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Januar 2021

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Freitag, 30. August 2013

innenspiegel

jeden tag aufs neue nehme ich mir vor: „aber heute schreibe ich endlich etwas in mein blog.“ und dann schaffe ich es doch wieder nicht.

Spiegellichter

nicht, weil mir die zeit dazu fehlte. nicht, weil mir die themen ausgingen. nicht, weil ich nichts mehr zu sagen hätte. ganz im gegenteil: das, was ich sagen will, ist zu viel. ich drohe daran zu ersticken und weiß nicht, wo ich anfangen soll.

es ist so schrecklich viel und so schrecklich schmerzhaft, dass ich es einfach nicht aufschreiben kann. weil mein eigenes leben mich so dermaßen triggert und fertig macht, dass ich über der tastatur heule und spucke, bis die platine geflutet ist.

angst, verzweiflung, hass und wut lösen sich ab, wohnen ganz nah beieinander. ich weiß keinen ausweg.

viel zu viel.
aber wenigstens mal ein zwischenstand:

die vom jobcenter angekündigte sanktion von neulich habe ich abwenden können. panik und schrecken bleiben. weil diese behörde mit ihren demütigungen und schikanen am längeren hebel sitzt. ich kann es mir nicht leisten, einfach mal eben für ein paar monate auf das existenz-minimum zu verzichten.

die neue arbeitsvermittlerin, frau Nicola, findet ihre art und weise, mir gleich mal eine sanktion anzudrohen, bevor wir uns auch nur guten tag gesagt haben, ganz normal. ich sei die erste, die sich darüber beschwert. weder konnte sie nachweisen, dass sie die erste einladung, die sie mir angeblich geschickt hat, auch ausgedruckt hat („das passiert irgendwo zentral und wird dann gleich verschickt“), noch dass der brief abgeschickt wurde („das wäre doch viel zu teuer, alles mit einschreiben zu verschicken“). erst recht nicht konnte sie beweisen, dass ich die von ihr „einladung“ genannte zwangsvorladung tatsächlich erhalten habe. damit war die sanktion zwar vom tisch. aber der schrecken bleibt und sitzt tief. die kundInnen werden bedroht, schikaniert und in verzweiflung gestürzt, um im zweifelsfall ein paarunddreißig euro zu sparen. wie viel brutalität, sadismus, bosheit und hinterhältigkeit braucht ein mensch, um so etwas tun zu können?

frau Nicola entpuppte sich zudem als manipulative, eiskalte und knallharte amtsperson. sie hörte mir nicht zu, ließ keinerlei argumente gelten. die eingliederungsvereinbarung, die sie mir aufzwängte, enthält nur pflichten für mich, mehr als jemals zuvor. von seiten des jobcenters passiert jetzt gar nichts mehr. sie informierte mich nicht einmal, dass ich nun im besonders strengen und repressiven „programm 50 plus“ gelandet bin. das erfuhr ich eher zufällig, als ich die EV später in der beratungsstelle meines vertrauens checken ließ. die EV ist brutal, aber rechtens.

die chance, im jobcenter im markgräflerland auf eine menschliche arbeitsvermittlerin wie die in hamburg lebende Inge Hannemann zu treffen, ist eher gering. hier im südwesten bei den katholischen spießern wird schikaniert, was nur geht.

frau Nicola zwingt mich, völlig sinnlose bewerbungen zu schreiben auf stellen, wo ich niemals dauerhaft arbeiten könnte. bloß damit frau Nicola ihre statistik abhaken kann. nur, dass unter druck bei mir nichts geht. under PRESSure werde ich dePRESSiv. das raubt mir alle kraft für sinnvolles, für eigenes, stimmiges, für kreatives. der druck, den sie ausübt, macht mich krank. ich kann mich nicht dagegen wehren, bin gnadenlos überfordert und stürze kopfüber in die selbstverletzung.

ich reagiere mit depressionen, schlaflosigkeit, zähneknirschen (schon wieder die beißschiene kaputt; vorgestern eine krone vom zahn gebissen), panik, tinnitus, kopfschmerzen. ich kratze mir die haut am kopf, im gesicht, am ganzen körper blutig, ballere mit den fäusten gegen meinen schädel bis es knirscht: „Kind, schlag dir das aus dem Kopf! Du wirst niemals die sein dürfen die du bist!“ - höre ich die böse mutter keifen. die schmerzlindernde rotweinflasche vor meinem inneren auge nimmt gigantische ausmaße an und rückt in meiner phantasie bedrohlich nahe.

wenn ich mit dem auto unterwegs bin, schaue ich mir in den rebhängen ganz genau an, in welcher kurve ich einfach nur stur geradeaus fahren müsste, um den absturz garantiert nicht zu überleben.

neulich nachts visionierte mir sehr plastisch, dass es mir gelungen war, ein wirklich schmerzlos tödliches gift zu finden. ich spritzte es erst der katze und dann mir. danach bin ich sehr friedlich eingeschlafen, die katze in meinen armen.

im traum war ich unendlich erleichtert. umso schlimmer war das erwachen: ich bin immer noch auf dem falschen planeten. erwerbslos. einsam. arm. nichts ist gut. gar nichts.

das resultat ist - mal wieder - eine erschöpfungsdepression, vorstufe von burnout. inzwischen auch fachärztlich attestiert. ich bin krank, falle für wochen aus. durch frau Nicolas druck finde ich erst recht keine arbeit, sondern werde ich von tag zu tag teurer fürs amt und liege der gesellschaft nun wirklich auf der tasche. dafür schäme ich mich in grund und boden.

mehr als achteinhalb jahre hartz4 sind längst mehr, als ein mensch ertragen kann. egal was ich gearbeitet habe seither: ich war immer angewiesen auf ergänzendes ALG2. weil es nur noch billiglohn gibt. für frauen erst recht. völlig wurscht, dass ich abitur und studiert hab, dass ich ne gute ausbildung hab, einen iq weit über 130, vielseitig begabt und kompetent bin. ich finde nichts passendes. meine arbeit ist nichts (mehr) wert. ich ebenso wenig.

neulich gab ich IT-nachhilfe für senioren. 5 öre die stunde. ein ehrenamt kann sich nur leisten, wer auch die ehre hat. 

ehre und sinn des lebens aber sind mir längst abhanden gekommen. ich existiere nur noch, um die gesetzlichen vorgaben und schikanen des jobcenters zu erfüllen. das ist kein leben.

trösten kann mich nicht einmal mehr der gedanke, dass all die gnadenlosen amtsbratzen ebenso wie die politikerInnen aller couleur, die die hartz4-folter für erwerbslose menschen beschlossen und in gesetze gegossen haben, es spätestens auf dem sterbett büßen werden.

der unermeßliche schmerz und terror, den sie millionenfach aussenden, wird auf sie zurückfallen. stück für stück. das ist ein kosmisches gesetz. dann können die frau Nicolas dieser republik sich röchelnd und wimmernd, aber mit rigidem buchhalterstolz auf die sadistisch dumpfe brust klopfen: "ICH habe unzählige unschuldige erwerbslose gefoltert, getriezt und gequält, mit „sanktionen“ und anderen schikanen in den finanziellen, emotionalen und gesundheitlichen ruin getrieben haben. ICH bin ein toller mensch und habe immer getan, was im gesetz steht. ich war eine gute deutsche!“

wie lange noch?

Sonntag, 4. August 2013

folgeeinladung

seitdem ich im herbst 2012 meine halbe stelle als redaktions-mitarbeiterin im medienkonzern verlor, bin ich wieder erwerbslos.

da die stelle dort so gering honoriert war, dass ich ohnehin auch während meiner zeit als angestellte ergänzendes alg2 in anspruch nehmen musste, bin ich seither wieder „voll auf hartz4“.

der große luxus von unten - phalaenopsis orchidee

nein, das ist nicht lustig. ich kann meine erwerbslosigkeit nicht als „fröhlichen zwangsurlaub“ betrachten, wie eine im umgang mit den deutschen jobcentern eher unbedarfte bekannte mir neulich aufmunternd vorschlug. hartz4 ist kein spaß in der sozialen hängematte, sondern folter.

ich will hier jetzt gar nicht darüber schreiben, dass der regelsatz von 382 euro – der angeblich das existenzminimum sichern soll – vorne und hinten selbst zu einem schlichtesten überleben nicht reicht, dass es krank macht und vereinsamt. ich übe mich in der kunst, stilvoll zu verarmen. darin bin ich sogar recht erfolgreich. es darf nur nichts kaputt gehen. und ich darf das haus nicht allzu oft verlassen.

ich will hier jetzt auch gar nicht darüber schreiben, dass das hartz4-verrechnungs-amt sich ständig zu seinen gunsten verrechnet und meine „leistungen“ auf diese weise noch weit unter das angebliche „existenzminimum“ drückt. auch nicht darüber, dass unsereins das dann erst einmal herausfinden, aufwendig recherchieren und sich beraten lassen muss, um widerspruch einlegen zu können und ggfs. anwälte und sozialgerichtsbarkeit in gang zu setzen, um dann erst monate oder gar jahre später unter aufwendung erheblicher zusatzkosten (und aller zur verfügung stehenden nervenenden) das klitzebißchen zu kriegen, was einer gesetzlich zusteht – und was für das alltägliche überleben JETZT dringend benötigt wird.

nein.

ich dachte, ich schreibe heute einmal über 'post vom amt':

alle arbeitslosenämter der republik benutzen seit jahren das immergleiche ekelhafte dunkelgraue recycling-papier in allerschlechtester qualität. es sieht nicht nur schäbig aus, es stinkt auch ganz unangenehm (und das mir, die ich den duft von papier doch sonst so sehr liebe!) das muss nicht einmal das billigste papier sein. ich vermute, dass da ein parteigenosse oder kuseng des arbeitslosenministers mit einem never-ending großauftrag den reibach seines lebens macht (dass das arbeitslosenamt mit öffentlichen geldern sehr großzügig ist, wenn es um die privaten vorteile der eigenen mitarbeiter geht, wissen wir ja nicht erst seit 2010).

schon wenn ich so einen dreckig grauen recycling-umschlag ohne briefmarke und ohne absenderaufdruck im briefkasten sehe, krampft sich mein magen zusammen, fängt mein herz in panik an zu rasen und wird mir spei-übel. können die sich denn nicht einmal anständiges papier leisten? es gibt auch schönes recyclingpapier, mit einem höheren weißegrad, das weder teurer noch umweltschädlicher ist.

wir sehen: das amt behandelt seine „kundInnen“ schlecht. also unsereine. schon das benutzte briefpapier schreit aus allen deutschgrauen recycling-fasern: „du böse erwerbslose sozialschmarotzerin bist genauso schmutzig wie unser papier und absolut wertlos.“

das wird durch den blauen engel auf dem briefumschlag nicht besser. auch nicht dadurch, dass mein finanzamt ein ähnlich deutschgraues recycling-papier benutzt.

der unterschied liegt im inhalt und im ton. mit dem finanzamt korrespondiere ich als steuern zahlende bürgerin „auf augenhöhe“.

