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Dienstag, 21. Juni 2011

wohnen bleiben II

kleines aufatmen

heute vor genau sieben jahren bin ich zum ersten mal in dieser wohnung aufgewacht. mit ganzer absicht hatte ich mir zum 'erstlingsschlafen' die kürzeste nacht des jahres gewählt, die sommersonnenwende. zur schönen aussicht gab es nur mein bett und - natürlich – alle notwendigen utensilien für meinen geliebten frühstücksmilchkaffee.


alle meine anderen dinge kamen erst ein paar tage später. es war gigantisch schön, in der leeren wohnung zu sein, platz zu haben für mich und meine gedanken: es war ein bißchen wie camping, ein picknick mit mir selbst.

die wohnung war für meine verhältnisse relativ teuer, mit meiner arbeitslosenhilfe aus einer teilzeitstelle als kulturredakteurin in berlin konnte ich sie mir so gerade eben leisten.

aber ich kenne mich doch und mein prekäres inneres gleichgewicht: seit vielen jahren weiß ich, dass meine vier wände hell und luftig sein müssen, damit ich mich auf dauer darin wohlfühlen, die depressionen im zaum, die multiplen traumata bändigen, einen rückfall in die alkoholsucht verhindern – und damit meine erwerbsfähigkeit erhalten - kann.

also spare ich lieber an anderer stelle. nach abzug der miete blieb mir auf einen euro unterschied genau das, was ein halbes jahr später 'regelbedarf hartzIV' heißen sollte. vor dem arbeitslosengeld 2 hatte ich keine allzu große angst. schließlich hatte der damalige superminister für wirtschaft und arbeit, wolfgang clement, im jahr 2004 hoch und heilig versprochen „niemand, der jetzt arbeitslosenhilfe erhält, wird nachher mit hartzIV schlechter dastehen“.

außerdem hatte ich überhaupt nicht vor, so lange erwerbslos zu bleiben, sondern statt dessen große und durchaus berechtigte hoffnung, ganz bald wieder eine feste stelle zu finden.

damals steckte ich mitten in einer weiteren ausbildung zur projektmanagerin, die ich im herbst des jahres sehr erfolgreich abschloss.

aus beidem wurde nichts: weder fand ich feste arbeit, noch hielt der alte mann sein versprechen.

seit inkrafttreten der hartzIV-gesetze am 01.01.2005 gilt meine schöne aussicht 'amtlich' als 'unangemessen'. ebenso lange lege ich 'dem amt' ein attest, ein gutachten nach dem anderen vor zum nachweis dafür, dass aus gesundheitlichen gründen ein zwangsumzug für mich unzumutbar ist. dieses verfahren wird – je nach gusto des 'amtes' - jährlich oder halbjährlich wieder neu aufgelegt.

um dem nachdruck zu verleihen, wird die überprüfung meiner 'umzugsfähigkeit' vom amt gerne auch mal mit einstellung aller zahlungen kombiniert. oder mit der auflage, die arbeitslosenhilfe monat für monat neu beantragen zu müssen, weil sich mein gesundheitszustand ja zwischenzeitlich bessern könnte.

natürlich ist das gegenteil der fall: die schreiben des amtes versetzen mich regelmäßig in angst und schrecken, ich reagiere mit stärkeren depressionen und schlimmerem. diesen entsetzlichen druck auszuhalten, ohne wieder alkohol zu trinken, wird immer schwieriger.

ich bin heute nur noch ein verzeifelter, heulender schatten der lebensmutigen und zuversichtlichen frau, die vor sieben jahren in diese wohnung einzog.

durch den druck ruiniert 'das amt' nicht nur meine gesundheit, sondern es produziert auch zusätzliche kosten: häufigere arztbesuche, atteste, gutachterliche überprüfungen, mehr medikamente, längere krankschreibungen, gerichtsgebühren, anwaltshonorare, porto-kopien-und-fahrtkosten, zusätzliche therapeutische sitzungen, sogar ein klinikaufenthalt im vergangenen jahr und damit unnötige verlängerung meiner erwerbsunfähigkeit sind teure folgen der amtlichen schikanen.

