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Januar 2021

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Dienstag, 21. Juni 2011

wohnen bleiben II

kleines aufatmen

heute vor genau sieben jahren bin ich zum ersten mal in dieser wohnung aufgewacht. mit ganzer absicht hatte ich mir zum 'erstlingsschlafen' die kürzeste nacht des jahres gewählt, die sommersonnenwende. zur schönen aussicht gab es nur mein bett und - natürlich – alle notwendigen utensilien für meinen geliebten frühstücksmilchkaffee.


alle meine anderen dinge kamen erst ein paar tage später. es war gigantisch schön, in der leeren wohnung zu sein, platz zu haben für mich und meine gedanken: es war ein bißchen wie camping, ein picknick mit mir selbst.

die wohnung war für meine verhältnisse relativ teuer, mit meiner arbeitslosenhilfe aus einer teilzeitstelle als kulturredakteurin in berlin konnte ich sie mir so gerade eben leisten.

aber ich kenne mich doch und mein prekäres inneres gleichgewicht: seit vielen jahren weiß ich, dass meine vier wände hell und luftig sein müssen, damit ich mich auf dauer darin wohlfühlen, die depressionen im zaum, die multiplen traumata bändigen, einen rückfall in die alkoholsucht verhindern – und damit meine erwerbsfähigkeit erhalten - kann.

also spare ich lieber an anderer stelle. nach abzug der miete blieb mir auf einen euro unterschied genau das, was ein halbes jahr später 'regelbedarf hartzIV' heißen sollte. vor dem arbeitslosengeld 2 hatte ich keine allzu große angst. schließlich hatte der damalige superminister für wirtschaft und arbeit, wolfgang clement, im jahr 2004 hoch und heilig versprochen „niemand, der jetzt arbeitslosenhilfe erhält, wird nachher mit hartzIV schlechter dastehen“.

außerdem hatte ich überhaupt nicht vor, so lange erwerbslos zu bleiben, sondern statt dessen große und durchaus berechtigte hoffnung, ganz bald wieder eine feste stelle zu finden.

damals steckte ich mitten in einer weiteren ausbildung zur projektmanagerin, die ich im herbst des jahres sehr erfolgreich abschloss.

aus beidem wurde nichts: weder fand ich feste arbeit, noch hielt der alte mann sein versprechen.

seit inkrafttreten der hartzIV-gesetze am 01.01.2005 gilt meine schöne aussicht 'amtlich' als 'unangemessen'. ebenso lange lege ich 'dem amt' ein attest, ein gutachten nach dem anderen vor zum nachweis dafür, dass aus gesundheitlichen gründen ein zwangsumzug für mich unzumutbar ist. dieses verfahren wird – je nach gusto des 'amtes' - jährlich oder halbjährlich wieder neu aufgelegt.

um dem nachdruck zu verleihen, wird die überprüfung meiner 'umzugsfähigkeit' vom amt gerne auch mal mit einstellung aller zahlungen kombiniert. oder mit der auflage, die arbeitslosenhilfe monat für monat neu beantragen zu müssen, weil sich mein gesundheitszustand ja zwischenzeitlich bessern könnte.

natürlich ist das gegenteil der fall: die schreiben des amtes versetzen mich regelmäßig in angst und schrecken, ich reagiere mit stärkeren depressionen und schlimmerem. diesen entsetzlichen druck auszuhalten, ohne wieder alkohol zu trinken, wird immer schwieriger.

ich bin heute nur noch ein verzeifelter, heulender schatten der lebensmutigen und zuversichtlichen frau, die vor sieben jahren in diese wohnung einzog.

durch den druck ruiniert 'das amt' nicht nur meine gesundheit, sondern es produziert auch zusätzliche kosten: häufigere arztbesuche, atteste, gutachterliche überprüfungen, mehr medikamente, längere krankschreibungen, gerichtsgebühren, anwaltshonorare, porto-kopien-und-fahrtkosten, zusätzliche therapeutische sitzungen, sogar ein klinikaufenthalt im vergangenen jahr und damit unnötige verlängerung meiner erwerbsunfähigkeit sind teure folgen der amtlichen schikanen.

