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Montag, 18. Juni 2012

sommernacht

gedankensprünge, heute mal mit soundtrack: luca carboni, mare²

natürlich bin ich längst wieder im alltag angekommen, aber ich gestehe: meine italienreise war ungewöhnlich nachhaltig. auch mehr als einen monat danach trage ich diverse „italienische momente“ noch sehr in meinem herzen.

sogar in diversen synaptischen spalten hüpft es immer wieder auf und ab und singt: „mare mare – ma che voglio di arrivare!“


zum ersten mal in meinem leben hatte ich diese wunderbaren italienischen fensterläden vor den verandatüren. zwei wochen lang, in dunkelgrün: die sorte, bei der man in geschlossenem zustand von innen noch eine art halbfenster nach außen halb hochklappen kann. einen spaltbreit nur. so dass auf keinen fall sonne hereinscheint – die öffnung aber groß genug ist, um hinauszulünkern und nachzusehen, wer da unten so ein palaver macht.

die habe ich sehr geliebt, das macht so sanfte aussichten. die welt da draußen in querscheiben geschnitten, das licht leicht gefiltert und auch lärm milde gedämpft – non me ne frega. die hätte ich hier gerne auch ….

dann wäre der quetschenquälende vermieter nicht ganz so laut, das spießige ambiente im haus nicht ganz so krass ….

heute abend hatte ich den sommerlichen 'dorfhock' in der nachbarschaft schräg gegenüber. alle waren da: blechblasendes rumtata mit polka-rhythmischem synthesizer und weinseliges herrengrölen bei 30 grad. hachz. es muss sehr schön sein, wenn man so etwas schön findet. da könnte man sich so richtig hineinfallen lassen und im übertragenen sinne hineinkuscheln in so viel dörfliche geborgenheit. leider finde ich mich nicht darin wieder: das ist mir nicht italienisch genug.

statt dessen sitze ich allein auf dem nächtlichen balkon, unten zirpen die grillen und klappen die dörfler ihre letzten bierzeltgarnituren zusammen. Ginivra, die katze, kümmert sich hingebungsvoll um motten, käfer und anderes sommernachtsgetier.

ich schreibe im nachtflug, das mag ich sehr. das dorf ist jetzt still, kaum noch irgendwo licht. der ruf eines käuzchens über dem tal, weit hinten im wald. jetzt fehlen nur ein paar glühwürmchen im kartoffelstrauch - die idylle wäre perfekt.

sie ist es nicht: der nachtbus dröhnt unten vorbei. auch ich muss morgen wieder früh raus. ich sitze einfach noch ein weilchen hier und habe es schön, still und warm.

fast mittsommer. schwüle nächte. nichts ist so öde wie ein sommer allein. schon wieder einer. aber es ist wie es ist. ich versuche, es trotzdem zu genießen – und ich genieße es.

so seltsam das vielleicht klingt: ich schwitze gern. zu den schönsten momenten meines lebens gehören die kurzen zeiten des jahres, in denen nicht ein kubikmillimeterchen meines körpers friert. wenn alles gut durchwärmt ist und entspannt. wenn ich keine kleidung brauche, um mich zu wärmen, sondern nur, um mich vor der sonne (und vor neugierigen blicken) zu schützen. am liebsten trage ich dann lange, leichte röcke. einen sarong. mit nichts drunter (das weiß nur ich!). ein lockeres top dazu. gerne aus leinen, seide, fließend und weich. mein sommerluxus, mit einem hauch schüchterner hemmungslosigkeit.

ein bißchen träge lasse ich die schönsten sommernächte meines lebens revue passieren. in allen erinnerungen spielt das meer eine rolle, in manchen auch eine hängematte. und ich stelle fest:

was den dörflern ihr hock, ist mir das meer: ziemlich unverzichtbar. leider ist es von hier aus ziemlich weit weg. meine phantasie schlägt kapriolen und flutet mal eben den rheingraben. das wäre dann so eine art fjord bis in die niederlande. ähem. die müssten wir nur kurzfristig auf stelzen legen. ich will ja niemanden ertränken. der berg gegenüber wäre insel, und in freiburg säßen wir am dreisam-hafen.

sehr schön. das werde ich über nacht mal ein bißchen ausbauen.... schöne träume euch allen – und einen heiteren sommer voller schmetterlinge wo auch immer!


