Achtung. Achtung. Achtung.
Wir sind umgezogen!

Januar 2021

Das Büro für besondere Maßnahmen ist ab sofort erreichbar auf mojour.de

Nach und nach werden alte Beiträge – ggf. aktualisiert und überarbeitet – dorthin umziehen. Bitte folgen ... :-)

Posts mit dem Label hochbegabung werden angezeigt. Alle Posts anzeigen
Posts mit dem Label hochbegabung werden angezeigt. Alle Posts anzeigen

Montag, 7. April 2014

Buschwindröschen

- Rosenworte zum Montag -
 (... oder:  eine lyrische Reizüberflutung)

Als ich gestern so durch den Frühling radelte in meinem blühenden Markgräflerland, ach wie habe ich das geliebt! Die warme, aber noch nicht brennende Sonne und den zärtlichen Wind aus Südwest auf der Haut ... alle Poren habe ich geöffnet, alle Sinne geweitet und alle Schönheit der Welt tief in mich hinein geatmet!

Einer Anemone gleich, die ihren weißen Kelch der Sonne hingibt, solange die Bäume noch unbelaubt ihr ein Leben im Licht erlauben.

Hexenblume (anemone nemorosa)

Am Abend war ich immer noch ganz aufgewühlt, kam kaum zur Ruhe in der Nacht. So beeindruckt und voll war ich von all den Sinneserfahrungen der blühenden, zwitschernden, summenden, leuchtenden Landschaften.

Wie oft, wenn ich nicht schlafen kann, las ich Rilke. Rilkes Verse besänftigen mich. Der innere Aufruhr wird stiller und verstummt bisweilen ganz.

Wie es der Zufall will, stolperte ich über einen von Rilkes Briefen an Lou Andreas-Salomé:

"... Ich bin wie die kleine Anemone, die ich einmal in Rom im Garten gesehen habe, sie war tagsüber so weit aufgegangen, daß sie sich zur Nacht nicht mehr schliessen konnte. Es war furchtbar sie zu sehen in der dunklen Wiese, weltoffen, immer noch aufnehmend in den wie rasend aufgerissenen Kelch, mit der vielzuvielen Nacht über sich, die nicht alle wurde. Und daneben alle die klugen Schwestern, jede zugegangen um ihr kleines Mass Überfluss.
Ich bin auch so heillos nach aussen gekehrt, darum auch zerstreut von allem, nichts ablehnend, meine Sinne gehen, ohne mich zu fragen, zu allem Störenden über, ist da ein Geräusch, so geb ich mich auf und bin dieses Geräusch, und da alles einmal auf Reiz Eingestellte, auch gereizt sein will, so will ich im Grunde auch gestört sein und bin's ohne Ende. ..."*

Das ist die mit Abstand lyrischste und sinnlichste Beschreibung zum Thema Hochsensibilität und Reizfilterstörung, die mir jemals begegnet ist.

Wenn ich nicht achtgebe, dann bin auch ich so dermaßen von Reizen zerstreut, dass ich mich fühle wie in einer Zentrifuge ohne Halt, meiner Mitte beraubt mich vollends verliere und gefressen werde vom Außen.

Zumindest zur Nacht es den Anemonen gleichtun, das hellweiße wache Köpfchen schließen und zur Ruhe kommen - das ist und bleibt eine wichtige Aufgabe.

Aber wie wir sehen bei Rilke, gibt es selbst bei den Anemonen Ausnahmen, denen das nicht (immer) gelingt, die sich gegen eine permanente Reizüberflutung nicht schützen können.

Ob es eventuell damit etwas zu tun hat, dass diese zarten Frühlingsbotinnen auch "Hexenblume" genannt werden und in allen Teilen giftig sind? Eines jedenfalls ist ganz gewiss: Auch ich habe diesen "Anemonencharakter".


*
Juni 1914, zitiert nach:
Ruth Hermann, Im Zwischenraum zwischen Welt und Spielzeug: Eine Poetik der Kindheit bei Rilke - Verlag Königshausen und Neumann, 2002, ISBN 978-3-8260-2273-9, S. 48

--------

Samstag, 5. Mai 2012

nel blu

ins blaue hinein“ - das sagt man bei uns ja gerne mal, wenn man die richtung noch nicht so genau weiß.

auch bei mir ist die richtung derzeit alles andere als klar. weil ich nachdenken muss, mich neu sortieren will. nachspüren, in welchem maße ich die diagnose „autistin“ in mich hineinintegrieren will, kann – und inwiefern ich sie nicht doch lieber außen vor lasse.



asperger syndrom? was ist das schon!? das hat irgendein mann sich ausgedacht. in den letzten jahren avanciert zur modediagnose. eine prima methode, um hochbegabte, eigensinnige querdenkerInnen zu pathologisieren. denn denkende menschen können ja ziemlich lästig sein für die allgemeinheit.