dem 'amt' aber ist das schnurzepiep. es will einen teil meiner miete einsparen. wenn das an anderer stelle anderer leute geld kostet oder meine gesundheit (und damit mein leben) ruiniert – dann ist das egalegalegal.

das derzeitige verfahren zieht sich nun schon ein knappes halbes jahr hin. einen tag vor dem jahreswechsel erhielt ich am 30.12.2010 die amtliche mitteilung, dass nun alles wieder neu aufgerollt wird. seitdem habe ich keine ruhige minute mehr. angst und panik ziehen mir den letzten boden unter füßen weg – und der war ja im herbst des vergangenen jahres ohnehin schon sehr dünn und brüchig.

mit der maßgeblichen beurteilung, ob mir ein umzug zumutbar ist oder nicht, wird regelmäßig der ärztliche dienst der arbeitsagentur beauftragt. je nachdem, welcher arzt gerade dienst hat, ist immer jemand anders zuständig.

diesmal habe ich es zu tun mit einem doppelten doktortitel: dr. med. dr. med. vet.! dieser tierarzt aus rostock, den in mecklenburg-vorpommern scheinbar nicht mal mehr die schweine* wollten, ist wohl gerade noch gut genug, um westdeutsche arbeitslose zu begutachten. jedenfalls scheint er all seinen frust, dass er als arzt in der zone gescheitert und nun im badischen arbeitsamt gelandet ist, an multipel traumatisierten wessis auszulassen:

der dr.dr. hat sich schriftlich per fragebogen ein paar angaben zu meinem allgemeinen gesundheitszustand beantworten lassen. einmal von mir, einmal von meiner ärztin. weder hat er die mich behandelnde fachärztin zu ihrer einschätzung meiner „umzugsfähigkeit“ befragt, geschweige denn hat er mich einmal persönlich eingeladen und begutachtet.

der dr.dr. entscheidet alles auf dem geduldigen papier, ignoriert sämtliche atteste von mich schon seit jahren behandelnden menschen und tut nun so, als würden alle ärzte und ärztinnen, fachärzte und fachärztinnen und therapeutinnen und sogar die chefärztin der reha-klinik heiligendamm für mich lügen. er als 'sozial-mediziner' sei schließlich übergeordnet und er findet, dass einem zwangsumzug überhaupt nichts im wege steht.

amtsärzte sind unanfechtbare götter. ihre gutachten sind gesetz, ganz egal wie sie zustande kommen. es gibt keinerlei juristische handhabe.

'das amt' will also nun, dass ich – trotz gegenteilig lautender atteste – innerhalb kürzester zeit eine neue wohnung finde, die 45m² groß ist und maximal 275 euro kaltmiete kostet. wer den südwesten und die hiesige universitätsstadt kennt, der weiß, dass das eine kafkaeske aufgabe ist.

am wochenende erhielt ich vom amt bescheid, dass meine volle miete für drei weitere monate übernommen wird, bis zum 30. september 2011. ein kleines aufatmen.

meine befürchtung war, dass schon am monatsletzten (also in 10 tagen) schluss sei, dass ich dann meine miete nicht mehr zahlen kann und demnächst obdachlos werde. insofern gibt es eine letzte gnadenfrist. es ist noch längst nicht wieder gut. aber es ist mal für einen kleinen augenblick weniger schlimm.

all denen, die mich persönlich kennen und sich fragen, warum ich mich lange nicht gemeldet habe – und denjenigen, die sich wundern, dass ich hier in den vergangenen monaten nur noch so wenig schrieb - das ist die antwort:

es ging mir im herbst beschissen. ich wusste gar nicht, dass eine steigerung dessen noch möglich war. aber jetzt geht es mir noch schlechter.

die angst lähmt mich. ich habe keine kraft mehr, bin nur noch mit überleben beschäftigt, setze vorsichtig einen fuß vor den anderen. stürze, stehe wieder auf und versuche, nicht allzusehr in alte selbstschädigende muster zurückzufallen oder gar neue zu entwickeln. es gelingt mir nicht immer, ich entgleise mir oft.

eines aber gelingt mir doch, und dafür bin ich unendlich dankbar: ich bin ohne alkohol. tag um tag, meiner würde wegen.

