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Januar 2021

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Mittwoch, 18. Juni 2014

Betriebsfeier III

- Teil 3 der Fortsetzungsgeschichte von Freitag dem Dreizehnten -

Die Betriebsfeier, von der ich bereits in Teil 1 und Teil 2 berichtete, hatte sich vom vorfreudig erwarteten "Lecker-miteinander-essen-gehen" zum Do-it-yourself-Event entwickelt.

Was einem vor Weihnachten blüht (Amaryllis)

Im Bus verschaukelt durch den Nebel, im Supermarkt das Drei-Gänge-Menü selbst kochen und plötzlich kommt auch noch der Chefredakteur samt Kameraufrau aufmarschiert, um alles auf Video zu dokumentieren ...

Die Betriebsfeier III

Schnell entschlossen wie selten in meinem Leben legte ich die professionelle Küchenschürze auf den Edelstahltresen und flüchtete Rich­tung Kundentoiletten, um erst einmal in Ruhe ein paar Augenblicke lang darüber nachzudenken, was eine angemessene Reaktion in dieser grotesken Lage sein könnte.

Einerseits war ich energetisch ob der mir fremden und unangenehmen Situation total überfordert, andererseits war ich hungrig und unterzuckert, drittens war ich entsetzt und schockiert. So hatte ich mir eine Weih­nachtsfeier nun wirklich nicht vorgestellt. Es war kurz vor halb neun. Das gemeinsame Abendes­sen war noch lange nicht in Sicht!

Obendrein hatte ich auf der Menükarte entdeckt, dass für mindestens zwei der drei Gänge Alkoholhaltiges auf der Zutatenliste stand. Das war unter Umständen lebensgefährlich für mich. Ich hatte mich bei den KollegInnen noch nicht geoutet. Sollte ich um die alkoholisierten Bestandteile herum Slalom essen? Würde man mir eine Extrawurst braten? Oder dürfte ich mir auch die selbst zubereiten in der Schauküche, allein - dafür aber vor Publikum und festgehalten von der Kamera? Eine Schreckensphantasie, wo doch schon die Realität gerade so unerfreulich war.

Habe ich eigentlich schon erwähnt, dass ich bereits vor vielen Jahren beschlossen habe, in meiner Freizeit nichts mehr zu tun, dass mir keine Freude bereitet?

Erleichtert erinnerte ich mich an meine eigene Faustregel für gesellschaft­liche Verpflichtungen, auf denen ich aus irgendwelchen Gründen mein Gesicht zeigen und ein Minimum an Zeit anwesend zu sein habe: Eine Stunde lang muss ich mindestens aushalten. Nach spätestens anderthalb Stunden aber darf ich den Schauplatz des Grauens ohne schlechtes Gewissen verlassen!

Die Zeit war um. Ich zog den Cashmere-Pulli glatt, rückte die Perlenkette zurecht und marschierte die Treppen hinauf in den mittlerweile erleuch­teten Speisesaal. Kahl, kalt und leer war er immer noch. Zur Verstärkung der deutschen Ungemütlichkeit dudelten sogenannte Weihnachtslieder aus den Lautsprechern.

Ich fand eine Kollegin, die mit Stapeln von Servietten bewaffnet leicht unschlüssig zwischen wenig einladenden Tischreihen stand, teilte ihr kurz und knapp mit, dass es mir wirklich leid tue, aber diese Art von Veranstaltung mit Schau­kochen und unerlaubten Videoaufnahmen sei wirklich nichts für mich. Dann suchte ich meinen Mantel aus den Garderobenschränken und rannte. Ja, ich rannte! Die Treppe hinunter so schnell ich nur konnte, dann raus durch die Glastüre. Erleichtertes Aufatmen.

Mein Auto war zum Glück ganz in der Nähe geparkt und trotz anhalten­den Nebels schnell zu finden – wir waren ja mit dem Bus wieder am Aus­gangspunkt gelandet.

Habe ich eigentlich schon erwähnt, dass ich das ziellose Umherkutschiertwerden von Menschengruppen mit aufgeheizten Dieselbussen durch neblige Landschaften in der Dunkelheit für einen ziemlich sinnfreien Zeitfresser und eine grandiose Energieverschwendung halte?

Bevor ich mich auf den Heimweg machte, erstand ich noch schnell im benachbarten Supermarkt der Konkurrenz ein großes Steak, und dann ging alles ganz flott:

Ab nach Hause, das Steak in die Pfanne, ZwiebelnPfefferSalzSenf dazu – mein leckeres Abendessen war fertig um 21 Uhr 15. Damit war ich noch eine dreiviertel Stunde schneller als meine KollegInnen bei der Betriebsfeier, die - wie ich ein paar Tage später erfuhr – um 22 Uhr noch immer auf die Vorspei­se warteten.

Aber da war ich bereits satt und hatte schon fast das Nachthemd an. Auf diese Weise kam mein Freitag der Dreizehnte dann doch noch ganz friedlich zu einem gemütlichen Ende.

Habe ich eigentlich schon erwähnt, dass ich nicht sonderlich abergläubisch bin und vor Freitagen, die auf einen Dreizehnten fallen, fast gar keine Angst habe? Donnerstag der Zwölfte kann viel schlimmer sein!

Lecker sei's gewesen und es habe Spaß gemacht, zuzusehen und einmal mitzuerleben, wie ein Abendessen für eine so große Gruppe entsteht. Oha! Meine Chefin war tapfer, als wir uns ein paar Tage später wieder begegneten. Sie hatte aber durchaus Verständnis dafür, dass ich auf halber Strecke quasi von der Truppe desertiert war.

Zur Ehrenrettung des Betriebs möchte ich noch anmerken, dass meine Flucht nie wieder erwähnt wurde und auch kein k.o.-Kriterium für eine weitere Beschäftigung darstellte. Meinen Mini-Job dort habe ich trotzdem noch. Inzwischen gab es sogar eine kleine Gehaltserhöhung.

In Zukunft werde ich bei Betriebsfeiern doch lieber wieder vorsichtiger sein mit einer Zusage. Ich werde da manchmal schnell zur Außenseiterin, weil ich es ohne Alkohol nur schwer aushalte, hungrig und mit weißer Papiermütze auf dem Kopf in Supermarktküchen Salat zu waschen, während konsumgeile Menschenmengen mich begaffen, Jinglebells dröhnen und nebenbei der Chef mit seiner Kamera draufhält. Aber das erwähnte ich ja bereits.

Ihr seht also:

Im Grunde ist nix passiert, obwohl diese Geschichte sich an einem Freitag, den Dreizehnten zutrug. Keine wurde krank, niemand ist verhungert und alle sind - meines Wissens - bis heute gesund und munter.

Früher, als ich noch Alkohol trank, hätte ich diesen Abend wahrscheinlich auch ganz lustig gefunden. Den Hunger hätte ich mit Sekt besänftigt und alle Unwohl-Gefühle in Wein ertränkt. Nur um dazuzugehören, um nicht aufzufallen, damit die anderen mich gern haben. 

Mich mögen, das tun sie mittlerweile trotzdem, auch wenn ich für mein eigenes Wohlergehen sorge so gut wie möglich. Nicht nur an Freitagen, und nicht nur an Dreizehnten.

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Montag, 16. Juni 2014

Betriebsfeier II

- Teil 2 der Fortsetzungsgeschichte von Freitag dem Dreizehnten -

An einem Freitag, den Dreizehnten ist alles möglich, wie an jedem anderen Tag im Leben.
Meine bislang skurrilste Betriebsfeier erlebte ich an einem solchen, letztes Jahr im Dezember nach Sonnenuntergang.

B-Berg ohne Nebel

Die Belegschaft hatte sich abends um 19 Uhr vor der Firma versammelt, mit einem gecharterten Linienbus wurden wir eine gute halbe Stunde lang durch die neblige Dunkelheit ins Ungewisse chauffiert – um genau 150 m weiter wieder auszusteigen vor dem örtlichen Delikatessen-Dealer - über den Dienstboteneingang die enge Hintertreppe hinaufgelotst, stehen frierend und wartend im nur halb beleuchteten Vorraum und haben überhaupt keine Ahnung, was das alles soll:

Essen wir im Supermarkt?!

Die Betriebsfeier II

Man nahm uns Mäntel und Jacken ab, drückte jedem ein Glas Sekt in die Hand. Dass es Menschen gibt, die keinen Alkohol zu sich nehmen, ist im Bewusstsein der Landbevölkerung mitten im Weinanbaugebiet noch nicht so tief verankert. Trotzdem erhielt ich auf Nachfrage und nach einer angemessenen Wartezeit ein Glas Orangensaft.

Die Supermarktangestellten im Sondereinsatz servierten uns abwech­selnd Käse mit Weintrauben und Mini-Bruschette. Der Käse, den ich zunächst für schnöden Gouda hielt, entpuppte sich als köstlich: Es war ein höhlengereifter Appenzeller oder Greyerzer aus den tiefsten hohen Alpen, monateland geduldig gewendet und massiert mit handgezupftem Jahr­gangsmeersalz. Die Bruschette schmeckten einen Tick zu sehr nach Essig und einer Überdosis Knoblauch. Die Trauben waren Trauben.

Über den Käse kam ich mit der Dame vom Supermarkt-Service ins Plaudern. Sie war die Fachfrau von der Käsetheke, die alle 350 Sorten mit Vornamen und familiärem Migrations-Hintergrund persönlich kannte.

Für unser Abendessen war sie nach einer langen Tagschicht, die bereits um sieben Uhr in der Früh begonnen hatte, zusätzlich im Einsatz. Sie hoffte auf ein Ende des Abends möglichst vor Mitternacht, damit sie bis zum nächsten Arbeitsbeginn um sieben Uhr in der Früh wieder einigermaßen fit sein konnte.

Habe ich eigentlich schon erwähnt, dass ich Veranstaltungen, die allein aufgrund der zeitlichen und finanziellen Ausbeutung meiner Mitmenschen möglich sind, nur sehr schwer genießen kann? Tatsächlich schmeckte der Käse ein wenig schal, nachdem ich erfahren hatte, dass die Servicefrau für unser Weihnachtsvergnügen ihre wohlverdiente Nachtruhe opferte.

Wir standen, alle hungrig, und hielten uns an den Gläsern fest, während Geschäftsleitung und Chefredaktion kleine Reden hielten: Dass alles toll gelaufen sei im zu Ende gehenden Jahr, dass der Gewinn aber leider nicht ausgereicht habe, um uns alle zum Essen einzuladen und auch noch die Köche zu bezahlen.