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Sonntag, 3. Juni 2012

deutsche augenblicke

zwei wochen lang habe ich das sanfte klima an der italienischen riviera genossen, ein italienischer moment reihte sich an den anderen. mein leben in einer postkarte - atemraubend schöne aussichten ließen mich tief durchatmen. meine seele war mitten drin ganz weit weg.

dixan: portofino 24ore
dann überfällt es eine schon beim nachhausekommen, den koffer noch in der hand: ein deutschgrauer amtsbrief im kasten, eine anonyme botschaft auf dem AB.

„der alltag hat mich wieder“ - sagen die leute dann gerne, sehr treffend und sehr unschön. das will ich doch gar nicht! ich mag mich nicht vereinnahmen lassen von traurigen pflichten!

es ist eine gratwanderung: meinen pflichten nachzukommen, mich den aufgaben des alltags zu stellen – und mir trotzdem im herzen 'italienische momente' zu bewahren und zu erleben, während ich in echt einen deutschen augenblick nach dem anderen auszuhalten habe.

deutsche augenblicke – die sind nicht gerade berühmt für lebensfreude und leichtigkeit ….

also versuche ich, meiner erinnerung und genussfähigkeit auf die sprünge zu helfen. eine gute methode, millionenfach erprobt und bewährt: man bringt sich was mit, ein souvenir, ein stückchen italienisches dolcefarniente!

die erwachsenen meiner kindheit liebten den bunten, nutzlosen trillefitt, der dann jahrelang mehr oder weniger dekorativ im regal stand, bis er deutschgrau eingestaubt sich dem alltag des ehemaligen urlaubers angepasst hatte: die flamencopuppe aus spanien, den gondoliere aus venedig.

jedem das seine – hauptsache, es funktioniert!

für mich funktionieren als 'erinnerungshelfer' dinge, die sich benutzen oder verbrauchen oder aufessen lassen:

küchenutensilien, oliven und öl, ein schönes kleidungsstück, gerne auch notebooks aus papier (schon mal einen schreibwarenhändlicher nach der kapazität eines notizbuchs gefragt?! wieviel MB hat dieses moleskine?!) ….

in diesem jahr habe ich etwas ganz neues für mich entdeckt: ein geschirrspülmittel! natürlich mit absicht, weil ich doch meinen abwasch so sehr hasse. aber dixan sei dank duftet das waschwasser jetzt nach „portofino um mitternacht“.

nicht, dass ich jemals in Portofino gewesen wäre, schon gar nicht um mitternacht am 'feinen hafen'. ich kann mir auch nicht vorstellen, dass es dann dort nach spüli riecht. ich würde das auch keinem ort auf der ganzen welt wünschen, nach spüli zu duften – zu welcher tageszeit auch immer.

fragt mich nicht, warum ich mich für 'portofino 24.00 ore' entschieden habe, obwohl es auch die variante 'capri 18.00 uhr' gegeben hätte. wo es doch auch auf Capri so schön sein soll, wegen der der blauen grotte und so. ich habe einfach beide probegeschnuppert, und portofino ist hängengeblieben. es riecht etwas kräuterwürzig mit einem hauch von bootsmotorenöl.

trotzdem: meine hausarbeit macht mir seither ein kleines bißchen mehr spaß. weil ich dann so vor mich hin grinsen kann bei dem gedanken, wie sehr doch die werbung auch bei mir funktioniert: ich habe eine illusion gekauft. auf mein gehirn ist verlass, es macht eine schöne erinnerung daraus:

das erleichtert die sache erheblich und verzaubert meine deutsche haushaltspflicht in einen italienischen augenblick!