nicht genug zu verdienen, nicht allein für den eigenen lebensunterhalt sorgen können, das ist schon schlimm genug. aber auch noch zum umzug gezwungen bzw. geradewegs in die obdachlosigkeit gedrängt zu werden und damit auch noch die allerletzte sicherheit zu verlieren - das ist die hölle.

dennoch bin ich entschlossen zu kämpfen und werde versuchen - wenn nötig - auch das bei lebendigem leibe und ohne drogen auszuhalten.

hartzIV ist folter. vielleicht sollten wir alle mal dem herrn clement unsere rechnungen schicken.


ps.
* ich bitte an dieser stelle alle schweine und ganz mecklenburg-vorpommern um verzeihung für diese entsetzlich abwertende bemerkung, die ich nur im bezug auf den dr.med.dr.med.vet. ernst meine. das ist vielleicht die schlimmste aller folgen von harz4: dass es so kränkt, so demütigt - so krank und so verbittert macht.

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Kommentare :

  1. Sie schreiben so eindringlich und persönlich, dass mir Ihr Blogpost seit Stunden nicht aus dem Kopf geht. Wie gerne würde ich Ihnen etwas Tröstliches sagen, aber das wenige, das mir überhaupt einfällt, klänge entsetzlich banal. Also beschraenke ich mich darauf, Ihnen jeden Tag soviel mehr Kraft zu wuenschen, dass etwas für Sie selber uebrigbleibt und nicht alles für den zermürbenden Kampf mit dem Amt draufgeht. Menschen sind nun mal Individuen und keine genormten Schrauben - leider hat sich diese Erkenntnis bei den Arbeitsagenturen offensichtlich noch nicht durchgesetzt.

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  2. Falls du es noch nicht getan hast.. es gibt sicher auch in deiner Umgebung unabhängige Stellen, die Arbeitslose beraten. Die sich auskennen (auch mit den Tricks des AA). Und du bekommst ja auch Prozeßkostenhilfe wenn du klagst. Alles aufwendig, ich weiß. Aber wenn die beim AA merken, dass sie nicht alles mit dir machen können, werden die auch "friedlich". Und du hast auch das recht, einen selbst gesuchten Amtsarzt zu konsultieren. Lass dich von einer Arbeitsloseninitiative beraten! Sagt einer, der ähnliches erlebt hat. Gruß - Hans

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  3. @ Frau Dinktoc, liebe, die guten wünsche und auch das wohlwollende mitgefühl kommen an. ich wünsche mir nichts mehr, als wieder 'normal leben' zu können: mit all meinen fähigkeiten und qualifikationen arbeiten zu dürfen und damit ausreichend geld zu verdienen - ohne diese ununterbrochene entsetzliche existenzielle bedrohung im nacken spüren zu müssen. mit den hartzIV-gesetzen führt die regierung krieg gegen die eigene bevölkerung. das ist sehr grausam und brutal.

    @Hans, du bist so ein aufmerksamer leser, danke!

    in der erwerbslosenberatung meiner gewerkschaft bin ich seit jahren stammkundin. leider. inzwischen habe ich auch eine rechtsanwältin gefunden, die mich unterstützt. allein bin ich den 'besonderen maßnahmen' des amtes nicht mehr gewachsen.

    mein zuständiges amtsgericht hat mir jedoch die beantragte beratungshilfe verweigert. die kriege ich erst, wenn das amt die zahlungen eingestellt hat und mir darüber ein bescheid vorliegt. es muss also erst das kind in den brunnen fallen, bevor es gerettet werden kann. so muss ich nun die anwaltsberatungen (knapp 50 euro) vom regelsatz (364 euro) bezahlen.

    vor ein paar jahren kam es schon einmal zu einem prozess wegen der 'kosten der unterkunft'. 'das amt' hat es damals nicht zu einer entscheidung kommen lassen, sondern vorher eingelenkt und nachgegeben. so habe ich nichts in händen, auf das ich mich berufen könnte. das war absicht. denn so gibt es auch kein urteil, auf das sich andere berufen könnten. nach dem gerichtsverfahren gingen die schikanen gegen mich erst richtig los.