Man habe sich entscheiden müssen zwischen Einkau­fen bei Aldi und alle bekochen lassen oder Besseres kaufen bei Edeka – wo Lebensmsittel bekanntlich geliebt werden – und selber kochen. Da sei die Wahl auf Letzteres gefallen. Man möge nun bitte vier Teams bilden: Je eines fürs Tischdecken & Deko­rieren, für Vorspeise, Hauptgang und Dessert.

Ich hielt das erst für einen Witz – aber die Geschäftsleitung meinte es ernst. Nun konnte man auch den unbeleuchteten Speisesaal hinter der halb ge­öffneten Türe erkennen: Da war alles kalt und kahl und leer. Es war schon nach Acht.

Der Chefredakteur fügte hinzu, dass es gelungen sei, die Kosten für die gemeinsame wohlverdiente Betriebsfeier noch weiter zu drücken, indem man sich bereit erklärt habe, das ganze Event auf Video zu dokumentieren und die Ergebnisse dem Supermarkt für Werbezwecke zur Verfügung zu stellen.

Habe ich eigentlich schon erwähnt, dass ich es nicht sonderlich schätze, gefilmt zu werden – erst recht nicht ohne meine vorherige Einwilligung? Selbst wenn man in einem Medienbetrieb arbeitet, heißt das noch lange nicht, dass jedes Meeting auf Youtube oder sonstewo öffentlich gemacht werden darf. Ich bestehe auf mein Recht am eigenen Bild.

Ich landete im Team Numero zwo und wurde von meinen Kolleginnen getrennt: Vorspeise! Der Chef der Fischtheke, seines Namens ehemaliger 4-Sterne-Fischkoch, nahm uns – einen irritierten Trupp von sechs bis acht mir fremden Menschen – in seine chauviale Obhut und marschierte die Treppen hinunter in den Markt. Wir trotteten hinterher und landeten zwischen Bäckerei und Imbiss-Station in der Schauküche. Es war viertel nach Acht. Längst Essenszeit.

Ich konnte es einfach nicht fassen. Meinten die das wirklich ernst?! Ich ging immer noch von einer leicht misslungenen Verarsche aus und wagte zu hoffen, dass man uns allenfalls Tabletts voll fertiger Speisen in die Hände drücken und zum Servieren wieder nach oben schicken würde. Ich hatte Hunger.

Aber nix da! Wir sollten bei laufendem Supermarktbetrieb in der für alle KundInnen einsehbaren Schauküche die Vorspeise selbst zubereiten. Grinsend lief das Konsumvolk an uns vorbei und blieb gerne auch mal neugierig stehen. Wie peinlich! Es war voll. Es war laut. Nicht nur das typische Supermarktsgedudel wurmte meine Ohren. Wie unange­nehm!

Der freundliche Fischkoch war durchaus besorgt um unser Wohlergehen und hatte seinen Einsatz perfekt vorbereitet: Flugs erhielten wir alle eine dunkelblaue Küchenschürze mit Latz. Umbinden! Na gut. Das ging so gerade noch. Schließlich hatte ich zur Feier des Tages meinen schönsten Cashmere-Pulli angezogen. Den wollte ich nicht mit Fett bekleckern.

Aber dann! Auch noch eine weiße Kochmütze aus Papier. So eine ganz alberne bauschig-bauchige wie wir sie aus der Mayonnaise-Werbung kennen: „Hier kommt der Genuss!“ – nur ohne Beleuchtung. Nein. Ich verweigerte!

Habe ich eigentlich schon erwähnt, dass ich Hüte und Mützen aller Art auf meinem Kopf nur schwer ertrage – mit Ausnahme meiner klassischen Zeitungsjungen-Schiebermütze an Bad-Hair-Days? Ich hatte doch nicht extra meine Locken extra kringelig frisiert, um sie mir nun in der Küche mit einem albernen Papierhut wieder plattzudrücken!

Zum Trost wurden auch gleich wieder mehrere Flaschen Sekt oder Wein geöffnet und ausgeschenkt. Für mich wurde auf meine freundliche Bitte hin ein Glas Wasser ziemlich umständlich in einer langwierigen Prozedur von ziemlich weit her geholt und mir mit etwas schrägem Blick kredenzt. Die Gedanken hinter diesem Blick konnte ich nur vermuten: „Was für eine Spaßbremse!“ oder etwas ähnlich Charmantes.

Gleichzeitig mit dem Alkohol hatten alle einen Ausdruck des Rezepts erhalten: Irgendein Fischfilet gebraten und gerollt auf-an-um Salat mit Irgendwas. In der Küchenecke sah ich Kisten voll mit mattem Feldsalat und traurigen Radieschen. Das sollten wir zuerst einmal Putzen!

Zum Glück findet sich in fast jeder Gruppe ein Frauchen, das beim Stich­wort „Putzen“ eilfertigst bei der Sache ist und auch dann noch Spaß an der Drecksarbeit hat, wenn mir schon längst der Appetit verdorben ist.

Habe ich eigentlich schon erwähnt, dass ich Haus- und Küchenarbeit hasse?! Ich koche für mein Leben gern. Aber alles, wobei ich meine Hände in Wasser tauchen muss, macht mir schlechte Laune.

Fisch putzen, zerlegen und braten gehört jedoch auch nicht gerade zu meinen Lieblingsbeschäftigungen. Erst recht nicht, wenn ich mit knurren­dem Magen in der Schauküche eines Supermarkts stehe.

Die ersten SalatputzerInnen waren also schon eifrig am Werk, da sah ich aus dem Augenwinkel mit einem perfide triumphierenden Greinen den Chefredakteur samt Kamerafrau nahen. Jetzt nicht auch das noch! Ich war fassungslos. Es war kurz vor halb neun. Mir war fast schlecht vor Hunger.

Cut.
Sollten wir nun nicht nur hungern vor laufender Kamera, sondern auch noch kochen? Die Geschäftsleitung hatte wohl eindeutig zu viele Koch-Shows im Privatfernsehen geguckt. Wann wird es endlich etwas zu essen geben? Wird es überhaupt etwas zu essen geben?

Fortsetzung folgt: zum dritten Teil bitte hier klicken.
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Freitag, 13. Juni 2014

Freitag der Dreizehnte

- eine Fortsetzungsgeschichte, garantiert ohne Fußball! -

„Freitag, der Dreizehnte“ - das ist für mich kein Datum, das mir Angst und Schrecken macht. Erst recht nicht, wenn gleichzeitig auch noch Vollmond ist. Ich habe schon „Donnerstage, den Zwölften“ erlebt, die weitaus Schlimmer waren.

Dennoch ist es natürlich immer eine nette Koinzidenz, wenn an diesen „besonderen“ Tagen auch etwas „besonderes“ passiert. So wie die Betriebsfeier vor genau einem halben Jahr. 

B-Berg bei Vollmond
mit kühlen Nebelschwaden



Aus der aktuellen, schwülen Sommerhitze dürft Ihr Euch dafür zurückversetzen in den mild-kühlen Dezember 2013, der hier im Dreyeckland besonders grau und neblig war.

Die Betriebsfeier I

Es begab sich im vergangenen Jahr, Mitte Dezember. Den ganzen Tag über hatte Nebel im Tal gehangen so dicht, dass wir nicht einmal mehr eine Kirche im Dorf hatten.

Dieser Freitag war für mich ein freier Tag. Ich erledigte meinen Haushalt, sortierte allerlei Papier und aß wenig, denn für den Abend war ich einge­laden: Weihnachtsfeier bei meinem neuen Arbeitgeber.

Erst seit zwei Monaten gehörte ich zum Team und freute mich auf die Gelegenheit, einmal alle beieinander zu sehen und vor allem darauf, meine direkten KollegInnen und Vorgesetzten auch privat ein wenig kennenzulernen. Dafür war im Arbeitsalltag bisher kaum Zeit gewesen.

Die Fotos an der Pinwand in der Betriebsküche stammten von voran­gegangenen Betriebsfeiern und ließen auf eine feier- und trinkfreudige Truppe schließen. Mir wurde ein bißchen mulmig.

Menschenansammlungen überfordern mich schnell, noch dazu viele neue Gesichter - und das alles in einer fremden Umgebung, auf die ich mich nicht einmal einstellen konnte: Der Ort der Veranstaltung blieb geheim und sollte für alle eine Überraschung sein. Treffpunkt war in der Firma um 19 Uhr.

Habe ich eigentlich schon erwähnt, dass ich Betriebsfeiern und andere Gruppenveranstaltungen sonst möglichst meide? Wenn eine beim stei­genden Pegel an Alkoholisierung nicht mithalten kann, wird sie schnell zur Außenseiterin.

Um mich ein wenig abzusichern, hatte ich am Tag zuvor die Kollegin gefragt, was mich denn anlässlich einer Weihnachtsfeier so erwarten würde - und entschlossen hinzugefügt, dass ich auf keinen Fall bereit sei, irgendwelche rot-weißen Coca-Cola-Kostüme zu tragen, Gedichte aufzu­sagen oder Weihnachtslieder-Karaoke zu singen. Neinnein, so etwas habe es noch nicht gegeben. Vermutlich würde man gemeinsam irgendwo in der Nähe zum Abendessen gehen.

Ich war halbwegs beruhigt, machte mich Diva mit Perlenkette, fuhr durch den immer noch dichten Nebel in die Nachbarstadt. Als ich das Auto am Firmengebäude abstellte, staunte ich nicht schlecht.

Vor dem Portal stand ein riesengroßer Bus des örtlichen Reiseveran­stalters. Leider kein bequemer Luxusliner, sondern die eher ungemütliche Holzklasse, wie sie auch auf Linienfahrten im Nahverkehr eingesetzt wird. Trotzdem: Der war für uns. Interessant! dachte ich. Wir machen sicher einen Ausflug in die Umgebung und gehen Essen an einem ungewöhnlichen Ort, wo ich noch nie war! Wie umsichtig und umweltfreundlich, uns nicht alle einzeln mit dem eigenen, privaten Pkw anreisen zu lassen!

Bis alle eingestiegen waren, das dauerte. Es wurde noch gewartet auf zwei KollegInnen, die letztlich doch nicht kamen. Dann endlich, durch den Nebel! Wir schaukelten in dem ungemütlichen Bus genau die Straßen entlang, die ich gerade erst hergefahren war.