dem 'amt' aber ist das schnurzepiep. es will einen teil meiner miete einsparen. wenn das an anderer stelle anderer leute geld kostet oder meine gesundheit (und damit mein leben) ruiniert – dann ist das egalegalegal.

das derzeitige verfahren zieht sich nun schon ein knappes halbes jahr hin. einen tag vor dem jahreswechsel erhielt ich am 30.12.2010 die amtliche mitteilung, dass nun alles wieder neu aufgerollt wird. seitdem habe ich keine ruhige minute mehr. angst und panik ziehen mir den letzten boden unter füßen weg – und der war ja im herbst des vergangenen jahres ohnehin schon sehr dünn und brüchig.

mit der maßgeblichen beurteilung, ob mir ein umzug zumutbar ist oder nicht, wird regelmäßig der ärztliche dienst der arbeitsagentur beauftragt. je nachdem, welcher arzt gerade dienst hat, ist immer jemand anders zuständig.

diesmal habe ich es zu tun mit einem doppelten doktortitel: dr. med. dr. med. vet.! dieser tierarzt aus rostock, den in mecklenburg-vorpommern scheinbar nicht mal mehr die schweine* wollten, ist wohl gerade noch gut genug, um westdeutsche arbeitslose zu begutachten. jedenfalls scheint er all seinen frust, dass er als arzt in der zone gescheitert und nun im badischen arbeitsamt gelandet ist, an multipel traumatisierten wessis auszulassen:

der dr.dr. hat sich schriftlich per fragebogen ein paar angaben zu meinem allgemeinen gesundheitszustand beantworten lassen. einmal von mir, einmal von meiner ärztin. weder hat er die mich behandelnde fachärztin zu ihrer einschätzung meiner „umzugsfähigkeit“ befragt, geschweige denn hat er mich einmal persönlich eingeladen und begutachtet.

der dr.dr. entscheidet alles auf dem geduldigen papier, ignoriert sämtliche atteste von mich schon seit jahren behandelnden menschen und tut nun so, als würden alle ärzte und ärztinnen, fachärzte und fachärztinnen und therapeutinnen und sogar die chefärztin der reha-klinik heiligendamm für mich lügen. er als 'sozial-mediziner' sei schließlich übergeordnet und er findet, dass einem zwangsumzug überhaupt nichts im wege steht.

amtsärzte sind unanfechtbare götter. ihre gutachten sind gesetz, ganz egal wie sie zustande kommen. es gibt keinerlei juristische handhabe.

'das amt' will also nun, dass ich – trotz gegenteilig lautender atteste – innerhalb kürzester zeit eine neue wohnung finde, die 45m² groß ist und maximal 275 euro kaltmiete kostet. wer den südwesten und die hiesige universitätsstadt kennt, der weiß, dass das eine kafkaeske aufgabe ist.

am wochenende erhielt ich vom amt bescheid, dass meine volle miete für drei weitere monate übernommen wird, bis zum 30. september 2011. ein kleines aufatmen.

meine befürchtung war, dass schon am monatsletzten (also in 10 tagen) schluss sei, dass ich dann meine miete nicht mehr zahlen kann und demnächst obdachlos werde. insofern gibt es eine letzte gnadenfrist. es ist noch längst nicht wieder gut. aber es ist mal für einen kleinen augenblick weniger schlimm.

all denen, die mich persönlich kennen und sich fragen, warum ich mich lange nicht gemeldet habe – und denjenigen, die sich wundern, dass ich hier in den vergangenen monaten nur noch so wenig schrieb - das ist die antwort:

es ging mir im herbst beschissen. ich wusste gar nicht, dass eine steigerung dessen noch möglich war. aber jetzt geht es mir noch schlechter.

die angst lähmt mich. ich habe keine kraft mehr, bin nur noch mit überleben beschäftigt, setze vorsichtig einen fuß vor den anderen. stürze, stehe wieder auf und versuche, nicht allzusehr in alte selbstschädigende muster zurückzufallen oder gar neue zu entwickeln. es gelingt mir nicht immer, ich entgleise mir oft.

eines aber gelingt mir doch, und dafür bin ich unendlich dankbar: ich bin ohne alkohol. tag um tag, meiner würde wegen.