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Freitag, 11. Mai 2012

momenti italiani

momenti italiani

„für die italienischen momente im leben“ hat es mal in einer werbung*** geheißen. den namen des produkts erinnere ich nicht. wahrscheinlich hat es für mich nichts mit italien zu tun oder es kommt aus sonstigen gründen nicht vor in meinem leben.

der ausdruck aber ist hängengeblieben, und ich denke oft darüber nach.

sind alle augenblicke, die ich hier in Sanremo verbringe, italienisch schon allein deswegen, weil ich mich auf italienischem hoheitsgebiet befinde? oder braucht es für das augenblicksprädikat „italienisch“ noch etwas anderes? bin ich gar so dermaßen „deutsche“, dass mir echte italienische augenblicke gar nicht möglich sind?

wenn mich jemand (meist eine amtsperson) nach der staatsangehörigkeit fragt, sage ich im allgemeinen: „mein pass ist deutscher.“ und denke mir dazu: „... aber mein herz ist erdling.“ schließlich ist es nicht mein verdienst, dass ich mich ausgerechnet innerhalb der deutschen landesgrenzen dauerhaft und ohne visum aufhalten darf. da bilde ich mir nichts drauf ein.

für den planeten aber, auf dessen oberfläche ich gast bin, fühle ich mich in gewisser weise verantwortlich: ich möchte hier keinen schaden anrichten. das ist das mindeste. zum wohlergehen der erde beitragen können, wäre mir noch lieber.

am liebsten wäre mir, so etwas wie achtsame spuren hinterlassen zu können. so dass frau terra am ende sagt: „vielen dank, dass Sie hier waren, mo jour. bitte beehren Sie uns bald wieder“ und mir freundlich die reinkarnationsfomulare in die hand drückt.

also in etwa so, wie ich das auch hier mit meiner ferienwohnung halte: ich behandle alles mit liebevollem respekt, mache nichts kaputt, lege eher noch etwas dazu und werde auf jeden fall positive energie hinterlassen, so dass die besitzer am ende sagen können: „schön, dass Sie da waren. wir werden uns jederzeit freuen, Sie wieder begrüßen zu dürfen.“

das wäre ein guter „erdlingsmoment“.

zuück zu den italienischen momenten im leben. was macht die aus?

eine gewisse leichtigkeit? sicher. dazu ganz gewiss auch ein augenzwinkerndes „sich selbst nicht zu ernst nehmen.“ ein bißchen 'dolce far niente' – im positiven sinne von „nicht nur stur und verbissen (=deutsch) vor sich hin arbeiten, sondern sich selbst auch pausen zu gönnen und diese dann (ohne schlechtes deutsches gewissen!) zu genießen.

italienische momente können für mich auch solche sein, in denen es mal laut und deutlich wird (palaver palaver porca madonna!); wenn man danach mit einem freundlichen „va fanculo“ und einem schulterzuckenden „che me ne frega“ auseinandergeht. völlig egal, wer recht hatte!

aber es scheint mehr als das zu sein. auch eine gewisse sinnlichkeit gehört für mich dazu, sowie den/die andere/n respektvoll im auge zu behalten.

vielleicht sehe ich das alles gerade viel zu romantisch, schließlich bin ich hier in ferien, ein zahlender gast und gerne gesehen. das ist ja daheim in d-land nicht so. da bin ich dann auch weniger etnspannt.

italienische momente sind auch manchmal ganz konkret:

wenn ich zum beispiel die schwere einkaufstasche trage, plötzlich eine duftwolke von jasmin um die ecke weht und sie mir plötzlich viel leichter vorkommt.

oder wenn ich abends alleine im restaurant sitze, und plötzlich kommt vom nachbartisch eine rose herübergewandert mit einem freundlichen gruß und sonst gar nichts – ohne erwartung einer gegenleistung.

italienische momente sind für mich auch im straßenverkehr, wenn die mopeds mich rechts und links gleichzeitig überholen, sich an mir vorbeischlängeln, mir andere auf meiner fahrbahn entgegenkommen – da komme ich echt an meine grenzen, weil ich den verkehr lieber 'gut geregelt' habe. aber dann geht doch immer alles gut. hauptsache flott und locker durchkommen. wen interessiert da eine doppelte durchgezogene linie?!