Es ging also nicht aufs Land, sondern Richtung Stadt? Die Spannung stieg, die Vermutungen brodelten: Ins Colombi? Ein geheimnis­volles Dunkeldinner? Ein gemeinser Theaterbesuch? Oder doch ein Sternerestaurant irgendwo auf dem Blauen?

Nach rund sechs Kilometern – wir passierten gerade meinen Wohnort – hieß es, die verspäteten KollegInnen seien nun doch noch bei der Firma eingetroffen und warteten dort. Man werde zurückfahren und sie ein­sammeln.

Habe ich eigentlich schon erwähnt, dass mir vom Busfahren leicht übel wird? Das war schon als Kind so und hat sich bis heute trotz vieler Bus- Konfrontationstherapien nicht gebessert.

Also kehrten wir bei nächster Gelegenheit um, fuhren auf einer parallel verlaufenden Landstraße zurück. Durch den Nebel. Die ganze Truppe war zusehends irritiert. Am meisten irritiert aber war die Assistenz der Geschäftsführung, die den ganzen Abend zwar ebenso geheim, aber doch ganz anders geplant hatte.

Nach einer guten halben Stunde Nebeltour im unbequemen Schaukelbus landeten wir also wieder in unserer Ausgangsstraße. Hielten jedoch nicht vor dem Firmensitz, sondern vor dem Edeka schräg gegenüber. Aussteigen! Ratlose Gesichter. Was jetzt? Gemeinsames Einkaufen? Es war vor Acht, der Supermarkt noch geöffnet.

Habe ich eigentlich schon erwähnt, dass ich Supermärkte wegen des lauten Gefiepes an den Kassen möglichst meide? Meine empfindlichen Ohren kriegen davon Gehörgangskrebs.

Nicht vorne herein, nein! An der Hintertür wurden wir empfangen und ins obere Stockwerk geleitet. Es stockte auf der Treppe, dicht gedrängt standen wir in einem kleinen Foyer, vorne sah ich jemanden mit der Videokamera hantieren.

Cut.
Eine hungrige Stunde lang warten und durch den Nebel fahren, um genau 150 Meter weiter wieder auszusteigen.
Wozu das alles?!
Wird es jetzt endlich etwas zu essen geben?


Eine Fortsetzungsgeschichte gab es vor ein paar Jahren schon einmal. Das erlaube ich mir immer dann, wenn ein Text entstanden ist, den ich für zu lang halte, um ihn „am Stück“ im Blog zu veröffentlichen.

Vielleicht mögt Ihr bis zur nächsten Folge der „Betriebsfeier“ ja den japanischen „Junineumond“ anschauen, eine Memoire aus meiner Zeit als Studentin in Japan. Die Geschichte spielt im sommerlich heißen Kyoto, vor ziemlich genau 24 Jahren.

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Donnerstag, 6. Februar 2014

Mein Fett weg

- Besondere Maßnahme No. XXXII -

Früher mal war ich schlank und rank: 176 cm groß, zwischen 59 und 64 kg lebendiges Gewicht, je nach Zyklusphase. Das war so seit der Oberstufe. Jahrzehntelang hielt ich mir die Waage: Ich war in meinem Gleich-Gewicht. Meine Maße waren 93 – 65 – 97.

Ungefähr mit dem 40. Lebensjahr änderte es sich. Oder ehrlicher: Ich änderte mich. Und zwar ganz einseitig: Ich wurde immer mehr. Bis ich irgendwann das Anderthalbfache wog. Ich war sozusagen 150 Prozent von mir selber.

Über den ungeliebten - und doch irgendwie akzeptierten Matronenspeck und seine Geschichte habe ich vor mehr als vier Jahren einmal berichtet. Es gab nichts daran zu deuteln: Ich war fett. Adipös sogar. Oh böses, hässliches Wort!


Alle Gelassenheit im Umgang damit war vorgetäuscht: Ich mochte mich nicht mehr leiden, fand mich hässlich, hasste mich, ekelte mich gar vor meinem eigenen Körper.

Mehr als ein Jahrzehnt lang habe ich versucht, mein Fett wieder wegzukriegen. Oder zumindest nicht weiter zuzunehmen. Die Kilos hoch und wieder runter.

Insgesamt ein Mehrfaches meiner Selbst habe ich zu- und abgenommen, zugenommen und wieder ab- und wieder zugenommen. Nicht nur mein Leben ging (via Erwerbslosigkeit, Vereinsamung, Armut …) den Bach runter, sondern auch meine Selbstbeherrschung, meine Selbstachtung.

Viel zu oft reicht das Budget nur noch für „past'asciuta – trockene Nudeln“ im wörtlichen Sinne: Nudeln mit nix. Einen Löffel Öl und Salz, vielleicht ein paar Krümel Partisanenkäse. Wenn ich dann mal wieder an emotionaler Unterzuckerung litt, tröstete ich mich mit Billig-Schokolade in Krankenhausmengen.

Im späten Sommer 2013 gab es in einer langen, schweren depressiven Phase - in der ich hier munter die Rosenworte erfunden habe, um mich selbst am Laufen und Funktionieren zu halten – einen seltsamen Wendepunkt:

Beim Friseur hörte ich meine Lockenabschneiderin einer anderen Kundin erzählen, dass sie in nur 8 Wochen 12 kg abgenommen hatte. Ich war verblüfft. Sie sah fabelhaft aus!

Ich war so dermaßen beeindruckt und ich hatte mein Dicksein so dermaßen satt, dass ich mich Ende September bei den WeightWatchers angemeldet habe. Wer aufmerksam mitgelesen hat, konnte leichte Spuren davon in meinen Texten entdecken, zum Beispiel bei der Elsässer Tarte aux Quetsches.

Das ist natürlich ein Paradoxon sondergleichen, dass ausgerechnet eine ALG2-Empfängerin ihr bißchen Geld in einen Diätkonzern trägt – wo doch das monatliche Budget für Nahrungsmittel von 138,83 € (= 4,63 € täglich) ohnehin schon so knapp bemessen ist, dass es kaum für eine ausgewogene Ernährung reicht (zumal, wenn eine auch noch das Katzenfutter davon bezahlt).

Es war meine Entscheidung. Im Oktober kam das Minigehalt des Minijobs dazu und hilft mir, durchzuhalten.

Seit vier Monaten gehe ich also regelmäßig in die Treffen, zähle fleißig meine Futterpunkte und schreibe Listen. Das kommt meiner leicht autistischen Seinsweise entgegen – und es funktioniert: Ich habe mich um 15 kg "verdünnisiert", bin jetzt wieder im Bereich des 'Normalgewichts', in jeder Hinsicht „erleichtert“ und bisweilen ganz hingerissen von mir selber.

Nun weiß ich wieder, wie zauberhaft Schlüsselbeine aussehen könnnen. Oder Wangenknochen. All die schönen Dinge, die wieder passen. Sogar Fingerringe, die ich ich jahrelang nicht tragen konnte, gleiten nun widerstandslos an die Hand. Ein Gewicht wie derzeit hatte ich zuletzt vor zehn Jahren. Damals, bevor die schreckliche Hartz4-Verzweiflung begann.

Das Hexenhäuschen oben war ein Weihnachtsgeschenk: 850 g feinste Vollmilchschoki. Früher hätte ich das in einer Woche locker verputzt. Nun knabbere ich schon seit Monaten daran. Nur Hänsel und Gretel hat die Hexe gleich vernascht: Die waren nicht ausreichend standfest.

Vor ein paar Tagen war ich im Klamottenladen, Hosen anprobieren. Meine Standardjeans brauche ich jetzt zwei Nummern kleiner – und selbst die saß noch locker. Trotzdem kann ich den Erfolg immer noch nicht ganz glauben. Jedes Mal, wenn ich mich auf die Waage stelle, habe ich Angst, dass sie - quasi über Nacht - wieder nach oben flippt und die alten 90 kg anzeigt. tut sie nicht. Sie bleibt bei ihrer freundlichen 75.

Ich denke oft in Bildern. Die Masse, die ich abgenommen habe, stelle ich mir gerne in Butterpaketen vor:

Ein Standard-Butterpäckchen ist 3,5 cm hoch. 15 kg sind 60 Butterpakete. Wenn ich die übereinander stapele, ergibt das eine Buttersäule mit einer Höhe von 2,10 m. Dieser Butterturm steht jetzt quasi neben mir, ich habe ihn outgesourced, habe wieder Kontur.

Auch jetzt schon bin ich stolz auf meine kognitive Disziplin: Wenn schon sonst fast alles schief läuft in meinem Leben, dann habe ich wenigstens mein Körpergewicht wieder unter Kontrolle. „Selbstwirksamkeit“ heißt das stärkende Zauberwort in meiner seit Jahren so unerfreulichen Situation. Ich gehe davon aus, dass es auf andere Lebensbereiche ausstrahlt.


PS.
Hätte mir vor einem halben Jahr wer prophezeit, dass ich hier mal in einer kostenlosen Werbesendung ein Loblied auf die WeightWatchers singen würde – ich hätte sie oder ihn angesehen wie ein giftgrünes Wesen aus einer feindlichen Galaxie. Dachte ich doch, dass es sich um eine Art Sekte handelt und ich nur noch deren Produkte essen darf. So ist das nicht. Hinter der etwas seltsamen Werbung steckt – so weit ich das beurteilen kann - ein ausgeklügeltes und auch psychologisch geschicktes System. Sie lassen mir viel Freiheit, verbieten mir weder den Milchkaffee noch die Schokolade (also meine Grundnahrungsmittel). Nur was die Mengen angeht, da lerne ich wieder Achtsamkeit und erinnere mich an alte, an gesündere Muster: Zum Beispiel das Schnuckeln vor dem PC, das lasse ich möglichst weg. Und ich achte darauf, dass ich mich wieder mehr und regelmäßiger bewege. Auch kleine Schritte zählen!



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Sonntag, 6. Oktober 2013

Pflaumenkuchen aus dem Elsass

Noch ist die Jahreszeit der blauen Pflaumen, und was gibt es an einem Sonntagnachmittag schöneres als einen frischen Zwetschgenkuchen mit viel Schlagsahne?!

Das Büro für besondere Maßnahmen hat es ja normalerweise nicht so mit Küchendingen und Hausarbeiten.