das jobcenter hingegen bezeichnet mich zwar offiziell als „kundin“ - behandelt mich aber a priori wie eine rechtsbrüchige verbrecherin, die es zu maßregeln und aus der angeblich so kommoden faulenzerInnen-hängematte zu mobben gilt.

geld spart das jobcenter vor allem dadurch, dass es weniger auszahlt als gesetzlich vorgeschrieben ist. in der freiburger nachbarbehörde wurden schon vor jahren die mitarbeiterInnen angewiesen, möglichst „sparsame“ bescheide zu verschicken. die folge: mehr als 80 % der bescheide waren fehlerhaft. sprich: es wurden rechtswidrig geringe leistungen bewilligt.

das amt hoffte darauf, dass die mehrheit der erwerbslosen das vor lauter hängematten-idylle verpennt und sich mit der hälfte des ihnen zustehenden zufrieden gibt. das hat sich durchaus gelohnt. leider schafft es immer nur eine minderheit, gegen falsche bescheide widerspruch einzulegen und den eigenen anspruch tatsächlich durchzusetzen.

um zusätzlich geld einzusparen, scheint es zum handwerkszeug der jobcenter zu gehören, „kundInnen“ für böse verbrechen zu bestrafen, die sie gar nicht begangen haben. es werden sanktionen verhängt ohne rücksicht auf das geltende grundgesetz – das bedeutet, dass die leistungen für die betroffenen noch weiter unter das existenzminimum gesenkt werden. auch dann, wenn die kundIn sich gar nichts hat zuschulden kommen lassen.

von einer rechtskundigen augenzeugen weiß ich, dass ein vertreter des hiesigen jobcenters sich mit großem stolz auf die amts-brust klopft: „WIR sind das jobcenter, das die meisten sanktionen verhängt!!!“ eichmann wäre stolz auf ihn.

von diesem brutalen, menschenverachtenden ehrgeiz bin ich leider gerade betroffen:

der schreckliche graue brief von meinem jobcenter kam am freitag und hat mich so dermaßen aufgeregt (und tut es noch), dass ich bis heute gebraucht habe, um mich einigermaßen zu beruhigen und darüber schreiben zu können.

geschrieben hat ihn „Frau Nicola M.***“. die kenne ich noch nicht. wir haben uns noch nicht einmal guten tag gesagt. offensichtlich ist sie mir nun als „arbeitsvermittlerin“ zugeordnet. aber ich weiß schon jetzt, dass sie genau das – nämlich mir eine arbeitsstelle vermitteln – garantiert NICHT tun wird.

statt dessen schreibt sie, dass sie mein ALG II gleich mal für die nächsten drei monate um 10 prozent kürzt, weil ich letzte woche nicht bei ihr im termin war. von dem termin wusste ich nichts!

angeblich habe sie mir eine „einladung“ (jobcenterdeutsch für „zwangsvorladung mit androhung von geldstrafe bei nichterscheinen“) geschickt. seltsam, dass die nicht bei mir ankam. ich bin hier mit den postzustellerInnen persönlich bekannt, seit jahren. es ist noch nie post nicht angekommen.

nun habe ich also eine „folgeeinladung“ erhalten. das ist jobcenterdeutsch für „zweite zwangsvorladung mit androhung von weiteren und noch größeren geldstrafen bei nichterscheinen in folge“. das halte ich nicht für kundenfreundlich, sondern für erpressung.

zumal ich als erwerbslose gleich einmal vorab und pauschal unter den generalverdacht der leistungserschleichung gestellt werde. welch eine unverschämte unterstellung. ich bin weder freiwillig noch gerne ohne sinnvolle arbeitsstelle. ich hasse es, meinen lebensunterhalt nicht selbst verdienen zu können.

vermutlich wollte frau M. mich gar nicht erst kennenlernen, sondern lieber gleich geld sparen. es ist anzunehmen, dass sie das schreiben an ihrem pc zwar bearbeitet und gespeichert – dann aber weder ausgedruckt noch an mich abgeschickt hat.

da sie nun ihr schlechtes gewissen zu kompensieren hat, ist sie in diesem zweiten schreiben besonders pampig und extra schikanös. es ist zu vermuten, dass sich das bei der „anhörung“ nächste woche fortsetzen wird.

es ist aber aufgabe der arbeitsvermittlerin, mich als kundIn auf augenhöhe zu informieren und zu beraten. ich habe ein recht auf die mir gesetzlich zustehenden leistungen. das sind keine almosen. mit dem antrag auf das arbeitslosengeld habe ich nicht gleichzeitig auch meine menschenwürde im arbeitslosenamt abgegeben. mit bösartigen unterstellungen und schikanen kommt sie bei mir nicht weit.

darauf werde ich „Frau M.“ im 'folgetermin' ausdrücklich hinweisen. höflich, aber bestimmt. so, wie ich es auf der journalistenschule für den umgang mit schwierigen interviewpartnerInnen gelernt habe: Fortiter in re, suaviter in modo

zu diesem termin gehe ich natürlich nicht alleine. außerdem bin ich informiert, dass sie mir für die rechtswirksamkeit ihrer sanktion nachweisen muss, dass ich ihre erste einladung tatsächlich erhalten habe.

fortsetzung folgt ….


*** name ist der redaktion bekannt
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Mittwoch, 13. Februar 2013

so geht das nicht II

.... fortsetzung des bilderklaus - zum stand der dinge:

nach meinem letzten post hatten beide 'bilderdiebe' mein foto noch am selben tag aus dem netz genommen.

geliebte tulpen

nachtrag 22. februar 2013:

auch meine rechnungen wurden beglichen.
deswegen habe ich hier die namen der 'bilderdiebe' wieder herausgenommen.


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Freitag, 1. Februar 2013

so geht das nicht

seit mehr als dreieinhalb jahren fülle ich dieses weblog mit bildern und texten, mit viel persönlichkeit und emotion und energie.

über positive reaktionen freue ich mich immer, mit kritik und ratschlägen kann ich umgehen.

ich finde es auch toll, wenn komplimente zu meinen fotos kommen.

Rosinenrosen & Kronjuwelen

wenn aber jemand meint, es sei ein kompliment, meine bilder ungefragt, ohne mich zu informieren und ohne honorar auf seiner kommerziellen webseite einzusetzen, dann irrt er ganz gewaltig.

da freue ich mich nicht drüber, da bin ich indigniert. also ganz gepflegt wütend!

meine bilder ohne namensnennung, ohne quellenangabe auf fremden webseiten zu entdecken - das passierte mir diese woche gleich ein halbes dutzend mal.

hapüh!

den 'bilderdiebischen' unternehmen habe ich nun - nach eingehender anwaltlicher und fachlicher beratung - eine rechnung geschickt für die unberechtigte nutzung meiner bilder. weitere rechtliche schritte und die inanspruchnahme anwaltlicher unterstützung behalte ich mir vor.

damit das mal klar ist.

bei privaten webseiten bin ich - bisher - immer sehr kulant. ich schreibe eine mehr oder weniger freundliche email. wenn daraufhin meine urheberinnenschaft nachgetragen oder das bild von der webseite entfernt wird, okay.

kann sein, dass ich auch da bald strenger werde. irgendwann ist meine geduldige geduld am ende. meine fotos, meine bilder aber ungefragt kommerziell zu nutzen - das geht gar nicht!

fortsetzung folgt ....

ps:
die beweisbilder und die namen der 'bilderdiebe'  an dieser stelle habe ich wieder herausgenommen, da es mir nicht um einen dauerhaften internet-pranger geht
 
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Sonntag, 16. Dezember 2012

absagen einstecken II

besondere maßnahme no. XXV

wie ihr euch denken könnt, ist die lücke in meinem leben, die im oktober durch die kündigung meiner teilzeitstelle beim verlag entstanden ist, noch längst nicht wieder gefüllt.


daher halte ich augen und ohren offen, schau mich um, versuche neues, gehe auch mal unbekannte wege …. alles wie immer, eigentlich. wenigstens langweile ich mich nicht.

eine bezahlte arbeit (die mir die butter auf die richtige seite vom knäckebrot finanzieren täte) ist dabei zwar bisher noch nicht herausgekommen - aber immerhin neue erfahrungen, was die methoden und üblichkeiten auf dem aktuellen arbeitsmarkt so angeht.

letzte woche schrieb ich eine bewerbung auf eine mini-stellenanzeige im hiesigen kostenlosen lokal-anzeigenblatt: gesucht wurde eine mitarbeiterin für den empfang in einer beratungsstelle auf 400-EUR-basis, „erfahrungen im verwaltungs- und/oder sozialen bereich von vorteil“.

na bitte, das kann ich prima machen, dachte ich: war selbst jahrelang geschäftsführerin und vorstand in einem gemeinnützigen verein im gesundheitsbereich, kann alle office-anwendungen aus dem eff², telefonieren sowieso, je nach bedarf freundlich oder auch mal resolut dreinschaun und habe obendrauf auch noch erfahrungen mit der zu erwartenden klientel - sogar aus eigener erfahrung! es ging nämlich um sucht und drogen. zudem ist mir die leiterin der beratungsstelle persönlich bekannt.

also entwarf ich einen indivuellen bewerbungstext, abgeschickt per email mit aktuellem lebenslauf und dem letzten aussagekräftigen, sehr guten zeugnis im anhang.

und?!
ihr ahnt es schon?!
es kam eine absage, ebenfalls per email, innerhalb von 24 stunden.

den text des dreizeilers lässt man sich am besten gar nicht genüsslich auf der zunge zergehen, sondern spuckt ihn gleich angewidert wieder aus:
…. leider müssen wir Ihnen mitteilen, dass ihre Angaben nicht völlig unseren Erwartungen entsprechen. Aus diesem Grunde können wir Ihre Bewerbung leider nicht ….

was fehlte denen denn, ich bin doch bestens qualifiziert?! ich war ziemlich wütend, holte zur beruhigung ungefähr sieben mal tief luft und habe dann die derzeitige empfangsdame angerufen. sie sei leider auch nur ausführende und mache, was man ihr aufgetragen habe, und die leitung sei sowieso erst im nächsten jahr wieder zu erreichen.

ahja.
ich bedankte mich artig für die information und riss mich schwer zusammen, nicht meinerseits die absage mit einer absage der anderen art zu beantworten:
leider leider! …. bin ich nicht fähig, Ihre mir unbekannten erwartungen ohne vorherige nähere angaben hellzusehen. ja, im grunde bin ich nicht einmal willens, in einem schlecht bezahlten aushilfsarbeitsverhältnis überhaupt irgend etwas hellzusehen! da Ihre schon im bewerbungsverfahren zutage getretenen überzogenen arbeitgeberseitigen erwartungen an u.a. hellseherische fähigkeiten einer neuen mitarbeiterin nach antritt einer stelle erfahrungsgemäß nicht auf ein erfüllbares maß gesenkt, sondern statt dessen aufrecht erhalten und häufig sogar in unverhältnismäßiger weise noch gesteigert zu werden pflegen, muss ich Ihnen leider mitteilen, dass ich mich veranlasst sehe, meine bewerbung zurückzuziehen. bei der weiteren mitarbeitersuche wünsche ich Ihnen viel erfolg ....

das nur mal zwischendurch als nette entspannungsphantasie zur psychologisch sinnvollen verarbeitung seltsam abwertender absageantworten auf ernst gemeinte bewerbungsschreiben, in denen man sich ja für gewöhnlich echt nackig macht.

dabei hatte ich denen noch gar nicht mitgeteilt, dass mein (langjährig postalkoholischer, in einer offiziellen untersuchung nachgewiesener) IQ nur sieben punkte unter dem (gemutmaßten) IQ von albert einstein liegt.