das asperger syndrom zählt aber nicht als hochkreative methode und besondere fähigkeit empfindsamer und intelligenter menschen, mit einer für sie in hohem maße belastenden umwelt im eigenen sinne (= eigensinnig) und angemessen umzugehen, sondern es gilt als behinderung. what a quatsch!

das kann sich nur eine neurotpye ausdenken von durchschnittlicher intelligenz. jemand, die keine, aber auch gar keine ahnung davon hat, wie anstrengend es sein kann, als mensch mit einem iq von über 140 sich ständig selbst ausbremsen zu müssen, nur um von den 'normalos' einigermaßen verstanden zu werden.

nur mal zum vergleich: es wäre nicht weniger anstrengend, als durchschnittlich intelligenter mensch (angenommer iq = 100) eine einprozentige minderheit zu sein. alle anderen würden auf einem iq von 60 dahindümpeln, sich aber für 'normal' halten, weil sie ja in der mehrheit sind. da würde doch auch der 100er-iq-typ rein aus selbstschutz ein paar überlebensmechanismen entwickeln, die den 60ern sicher sehr merkwürdig und 'unnormal' vorkämen ....

asp.syn ist nicht messbar. es ist nicht ansteckend. es ist eine variante im gehirn, für die es ein paar merkmale gibt. merkmale, die – jedes für sich genommen – alle auch als merkmale von hochbegabung oder von posttraumatischer belastungsstörung gedeutet werden können. so habe ich das bisher zumindest verstanden.

so what? mein asperger autismus ist also – wenn überhaupt – ein webfehler in den synapsen. wahrscheinlich aber eher ein sehr ausgefallenes, seltenes webmuster. kein fehler:

it's not a bug. it's a feature!“

trotzdem muss ich da weiter darüber nachdenken. selbst ohne diese neue diagnose wäre auch mal wieder eine auszeit fällig gewesen: von einem wenig erfreulichen, anstrengenden alltag einerseits.

von meiner diagnose 'PTSD' andererseits. denn auch das wurde ja nur diagnostiziert, fortan ich damit allein gelassen. therapie ist nicht mehr, kontingent aufgebraucht. klinik macht derzeit keinen sinn, sagt die ärztin, da müsste ich vorher stabiler sein. zur fortgesetzten retraumatisierung und weiteren destabilisierung aber trägt ja seit jahren munter das hartz-IV amt bei. neuerdings auch der vermieter noch zusätzlich. nicht stabil genug, keine traumatherapie. keine traumatherapie? ja dann kann sie auch umziehen, sagt das amt (und der vermieter sowieso, diese tumbe neurotype).

also nachdenken. zurück in meine mitte mitte finden.

wo könnte das besser gehen als an einem ort, wo tag und nacht sanftes wellenrauschen meinen tinnitus übertönt? wo ein strahlendes blau meinen düsteren gedanken einen heiteren anstrich gibt? wo der duft von 'lavendel, oleander und jasmin' nicht aus der waschmaschine kommt, sondern mich hinter jeder wegbiegung neu anweht, 'in echt'?



also bin ich ins blaue „dolce far niente“ gefahren. dorthin, wo das 'azzurro' und das 'blu dipinto di blu' ihren ursprung haben. vor allem dafür war es wichtig, dass die türen an meinem kleinen alten auto wieder abschließbar sind. nein, keine falschen vorurteile. es geht hier einzig und allein um mein subjektives gefühl von sicherheit:

wenn ich mich sicherer fühle, bin ich entspannter. wenn ich entspannter bin, kann ich besser nachdenken.

mein blauer luxus: eine wohnung direkt über der strandpromenade, die in dieser jahreszeit noch erfreulich ruhig ist.

eine weile keine verpflichtungen. kein arroganter vermieter. keine graue redaktion. keine blöde post vom amt. nicht mal nachrichten. soll die welt doch untergehen, das erfahre ich noch früh genug – und ändern könnte ich es ohnehin nicht.

es ist das erste mal seit mehr als fünfeinhalb jahren, dass ich länger als eine woche 'urlaub' habe. das geld für die reise habe ich mir von meinem dispokredit geliehen.

ich bin im blauen, ohne selbst blau zu sein. mein letzter besuch in diesem land liegt fünfzehn jahre zurück. auch damals war es mai. ich war allein auf sardinien. es war wunderschön. alles blühte! ich liebe diese eigensinnige insel. ein freund, der eigentlich hatte mitfahren wollen, sagte in ziemlich letzter minute ab. ich war sehr einsam. der wein war ausgezeichnet. ich betrank mich täglich.

auch diesmal bin ich allein. nicht auf sardinien, aber alles blüht. ich muss es bei lebendigem leibe aushalten, das eine wie das andere. keine drogen außer koffein und schokolade. jedenfalls kein alkohol.