nicht genug zu verdienen, nicht allein für den eigenen lebensunterhalt sorgen können, das ist schon schlimm genug. aber auch noch zum umzug gezwungen bzw. geradewegs in die obdachlosigkeit gedrängt zu werden und damit auch noch die allerletzte sicherheit zu verlieren - das ist die hölle.

dennoch bin ich entschlossen zu kämpfen und werde versuchen - wenn nötig - auch das bei lebendigem leibe und ohne drogen auszuhalten.

hartzIV ist folter. vielleicht sollten wir alle mal dem herrn clement unsere rechnungen schicken.


ps.
* ich bitte an dieser stelle alle schweine und ganz mecklenburg-vorpommern um verzeihung für diese entsetzlich abwertende bemerkung, die ich nur im bezug auf den dr.med.dr.med.vet. ernst meine. das ist vielleicht die schlimmste aller folgen von harz4: dass es so kränkt, so demütigt - so krank und so verbittert macht.

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Sonntag, 9. Mai 2010

tochter aus schlechtem hause

seit wochen, seit monaten schon: ich schleiche um dieses thema herum. es geht mir nicht gut damit. ständig dieser begriff, immer und überall, zu jeder tages- und nachtzeit. im fernsehen im radio in der zeitung im internet: diese wörter, und ich benutze sie hier und heute nur ein einziges mal: sexueller missbrauch. als ob es auch einen angemessenen sexuellen GEbrauch gäbe. wie bei tabletten oder alkohol oder nikotin. als ob die opfer von sexualisierter gewalt, von sexuellem machtmissbrauch auch ein genussmittel seien, wenn man(n) sie nur richtig zu gebrauchen weiß.



es kotzt mich an, und ich kotze zurück. es triggert. mir geht‘s beschissen. auch wenn irgendwo gute absichten dahinterstecken mögen, dass das thema zur zeit in allen medien so rasend präsent ist. gestern ist mixa abgetreten worden. endlich. ich hoffe, dass noch viele weitere folgen werden.

nicht nur kirchenväter. auch all die anderen väter, die leiblichen, die stiefväter, die großväter, die onkelväter. alle sollen sie zurücktreten, wenn sie jemals das menschenrecht auf sexuelle selbstbestimmung eines anderen menschen nicht respektiert haben. ich fordere einen kollektiven rücktritt. am vatertag, vielleicht?

das bild der täter ändert sich. in meiner kindheit und jugend war es angeblich der fremde im park, der nachts ahnungslose frauen und kinder überfiel und im dunkeln hinter die büsche zog. aktuell wird berichtet von vertrauenspersonen, die sich an ihren zöglingen vergehen.

mit den jetzigen aufklärungen rückt endlich - seit kurzem – der sexuelle machtmissbrauch innerhalb der familie und im bekanntenkreis mehr in den mittelpunkt. der ARD monitor  brachte es am 22. april 2010. das habe ich zufällig gesehen [leider ist die sendung in der mediathek der nicht mehr abrufbar].

es ging darin unter anderem um die beschränkung von therapiestunden für die betroffenen. die krankenkasse zahlt nämlich maximal achtzig. ich weiß das. eine frau sagte dazu im film: „das ist, als ob man zu einem nierenkranken patienten sagen würde: nach der achtzigsten dialyse ist endgültig schluss. jetzt muss deine kaputte niere aber auch mal wieder alleine klarkommen.“ danach war mir schlecht.

auf arte gab es dazu in der verganenen woche einen themenabend   – den anzusehen, habe ich mir nicht zugemutet.

als kleines mädchen bin ich immer gewarnt worden vor dem bösen fremden mann, der mit bonbons versucht, mich zu seinem kaninchenstall zu locken, um mir etwas kuscheliges zum streicheln zu zeigen. „geh‘ da auf keinen fall mit“ - das war mutters kategorischer imperativ, bevor sie mich allein auf den schulweg schickte. die mutter war so dumm. so blind.

es ist lange bekannte tatsache, dass die meisten sexuellen straftaten innerhalb des familiären umfelds 'passieren'. aber vorsicht: pfoten weg! tabu! darüber wird nicht gesprochen. der familiäre dreck wird brav unter den eigenen teppich gekehrt.