Montag, 22. Oktober 2012

alles auf anfang

das leben kann so ein luder sein.

gerade erst hatte ich gedacht: „jetzt haste aber ne menge erfahrungen gemacht. gerade die letzte war ja mal wieder eine echte herausforderung, zu buchen auf das lebenskonto 'erfahrungen - sollseite'. nun könnte zur abwechslung einmal etwas kommen, das ich aus dem fundus an bereits gemachten erfahrungen locker bewältigen kann - damit ich ein bißchen luft habe, um mich mit aller kraft in die neue stelle einzuarbeiten, gut fuß zu fassen und souverän zu werden ...!“

blühender glücksklee (oxalis tetraphylla)

aber immer dann kommt das leben, watscht mir ins gesicht und sagt „äätsch-bäätsch! ich habe noch was neues für dich!“ ZACK! 

dieses luder.

keine drei monate war ich im medienkonzern, halbtags, als redaktionsassistenz für drei verschiedene redakteurinnen. im grunde musste ich dreierlei jobs neu lernen, für jede einen, ganz unterschiedliche aufgaben in unterschiedlichen redaktionssystemen und software-backends. vielerlei, alles sehr komplex.

obwohl ich als zeitarbeiterin schon fast ein dreiviertel jahr in einer anderen abteilung gearbeitet hatte, kam ich mir vor wie in einer neuen firma. erfahrene kolleginnen sagten: „da brauchst du mindestens ein jahr, um dich einzuarbeiten.“ eine ganz ehrliche kollegin sagte: „um sich wirklich auszukennen, braucht man zwei jahre.“

sehr viel auf einmal, so schnell wie möglich, oft sekundenschnelles hin- und her-switchen: auf emails und kundenanfragen umgehend reagieren; dazwischen komplexe übersetzungen juristischer texte aus dem deutschen ins englische (zu denen eine befreundete diplomübersetzerin gesagt hatte, dass sie sich das nur zutrauen würde, wenn ein muttersprachlicher arbeitsrechtler das gegenliest); gleichzeitig zweierlei portalsforen auf neue einträge überwachen (und beantworten); stundenlanges akribisches prüfen diffiziler textbausteine in der software (ist die englische übersetzung korrekt, stimmt die zuordnung …); das alles und noch viel mehr - im geräuschpegel von teils laut telefonierendem großraumbüro und baustellenlärm vor dem fenster.

unmöglich, mir alles gleich beim ersten mal zu merken. ich habe kein fotographisches gedächtnis. mein mensataugliches hochleistungshirn im overload. ich schwamm. stück für stück fand ich mich ein, tag für tag schaffte ich mir mehr boden mehr unter die füße.

wenn ich nicht weiterkam, fragte ich die kollegInnen. so war es vereinbart. wenn ich fehler machte, wurde ich darauf hingewiesen, hörte zu, lernte daraus. wie das eben so ist in einer einarbeitung.

in den vierzehntägigen rücksprachen mit der redaktionsleitung bekam ich großes lob für meine übersetzungen. von den beiden anderen erhielt ich kein konkretes feedback. „solange nichts negatives kommt, ist alles gut im fluss.“ - dachte ich und strengte mich weiter an.

umso entsetzter war ich, als die chefin in meiner elften woche am neuen arbeitsplatz die rücksprache eröffnete mit den worten: „ich habe schlechte nachrichten für Sie.“ - ?!?!?! - „Sie wissen sicher schon, worum es geht.“ - ?!?!?! - „wir wollen Ihnen kündigen.“ - ?!?!?! - „wir haben uns die entscheidung nicht leicht gemacht.“ - ?!?!?! - „Sie sind zeitlich zu unflexibel (ich war pro arbeitstag im schnitt fast eine stunde länger da).“ - ?!?!?! - „Sie haben überhaupt kein gespür dafür, wann hier viel zu tun ist.“ - ?!?!?! - „Sie haben zum falschen zeitpunkt einen tag urlaub genommen (das war kein urlaub, sondern - auf den vorschlag der chefin hin - das zeitnahe abgleiten von überstunden und mit allen abgesprochen).“ - ?!?!?! - „Sie sind im allgemeinen den belastungen dieser stelle nicht gewachsen.“ - ?!?!?! - „Sie hätten doch merken müssen, dass schlechte stimmung ist.“

dann legte sie mir die kündigung vor (abgezeichnet von dreierlei geschäftsführungen und abgenickt vom betriebsrat). ich hatte den empfang zu quittieren, meinen schreibtisch sofort zu räumen, die mitarbeiterkarte auf den tisch zu legen und das haus zu verlassen.

oh leben, du luder!

ich war geschockt und bin es noch. offensichtlich hatten die drei „herrinnen“ (o-ton chefin) seit wochen und monaten über mich gesprochen - und nicht ein einziges mal mit mir. ich hatte keine chance, stellung zu nehmen und - was auch immer - zu verändern, verhalten oder arbeitsweisen zu korrigieren und anzupassen. statt dessen haben sie meine - angeblichen - defizite gesammelt und mich ins offene messer laufen lassen.

luder.

ich war nicht gut. ich war ihnen nicht einmal gut genug, dass ich ihnen die zeit wert gewesen wäre, meine angeblich ungenügenden leistungen mit mir zu besprechen. ich war scheinbar sogar so dermaßen schlecht und unerträglich und schädlich fürs geschäft, dass man mich lieber von jetzt auf gleich wegschickt - und dafür in kauf nimmt, trotz arbeit im überfluss die stelle nun wieder mindestens sechs wochen lang unbesetzt zu haben, um anschließend mit einer neuen kollegin und der einarbeitung wieder ganz von vorne zu beginnen.

abgesehen von dem schock über dieses unerwartete ende von etwas, das für mich mit ganz viel zuversicht begonnen hat …; abgesehen von der verzweiflung, jetzt wieder ohne eine regelmäßige arbeit dazustehen und dem hartz4-amt aufs neue vollzeit ausgeliefert zu sein …; abgesehen von der trauer, so von jetzt auf gleich einen wichtig gewordenen teil meines lebensinhalts abgeschnitten zu bekommen …; abgesehen von der großen ratlosigkeit, was die entsetzlich große differenz angeht zwischen eigen- und fremdwahrnehmung …; abgesehen von der verunsicherung, wie ich denn nun in meinem lebenslauf elegant unterbringe, dass ich bereits während der probezeit rausgeworfen wurde …

abgesehen von alledem ... bin ich ganz schön wütend!

denn auch, wenn ich jetzt im augenblick überhaupt noch nicht weiter weiß, folgendes ist schon mal klar:

es ist überhaupt nicht schön, dass ich meine arbeit schon nach so kurzer zeit wieder verloren habe. aber es ist überhaupt nicht schlimm, dass ich diese arbeit nicht mehr habe:

in einer umgebung, wo ich ohne hellseherische fähigkeiten ständig angst haben müsste, das falsche zu tun oder zu sagen, weil jemand anders darauf lauert, mich vorzuführen, könnte ich auf dauer nicht gedeihen.

für einen betrieb, dessen devise (u.a.) lautet „Bei uns fahren alle Vollgas. Immer. Wer nicht immer Vollgas fährt, fährt besser woanders!“, habe ich einfach nicht genug testosteron im blut, liebe ich das achtsame unterwegs-sein viel zu sehr.

wenn ich schon im firmensprech, das den maskulinen singular zur norm erklärt und frauen für nicht weiter der rede wert hält, nicht vorkomme - dann habe ich dort zwar jetzt meinen job, als kluge frau aber ansonsten nichts verloren.

so.
ich bleibe in bewegung.
leben, es darf wieder etwas neues kommen.
du luder!



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Sonntag, 22. Juli 2012

vaterschreck

es ist unsere erste begegnung nach mehr als viereinhalb jahren. sein erster besuch in meinem leben seit mehr als dreizehn jahren. meine wohnung hat er dennoch lieber nicht betreten. wir sitzen auf der terrasse einer renommierten konditorei. der dicke alte mann schaufelt schwarzwälder kirschtorte in sich hinein. ich trinke kaffee mit schlagsahne.


der vater wunderte sich: „Ja darfst du denn immer noch keinen Alkohol ….?“ ich bleibe geduldig. „nein, ich bin trockene alkoholikerin. das weiß du doch, dass man da nicht mehr trinken kann.“ - „Ja aber ich dachte, nach ein paar Jahren, wenn man brav war, dann könnte man wieder ….“. sie wollen es nicht wahrhaben, diese eltern. ich bin schließlich ein wunschkind, und ein wunschkind hat den wünschen der eltern zu entsprechen. „alkoholkrank“ stand nicht auf ihrer wunschkindeigenschaftswunschliste, also wird es ignoriert und freunden gegenüber verheimlicht.

dabei war er es, der mit der 13-jährigen zum „bier-trinken-üben“ in die kneipe ging. „Das wird dir nicht gleich beim ersten Mal schmecken, Tochter. Das ist bitter. Du wirst es öfter versuchen müssen.“ ich wollte seine gute tochter sein und überwand die bitterkeit so lange, bis ich ohne nicht mehr sein konnte.

immerhin ist er innerhalb weniger wochen ein zweites mal quer durch die republik gefahren, um mich zu sehen. sein erster versuch war im mai, als ich in italien war. da war er einfach losgefahren, traf mich nicht an, hinterließ anonyme botschaften auf meiner anrufbefürworterin, die mich bei meiner rückkehr in angst und schrecken stürzten.

ich löffle noch etwas sahne vom extraschälchen auf meinen kaffee.