das rauschen des meeres besänftigt meine wunde seele. mit jedem wellengang, den ich an der wasserkante entlang unternehme, glätten sich meine zerquälten nervenenden – von denen sich jedes einzelne zerfranst fühlt wie ein gespaltenes paragraphenzeichen. ungefähr zwei mal täglich eine stunde, das ist meine therapie.

schade nur: ich kann von hier aus nichts ändern an meinem leben, nichts verbessern, nichts erleichtern. aber vielleicht kann ich etwas kraft tanken für den schrecklichen alltag, für den ich dann wohl demnäxt auch noch einen schwerbehindertenausweis brauchen werde.

vielleicht kann ich neue strategien entwickeln, doch noch mal die weichen neu stellen, die richtung ändern.

und nein, ich will nicht bleiben wie ich bin. diese vorstellung, auch in meinem letzten lebensdrittel immer nur unglücklich und einsam zu sein und ständig in vielerlei hinsicht gegen meinen willen gefickt zu werden, ist keineswegs aufmunternd. genauso wie der gedanke daran, dass ich mein duftendes, wellenrauschendes azzurro-blu demnächst wieder werde verlassen müssen, ganz und gar unerträglich ist.

eigentlich möchte ich mich in diesem wunderschönen blau am liebsten in ein wunderschönes blaues nichts auflösen.

als zen-buddhistische philosophin aber weiß ich doch: das nichts ist nicht nichts, nicht einmal das blaue.

was wäre ich dann?! und wo bin ich überhaupt?!



--------

Donnerstag, 3. Mai 2012

plötzlich autistin

die mutter (wütend): „kind! du meins' immer, mer wollt' dir wat. isch komme ja jaar nit mie an disch eran [du denkst immer, man wollte dir etwas böses. ich komme gar nicht mehr an dich heran]!“
die freundin (zu besuch, ratlos): „ich fühle mich ausgeschlossen, wenn du mich alleine hier sitzen lässt und dich so in dich zurückziehst.“
ein mann (überheblich): „du bist eine komische frau!“
ein anderer mann (erleichtert): „ich halte es mit dir einfach nicht mehr aus!“
noch ein mann (gekränkt): „du sagst nie, was ist.“
der vater (vorwurfsvoll): „nun stell dich nicht immer so an, andere können das doch auch!“
. „sei doch nicht immer so empfindlich!“ (genervt)
. „du immer und deine befindlichkeiten ….“ (ungeduldig)
. „nun hab dich nicht so ….“
. „ich darf dich ja noch nicht einmal anfassen, wann ich will ….“ (beleidigt)
. „dir kann man es auch niemals recht machen ….“
. „du bist echt schrullig ….“
. „du hast eindeutig autistische züge ….“

indizien? hin-weise? be-weise? 

 
als ich vor rund zwei jahren das erste buch über hochbegabung las (andrea brackmann, hochbegabt und hochsensibel, darüber geschrieben habe ich damals in nathalies begabungsblog), kam ich zum ersten mal mit der these in berührung, dass es eine verbindung geben könnte zwischen einem hohen iq und autismus vom typ asperger.

eine 'freundin' hatte mich mit dieser 'diagnose' schon 2008 in verbindung gebracht.

im vorigen jahr stieß ich auf sabine kiefners blog „eine frau mit autismus“ - typ asperger. auch sie hochbegabt, unser iq fast gleich. ich las ihre einträge voller faszination und neugier.

ich arbeitete mich durch das internet, versuchte im wust der informationen die spreu vom weizen zu trennen, machte – mit aller gebotenen vorsicht – diverse selbsttests. die hinweise verdichteten sich.

im sommer vergangenen jahres meldete mich bei der hiesigen universitätsklinik. dort gibt es eine asperger spezial-sprechstunde.

zunächst hieß es: viele fragebögen ausfüllen und zurücksenden. dann geduldig warten. je nach dem ergebnis der fragebogenauswertungen wird man zu einem persönlichen gespräch eingeladen oder auch nicht. die warteliste ist lang. sehr lang.

im herbst erzählte ich meiner ärztin von meiner vermutung, von den fragebögen. sie kennt mich seit sechs jahren, ist neurologin und psychiaterin: „das ist völliger quatsch. Sie haben doch so viele ressourcen!“

im januar rief die uniklink mich an. es wurde ein termin zum persönlichen diagnose-gespräch vereinbart. das war heute vor drei wochen.

der herr universitätsoberarzt waren sich schnell einig. eindeutig autistin. vermutlich asperger. 'vermutlich' deswegen, weil es niemanden gibt, der eindeutige aussagen über mich in meiner kindheit machen könnte.

der schriftliche bericht ist noch nicht da. mit der mündlichen diagnose bin ich erst einmal allein gelassen. wie so oft in meinem leben.

