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Januar 2021

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Montag, 17. Juni 2013

es war einmal ... eine rose

- rosenworte zum montag - 

was vor zwei wochen mich duftend verwöhnte, vor einer woche tapfer den kopf hängen ließ - ist heute trocken raschelnde vergangenheit: meine erste rose 2013. aber sie duftet immer noch, irgendwie, und hält die erinnerung an sich selbst lebendig.

der raschelnde Rest, fast verduftet

hoffentlich entzündet sie sich nicht auch selbst, wie so manch hitziger krisenherd. man könnte meinen, einer davon sei heute auf meinem balkon: 36,2 grad im schatten zeigt das außenthermometer.

aber alles friedlich hier, zum glück: eine etage tiefer dudelt der vermieter unverdrossen rosamunde auf seiner quetschekommode, auf dem teppich rollt sich die katze dreimal umeinander und erwartet dafür eine belohnung, und ich schwitze so vor mich hin.

durch den kopf gehen mir heute worte wie soldaten. 50. jahrestag des DDR-volksaufstands 17. juni 1953; in Istanbul brennen der Gezi- und der Taksimplatz. die wasserwerfer sind dort nicht unterwegs, um feuer zu löschen.

als ich noch zur schule ging, damals in den 70er jahren des 20. jahrhunderts, lernten wir schülerInnen die parole "nie wieder krieg!"

das fanden wir gut, und das erschien mir sinnvoll. mein großvater hatte zwei weltkriege er- und überlebt, die eltern je einen. viele meiner vorfahren haben diese kriege nicht überlebt. der zweite indochinakrieg (bei uns besser bekannt als vietnamkrieg) war noch nicht wirklich vorbei.

wir waren uns alle einig: krieg ist schlimm. wir wollten keinen mehr.

aber immer hat sich irgendwer irgendwo nicht daran gehalten. es gibt tatsächlich menschen, die wollen krieg. und ich verstehe nicht, warum.

mein ganzes leben lang gab es immer krieg. irgendwo. manchmal weit weg, manchmal durch die medien in meinem wohnzimmer, dann wieder in meinem herzen.

die vererbten traumata der eltern, mein mitgefühl mit allen, die leiden, aber auch feindseligkeiten in meinem eigenen alltagleben. warum? was hat der einzelne mensch davon, einen anderen zu zerstören und an einem friedlichen leben zu hindern?

ich weiß keine antwort auf diese frage. ich will immer noch keinen krieg. und muss doch damit umgehen.

aus diesem anlass leihe ich mir meine heutigen rosenmontagsworte bei einer der klügsten frauen unserer zeit:
"Möge alles, was [Kriegsteilnehmerinnen und] Kriegsteilnehmer aller Seiten an Destruktivem in die Welt senden, niemanden treffen, sondern sich umkehren und sie selber treffen."
(Angelika Aliti, Das Maß aller Dinge, 2000, S. 68)
die ergänzung in den eckigen klammern stammt von mir. ich habe die erfahrung gemacht, dass frauen keineswegs das friedfertigere geschlecht sind. leider. auch wenn ich das gerne so hätte. ich kann noch nicht einmal mich selbst immer davon ausnehmen.

und deswegen gibt es auch noch ein ergänzungsrosenwort von mir, mal wieder ein stacheliges!
"wer nicht für einen hinterhältigen, verlogenen und intriganten kotzbrocken gehalten werden will, der/die braucht sich ganz einfach nur nicht wie ein hinterhältiger, verlogener und intriganter kotzbrocken zu verhalten."
ich wünsche allen eine friedliche woche!

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Montag, 15. April 2013

den schmerz zurückgeben

mehr als dreißig jahre sind vergangen, seitdem ich - kurz nach meinem 18. geburtstag - bei den eltern auszog. 150 mark warm kostete meine erste eigene wohnung - zwei kleine zimmer zur untermiete bei einem lehrer-ehepaar in der kölner südstadt. die eltern gaben mir das kindergeld und ein bißchen mehr. was ich sonst noch brauchte, verdiente ich mit diversen jobs.

die erste Pusteblume, April 2013

in der schule verstand das niemand: „warum ziehst du denn aus, wo doch deine mutter für dich kocht und die wäsche wäscht? und der schulweg dauert jetzt auch viermal so lange.“ sie hatten ja recht.

aber ich hielt die enge bei den eltern nicht mehr aus. wie eng es tatsächlich war in geistiger und emotionaler hinsicht, das mochte ich mir damals noch gar nicht eingestehen. ich redete mich auf die quadratmeter raus, die enge dunkle wohnung, das gemeinsame zimmer mit der jüngeren schwester. unerträglich, schon lange.

zu diesem zeitpunkt hatte ich das schlimmste erfolgreich verdrängt. es hätte sowieso niemand hören wollen, wie es mir wirklich ging. offiziell hieß es „wir können doch über alles reden.“ klar. aber wenn ich mal ein problem hatte, kam die ansage: „da musst du jetzt alleine durch. da kann dir keiner helfen.“ tja.

die eltern hatten mich gut dressiert: sobald ich etwas sagte, das nicht in ihr bild vom unkomplizierten vorzeige-wunschkind passte, gar eine eigene meinung kundtat - dann gab es böse worte, keifen und fauchen. bestenfalls zynische bemerkungen und eiskalte gleichgültigkeit.

wenn ich fror oder traurig war, schob ich das aufs schlechte wetter. besser so. das gab wenigstens nicht noch zusätzlich miese stimmung. es war oft schlechtes wetter. ich lernte, mich und mein unglück unter den teppich zu kehren und verstummte.

ich kehrte in meiner seele so gründlich, dass ich die lügen der eltern verinnerlichte und selbst daran glaubte, dass alles immer schön und harmonisch war. wie konnte ich damals wissen, dass meine traurige kindheit mich ein leben lang verfolgen würde?

zwar hatte ich den - ohnehin seit jahrzehnten nur spärlichen - kontakt zu den eltern im sommer 2008 ganz abgebrochen. doch dann hatte der vater im sommer 2012 den kontakt zu mir gesucht.

aber er wollte weder reden noch hören, wie es mir wirklich geht. weder er noch die mutter wissen bis heute, was ich für ein mensch geworden bin. es scheint sie auch nicht zu interessieren.

es war alles so wie früher. er klopfte seltsame sprüche, heischte aufmerksamkeit. die mutter beschimpfte mich am telefon, beleidigte mir liebe menschen. unfähig zu jeglicher selbstkritik. wenn ich früher erzählte, dass es mit nicht gut geht, fing sie an zu weinen. dann musste ich nicht nur mit meinen eigenen existentiellen problemen fertig werden, sondern auch noch die mutter trösten. wenn es mir nicht gut geht, will sie auch nicht mit mir reden. sie legte bald auf.

in mir kam alles wieder hoch. meine sorgsam verdrängte angst und verzweiflung aus kinderzeiten, die einsamkeit, das gefühl des ausgelieferten verlorenseins - und die gedeckelte wut. oh diese wut. ich weiß gar nicht, wie so viel hass in mir platz haben kann.

die ignoranz der eltern, ihre verlogene selbstzufriedenheit haben mich einmal mehr zutiefst verletzt. ich weiß, die hoffnung stirbt zuletzt. ich hatte wirklich darauf gehofft, dass sie ihre bitte um „wiederannäherung“ ernst gemeint hätten. hatten sie aber nicht. bzw., was sie darunter verstanden, war eine fortsetzung meiner qual mit denselben alten mitteln: sie sind tolle unfehlbare eltern, und ich habe gefälligst den mund zu halten. wenn es mir immer noch nicht gut geht, dann kann das nur daran liegen, dass meine therapeuten schlechte arbeit machen. genau.

die eltern sind der meinung, dass therapie den alleinigen zweck hat, ihre elterliche feindseligkeit und den emotionalen missbrauch klaglos auszuhalten. so wie früher, als ich ihr verhalten aufgrund mangelnder vergleichsmöglichkeiten für normal halten musste. wenn das kind aber auf die idee kommt, sich lieber nicht mehr quälen lassen zu wollen, dann haben offensichtlich die psychologen versagt.

