Achtung. Achtung. Achtung.
Wir sind umgezogen!

Januar 2021

Das Büro für besondere Maßnahmen ist ab sofort erreichbar auf mojour.de

Nach und nach werden alte Beiträge – ggf. aktualisiert und überarbeitet – dorthin umziehen. Bitte folgen ... :-)

Posts mit dem Label lkh werden angezeigt. Alle Posts anzeigen
Posts mit dem Label lkh werden angezeigt. Alle Posts anzeigen

Mittwoch, 9. November 2011

begegnungen

notizen aus dem landeskrankenhaus . 3

Der eine sucht einen Geburtshelfer für seine Gedanken, 
der andre einen, dem er helfen kann: so entsteht ein gutes Gespräch. 
(F. Nietzsche)

das war einer der besseren texte, die in mein poesiealbum geschrieben wurden. er kam von meiner geliebten kunstlehrerin – und begleitet mich bis heute. besonders in therapeutischen situationen kommt er mir in den sinn. meine tage in der klinik waren eine solche - auch wenn ich dort niemals einer therapeutin unter vier augen begegnet bin.


anderer begegnungen hingegen waren viele: mitpatientInnen, pflegepersonal. wer wohnte mit mir im kuckucksnest? solche und solche: wie im richtigen leben. und wie im richtigen leben versucht man, gleichgesinnte mit ähnlicher wellenlänge zu finden – um sicht nicht ständig vorzukommen wie eine wahnsinnige minderheit, die aus nur einer einzigen person besteht: man selbst.

wen mochte ich? wen mochte ich nicht? wem sah ich in die augen? wem hörte ich zu? wem stellte ich fragen? bei wem blieb ich stehen, an wem lief ich vorbei? bei genauerem hinsehen habe ich dabei viel über mich selbst gelernt. aus mir angenehmen begegnungen ebenso wie aus den eher unangenehmen.


mr. wang*
der asiatisch aussehende herr wang fiel mir auf, weil er oft alleine in der stationsküche saß, direkt neben dem radio. er hörte den deutschlandfunk. stundenlang. sein schulterlanges schwarzhaar hatte er im nacken zu einem lockeren pferdeschwanz gebunden. er war sehr für sich, gleichzeitig hellwach. die dunklen augen blitzten mal melancholisch, mal vergnügt. eines morgens hatte er eines der essenstabletts vor sich auf dem küchentisch, darauf ein gutes dutzend verschiedener pilzsorten: „die habe ich alle heute früh im garten ums haus herum gefunden.“ hoch konzentriert forschte er in einem dicken pilzbestimmungsbuch nach der identifikation seiner funde. „ich übe für meine kinder.“ sein fließendes deutsch war akzentfrei. wir sprachen lange und sehr philosophisch, hatten einen wunderbaren austausch – tief und humorvoll. sein schöner mund lachte gern. über unsere diagnosen sprachen wir nicht. er war in der achten wochen dort, kurz vor der entlassung: „ich hätte mir die zeit hier auch sparen können.“ wann immer wir uns in den fluren begegneten oder im aufenthaltsraum, zwinkerten wir uns zu.


frau taxilan*
frau taxilan nannte sich selbst so, weil das 'ihr' medikament war. sie wirkte oft desorientiert und etwas schläfrig. „die geben mir das, damit ich meine gedanken besser sortieren kann. ja. das haben die ärzte so gesagt. die gedanken besser sortieren.“ dabei schaute sie unsicher und kicherte gleichzeitig in die runde. „und was mache ich? ich plappere nur noch unsortiert vor mich hin, der letzte scheiß purzelt mir aus dem mund.“ selbst mutter von drei kindern, wirkte sie seltsam kindlich, wunderschön in ihrer verletzlichkeit. „die sind jetzt allein zu hause, die wollen mich nicht zurück. ich bin ja auch zu nichts nütze.“ ich mochte sie sehr. wann immer möglich, setzte ich mich bei den mahlzeiten in ihre nähe. ihre traurige heiterkeit tröstete mich. ich hätte sie gern in den arm genommen.