Aber „Ausnahmen zersetzen die Regel“, und weil ich seit kurzem stolze Besitzerin einer absolut pflaumensaftauslaufsicheren Glasbackform bin, möchte ich euch an diesem ersten Sonntag im Oktober ausnahmsweise ein Backrezept präsentieren:

La Tarte aux Quetsches Alsacienne

Meine unschlagbare Zwetschgentarte mit Pâte Brisée d'Alsace – schlicht und sensationell lecker!
200 g Dinkel- oder Weizenmehl, 100g süße Butter, ein glückliches Hühner-Ei, ½ Teelöffel Salz und 12 g Zucker (aufgelöst in 40 ml warmem Wasser) zu einer glatten Teigkugel für den Boden kneten und zwei Stunden im Kühlen ruhen lassen. Wer kein Ei mag, lässt es weg und nimmt statt dessen 60 ml Wasser mehr.

Den Teig ausrollen und in eine gefettete Obstkuchenform geben, so dass ein kleiner Rand entsteht; dann mit den in der Zwischenzeit entsteinten und fächerförmig aufgeschnittenen Zwetschgen spiralförmig von außen nach innen belegen.

Im Backofen bei 200° C ca. 45 Minuten backen, wer mag streut danach Puderzucker drüber. Aber bloß kein Zimt!

Die Pâte Brisée Alsacienne ist ein Mürbeteig, der fast ohne Zucker auskommt. Die Tarte aux Quetsches schmeckt daher ebenso als fruchtig-leichtes Abendessen. Ganz ohne Zucker eignet sich das Grundrezept auch für Quiche Lorraine oder Gemüsekuchen.

Das französische Originalrezept fand ich auf einer alten Postkarte aus Colmar, die ich vor mehr als zehn Jahren von einer Freundin bekam. Damals gab es noch kein Postcrossing, und wir beglückten uns regelmäßig mit postalischem Beweismaterial von unseren Ausflügen.


PS.
Falls hier WeightWatchers mitlesen:
Die Tarte als Ganzes hat 44 Punkte. Die Größe der Kuchenstücke bestimmt ihr selbst.


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Sonntag, 3. März 2013

sweet thoughts


besondere maßnahme no. XXVII

„… auf meinem Nachttisch steht ein Schokoladenhase,
traurig und allein.
Ich weiß ihm nicht zu helfen
und stopf ihn in mich rein ...“
(Element of Crime, CD An einem Sonntag im April, 1994)


ich denke, also bin ich.

wenn ich denke, dann meistens mit dem kopf. genauer: mit einigen arealen meines im kopf befindlichen gehirns. mein gehirn kann auch noch anderes. gucken zum beispiel - mit hilfe der augen. oder horchen - mit den ohren. da sind die „instrumente“ offensichtlich.

Schokoladenhase Gold Edition

auch denken tut mein gehirn nicht einfach so. aber man sieht ihm nicht direkt an, dass es dazu zucker braucht. und zwar traubenzucker. in reinform. etwas anderes lässt es als gedankentreibstoff gar nicht zu. dazu hat es die blut-hirn-schranke. damit hält sich das gehirn unnützes zeugs wie vitamine und ballaststoffe vom leibe. höchstens alkohol oder koffein lässt es mal noch durch.

deswegen essen wir zum beispiel in prüfungen diese gepressten traubenzuckerwürfel. das ist erlaubtes gehirndoping, damit wir schneller denken können. traubenzucker hilft auch bei langen autofahrten, die konzentration zu bewahren. deswegen ist zucker mein ständiger beifahrer im handschuhfach. je nach jahreszeit und witterung abwechselnd in form von traubenzucker, schokolade, fruchtgummi oder auch schon mal getrockneten früchten. mein auto hat weder klimaanlage noch garage. schokolade geht da nicht immer.

natürlich ist es auch möglich, das gehirn durch die ausreichende zufuhr sonstiger kohlenhydrate in gang zu halten. unser genialer stoffwechsel dingelt das schon: er wandelt pasta oder pflaumenkuchen zuverlässig in traubenzucker um. exclusivement fürs kombinierkäschtle. leicht zeitverzögert, versteht sich.

wenn das gehirn „zuckersüß“ schmeckt, dann erwartet es auch zucker. und zwar in echt. nicht irgendeinen ersatz, der es gar nicht über die bluthirnschranke schafft.

aus süßungsmitteln wie aspartam oder steevia aber kann auch der beste stoffwechsel keinen traubenzucker produzieren. das gehirn lässt sich da nicht betuppen!

solcherlei täuschungsmanöver sind sehr ungesund, weil sie nicht nur den kopf, sondern auch das darmhirn unabsehbar durcheinander bringen. das kann sehr schädliche folgen haben. es geht niemals nur um die zufuhr abgezählter kalorien - auch wenn manche „ernährungsexperten“ das behaupten. so ein „beschiss-zucker“ kommt mir nicht ins haus!

erst recht nicht, weil zucker auf wundersame weise die serotonin-produktion ankurbelt und damit eine leicht antidepressive wirkung hat. schon allein deswegen brauche ich im winter mehr schokolade als im sommer. wie gut, dass das mit den „schokolade-im auto-transport"-kompatiblen temperaturen jahreszeitlich korrespondiert! kein wunder, dass low-carb-diäten auch depressiv machen können.

auch zu hause ist schokolade das denkschmiermittel meiner wahl. da brauche ich gar nicht meine traurige kindheit bemühen, in der die schokolade im lila papier zwar ständig verfügbar, aber entsetzlich streng rationiert war. gerade so, als ob meine mutter nicht gewollt hätte, dass ich schneller denke. nur am rande: das wollte sie wirklich nicht: "kind, zieh nit immer die stirn esu kraus!" - weil das bleibende falten macht.

zurück zum thema:
ich bin ein denkender mensch, also brauche ich zucker.

allein ballaststoffreiche rohkost hilft mir da nicht weiter. ich esse, was mir schmeckt und setze wie auch sonst im leben auf eine milde wilde mischung. meine ernährung ist dann ausgewogen, wenn sie mich stark, schön, schlau & glücklich macht.

wenn ein goldiger schokoladenhase all diese bedingungen an einem nebligen märzensonntag erfüllt, dann kommt er mir als besondere maßnahme gerade recht.


dieser text ist ein beitrag zu Sabienes blogparade „Mahlzeit - zuckersüß“.



ps.
für die fundierten informationen zu lebensmittelchemischen prozessen im gehirn und sonstewo danke ich Udo Pollmer und dem EULE e.V.
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Donnerstag, 13. Dezember 2012

grinselinser

wir machen es selbst!

weil es inzwischen draußen winterweiß und schnatterkalt geworden ist, erscheint es von vorteil, wenn man es sich drinnen warm und gemütlich macht.

dazu passt es ganz wunderbar, den backofen anzuwerfen und etwas leckeres hineinzulegen, was dann nicht nur die küche bestens aufwärmt, sondern außerdem auch noch aromatische duftwolken in der ganzen etage verbreitet und im anschluss ein essbares ergebnis produziert.


bei mir gibt es dann vorzugsweise gebäck, das sich länger hält, denn schließlich lebe ich allein. außerdem soll es sich schlicht und heiter dekorieren lassen. ihr ahnt es schon: ich mag keine gitter, nirgends - nicht einmal auf dem kuchen!

bestens geeignet ist da eine Linzertorte, die eigentlich Linsertorte heißt, weil sie gar nicht aus Linz in Österreich stammen sondern angeblich von einem ansonsten völlig unbekannten herrn namens Linser erfunden worden sein soll. die wikipedia weiß das allerdings auch nicht besser, und da mir in diesem tortenfall die knallhart recherchierten fakten fehlen, werde ich mich in die dortige diskussion nicht weiter einmischen.

mischen werde ich allerdings weiterhin meinen kuchenteig nach einem urgroßmutter-rezept aus baden, was ja früher auch mal zu österreich gehörte und damit quasi ein vorort von linz ist.

wir essen die linzertorte hier in badisch südwest das ganze jahr über, nicht nur zur weihnachtszeit, und zwar am liebsten schon zum frühstück. deswegen sowie aus anderen gründen ist meine variante ohne den andernorts obligatorischen schuss schwarzwälder kirschwasser. wer es nun aber gar nicht lassen kann, der möge den zitronensaft durch geistliches nach geschmack ersetzen.

zutaten für eine runde springform:
  • 125 g Butter
  • 125 g Zucker
  • 125 g Mehl
  • 125 g geriebene Mandeln (oder Walnüsse oder Haselnüsse)
  • 1 Ei
  • 1 EL Kakao
  • ½ TL Zimt
  • 2 zerstoßene Nelken
  • abgeriebene Schale von einer unbehandelten Zitrone
  • 2-3 EL Zitronensaft von ebenselbiger
  • Messerspitze Backpulver
  • Prise Salz
  • Glas Himbeermarmelade zum Füllen (oder rotes Johannisbeergelee, das sieht nicht so pickelig aus)

und so geht’s ….
butter zucker ei zimt nelken salz zitronenabrieb und zitronensaft gut miteinander verrühren, dann gemahlene nüsse einarbeiten. mehl kakao backpulver erst trocken mischen, dann löffelweise zum teig geben. der wird ziemlich fest, gut kneten bis alles glatt verarbeitet ist! den teigball in folie wickeln und mindestens eine halbe bis ganze stunde im kühlschrank ausruhen lassen.

in der zwischenzeit ruhen wir uns ebenfalls aus und trinken eine lecker tass tee oder kaffee (superhausfrauen räumen dieweil die küche auf). danach schalten wir den backofen auf 200° und glühen ihn schon mal vor.

vom gekühlten teig etwa zwei drittel zu einer runden platte ausrollen und in die gefettete springform legen. den kuchenboden an mehreren stellen mit einer gabel einstechen.
zwei drittel vom teigrest zu einer wurst rollen und daraus rundum einen kuchenrand basteln, indem man mit dem daumen gleichmäßige dellen hineindrückt (wer in der schule fürs leben gelernt und gut aufgepasst hat, kann jetzt mal schnell mit π mal daumen den tortenumfang berechnen!).
nun den boden mit der marmelade bestreichen und dann! dann endlich! aus dem letzten rest vom teig eine schicke deko formen und obenauf legen. je nach jahreszeit lasst ihr euch etwas anderes einfallen. bei mir wird es meistens ein grinsesmilie.
weil ich es sooo schön finde, wenn meine torte mich anlacht!

backzeit ist ungefähr 20 minuten bei - wie oben bereits erwähnt - 200° im normalen backofen. 

viel spaß und leckerschmecker!


ps.
achso! wer will könnte ja mal ein foto von ihrer tollen torte bei facebook posten - vielleicht gibt's was zu gewinnen ....