im letzten sommer begann ich also, einen brief an die eltern zu schreiben. weil sie nicht reden wollten. ich schrieb ihnen, wie es mir als kind ging, was mir passiert ist, wie verzweifelt und hilflos und unglücklich ich war. wie sehr die angst mich aufgefressen hat. dass ich schon als schulmädchen vaters schnaps trank, mit 15 (heimlich) die erste therapie machte und vom taschengeld bezahlte, mit 16 den ersten suizidversuch ….

der brief ist sehr lang geworden. weil sie sich immer beschwert haben, dass meine schrift so unleserlich sei, habe ich den brief gedruckt.

ich habe - wieder sehr rational - auch geschrieben, dass ich nicht davon ausgehe, dass sie irgend etwas absichtlich getan haben, um mir weh zu tun. dass ich sehr wohl weiß um ihre verletzte kriegskindheit und sie sicher alles so gut gemacht haben wie sie nur konnten.

aber sie konnten es nicht, und es war nicht gut: die eltern waren durchaus daran beteiligt, dass aus mir hochbegabtem, sensiblen, kreativen kind ein seelisches wrack geworden ist, das - frühkindlich multipel traumatisiert - auf ein dutzend suizidversuche, eine lange suchtgeschichte und unzählige selbstverletzungen bis zum heutigen tage zurückblickt. sie sind die menschen, die mir in meinem leben am meisten geschadet haben.

so sehr viel schmerz habe ich in diesen brief gelegt, dass er kaum zu schließen war, und ich habe ihn sofort danach auf den weg gebracht. keine minute länger wollte ich weder brief noch schmerz im haus haben. vielleicht auch aus angst, ich könnte es mir über nacht anders überlegen und einmal mehr die eltern verschonen, ihnen ihre lebenslügen lassen - so wie ich es als kind bei strafe gelernt habe.

es ist noch nicht ausgestanden. die wut in mir kocht weiter, der hass frisst mich von innen. lässt mich mir selbst dinge antun, die ich nicht meinen ärgsten feinden wünsche. obwohl ich ihnen nur schrieb, wie ich meine kindheit und jugend erlebte, habe ich ein schlechtes gewissen: wie konnte ich den alten leuten, beide über 80, das antun?

dennoch: in mir ist es bedeutend friedlicher geworden. beim schreiben des briefes habe ich viel geweint, geflucht und gespuckt. das innere kind immer auf dem schoß. zwischendurch musste ich ihr einen schokoladenkuchen backen. sonst hätten wir das nicht ausgehalten.

wir haben uns den schmerz angesehen. stück für stück. mit großer kraft. haben ihn gesammelt, in die tüte gepackt und an die verursacher zurück geschickt.

return pain to sender.

ob und wie die familiengeschichte sich nun weiterdreht, bleibt abzuwarten.

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Sonntag, 7. April 2013

alpträume delegieren

besondere maßnahme no. XXVIII

nacht für nacht bin ich unterwegs, komme nicht an. bin zu spät, zu früh, werde verfolgt, bin auf der flucht, kriege den koffer nicht gepackt oder den container für den umzug; verpasse den flieger, den zug, den bus.

Steinmännchen am Bodensee - Konstanz

nacht für nacht werde ich im auto verfolgt, von geheimdiensten beschossen, mit messern bedroht; habe ich kein zuhause oder komme in eine verwüstete, zerstörte oder nicht mehr vorhandene, von anderen bewohnte wohnung zurück.

nacht für nacht finde ich mich an plötzlich unerlaubten orten wieder, werde ich bedroht und beschossen, stehe ich verletzt, blutend und nackt in empörter öffentlichkeit; schäme ich mich ratlos vor feindseligen kündigungs- und gnadenlosen familientribunalen.

nacht für nacht rückt das ziel in immer unerreichbarere ferne; stecke ich ausweglos bis zum hals in giftigem, brodelnd ätzenden schlamm, der mich zu ersticken droht; ist da, wo immer ein weg war, plötzlich ein tödlicher abgrund.

nacht für nacht werde ich bedroht, gefoltert, vergewaltigt; wird die katze vergiftet und mir häppchenweise serviert.

nacht für nacht bin ich müde, erschöpft und verzweifelt, will ich doch nur nach hause und ein bißchen ruhe - so wie andere menschen auch. aber ich finde den weg nicht, und ein zu hause gibt es gleich gar nicht.

gegen das, was ich nacht für nacht durchmache, sind die horrorgeschichten von Stephen King der reinste kindergartenkram.

ich bin immer allein. immer in angst. unfähig, die dinge zu erledigen, die ein 'normaler' mensch gefälligst mal eben schnell ohne großes aufsehen zu erledigen hat. niemals bin ich gut genug und offensichtlich immer schuld an etwas ganz schrecklich schlimmen, das den anderen erlaubt, mein leben für unlebenswert zu erklären, mich zu verachten, zu verfolgen, zu vertreiben, zu verletzen, auszuschließen.

der letzte schöne traum, den ich erinnere, liegt mehr als dreißig jahre zurück. selbst der begann mit einer katastrophe: ich war unterwegs im nachtzug von italien nach freiburg. die alpen machen mir angst, bedrängen und bedrücken mich. da kriege ich keine luft. deswegen nehme ich durch die schweiz immer den nachtzug, da muss ich die hohen berge nicht sehen. aber mein zug ist entgleist, mitten in der nacht, mitten in den alpen.

damals war ich in der phase zwischen abitur und studium. ich war 19, habe gejobbt, bin viel gereist, wollte welt sehen - und nicht nahtlos von einer schule auf die andere stolpern. nach diesem jahr war klar: ich werde in freiburg studieren. und dahin sollte der zug im traum mich bringen. über nacht.

der zug kam nie an. er entgleiste, kippte um, es ging nicht weiter. ich war aus meiner schlafkoje durchs offene fenster herausgerutscht, lag unter dem zug. mitten in den alpen. rechts und links bedrohliche steile bergwände. ich krabbelte unter dem zug hervor, rappelte mich auf und kletterte die wand hoch, stieg auf den berg. im dunkeln. stück für stück.

als ich oben ankam, brach die morgendämmerung an, eine freundlich warme sonne schickte ihre ersten strahlen über das rheintal. die aussicht war gigantisch. in der ferne sah ich mein geliebtes freiburg. da breitete ich die arme aus und flog.

auch in diesem traum kam ich nicht an. das gefühl des fliegens war so überwältigend schön, dass ich wach wurde. aber genau deswegen habe ich diesen traum als „schön“ in erinnerung. seit mehr als drei jahrzehnten. ich bin dann auch im echten leben nach freiburg gezogen.

seither gab es niemals wieder einen traum, aus dem ich fröhlich und zuversichtlich erwachte.

neuerdings reichen meine eigenen nächte nicht mehr aus für die vielen alpträume. sie unterwandern meinen freundeskreis:

eine bekannte erzählte mir vor kurzem, sie habe von mir geträumt. naja, nicht direkt. in ihrem traum ging es um mich, aber ich war nicht da. ich war mal wieder verreist. und sie wollte in meiner wohnung nach dem rechten sehen.

sie kam herein, die tür stand sperrangelweit offen, mein katholischer vermieter und andere ekelhafte männer latschten in meiner wohnung herum, fassten alles an, schoben unsanft möbel hin und her, warfen meine persönlichsten und privatesten dinge durcheinander und lästerten abfällig über die „renitente alte“ aus dem dachgeschoss. der balkon war von außen mit brettern vernagelt - meine sonst so helle und freundliche wohnung war dunkel und stank nach diesen widerlichen kerlen. der treppenabsatz vor der wohnungstür war abgerissen - man stürzte direkt ins treppenhaus hinunter.