kaum eine frau, mit der ich jemals über dieses thema gesprochen habe (und es waren viele), hat es geschafft, in ihrem sexuellen selbstbestimmungsrecht unversehrt durch ihr bisheriges leben zu kommen.

die dunkelziffer ist groß. ich bin so eine: ich bin eine dunkelziffer.

mutters warnung ging in die falsche richtung, und sie kam zu spät. als es anfing, konnte ich weder laufen noch sprechen. ich strampelte und schrie um mein leben - das machte alles noch schlimmer: „ja schrei du nur, du bist sooo süß, wenn du wütend wirst“. es half nichts. ich wurde stumm.

es geschah immer wieder, ging über lange jahre, und der stiefvater des vaters starb, als ich fünfzehn war. der oppa war nicht der einzige. ich habe vieles abgespalten, um überleben zu können. heute weiß ich nicht, ob es richtig war, das alles in langen therapiestunden wieder hochzuholen.

als das kleine mädchen sprechen konnte, sagte es zur mutter: „du mama dem papa wächst eine zigarre aus dem bauch“. die mutter wollte nicht hören. „kind, do bess verdötsch. datt jitt et doch jar nit.“ natürlich. ich bin ja nicht richtig im kopf und wurde wieder stumm.

heute weiß man, dass jede zelle eines menschlichen körpers sich innerhalb von sieben jahren erneuert. es hat also nicht eine einzige meiner aktuellen körperzellen das alles jemals persönlich miterlebt. trotzdem werde ich diesen ekligen geschmack im mund einfach nicht mehr los.

mit anfang dreißig, als ich mich an einiges wieder erinnerte, berichtete ich der mutter davon. sie wollte alles nicht glauben und weinte bitterlich, weil sie so eine missratene tochter hat, die ihrer familie so schreckliche dinge vorwirft. da rief die schwester mich an und fauchte: „wie kannst du meiner mutter das antun?!“ ich ertrug es nicht, mich von der „familie“ ganz zu lösen und wurde wieder stumm.

vor knapp zwei jahren habe ich mit der mutter einen letzten versuch gestartet. sie schaltete einfach ihre hörgeräte ab: „wieso kommst du denn nach all den jahren immer noch mit den alten geschichten. das ist doch alles schon so lange her. ich weiß gar nicht, was du willst. wir haben dich doch eigentlich nicht verprügelt und satt zu essen hattest du auch immer.“

da habe ich es nicht mehr ausgehalten und den ohnehin spärlichen kontakt zur familie endgültig abgebrochen. damit habe ich nach außen deutlich gemacht, was ich mit dem herzen schon als kind gespürt habe: vater und mutter beschützen mich nicht. ich bin ein emotionales waisenkind.

heute ist muttertag. ich bin sehr traurig und sehr wütend. alles zugleich. ich hätte gerne eine frau in meinem leben gehabt, die die bezeichnung ‚mutter‘ verdient.


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Sonntag, 6. Dezember 2009

das leben tanzen II

tanzen und singen sind nah beieinander, oft. das wundert jetzt niemanden. denn tanzen geht nur mit musik, und singen ist musik. der umkehrschluss aber ist nicht erlaubt, denn musik und damit auch das singen sind durchaus möglich, ohne zu tanzen. es macht mir nur nicht so viel spaß!

in vielen kulturen liegen die wurzeln des tanzes in heiligen, in rituellen handlungen. tänze waren und sind bewegte ganzkörpergebete. tanzen ist etwas ganz archaisches, es verbindet himmel und erde, ist kommunikation zwischen menschen und göttInnen.




ich denke an die thailändischen tempeltänzerinnen unter ihrem schwergoldenen kopfschmuck, mit den langen konischen kappen auf den fingerspitzen.

ich denke auch an klassischen indischen tanz, der den mythen nach älter ist als die erde selbst, denn schöpfergott shiva soll die erde im schweiße seines angesichts tanzend erschaffen haben, stück für stück!

welch ein unterschied zu den drei monotheistischen religionen, wo ein unrasierter alter mann schlecht gelaunt in seinen himmelsthronsessel pupste und die erde mal eben kommandierend aus dem ärmel schüttelte!