frau müllermayerschmitz*
es gibt sie auf jeder station, glaube ich: die altgediente krankenschwester, seit anbeginn in genau dieser klinik beschäftigt. mit allen wasser gewaschen, kompetent, souverän – und mensch geblieben. frau müllermayerschmitz war die geborene pflegerin, der personifizierte krankenengel und sah auch so aus: lange blonde locken, immer ein warmherziges lächeln im gesicht. sie hatte für alles ein ohr, wimmelte einen nie unfreundlich ab. wenn sie doch einmal ein „nein das geht jetzt nicht“ von sich gab, dann klang selbst das wie ein virtuelle kuscheldecke. sie war mitfühlend, ohne selbst mitzuleiden. der fels in der brandung depressiver tränenströme, ihre anwesenheit ein geschenk. sie sagte „wir wollen, dass Sie sich hier wohl fühlen.“ das habe ich ihr aufs wort geglaubt – auch wenn es mir letztlich nicht gelungen ist.


frau zickigzackig*
auch eine frau zickigzackig gibt es wohl im pflegeteam jeder station: für frau zickigzackig sind die patientInnen nicht der inhalt ihrer arbeit, sondern unangenehme störenfriede, die reinste belästigung. sie wirkt überfordert, kennt nur schema F. wehe, die patientin passt da nicht hinein. sie brachte es fertig, mich mitten im abendessen vor versammelter patientInnenschar lautstark und quer durch den saal für etwas runterzuputzen, das gar nicht in meiner verantwortung lag. als ich versuchte, den irrtum aufzuklären, blaffte sie nur „darüber diskutiere ich nicht“, machte auf dem absatz kehrt und stapfte zurück in ihren glaskasten. so etwas lasse ich nicht auf mir sitzen, so lasse ich mich nicht behandeln. mag sein, ich bin depressiv. aber ich bin weder debil noch delinquent. ich war verletzt und wütend, ging ihr nach und wollte die angelegenheit gerne klären. frau zickigzackig blaffte weiter „geht es Ihnen nicht gut? wollen Sie eine tablette?“ ruhiges reden war nicht möglich. ganz egal, ob ich nun einen termin verpasst hatte oder nicht (ich hatte nicht) – der ton macht die musik, und der ihre war nicht angemessen. frau zickigzackig wurde immer patziger: „na gut, wenn sie unbedingt wollen, dann entschuldige ich mich eben.“ auch das ist typisch: frau zickigzackig bittet nicht um entschuldigung, sondern entschuldigt sich gleich selbst. gerne auch mal in verbindung mit dem imperativ: „Sie müssen schon entschuldigen!“ ich muss gar nichts. da beisst sie bei mir auf granit.


signore rossi*
eine letzte freundliche begegnung hatte ich beim verlassen der klinik, das gepäck schon geschultert. der kleine herr rossi sah mich mit großen augen an: „was denn? gehst du schon wieder? du bist doch gerade erst gekommen.“ ja. ich gehe. „das hätte ich mal besser auch gleich am anfang gemacht. ich bin jetzt zwei monate hier, und das hat überhaupt nichts gebracht. heute hatte ich mein abschlussgespräch, nächste woche gehe ich heim. weil ich nicht schlafen konnte, haben sie mir ein medikament gegeben, die ganze zeit. ich habe am anfang drei mal nachgefragt, ob das auch nicht süchtig macht. 'neinnein das macht nicht abhängig, seien Sie ganz beruhigt.' aber heute hat der arzt sich verplappert: 'den entzug von dem schlafmitt... … äääääääääh …. das medikament können sie ja dann zu hause langsam absetzen.' du machst es ganz richtig, wenn du wieder gehst.“ wir wünschten uns gegenseitig glück und alles gute. wir konnten es beide gebrauchen.


*ps
alle namen sind frei erfunden.
die wahren abenteuer sind sowieso alle nur im kopf.