„wieso hast du dich damals nicht angemeldet?“ - „Ich wollte dich überraschen.“ - „hattest du angst, ich würde nein sagen am telefon? hast du gedacht, wenn du mir die pistole auf die brust setzt und gleich vor der tür stehst, könnte ich dich nicht wegschicken?“ - „Ja.“ wenigstens ist er ehrlich.

in mir eine große vielschichtigkeit von gefühlen:

überfälle finde ich brutal und respektlos. das macht mich wütend. aber ich behalte es für mich. weil ich weiß, dass er dann wieder eingeschnappt wäre. das alte muster. es besteht die gefahr, dass er wieder jahrelang nicht mit mir reden würde, so wie beim letzten mal. so viel lebenszeit hat er nicht mehr.

gleichzeitig fühle ich mich schuldig, weil ich bei seinem ersten besuch im mai nicht zu hause war. der kerl arbeitet seit jeher mit emotionaler erpressung. das ist unerträglich.

gleichzeitig bin ich gerührt von seiner anstrengung, sich mir – auf die beste ihm mögliche weise – wieder anzunähern. gerührt auch von seiner unbeholfenheit.

trotzdem: ich kann ihn nicht leiden, finde ihn eklig. dieser mann hat meine kindheit versaut, meine jugend, mein leben. ich hasse ihn. er war zynisch, desinteressiert. sein häufigster satz, seitdem ich ein i-dötzchen war: „da musst du alleine mit klarkommen. da kann ich dir nicht helfen.“

er war nicht da für mich, niemals fühlte ich mich geborgen. meine bedürfnisse hatte ich den seinen unterzuordnen. tat ich es nicht, sorgte er für mein schlechtes gewissen: ich war schuld, wenn es ihm schlecht ging. wenn er da war, lief ich auf zehenspitzen, alle antennen nur darauf ausgerichtet, ihn nur ja nicht zu stören. er hat mich oft dabei erwischt. ich war nicht leise, nicht unsichtbar genug.

das, was ich sagen will, ist zu viel. mit dem löffel versuche ich, die sahnhäubchen in den kaffee zu tunken und unter der oberfläche zu halten.

der vater ist fast achtzig. er gehört wie die mutter zur eisernen generation, die im zweiten weltkrieg kind oder jugendlich war und erlittene verluste niemals richtig betrauern oder erlebte schrecken verarbeiten konnte. sie sind die ewigen opfer, denen es von allen immer am schlechtesten ging: „Also halte den Mund, Kind! Und jammere nicht! Dir geht es doch gut!“

er spricht von seiner schulzeit, die 1939 begann - und wie er damals von lehrern geschlagen wurde. heischt mitleid „Wenigstens das haben wir dir doch erspart.“ wieder habe ich ein schlechtes gewissen, weil ich „nur“ mit angst, kopf- und magenschmerzen in die schule ging. ich bleibe bei mir so gut es geht und sage „du weißt selbst sehr gut, dass man kinder nicht verprügeln muss, um sie zu quälen und zu foltern.“

„Aus der Sicht der Kinder mag manches anders aussehen als aus der Sicht der Eltern. Aber Eltern haben nun mal die Macht, Ihren Kindern gegenüber immer im Recht zu sein.“

dabei schaut er mich durchdringend an, fast triumphierend. ich verstehe: er duldet keinen widerspruch. der vater besteht auf seiner macht. mit großer kraft bleibe ich diplomatisch: „damals hatten kinder noch nicht das recht auf eine gewaltfreie kindheit. das hat sich inzwischen geändert. es gibt jetzt kinderrechte.“

er kotzt mich an in seiner unfehlbaren selbstgerechtigkeit, die zu keinerlei selbstkritik fähig ist.

ich löffle die ungezuckerte schlagsahne, die nicht untertauchen will, in meinen mund, und bin getröstet von ihrer weißen weichheit.

wir kommen nicht zueinander. er wechselt das thema, obwohl wir das vorige noch gar nicht besprochen hatten. zu vieles bleibt ungesagt.

nach fünf kontaktlosen jahren möchte er fakten aus meiner gegenwart. ich berichte von langer erwerbslosigkeit und vom leben mit hartzIV trotz arbeit. er weint, als er mir als gruß von der mutter einen hunderteuroschein in die hand drückt: "Für Blumen."

ich erzähle auch von meiner derzeitigen halbtagsstelle, die mich viel kraft kostet. er verabschiedet sich winkend und ruft mir freundlich hinterher: „Da musst du jetzt alleine durch. Da kann dir keiner helfen.“

damit hat er natürlich recht. genau so ist es. ich hätte gerne einen menschen in meinem leben gehabt, der die bezeichnung „vater“ verdient. da muss ich schon mein leben lang alleine durch.


ps am 1. Oktober 2012:
durch reaktionen auf diesen text bin ich dem begriff "kriegsenkel" begegnet. in "kriegsenkelin" habe ich mehr dazu geschrieben.



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Freitag, 16. März 2012

der handwerker

schon wieder eine vermietergeschichte!

es war ja ohnehin schon schlechte luft in der vermieterlichen bel-etage, weil ich es vergangene woche gewagt hatte, darauf hinzuweisen, dass ich es nicht in ordnung fand, mir termine aufzudrücken, die gar nicht für mich bestimmt sind.

immer im blick: die gebeine der vermieter

dann ging mir in der vergangenen woche auch noch ein rollladen kaputt, einfach so, ohne vorwarnung, lässt er sich nicht mehr hochziehen. an einer balkontüre. sehr wichtig, dass der nicht dem licht und auch nicht mir den weg versperrt. jetzt im frühling sowieso.

ich kenne ja meine vermietermischpoke inzwischen und dachte mir schon, dass das wieder schwierig wird. grundsätzlich, wenn in diesem vierzig jahre alten haus etwas nicht funktioniert (auch außerhalb meiner wohnung), werde seit meinem einzug vor rund acht jahren sofort ich unterm dach dafür verantwortlich gemacht.

dennoch habe ich es gewagt, ihnen erst einmal – ganz vorsichtig – einen zettel hinzulegen mit einer kurzen schilderung des problems. ganz mutig habe ich bei der gelegenheit noch eine zweite angelegenheit erwähnt, die einer reparatur bedarf.
„hallo frau und herr vermieter,
es ist etwas kaputt gegangen in meiner wohnung:
- ein rolladen an der balkontüre südwest lässt sich nicht mehr ganz hochziehen.
- die badezimmertüre stößt beim öffnen immer auf den boden. da hat sich scheinbar etwas gelockert."

dann noch die info, dass ich unter der woche meist ab 15 uhr zu hause sei, falls man sich das einmal ansehen wolle. leider hatte ich vergessen, hinzuzufügen, dass man für das betreten meiner wohnung bitte einen termin mit mir absprechen möge – dafür war die zeitangabe gedacht.

ich hätte es mir denken können! der herr vermieter stand am dienstag mal wieder unangemeldet vor der tür und begehrte sofortigen einlass. respektlos und arrogant und selbstherrlich wie eh und je. ich habe tief luft geholt, deeskalation betrieben und habe ihn – obwohl ich fast gekotzt hätte vor ekel, diesem widerling unvorbereitet und alleine ausgesetzt zu sein – hereingelassen.

sofort legte er wieder los mit abwertenden bemerkungen. er könne gar nicht verstehen, dass der rollladen nicht hochzuziehen sei, den würde ich ja wohl kaum benutzen (tue ich nur täglich einmal am frühen morgen, wie man es mit rollläden halt so macht). um selbst festzustellen, dass der rollladen nicht mehr hochzuziehen geht, musste der vermieter ihn natürlich erst einmal noch weiter herunterlassen. was vorher nur ein halber schaden war, ist jetzt ein ganzer.

tja, da könne er leider nichts machen.

bei der badezimmertüre stellte er fest, dass eine schraube an der türangelbefestigung locker ist (meine rede). die sei ja ganz ausgeleiert die schraube, die hätte ich ja wohl mit einem schraubenzieher zerstört. für die türangelschraube braucht man einen imbusschlüssel. damit lässt sie sich bestens drehen. sie ist kein bißchen 'zerstört', und ich war auch nie mit einem schraubendreher dran. sehe ich doch, dass das ein imbus ist.

der herr vermieter stellte fest: die schraube lässt sich nicht mehr festdrehen (das war mir bekannt, sonst hätte ich ihn ja nicht bemüht).

tja, da könne er leider nichts machen. da müsse ein handwerker her. er kenne da einen, der würde sich das vielleicht einmal ansehen. der sei aber gerade erst an der hüfte operiert worden und er wisse nicht, wann der zeit hat. ob ich am donnerstag oder am freitag oder am samstag da sei?

ich bejahte grundsätzlich und schlug vor, dass der handwerker sich doch am besten kurz telefonisch bei mir melden und einen termin vereinbaren möge.

termin? vereinbaren? herr vermieter kriegte mal wieder schnappatmung: das ginge nicht, das wisse doch er nicht, wann der handwerker zeit habe und außerdem hätte er meine telefonnummer gar nicht. natürlich hat er meine telefonnummer. die hat sich seit acht jahren nicht geändert. ich blieb freundlich und gab ihm zum gefühlten dreihundertzwölften mal meine visitenkarte.

er grummelte die treppe hinunter. türen schlagen.

am nächsten morgen begegnete ich ihm vor der garage. ich grüßte freundlich und korrekt. wie immer. das war ihm vielleicht ein dorn im auge. außerdem hatte er wohl meine telefonnummer noch nicht so ganz verdaut. jedenfalls wurde er wieder cholerisch und brüllte nur noch rum:

was ich mir denn einbilden würde, immer müsse man mit mir einen termin vereinbaren. bei allen anderen mietern zuvor sei das immer selbstverständlich gewesen, dass er jederzeit in die wohnung gekonnt hätte und wenn das mit mir nicht ginge, dann solle ich gefälligst ausziehen. er hätte noch nie die miete erhöht (stimmt – ich habe sie aber auch noch nie gekürzt trotz vielerlei gründen) und am winterdienst hätte ich mich auch noch nie beteiligt (stimmt nicht - wenn er einen plan macht, halte ich mich dran; aber es ist nicht meine aufgabe, einen plan zu machen).

ich sagte, dass das eine mit dem anderen nichts zu tun habe, und wenn er wolle dass ich ausziehe, könne er mir ja eine abfindung zahlen für maklergebühren, umzugskosten etc. - dann würde ich gehen.

ich zahle die miete regelmäßig und pünktlich. immer. er hat nichts gegen mich in der hand. dass ich ja ausziehen könne, wenn mir irgend etwas nicht passe, das sagt er seit jahren. aber diesmal wurde er wirklich bedrohlich: ich wisse ja, dass er einen rechtsanwalt kenne und was das für einer sei, da könne man sicher etwas drehen, um mich loszuwerden.

einen termin mit dem handwerker hat er nicht vereinbart, und auch der handwerker selbst hat sich bei mir nicht gemeldet.

vorhin klingelt es. plötzlich. ich war beim gärtnern auf dem balkon, die hände bis zum ellenbogen in blumenerde. ich erwartete niemand, hätte auch in der badewanne liegen können. trotzdem gehe ich an die türe: aufgemacht, niemand da. gegensprechanlage betätigt: hörbare geräusche, aber niemand antwortet. also bin ich wieder zurück zu meinen orchideen.

als ich später wieder hereinkomme, blinkt die anrufbefürworterin. sie hat eine sehr bemüht höfliche und sehr bemüht hochdeutsche nachricht für mich:
„hallo mo jour, hier isch de vermieter. jetz isch grad de handwerker do, aber …. mir komme net rein. des fahrrad isch do, des audo do. der hat's vorher net g'wusst, dass er jetz' komme kann. das geht mit de handwerker nit immer so, dass mer sich vorher anmeldet. jetzt geht er wieder un' mer müsse warte, bis er widder zeit hat. oder du nimmsch des alles selber in de hand un' tuusch (= tust) des reguliere. du kannsch ja mit mir maaal rede. tschau.“

damit meint der vermieter folgendes: entweder ich dulde unangemeldete überraschungsbesuche von ihm nebst handwerker, oder ich zahle die reparaturen selbst. von handwerkerkumpel seines vertrauens gibt er mir weder namen noch telefonnummer.

zähneknirschen.
ausatmen.
loslassen.
es ist wochenende. es ist frühling.

auf die nächste fortsetzung bin ich schon selbst gespannt.