    die arbeitsagentur muss für prozesskosten, die sie durch falsche bescheide und ungesetzliche verfahrensweisen produziert, nicht selbst aufkommen. das zahlt 'die allgemeinheit'. auch das ist im grunde ein skandal! denn müsste das amt seine verlorenen prozesse selbst zahlen, würden sie sich in den bescheiden vielleicht eher an die geltenden gesetze halten. der hiesige amtsvorsteher hat es vor einer weile sogar öffentlich in der zeitung gesagt, dass er seine mitarbeiterInnen anstiftet, möglichst 'sparsame' bescheide auszustellen. dass dabei sehr häufig fehler zuungunsten der kundInnen passieren, sei natürlich rein zufällig.

    inzwischen habe ich von einem juristen gehört, der in der widerspruchsstelle einer arbeitsagentur beschäftigt war. seine bescheide waren korrekt, aber zu kundenfreundlich. er hat sich geweigert, die schikanen mitzumachen und widersprüche abzulehnen, die geRECHTfertigt waren. sein vertrag wurde nicht verlängert.

    'friedlich' ist der hiesigen arbeitsagentur/dem jobcenter ein fremdwort.

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  4. Liebe Jo, das was du erleben musst, ist wirlich kafkaesk und erinnert mich an den Roman "Catch 22". Der Roman handelt von einem Bombenflieger, der keine Bomben mehr schmeißen will.
    Das geht aber nur, wenn er für verrückt erklärt wird. Der (völlig absurde) Inhalt des Buches ist bei Wiki trefflich beschrieben.
    http://de.wikipedia.org/wiki/Catch-22

    Es tut mir so sehr leid, liebe Jo, dass ich dir nicht helfen kann. Und ich hoffe auch ganz arg, dass es bald eine nachhaltige Lösung deines Problems gibt. Denn alles, was du beschreibst, klingt so furchtbar, dass ich dich spontan in den Arm nehmen möchte - was dann aber leider auch nichts nützen würde.

    Die Amts-Vorgänge, die du geschreibst, machen mich zornig. Und sie zeigen, wie ohnmächtig wir Amtswillkür ertragen müssen. Und ein Gutachten eines Arztes, der kein einziges Wort mit dir gesprochen hat ist ein trauriger Witz.
    Ach, es ist einfach nur zum Kotzen!

    Ich wünsche dir von Herzen, dass sich letztlich alles zum Guten wendet und schließe mit den Worten meines Lieblingsschriftstellers, Hermann Hesse.
    "Meistens sind die schlimmen und dummen Perioden mir nachher besser bekommen als die vernünftigen und scheinbar gedeihlichen.
    Ich muss Geduld haben, nicht Vernunft. Ich muss die Wurzeln tiefer treiben, nicht an den Ästen rütteln."

    Ganz liebe Grüße in die alte Heimat - von deiner Renate

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  5. Hallo Mo,

    Chapeau für deine kämpferische Haltung ohne Flucht zurück in die Alkohl-Abhängigkeit. Die Abhängigkeit der "amtlichen" Fremdbestimmung ist schon hart genug. Ich kann nachempfinden, wie du dich fühlst. Ich kämpfe selber, obwohl ich Multijobberin (...selbstredend im Niedriglohn-Sektor) bin. Mich hindert am Gang zum "Amt" zwecks Aufstockung der Umstand, daß ich garantiert auch zwangs-umziehen müßte. Also noch mehr Rechnerei mit spitzem Bleistift, noch mehr Verzicht, noch mehr Rückzug aus dem (oftmals mit Kosten verbundenen) Sozialleben.

    Allerdings gibt es auch eine Kehrseite der "amtlichen" Medaille. Ein Bruder arbeitet in diesem Bereich und kämpft tagtäglich mit Menschen, die zwar arbeiten könnten, aber partout nicht wollen. Dafür meinen sie jedoch bis ins allerletzte Detail zu wissen, auf welche "staatlichen Leistungen/Zusatzleistungen" sie (angeblich) Anspruch haben. Werden diese Ansprüche (begründet und mit Verweis auf entsprechende Paragraphen/Erlasse/Verfügungen) verweigert, so sind wüste Beschimpfungen und Beleidigungen noch die harmloseste Reaktion. Immer öfter jedoch kommt es zu tätlichen Übergriffen.