seither versuche ich, mich neu zu sortieren und mir klarzuwerden, was das nun für mein weiteres leben bedeutet, autistin zu sein.

das etikett hat einen anderen beigeschmack. nicht mehr „frühkindlich sexuell traumatisierte kreative hochbegabte“ sondern „frühkindlich sexuell traumatisierte kreative hochbegabte autistin“.

damit bin ich vom high potential brain pathologisiert hin zur schwerbehinderten mit geistiger entwicklungsstörung.

patsch!

der kollege dr. dr. an der uniklinik widersprach der diagnose nicht.

ich war mir nicht sicher, ob ich in der nun zugewiesenen autismus-schublade wirklich bleiben möchte. zwar hatte ich die untersuchung zur abklärung selbst angestoßen, aber es wäre mir auch recht gewesen, wenn ich mit meinen „symptomen“ weiterhin unter dem spektrum „hochbegabung mit ausgeprägt hoher empfindsamkeit“ hätte segeln können.

das wäre charmanter. die autistische behinderung brauche ich nicht wirklich. das klingt so dequalifizierend.

der arzt sagte: „es gibt auch hochbegabte, die keine autisten sind. das hängt nicht automatisch zusammen.“ aha.

er sagte auch: „Sie müssen mit dieser diagnose nicht in die gosse.“ vielen dank, herr doktor. er war durchaus respektvoll.

dass ich bei meiner derzeitigen arbeitsstelle schon nach vier stunden völlig am ende meiner kräfte bin und nachmittags nichts mehr auf die reihe kriege, sondern oftmals nur noch heulend in der ecke hänge, wunderte ihn nicht.

er sagte noch: „es ist nicht selten, dass autisten vom typ asperger eine sucht entwickeln, um den anforderungen der 'neurotypischen' welt gerecht werden zu können.“ dieser arzt ist eindeutig ein neurotyp. ich erlebte die begegnung mit ihm übrigens nicht als unangenehm, alles in allem.

andererseits: diese diagnose entschuldigt nichts, erklärt aber manches. womöglich nicht alles, aber vieles. einzelne facetten meines in-der-welt-seins, wie es nun einmal ist. meine schrullen zum beispiel. angefangen vom immer gleichen ritual des kaffeekochens mit der caffetiera bis hin zum ständigen gefühl, nicht von dieser welt zu sein, nirgends dazuzugehören, mich wie unter einer glasglocke zu bewegen.

was ist und was wird, das gilt es nun herauszufinden. oder einen teil davon. es bleibt spannend.


--------

Sonntag, 21. August 2011

hochbegabt – ganz normal?

eine buchbesprechung

als ich vor knapp fünf jahren endlich den offiziellen iq-test bei mensa in deutschland machte, war ich ziemlich aufgeregt. es dauerte gefühlte monate, bis das ergebnis eintraf: die von mir erzielte sehr hohe hausnummer bestätigte meine heimliche vermutung aus schulmädchenzeiten und überraschte mich nicht wirklich.


das ergebnis schwarz auf weiß zu sehen, von einem psychologen unterschrieben, beruhigte mich ein bißchen. hatte ich meine intelligenz zumindest nicht versoffen in all den jahren.

die beigefügte einladung, dem verein der superschlauen doch bitte beizutreten, schmeichelte mir. ich folgte ihr nicht, weil a) das geld für den jahresbeitrag für hartz-IV-empfängerInnen im regelbedarf nicht vorgesehen ist und b) ich wenig sinn darin sehe, einem verein beizutreten, dessen aufnahmekriterium einzig ein IQ jenseits der 130 ist.

für meinen IQ kann ich nix. ich bilde mir nichts drauf ein. das ist kein 'besser oder schlechter', allenfalls ein wertfreies 'anders': angeboren wie meine grünen augen. ich kann weder das eine noch das andere ändern. höchstens kaschieren. es ist wie es ist. ich gehe damit um.

der brief mit dem ergebnis verschwand in einem ordner. ich hatte immer noch keine ahnung, was es mit der diagnose „hochbegabung“ tatsächlich auf sich hat – mal abgesehen von der tatsache, dass man dann vielleicht schneller rechnen kann.

erst durch mein blog und speziell eine meiner leserinnen entdeckte ich vor rund zwei jahren das thema für mich neu. ich las „Jenseits der Norm – hochbegabt und hochsensibel“ von Andrea Brackmann. das buch war eine offenbarung für mich. eine buchbesprechung habe ich damals im begabungsblog von Nathalie Bromberger veröffentlicht.

der klett-cotta verlag mochte meinen beitrag und war so nett, mir auch das zweite buch von Andrea Brackmann zuzusenden: „Ganz normal hochbegabt – Leben als hochbegabter Erwachsener“. so rasch nach dem ersten gelesen stand da für mich nicht viel neues drin. durch meine anstrengende situation als hochschulsekretärin war ich viel zu sehr mit mir selbst beschäftigt. für die einzelnen schicksale anderer „betroffener“ hatte ich damals weder kopf noch nerven.