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Donnerstag, 15. März 2012

der schornsteinfeger

es ist an der zeit, dass ich mich wieder einmal einem der wirklich wichtigen themen dieses weblogs widme, wie es auch im untertitel steht: dem vermieter.

tibetorchidee - pleione formosana

der meine lebt im selben haus und hat so seine eigenheiten, wie einige von euch ja bereits wissen. meistens sind diese für mich schon so dermaßen alltäglich, dass sie mir trotz aller ungeheuerlichkeit schon kaum noch auffallen.

zur erinnerung: wir leben auf dem aleMANNischen lande. der mann ist katholisch. der katholische mann hält sich für das herrgöttle himself, denn der herrgott hat ihn schließlich nach seinem ebenbild geschaffen. so steht es in der bibel. und was in der bibel steht, das stümmt.

neulich, als ich nachmittags von der arbeit kam, hing am treppengeländer zu meiner wohnung ein zettel vom schornsteinfeger: „komme morgen zwischen 8uhr und 9uhr30.“ normalerweise bin ich um diese zeit beschäftigt mit riesenmilchkaffee, zähneputzen, katzefüttern, antifaltencreme, frühstücksbrot belegen und dem weg in den verlag. arbeitsbeginn ist allerspätestens halb zehn. ich bin noch in der probezeit. es ist wichtig, pünktlich zu sein.

der schornsteinfegertermin war sehr kurzfristig (nicht mal 15 stunden) und zu einer für mich ungünstigen uhrzeit. ich mag es nicht, wenn mein tagesablauf durcheinander gebracht wird. erst recht nicht schon am frühen morgen. ich brauche die zeit für mich, um die alpträume der nacht zu sortieren und mich auf die herausforderungen des vor mir liegenden tages einzustellen.

ich mag es auch nicht, wenn fremde männer vor der wohnungstür stehen, einlass begehren und durch meine privateste privatsphäre latschen. als sei es das selbstverständlichste von der ganzen welt, bei einer fremden frau einzudringen und das auch noch vor deren wachwerden. trotzdem: der schornsteinfeger muss seine arbeit machen. außerdem bringt er ja auch angeblich ein bißchen glück mit. immer herein damit.

also bin ich extra früher aufgestanden, habe den schon seit jahren nicht mehr benutzten kaminofen freigeräumt und geputzt, die wohnung mehr aufgeräumt als sonst. wohnung, ofen, katze und ich waren ausnahmsweise schon in der früh um punkt acht uhr präsentabel und gesellschaftsfähig und nur ein ganz kleines bißchen schlecht gelaunt.

so saßen wir hier in bester erwartung und in der großen hoffnung, der herr schornsteinfeger möge bitte möglichst bald kommen, so dass ich noch rechtzeitig am arbeitsplatz sein konnte. des herrgotts turmuhr schlug die stunden: viertel, halb, dreiviertel, punkt neun, der schornsteinfeger kam nicht. viertel nach neun rief ich mein verlagsteam an, dass ich unmöglich pünktlich sein könne – der handwerker habe mich versetzt.

ich hasse es, warten gelassen zu werden. ich werde wütend, wenn andere meine zeit verschwenden. ich konnte es nicht ändern und wartete bis 9uhr40. immer noch kein schornsteinfeger. als ich endlich auf dem weg in die redaktion die treppe runterfegte, war der schornsteinfeger-ankündigungszettel weg, lag vor der wohnung der vermieter. die hatten ihn also abgemacht. war der böse schwarze mann doch dagewesen? hatte er mich vergessen? war er unverrichteter dinge wieder gegangen, ohne mir bescheid zu sagen?

ich klingelte, wollte beim vermieter nachfragen. keiner macht auf. keiner da. ich war sauer. der ganze aufwand vergeblich, und dann auch noch zu spät im für mich so wichtigen job. den zettel nahm ich mit.

am abend rief ich den schornsteinfeger an. fragte nach. da erzählt der mir, dass der zettel gar nicht für mich bestimmt war. sondern nur für den hausbesitzer. mein ofen sei ja schon seit jahren stillgelegt, den müsse er nicht mehr kontrollieren. der kollege sei schon kurz nach acht bei uns im haus gewesen. er war jedoch nicht angewiesen gewesen, sich bei mir zu melden. schließlich gab es in meiner wohnung für ihn nichts zu tun. nur beim hausbesitzer. ich hätte also gar nicht zu hause sein müssen. der schornsteinfeger entschuldigte sich vielmals. dieses missverständnis war ihm sehr unangenehm.

da hatte also mein schikanöser herrgottsvermieter den für ihn bestimmten terminzettel einfach mir hingehängt, ohne drüber nachzudenken. er hatte es auch nicht nötig, mich kurz zu informieren, als klar wurde, dass sich der termin für mich erübrigt hatte. statt dessen hängte er den zettel einfach wortlos wieder ab. ich war gar nicht betroffen und hätte wie sonst auch um halb neun das haus verlassen und rechtzeitig arbeiten können.

tags drauf sprach ich ihn darauf an, dass ich das nicht in ordnung fand und dass er zumindest hätte bescheid sagen können – wenn er es schon nicht schafft, sich zu vergewissern, ob seine termine auch für mich gelten und sie mir einfach weiterreicht.

da war der mann so sehr beleidigt, man stelle sich das mal vor. der ärmste ist ein arroganter choleriker, schon von geburt an. der kann nix dafür, dass er so ist. er kommandiert halt gerne andere umeinander und ist niemals verantwortlich für seine fehler. schuld sind immer die anderen. vorzugsweise seine böse mieterin.

er kriegte also schnappatmung und blaffte mich an, mit mir könne man ja sowieso nicht reden und schließlich hätte ich ihn ja anrufen müssen. er hätte das doch nicht gewusst, dass der schorsteinfeger nicht zu mir wollte. er wusste es nicht. aber obwohl es sein job gewesen wäre, das herauszufinden, hat er mir den zettel trotzdem einfach so hingehängt.

das sollte ich mir mal umgekehrt erlauben: dem vermieter termine aufdrücken, die gar nicht für ihn bestimmt sind. dass er derjenige war, der den zettel nicht nur unnötig bei mir aufgehängt, sondern ihn auch noch stumm wieder abgehängt hatte – ohne wenigstens kurz mit mir zu reden, dass es sich erledigt hatte .... vermietergötter dürfen das.

früher hätte ich darauf erst mal einen cognac getrunken, um mich von der palme wieder runterzuholen.
das geht schon lange nicht mehr. solcherlei situationen sind für mich eine große belastung. ich muss es irgendwie aushalten und knirsche mit den zähnen.

ausatmen.
loslassen.
fortsetzung folgt.


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Sonntag, 23. Oktober 2011

ich bin dann auch mal weg

auch das schönste ehrenamt der welt kann nicht darüber hinwegtäuschen, dass ich nach wie vor nicht ausreichend eigenes geld verdiene und auf ergänzendes arbeitslosengeld angewiesen bin.


seit der neuregelung der hartzIV-gesetze anfang des jahres 2011 ist es sogar noch etwas schwieriger geworden.

was habe ich mich anfangs gefreut über die 5 euro mehr im monat! schier geschämt habe ich mich, diesen betrag überhaupt anzunehmen für fundamentales nichtstun. und nicht nur das – es war ja noch viel mehr!

es gab nämlich eine versteckte erhöhung des regelsatzes dadurch, dass ich die kosten für mein warmes wasser zum duschen nicht mehr komplett aus dem regelsatz bestreiten muss. dort war es allerdings (von 2005 bis 2010) gar nicht erst berücksichtigt, so dass alle langzeiterwerbslosen (theoretisch) immer kalt duschen mussten.

das kann man doch auch mal erwarten. irgendwie muss der kreislauf schließlich in schwung gebracht werden, wenn unsereins schon nicht für geld arbeiten geht.

neuerdings – also seit april 2011 - sind wir laue warmduscherInnen mit staatlicher unterstützung! bis zu einem monatlichen betrag in höhe von 6,47 euro gehört das warme wasser jetzt zu den kosten der unterkunft. das ist voll der luxus! wenn ich ein bißchen spare, kann ich mir vielleicht auch mal wieder ein heißes ganzkörperbad leisten. im winter. wenn es kalt ist.

die neuregelung von alg2 ergab also insgesamt eine erhöhung des regelbedarfs um sagenhafte 11,47 euro im monat. ab januar 2012 werden es sogar noch 10 euro mehr. einfach so: für die pflege der faulen haut, die längst wundgelegen ist. ich weiß noch gar nicht wohin dann mit dem vielen geld.

nun aber mal die ironie abgeschaltet:

seitdem das alg2 um 5 euro erhöht wurde, muss ich von meinem monatlichen zuverdienst wesentlich mehr abgeben. ich bezahle die erhöhung also quasi aus eigener tasche – und das geht so:

nehmen wir mal an, ich hatte 2010 einen 400-euro-job (oder ein dozentenhonorar oder einen lektoratsauftrag oder was auch immer) und zusätzlich ein ehrenamt mit aufwandsentschädigung.

die aufwandsentschädigung fürs ehrenamt durfte ich bis zu einem betrag von 175 euro monatlich in voller höhe behalten. vom anderen einkommen durfte ich die ersten 100 euro behalten, vom rest 20 prozent, macht 160 euro. die freibeträge wurden addiert, ich durfte von 575 euro einnahmen 335 euro behalten.

seit diesem jahr gilt nur noch der höhere freibetrag, einkommen aus erwerbstätigkeit und ehrenamt werden nicht mehr unterschiedlich behandelt. das bedeutet, dass mir von 575 euro einnahmen nur noch 270 euro übrig bleiben. also 65 euro weniger als bisher. abzüglich der „erhöhung“ des regelsatzes habe ich dadurch jetzt monatlich 53,53 euro weniger zur verfügung als vorher.

frau von der leyen, unsere halbadelige bundesblondine mit keifestimme, hat also (in meinem beispielfall) eine kürzung des erlaubten zuverdiensts um 25 prozent durchgesetzt. oder auf deutsch: wer mehr arbeitet, wird auch mehr bestraft. herzlichen dank!