meine bekannte war starr vor entsetzen, blieb aber tapfer, wollte die einbrecher vertreiben. die aber hatten keinerlei unrechtsbewusstsein, meine privatsphäre zu penetrieren. sie erntete spott und hohn und gelächter. der traum war sehr realistisch, denn so sind sie auch in echt, mein respektloser vermieter und seine primitiven dorfkumpels.

sie weinte, als sie mir das erzählte. hatte angst um mich gehabt. ich war bestürzt. und heimlich froh, dass sie mir einen alptraum abgenommen hatte, den ich selbst nicht passender hätte träumen können.

vielleicht wäre das eine möglichkeit, meine eigenen nachtwanderungen etwas entspannter zu gestalten? ich könnte meine alpträume delegieren.

ich würde allerdings nur ungerne weiterhin meine freundInnen damit belasten.

weiß nicht jemand, wie man alpträume channelt an - sagen wir mal - so jemanden wie meine ollen vermieter? oder besser: an menschen, die ihrer ewigen schönen träume längst überdrüssig sind und auch mal echten horror erleben wollen in der nacht? wäre das nicht eine ganz besondere maßnahme? eine erfolg versprechende geschäftsidee?

meine nightmare-productions sind von ausgesuchter gruselqualität. das könnte sich durchaus lohnen.
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Sonntag, 30. September 2012

kriegsenkelin

als ich im juli vom besuch des vaters berichtete, unsere lebenslang schlechte beziehung und seine erlebnisse im zweiten weltkrieg erwähnte und ihn der von mir so genannten „eisernen generation“ zuordnete - da ahnte ich nicht, dass ich ein phänomen beschrieb, das seit einigen jahren einen namen hat.


ich bin tochter von kriegskindern. ich bin kriegsenkelin.

ich bin tochter von menschen, die im zweiten weltkrieg selbst als kind militärischen an- und übergriffen hilflos ausgesetzt waren, die vertreibung und flucht, den verlust von hab&gut und geliebten menschen ohne filter miterlebten; die ihre traumata niemals verarbeiten konnten, alle gefühle in sich verbunkerten, selbst mit überleben beschäftigt waren und von den eigenen kindern bedingungsloses funktionieren nicht nur erwarteten, sondern auch einforderten.

es trifft nicht nur mich, es trifft viele. die rede ist von einer ganzen generation. es geht um menschen, die - in etwa - zwischen ende der 1950er und anfang der 1970er jahre geboren wurden. die „geburtenstarken“ jahrgänge, auch die.

vermutlich bin ich auch noch kriegs-ur-enkelin. denn auch die eltern waren ja kriegsenkel, kinder von menschen, die den ersten weltkrieg als kind erlebt hatten. in der traumaforschung weiß man heute, dass nicht verarbeitete traumata sich an die nächste generation vererben können.

wer ein trauma nicht auflöst, gibt es weiter. passiert das über mehrere generationen hintereinander, kommen immer neue ungelöste traumata hinzu, das trauma potenziert sich. neue kriege entstehen - auf allen ebenen: nicht nur zwischen staaten, sondern zwischen menschen und - schlimmer noch: IN menschen. in mir. in dir.

das gilt für alle kriege, für alle katastrophen, überall auf dem planeten. welch eine erschreckende einsicht. und gleichzeitig: welch eine riesenchance auf heilung, auf ein kleines bißchen weltverbesserung, wenn ich sehe, dass ich meinen teil dazu beitragen kann, indem ich mit meiner eigenen genesung beginne, das eigene trauma auf- und mich erlöse.

eine freundin brachte mich auf die spur, gab mir einen link, einen buchtitel. ich folgte den hinweisen und fand informationen, verständnis, unterstützung. ich fand etwas beruhigung meines inneren aufruhrs, erklärungen für einen teil meines traurigen lebens von kindheit an. ich fand die chance auf kleine heilung und linderung des schmerzes.

es wächst ein neues verstehen der seelischen nöte der eltern - auch wenn ich nicht für alles verständnis habe und sie schon gar nicht aus ihrer verantwortung entlassen kann. es gibt keinerlei entschuldigung dafür, die eigenen kinder zu quälen und zu foltern, niemals.

die einsamkeit bleibt, die emotionale verwahrlosung, die schreckliche hasserfüllte seelische heimatlosigkeit, die unendliche angst des „sich-verloren-fühlens“. die vergangenheit wird ja nicht plötzlich ungeschehen, bloß weil man sie etwas besser versteht. es gibt keine „undo“-taste fürs gelebte leben.

die journalistin Sabine Bode hatte sich zunächst mit Kriegskindern befasst, bevor sie deren kindern, uns kriegsenkeln also, ein eigenes buch widmete. in „Kriegsenkel“ schreibt sie im kapitel „Gespenster aus der Vergangenheit“:

Ich schreibe über Menschen, denen die eigenen Eltern unwillentlich Schaden zufügten, und - was die Folgen bis heute so schwer erträglich macht - deren Eltern keine eigene Beteiligung am Unglück ihres Kindes sehen, bzw. die überhaupt kein Unglück wahrnehmen.

Sie werden in diesem Buch nicht beschuldigt, denn als Traumatisierte konnten sie ihr Handeln nicht richtig einschätzen. Aber sie werden auch nicht geschont. Denn Schonung würde bedeuten, das Schweigen in die nächste Generation weiter zu tragen, wo es erneut Verwirrung und unerklärliche Symptome verursachen könnte.“ *

vater und mutter sind die menschen, die mir in meinem leben am meisten geschadet haben. sie sind jetzt 80 und 85 jahre alt. sie haben nicht mehr viel zeit, um sich aus ihren eigenen verwirrungen zu lösen, und offensichtlich so gar kein interesse daran. was sie eine „wiederannäherung“ nennen, ist für mich eine fortsetzung der qualen meiner kindheit und jugend. ich darf nicht sagen, was ist und was war - sonst gibt es keifen und fauchen, zynische bemerkungen und beleidigten kontaktabbruch. 

statt dessen soll ich sie emotional füttern, hätscheln und päppeln. nur dann bin ich - in ihren augen - die „gute“ tochter. das lügen den eltern zuliebe aber, damit sie sich ihre eigenen lebenslügen nicht eingestehen müssen, halte ich nur schwer aus: sind sie außer blickweite, mache ich fressanfälle, knalle mit dem schädel gegen die wand und zerkratze mir die kopfhaut bis es blutet. nicht wieder zum alkohol, zu nikotin oder anderen drogen zu greifen, fällt mir in solchen zeiten besonders schwer.

zu wissen, dass ich mit dem „phänomen“ nicht alleine bin, lindert den schmerz. im internet und in echt gibt es unterstützung. besonders hilfreich finde ich das „ForumKriegsenkel“ mit vielen informationen, einer aktuellen studie (2012), lebensgeschichten, literaturtipps und links.

hier im blog habe ich ein weiteres 'label' eingetragen, das auf posts verweist, die mit meinem kriegsenkelin-sein zu tun haben - auch wenn ich das wort „kriegsenkel“ nicht immer explizit benutzt habe.

gleichzeitig habe ich damit auch mojour - also mir selbst - ein neues 'label' angehängt: immer unterwegs mit dem ziel, die zu werden und zu sein, die ich wirklich bin, lautet der aktuelle zwischenstand ungefähr so:

frühkindlich multipel sexuell und anders traumatisierte, rezidivierend depressive, kreative, hochsensible hochbegabte, prekär lebende, anonym bloggende journalistin, trockene alkoholikerin, kalte raucherin und kriegsenkelin mit autistischen zügen in den wechseljahren“ .... und noch viel mehr!