im alten japanischen glauben, dem shintoismus, gibt es sogar eine göttin des tanzes. neben dem tanz ist sie zuständig für lachen, für fröhlichkeit, für die morgenröte und für die fruchtbarkeit. kurz gesagt: für die wirklich wichtigen dinge im leben einer frau:

sie entzündet ein feuer, sie tanzt auf dem schallbrett: schamlos, schlotterbusig und laut lachend. ihr name ist ame-no-uzume. übersetzt bedeutet das in etwa „die wirbelnde himmelsfrau“, die ausgelassen in ihrer sinnlichkeit schwelgt. sie bricht tabus, sie schert sich einen dreck um die meinung anderer, sie ist die beste freundin bei depressionen und fachfrau für besondere maßnahmen!

ihre griechische schwester heißt baubo. genau, das ist die dicke mit dem lachen von ganz tief unten und dem untrüglichen bauchgefühl. das versöhnt mich ein bißchen mit meinem matronenspeck: womit soll eine frau denn tanzen? wie kann ich ein untrügliches bauchgefühl entwickeln, wenn ich keinen bauch habe?!

mein bauch ist schließlich meine mitte - hara. genau so, wie die gebärmutter das organ der fraulichen mitte ist – symmetrisch und nur einmal vorhanden. in japan heißt unsere mitte übrigens „kinderpalast“; das nur nebenbei.

man könnte jetzt meinen, ich tanze jeden tag, seitdem ich es für mich wieder entdeckt habe. das ist auch so. fast.

allerdings tanze ich nicht den flamenco. da bin ich in meinem kleinen möchtegerntänzerinsein-leben sehr weit entfernt davon, dass mein körper die komplizierten rhythmen und minutiösen bewegungen alleine und ohne die tragende energie einer gruppe aus sich heraus produzieren könnte.

außerdem wohne ich auf teurem teppichboden. flamenco auf socken – das funktioniert einfach nicht! ich bräuchte dafür einen umgedrehten waschbottich, wie ame-no-uzume! aber das wage ich nicht, in diesem miezhaus den vermieterleuten auf dem kopf herum zu tackern mit dem taconeo, dem genagelten absatz meiner flamencoschuhe.

im gegensatz zum klassischen ballett-tanz europas, bei dem alles in die lüfte strebt und schrecklich instabil ist, sind die alten, archaischen tänze zu ehren der göttInnen sehr erdverbunden: sie geben boden unter den füßen, sie machen frauen stark. der flamenco ist so, auch die indischen tänze.

eine ähnlich archaische, erdige tanzform, die ich erst kürzlich für mich entdeckt habe, ist der hula. aus hawaii. die silben „hu“ und „la“ bedeuten „energie“ und „sonne“. das wärmt mich, das macht glücklich! die für hawaii zuständige göttin des tanzes heißt laka. ihre weiteren ressorts sind musik und sonnenschein, liebe und fruchtbarkeit. was sonst?!

hula, das sind sanfte schwingende tanzschritte. barfuß. ganz schlicht. jede geste ist von bedeutung, jede bewegung der hände eine vokabel: die ureinwohner polynesiens kannten keine schrift. wenn sie sich geschichten erzählten, dann tanzend. das tun sie bis heute. auch, wenn sie inzwischen schreiben können.

den hula, den tanze ich derzeit täglich. fast. ich erzähle mir geschichten von meiner insel im sonnenschein, von palmen im wind und von der liebe. einfach so. für mich. das erdet mich. mein bis dato ungeliebter entenarsch erlaubt mir dabei ausladend fröhliche hüftschwünge, von denen dünne frauen nur träumen können.

nur an der stelle, wenn ich tanzend vom meer erzähle, das ich soo sehr liebe, dann kullern regelmäßig tränen. weil ich das meer soo sehr liebe – und weil ich so lange nicht dort war. soo lange nicht.