--------

Donnerstag, 3. November 2011

dem kuckucksnest entflogen

notizen aus dem landeskrankenhaus . 2

anhand der überschrift könnt ihr's euch schon denken: ich habe die 'Klinik für psychosomatische Medizin und Psychotherapie' bereits wieder verlassen.

genau fünf tage lang habe ich es ausgehalten. in dieser zeit häuften sich die „ungereimtheiten“. geduld, wohlwollen und - ja! - auch neugier, die ich am anfang noch hatte, wichen immer mehr einem großen unwohlsein.


was mir im vergangenen jahr in der rehab in heiligendamm zu viel war – nämlich ein programm mit bis zu fünf verschiedenen therapien und terminen pro tag – gab es im landeskrankenhaus zu wenig: null therapie!

nach dem relativ kurzen aufnahmegespräch am ersten tag passierte nichts weiter, mal abgesehen von den gemeinsamen mahlzeiten und der 15-minütigen gruppenkurzvisite. ich hatte keine einzeltherapie, keine gruppentherapie, keine bewegungstherapie, auch keine sonstige 'freizeittherapie' wie kunst oder musik, töpfern oder seidenmalen. eine ganze woche lang. es gab noch nicht einmal ein gespräch darüber, welche art von therapie dort für mich überhaupt in frage kam. änderung der untätigkeit war also nicht in sicht.

ich war mir ganz selbst überlassen. zum glück finde ich es nicht weiter schwierig, mich allein zu beschäftigen und meinen tag möglichst sinnvoll zu verbringen. ich kann lesen, ich kann schreiben, ich kann spazieren gehen.

besonders letzteres tat ich dann auch ausführlich, es war ja schönes wetter. am tag meiner ankunft hatte ich noch hausarrest.

am zweiten tag marschierte ich auf dem klinikgelände, in dem schönen park unter den großen bäumen mit den freundlichen eichhörnchen, immer im ovalen rund. eine runde dauerte fünfzehn minuten. am ende hatte ich einen drehwurm und kannte jedes eichhörnchen mit namen.

am dritten tag marschierte ich vor dem klinikgelände, am bach entlang, immer auf und ab. die sonne schien mir ins gesicht und in den rücken, immer abwechselnd. in den tiefen meines mp3-players entdeckte ich musik, von der ich nicht einmal mehr wusste, dass ich sie jemals gespeichert hatte.

am dritten tag marschierte ich die berge hoch, immer weiter bis zur großen burgruine und wieder zurück. ich sah reiher fliegen und übers grüne feld staksen.

je weiter, länger und freier meine märsche wurden – desto schwieriger fiel es mir, in die enge, gedrückte klinikatmosphäre zurückzukehren. die vielen fremden menschen mit ihren traurigen gesichtern und anstrengenden geschichten überforderten mich.

der umstand, niemals wirklich allein sein zu können und immer unter beobachtung zu stehen, belastete mich von tag zu tag und von nacht zu nacht immer mehr. an runterkommen, an entspannung war nicht zu denken. die kopfschmerzen, der tinnitus und auch meine gereiztheit wurden schlimmer statt besser. ich war kurz davor, wieder rauchen oder trinken zu wollen.

zu zweit im zimmer (und das war schon die luxusvariante) kam ich nicht zur ruhe und schlief schlecht. wenigstens kam mir so ganz deutlich zu bewusstsein, dass ich zu hause wenigstens eines nicht habe: schlafprobleme. ich träume zwar regelmäßig schreckliches, schlafe aber ansonsten gut.

am vierten tag kam ich – oh wunder – in den genuss einer chefarztvisite und war angenehm überrascht. ich hatte fünfzehn minuten zeit, zu erzählen, wie es mir geht. dass ich tag für tag mit dem bleiben kämpfte, weil es nirgends ein echtes ausruhen gab. wir besprachen, dass es für mich sinnvoll sei, nur tagsüber zu kommen und die nächte zu hause zu verbringen, um dort kraft zu tanken und das erlebte verarbeiten zu können. eine variante, mit der ich gut leben konnte.