(die gesetzeslage dazu im einzelnen ist nachzulesen bei gegen-hartz.de)

darüberhinaus ist dem jobcenter scheinbar gar nicht daran gelegen, dass ich überhaupt arbeiten kann. nach wie vor torpedieren sie von dort meine gesundheit. trotz gegenteilig lautender fachärztlicher atteste werde ich weiter gezwungen, eine neue wohnung zu finden und umzuziehen. ich habe hier vor monaten mal darüber geschrieben.

neuerdings werden mir sogar sanktionen angedroht wegen angeblich unzureichender mitwirkung. die folge von alledem: durch den vom jobcenter ausgeübten zwang und druck, durch die hoffnungslose ausweglosigkeit der situation werde ich krank und kränker. seit anfang des jahres war ich - allein durchs amt verursacht - mehr als elf wochen arbeitsunfähig.

ich halte den druck nicht mehr aus, kriege die balance nicht mehr hin, entgleise mir immer öfter. einen rückfall in den alkohol konnte ich bislang zwar verhindern, aber der druck bricht sich bahn in sehr ungesunder selbstverletzung.

ich erschrecke über mich selbst und über die wucht meiner ohnmächtigen wut. inzwischen kann ich sogar die gedanken von selbstmordattentäterInnen nachvollziehen. meine schrecklichsten rachephantasien gehen in solche richtungen.

nein, habt keine angst um mich mich: für so ein zerstörerisches krawumm bin ich viel zu gut erzogen. statt dessen richte ich den hass gegen mich selbst. das ist, als ob ich selbst todesgift schlucke in der hoffnung, dass die anderen daran zugrunde gehen.

ich halte es nicht mehr aus, bin am ende meiner kraft, aber ich kann es aucht nicht selbst abstellen. deswegen bringe ich mich in sicherheit vor mir selbst, in eine therapeutische klinik. für länger. das jobcenter hat es also geschafft und mich krankenhausreif schikaniert.

„alle symptome eines burnout“ - sagte eine befreundete therapeutin. als erwerbslose kann/darf man aber natürlich keins haben. deswegen verschreibt die ärztin: „depressive dekompensation mit selbstmordgedanken“

auch in der klinik werde ich vieles aufschreiben. weil mein schreiben mir immer geholfen hat, erlebtes zu strukturieren, zu verarbeiten und zu genesen. ob ich dort aber einen internetanschluss habe oder ob ich überhaupt von dort texte veröffentlichen will, kann ich jetzt noch nicht sagen.

über kurz oder lang melde ich mich zurück, so viel ist sicher. habt es gut!


ps.
hier erzähle ich, wie's war:
teil 1

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Mittwoch, 27. Juli 2011

sparsam II

besondere maßnahme no. XXIII

ich schäme mich. ich schäme mich so sehr, dass ich diesen text bereits seit zwei wochen vor mir herschiebe. dabei ist er mit verdammt wichtig!


schon schlimm genug, dass eine nicht arbeiten darf bzw. für ihre arbeit nicht angemessen honoriert wird, ihren lebensunterhalt nicht mehr selbständig bestreiten kann, sich irgendwann in hartzIV wiederfindet und von der politischen und medialen öffentlichkeit als sozialschmarotzerin aus der bildungsfernsten schicht bezeichnet wird.

da ich ohnehin nur noch bodensatz der gesellschaft bin, kann ruhig noch einer drauftreten:

nun bin ich auch noch kreditunwürdig!

meine anleihen haben nicht einmal mehr schrottstatus, sind allerunterster ramsch! meine sparbank will mit mir keine geschäfte mehr machen.

das kündigte sich ja bereits anfang des jahres an, als die erbsenzählerische dorfsparbankfilialleiterin mir am telefon einen moralischen vortrag hielt über sinn und zweck von dispokrediten.

vergangene woche gab es die fortsetzung, als an einem sonnigen nachmitag zur besten mittagspausenzeit um halb drei mein telefon klingelte.

es begrüßte mich überschwenglichst oberfreundlich die mir persönlich bekannte und bislang nicht unsympathische schalterangestellte meiner dorfbankfiliale: sie wollte mir gratulieren.

erst war ich etwas verdutzt: gratulieren?! ich konnte mich nicht erinnern, an einem preisausschreiben teilgenommen zu haben.

sie gratulierte mir aber nicht zu irgendeinem hauptgewinn, sondern dazu, dass ich innerhalb eines halben jahres meinen dispokredit bzw. dessen inanspruchnahme um mehr als die hälfte gesenkt hatte. „ich bin richtig stolz auf Sie - und Sie können das auch sein, das ist in der heutigen zeit eine starke leistung!“

so sprach sie von oben herab, als ob ich ein schulmädchen sei, das am weltspartag mit einem vollen sparschwein und stolzem breitwandgrinsen vor ihrem schalter steht.

wie demütigend! ich kenne meine finanzen! ich bin zwar oft am limit, aber dafür zahle ich gebühren - und zwar nicht zu knapp! es ist ja nicht so, dass die sparbank mir irgendwelche almosen gäbe, ganz im gegenteil. meine zinsen zahlen der frau schalterangestellten nicht nur das gehalt, sondern auch ihr schickes geheiztes büro samt altersvorsorge.

sogleich änderte sie den ton und druckste herum: „Sie kriegen ja arbeitslosengeld zwei ....“ richtig. und zwar regelmäßig jeden monat in angemessener höhe. ich bejahte also diese seltsame banker-rhetorik. jeder anderen mit einem ähnlichen einkommen würde sie einen dreifach dimensionierten disporahmen anbiedern.

madame sparbank druckste weiter. ob wir denn jetzt das dispolimit mal allmählich senken könnten?

ich verneinte. wozu? schließlich ist es ihr business, anderen leuten geld zu leihen. an mir verdient sie nicht schlecht: ihre zinsen sind nicht von pappe und haben sich gewaschen. außerdem sieht sie doch, dass ich in der lage bin, meine schulden auch zügig wieder abzuzahlen. dazu hatte sie mir ja eben erst gratuliert!

trotzdem wollte sie mit der sprache nicht so recht heraus. also sagte ich ihr klar aber freundlich meine meinung und dass ich mit meinem dispo in der bisherigen höhe sehr zufrieden sei.

dass ich seit fast zehn jahren ihre kundin bin mit ebendiesem dispo, beeindruckte sie nicht: „damals waren wohl die regeln noch nicht so streng.“ welche regeln, wollte sie mir nicht sagen. ich nehme an, dass der unterschied darin liegt, dass man ein beliebiges einkommen pfänden kann, arbeitslosengeld2 aber nicht.

ich erzählte ihr von dem neujahrstelefonat mit ihrer vorgesetzten, dass das ja wohl alles andere als professionell gelaufen war. nebenbei: ich fand das überhaupt nicht gut, dass auch sie mich nun am telefon überfiel, um so heikle dinge wie meinen dispokredit zu besprechen.

frau sparbank: „ja, ich sehe Sie ja gar nicht mehr in der filiale!“ - wozu? ich habe ein onlinekonto, da brauche ich den schalter nicht. „außerdem, so am telefon, da hört doch wenigstens keiner mit. oder wäre es Ihnen lieber, wir besprechen das am schalter, wo alle zuhören können?“

wie bitte?! gibt es kein bankgeheimnis?! habt ihr keinen besprechungsraum?! könnt ihr keinen termin vereinbaren?! ich war nicht mehr nur genervt, sondern wurde allmählich grantig.

ich erzählte ihr weiter, dass ich nach der für mich sehr negativen erfahrung mit der filialleiterin anfang des jahres beschlossen hatte, meinen dispo abzuzahlen und dann zu einer anderen bank zu wechseln. das beeindruckte sie nicht:

„ja so ist das nun aber nicht gemeint, dass wir sie als kundin nicht mehr wollen.“ - aha. und?! „aber den dispo müsste „man“ jetzt trotzdem mal allmahlich senken.“ sie versuchte also weiter, mir eine streichung meines dispos unterzujubeln – aber ich wollte nicht. nicht freiwillig.

frau sparbank redete immer noch keinen klartext. also fragte ich sie auf den kopf zu:

„habe ich das richtig herausgehört, dass sie anweisung haben von ihren vorgesetzten, mir den dispo zu kappen und dass sie hier telefonisch mit mir ein erfolgserlebnis brauchen, weil sie sonst selbst großen ärger kriegen?!“

es kam zwar kein klares ja, aber sie druckste weiter und widersprach mir nicht. ich war inzwischen nicht nur sehr gedemütigt, sondern auch sehr wütend – denn ich kann schleimige halbwahrheiten nicht ausstehen:

da hatte also die fiese dorfsparbankfilialleiterin ihre nette angestellte vorgeschickt mit dem auftrag, mir druck zu machen. ich tat ihr den gefallen nicht, damit freudig und demütig dankend einverstanden zu sein. ich weiß, dass sie weiß, dass eine sofortige kündigung meines dispos zwecklos ist, weil sie mein alg2 nicht pfänden darf.

aber ich ließ mich schließlich darauf ein. wir vereinbarten eine senkung des disporahmens um dreißig prozent. ihr zuliebe. damit sie nicht meinetwegen ärger kriegt. das sagte ich ihr genau so.

um mal tacheles zu reden: es geht um 1400 euro disporahmen. derzeit stehe ich da noch mit 600 in den miesen. also echte peanuts! aber für mich sind die wichtig. wer wenig geld hat, kommt schneller mal in die bredouille, wenn es überschneidungen gibt.

nun gut. es ist wie es ist. ich werde dieser 'besonderen behandlung' nicht nur mit einer, sondern gleich mit zwei besonderen maßnahmen begegnen:

nach einer anderen bank habe ich mich schon umgesehen: ich mache mit bei der aktion krötenwanderung von attac. das wurde sowieso höchste zeit.

da werde ich zwar zunächst keinen dispo kriegen, den muss ich erst auslösen. aber egal. dafür darf dann eine ethisch-grüne bank mit meinen kleinen pfunden wuchern.

gleichzeitig habe ich mich beteiligt am aktuellen aufruf der stiftung warentest: der Bundesverband der Verbraucherzentralen sucht menschen für eine musterklage gegen überhöhte dispozinsen. meine sparbank steht da auf der liste. und ich bin der meinung, dass ich in den letzten jahren eindeutig zu viele zinsen bezahlt habe. die verbraucherzentrale sieht das genau so.