oder wenn ich auf dem hier geliehenen fahrrad unterwegs bin: ohne licht weder vorne noch hinten, noch nicht mal katzenaugen, ohne klingel, ohne gangschaltung, laut klappernd als wolle es gleich auseinanderfallen, von zwei bremsen funktioniert nur die eine halbwegs … ähem. von einem offiziellen fahrradverleih! aber dann ist die aussicht so zum durchatmen schön, die meeresbrise so durftig – da stört das olle fahrrad mich gar nicht mehr. täte es mich stören, wenn ich auf dem weg zur arbeit wäre? vermutlich. der weg zur arbeit gehört für gewöhnlich nicht zu den italienischen momenten eines lebens.

ist es ein italienischer moment, wenn ich nachts extra das fenster offen lasse, um das meer rauschen zu hören – aber nicht schlafen kann, weil der kühlschrank im zimmer viel zu laut ist? inzwischen stelle ich ihn nachts ab, den kühlschrank.

wie müssten situationen in meinem alltag sein, damit ich sie zu 'italienischen momenten' erklären kann? sind die zutaten eher äußerlicher art, wie guter duft, angenehme geräusche, ein paar strahlend freundlicher augen? oder ist es eher die innere einstellung, momente welcher art auch immer als italienisch empfinden zu können? hier in bella italia ist ja auch nicht immer alles eitel sonnenschein und pure postkartenidylle.

hat es mit einem verzicht auf einen gewissen teil meines effektiven perfektionismus zu tun? würde ich das wollen?

die frage scheint eher – und das ist sie nach jeder reise, ganz egal wohin: „wie kann es mir gelingen, etwas von der entspannten gelassenheit meiner freizeit in den knallhart zähneknirschenden deutschen alltag hinüberzuretten? so dass ich mehr kraft habe, mich den deutschgrauen brutalitäten zu stellen?“

leider habe ich keine antwort darauf, weil ich mir hier zwei wochen leben mit scheuklappen erlaube und alles unangenehme ausblende so gut es eben geht, um den entsetzlichen druck zu lindern, der mir sonst die luft zum atmen raubt.

eiskalte briefe vom amt auf häßlichem grauen papier im postkasten zu finden, ist eindeutig kein italienischer moment. was könnte man dagegen halten, um traumata zu lindern? ein bißchen gluckern der espressomaschine reicht mir da jedenfalls nicht.

italienische momente im leben – das ist viel mehr, als ein paar azurblaue pixel jemals zum ausdruck bringen könnten. deswegen habe ich 'heute leider kein foto' für euch.



*** 
nachtrag:
das war natürlich der herr angelo, 1993:
ohne diesen charmanten 'errn wären so ein paar körnchen gefriergetrockneten kaffees mit gezuckertem magermilchpulververschnitt niemals zu 'italienischen momenten' aufgestiegen.
'eilige madonna!



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Montag, 7. Mai 2012

lido annunziata

riviera für anfänger #1

wenn man ans meer fährt, freut man sich aufs meer. davon gehe ich mal aus. das meer ist einfach da, gehört irgendwie allen und jeder darf hin und rein. einfach so. 


 einfach so?! überall?! wild und frei?! wie naiv!

von der ostsee weiß ich ja schon, dass es an manchen abschnitten kurtaxe kostet, wenn man die strandpromenade betreten, ja sogar überschreiten und ans, womöglich auch ins wasser will. und wehe, du kannst deinen ausweis nicht vorzeigen, wenn die kontrolle kommt! wenn quallen im wasser sind und du dann doch lieber nicht rein willst, kriegst du dein geld nicht zurück. pech gehabt.

auf der griechischen insel korfu gab es an manchen abschnitten liegestühle mit sonnenschirm zu mieten. der strand wurde von der gemeinde stückweise gegen gebühr bzw. höchstgebot bzw. schmiergeld verpachtet. trotzdem durfte man sein handtuch beliebig irgendwo parken und auch kostenlos baden gehen – nur eben nicht auf einer unbezahlten sonnenliege.