    Ich denke, unter dem derzeitigen Hartz-IV leiden nicht nur die wirklich Betroffenen, sondern ebenso die Sachbearbeiter von ARGE und kommunalen Hilfsstellen. Die zur Verfügung stehenden Mittel werden von zu vielen unrechtmäßig geplündert. Du ahnst gar nicht, wie viele Menschen zwar offiziel Hartz IV u. ä. Hilfsgelder beziehen, aber nebenbei cash Kralle zu Stundensätzen arbeiten, von denen eine angemeldete Arbeitskraft nur träumen kann.

    Es läuft so verdammt viel schief in unserem Land... Und mit einem Kreuzchen auf dem Wahlzettel alle paar Jahre läßt sich oooch nüscht ändern.
    Manchmal träume ich wirklich von "Scotty - beam me up". In diesem sozialen Umfeld kann Mensch sich einfach nicht wohlfühlen.

    Nix desto trotz: Bleib stark, halt durch, laß dir nie nix gefallen und kämpf um deine Würde. Geld kann man dir kürzen oder nehmen, aber deine Würde - die ist in dir. Das bist du. Und die laß dir nie-nie-niemals nehmen!
    Alles Liebe, so von Kämpferin zu Kämpferin!

    Sanna

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  6. Wenn ich von deinen und anderer Leute Erfahrungen lese und meine eigenen miteinbeziehe, dann frage ich mich immer wieder, warum passiert nichts??

    Es scheint keine bundesweite Organisation zu geben, die mich oder andere mobilisieren könnte.

    Viele der Arbeitsloseninitiativen verlieren sich im Kleinklein und haben nicht die Mittel für ein grundsätzliches politisches oder juristisches Vorgehen.

    Derweil teile ich deine Erfahrungen, immer Angst vor der nächsten Amtsattacke... vor einer Sanktion, einer zermürbenden Maßnahme usw.

    Demnächst versuche ich mich in einem 400-Euro-Job. Und ich mach mir jetzt schon Gedanken, was wird, wenn ich mich da unwohl fühle und kündige...

    Auch mein kürzlicher Umzug war von kleineren Schikanen begleitet. Mein schriftlicher Antrag wurde ignoriert. In der Folge musste ich zu zwei völlig sinnfreien Terminen erscheinen, die mit nicht unbeträchtlichen Fahrtkosten verbunden waren.

    Bevor ich jetzt das erste Mal Geld für meine Arbeit sehe, darf ich erstmal einen Monatslohn für Pfand abdrücken. Meine Rücklage geht damit bedrohlich gegen Null. Ob ich das Geld jemals wiedersehe... keine Ahnung.

    Als nächstes könnte mir noch das passieren, was neulich in einem Bericht bei den Nachdenkseiten beschrieben wurde. Das Jobcenter überweist das gekürzte Hartz IV, aber der Lohn kommt erst vierzehn Tage später.
    --

    Zu Sanna, dir möchte ich noch sagen, dass ich wirklich keinerlei Verständnis für deinen Bruder oder sonst irgendeinen Angestellten in diesem Amt aufbringe. Schließlich ist die Vorstellung vom faulen Arbeitslosen das Feigenblatt schlechthin für die Einschränkung der Rechte von Arbeitsuchenden.

    Ja, ich bin auch dafür, dass jeder seinem Vermögen nach etwas an die Gesellschaft zurückgibt. Und ja, es gibt Leute, die das partout nicht wollen. Aber es steht wirklich in keiner Verhältnismäßigkeit, jemanden, der faul ist, mit dem Entzug der Existenzgrundlage zu bestrafen, erst recht nicht in dieser statistisch - ach so reichen - Gesellschaft.

    Glaubst du ernsthaft, dass wenn es diese Faulen nicht mehr gibt, das eingesparte Geld dir in deinem Niedriglohnsektor zugute kommt??

    Oder dass ein bekehrter Fauler, der nun mit dir um denselben Job konkurriert, euer gemeinsames Lohnniveau steigert?

    Übrigens ist die Vorstellung vom Schwarzarbeiter dann wiederum ein merkwürdiger Widerspruch zur Vorstellung des faulen Arbeitslosen.