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Dienstag, 21. Juni 2011

wohnen bleiben II

kleines aufatmen

heute vor genau sieben jahren bin ich zum ersten mal in dieser wohnung aufgewacht. mit ganzer absicht hatte ich mir zum 'erstlingsschlafen' die kürzeste nacht des jahres gewählt, die sommersonnenwende. zur schönen aussicht gab es nur mein bett und - natürlich – alle notwendigen utensilien für meinen geliebten frühstücksmilchkaffee.


alle meine anderen dinge kamen erst ein paar tage später. es war gigantisch schön, in der leeren wohnung zu sein, platz zu haben für mich und meine gedanken: es war ein bißchen wie camping, ein picknick mit mir selbst.

die wohnung war für meine verhältnisse relativ teuer, mit meiner arbeitslosenhilfe aus einer teilzeitstelle als kulturredakteurin in berlin konnte ich sie mir so gerade eben leisten.

aber ich kenne mich doch und mein prekäres inneres gleichgewicht: seit vielen jahren weiß ich, dass meine vier wände hell und luftig sein müssen, damit ich mich auf dauer darin wohlfühlen, die depressionen im zaum, die multiplen traumata bändigen, einen rückfall in die alkoholsucht verhindern – und damit meine erwerbsfähigkeit erhalten - kann.

also spare ich lieber an anderer stelle. nach abzug der miete blieb mir auf einen euro unterschied genau das, was ein halbes jahr später 'regelbedarf hartzIV' heißen sollte. vor dem arbeitslosengeld 2 hatte ich keine allzu große angst. schließlich hatte der damalige superminister für wirtschaft und arbeit, wolfgang clement, im jahr 2004 hoch und heilig versprochen „niemand, der jetzt arbeitslosenhilfe erhält, wird nachher mit hartzIV schlechter dastehen“.

außerdem hatte ich überhaupt nicht vor, so lange erwerbslos zu bleiben, sondern statt dessen große und durchaus berechtigte hoffnung, ganz bald wieder eine feste stelle zu finden.

damals steckte ich mitten in einer weiteren ausbildung zur projektmanagerin, die ich im herbst des jahres sehr erfolgreich abschloss.

aus beidem wurde nichts: weder fand ich feste arbeit, noch hielt der alte mann sein versprechen.

seit inkrafttreten der hartzIV-gesetze am 01.01.2005 gilt meine schöne aussicht 'amtlich' als 'unangemessen'. ebenso lange lege ich 'dem amt' ein attest, ein gutachten nach dem anderen vor zum nachweis dafür, dass aus gesundheitlichen gründen ein zwangsumzug für mich unzumutbar ist. dieses verfahren wird – je nach gusto des 'amtes' - jährlich oder halbjährlich wieder neu aufgelegt.

um dem nachdruck zu verleihen, wird die überprüfung meiner 'umzugsfähigkeit' vom amt gerne auch mal mit einstellung aller zahlungen kombiniert. oder mit der auflage, die arbeitslosenhilfe monat für monat neu beantragen zu müssen, weil sich mein gesundheitszustand ja zwischenzeitlich bessern könnte.

natürlich ist das gegenteil der fall: die schreiben des amtes versetzen mich regelmäßig in angst und schrecken, ich reagiere mit stärkeren depressionen und schlimmerem. diesen entsetzlichen druck auszuhalten, ohne wieder alkohol zu trinken, wird immer schwieriger.

ich bin heute nur noch ein verzeifelter, heulender schatten der lebensmutigen und zuversichtlichen frau, die vor sieben jahren in diese wohnung einzog.

durch den druck ruiniert 'das amt' nicht nur meine gesundheit, sondern es produziert auch zusätzliche kosten: häufigere arztbesuche, atteste, gutachterliche überprüfungen, mehr medikamente, längere krankschreibungen, gerichtsgebühren, anwaltshonorare, porto-kopien-und-fahrtkosten, zusätzliche therapeutische sitzungen, sogar ein klinikaufenthalt im vergangenen jahr und damit unnötige verlängerung meiner erwerbsunfähigkeit sind teure folgen der amtlichen schikanen.

dem 'amt' aber ist das schnurzepiep. es will einen teil meiner miete einsparen. wenn das an anderer stelle anderer leute geld kostet oder meine gesundheit (und damit mein leben) ruiniert – dann ist das egalegalegal.

das derzeitige verfahren zieht sich nun schon ein knappes halbes jahr hin. einen tag vor dem jahreswechsel erhielt ich am 30.12.2010 die amtliche mitteilung, dass nun alles wieder neu aufgerollt wird. seitdem habe ich keine ruhige minute mehr. angst und panik ziehen mir den letzten boden unter füßen weg – und der war ja im herbst des vergangenen jahres ohnehin schon sehr dünn und brüchig.

mit der maßgeblichen beurteilung, ob mir ein umzug zumutbar ist oder nicht, wird regelmäßig der ärztliche dienst der arbeitsagentur beauftragt. je nachdem, welcher arzt gerade dienst hat, ist immer jemand anders zuständig.

diesmal habe ich es zu tun mit einem doppelten doktortitel: dr. med. dr. med. vet.! dieser tierarzt aus rostock, den in mecklenburg-vorpommern scheinbar nicht mal mehr die schweine* wollten, ist wohl gerade noch gut genug, um westdeutsche arbeitslose zu begutachten. jedenfalls scheint er all seinen frust, dass er als arzt in der zone gescheitert und nun im badischen arbeitsamt gelandet ist, an multipel traumatisierten wessis auszulassen:

der dr.dr. hat sich schriftlich per fragebogen ein paar angaben zu meinem allgemeinen gesundheitszustand beantworten lassen. einmal von mir, einmal von meiner ärztin. weder hat er die mich behandelnde fachärztin zu ihrer einschätzung meiner „umzugsfähigkeit“ befragt, geschweige denn hat er mich einmal persönlich eingeladen und begutachtet.

der dr.dr. entscheidet alles auf dem geduldigen papier, ignoriert sämtliche atteste von mich schon seit jahren behandelnden menschen und tut nun so, als würden alle ärzte und ärztinnen, fachärzte und fachärztinnen und therapeutinnen und sogar die chefärztin der reha-klinik heiligendamm für mich lügen. er als 'sozial-mediziner' sei schließlich übergeordnet und er findet, dass einem zwangsumzug überhaupt nichts im wege steht.

amtsärzte sind unanfechtbare götter. ihre gutachten sind gesetz, ganz egal wie sie zustande kommen. es gibt keinerlei juristische handhabe.

'das amt' will also nun, dass ich – trotz gegenteilig lautender atteste – innerhalb kürzester zeit eine neue wohnung finde, die 45m² groß ist und maximal 275 euro kaltmiete kostet. wer den südwesten und die hiesige universitätsstadt kennt, der weiß, dass das eine kafkaeske aufgabe ist.

am wochenende erhielt ich vom amt bescheid, dass meine volle miete für drei weitere monate übernommen wird, bis zum 30. september 2011. ein kleines aufatmen.

meine befürchtung war, dass schon am monatsletzten (also in 10 tagen) schluss sei, dass ich dann meine miete nicht mehr zahlen kann und demnächst obdachlos werde. insofern gibt es eine letzte gnadenfrist. es ist noch längst nicht wieder gut. aber es ist mal für einen kleinen augenblick weniger schlimm.

all denen, die mich persönlich kennen und sich fragen, warum ich mich lange nicht gemeldet habe – und denjenigen, die sich wundern, dass ich hier in den vergangenen monaten nur noch so wenig schrieb - das ist die antwort:

es ging mir im herbst beschissen. ich wusste gar nicht, dass eine steigerung dessen noch möglich war. aber jetzt geht es mir noch schlechter.

die angst lähmt mich. ich habe keine kraft mehr, bin nur noch mit überleben beschäftigt, setze vorsichtig einen fuß vor den anderen. stürze, stehe wieder auf und versuche, nicht allzusehr in alte selbstschädigende muster zurückzufallen oder gar neue zu entwickeln. es gelingt mir nicht immer, ich entgleise mir oft.

eines aber gelingt mir doch, und dafür bin ich unendlich dankbar: ich bin ohne alkohol. tag um tag, meiner würde wegen.

nicht genug zu verdienen, nicht allein für den eigenen lebensunterhalt sorgen können, das ist schon schlimm genug. aber auch noch zum umzug gezwungen bzw. geradewegs in die obdachlosigkeit gedrängt zu werden und damit auch noch die allerletzte sicherheit zu verlieren - das ist die hölle.

dennoch bin ich entschlossen zu kämpfen und werde versuchen - wenn nötig - auch das bei lebendigem leibe und ohne drogen auszuhalten.

hartzIV ist folter. vielleicht sollten wir alle mal dem herrn clement unsere rechnungen schicken.


ps.
* ich bitte an dieser stelle alle schweine und ganz mecklenburg-vorpommern um verzeihung für diese entsetzlich abwertende bemerkung, die ich nur im bezug auf den dr.med.dr.med.vet. ernst meine. das ist vielleicht die schlimmste aller folgen von harz4: dass es so kränkt, so demütigt - so krank und so verbittert macht.

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Mittwoch, 2. März 2011

verkehrserziehung

„Wer abbiegen will, muß dies rechtzeitig und deutlich ankündigen; dabei sind die Fahrtrichtungsanzeiger zu benutzen“ - und zwar, bis sicher ist, dass andere verkehrsteilnehmerInnen das vor dem eigenen abbiegen bemerken konnten. so steht es in der deutschen straßenverkehrsordnung, StVO § 9, die für alle verkehrsteilnehmerInnen verbindlich ist.


„fahrtrichtungsanzeiger“ im sinne der deutschen straßenverkehrsordnung sind - beim auto - im allgemeinen diese kleinen gelben lämpchen: vorne und hinten, rechts und links. im volksmund auch „blinker“ genannt.

diese blinkelämpchen sind im grunde ganz einfach und unkompliziert in betrieb zu setzen: vorne in der nähe des lenkrads gibt es dafür nette hebelchen, die ganz leicht erreichbar und ohne verrenkungen zu bedienen sind.

in deutschland gibt es elektrisch blinkende fahrtrichtungsanzeiger am auto immerhin seit den 50er jahren – also seit mehr als einem halbem jahrhundert. davor wurde das abbiegen halbautomatisch angezeigt mit mechanischen ‚winkern‘ und noch früher mit metallschildchen, die während der fahrt von hand betrieben wurden.

im grunde also lange genug, um sich damit anzufreunden und an deren gebrauch zu gewöhnen.

worauf ich hinaus will?! ich bin genervt, weil gefühlte 69 % der autofahrerInnen gar nicht zu wissen scheinen, dass sie so was am auto haben. mein gefühl trügt mich natürlich. in echt sind es nur ein gutes drittel (studie des Auto Club Europa ACE von 2008), die gar nicht blinken oder falsch oder zu spät.

woran liegt‘s?! das ist ja nicht neu. früher, als ich noch in berlin (west, später einig) lebte, war meine theorie, dass die DDR aus reiner perfidie in ihren grenzübergangsanlagen blinkerzerstörsender eingebaut hatte, so dass die innerstädtisch an vielen autos nicht mehr funktionierten.

seitdem ich auf dem land lebe in BRD südwest, weiß ich, dass es nicht nur daran gelegen haben kann. denn auch die landbevölkerung liebt (und/oder kennt) ihren blinkerhebel nicht.

leider kann ich nicht in die köpfe hinter den lenkrädern blicken. denken sie „blinken VOR dem abbiegen? wozu?! ich weiß doch, wo ich hin will!“ oder „wo ich hin will, das geht euch alle gar nichts an. das zeige ich  nicht – wozu haben wir datenschutz?!“ oder haben sich die sparsamen schwaben, die meist feist und selbstzufrieden in ihren sterngekrönten karossen sitzen, blinkerfreie sonderanfertigungen bauen lassen, weil die billiger sind?