als ich mich neulich dabei ertappte, dass ich im zusammenhang mit einer anderen diagnose an die hiesige universitätsklinik schrieb „im übrigen möchte ich darauf hinweisen, dass ich an einer hochbegabung 'leide'“ - habe ich mich an Brackmanns buch wieder erinnert und zog es von ziemlich tief unten aus dem bücherstapel auf meinem nachttisch hervor.

erstens darf es doch nun wirklich nicht sein, dass ich an meiner brillanz leide. zweitens tue ich auch Frau Brackmann damit unrecht und all den autorInnen in ihrem buch, die so offen von den freuden und qualen ihrer eigenen intelligenz berichten.

manchmal brauche ich einfach gleichgesinnte mit ähnlichen erfahrungen, um mich selbst wieder ins lot zu rücken. das ist wie mit der selbsthilfegruppe für trockene alkoholikerInnen. es hilft.

es hilft, darüber zu lesen, dass auch andere 'superhirne' nicht zwangsläufig erfolgreiche überflieger sind. damit hadere ich ja sehr: dass mein potential so brachliegt, weder gefordert noch gefördert (und vor allem: nicht angemessen honoriert) wird. dass ich andererseits ganz oft die schnauze voll habe davon, ständig 'denken' zu müssen und niemals abschalten zu können. bisweilen würde ich am liebsten auf einem niveau von, sagen wir: IQ 78 dahindümpeln. ruhe haben im kopf. nicht ständig alles hinterfragen und auch noch dem letzten i-tüpfelchen auf den grund gehen müssen; statt dessen die welt und das leben nehmen wie es kommt. zwar leicht debil sein, aber zufrieden.

die mit einem hohen IQ einhergehende hohe empfindsamkeit, von der ich niemals pause habe, erklärt auch – zum teil – meinen hohen alkoholkonsum über jahrzehnte hinweg: wenn es mir zu viel wurde, habe ich meine sinne mit alkohol betäubt, die immer grellen wahrnehmungen gedämpft und weichgespült. das erklärt auch, warum es mir jetzt, auch nach jahren ohne droge – in dieser hinsicht schlechter geht als vorher: meine wache belastbarkeit beträgt nur einen bruchteil von der im betäubten zustand. ich 'funktioniere' nicht mehr so 'gut' wie früher; musste lernen und lerne immer noch, meine eigenen grenzen überhaupt erst wahrzunehmen, sehr viel enger zu stecken als ich es mir für mich selbst wünschen würde – und mich damit abzufinden, dass ich meinen eigenen hohen ansprüchen niemals mehr werde gerecht werden können.

Andrea Brackmanns buch hilft mir also sehr, noch einmal aus verschiedenen blickwinkeln beleuchtet zu erfahren, dass hochbegabte z.b. nicht nur 'schneller denken' können, sondern auch ein vielfaches an informationen aufnehmen und dieses viele obendrein auch noch heftiger empfinden: dadurch mehr verarbeiten müssen und in manchen bereichen leichter überfordert und auch oft langsamer sind als 'normal begabte'.

außerdem wäre frau Brackmann nicht sie selbst, wenn sie das runde dutzend sehr berührender lebensgeschichten von hochbegabten erwachsenen einfach nur kommentarlos aneinandergereiht hätte.

während hochbegabte kinder immer häufiger frühzeitig als solche erkannt werden und eine angemessene förderung erhalten, geht man bei erwachsenen scheinbar immer noch davon aus, dass es sich 'irgendwann auswächst'. das tut es jedoch nicht. es bleibt uns erhalten!

ebenfalls im buch zu finden sind daher hinweise zum aktuellen stand der forschung, tipps und anlaufstellen; dazu eine übersicht samt kritischer bemerkungen zu den gängigen IQ-tests und – für mich mit das wichtigste: eine sehr einfühlsame zusammenstellung der wichtigsten merkmale von hochbegabung mit den allerschönsten verhaltensempfehlungen, damit umzugehen, ohne ständig sich selbst zu zerfleischen.

meine lieblingsstelle kommt fast am schluss: die liste der sogenannten 'häßlichen wörter'. dabei handelt es sich um eine beliebig erweiterbare aufzählung von meist 'sozialen' situationen, die für menschen mit hochbegabung oft nur schwer auszuhalten sind. ich zitiere: „Betriebsausflug, Großputz, Stuhlkreis, geselliges Beisammensein, Supermarktmusik, Schützenfest, runde Geburtstage, Höflichkeitsfloskel, Schwimmbad, Großraumbüro ....“

ich empfinde es als sehr wohltuend, mich zu solcherlei nicht mehr zwingen zu müssen, nur weil alle anderen das normal finden; statt dessen nun endlich sagen zu dürfen „nein danke, das ist nichts für mich“ und mich an derlei aktivitäten nur noch zu beteiligen, wenn es überhaupt gar nicht anders geht. oder früher zu gehen, wenn es mir zu viel wird und für danach ausreichend pause zum kräftesammeln einzuplanen.