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Mittwoch, 4. November 2009

matronenspeck

als kleines mädchen war ich ziemlich dünn und immer sehr blass. das hat den eltern nicht gefallen. sie wollten eine andere tochter. keine blasse dünne.



also schickten sie mich in ein kindermästheim. das war im sommer, bevor für mich die schule anfing.
ich war sechseinhalb jahre alt. ich wurde in den zug gesetzt - mit schild um den hals - und musste allein hinfahren. allein dort bleiben. lange sechs wochen lang. allein und krank wieder zurückfahren. ich hatte schreckliches heimweh die ganze zeit und ich weinte jede nacht.

ich war fest davon überzeugt, dass die eltern mich nicht mehr wollten. dass ich irgend etwas falsch gemacht hatte. was genau, das hatten sie mir nicht gesagt. aber es konnte nicht anders sein, als dass sie mich abstoßend fanden. warum sonst hätten sie mich so abgestoßen einen ganzen langen sommer lang?

im kinderquälheim war ich mit fünf anderen mädchen in einem zimmer eingepfercht. nachts war die türe abgeschlossen. es war uns verboten, aufs klo zu gehen. denn wir hätten uns ja dort mit den jungs aus dem anderen stockwerk treffen können. da waren die nonnen sehr streng. ich war sechs. ich wäre niemals alleine nachts durchs haus geirrt. schließlich hatte ich angst vor den großen jungs, und ich hätte alles getan, um ihnen nicht auch noch nachts begegnen zu müssen.

trotzdem war es schlimm, nachts eingeschlossen zu sein. in der mitte des zimmers stand ein pisspott mit henkel. für alle. wir plätscherten abwechselnd im dunkeln und schämten uns in grund und boden.

die schwarzen nonnen gaben sich alle mühe, mich innerhalb von sechs wochen von „blass und dünn“ upzudaten auf die version „prall und rosig“. dazu schaufelten sie mir von ihrem doofen nonneneintopf immer die größten portionen auf meinen teller. ich wurde gezwungen, genau so viel zu essen wie die vierzehnjährigen großen jungs auf der anderen seite der langen tischreihen.

ich flehte und bettelte um kleinere mengen. die küchennonnen waren unerbittlich. sechs wochen lang. ich kämpfte unter tränen mit meinen bauarbeiterportionen. ich schaffte es kaum. ich habe immer sehr lange gebraucht. so viel hunger hatte ich doch gar nicht. das passte doch alles gar nicht rein in meinen kleinen kinderbauch.

alle anderen kinder waren wütend auf mich, denn sie mussten immer auf mich warten. es gab keinen nachtisch, bevor nicht alle teller leergegessen waren. es durfte niemand aufstehen, bevor nicht auch noch der nachtisch verputzt war. ich habe immer am längsten gebraucht von allen. mit grießpudding kann man mich bis heute in die flucht schlagen.

auch die nonnen waren wütend auf mich, weil sie nicht mit dem abwasch anfangen konnten, bevor nicht alle kinder den saal verlassen hatten. ich brachte ihren großen plan durcheinander, weil ich zu langsam aß. ich war schuld.

einmal waren sie so wütend, dass sie mich mit meinem halbvollen teller in die küche zerrten. sie setzten mich zwischen berge von dreckigem ess- und kochgeschirr und befahlen mir, dort aufzuessen. die anderen kinder sollten einen ausflug machen. da konnte man nicht auf mich warten.

mir war schon übel von meiner großportion in dem speisesaal, wo immer ein ekliger mischgeruch von linoleumputzmittel und eintopfdünsten in der luft hing. der gestank der essensreste mit spüli gab mir vollends den rest, und ich übergab mich auf den küchenboden.

am ende meiner sogenannten kinderkur wurde ich krank: mit fieber wurde ich in den zug nach hause verfrachtet. allein. bleich wie die wand kam ich bei den eltern wieder an. die waren sauer auf mich, weil ich meinen schulanfang verpasste. in den windpockenwochen nahm ich allen nonnenmastspeck wieder ab.

ich glaube, damals hat es angefangen, dass ich nicht mehr normal essen konnte. ich aß entweder zu viel oder zu wenig. die mutter war nie ganz zufrieden mit mir. auch meine helle haut passte nicht in ihr bild vom „wunschkind“.

trotzdem war ich viele jahre lang ziemlich schlank. fraulich. normal. mit 18 war ich 176 zentimeter lang und wog 62 kilo. die mutter sagte ständig „paß auf dass du nicht zu dick wirst“. dünn durfte ich nicht sein. aber ein bißchen dickere haut auf den rippen passte auch nicht in ihr bild vom „wunschkind“, das zu sein sie bis heute nicht aufhört mir zu beteuern.