am nächsten – also meinem fünften - tag bislang therapiefreien aufenthalts sollte ich endlich die für mich zuständige ärztin und therapeutin kennenlernen und mit ihr dann alles besprechen für den status 'tagesklinik'. ich war erleichtert, hielt noch diese eine nacht durch, freute mich aufs wochenende zu hause. noch mehr solcher 'therapiefreier' tagen hielt ich für verschwendung sowohl meiner lebenszeit als auch von krankenkassengeldern.

der schock am nächsten morgen in der kurzvisite: die stationsärztin hatte scheinbar keine ahnung von dem, was in der chefarztvisite besprochen worden war. ich musste darum kämpfen, überhaupt noch einen gesprächstermin am gleichen tag, noch vor dem wochenende bei ihr zu erhalten. sie gestand mir 30 minuten zu.

aber auch in diesen dreißig minuten ging es nicht um meine therapie, sondern darum, dass ihrer meinung nach der status als tagespatientin für mich nicht in frage kam. dazu müsse ich vorher mindestens vier bis fünf wochen stationär behandelt werden. ich hätte es nicht einmal mehr vier bis fünf weitere tage ausgehalten.

ihrer meinung nach hatte ich den chefarzt falsch verstanden. sie rief ihn sogar an, angeblich. während des telefonats schickte sie mich aus dem zimmer.

als ich davon sprach, in der klinik keine ruhe zu finden, warf sie einen blick in meine akte, kriegte ganz große augen und rief entsetzt: „aber Sie nehmen ja gar keine medikamente!“ (und schien zu denken: „na kein wunder, dass die noch so aufmüpfig ist, das müssen wir mal schnell ändern....“)

ich hatte mit einigen mitpatientInnen gesprochen, hatte auch in den kurzvisiten vieles mitgekriegt. scheinbar war ich die einzige, die auf psychopharmaka verzichtete. bei den meisten anderen ging es hauptsächlich darum, ob und wie die medikamente wirken. das fand ich erschreckend.

in diesem augenblick jedenfalls knipste frau doktor ihr süßestes grinsen an und säuselte „versuchen Sie es doch einmal mit Lorazepam, und Sie werden erfahren, wie wohltuend die wirkung der medikamente sein kann ….“ - sie hatte die schachtel schon fast in der hand.

lorazepam. tavor. benzodiazepin. ich hörte imaginäre glocken läuten und sah dunkelrote lichter leuchten: altmodisches medikament zur ruhigstellung aus den 60er jahren des vorigen jahrhunderts. lange halbwertszeit. höchstes suchtpotential. stark sedierend. macht dick, dumm und dumpf.

„das geht mir zu schnell. ich möchte kein medikament nehmen, bevor ich nicht mehr darüber weiß.“ frau doktor sah auf die uhr: „das ist kein problem. ich habe noch zehn minuten zeit, da können wir das ganz ausführlich diskutieren.“

örx. saß ich in der klemme? „ich glaube nicht, dass es ein medikament dafür gibt, dass ich die situation hier besser aushalten kann. selbst wenn, dann scheint es mir nicht sinnvoll, hierzubleiben, wenn ich das nur unter dem einfluss starker medikamente ertrage.“

sie versuchte noch ein wenig, mir ein schlechtes gewissen zu machen und redete auf mich ein, dass ich doch unbedingt hilfe bräuchte, das sehe sie mir doch an – aber dann einigten wir uns darauf, dass ich sofort gehen konnte. ohne medikament, aber auch ohne tagesklinikoption.

o große göttin, was war ich erleichtert! zum ersten mal seit meinem check in anfang der woche konnte ich richtig frei atmen – so bedrückend hatte ich den klinikaufenthalt empfunden, wie eine strafe: da ging es mir schon schlecht, und dann musste ich auch noch ins landeskrankenhaus.