hier an der riviera ist der strand dicht. da gibt es kaum noch ein quadratzentimeterchen, das nicht kommerziell genutzt wird. ausgenommen die drei nassen meter entlang der wasserkante. da habe ich noch einmal glück gehabt! das ist transitzone, spazierengehen dort erlaubt – mein geliebtes wasserplitschen gratis.

die kostenlosen zugänge zum strand aber sind sehr schmal und liegen ziemlich weit auseinander. die muss eine erst finden! man darf da nicht einfach über kostenpflichtiges terrain geradewegs ans meer marschieren. oh no!

zum glück ist noch vorsaison. da ist es nicht ganz so streng - aber die vorbereitungen sind bereits in vollem gange. die riviera macht sich startklar für den sommer und takelt sich auf wie eine gealterte diva:

als erstes wird der damenbart abrasiert, die stoppeln sind häßlich. im falle meines strands bedeutet das: die verrotteten, stinkigen algen und aller anderer strandmüll werden stück für stück zusammengefegt und abtransportiert – oder dem nachbarn hingeschoben.

dann kommt die grundierung. wenn ich bislang immer gedacht habe, dass der sand am sandstrand aus dem meer kommt, so werde ich hier eines besseren belehrt: der sand für den goldgelben rivierastrand kommt aus dem baumarkt, wird hier lasterweise angekarrt und mit dem caterpillar bulldozer fein säuberlich schicht für schicht aufgetragen, geglättet, fixiert. sozusagen die grundlage fürs beach make-up, in einem freundlichen – na, nennen wir die farbe mal – saharabeige. ungefähr einen halben bis einen meter dick – je nach finanzieller lage und renommé der strandbarbetreiber.


eines ist schon mal klar: einen löffel voll sand als souvenir für meine sandstrand-sandsammlung daheim brauche ich von hier gar nicht erst mit nach hause nehmen. den könnte ich auch gleich aus dem bauhaus holen … auch muscheln finden sich hier kaum. die wenigen sehen so perfekt aus, dass ich mich schon frage, ob die von anfang an unter den geläuterten sand gemischt werden zu einem gewissen prozentsatz. könnte ja sein. für die zahlenden strandgäste. souvenir ist souvenir.

zwischendurch der gärende grünalgen-damenbart wird zum ärgernis: er wächst schnell nach, muss täglich entfernt werden. das machen die privaten. an den öffentlichen stellen sammelt sich der gärende schmodder in stinkenden bergen. gerne mal einen meter hoch. da macht das kostenlose baden dann auch keinerlei spaß mehr …

zurück zum beach make up. damit das makellos bleibt wie auf den postkarten, werden flugs überall verbotsschilder aufgestellt: ballspielen verboten, hunde und andere tiere verboten, lagern verboten, lärmen verboten … im übertragenen sinne: unsere diva benutzt einen altmodischen, nicht lange haltbaren lippenstift: küssen verboten – sonst blättert die farbe ab.

der rest der strandtakelage – wie ketten, glitzerfummel, strassgehänge, ringe, haarspangen und so zeug – kommt dann nach und nach in form von neuanstrich der umkleidekabinen, aufstellen erster sonnenliegen an regenfreien tagen, installieren lauter beschallung, erweiterung der speisekarte, reparatur der orgelnden minikinderkarussells, bepflanzen neuer blumenkübel … man kennt das auch von diversen internetgames, wo man immer noch ein upgrade kaufen kann, damit die kundInnen zufriedener sind, geduldiger bleiben und mehr geld ausgeben.

dass unsereins mehr geld ausgibt, ist ja der zweck der ganzen aktion: unsere alternde diva will ein ausverkauftes haus, vertickt ihre karten zu höchstpreisen! wie bei der premiere in der oper sind auch die strandliegen und sonnenschirme unterschiedlich teuer: nicht nur abhängig davon, ob man sie für einen halben oder einen ganzen tag nutzen möchte, sondern je nachdem, ob man auf der loge sitzt oder im orchestergraben.

will sagen: nicht nur im theater, sondern auch am strand kostet die erste reihe mindestens doppelt so viel wie die letzte. denn hinten hört und sieht man fast nix mehr vom meer. dafür hört man dort lauter strandansagen.

genau das bedeutet der titel: ein lido annunziata ist ein angesagter strand. einer, der bewacht wird von jemandem, der das sagen hat. der auch sagt, ob man ins wasser darf oder nicht. vor allem lautet die ansage, was es kostet.