    Man stelle sich vor: Arbeitslose, die deutlich die Bereitschaft zum Arbeiten zeigen. Das geht ja nun gar nicht. Pfui deibel. Das ist mindestens genauso des Teufels wie ein Mindestlohn, von dem man leben kann.

    Ehrlich, wenn mir jetzt jemand sagt, du kannst für mich zwei Monate schwarzarbeiten, ich wäre mir nicht sicher, ob ich das ablehnen würde. Mein Glaube an die Solidarität in diesem Land hat nämlich schon erheblich gelitten.

    Aber in der Zeit kann ich ja schlecht, Hartz "abbestellen", so sehr ich das auch loswerden möchte. Es würde sich dann ja die verdächtige Frage stellen, wovon ich zwischenzeitlich gelebt habe.

    --

    Liebe Mo, ich wünsche dir Kraft!

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  7. liebe Renate,
    vielen dank für deine warmherzigen worte. oh doch! selbst virtuelles "indenarmgenommenwerden" hilft und gibt mir vielleicht genau jenes noch fehlende quentchen kraft, das ich brauche, um aus dieser sache lebendig wieder rauszukommen.
    was das Hesse-zitat angeht, so weiß ich schon auch, dass es lebensaufgaben gab und gibt, an denen ich gewachsen bin und weiter wachse.
    es gibt jedoch auch 'schlimme und dumme' zeiten, auf die ich in meinem leben sehr gut hätte verzichten können. dazu gehört, opfer zu werden von verbrechen und behördlicher willkür. so was braucht kein mensch zum wachsen!

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  8. liebe Sanna,
    vielen dank für dein mitgefühl - ich wünsche auch dir viel kraft auf deinem weg.

    das verständnis für die mitarbeiterInnen der arbeitsagenturen und jobcenter hingegen geht mir bisweilen ab.
    ich verstehe sehr wohl, dass dort oft menschen sitzen, die für diese aufgaben schlecht ausgebildet sind und nicht richtig vorbereitet wurden auf das, was sie erwartet. sie werden nicht sonderlich gut bezahlt, sind ständig unterbesetzt und oft überfordert.

    dennoch: wer sich auf eine solche stelle einlässt, tut das freiwillig. und weiß von anfang an, dass er dort "kundInnen" nur quälen wird, weil schon die gesetze, die er zu vertreten und durchzusetzen hat, quälend und demütigend sind. um so etwas tun zu wollen, braucht es schon eine gewisse gesinnung.

    das korrekte umsetzen der vorschriften reicht ja schon völlig aus, um die betroffenen verzweifeln zu lassen. was ich mir bislang aber schon zusätzlich an demütigungen und beleidungen anhören musste bzw. miterlebt habe bei anderen, das ist wirklich widerlich und ekelhaft.
    hinzu kommt, dass die meisten bescheide voller fehler sind. da sitzen also leute, die können noch nicht mal rechnen!
    ich habe auch schon erlebt, dass ein mitarbeiter vom amt zu faul war, bereits eingereichte unterlagen aus meiner akte hervorzuholen und mich "der einfachheit halber" aufforderte (unter androhung von sanktionen), sie ihm noch einmal zuzuschicken. das habe ich sogar schriftlich! auch so einer wird mit steuergeldern bezahlt.

    und sanna, nein, ich glaube nicht, dass es besonders viele menschen gibt, die das alg2 böswillig ausnutzen. ein gewisser prozentsatz, mag sein. aber selbst wenn: selbst mit erschwindeltem hartz4 lässt sich nie und nimmer ein reibach machen. geschenkt! das sind doch peanuts im vergleich zu den volkswirtschaftlichen schäden, den der andere prozentsatz hoch oben anrichtet: diejenigen verbrecher, die vom steuerzahler gleich gelder in millionenhöhe abzocken und einkassieren.

    ich verstehe hingegen sehr wohl, dass wut, hass und verzweiflung bei den betroffenen immer größer werden. auf beiden seiten. inzwischen - nach all den demütigungen und dem jahrelangen kampf ums überleben - kann ich sogar selbstmordattentäterInnen verstehen.