Freitag, 7. Oktober 2011

working poor III

besondere maßnahme no. XXV

vor ein paar wochen ist es mir gelungen, eine neue beschäftigung an land zu ziehen. nein, keine feste stelle. bezahlte arbeit, die die menschen auch angemessen ernährt, scheint es immer weniger zu geben – erst recht nicht für sogenannte langzeitarbeitslose.

Gutedel im Markgräflerland

immerhin: ich habe ein neues ehrenamt ergattert und nehme nun teil am bürgerschaftlichen engagement mit aufwandsentschädigung.

das ist ... äähm .... toll!

mehrmals in der woche sitze ich in einem netten kleinen lieferwagen und fahre durch die kleinen dörfer in meinem derzeit besonders schönen rebenherbstland, bringe heiße mittagsmahlzeiten hin zu alten oder behinderten menschen, die nicht selbst kochen können. „essen auf rädern“ heißt das.

das gefällt mir: ich komme vor die tür, begegne menschen, bin in bewegung.

dafür erhalte ich siebeneinhalb euro die stunde aufwandsentschädigung (auch 'übungsleiterpauschale' genannt), steuerfrei bis zu einem gesamtbetrag von 2100 euro im jahr. da die organisatoren einer christlichen glaubensgemeinschaft angehören, bin ich nun sogar caritativ unterwegs im namen des herrn.

siebeneinhalb euro die stunde sind ziemlich viel gotteslohn. dafür spart der herr sich aber auch einen arbeitsvertrag: ich kriege zwar einen dienstplan, aber weder kranken- noch sozialversicherung noch urlaub. auch rentenanwartschaften erwerbe ich nicht.

so kommt der herr auch nicht in konflikt mit den gewerkschaften.

andere träger - wie zum beispiel die AWO - machen aus dieser art von arbeit zum gleichen stundenlohn einen korrekten 400-euro-job - und zahlen pauschale steuern und sozialversicherung von sich aus drauf. das weiß ich aus zuverlässiger quelle (winkewinke & danke!). aber der christengott ist caritativ, also habe ich es auch zu sein. wozu brauche ich lohnfortzahlung im krankheitsfall oder mal urlaub oder später rente? ich habe doch plenty hartz IV!

das beste: obwohl ich hartz IV habe, darf ich meine kleine aufwandsentschädigung behalten, bis zu einem betrag von 175 euro im monat. yeah! das ist der vorteil zum 400-euro-job. da wären maximal 160 euro selbstbehalt möglich.

also bin ich unendlich dankbar und nehme, was ich kriegen kann. ich bin alt und brauche das geld.

dass ich da überhaupt mitmachen darf, habe ich nur dem ehemaligen doktor herrn von und zu guttenberg zu verdanken: schließlich hat der den zivildienst abgeschafft. nun gibt es seit juli 2011 keine neuen zivis mehr.

billige mittagessenlieferanten und andere soziale bzw. zivile dienstleister werden händeringend gesucht. und zwar so dermaßen dringend, dass ich bei der 'informationsveranstaltung' (nicht: "einstellungsgespräch"!) weder nach dem führerschein noch nach meiner konfession gefragt wurde. aummm.

mit siebeneinhalb euro gehöre ich da direkt zu den besserverdienenden:

einige meiner kollegInnen sind 1-euro-jobberInnen. hartz IV plus maximal 160 euro monatlich zuverdienst für eine halbe stelle.

oder praktikantInnen: ein halbes oder ganzes jahr lang vollzeit für ein taschengeld von 200 euro monatlich. diese art von ausbeutung wird noch nicht einmal als freiwilliges soziales jahr anerkannt.

dann gibt es noch die engagierten aus dem bundesfreiwilligendienst. genau, das sind die mit der öbszönen, abwertenden abkürzung: bufdi.

wenn ich den hässlichen ausdruck 'bufdi' schon höre, kriege ich die krätze. welch eine unverschämt: schließlich sind das menschen, die hier ihre kostbare lebenszeit, ihre unwiederbringbare freizeit einfach so herschenken. für eine "taschengeld" genannte vergütung, die weit unter dem liegt, was ihre zeit und arbeit wert sind - und sogar noch weniger ist als das, was bis vor kurzem die zivis erhalten haben. hätte man für die keinen respektvolleren namen finden können?!

wer sich diese unerträgliche abkürzung ausgedacht hat, gehört lebenslänglich selbst so genannt. mindestens.

auch die bufdis erhalten nur ein taschengeld, von dem sie niemals existieren könnten: die ausbeutung funktioniert aufgrund der tatsache, dass es sich hierbei meist um noch junge menschen handelt, deren eltern ihnen netterweise weiterhin kost und logis spendieren. auf diese weise subventionieren steuerzahlende eltern die gemeinnützigen einrichtungen.

will sagen: dass der gebrechliche 'herr von und zu kunde' für 5,90 euro sein heißes mittagessen kriegt inklusive bringdienst und servieren und fleisch kleinschneiden - das hat er nicht nur der jungen frau bufdi zu verdanken, die ihre freizeit opfert, sondern auch den spendablen eltern der jungen frau bufdi, die ihr mit kost und logis und kleidung ein leben im hotel mama finanzieren – anstatt von ihr zu erwarten, dass sie eigenes geld verdient.

also, wie gesagt, ich habe es gut. besser siebeneinhalb euro die stunde als nix. im auftrag des herrn.


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Donnerstag, 7. Oktober 2010

vertrauenssache

es hat ein bißchen was von schlaraffenland. ich gehe im dorf spazieren oder bin mit dem rad unterwegs im markgräflerland. immer wieder sehe ich da unterwegs ein tischlein-deck-dich - am straßenrand, an der hausecke, vor einer gartenmauer ....

weinbeeren: gutedel

je nach jahreszeit frisch bestückt mit allem, was der private garten gerade so hergibt – und was die gärtnerin im augenblick selbst nicht verwerten kann.

jetzt im herbst sind das weinbeeren, kürbisse, äpfel, nüsse. im frühjahr spargel, erdbeeren oder kirschen. blumen der saison aus dem bauerngarten. im sommer gemüse und kräuter, frisch gekochte marmeladen und gelees, manchmal in abenteuerlichen kombinationen wie zum beispiel birne-rosmarin.

früchte und gemüse: markgräflerland

immer liegt eine preisliste dabei. oder es kleben kleine schilder auf der ware. eine kasse steht auf dem tisch, manchmal eine kaffeedose mit schlitz im deckel oder ein sparschwein. kein mensch weit und breit. das bißchen, was der garten übrig hat, reicht nicht für einen eigenen laden, geschweige denn für den verkauf irgendwo anders.

die ernte teilen: herbst 2010

die dorfbewohner teilen ihre ernte mit den nachbarn. wie ich das liebe! ich nehme, was mir gerade in den speiseplan passt, freue mich riesig über frische ware, zudem meist noch bio – und zähle mein kleingeld passend ab.

dieses vertrauen rührt mich so sehr an, dass ich es mit dem herzen kaum fassen kann. und nie, aber auch wirklich niemals käme ich auf die idee, an einem solchen ort die zeche zu prellen.


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Sonntag, 22. August 2010

ratlos

seit dreieinhalb wochen bin ich nun in dieser klinik, mehr als die hälfte 'meiner zeit' ist um – und ich verstehe immer weniger, was das hier eigentlich soll.


das ist schlimm für mich, denn ich hatte doch so gekämpft, hatte so lange gewartet, hatte auch große hoffnungen in die behandlung hier gesetzt. zumindest hatte die ärztin immer so getan, als wenn das was ganz großes wäre, so eine rehab machen zu dürfen.

ganz sicher ist es zu früh, etwas konkretes, abschließendes zu sagen. nach wie vor stecke ich ja mitten drin im prozess und bin höchst angestrengt damit beschäftigt, mich den zu- und umständen hier anzupassen.

mir fehlen die kraft, aber vor allem auch das hintergrundwissen und ein adäquater spiegel, um angemessen einordnen zu können, um sagen zu können „was passiert hier wirklich?“

ich weiß es nicht. ich weiß nur, dass ich mich hier nicht wohl fühle. unfrei, eingezwängt. ich erfülle den plan der klinikleitung. nicht meinen.

in der kommenden woche steht eine sogenannte „chefarztvisite“ im terminplan. zehn minuten arzttermin bei einer frau, die mich noch nie gesehen hat. dabei wird auch die diagnose noch einmal überprüft. ein kurzes frage- und antwortspiel wird entscheiden über wohl und wehe und über das, was auf jahre hin in meinen akten steht.

was machen die da? was passiert?! hatte ich schon geschrieben, dass es schwierig ist, bei all den terminen einen rhythmus zu finden? die chefarztvisite liegt mitten in der mittagessenszeit. auch dafür werde ich auf eine mahlzeit verzichten. rhythmus adé.

in der vergangenen woche ist es mir tatsächlich einmal gelungen, an einem nachmittag drei freie stunden am stück zu haben. zum glück hat es da nicht geregnet. ich bin sofort ans meer, endlich! die ganze zeit immer an der wasserkante langgelaufen.

die wellen, die weite: das beruhigt meine flatternden nervenenden und besänftigt den tinnitus. zumindest solange ich dort bin. dann stehe ich am ufer und weine. salzwasser zu salzwasser. wieder zurück in der klinik, hat das aufatmen sofort ein ende. mir ist hier sehr eng ums herz.

die klinik ist teil eines konzerns und fährt ein sparprogramm. zimmer werden im akkord geputzt, mitarbeiterInnen erhalten so wenig lohn wie nur möglich. so viel immerhin habe ich inzwischen herausgefunden. fast schäme ich mich, dass es mir hier auf kosten unterbezahlter schufterei anderer gut gehen soll.

in dieser institution ist alles von vorn bis hinten 'durchoptimiert', jede minute geplant, die qualität aufs beste 'gemanaged'. will sagen, für menschen ist hier eigentlich kein platz.

zwanzig minuten haltungsgymnastik. dreißig minuten qi gong. zwanzig minuten laufband. dreißig minuten therapiegespräch. zwanzig minuten massage. neunzig minuten gruppentherapie. dreißig minuten entspannungstherapie. zwanzig minuten massage. neunzig minuten beschäftigungstherapie. und - ja tatsächlich! - zwanzig minuten fango.