ebenfalls wohltuend die erkenntnis, dass solcherlei 'hochbegabte empfindlichkeiten' weder durch therapie noch durch mehr selbstdisziplin kurierbar sind. ich bin und bleibe eine empfindliche zicke. das erleben der eigenen hochbegabung und der umgang damit sind täglich neue herausforderungen, vermutlich bis an mein lebensende und ohne pause.

diese aussicht ist nicht gerade beruhigend. aber mit meinem kreativen hochleistungsgehirn dürfte auch das zu schaffen sein.


Andrea Brackmann
Ganz normal hochbegabt
Leben als hochbegabter Erwachsener
Klett-Cotta Leben!
ISBN 978-3608860061
derzeit 14,95 €

--------

Mittwoch, 5. Mai 2010

büro für besondere maßnahmen im außendienst

kurze maßnahme no. 9: mo jour schreibt fremd!
und zwar eine buchbesprechung bei begabung/blog

dass ich eine intelligenzbestie bin, habe ich ja neulich schon einmal erwähnt. dabei geht es um viel mehr als um einen besonders klugen kopf: hochbegabung mit einem iq jenseits der 130 ist ein vielschichtiges thema, das noch gar nicht lange beforscht wird. mehr iq – das bedeutet neben „schneller denken“ in den meisten fällen auch entsprechend mehr gefühl und entsprechend mehr wahrnehmung.


umso erleichterter war ich, zu diesem thema ein ganz wunderbares buch zu finden, das mir sehr dabei geholfen hat, mich selbst besser zu verstehen und auch einige meiner ‚marotten‘ besser annehmen und selbstbewusster damit umgehen zu können.

es ist das buch „Jenseits der Norm – hochbegabt und hoch sensibel?“ von Andrea Brackmann. „da muss ich unbedingt mal eine buchbesprechung machen“ - war einer meiner ersten gedanken dazu. der zweite war dann – typisch hochbegabter selbstzweifel und perfektionismus: „ach nee, das buch ist ja schon fünf jahre alt, da bin ich ja viel zu spät dran. es gibt schon rezensionen zu hauf und meine wird da nicht auch noch gebraucht!“

doch. wird sie! und zwar im begabung/blog von nathalie, wo sie seit heute nachzulesen ist.
geht doch mal rüber!


--------

Samstag, 6. Februar 2010

intelligenzbestie

„do bess ene intelijenzbestije!“ noch heute höre ich die mutter fauchen, wenn ich mit unschlagbarer logik eines ihrer fadenscheinigen argumente widerlegt oder ihre autoritären anweisungen blitzgescheit als pädagogisch wertlos entlarvt hatte.



sie war sauer auf mich. meine intelligenz passte ihr nicht ins konzept. intelligent sein bedeutete für mich, nicht liebenswert sein. die mutter empfand meine klugheit als bedrohung. bei mir zu hause war das so. also wurde ich dafür geschimpft. oder man machte sich darüber lustig. die unterschwellige botschaft war: „sei eine andere!“ genauso hätte sie von mir verlangen können, nicht immer so grüne augen zu haben, sondern besser blaue.

schrieb ich mit meiner intelligenzbestie hingegen gute noten in der schule, dann war ihr das ganz recht. nicht, dass der inhalt meiner klassenarbeiten sie irgendwie interessiert hätte. aber dann konnte sie sich brüsten vor ihren freundinnen, weil sie so eine schlaue tochter hatte: „die intelligenz hat sie natürlich von mir.“

die mutter lebte das, was ich einen ‚verlängerten narzissmus‘ nenne. sie fühlt sich nur dann als ‚gute mutter‘ wenn ihre tochter erfolgreich ist. es ist, als hätte sie kein eigenes selbstwertgefühl. wenn es mir nicht gut geht, dann geht es ihr schlecht. was dann früher öfter mal dazu geführt hat, dass – wenn ich ihr am telefon von einem meiner (geringeren) probleme erzählte - sie laut seufzte und anfing zu weinen. was dann wiederum mich in die schreckliche situation brachte, nicht nur mit meinem eigenen problem fertig zu werden, sondern auch noch die mutter zu trösten, dass ich überhaupt ein problem hatte.

irgendwann habe ich aufgehört, ihr irgend etwas für mich wirklich wichtiges von mir zu erzählen.