* aus: 
Sabine Bode, Kriegsenkel, Klett-Cotta 2009, ISBN 978-3-608-94550-8 (S. 30)


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Sonntag, 22. Juli 2012

vaterschreck

es ist unsere erste begegnung nach mehr als viereinhalb jahren. sein erster besuch in meinem leben seit mehr als dreizehn jahren. meine wohnung hat er dennoch lieber nicht betreten. wir sitzen auf der terrasse einer renommierten konditorei. der dicke alte mann schaufelt schwarzwälder kirschtorte in sich hinein. ich trinke kaffee mit schlagsahne.


der vater wunderte sich: „Ja darfst du denn immer noch keinen Alkohol ….?“ ich bleibe geduldig. „nein, ich bin trockene alkoholikerin. das weiß du doch, dass man da nicht mehr trinken kann.“ - „Ja aber ich dachte, nach ein paar Jahren, wenn man brav war, dann könnte man wieder ….“. sie wollen es nicht wahrhaben, diese eltern. ich bin schließlich ein wunschkind, und ein wunschkind hat den wünschen der eltern zu entsprechen. „alkoholkrank“ stand nicht auf ihrer wunschkindeigenschaftswunschliste, also wird es ignoriert und freunden gegenüber verheimlicht.

dabei war er es, der mit der 13-jährigen zum „bier-trinken-üben“ in die kneipe ging. „Das wird dir nicht gleich beim ersten Mal schmecken, Tochter. Das ist bitter. Du wirst es öfter versuchen müssen.“ ich wollte seine gute tochter sein und überwand die bitterkeit so lange, bis ich ohne nicht mehr sein konnte.

immerhin ist er innerhalb weniger wochen ein zweites mal quer durch die republik gefahren, um mich zu sehen. sein erster versuch war im mai, als ich in italien war. da war er einfach losgefahren, traf mich nicht an, hinterließ anonyme botschaften auf meiner anrufbefürworterin, die mich bei meiner rückkehr in angst und schrecken stürzten.

ich löffle noch etwas sahne vom extraschälchen auf meinen kaffee.

„wieso hast du dich damals nicht angemeldet?“ - „Ich wollte dich überraschen.“ - „hattest du angst, ich würde nein sagen am telefon? hast du gedacht, wenn du mir die pistole auf die brust setzt und gleich vor der tür stehst, könnte ich dich nicht wegschicken?“ - „Ja.“ wenigstens ist er ehrlich.

in mir eine große vielschichtigkeit von gefühlen:

überfälle finde ich brutal und respektlos. das macht mich wütend. aber ich behalte es für mich. weil ich weiß, dass er dann wieder eingeschnappt wäre. das alte muster. es besteht die gefahr, dass er wieder jahrelang nicht mit mir reden würde, so wie beim letzten mal. so viel lebenszeit hat er nicht mehr.

gleichzeitig fühle ich mich schuldig, weil ich bei seinem ersten besuch im mai nicht zu hause war. der kerl arbeitet seit jeher mit emotionaler erpressung. das ist unerträglich.

gleichzeitig bin ich gerührt von seiner anstrengung, sich mir – auf die beste ihm mögliche weise – wieder anzunähern. gerührt auch von seiner unbeholfenheit.

trotzdem: ich kann ihn nicht leiden, finde ihn eklig. dieser mann hat meine kindheit versaut, meine jugend, mein leben. ich hasse ihn. er war zynisch, desinteressiert. sein häufigster satz, seitdem ich ein i-dötzchen war: „da musst du alleine mit klarkommen. da kann ich dir nicht helfen.“

er war nicht da für mich, niemals fühlte ich mich geborgen. meine bedürfnisse hatte ich den seinen unterzuordnen. tat ich es nicht, sorgte er für mein schlechtes gewissen: ich war schuld, wenn es ihm schlecht ging. wenn er da war, lief ich auf zehenspitzen, alle antennen nur darauf ausgerichtet, ihn nur ja nicht zu stören. er hat mich oft dabei erwischt. ich war nicht leise, nicht unsichtbar genug.

das, was ich sagen will, ist zu viel. mit dem löffel versuche ich, die sahnhäubchen in den kaffee zu tunken und unter der oberfläche zu halten.

der vater ist fast achtzig. er gehört wie die mutter zur eisernen generation, die im zweiten weltkrieg kind oder jugendlich war und erlittene verluste niemals richtig betrauern oder erlebte schrecken verarbeiten konnte. sie sind die ewigen opfer, denen es von allen immer am schlechtesten ging: „Also halte den Mund, Kind! Und jammere nicht! Dir geht es doch gut!“

er spricht von seiner schulzeit, die 1939 begann - und wie er damals von lehrern geschlagen wurde. heischt mitleid „Wenigstens das haben wir dir doch erspart.“ wieder habe ich ein schlechtes gewissen, weil ich „nur“ mit angst, kopf- und magenschmerzen in die schule ging. ich bleibe bei mir so gut es geht und sage „du weißt selbst sehr gut, dass man kinder nicht verprügeln muss, um sie zu quälen und zu foltern.“

„Aus der Sicht der Kinder mag manches anders aussehen als aus der Sicht der Eltern. Aber Eltern haben nun mal die Macht, Ihren Kindern gegenüber immer im Recht zu sein.“

dabei schaut er mich durchdringend an, fast triumphierend. ich verstehe: er duldet keinen widerspruch. der vater besteht auf seiner macht. mit großer kraft bleibe ich diplomatisch: „damals hatten kinder noch nicht das recht auf eine gewaltfreie kindheit. das hat sich inzwischen geändert. es gibt jetzt kinderrechte.“

er kotzt mich an in seiner unfehlbaren selbstgerechtigkeit, die zu keinerlei selbstkritik fähig ist.

ich löffle die ungezuckerte schlagsahne, die nicht untertauchen will, in meinen mund, und bin getröstet von ihrer weißen weichheit.

wir kommen nicht zueinander. er wechselt das thema, obwohl wir das vorige noch gar nicht besprochen hatten. zu vieles bleibt ungesagt.

nach fünf kontaktlosen jahren möchte er fakten aus meiner gegenwart. ich berichte von langer erwerbslosigkeit und vom leben mit hartzIV trotz arbeit. er weint, als er mir als gruß von der mutter einen hunderteuroschein in die hand drückt: "Für Blumen."

ich erzähle auch von meiner derzeitigen halbtagsstelle, die mich viel kraft kostet. er verabschiedet sich winkend und ruft mir freundlich hinterher: „Da musst du jetzt alleine durch. Da kann dir keiner helfen.“

damit hat er natürlich recht. genau so ist es. ich hätte gerne einen menschen in meinem leben gehabt, der die bezeichnung „vater“ verdient. da muss ich schon mein leben lang alleine durch.


ps am 1. Oktober 2012:
durch reaktionen auf diesen text bin ich dem begriff "kriegsenkel" begegnet. in "kriegsenkelin" habe ich mehr dazu geschrieben.



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Mittwoch, 9. März 2011

meine vorbilder

ein schulaufsatz

als ich noch ein kleines mädchen war, wollte ich unbedingt lehrerin werden. die klassenlehrerin in der grundschule war mein großes vorbild. zumindest verehrte ich sie sehr. am meisten verehrte ich sie, weil sie mir gute noten gab. sie hatte die macht über wohl und wehe aller schulkinder. mir wollte sie wohl.

erdmännchen? erdweibchen?

meine grundschullehrerin war mir nicht wirklich ein vorbild. ich kannte sie ja kaum. aber sie war die erste frau in meinem leben, die nicht nur hausfrau war. sie hatte einen eigenen beruf, sie verdiente eigenes geld, sie war von niemandem abhängig, durfte sogar ihre eigene meinung sagen. andere leute (also ich und meine schulkameradInnen) mussten tun, was sie sagte - und wir mussten es gut machen, sonst gab es schlechte noten. ja: sie hatte macht. das gefiel mir.

meine eigenen eltern taugten als vorbild wenig. der vater meist fort zur arbeit. war er zu hause, saß er entweder vor dem fernseher, schnarchte auf dem sofa oder lag nach der nachtschicht im bett. er war ein sehr abwesender vater. außerdem war er ziemlich dick, furzte und rülpste nach belieben: SEINE vorbilder waren mittelalterliche ritter. ich mochte ihn nicht. ich ekelte mich. er war mir peinlich.