seit dem wochenende bin ich also wieder zu hause: sehr erleichtert, nicht auch noch einen medikamentenentzug machen zu müssen. die tage in dieser klinik werde ich abbuchen auf meinem 'lebenskonto erfahrungen sollseite'.

die depressionen sind natürlich nicht weg. keine wunderheilung. dennoch bin ich erstaunlicher weise sehr viel ruhiger, gelassener als vorher. ich liebe meine wohnung, fühle mich wohl hier und weiß einmal mehr, warum es sich dafür zu kämpfen lohnt.

während der paar tage im LKH habe ich viel seltsames erlebt. außerdem bin ich ganz wunderbaren menschen begegnet (und ein paar doofen …). ich habe gut für mich gesorgt und auf meine innere stimme gehört. das hat scheinbar ein stück weit meine seelischen selbstheilungskräfte aktiviert. es ist, als hätte jemand meinen inneren 'reset-knopf' gedrückt.

das ist gut. wir werden sehen.

fortsetzung folgt ....


--------

Montag, 31. Oktober 2011

check in: strange planet

notizen aus dem landeskrankenhaus . 1
[dieser text ist entstanden am 26.10.2011, dritter tag meines aufenthalts]

als ich am vorigen sonntag schrieb, dass ich nun in eine klinik gehe wegen meiner andauernden depressionen und zunehmenden tendenz, mich selbst zu verletzen, hatte ich keinerlei ahnung, was mich erwartet und worauf ich mich da eigentlich einlasse.


die tage und nächte davor war ich in angst und panik; habe das jobcenter verflucht, die klinik und die ganze welt, am allermeisten mich selbst - weil ich so unfähig bin, mit diesem entsetzlichen druck eines drohenden zwangsumzugs angemessen umzugehen.

anlass für die einweisung war meine unvorsichtige bemerkung der ärztin gegenüber, dass ich angesichts meiner hoffnungslosen alltagsumstände lieber tot wäre als lebendig. sie ist erschrocken und hat das sehr ernst genommen.

da sie der meinung war, dass es schnell gehen müsse und weil ich kassenpatientin bin, residiere ich nun im für meinen wohnort zuständigen landeskrankenhaus, dem ZPE. das zentrum für psychiatrie hat keinen sonderlich guten ruf, aber andere fachkliniken haben längere wartezeiten und fielen deswegen aus.

zusätzlich saßen schlimmste vorurteile und befürchtungen fest in meinem kopf: alte bilder aus der 50er-jahre-psychiatrie voller zwangsjacken, gummizellen, mit medikamenten dumpfgestellte zombiepatientInnen ....

ich schrieb ja bereits, dass ich dazu tendieren kann, es mir selbst schlecht gehen zu lassen, um andere zu bestrafen. so als ob ich selbst gift nähme in der hoffnung, dass die anderen daran zugrunde gehen, auch wenn sie nicht einmal den hauch einer ahnung davon haben, wie sehr sie mich verletzt und gedemütigt haben.

wartet's nur ab, dachte ich. nun gehe ich in die psychiatrie und ihr seid schuld, doofes jobcenter! ich bin schließlich nicht die erste kluge und starke frau, die an der brutalen männerwelt zugrunde geht und in der klapse landet (hierzu empfehle ich die wunderbaren bücher „Wahnsinnsfrauen“ I bis III von Luise F. Pusch).

um es vorweg zu nehmen: meine schlimmen und schlimmsten befürchtungen sind nicht in erfüllung gegangen. ich bin auf einer offenen psychotherapeutischen krisenstation gelandet. nicht in einem irrenhaus.

die meisten hier sind ausgesprochen nett zu mir. ich muss keine medikamente nehmen, wenn ich nicht will. ich werde nicht eingesperrt, darf mich nicht nur im haus und auf dem parkähnlichen, weiten klinikgelände frei bewegen, sondern auch ganz und gar rausgehen und bis sonstewo hinmarschieren - vorausgesetzt, ich sage vorher bescheid und bin rechtzeitig zur nachtruhe wieder zurück.