allenfalls wird nach dem abbiegen geblinkt: als ob sie einen an der nase herumführen wollten oder einen lästigen verfolger abschütteln: „ätschbätsch ich bin abgebogen und du hast es gar nicht gemerkt!“

ja. ich bin genervt. weil das meine zeit kostet und doppelte aufmerksamkeit verlangt im ohnehin oft unübersichtlichen verkehrsgewusel.

genau so genervt bin ich von den kerlen, die mir testosterongesteuert an der stoßstange kleben – bloß weil ich mich an die erlaubte höchstgeschwindigkeit halte. sicherheitsabstand?!  halber tacho?! das ist doch nur was für fahranfänger! ich muss mich dann immer sehr zusammenreißen, nicht vor lauter schreck eine sofortige vollbremsung hinzulegen.

vor vielen jahren war ich einmal sehr liebevoll befreundet mit einem taxifahrer. der hatte voll die ruhe weg und sagte „es gibt überhaupt keinen grund, ungeduldig zu werden und zu drängeln, bloß weil vor mir jemand langsamer ist und nicht so schnell fährt, wie ich das möchte.“ eben.

trotzdem verzichte ich in den mit blendlicht genötigten augenblicken (in denen dann seltsamerweise auch deren überholspurblinker wieder funktioniert) auf die schreckbremse - aus gründen der kognitiven disziplin. schließlich wäre dann ich diejenige, deren auto platt gefahren wird.

das eigene auto platt gefahren kriegen, das ist schon schlimm genug, wenn eine nicht drin sitzt. so wie es mir hier im dorf vor ein paar jahren passierte:

brav parkte mein auto vor dem haus, während ich mit dem fahrrad unterwegs war. nichtsahnend kam ich zurück, da war das hinterteil von meinem alten, aber zuverlässigen golf nur noch schrott. kein täter weit und breit, nicht mal eine nachricht unterm scheibenwischer.

als ich ins haus kam, lauerte mir der vermieter auf und teilte mir mit, ich solle nicht erschrecken mit dem auto, das sei nur der ehemalige dorfmetzger gewesen; dem sei in der kurve oberhalb von meinem parkplatz der anhänger von der kupplung gesprungen (weil er es wohl eilig und den hänger nicht sorgfältig genug befestigt hatte) und rückwärts den berg runter auf mein auto gerollt.

aha.

ich könne doch froh sein, dass ich nicht dringesessen sei und überhaupt noch schlimmer wäre es gewesen, wenn das auto andersrum gestanden wäre, dann wäre der motorblock kaputt. und noch noch schlimmer wäre es gewesen, wenn da menschen oder gar kinder gestanden hätten und totgerollt worden wären von dem anhänger. aber so sei es ja nur der kofferraum, das auto könne ja noch fahren und das bräuchte man nicht der polizei melden. sagte der vermieter.

ich war sehr genervt und sehr wütend, weil ich den ganzen ärger an der backe hatte mit der versicherung vom ehemaligen dorfsmetzger, während selbiger sich feist und selbstzufrieden in seinen fernsehsessel fläzte und sich von seinem schreck erholte.

mein gut gepflegter golf war ein wirtschaftlicher totalschaden, die metzgersversicherung zahlte nur den restwert – und das war weit weniger als ein gleichwertiges gebrauchtes auto kostete. es war sehr lästig und zeitaufwändig, einen angemessenen ersatz zu finden.

der ehemalige dorfsmetzger übrigens hat sich nicht ein einziges mal bei mir gemeldet. geschweige denn für den angerichteten schaden entschuldigt.

so sind sie hier auf dem lande. sehr verkehrsungezogen.


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Sonntag, 30. Mai 2010

herablassung

… ist so ein wort, dass es offiziell fast nicht gibt. nicht einmal die wikipedia hat derzeit einen artikel dazu. wörter wie ehre und respekt hingegen sind der wikipedia durchaus bekannt.

rosenblüten: louise odier

herablassung aber ist scheinbar nicht gesellschaftsfähig, igitte! - wird auch selten ganz direkt in der öffentlichkeit praktiziert: passiert nicht offen, sondern als abwertung versteckt zwischen den zeilen, im zwischenmenschlichen subtext.

ich habe lange gebraucht, um herauszufinden, dass es – nicht nur, aber auch - herablassung ist, die mir meine derzeitige arbeitsstelle so unerträglich macht.

im bewerbungsgespräch bin ich damals unter anderem gefragt worden, wie das denn für mich wäre, wo ich doch für die stelle als sekretärin eindeutig überqualifiziert sei, dann auch eher „niedere“ arbeiten verrichten zu müssen wie fotokopieren und botengänge.

meine damalige antwort war, dass ich persönlich zwischen den einzelnen arbeiten keine hierarchie sehe, egal ob ich eigene texte schreibe, fremde texte abtippe, zur post laufe oder ein fax verschicke. die aufgaben sind andere – aber nicht besser oder schlechter, nicht mehr oder weniger wert. auch ich als mensch fühle mich nicht mehr oder weniger wert, wenn ich das eine oder das andere mache (dass die lohntabellen das anders sehen, steht auf einem anderen blatt).

ich habe das auch wirklich so gemeint, damals. seitdem ich den dalai lama interviewt habe, kann ich auch holz aufsammeln im wald. da fühle ich mich nicht schlecht mit. vorausgesetzt, das team stimmt.

genau das ist der punkt an meiner aktuellen arbeitsstelle: das team stimmt nicht. es gibt einfach keines. ich bediene ein konglomerat von wissenschaftlerInnen, von denen die meisten nur ihr eigenes fortkommen im sinn haben. die sekretärinnen sind daran zwar irgendwie beteiligt, werden aber nicht wertgeschätzt als wichtig für das ergebnis der eigenen arbeit. jedeR ist seine eigene diva.

die herablassung, die mir begegnet, ist vielfältig und meist subtil. und zwar so subtil, dass sie sich von mir zunächst unerkannt in meinen arbeitsalltag festgesetzt hat. ich hatte einfach nicht damit gerechnet, dass so etwas passieren könnte. nicht in einem umfeld, in dem ich gebildete, weltoffene menschen erwartete; nicht bei der elite der nation, die die ehrenwerte aufgabe hat, lehrerInnen für ganze generationen zukünftiger kinder auszubilden; die alle abitur haben, langzeitstudiert sind mit hochdekorierten abschlüssen und eigentlich vernetzt denken können sollten.

nein, es sind nicht alle gleich, und ich will hier auch nicht alle über einen kamm scheren. ich begegne dort auch menschen, die ich inzwischen sehr sehr gerne mag. solche, die sich neben dem pädagogentum noch ein mensch-sein bewahrt haben.

beispiele für herablassende behandlung im alltag passieren mir dort viele, aber sehr subtil. ich kann das dann oft gar nicht richtig einordnen. spüre nur, dass ich mich immer schlechter, immer kleiner, immer wertloser fühle und weiß gar nicht so genau, woher das eigentlich kommt.

in der vergangenen woche bin ich dem auf die schliche gekommen. viel zu oft höre ich einen respektlosen, abwertenden und diskriminierenden unterton. unterm scheißgrinsefreundlichen deckmäntelchen: „ich prof(in) bin alles, du sekretärin bist nichts, hast keine ahnung weil du sowieso zu dumm bist und hast es deswegen auch nicht weiter gebracht im leben als bis auf diese schlecht bezahlte unqualifizierte hausfrauenstelle.“ das wird natürlich niemals offen ausgesprochen – ist aber doch immer wieder deutlich herauszuhören. herablassung eben. kastendenken.

es gibt da vor allem eine professorin, die sich gerne von vorn bis hinten bedienen lässt, die mich mit vorliebe durch die gegend kommandiert „springen sie da mal kurz rüber“, mich „mal eben schnell“ hin und her zitiert, mir zig-seitenweise unleserlich hingeschmierte bleistiftkritzeleien zum abtippen hinwirft (eine zumutung, das sagen alle ….) und immer alles sofort und unter großem zeitdruck erledigt haben will. wehe man wagt widerworte, dass möglicherweise noch tausend andere dinge vorher zu tun seien. oder dass gar keine kapazitäten mehr frei sind, weil man gerade noch zwei abwesende kolleginnen vertreten muss und 200 prozent arbeitsauslastung mit einer halben stelle einfach nicht zu schaffen sind.

ich hatte mir also erlaubt zu erwähnen, dass andere aufgaben vorrang haben, ich das gewünschte nicht am selben tag noch (zwanzig minuten vor feierabend!) abarbeiten könne und dass ich im übrigen nicht ihre privatsekretärin sein. da legte sie los und fauchte mich an, dass ich nur eine sekretärin sei wie alle anderen auch, dass ich das gefälligst alles zu erledigen hätte, weil es zu meinen ureigensten aufgaben gehöre.

als gnädige frau professorin von gottes gnaden ließ sie so ihre reaktionäre und diskriminierende gesinnung durchblicken, nicht zum ersten mal übrigens. so fassungslos war ich da, dass ich ihr ins gesicht sagte „sie behandeln mich wie eine dienstmagd. das verbitte ich mir.“

die kollegin, der ich später davon erzählte, fand mich mutig. ich fand mich eher wütend und bin es noch.

eine andere professorin, für die ich neulich in sehr langwieriger kleinarbeit viele buchseiten schön leserlich gescanned und zu pdfs gebastelt habe, beschwerte sich anschließend bei mir darüber, dass die pdf mit knapp 2MB doch viel zu groß seien. ich schluckte und gab zu, dass ich nicht wüßte, wie es kleiner ginge. tags drauf kam sie wieder in mein büro, sie habe sich nun bei ihrem mann erkundigt, der sei it-fachmann und habe ihr bestätigt, dass die pdf-dateien für den inhalt von der größe her völlig angemessen seien.

aha. unterschwellige botschaft: „du „sekretärin“ weißt gar nichts (sekretärin arbeitet erst seit 1985 mit computern, aber das interessiert professorin nicht). was du sagst und machst ist nicht der rede wert. erst wenn mein mir angetrauter „it-fachmann“ (der ist ja auch ein mann!) dasselbe macht und bestätigt, ist es in ordnung.“

soweit zur herablassung und zu meinem fazit: wenn ich meine arbeit (und damit mich) als so abgewertet wahrgenommen und gespiegelt kriege, dann kann ich meinem persönlichen anspruch, alle aufgaben als „nicht hierarchisch“ anzusehen, nur schwer gerecht werden. dazu habe ich nicht genug kraft im herzen. ich brauche die unterstützung der anderen, die das ähnlich sehen wie ich.

„hüte dich vor einem entschluss, zu dem du nicht lächeln kannst.“

das mache ich beim nächsten mal besser: als ich den vertrag verlängerte, habe ich geseufzt, die zähne zusammengebissen und die stirn gerunzelt. jetzt habe ich noch acht wochen giftgrün-deutschgraues-pädagogen-paralleluniversum vor mir. countdown läuft, und auch ich konzentriere mich nur noch auf mein eigenes "fortkommen".


ps.
der duft von louise odier hilft mir gerade, so manches rosiger zu sehen


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