auch die mutter war mir wenig vorbild mit ihrer eiskalten ungeduld. sie arbeitete zwar auch hin und wieder, dies und das - ließ aber regelmäßig durchblicken, dass ihr das alles zu viel sei und dass sie das nur für uns täte - also nur für die schwester und für mich - weil wir uns sonst nichts hätten leisten können. sie war oft schlecht gelaunt und zog sich immer wieder mit migräne in ihr schlafzimmer zurück.

ich verbrachte sehr viele tage meiner kindheit auf zehenspitzen, weil entweder der vater oder die mutter absolute ruhe brauchten. ich lernte: weil es mich gibt, geht es den eltern schlecht. nein: zu hause kein vorbild nirgends.

nach der grundschule waren mir auch die lehrerinnen auf dem gymnasium kein vorbild mehr: allesamt strenge alte jungfern. die meisten ziemlich schmallippig. zwar gab es die eine oder andere lehrerin, die ich sehr liebte - meine kunstlehrerin zum beispiel: sie war mit einem blinden goldschmied verheiratet und wunderbar feinfühlig. vor den meisten aber hatte ich angst. so furchterregend wollte ich nun wirklich nicht werden.

mit den vorbildern hatte ich es also nicht leicht. frauen, denen ich hätte ähnlich werden wollen, gab es wenige. die, die ich verehrte, fanden in den strengen augen der eltern keinen gefallen.

bezaubernde jeannie, die war super! wie sie immer ihren willen kriegte und den mann an der nase herumführte. wunderbar! leider nicht realistisch - dieses vorbild taugte höchstens für den karneval.

eine geistreiche, kluge philosophin wollte ich werden, wie simone de beauvoir. als ich erfuhr, welchen preis sie dafür zahlte im zusammenleben mit herrn sartre, schrumpfte sie vor meinen augen zusammen. was nicht heißt, dass ich ihre texte nicht trotzdem bewunderte.

ganz enorm beeindruckt hat mich die schweizerin isabelle eberhardt, die in männerkleidern allein durch die sahara ritt, romane schrieb und reiseberichte: „ohne Schreiben gibt es keine Hoffnung für mich in diesem verfluchten Leben in ewiger Finsternis”. das war ich! alleine in die wüste, das habe ich mich aber dann doch nicht getraut. und schon mit 26 sterben wollte ich auch nicht.

irgendwann blieb keine mehr übrig, und lange zeit wollte ich sein wie verschiedene männer. als vorbilder wählte mir natürlich nur die allerberühmtesten: pablo picasso oder marcel duchamp, charles bukowski oder tom waits zum beispiel.

ich habe tatsächlich geglaubt an das, was mir in der schule beigebracht worden war: dass männer und frauen gleichberechtigt seien und gleiche chancen hätten.

ich dachte, ich könnte mich frei bewegen auf diesem planeten, könne sagen was ich denke und tun, was mir beliebt und meinem wesen entspricht. riskant leben, ein bißchen bohème sein - trotzdem respektiert werden und anerkennung finden. wie andere männer eben auch.

ich habe mir lange vorgemacht, dass das möglich sei. dabei war das vielleicht der größte irrtum meines lebens. und der kraftraubendste.

es war sehr schmerzlich, einzusehen, dass ich nicht frau sein kann und trotzdem leben wie ein mann. wie deprimierend! damit waren alle meine vorbilder hinfällig. egal welchen geschlechts.

mit den jahrzehnten lernte ich, dass es im leben sowieso nicht in erster linie um vorbilder geht, sondern darum, die zu werden und zu sein, die ich wirklich bin. mit ganzem herzen ich selbst und sonst gar nichts.

allerdings gehe ich bis heute nicht davon aus, dass “die zu sein, die ich bin” ein erreichbares endziel ist, an dem ich perfekt und fertig wäre. welch eine schreckenslangweilige vorstellung!

“sein, wer man wirklich ist” - das ist vielmehr ein immerwährender prozess, in dem ich mich - hoffentlich - bis an mein lebensende befinden werde. ich gehöre ganz sicher nicht zu den menschen, die irgendwann von sich behaupten wollen oder können, sie seien fertig. ich möchte mein leben lang lernen, mich ein leben lang verändern und womöglich sogar täglich neu erfinden dürfen.

wenn mir das gelingen könnte, in liebevoller achtsamkeit - dann wäre ich mein eigenes vorbild.


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Mittwoch, 20. Oktober 2010

50 jahre

ein halbes jahrhundert. unvorstellbar. noch älter als ich ist dieser alte toaster, der ein hochzeitsgeschenk für die eltern war.

wendetoaster: rowenta, 1960

es handelt sich um einen klappen- oder wendetoaster modell E5214 von rowenta, noch produziert im von robert weintraud 1884 gegründeten stammwerk in offenbach, bevor die firma anfang der 60er jahre von amerikanischen investoren übernommen wurde. der ist also noch richtig gute ‚deutsche wertarbeit‘ sozusagen.

trotzdem hat dieser toaster in der familie meiner kindheit regelmäßig für ärger gesorgt. die brotscheiben darin werden ‚halbautomatisch‘ gewendet, indem man die klappe weit nach unten öffnet. dann dreht sich das brot wie von selbst. aber es gibt weder timer noch abschaltautomatik, die toasts wollen immer beobachtet und im genau abgepassten augenblick gewendet sein.

die mutter war damit oft überfordert, weil sie gleichzeitig noch die eier mit speck zubereiten, kaffee kochen, frühstückstisch decken, den kohleofen einheizen, die lockenwickler aus den eigenen haaren nehmen, uns wecken und den vater aus dem bett locken musste.

immer wieder wurden ihr die toastscheiben kohlpechrabenschwarz. den brotkoks haben wir dann mit einem messer über dem spülstein abgeschrappt. wenn der geruch kippte von duftendem golden toast zum angebrannten brot, wussten wir, dass spätestens da auch mutters sonntagslaune gekippt war.

der alte 'turn-over' ist also weder praktisch noch pflegeleicht, deswegen wurde er irgendwann gegen ein anderes modell ausgetauscht: eines, das die fertig getoasteten scheiben auswirft, sobald sie die gewünschte bräunung haben.

trotzdem liebte ich den rowenta heiß und innig. vielleicht, weil er den eltern nicht gut genug war. da hatten wir etwas gemeinsam. vor allem aber deshalb, weil nicht nur genormte toastscheiben reinpassen, sondern auch mal ein halbes brötchen, auch kanten oder unegal abgeschnittene brotscheiben. weil er mich achtsamkeit lehrt und konzentration.

als ich mit achtzehn jahren in eine eigene wohnung zog, nahm ich den alten toaster mit und wieder in betrieb. er ist mir bis heute treu geblieben.

ich habe ihn aber auch nie verraten. einmal hat die mutter mir einen ihrer ‚praktischen‘ automatik-toaster aus dem ewigen quelle-katalog geschenkt. ich habe die annahme verweigert. die mutter verstand das nicht. die mutter verstand mich nicht.

in den dreißig jahren, die wir miteinander verbracht haben, mein toaster und ich, habe ich oft das chrom poliert, die elektrik ein paar mal repariert, abgebrochene bakelit-teile wieder angeklebt, ihm eine neue schnur spendiert.

das erstaunliche ist nicht, dass ich dieses oder andere geräte – wie die 20-jährige caffettiera zum beispiel - schon so lange in meinem haushalt habe. erschreckend ist vielmehr, dass ich schon so alt bin, dass die dinge so lange bei mir gewesen sein können.

was wusste ich denn mit achtzehn, werwiewo ich mit ende vierzig sein würde? dass dann alles anders wäre, als ich es mir als teenager erträumte – dass ausgerechnet dieser toaster aber unverändert dabei wäre?

zu meiner herkunftsfamilie habe ich ‚aus gründen‘ seit jahren keinen kontakt mehr. trotzdem habe ich natürlich gewisse daten im kopf. die eltern begehen heute goldene hochzeit. ohne den toaster.

wir wünschen - trotz allem - liebe, gesundheit und glück aus der ferne und feiern hier ein eigenes fest: herzlichen glückwunsch zum 50. geburtstag, mein toaster!