(um ehrlich zu sein: wenn ich für meine täglichen strandspaziergänge zusätzlich bezahlen müsste, dann könnte ich sie mir nicht leisten. leider.)

ich bin sehr sehr froh, dass ich hier zu einer jahreszeit über der strandpromenade logiere, in der außer meeresrauschen tatsächlich kaum etwas zu hören ist. nur ab und zu rumpelt die sandstrandplanierraupe …

bevor sich der vorhang hebt und der große rummel losgeht, bin ich längst wieder weg. aber bis dahin - finde ich es hier wirklich so richtig richtig schön!


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Samstag, 5. Mai 2012

nel blu

ins blaue hinein“ - das sagt man bei uns ja gerne mal, wenn man die richtung noch nicht so genau weiß.

auch bei mir ist die richtung derzeit alles andere als klar. weil ich nachdenken muss, mich neu sortieren will. nachspüren, in welchem maße ich die diagnose „autistin“ in mich hineinintegrieren will, kann – und inwiefern ich sie nicht doch lieber außen vor lasse.



asperger syndrom? was ist das schon!? das hat irgendein mann sich ausgedacht. in den letzten jahren avanciert zur modediagnose. eine prima methode, um hochbegabte, eigensinnige querdenkerInnen zu pathologisieren. denn denkende menschen können ja ziemlich lästig sein für die allgemeinheit.

das asperger syndrom zählt aber nicht als hochkreative methode und besondere fähigkeit empfindsamer und intelligenter menschen, mit einer für sie in hohem maße belastenden umwelt im eigenen sinne (= eigensinnig) und angemessen umzugehen, sondern es gilt als behinderung. what a quatsch!

das kann sich nur eine neurotpye ausdenken von durchschnittlicher intelligenz. jemand, die keine, aber auch gar keine ahnung davon hat, wie anstrengend es sein kann, als mensch mit einem iq von über 140 sich ständig selbst ausbremsen zu müssen, nur um von den 'normalos' einigermaßen verstanden zu werden.

nur mal zum vergleich: es wäre nicht weniger anstrengend, als durchschnittlich intelligenter mensch (angenommer iq = 100) eine einprozentige minderheit zu sein. alle anderen würden auf einem iq von 60 dahindümpeln, sich aber für 'normal' halten, weil sie ja in der mehrheit sind. da würde doch auch der 100er-iq-typ rein aus selbstschutz ein paar überlebensmechanismen entwickeln, die den 60ern sicher sehr merkwürdig und 'unnormal' vorkämen ....

asp.syn ist nicht messbar. es ist nicht ansteckend. es ist eine variante im gehirn, für die es ein paar merkmale gibt. merkmale, die – jedes für sich genommen – alle auch als merkmale von hochbegabung oder von posttraumatischer belastungsstörung gedeutet werden können. so habe ich das bisher zumindest verstanden.

so what? mein asperger autismus ist also – wenn überhaupt – ein webfehler in den synapsen. wahrscheinlich aber eher ein sehr ausgefallenes, seltenes webmuster. kein fehler:

it's not a bug. it's a feature!“

trotzdem muss ich da weiter darüber nachdenken. selbst ohne diese neue diagnose wäre auch mal wieder eine auszeit fällig gewesen: von einem wenig erfreulichen, anstrengenden alltag einerseits.