also passte ich auf, dass ich nicht zu dick wurde und aß eine weile so gut wie gar nichts mehr. ich wog noch 55 kilo und war sehr blass.

das nichtessen habe ich nicht länger als ein paar monate durchgehalten. danach nahm ich schnell wieder zu. mehr als vorher ging aber auf gar keinen fall. also spuckte ich wieder aus, was mir zu viel erschien.

ich schämte mich schrecklich. nun verschwendete ich auch noch lebensmittel, indem ich sie erst in mich hineinstopfte und mir kurz drauf den finger in den hals steckte. die mutter hat nichts gemerkt. angeblich. all die jahre nicht.

die bulimie habe ich fast zehn jahre lang betrieben. mal mehr, mal weniger. ich hielt mein gewicht unter 65 kilo. die mutter misstraute ihren argusaugen „kind, du bist doch nicht etwa dicker geworden?“

erst mit mitte dreißig nahm ich ein paar kilo zu. blieb aber immer noch weit unter dem, was in westeuropa als „normalgewicht“ bezeichnet wird.

mehr als drei jahrzehnte habe ich gegen meinen körper gekämpft und habe es doch nie allen recht machen können. irgendwann vor ein paar jahren habe ich dann einfach aufgehört, mich dünne zu machen und bin ge-wichtig geworden.

niemand, der mich jetzt sieht im matronenspeckmantel meiner wechseljahre, würde darunter ein so langjähriges schlankes unglück vermuten.

kein wespentaille mehr, statt dessen trage ich eine weiche hülle von nichtmehrraucherspeck durch die welt, vermischt mit medikamentennebenwirkungsspeck, stoffwechselveränderungsspeck, hartz4kummerspeck, keinerliebtmich-ichbraucheschokoladespeck und – ganz neu! - drei kilo katzentrauerspeck.

so ist das leben eben.


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Mittwoch, 16. September 2009

besondere maßnahmen I: bewerbung schreiben


wer keine arbeit hat und welche sucht, oder wer arbeit hat aber nicht genug verdient und zeit übrig hat, um noch mehr zu arbeiten – dem bleibt es nicht erspart: man muss eine bewerbung schreiben. mindestens eine.

eine bewerbung ist eine art werbespot. bloß will man kein produkt verkaufen, sondern einen menschen: sich selbst. die wikipedia definiert es so:

„Eine Bewerbung ist ein Leistungsangebot, mit dem der Bewerber den Adressaten davon überzeugen will, dass er sich für eine bestimmte Aufgabe eignet.“

das klingt doch ganz schlicht und einfach. aber: jedeR macht es schlicht und einfach anders! und jedeR arbeitgeberIn hat schlicht und einfach eigene vorstellungen, die im vorfeld nicht bekannt gegeben werden.

wie man sich mit größtmöglicher erfolgsaussicht bewirbt, wissen bewerbungsbücher und volkshochschulkurse und beratungsfirmen und …. die große suchmaschine mit dem doppel-O: das stichwort 'bewerbung' brachte mir innerhalb von nur 0,37 sekunden zehnmillionenunddreihunderttausend treffer.

bevor ich die alle abgearbeitet und ausgewertet hätte, wäre es wahrscheinlich zeit für den ersten rentenantrag.

aber so lange warte ich nicht. ich schreibe die bewerbung sofort (und das tue ich ziemlich oft):

in deutschland gibt es eine eigene bewerbungskultur. man darf nicht ganz die wahrheit schreiben – wie in einem richtigen werbespot eben auch: da werden vorzüge angepriesen, aber menschliche lebenswahrheiten und andere missgeschicke fallen unter den tisch. wenn das 'schein-bare' selbstbild der personalabteilung gefällt, werden am ende 'bare scheine' daraus: der begehrte arbeitsvertrag.