erzählt habe ich dann nur noch erfolgserlebnisse, da konnte sie was mit anfangen. damit brüstete sie sich wiederum vor ihren freundinnen und fühlte sich wohl, weil sie sich für eine gute mutter halten konnte, die eine erfolgreiche tochter produziert hat.

leider übersah sie dabei völlig, dass – trotz meiner ‚intelligenz‘ ich auch immer viel zeit mit lernen und experimentieren und lesen und neugierig alles mögliche herausfinden verbrachte. sehr viel zeit, um genau zu sein. statt dessen berichtete die mutter ihrem entzückenden damenkränzchen entzückt, dass mir ja immer alles zuflöge und unglaublich leicht fiele.

mich hat sie übrigens nie gelobt für meine guten noten. statt dessen gab es einen zuverdienst zum mageren taschengeld: zwei mark für eine eins, eine mark für eine zwei und fünfzig pfennig für eine drei lagen wortlos auf dem küchentisch neben dem von der erziehungsberechtigen unterschriebenen klassenarbeitsheft.

im allgemeinen lagen bei mir ein- und zwei-markstücke. das mit den silberlingen hatten sie nur eingeführt, damit die schwester - die mit ihren noten weniger glück hatte als ich - nicht völlig verarmte. als ich einmal eine zwei-minus nach hause brachte – das war ein ausrutscher in latein - hieß es „das ist doch nicht so schlimm.“

meine guten noten hielt ich tatsächlich immer nur für glück. nie war ich mir der qualität meiner leistung sicher. wie sollte ich auch. die mutter war ja davon überzeugt, dass mir immer alles ‚zuflog‘. niemals war eine eins in mathe das resultat meiner guten vorbereitung. was also, wenn das zufällige talent einfach mal zufällig an mir vorbeiflöge? ich verbrachte nächtelange alpträume damit, eine fünf oder sechs nach der anderen zu schreiben und war jedes mal aufs neue überrascht über eine gute note im richtigen leben. gleichzeitig fühlte ich mich wie eine betrügerin, die eine solche gar nicht verdient hatte.

für die guten leistungen wurde ich zwar in der schule durchaus gelobt – das war dann allerdings eine eher ambivalente angelegenheit. ich wurde mehrmals zur klassensprecherin gewählt mit der begründung, dass ich es mir schließlich leisten könne, auch mal kritik zu üben, weil die lehrerinnen mich wegen meiner guten noten mochten und mich nicht sitzenbleiben lassen konnten, weil ich dafür zu gut war.

klassensprecherin sein war ein undankbarer job. ich mochte das nicht. wegen meiner guten noten war ich auch immer eine beliebte nachbarin in klassenarbeiten oder zum abschreiben der hausaufgaben vor der stunde.

freundinnen hatte ich hingegen wenige. den klassenkameradinnen waren meine guten noten suspekt. ich war nicht nur praktische intelligenzbestie zum abschreiben und um der strengen klassenlehrerin mal die meinung zu sagen, sondern gleichzeitig auch mit dem label ‚streberin‘ versehen. zwangsläufig. denn wer gute noten hat, muss ja streberin sein. das tat weh. ich versuchte, absichtlich fehler einzubauen. das schadete meinen gesamtnoten nicht. statt dessen waren diejenigen sauer, die dann versehentlich die fehler von mir abschrieben. sie fühlten sich von mir hereingelegt.

irgendwann mit fünfzehn oder sechzehn wollte ich wissen, was tatsächlich dran war an den sticheleien. denn ich schämte mich für meine guten noten. ich machte einen langen, komplizierten intelligenztest. heimlich. mit einem buch, das ich mir aus der psychologieabteilung der stadtbücherei ausgeliehen hatte. ich hielt mich genau an die anweisungen. mit stoppuhr. schummelte nicht. nahm mir eher weniger zeit, als erlaubt war zum lösen der aufgaben. 136. intelligenzbestie. tatsächlich.


// cut //


vor gut zwei jahren wollte ich es noch einmal ganz genau wissen: war mein testergebnis von damals richtig? immerhin lag mein sicher stümperhafter selbsttest schon mehr als 30 jahre zurück. nimmt die intelligenz mit dem alter ab? in den wechseljahren? oder hatte ich mir gar den einen oder anderen bunten punkt in der zwischenzeit versoffen? erholt sich das gehirn bei längerer abstinenz?

also machte ich einen ‚offiziellen‘ intelligenztest. beim club der superschlauen. mein ergebnis lag ein stück über dem von damals: hochbegabt. mein krauser kopf ist bestens mensatauglich.

hilft es mir, das zu wissen? schwer zu sagen. dieses ergebnis beantwortet noch lange nicht all meine fragen. aber es erklärt ein bißchen, warum mir zum beispiel das lernen von sprachen nicht nur spaß macht, sondern auch immer sehr leicht fiel.