von meiner diagnose 'PTSD' andererseits. denn auch das wurde ja nur diagnostiziert, fortan ich damit allein gelassen. therapie ist nicht mehr, kontingent aufgebraucht. klinik macht derzeit keinen sinn, sagt die ärztin, da müsste ich vorher stabiler sein. zur fortgesetzten retraumatisierung und weiteren destabilisierung aber trägt ja seit jahren munter das hartz-IV amt bei. neuerdings auch der vermieter noch zusätzlich. nicht stabil genug, keine traumatherapie. keine traumatherapie? ja dann kann sie auch umziehen, sagt das amt (und der vermieter sowieso, diese tumbe neurotype).

also nachdenken. zurück in meine mitte mitte finden.

wo könnte das besser gehen als an einem ort, wo tag und nacht sanftes wellenrauschen meinen tinnitus übertönt? wo ein strahlendes blau meinen düsteren gedanken einen heiteren anstrich gibt? wo der duft von 'lavendel, oleander und jasmin' nicht aus der waschmaschine kommt, sondern mich hinter jeder wegbiegung neu anweht, 'in echt'?



also bin ich ins blaue „dolce far niente“ gefahren. dorthin, wo das 'azzurro' und das 'blu dipinto di blu' ihren ursprung haben. vor allem dafür war es wichtig, dass die türen an meinem kleinen alten auto wieder abschließbar sind. nein, keine falschen vorurteile. es geht hier einzig und allein um mein subjektives gefühl von sicherheit:

wenn ich mich sicherer fühle, bin ich entspannter. wenn ich entspannter bin, kann ich besser nachdenken.

mein blauer luxus: eine wohnung direkt über der strandpromenade, die in dieser jahreszeit noch erfreulich ruhig ist.

eine weile keine verpflichtungen. kein arroganter vermieter. keine graue redaktion. keine blöde post vom amt. nicht mal nachrichten. soll die welt doch untergehen, das erfahre ich noch früh genug – und ändern könnte ich es ohnehin nicht.

es ist das erste mal seit mehr als fünfeinhalb jahren, dass ich länger als eine woche 'urlaub' habe. das geld für die reise habe ich mir von meinem dispokredit geliehen.

ich bin im blauen, ohne selbst blau zu sein. mein letzter besuch in diesem land liegt fünfzehn jahre zurück. auch damals war es mai. ich war allein auf sardinien. es war wunderschön. alles blühte! ich liebe diese eigensinnige insel. ein freund, der eigentlich hatte mitfahren wollen, sagte in ziemlich letzter minute ab. ich war sehr einsam. der wein war ausgezeichnet. ich betrank mich täglich.

auch diesmal bin ich allein. nicht auf sardinien, aber alles blüht. ich muss es bei lebendigem leibe aushalten, das eine wie das andere. keine drogen außer koffein und schokolade. jedenfalls kein alkohol.

das rauschen des meeres besänftigt meine wunde seele. mit jedem wellengang, den ich an der wasserkante entlang unternehme, glätten sich meine zerquälten nervenenden – von denen sich jedes einzelne zerfranst fühlt wie ein gespaltenes paragraphenzeichen. ungefähr zwei mal täglich eine stunde, das ist meine therapie.

schade nur: ich kann von hier aus nichts ändern an meinem leben, nichts verbessern, nichts erleichtern. aber vielleicht kann ich etwas kraft tanken für den schrecklichen alltag, für den ich dann wohl demnäxt auch noch einen schwerbehindertenausweis brauchen werde.

vielleicht kann ich neue strategien entwickeln, doch noch mal die weichen neu stellen, die richtung ändern.

und nein, ich will nicht bleiben wie ich bin. diese vorstellung, auch in meinem letzten lebensdrittel immer nur unglücklich und einsam zu sein und ständig in vielerlei hinsicht gegen meinen willen gefickt zu werden, ist keineswegs aufmunternd. genauso wie der gedanke daran, dass ich mein duftendes, wellenrauschendes azzurro-blu demnächst wieder werde verlassen müssen, ganz und gar unerträglich ist.

eigentlich möchte ich mich in diesem wunderschönen blau am liebsten in ein wunderschönes blaues nichts auflösen.

als zen-buddhistische philosophin aber weiß ich doch: das nichts ist nicht nichts, nicht einmal das blaue.

was wäre ich dann?! und wo bin ich überhaupt?!



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