alles in allem soll ein echter arbeitstag simuliert werden. zwanzig minuten dies. dreißig minuten jenes. zwischen acht und siebzehn uhr. du musst leiden, um zu heilen! wir quälen dich, damit es dir besser geht! rehab ist kein urlaub!

wie kann mir ein solcher plan helfen, mein leben neu zu ordnen? wie kann ich daraus neue impulse gewinnen, um anders umzugehen mit dem schmerz, der von innen kommt? was hilft mir das?

der montagmorgen beginnt mit der gruppentherapie. das bedeutet in meinem fall: statt frühstück eine dreiviertelstunde gemeinsamer gruppenzwangsspaziergang unter aufsicht einer physiotherapeutin. durch den wald, am strand entlang, mit sondergenehmigung über das gelände des grandhotels. in der vergangenen woche durften wir uns bei regen auf dem bahnhofsvorplatz im kreis aufstellen und ein lustiges gruppenspiel spielen. das spiel hieß „das ist mein knie“. ist das die vorbereitung aufs altersheim? mir graust es ganz gewaltig.

energetisch fühle ich mich überfordert und bin ständig müde. intellektuell hingegen langweilt mich der alltag in der klinik. mit der geistigen, spirituellen langeweile angemessen umzugehen, das ist eine herausforderung. zum glück bringe ich da einiges mit an verinnerlichter motivation. und: ich bin sehr dankbar für meine kluge tischnachbarin. das ist ein großer lichtblick! unsere gespräche, diskussionen und gemeinsame kleine fluchten haben mich schon so manches mal gerettet.

mit das beste, was mir hier bislang passiert: wie immer am meer bewege ich mich mehr und habe in drei wochen vier kilo abgenommen. das sind sechzehn viertelkilo-pakete butter. ich hoffe sehr, dass die dauerhaft wegbleiben. immerhin ein kleiner anfang. vom doofen matronenspeck würde ich mich sehr gerne dauerhaft verabschieden.

das andere, was ich richtig gut finde: dass ich echt weit weg bin von meinem ollen alltag. kein vermieter, der tagtäglich auf seinem akkordeon dudelt! ich muss nicht nachdenken, ob ich mir jetzt noch etwas obst leisten kann oder ein pfund kaffee kaufen darf: hier nehme ich einfach vom buffett was mir schmeckt. außerdem muss ich keine angst haben vor demütigender amtspost im briefkasten.

und das meer natürlich, große mutter aller salzwasser! auch wenn nicht viel zeit ist – so bemühe ich mich doch, jeden tag hinzugehen. zumindest mal kurz gucken. wenn mehr zeit ist fürs meer, gibt es auch mal einen kaffee an der hafenpromenade im nachbarort. da kann ich hin radeln, leute gucken und ablästern. die seele ins blaue baumeln lassen. therapie vergessen und einen klaren kopf kriegen.

neulich gab es zum kaffee einen fettgebackenen spritzkuchen mit ganz viel zuckerguss. und blick aufs meer. das war das beste. das allerbeste überhaupt!


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Mittwoch, 4. August 2010

4HfM

die kurze maßnahme no. 19 hat das rote eichhörnchen im haselstrauch mir beschert, als es mir vier noch grüne zaubernüsse vor die füße warf, gleich an meinem ersten tag hier.



nun spiele ich „vier haselnüsse für mo jour“: jedes mal, wenn ich ein kleines wunder brauche, nehme ich davon eine, kneife die augen ganz fest zu und werfe die nuss über die rechte schulter hinter mich.

nuss no. 1 hatte ich gleich eingesetzt, um in ein luftigeres zimmer umziehen zu dürfen. das hat hervorragend geklappt.

nuss no. 2 habe ich heute verbraucht, weil es im großen speisesaal mit 240 leuten so dermaßen unerträglich laut war, dass mein tinnitus verrückt gespielt hat und ich das essen nicht mehr geschmeckt habe. die mahlzeiten waren eine riesige belastung für mich. seit heute habe ich einen ruhigeren platz.

vier wunder für sechs wochen: das ist sehr viel. ich freu' mich schon auf die nächsten zwei!

…. alles ist, wie es soll.


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Sonntag, 11. April 2010

finita la musica - passata la festa

eine woche lang hatte ich das sonnige rauschen der ägäis in den ohren - die schönste musik! - fast rund um die uhr, und auch der rest war all inclusive ….


das war ja mein erstes mal, so alles inbegriffen. bislang war es mir immer ein großes gruseln, im urlaub rund um die uhr bespaßt zu werden und mich irgendwelchen gut gemeinten animationen (nein, das sind keine lustigen zeichentrickfilme ….) aussetzen zu müssen.

wenn ich früher unterwegs war, dann wusste ich zwar meist die ungefähre richtung, meistens aber hatte ich keine ahnung, wo mich das konkret hinführte. erst recht nicht wusste ich morgens, wo ich abends schlafen würde. das ging gut, so lange ich viel zeit hatte und neugierig war auf alles, was das leben an fremden orten so zu bieten hat – immer nach der devise „you don‘t know a place, if you don‘t know what it looks like after midnight“.

mit den jahren sind meine urlaubszeiten kürzer geworden, ich habe vieles gesehen und kennengelernt, manches ist – egal wo – die wiederholung von etwas, das ich schon kenne (und das mir womöglich nicht besonders gut gefiel). die welt nach mitternacht interessiert mich nur noch selten, denn auch das nachtprogramm ist an vielen orten ähnlich.

außerdem brauche ich nach mitternacht meinen schlaf, weil ich den frühen morgen sehr viel schöner finde und einen frischen tag ebenso frisch begrüßen möchte. kurz: ich möchte weniger abenteuer, statt dessen mehr erholung. da habe ich eine gewisse infrastruktur zu schätzen gelernt.

als ich mich diesmal auf den weg machte, wusste ich nicht nur abfahrts- und ankunftszeiten im voraus, sondern auch, dass ich am flughafen abgeholt und ins von mir gebuchte hotel gebracht werden würde. welch ein luxus, sehr komfortabel fand ich das!

damit aber nicht genug. all inclusive – das begann erst so richtig mit einem neon(!)gelben plastikbändchen beim check-in. ein gelbes plastikbändchen! am rechten handgelenk! ich war entsetzt. obendrein nicht zu öffnen und so eng, dass ich das tag und nacht tragen muss?! ich?! forget it! nach kurzem palaver schnitt die empfangsdame das an mir bereits installierte gelbband wieder ab und gab mir ein offenes zur freien verwendung. uff!

das neue futterbändel nahm ich dann ganz locker auf links, so dass ich‘s abstreifen konnte, sobald ich mich außerhalb des hotels bewegte. mit dem ding hätte ich mich unmöglich vor die tür gewagt …

gleichzeitig mit dem bändel erhielt ich eine blasse fotokopie, auf der das komplette programm aufgeführt war. inbegriffen waren u.a. drei mahlzeiten täglich sowie snacks und getränke wann immer mir danach war. außerdem die benutzung des pools, der sonnenliegen, der auf den sonnenliegen liegenden matratzen und der zwischen den sonnenliegen stehenden sonnenschirme am pool und am strand. wie nett!

das essen war – nach kleinen anfangsschwierigkeiten – köstlich. ich habe mich drei mal täglich satt gegessen und in der einen woche trotzdem ein kilo abgenommen. das ist mediterran! am meer geht es mir immer gut.

die anfangsschwierigkeiten lagen wohl eher daran, dass am tag meiner ankunft das hotel auch erst den ersten tag wieder geöffnet hatte nach der winterpause. da brauchte es ein paar tage, bis sich alle und alles eingespielt hatte. das taten alle sehr freundlich und charmant, und ich staunte mit großen augen, wie das angebot von tag zu tag immer nur noch und noch mehr wurde.

auf jeden fall habe ich es unendlich genossen, mich an einem reichhaltigen, abwechslungsreichen büfett drei mal täglich bedienen zu dürfen. welch ein geschenk! ich musste die mahlzeiten weder planen noch einkaufen noch zubereiten noch abwaschen noch aufräumen – und ich brauchte mich nie nie nie zu fragen, ob ich mir das jetzt leisten kann oder nicht.

allein das und die langen spaziergänge am strand wären mir erholung genug gewesen.

bisweilen großes vergnügen war es mir dann aber auch, andere pauschalis zu beobachten. entweder von meiner balkonloge auf die swimmingpool-bühne herab, oder kaffee trinkend und schreibend in der lobby sitzend. ich gucke gern!


zum schwimmen und sonnenbaden war es eigentlich noch zu kühl und das hotel war längst nicht ausgebucht. trotzdem gab es gäste, die bereits vor dem frühstück sich mit handtüchern gleich mehrere der wirklich zahlreichen sonnenliegen am pool „reservierten“, die dann wiederum oft den ganzen tag über verwaist da standen. aber besetzt waren. vielleicht könnte ich mit einer „sonnenliegenversicherung“ eine lukrative marktlücke auftun?

ich war nicht am pool, weder dran noch drin – aber es hat mich sehr in den fingern gejuckt, da bisweilen das eine oder andere handtuch wandern zu lassen ....

ein paar mal baden war ich dann natürlich doch, im meer! nach mehr als zweieinhalb jahren, endlich! eine, die schon mal ostern in den berliner wannsee gestiegen ist, die lässt sich doch nicht abschrecken von wassertemperaturen unter 20 grad. es war gigantisch schön, ich liebe dieses einzigartige kribbeln auf der haut und bin sooo froh, dass das salzwasser in meinem gesicht  mal nicht nur tränen waren.

seltsam fand ich die angewohnheit manch anderer gäste, quasi hamstermäßig bei allem auf vorrat zuzugreifen. dabei gab es doch von allem im überfluss. immer! woher kommt diese seltsame angst, nicht genug zu kriegen, zu kurz zu kommen?

ebenso erschreckend fand ich eine pauschale mitnahme-mentalität auch bei dingen, die gar nicht zum angebot gehörten. ich möchte gar nicht wissen, wieviel prozent der inventarschwund eines urlaubshotels pro saison beträgt.

wirklich hin und weg – und auch das all inclusive! - war ich von der freundlichkeit allüberall. es war wie ein bad in herzenswärme! souvenirverkäufer und kellner flirteten mich, es war kaum zu fassen, als ob ich noch zwanzig wäre. fast jeder von denen hätte mein sohn sein können!

die augenzwinkernden angebote für verabredungen nach dienstschluss am strand schmeichelten mir sehr und linderten meine sehnsucht nach südlicher zuwendung. gleichzeitig war ich froh, inzwischen alt und abgeklärt genug zu sein, das nicht ernst zu nehmen. also charmierte ich entzückt retour - und ließ mich auf nichts ein.

am frühen morgen vor meiner abreise erfuhr ich, dass die angestellten für die dauer der saison allesamt im hotel untergebracht sind: die männer hausen unterirdisch in gruppenräumen im keller, in stockbetten. die frauen schlafen auf verschiedene etagen verteilt in den fensterlosen „house-keeping-offices“. es gibt keine freien tage, alle arbeiten vom 1. april bis zum 30. oktober durchgehend 60 bis 80 stunden die woche. der monatsverdienst des hotelboys beträgt 600 türkische lira, umgerechnet 300 euro. er arbeitet tag und nacht und springt ein, wenn irgendwo wer fehlt. der koch erhält immerhin 1200 lira: wann er anfängt, damit das große frühstück für zwei- bis dreihundert leute ab sieben uhr früh fertig ist??? wann er ins bett kommt, wenn das dinner-buffett bis 21uhr30 geöffnet ist??? die kellner liegen mit verdienst und arbeitszeiten irgendwo dazwischen.

ich war tief beschämt.


