werden“ - sagt das wikiwörterbuch. madonna!
wenn ich mir diese definition aber mal auf der zunge zergehen lasse, so wort für wort …. dann stelle ich fest, wie sich mir mehr und mehr ein verschmittstes grinsen im gesichte breit macht. dass ich älter bin, hatten wir ja oben schon geklärt. dazu eigensinnig? nicht mainstream? außergewöhnlich, von mir aus auch ‚leicht verrückt‘? na, immer her damit! mit dem größten vergnügen oute ich mich hier als schrullentrulla!
nachdem das also mal raus ist, kann ich jetzt - in verbindung mit meinen schrulligen angewohnheiten – endlich zu meinem eigentlichen sonntagsthema kommen:
was andere vielleicht ‚schrullig‘ nennen, das sind für mich ‚rituale‘. also sachen, die ich immer wieder tue auf immer die gleiche art und weise, und das schon seit vielen vielen jahren. diese dinge geben mir halt im leben, sie strukturieren meinen alltag. deswegen sind sie mir wichtig, lieb und teuer. ich muss nicht jedes mal neu drüber nachdenken, ob ich was wann wie warum mache: ich mach‘s einfach, weil ich‘s so mache.
mein sonntagsfrühstück zum beispiel. das gibt es seit meiner kindheit. es ist vielleicht das einzig schöne, was ich damals hatte und das ich mir in mein erwachsenenleben gerettet habe. sonntags gibt es bei mir "eier mit speck auf toast". fast immer. regelmäßig. toastbrot deshalb, weil die bäckerin damals sonntags noch nicht geöffnet hatte. frische brötchen gab es bei uns nur samstags. und sonntags eben toastbrot. aus dem altmodischen toaster, der an den seiten klappen hat wie flügel. da steckt man die toastscheiben rein. wo das toastbrot drin anbrennt, wenn man es nicht rechtzeitig wendet und rausholt. das hüpft nicht von alleine.
diesen toaster meiner kindheit besitze ich noch. er funktioniert bestens. sonntag um sonntag. ich habe ihn all die jahre gut gehütet. er war ein hochzeitsgeschenk für die eltern. gute deutsche wertarbeit. aus edelstahl. im oktober wird er ein halbes jahrhundert alt sein. älter als ich.
während der toaster das brot röstet, habe ich die zeit im auge. gleichzeitig schneide ich den mageren speck in feine scheiben, gebraten wird der in butter, weil das so gut duftet. ich habe noch die großmutter im ohr: „kind, du musst den speck in butter braten. damit fängt man männer!“ das schien ja was tolles zu sein. wer jetzt denkt, ich hätte hier einen käfig voller kerle im haus, die sämtlich opfer meiner speckschrulle wurden, irrt: ich habe sie immer wieder freigelassen.
die eier werden gut verkleppert mit einem schluck milch, einer prise zucker und etwas sojasauce. zum schluss noch ein schwapp sprudelwasser: das macht mein rührei fluffig locker. über den knusprigen speck gießen und stocken lassen. pfeffern salzen fertig! wichtig ist eine gute pfanne. auch da bin ich perfekte schrulle: das ei darf weder anbeppen noch schwarz werden.
ich nehme auch immer nur mageren speck. und das, obwohl ich sonst so gut wie kein schweinefleisch esse. "eier mit speck auf toast" ohne speck - das geht einfach nicht. so mit anfang zwanzig war ich mal zum frühstück eingeladen bei jemand anders, das war in basel. da gab es ebenfalls eier mit speck, oh wunder! der mann kam auch aus dem rheinland. wir haben sehr darüber gelacht, über unser beider traditionelles früchstücksei. der hat aber keinen mageren speck benutzt, sondern fetten. da war klar: der kommt aus düsseldorf.
dazu habe ich dann gerne einen frischen orangensaft oder einen becher darjeeling. und eines der brandenburgischen konzerte von bach. seit ungefähr dreißig jahren. fast jeden sonntag.
böse zungen könnten jetzt von ‚zwangsneurose‘ reden. sollen sie ruhig, wenn die das brauchen. aber wehe, es sagt noch mal eineR „junge frau“ zu mir, und sei es auch nur aus versehen – dem werde ich zeigen, was ne schrulle is‘! ab sofort bin ich nur noch „gnädige frau“ - wenn schon "älter", dann aber auch richtig!
*rituale sind ganz spezielle besondere maßnahmen ** schrulle ist feminin. hat wer ne ahnung oder eine idee, wie das männliche gegenstück heißen könnte?
wenn wir es analog zu macke - macker bilden, vielleicht schruller?