bevor es aber soweit kommt, gilt es, eine ganze reihe von tabus einzuhalten:

wer zum beispiel eine weile arbeitslos war, muss das auf jeden fall vertuschen. es gehört sich nicht, vom staat ernährt worden zu sein. nicht einmal dann, wenn man ohne eigenes verschulden die frühere arbeit verloren hat. es gilt als ungehörig, obwohl es mittlerweile kaum noch einen menschen gibt in deutschland, der nicht zumindest eine kurze zeit seines lebens ohne offiziell anerkannte und angemessen honorierte beschäftigung war.

kinder? scheidung? krankheit? andere bewältigte krisen? bloß nicht! dabei wären doch gerade die souverän gemeisterten unwägbarkeiten des alltags oder eine in würde durchlebte zeit der arbeitslosigkeit ein guter beweis für belastbarkeit und funktionierendes krisenmanagement. menschlich eben. aber das zählt nicht.

das tut weh, nicht die sein zu dürfen, die ich bin. obwohl erwerbslosigkeit in diesem staat seit jahrzehnten für millionen von menschen zum alltag gehört, darf sie immer nur 'den anderen' passieren. daher muss ich in der bewerbung so tun, als ob ich kein mensch sei, sondern eine maschine mit immer gleichem – natürlich unglaublich hohem – kreativem output in immer gleicher bestqualität.

außerdem gehört in deutschland – völlig unzeitgemäß – immer noch ein foto zum bewerbungsstandard. trotz aller antidiskriminierungsgesetze und aller beteuerungen von 'gleiche chancen für alle'. in anderen ländern sind bilder längst verboten. im standardisierten lebenslauf der EU sind übrigens auch keine mehr vorgesehen. weil man weiß, dass schöne menschen die schöneren jobs kriegen und das schönere gehalt. unabhängig von der qualifikation.

ich spiele das spiel mit, weil ich keine andere wahl habe. meine bewerbung ist von vorne bis hinten durchkomponiert, mehrfach gecoacht und von verschiedensten fachleuten für sehr gut und tadellos befunden, wird immer wieder aktualisiert und auf den jeweiligen potentiellen arbeitgeber neu zugeschnitten. als ob ich mein leben im nachhinein noch ändern könnte! aber ich tu's. in meinem bewerbe-spot bin ich ein zielgruppenorientiertes chamäleon.

leider bislang erfolglos. seit mehr als acht jahren versuche ich, zumindest eine halbtagsstelle zu ergattern, die mir die basics in meinem leben finanziell absichern würde: miete, heizung, strom, internet und versicherungen. mehr will ich ja gar nicht. den rest dingel' ich schon irgendwie.

all die absagen untergraben mein selbstwertgefühl. ich bin nur noch ein schatten meiner selbst. kein vergleich mehr mit der brillianten, zuversichtlichen frau von vor ein paar jahren, als ich noch ausreichend bezahlte arbeit hatte. das wirkt sich auf alle lebensbereiche aus.

mit kognitiver disziplin versuche ich immer wieder, mich davon zu überzeugen, dass es nicht an mir liegt, wenn mal wieder der große umschlag mit absage im briefkasten liegt: wenn ich bei nachfrage herausfinde, dass es für eine halbtagsstelle fast dreihundert bewerberInnen gab – es ist wirklich eine lotterie.

ich bin eine frau, ich bin über 40, hochbegabt und gut ausgebildet.

gerade warte ich mal wieder. die beste bewerbung hatte ich abgeschickt auf eine stelle, für die ich zu hundert prozent qualifiziert bin. das ist mehr als drei wochen her. das warten macht mürbe. die stimmung ändert sich. von anfangs zuversichtlich und hoffnungsfroh hin zu schmutztümpel-depressiv: mit jedem tag sinkt die chance auf eine persönliche einladung, steigt die wahrscheinlichkeit des wieder mal „leider müssen wir Ihnen mitteilen .... andere Bewerberin entschieden .... keine Bewertung Ihrer Person und beruflichen Qualifikation ....“

heutzutage bin schon dankbar, wenn die unterlagen überhaupt zurückkommen. das ist schon längst nicht mehr üblich. bei online-bewerbungen scheint es sogar standard, entweder sofort eingeladen oder ganz ignoriert zu werden. bewerbungen, die ohne eingangsbestätigung oder absage immer noch irgendwo im orbit kursieren, habe ich nicht gezählt. die anderen übrigens auch nicht.


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