PS.
fast vergessen: auch WLAN in der lobby war inclusive. emails haben funktioniert. aber youtube und ein paar andere seiten waren von der türkischen regierung zensiert und komplett gesperrt. diese info nur so am rande über ein land, das gerne in die EU möchte.


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Sonntag, 28. Februar 2010

ritual* no 1: sonntagsfrühstück

es hat mal einen menschen gegeben, der hat mir ins gesicht gesagt, dass er mich schrullig findet. irgendwie. das hat mich ein bißchen irritiert.

ein blick in den duden erklärt schrullen als „wunderliche angewohnheiten, marotten, ticks, spleens oder macken“. oder gar: „(oft von älteren menschen) befremdende, meist lächerlich wirkende angewohnheiten“.


ähem. bin ich ein ‚älterer mensch‘? das ist relativ und kommt auf die bezugsperson an. klar, ich bin älter als meine jüngere schwester und noch ne ganze menge anderer leute. aber das war schon immer so. trotzdem hätte ich mich als zweijährige sicher nicht als ‚älterer mensch‘ bezeichnet. vielleicht ist man ein älterer mensch, wenn man älter ist als die hälfte der bevölkerung?

das weibliche durchschnittsalter in deutschland liegt bei 45,2 jahren. tja. da bin ich jenseits. definitiv. ich muss mich wohl damit abfinden: ich bin eine alternde frau. das kann jeder passieren.

leider habe ich damals nicht weiter nachgefragt, und deshalb ist mir bis heute unklar, was derjenige mit dem prädikat „schrullig“ genau gemeint hat. vielleicht hatte ich angst vor der antwort. wir waren danach auch nicht mehr sehr lange befreundet.

wollte er sagen, dass ich schrullen habe? oder wollte er sagen, dass ich eine schrulle sei? haben oder sein - das ist die frage! auch hier:

schrullen haben, kann nämlich auch bedeuten, dass man „tolle einfälle“ hat, also gute ideen. geht aufs niederdeutsche zurück. dann wäre es ein nettes kompliment gewesen. ich denke jedoch, derjenige war des niederdeutschen nicht mächtig. er war eher niederträchtig.

deswegen befürchte ich fast, er wollte mir unterstellen, dass ich eine schrulle** sei, und das ist nun wiederum etwas ganz gemeines, in männeraugen zumindest: „die bezeichnung für eine ältere, eigensinnige frau mit einer abseits der norm liegenden persönlichkeit und charaktereigenschaften, die im allgemeinen als seltsam oder verwirrt bis leicht verrückt angesehen werden“ - sagt das wikiwörterbuch. madonna!

wenn ich mir diese definition aber mal auf der zunge zergehen lasse, so wort für wort …. dann stelle ich fest, wie sich mir mehr und mehr ein verschmittstes grinsen im gesichte breit macht. dass ich älter bin, hatten wir ja oben schon geklärt. dazu eigensinnig? nicht mainstream? außergewöhnlich, von mir aus auch ‚leicht verrückt‘? na, immer her damit! mit dem größten vergnügen oute ich mich hier als schrullentrulla!

nachdem das also mal raus ist, kann ich jetzt - in verbindung mit meinen schrulligen angewohnheiten – endlich zu meinem eigentlichen sonntagsthema kommen:

was andere vielleicht ‚schrullig‘ nennen, das sind für mich ‚rituale‘. also sachen, die ich immer wieder tue auf immer die gleiche art und weise, und das schon seit vielen vielen jahren. diese dinge geben mir halt im leben, sie strukturieren meinen alltag. deswegen sind sie mir wichtig, lieb und teuer. ich muss nicht jedes mal neu drüber nachdenken, ob ich was wann wie warum mache: ich mach‘s einfach, weil ich‘s so mache.

mein sonntagsfrühstück zum beispiel. das gibt es seit meiner kindheit. es ist vielleicht das einzig schöne, was ich damals hatte und das ich mir in mein erwachsenenleben gerettet habe. sonntags gibt es bei mir "eier mit speck auf toast". fast immer. regelmäßig. toastbrot deshalb, weil die bäckerin damals sonntags noch nicht geöffnet hatte. frische brötchen gab es bei uns nur samstags. und sonntags eben toastbrot. aus dem altmodischen toaster, der an den seiten klappen hat wie flügel. da steckt man die toastscheiben rein. wo das toastbrot drin anbrennt, wenn man es nicht rechtzeitig wendet und rausholt. das hüpft nicht von alleine.

diesen toaster meiner kindheit besitze ich noch. er funktioniert bestens. sonntag um sonntag. ich habe ihn all die jahre gut gehütet. er war ein hochzeitsgeschenk für die eltern. gute deutsche wertarbeit. aus edelstahl. im oktober wird er ein halbes jahrhundert alt sein. älter als ich.

während der toaster das brot röstet, habe ich die zeit im auge. gleichzeitig schneide ich den mageren speck in feine scheiben, gebraten wird der in butter, weil das so gut duftet. ich habe noch die großmutter im ohr: „kind, du musst den speck in butter braten. damit fängt man männer!“ das schien ja was tolles zu sein. wer jetzt denkt, ich hätte hier einen käfig voller kerle im haus, die sämtlich opfer meiner speckschrulle wurden, irrt: ich habe sie immer wieder freigelassen.

die eier werden gut verkleppert mit einem schluck milch, einer prise zucker und etwas sojasauce. zum schluss noch ein schwapp sprudelwasser: das macht mein rührei fluffig locker. über den knusprigen speck gießen und stocken lassen. pfeffern salzen fertig! wichtig ist eine gute pfanne. auch da bin ich perfekte schrulle: das ei darf weder anbeppen noch schwarz werden.

ich nehme auch immer nur mageren speck. und das, obwohl ich sonst so gut wie kein schweinefleisch esse. "eier mit speck auf toast" ohne speck - das geht einfach nicht. so mit anfang zwanzig war ich mal zum frühstück eingeladen bei jemand anders, das war in basel. da gab es ebenfalls eier mit speck, oh wunder! der mann kam auch aus dem rheinland. wir haben sehr darüber gelacht, über unser beider traditionelles früchstücksei. der hat aber keinen mageren speck benutzt, sondern fetten. da war klar: der kommt aus düsseldorf.

dazu habe ich dann gerne einen frischen orangensaft oder einen becher darjeeling. und eines der brandenburgischen konzerte von bach. seit ungefähr dreißig jahren. fast jeden sonntag.

böse zungen könnten jetzt von ‚zwangsneurose‘ reden. sollen sie ruhig, wenn die das brauchen. aber wehe, es sagt noch mal eineR „junge frau“ zu mir, und sei es auch nur aus versehen – dem werde ich zeigen, was ne schrulle is‘! ab sofort bin ich nur noch „gnädige frau“ - wenn schon "älter", dann aber auch richtig!


* rituale sind ganz spezielle besondere maßnahmen
** schrulle ist feminin. hat wer ne ahnung oder eine idee, wie das männliche gegenstück heißen könnte?
wenn wir es analog zu macke - macker bilden, vielleicht schruller?


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Donnerstag, 24. Dezember 2009

der geburtstag der kaiserin

die kaiserin feiert geburtstag heute. das heißt, sie feierte, so sie noch lebte. das tut sie aber nicht, schon lange nicht mehr. ne ganze menge menschen auf diesen planeten feiert heute den geburtstag eines mannes, der auch schon lange nicht mehr lebt. deswegen denke ich, es ist höchste zeit für ein frauliches gegengewicht!


von sissi ist natürlich die rede, mit deren geschichte ich aufwuchs, allweihnachtlich, um genau zu sein. genau deswegen werden die alten filme mit romy schneider ja so regelmäßig wiederholt: weil die sissi a christkinderl war.

dabei scheint der 24. dezember ein allseits beliebter geburtstag zu sein. meiner schwester ist das auch gelungen, der coup mit dem christkindlsgeburtstag. ava gardner ebenso. von den gut 180 geburtstagskindern, die die wikipedia aktuell für heute auf der liste hat, ist sissi übrigens die einzige frau der ersten 1900 jahre unserer zeitrechnung. im zwanzigsten jahrhundert sind dann 15 der 120 geburtstagskinder weiblich – also immerhin zwölfeinhalb prozent. aber das ist sicher nur zufall, dass an heiligabend so wenig frauen geburtstag haben.

weil ich mit weihnachten nix am hut hab, feier ich also heute der sissi ihren geburtstag, ganz kaiserlich, im haus meiner kaiserlichen freundin. der tisch scheint sich zu biegen unter dem üppigen buffett, seit tagen – ach was sage ich? seit wochen!! - ist sie in ihrer kleinen küche mit dem zaubern der kostbar-köstlichsten verführungen beschäftigt. gäste sind geladen und werden erwartet oder sind schon eingetroffen.

von sissi weiß ich nicht mehr als das, was in den büchern steht. in meinen ersten lebensjahren habe ich natürlich alles geglaubt, was in den filmen vorkam. später nicht mehr.

vor ein paar jahren habe ich urlaub gemacht auf korfu. diese schöne insel kannte ich ja schon aus ihren filmen. da habe ich mir gedacht: was für die kaiserin das beste, das ist für mich gerade gut genug. die insel, auf der die sissi von ihrer lungenkrankheit genesen ist, sollte wohl bestens geeignet sein, um mich vom stress und den demütigungen eines lebens mit hartz4 zu erholen. also habe ich damals meine letzten ersparnisse für einen urlaub am meer verprasst - und ich habe mich tatsächlich bestens wohl gefühlt dort!