ob ich jetzt eingebildet werde und arrogant? klar. im sinne von ‚selbst-bewusst-sein‘, weil ich mir meiner selbst und meiner fähigkeiten noch ein bißchen mehr bewusst bin.

stolz drauf? nicht wirklich. intelligenz ist eine anlage, wie grüne oder blaue augen. ich kann es nicht ändern, und ich kann es auch nicht einfach abstellen. obwohl ich das manchmal sehr gerne möchte. das denken abstellen. zur erholung des kopfes. auf einem iq von 84 gemütlich dahindümpeln. hang loose.

es ist wie es ist. es ist nicht immer nur gut, nicht immer nur schön, nicht immer nur ein vorteil, erst recht nicht für eine frau. auch eine garantie für erfolg im leben ist ein hoher IQ ganz sicher nicht. dazu ein ander mal mehr.


--------

Mittwoch, 5. August 2009

anonym oder für alle erkennbar?

diese frage beschäftigt mich seit meinen ersten zeilen hier.

wieviel zeig' ich her von mir, im klartext? in diesem weblog wünsche ich mir einen ort für meine kleinen geschichten, für anekdoten aus meinem leben, aber auch für gedanken über die große göttin & die welt: mal kreativ, mal kritisch, mal kitsch.

mo jour - on the beach

ich möchte mein innerstes nicht verstecken, will nicht 'so tun, als ob ....' – das habe ich die meiste zeit meines lebens getan. es hat mich sehr krank gemacht.

ich habe beschlossen, hier im "büro für besondere maßnahmen" so offen zu sein, wie mein herz und derzeitiges wissen um die welt es nur zulassen. was namen, wohnort, umfeld angeht, werde ich lebewesen und dinge anonymisieren, pseudonymisieren, mit wörtern verfremden – vorerst zumindest, als 'besondere maßnahme', um mich selbst zu schützen.

noch spüre ich auch angst, wenn ich mich oute mit einzelheiten, die 'in der welt da draußen' – also jenseits von meinem schreibtisch mit der schönen aussicht – gar nicht immer so gut angesehen sind. manchmal schäme ich mich sogar. ich weiß, dass menschen, die mir neugierig wohl wollen, mich hier erkennen werden. seid willkommen!

andererseits weiß ich, dass ich mit meinen themen nicht allein bin auf dieser welt. ganz im gegenteil: wir sind millionen!

da sind schwer zu durchbrechende tabus. immer noch! es ist in dieser gesellschaft nicht opportun, wenn man nicht ganz oben mitschwimmt – darüber wird höchstens in der dritten person gesprochen. das passiert immer nur den anderen. die armen! aber nur ganz ganz selten erzählen die menschen selbst, was es für sie bedeutet, wie es ihnen damit geht.

genau das ist es aber, was arbeitslosigkeit mit zunehmender armut & vereinsamung, seelische & körperliche 'unzulänglichkeiten' und – wie unappetitlich! - wechseljahres- & andere altersphänomene so schlimm, so unerträglich machen: zum stillschweigen verurteilt zu sein! darüber spricht man nicht! was sollen denn die nachbarn denken?! also redet man nicht darüber - weil man sich schämt und weil man angst hat, abgestempelt und stigmatisiert zu werden.

wenn ich öffentlich erzähle, dass ich – trotz bester ausbildung und ausgestattet mit einem mensatauglichen intelligenzquotienten - ergänzend hartz4 beziehe, kriege ich dann überhaupt jemals wieder einen auftrag?

wenn ich hier offen erzähle, dass ich - seit vielen jahren trockene - alkoholikerin bin, wird mich jemals wieder jemand einstellen?

wenn ich erzähle, dass ich bisweilen – trotz allen mutes, trotz aller zuversicht, trotz allen humors – völlig verzweifelt heulend depressiv in der ecke sitze, weil mein leben seit einigen jahren immer nur schrumpft … - wird das hier noch jemand lesen wollen?

wenn ich erzähle, dass ich mit mitte vierzig schon in den wechseljahren stecke, dass meine ehemals schöne taille sich auf nimmerwiedersehen verabschiedet und in einen matronenspeckgürtel verwandelt hat – wird jemals wieder ein mann mich liebevoll anschauen?

nun ja. es ist, wie es ist.

meine gutbürgerliche nachbarschaft will solcherlei nicht hören. das einzige, was wir gemeinsam haben, ist die schöne aussicht ins rebenland. mehr nicht.
für diese nachbarschaft tue ich weiterhin 'so, als ob …' ich die erfolgreiche selbständige unternehmerin sei.

mit mir vertrauten menschen aber - und hier im weblog, für all die andern, denen es auch so geht! - da will ich ganz sein dürfen. weil das heilen hilft - deswegen ist es einen versuch wert. oder was meint ihr?


--------

Related Posts Plugin for WordPress, Blogger...