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Mittwoch, 9. Juni 2010

nachtschaden

wenn die nächte nicht zu kalt sind, schlafe ich bei offener balkontüre. nachts ist mein dorf für gewöhnlich himmlisch friedlich, mal abgesehen von den kirchenglocken alle viertelstunde.


neulich, in der nacht von sonntag auf montag, wurde ich wach von lautem grölen, das - erst unverständlich - näher kam und lauter wurde. normalerweise baue ich solche ‚nächtlichen störgeräusche‘ in meine träume ein, um nicht aufwachen zu müssen.

ich träumte also fußballplatz nach dem spiel und besoffene männer im siegestaumel. mir war nicht wohl im traum, denn ich finde alkoholisierte kerle nicht angenehm. die schlachtrufe wurden immer deutlicher, und es hörte sich so an wie „sieg heil, das ist geil, wir besiegen die juden und andere völker“.

mir wurde bang, ich fühlte mich bedroht und wachte auf mit herzklopfen. der traum war weg – aber das grölen blieb. flaschen klirrten. da zog ein ganzer trupp die nächtliche dorfstraße entlang. laut. ich hatte den text nicht bloß geträumt! dreiviertel drei schlug die turmuhr. ansonsten totenstille.

ich zog mir was über und ging raus auf den balkon. erkennen konnte ich nichts und niemand. licht mochte ich nicht machen vor angst, gesehen zu werden. ich weiß, dass das nicht logisch ist.

meine angst ist niemals logisch, aber sie sitzt tief. bloß nicht auffallen! nichts falsches sagen, nichts falsches tun in der öffentlichkeit – sonst kommen sie und holen dich in der nacht! in meiner erinnerung mischen sich geschichtsfetzen mit den kriegserzählungen der mutter. ich bin das kind einer traumatisierten generation, und ich habe diese angst geerbt.

die mutter war ein teenager damals. süße siebzehn bei kriegsende. sie hat überlebt mit dem was sie am leib hatte, sonst nichts. viel erzählt hat sie nie, vielleicht habe ich auch die falschen fragen gestellt. wir hatten ja ohnehin kein besonders gutes verhältnis zueinander.

in erinnerung geblieben ist mir vor allem ihre schilderung vom tod ihres vaters: mein großvater war zuckerkrank und musste regelmäßig zur behandlung in ein krankenhaus. diabetes war in den 40er jahren des vorigen jahrhunderts weitaus schwieriger zu behandeln als heute.

das hospital war katholisch, wurde von nonnen geführt, und so lange ging wohl immer alles gut. dann wurde das krankenhaus von nazis übernommen. kurz darauf starb ihr vater in der klinik. man habe ihm aus versehen nach der insulinspritze statt zucker eine weitere dosis insulin gegeben. ein bedauerliches mißgeschick.

der verdacht der familie ging dahin, dass die falsche spritze kein versehen war, sondern absicht. nachzuweisen war gar nichts. es bleibt im vagen, verschwommenen. der großvater taugte nicht als soldat und nationalsozialistisches kanonenfutter. er war unheilbar krank.

damals war das eben so. die mutter erzählte diese geschichte immer ganz ungerührt, als ob es gar nicht um ihr eigenes leben ging, sondern um jemand anderen. die gefühle im bunker verschüttet. therapeutische unterstützung kannte nach dem zweiten weltkrieg niemand. nicht aufarbeitung, sondern wiederaufbau hieß die devise.

der großvater mütterlicherseits gehörte damals in die kategorie „nicht lebenswertes leben“. ich hatte immer angst, dass ich auch ‚so eine‘ bin. „wenn du nicht brav bist, dann holen sie dich!“ war ein standardspruch in meiner kindheit. wer hat das gesagt? die mutter? der vater? die großmutter? der stiefgroßvater? ich erinnere nur das gefühl, und diese angst ist mir bis heute geblieben.

ich bin nirgends sicher. nicht einmal im eigenen bett. da erst recht nicht! an eine nacht ohne alpträume kann ich mich gar nicht erinnern. solange das nur träume sind, wenn auch schlechte – komme ich damit schon irgendwie klar.

aber was ist, wenn du wach wirst, und der alptraum geht einfach weiter?! was ist das für eine welt? was ist das für ein dorf, in dem ich hier lebe? wo nachts nazis (oder nazi-ähnliche!?) unbehelligt grölend durch die straßen ziehen?

hab keine angst, mein kind, es ist alles gar nicht so schlimm wie es aussieht. das meiste ist viel schlimmer!

was ist das für ein leben, wenn es sich bei lebendigem leib anfühlt wie ein immer währender alptraum? meine größte hoffnung ist die, eines morgens wachzuwerden, die sonne scheint, neben mir ein friedlich schnarchender geliebter mensch und alles ist gut - all die jahrzehnte von angst und schmerz und einsamkeit und trauer, das war nur ein böser böser traum. so ist das aber nicht. der böse traum geht einfach immer weiter.

ich habe lange nicht wieder einschlafen können am montag morgen.


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Sonntag, 9. Mai 2010

tochter aus schlechtem hause

seit wochen, seit monaten schon: ich schleiche um dieses thema herum. es geht mir nicht gut damit. ständig dieser begriff, immer und überall, zu jeder tages- und nachtzeit. im fernsehen im radio in der zeitung im internet: diese wörter, und ich benutze sie hier und heute nur ein einziges mal: sexueller missbrauch. als ob es auch einen angemessenen sexuellen GEbrauch gäbe. wie bei tabletten oder alkohol oder nikotin. als ob die opfer von sexualisierter gewalt, von sexuellem machtmissbrauch auch ein genussmittel seien, wenn man(n) sie nur richtig zu gebrauchen weiß.



es kotzt mich an, und ich kotze zurück. es triggert. mir geht‘s beschissen. auch wenn irgendwo gute absichten dahinterstecken mögen, dass das thema zur zeit in allen medien so rasend präsent ist. gestern ist mixa abgetreten worden. endlich. ich hoffe, dass noch viele weitere folgen werden.

nicht nur kirchenväter. auch all die anderen väter, die leiblichen, die stiefväter, die großväter, die onkelväter. alle sollen sie zurücktreten, wenn sie jemals das menschenrecht auf sexuelle selbstbestimmung eines anderen menschen nicht respektiert haben. ich fordere einen kollektiven rücktritt. am vatertag, vielleicht?

das bild der täter ändert sich. in meiner kindheit und jugend war es angeblich der fremde im park, der nachts ahnungslose frauen und kinder überfiel und im dunkeln hinter die büsche zog. aktuell wird berichtet von vertrauenspersonen, die sich an ihren zöglingen vergehen.

mit den jetzigen aufklärungen rückt endlich - seit kurzem – der sexuelle machtmissbrauch innerhalb der familie und im bekanntenkreis mehr in den mittelpunkt. der ARD monitor  brachte es am 22. april 2010. das habe ich zufällig gesehen [leider ist die sendung in der mediathek der nicht mehr abrufbar].

es ging darin unter anderem um die beschränkung von therapiestunden für die betroffenen. die krankenkasse zahlt nämlich maximal achtzig. ich weiß das. eine frau sagte dazu im film: „das ist, als ob man zu einem nierenkranken patienten sagen würde: nach der achtzigsten dialyse ist endgültig schluss. jetzt muss deine kaputte niere aber auch mal wieder alleine klarkommen.“ danach war mir schlecht.

auf arte gab es dazu in der verganenen woche einen themenabend   – den anzusehen, habe ich mir nicht zugemutet.

als kleines mädchen bin ich immer gewarnt worden vor dem bösen fremden mann, der mit bonbons versucht, mich zu seinem kaninchenstall zu locken, um mir etwas kuscheliges zum streicheln zu zeigen. „geh‘ da auf keinen fall mit“ - das war mutters kategorischer imperativ, bevor sie mich allein auf den schulweg schickte. die mutter war so dumm. so blind.