auf korfu, nicht weit weg von der inselhauptstadt an der ostküste, kann man noch heute den sommerpalast der kaiserin besichtigen. sich ansehen, wie (relativ) schlicht sie dort gelebt hat, fernab vom unmenschlich einschnürenden spanischen hofzeremoniell, das den klugen, eigensinnigen wildfang magersüchtig hatte werden lassen. für meinen geschmack ist ihr achillion-palast zwar ein bißchen zu weit weg vom meer und ein bißchen zu hoch auf dem berg, aber die aussicht von dort oben ist in der tat gigantisch kaiserlich.

in die insel korfu habe ich mich geradezu hineinverliebt, die zeit dort habe ich sehr genossen. falls ich es mir jemals wieder werde leisten können, ans meer zu fahren, so würde ich wieder dort landen, in meiner blauen lieblingsbucht, in dem kleinen haus direkt am strand, zimmer mit balkon und blick aufs meer, aufs meer! aufs meer, das ich so sehr liebe; wo man das rauschen des kristallklaren wassers immer immer um sich hat: das hat sogar meinen tinnitus besänftigt. zeitweilig.

wenn ich heute den geburtstag der kaiserin feiere, dann gedenke ich dabei auch meiner eigenen inneren kaiserin, der wilden frau, die ich bin, mit all meinen eigenen sinnen, mit all meinem eigen-sinn. ich denke an mich und ich feiere mich, meine kaiserliche freundin und ich, wir feiern uns, wir lassen uns feiern und geben mit vollen händen und überfließenden herzen, weil das zum feiern dazugehört.

meine innere kaiserin hat jeden tag geburtstag. oft muss ich mich tatsächlich täglich neu daran erinnern, sie immer wieder aufs neue zu entdecken, hervorzuholen unter dem alltagsgerümpel. denn bisweilen hockt sie klein und still und grau zwischen den vielen schichten aus demütigungen und enttäuschungen, aus schmerzen und angst, die – übereinander gelegt – das ge-schichte meines lebens sind.

beim entdecken meiner persönlichen kaiserin hat mit ein ganz besonderes buch sehr geholfen, das mich nun schon seit vielen jahren begleitet. „der weg der kaiserin“ heißt es. die autorinnen christine li und ulja krautwald erzählen darin die geschichte der chinesin wu zhao, ihren aufstieg von der konkubine zur mächtigsten frau des reiches, zur kaiserin – und zur einzigen frau, die im alten china jemals offiziell herrscherin war. das buch erzählt eine geschichte von vor mehr als tausend jahren. gleichzeitig werden die strategien aus alten zeiten so ins heutige leben übertragen, dass sie auch für kaiserliche frauen der gegenwart durchaus hilfreich und von großer bedeutung sein können.

dieses buch fasziniert mich. es gibt mir – immer wieder aufs neue! - kraft und halt in meinem kleinen universum, wo das leben einer freien radikalen bisweilen richtig doof und mühsam ist. ganz wunderbar unterstützend finde ich die strategischen sätze der kaiserin, die jedem kapitel hintenangestellt sind. schlichte weisheiten im grunde – die im heutigen alltag leider allzu oft tief verschüttet sind.

es gibt eine wunderbare webseite zu dem buch und allem, was damit zusammenhängt - zinnoberfluss, auf der die kaiserliche leserin zum beispiel täglich mit einem neuen 'kaiserinnenspruch' begrüßt wird.

heute steht da „die kaiserin beherrscht ihr eigenes reich“. genau. ganz egal, wie groß oder wie klein das auch sein mag. was sonst?!

ich wünsche euch für heute und immer wieder aufs neue ein kaiserliches geburtstagsfest! ganz egal, wessen geburtstag ihr heute feiert. vergesst nicht, dafür zu sorgen, dass es euch gut geht, denn nur dann kann frau sich auch um andere kümmern - und die haben dann auch wirklich was davon.


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Mittwoch, 4. November 2009

matronenspeck

als kleines mädchen war ich ziemlich dünn und immer sehr blass. das hat den eltern nicht gefallen. sie wollten eine andere tochter. keine blasse dünne.



also schickten sie mich in ein kindermästheim. das war im sommer, bevor für mich die schule anfing.
ich war sechseinhalb jahre alt. ich wurde in den zug gesetzt - mit schild um den hals - und musste allein hinfahren. allein dort bleiben. lange sechs wochen lang. allein und krank wieder zurückfahren. ich hatte schreckliches heimweh die ganze zeit und ich weinte jede nacht.

ich war fest davon überzeugt, dass die eltern mich nicht mehr wollten. dass ich irgend etwas falsch gemacht hatte. was genau, das hatten sie mir nicht gesagt. aber es konnte nicht anders sein, als dass sie mich abstoßend fanden. warum sonst hätten sie mich so abgestoßen einen ganzen langen sommer lang?

im kinderquälheim war ich mit fünf anderen mädchen in einem zimmer eingepfercht. nachts war die türe abgeschlossen. es war uns verboten, aufs klo zu gehen. denn wir hätten uns ja dort mit den jungs aus dem anderen stockwerk treffen können. da waren die nonnen sehr streng. ich war sechs. ich wäre niemals alleine nachts durchs haus geirrt. schließlich hatte ich angst vor den großen jungs, und ich hätte alles getan, um ihnen nicht auch noch nachts begegnen zu müssen.

trotzdem war es schlimm, nachts eingeschlossen zu sein. in der mitte des zimmers stand ein pisspott mit henkel. für alle. wir plätscherten abwechselnd im dunkeln und schämten uns in grund und boden.

die schwarzen nonnen gaben sich alle mühe, mich innerhalb von sechs wochen von „blass und dünn“ upzudaten auf die version „prall und rosig“. dazu schaufelten sie mir von ihrem doofen nonneneintopf immer die größten portionen auf meinen teller. ich wurde gezwungen, genau so viel zu essen wie die vierzehnjährigen großen jungs auf der anderen seite der langen tischreihen.

ich flehte und bettelte um kleinere mengen. die küchennonnen waren unerbittlich. sechs wochen lang. ich kämpfte unter tränen mit meinen bauarbeiterportionen. ich schaffte es kaum. ich habe immer sehr lange gebraucht. so viel hunger hatte ich doch gar nicht. das passte doch alles gar nicht rein in meinen kleinen kinderbauch.

alle anderen kinder waren wütend auf mich, denn sie mussten immer auf mich warten. es gab keinen nachtisch, bevor nicht alle teller leergegessen waren. es durfte niemand aufstehen, bevor nicht auch noch der nachtisch verputzt war. ich habe immer am längsten gebraucht von allen. mit grießpudding kann man mich bis heute in die flucht schlagen.

auch die nonnen waren wütend auf mich, weil sie nicht mit dem abwasch anfangen konnten, bevor nicht alle kinder den saal verlassen hatten. ich brachte ihren großen plan durcheinander, weil ich zu langsam aß. ich war schuld.

einmal waren sie so wütend, dass sie mich mit meinem halbvollen teller in die küche zerrten. sie setzten mich zwischen berge von dreckigem ess- und kochgeschirr und befahlen mir, dort aufzuessen. die anderen kinder sollten einen ausflug machen. da konnte man nicht auf mich warten.

mir war schon übel von meiner großportion in dem speisesaal, wo immer ein ekliger mischgeruch von linoleumputzmittel und eintopfdünsten in der luft hing. der gestank der essensreste mit spüli gab mir vollends den rest, und ich übergab mich auf den küchenboden.

am ende meiner sogenannten kinderkur wurde ich krank: mit fieber wurde ich in den zug nach hause verfrachtet. allein. bleich wie die wand kam ich bei den eltern wieder an. die waren sauer auf mich, weil ich meinen schulanfang verpasste. in den windpockenwochen nahm ich allen nonnenmastspeck wieder ab.

ich glaube, damals hat es angefangen, dass ich nicht mehr normal essen konnte. ich aß entweder zu viel oder zu wenig. die mutter war nie ganz zufrieden mit mir. auch meine helle haut passte nicht in ihr bild vom „wunschkind“.

trotzdem war ich viele jahre lang ziemlich schlank. fraulich. normal. mit 18 war ich 176 zentimeter lang und wog 62 kilo. die mutter sagte ständig „paß auf dass du nicht zu dick wirst“. dünn durfte ich nicht sein. aber ein bißchen dickere haut auf den rippen passte auch nicht in ihr bild vom „wunschkind“, das zu sein sie bis heute nicht aufhört mir zu beteuern.

also passte ich auf, dass ich nicht zu dick wurde und aß eine weile so gut wie gar nichts mehr. ich wog noch 55 kilo und war sehr blass.

das nichtessen habe ich nicht länger als ein paar monate durchgehalten. danach nahm ich schnell wieder zu. mehr als vorher ging aber auf gar keinen fall. also spuckte ich wieder aus, was mir zu viel erschien.

ich schämte mich schrecklich. nun verschwendete ich auch noch lebensmittel, indem ich sie erst in mich hineinstopfte und mir kurz drauf den finger in den hals steckte. die mutter hat nichts gemerkt. angeblich. all die jahre nicht.

die bulimie habe ich fast zehn jahre lang betrieben. mal mehr, mal weniger. ich hielt mein gewicht unter 65 kilo. die mutter misstraute ihren argusaugen „kind, du bist doch nicht etwa dicker geworden?“

erst mit mitte dreißig nahm ich ein paar kilo zu. blieb aber immer noch weit unter dem, was in westeuropa als „normalgewicht“ bezeichnet wird.

mehr als drei jahrzehnte habe ich gegen meinen körper gekämpft und habe es doch nie allen recht machen können. irgendwann vor ein paar jahren habe ich dann einfach aufgehört, mich dünne zu machen und bin ge-wichtig geworden.

niemand, der mich jetzt sieht im matronenspeckmantel meiner wechseljahre, würde darunter ein so langjähriges schlankes unglück vermuten.

kein wespentaille mehr, statt dessen trage ich eine weiche hülle von nichtmehrraucherspeck durch die welt, vermischt mit medikamentennebenwirkungsspeck, stoffwechselveränderungsspeck, hartz4kummerspeck, keinerliebtmich-ichbraucheschokoladespeck und – ganz neu! - drei kilo katzentrauerspeck.

so ist das leben eben.


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