ich brauche keine zwangsjacke tragen und dämmre nicht sediert vor mich hin. auch bin ich nicht abgeschnitten von der welt: das handy auf dem zimmer ist erlaubt, das netbook darf ich – außerhalb der station - zur zeit zwei stunden am tag benutzen.

aus therapeutischen gründen nicht länger, und das reicht mir auch vorerst für einen täglichen text. allerdings muss ich mich dafür ins kühle kahle besucherzimmer setzen und jederzeit bereit sein, meine textsitzung sofort zu beenden, falls sich hier eineR der mitpatientInnen mit besuch aufhalten möchte.

sehr dankbar bin ich dafür, dass sofort ein bett auf der therapiestation frei war und ich nicht erst in die psychiatrische aufnahme musste. bis zu dreissig patientInnen leben im 'haus no.12' in zwei- und drei-bett-zimmern. ich habe großes glück, bin in einem zwei-betten-zimmer untergebracht.

es gibt keine wirkliche privatsphäre: katzenwäsche hinter dem vorhang am waschbecken im zimmer, duschbad für alle und toiletten sind ein stück den gang hinunter. ich bin es nicht gewohnt, zu jeder tages- und nachtzeit beobachtet zu werden, ständig für alle ansprechbar zu sein, mich ununterbrochen in gesellschaft zu bewegen. das finde ich sehr anstrengend.

das zimmer hat ein großes fenster auf den garten hinaus nach südwesten, sonne ab nachmittags bis zum sonnenuntergang. zu öffnen geht es nur einen spaltbreit, damit sich niemand hinunter stürzt. lüften ist dadurch etwas schwierig.

therapeutisch ist mir hier bislang noch nicht viel passiert. am ersten tag – also vorgestern - gab es ein aufnahmegespräch am späten nachmittag. gestern und heute eine sogenannte kurzvisite. da sitzen dann morgens um neun rund zehn patientInnen im kreis mit der zugeordneten therapeutin und erzählen alle in insgesamt etwa fünfzehn minuten, wie die nacht war und wie es ihnen geht. ungefähr 90 sekunden für jede. „vielen dank, mir geht es gut. keine beschwerde.“ passt.

ich freue mich über drei mahlzeiten am tag, die ich nicht selbst zubereiten muss. auch kein planen, kein einkauf vorher, kein abwasch und aufräumen danach. luxus! das essen selbst ist …. nicht weiter erwähnenswert.

die mahlzeiten selbst übrigens zählen als therapiezeiten. naja. besser als nichts. für wie lange ich hier sein werde? keine ahnung. wie die therapie konkret aussehen wird? keine ahnung. wann ich in den genuss meines ersten therapeutischen einzelgesprächs komme? keine ahnung. ich bin ja auch erst den dritten tag da.

schade, dass man mir das geld, das der aufenthalt hier kostet, nicht zur freien verfügung gibt. ich könnte mich einmieten in einem haus am meer, noch eine gute freundin mitnehmen und es mir für sehr lange zeit sehr gut gehen lassen.

man könnte das geld auch dem jobcenter geben. das würde - bei einem tagessatz von ca. 150 euro - meine wohnung für eine ziemlich lange zeit finanzieren.

ganz abgesehen davon, dass ich das arbeitslosengeld vielleicht gar nicht so lange bräuchte, wenn der ständige druck, überhaupt umziehen zu müssen und mir eine wohnung zu finden, die es gar nicht gibt, endlich wegfiele. eine krankschreibung habe ich jetzt „bis auf weiteres“. in dieser zeit kann ich weder arbeiten noch umziehen, koste also doppelt. das jobcenter macht mich nicht nur krank, sondern auch teuer für die allgemeinheit.

am liebsten würde ich eine lange, abenteuerliche weltreise von dem geld machen. aber die wird leider nicht von der krankenkasse finanziert.

fortsetzung folgt ….



--------

Related Posts Plugin for WordPress, Blogger...