es ist lange bekannte tatsache, dass die meisten sexuellen straftaten innerhalb des familiären umfelds 'passieren'. aber vorsicht: pfoten weg! tabu! darüber wird nicht gesprochen. der familiäre dreck wird brav unter den eigenen teppich gekehrt.

kaum eine frau, mit der ich jemals über dieses thema gesprochen habe (und es waren viele), hat es geschafft, in ihrem sexuellen selbstbestimmungsrecht unversehrt durch ihr bisheriges leben zu kommen.

die dunkelziffer ist groß. ich bin so eine: ich bin eine dunkelziffer.

mutters warnung ging in die falsche richtung, und sie kam zu spät. als es anfing, konnte ich weder laufen noch sprechen. ich strampelte und schrie um mein leben - das machte alles noch schlimmer: „ja schrei du nur, du bist sooo süß, wenn du wütend wirst“. es half nichts. ich wurde stumm.

es geschah immer wieder, ging über lange jahre, und der stiefvater des vaters starb, als ich fünfzehn war. der oppa war nicht der einzige. ich habe vieles abgespalten, um überleben zu können. heute weiß ich nicht, ob es richtig war, das alles in langen therapiestunden wieder hochzuholen.

als das kleine mädchen sprechen konnte, sagte es zur mutter: „du mama dem papa wächst eine zigarre aus dem bauch“. die mutter wollte nicht hören. „kind, do bess verdötsch. datt jitt et doch jar nit.“ natürlich. ich bin ja nicht richtig im kopf und wurde wieder stumm.

heute weiß man, dass jede zelle eines menschlichen körpers sich innerhalb von sieben jahren erneuert. es hat also nicht eine einzige meiner aktuellen körperzellen das alles jemals persönlich miterlebt. trotzdem werde ich diesen ekligen geschmack im mund einfach nicht mehr los.

mit anfang dreißig, als ich mich an einiges wieder erinnerte, berichtete ich der mutter davon. sie wollte alles nicht glauben und weinte bitterlich, weil sie so eine missratene tochter hat, die ihrer familie so schreckliche dinge vorwirft. da rief die schwester mich an und fauchte: „wie kannst du meiner mutter das antun?!“ ich ertrug es nicht, mich von der „familie“ ganz zu lösen und wurde wieder stumm.

vor knapp zwei jahren habe ich mit der mutter einen letzten versuch gestartet. sie schaltete einfach ihre hörgeräte ab: „wieso kommst du denn nach all den jahren immer noch mit den alten geschichten. das ist doch alles schon so lange her. ich weiß gar nicht, was du willst. wir haben dich doch eigentlich nicht verprügelt und satt zu essen hattest du auch immer.“

da habe ich es nicht mehr ausgehalten und den ohnehin spärlichen kontakt zur familie endgültig abgebrochen. damit habe ich nach außen deutlich gemacht, was ich mit dem herzen schon als kind gespürt habe: vater und mutter beschützen mich nicht. ich bin ein emotionales waisenkind.

heute ist muttertag. ich bin sehr traurig und sehr wütend. alles zugleich. ich hätte gerne eine frau in meinem leben gehabt, die die bezeichnung ‚mutter‘ verdient.


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Samstag, 6. Februar 2010

intelligenzbestie

„do bess ene intelijenzbestije!“ noch heute höre ich die mutter fauchen, wenn ich mit unschlagbarer logik eines ihrer fadenscheinigen argumente widerlegt oder ihre autoritären anweisungen blitzgescheit als pädagogisch wertlos entlarvt hatte.



sie war sauer auf mich. meine intelligenz passte ihr nicht ins konzept. intelligent sein bedeutete für mich, nicht liebenswert sein. die mutter empfand meine klugheit als bedrohung. bei mir zu hause war das so. also wurde ich dafür geschimpft. oder man machte sich darüber lustig. die unterschwellige botschaft war: „sei eine andere!“ genauso hätte sie von mir verlangen können, nicht immer so grüne augen zu haben, sondern besser blaue.

schrieb ich mit meiner intelligenzbestie hingegen gute noten in der schule, dann war ihr das ganz recht. nicht, dass der inhalt meiner klassenarbeiten sie irgendwie interessiert hätte. aber dann konnte sie sich brüsten vor ihren freundinnen, weil sie so eine schlaue tochter hatte: „die intelligenz hat sie natürlich von mir.“

die mutter lebte das, was ich einen ‚verlängerten narzissmus‘ nenne. sie fühlt sich nur dann als ‚gute mutter‘ wenn ihre tochter erfolgreich ist. es ist, als hätte sie kein eigenes selbstwertgefühl. wenn es mir nicht gut geht, dann geht es ihr schlecht. was dann früher öfter mal dazu geführt hat, dass – wenn ich ihr am telefon von einem meiner (geringeren) probleme erzählte - sie laut seufzte und anfing zu weinen. was dann wiederum mich in die schreckliche situation brachte, nicht nur mit meinem eigenen problem fertig zu werden, sondern auch noch die mutter zu trösten, dass ich überhaupt ein problem hatte.

irgendwann habe ich aufgehört, ihr irgend etwas für mich wirklich wichtiges von mir zu erzählen.

erzählt habe ich dann nur noch erfolgserlebnisse, da konnte sie was mit anfangen. damit brüstete sie sich wiederum vor ihren freundinnen und fühlte sich wohl, weil sie sich für eine gute mutter halten konnte, die eine erfolgreiche tochter produziert hat.

leider übersah sie dabei völlig, dass – trotz meiner ‚intelligenz‘ ich auch immer viel zeit mit lernen und experimentieren und lesen und neugierig alles mögliche herausfinden verbrachte. sehr viel zeit, um genau zu sein. statt dessen berichtete die mutter ihrem entzückenden damenkränzchen entzückt, dass mir ja immer alles zuflöge und unglaublich leicht fiele.

mich hat sie übrigens nie gelobt für meine guten noten. statt dessen gab es einen zuverdienst zum mageren taschengeld: zwei mark für eine eins, eine mark für eine zwei und fünfzig pfennig für eine drei lagen wortlos auf dem küchentisch neben dem von der erziehungsberechtigen unterschriebenen klassenarbeitsheft.

im allgemeinen lagen bei mir ein- und zwei-markstücke. das mit den silberlingen hatten sie nur eingeführt, damit die schwester - die mit ihren noten weniger glück hatte als ich - nicht völlig verarmte. als ich einmal eine zwei-minus nach hause brachte – das war ein ausrutscher in latein - hieß es „das ist doch nicht so schlimm.“

meine guten noten hielt ich tatsächlich immer nur für glück. nie war ich mir der qualität meiner leistung sicher. wie sollte ich auch. die mutter war ja davon überzeugt, dass mir immer alles ‚zuflog‘. niemals war eine eins in mathe das resultat meiner guten vorbereitung. was also, wenn das zufällige talent einfach mal zufällig an mir vorbeiflöge? ich verbrachte nächtelange alpträume damit, eine fünf oder sechs nach der anderen zu schreiben und war jedes mal aufs neue überrascht über eine gute note im richtigen leben. gleichzeitig fühlte ich mich wie eine betrügerin, die eine solche gar nicht verdient hatte.

für die guten leistungen wurde ich zwar in der schule durchaus gelobt – das war dann allerdings eine eher ambivalente angelegenheit. ich wurde mehrmals zur klassensprecherin gewählt mit der begründung, dass ich es mir schließlich leisten könne, auch mal kritik zu üben, weil die lehrerinnen mich wegen meiner guten noten mochten und mich nicht sitzenbleiben lassen konnten, weil ich dafür zu gut war.

klassensprecherin sein war ein undankbarer job. ich mochte das nicht. wegen meiner guten noten war ich auch immer eine beliebte nachbarin in klassenarbeiten oder zum abschreiben der hausaufgaben vor der stunde.

freundinnen hatte ich hingegen wenige. den klassenkameradinnen waren meine guten noten suspekt. ich war nicht nur praktische intelligenzbestie zum abschreiben und um der strengen klassenlehrerin mal die meinung zu sagen, sondern gleichzeitig auch mit dem label ‚streberin‘ versehen. zwangsläufig. denn wer gute noten hat, muss ja streberin sein. das tat weh. ich versuchte, absichtlich fehler einzubauen. das schadete meinen gesamtnoten nicht. statt dessen waren diejenigen sauer, die dann versehentlich die fehler von mir abschrieben. sie fühlten sich von mir hereingelegt.

irgendwann mit fünfzehn oder sechzehn wollte ich wissen, was tatsächlich dran war an den sticheleien. denn ich schämte mich für meine guten noten. ich machte einen langen, komplizierten intelligenztest. heimlich. mit einem buch, das ich mir aus der psychologieabteilung der stadtbücherei ausgeliehen hatte. ich hielt mich genau an die anweisungen. mit stoppuhr. schummelte nicht. nahm mir eher weniger zeit, als erlaubt war zum lösen der aufgaben. 136. intelligenzbestie. tatsächlich.