    an dieser stelle sieht man einmal mehr, wie wunderbar das kalkül der regierenden und herrschenden klasse aufgeht: divide et impera, teile und herrsche.
    in diesem land werden die 'unteren und mittleren' bevölkerungsschichten gegeneinander aufgehetzt - während sich 'die da oben' eins ins fäustchen lachen und den rahm abschöpfen, der unten erwirtschaftet wird.
    und das schlimme: es funktioniert! keiner macht revolution, weil alle angst haben um ihren status quo.
    und denen 'ganz unten' kann sogar noch per sanktion das existenzminimum auf null gekürzt werden. es ist in diesem land gesetz, dass man menschen verhungern lassen und in die obdachlosigkeit treiben darf!
    mit menschenwürde hat das schon lange nichts mehr zu tun.

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  9. liebe Timpete,

    sorry meine reaktion auf deinen so persönlichen kommentar erst jetzt - aber ich darf mir dieses thema nur zeitverzögert und in häppchen erlauben, sonst knalle ich wieder mit dem kopf gegen die wand vor verzweiflung ....

    vielen dank für deine klaren worte.

    ich sehe, auch du hast das prinzip des 'teile und herrsche' sehr gut erkannt und durchschaut.
    erwerbslose haben keine lobby. geringverdiener, aufstocker und 'all die anderen faulen' werden von gewissen politikerInnen - unterstützt von gewissen medien - gegeneinander aufgehetzt und aufeinander neidisch gemacht.

    es geht nicht darum, dass angeblich zu viele schmarotzer durchgefüttert werden und man deswegen alle anderen acht millionen unter generalverdacht zu stellen hat. das ist der billige, verlogene vordergrund.

    die hartz-gesetze (benannt nach einem tatsächlich rechtskräftig verurteilten verbrecher) wurden etabliert, um in deutschland "einen der besten niedriglohnsektoren" aufzubauen, "den es in europa gibt". o-ton: ex-bundeskanzler schröder vor dem world economic forum, davos 2005, nachzulesen im archiv der bundesregierung, davos 2005.

    für deine 400-euro-stelle wünsche ich dir alles gute, dass alles klappt, dass du dich wohl fühlst, nette kollegInnen um dich rum hast und dass das amt mal ausnahmsweise tut, wozu es 'eigentlich' da ist: dich zu fördern.
    viel kraft!

    @allen andern und auch dir immer wieder danke fürs aufmerksame, unterstützende und wohlwollende lesen hier. das tut mir gut!

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  10. Liebe, unbekannte Mo,

    ich wünsche dir ganz viel Kraft für diese dunklen Stunden. Ich liebe deine Texte und lese deinen Blog sehr gerne. Es macht mich sehr traurig, wie unmenschlich das Amt mit dir umgeht. Ich hoffe, es wendet sich doch noch irgendwie zum Guten.

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  11. liebe anonyma,
    vielen dank für deine herzwärmenden worte. das gibt mir viel kraft, zu erfahren, dass das Büro für besondere Maßnahmen auch für andere wichtig ist und kreise zieht.
    lass es dir gut gehen!

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  12. Was noch sehr wichtig ist... nimmst du zu jedem Gespräch bei der Arbeitsagentur jemanden mit?? Ganz wichtig es zu tun!! Die schreiben ja einiges von deinem Gespräch, nach dem du weg bist, in den PC. Und da kann es passieren, dass Aussage gegen Aussage steht. Wenn du aber einen Gesprächszeugen dabei hast... werden die da schon freundlicher. Wenn der Gesprächszeuge sich dann noch Notizen macht... :-) probier es mal aus.

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  13. aber sischer dat, lieben Hans ;-) - nich für kuchen gehe ich da alleine hin. seit jahren schon nich'. das ändert aber leider nix. nicht mal, wenn mich jemand von der lokalen berichterstattung begleitet. dieses amt ist g-n-a-d-e-n-l-o-s ....

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  14. nachtrag:
    die rede des ehemaligen bundeskanzlers schröder vor dem World Economic Forum in davos 2005 ist im redenarchiv der bundesregierung nicht mehr abrufbar.
    bei der gewerkschaft von unten gibt es sie noch als pdf zum download:
    http://www.gewerkschaft-von-unten.de/Rede_Davos.pdf

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