// cut //


vor gut zwei jahren wollte ich es noch einmal ganz genau wissen: war mein testergebnis von damals richtig? immerhin lag mein sicher stümperhafter selbsttest schon mehr als 30 jahre zurück. nimmt die intelligenz mit dem alter ab? in den wechseljahren? oder hatte ich mir gar den einen oder anderen bunten punkt in der zwischenzeit versoffen? erholt sich das gehirn bei längerer abstinenz?

also machte ich einen ‚offiziellen‘ intelligenztest. beim club der superschlauen. mein ergebnis lag ein stück über dem von damals: hochbegabt. mein krauser kopf ist bestens mensatauglich.

hilft es mir, das zu wissen? schwer zu sagen. dieses ergebnis beantwortet noch lange nicht all meine fragen. aber es erklärt ein bißchen, warum mir zum beispiel das lernen von sprachen nicht nur spaß macht, sondern auch immer sehr leicht fiel.

ob ich jetzt eingebildet werde und arrogant? klar. im sinne von ‚selbst-bewusst-sein‘, weil ich mir meiner selbst und meiner fähigkeiten noch ein bißchen mehr bewusst bin.

stolz drauf? nicht wirklich. intelligenz ist eine anlage, wie grüne oder blaue augen. ich kann es nicht ändern, und ich kann es auch nicht einfach abstellen. obwohl ich das manchmal sehr gerne möchte. das denken abstellen. zur erholung des kopfes. auf einem iq von 84 gemütlich dahindümpeln. hang loose.

es ist wie es ist. es ist nicht immer nur gut, nicht immer nur schön, nicht immer nur ein vorteil, erst recht nicht für eine frau. auch eine garantie für erfolg im leben ist ein hoher IQ ganz sicher nicht. dazu ein ander mal mehr.


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Dienstag, 6. Oktober 2009

besondere maßnahmen III – kopfschmerzen

ich habe kopfschmerzen heute. das passiert mir öfter. es ist nix neues:

weintrauben "gutedel" und walnüsse

kopfschmerzen hatte ich schon als kind, als schulmädchen. kopfschmerzen hatte ich später als studentin und noch später als journalistin. mein leben lang habe ich oft dagegen angetrunken. nach dem ersten glas bier oder wein waren die kopfschmerzen erst einmal weg. nach dem dritten oder vierten glas bier oder wein waren dann andere kopfschmerzen da – aber da wußte ich wenigstens, wo die herkamen. als ich vor zehn jahren mit dem alkohol aufgehört habe, kamen die kopfschmerzen dauerhaft zurück.

mit viel geduld, vielen vergeblichen versuchen, mit der hilfe von kompetenten ärztInnen und therapeutinnen - zeitweise auch mit medikamenten - habe ich die kopfschmerzen ganz gut in den griff gekriegt. das hat anderthalb jahre gedauert. dauerhaft weg sind sie natürlich nicht. das bleibt meine ewige baustelle.

derzeit sind sie wieder da. weil in meinem leben alles zu viel ist, vielleicht? oder manches zu wenig? ach! was weiß denn ich!

vor ziemlich genau fünfzehn jahren habe ich mir die kopfschmerzen einmal von der seele geschrieben. beim aufräumen neulich fiel mir der text wieder in die hände, und ich bin ganz erschrocken, wie aktuell das alles noch ist:

kopfschmerzen

kopfschmerzen ist – mir ist alles zu viel
kopfschmerzen ist – es ist mir zu eng
kopfschmerzen ist – ich krieg keine luft
kopfschmerzen ist – hilflos
kopfschmerzen ist – lass' mich in ruhe
kopfschmerzen ist – resigniert
kopfschmerzen ist – überfordert
kopfschmerzen ist – mein leben ist sinnlos
kopfschmerzen ist – rabääh

kopfschmerzen text kopfschmerzen
gelähmt im kopf wund im herzen zurückschlagen wollen nicht dürfen nicht können allein alleingelassen die wut der schmerz der schmerz der schmerz
warum helfen die mir nicht
der schmerz der schmerz hört das denn niemals auf
es wird besser werden, sagt sie.

kopfschmerzen ist – ich habe angst
kopfschmerzen ist – ach

ich bin nicht mehr zweieinhalb. wer mir damals nicht geholfen hat, wird es auch heute nicht tun. das tut so weh und die kucken zu. alle, alle sitzen sie in meinem kopf und streiten sich um meine gedanken. diktieren gefühle. das ist gut, das gefällt dir doch. nein das tut weh ich mag das nicht. kind sei still das ist gut hast du gehört. mama nein aua aua.
mein kopf. da hocken sie heute noch.
schmerz ist liebe.
allein sein ist nähe.
pflicht ist spaß.
lust ist verboten.
nein. lust ist nicht verboten. sie kommt einfach nicht vor.

kopfschmerzen ist - ihr habt mich verraten
kopfschmerzen ist – ihr habe mich an den opa verkauft
kopfschmerzen ist – wir haben es doch nur gut gemeint
kopfschmerzen ist – alles gelogen

köpfchen aua
wir werden dir dein krauses lockenköpfchen schon noch zurechtrücken
du immer
du bist ja verdötscht
was willst du jetzt schon wieder – siehst du nicht, dass ich kopfschmerzen habe?!
kind sei still
mama aua

kopfschmerzen ist – lieber tot sein wollen
kopfschmerzen ist – ihr werdet schon sehn was ihr davon habt
kopfschmerzen ist – schlechtes gewissen
kopfschmerzen ist – ich bin schuld
kopfschmerzen ist – ich bin nicht gut genug
kopfschmerzen ist – die wollen mich hier sowieso nicht

wenn sie mich wollten, dann wären sie netter zu mir. sind sie aber nicht. also bin ich ein kosmischer irrtum. eine last, die ihnen „gerade noch“ gefehlt hat.
jetzt müssen sie irgendwie damit zurechtkommen, dass ausgerechnet ich auch noch da bin. kind, du bist mir zu schwer. kind ohne namen. kind bis in alle zeiten. kind ist lästig. lästige last. wenn wir das gewusst hätten, hätten wir dich nicht bestellt. der ewige versandhauskatkalog. kind leider ohne umtauschrecht. du warst immer ein wunschkind. haha. also benimm dich gefälligst so, wie wir dich uns gewünscht haben.

kopfschmerzen ist – keiner hört mir zu
kopfschmerzen ist – immer bin ich falsch

wenn ich mal was richtig mache, und keiner will es zur kenntnis nehmen – habe ich es dann überhaupt gemacht? oder war es doch wieder falsch, weil keiner zugeguckt hat? also besser gar nix tun?

kopfschmerzen ist – nichts tun dürfen
kopfschmerzen ist – nichts tun wollen dürfen
kopfschmerzen ist – nichts tun dürfen wollen
kopfschmerzen ist – durcheinanderohnenende

kopfschmerzen ist – nix wie weg hier!

natürlich bin ich noch hier. genau so wie die kopfschmerzen noch da sind. vor meiner vergangenheit kann ich nicht wegrennen. vor meiner gegenwart auch nicht.


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