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Sonntag, 24. Januar 2010

nachtwanderungen I

neulich habe ich von meinen inneren kindern erzählt. sie sind nicht immer so fröhlich wie an dem tag, als wir von der nominierung erfuhren. manchmal kommen sie raus, wenn sie befürchten, dass unangenehme erlebnisse von früher sich wiederholen könnten. dann kann es sogar passieren, dass sie mein leben in die hand nehmen und mich dinge tun lassen, die anderen völlig irrational erscheinen. ein beispiel:

Hauchzarte Keramik: Susann Babion, Freiburg

„komm und setz dich zu mir auf den schoß,“ sagte der mann meines herzens.
das klang verlockend.
ich setzte mich auf sein linkes knie und er legte einen arm um meinen rücken.
es war wacklig.
ich versuchte, es schön zu finden.
eine völlig neue situation. und dennoch uralt.
ich hätte es sehr gerne schön gefunden. es war nah.
die hand in meinem rücken war warm.
das war angenehm.
ich hätte mich gerne behaglich und geborgen gefühlt.
es blieb wacklig. nähe ist gefährlich.

plötzlich war ich zu zweit auf diesem knie.
das fünfjährige mädchen wurde wach. es hatte angst.
„müssen wir hier sitzen?“ flüsterte das fünfjährige mädchen.
„er hat uns dazu eingeladen.“
„ich will nicht beim oppa auf den knien sitzen müssen,“ flüsterte das fünfjährige mädchen.
„aber das ist nicht der opa. wir sitzen bei gb.“
„der oppa wollte aber auch immer, dass ich mich auf seinen schoß setze, und dann war das so komisch,“ flüstert das fünfjährige mädchen.
„aber das ist nicht der opa. wir sitzen auf gb‘s knie.“
„der oppa hat immer gesagt, er hat mich lieb. und dann musste ich mich auf seinen schoß setzen, und dann hat er so komische sachen gemacht, weil er mich lieb hatte,“ sagt das fünfjährige mädchen.
„der opa hatte dich nicht lieb. er hat das nur gesagt, damit du stillhältst. der opa hat dir sehr sehr weh getan. eigentlich hatte er nur sich selbst lieb. der opa ist schon lange tot. er kann dir nichts mehr tun. das hier, das ist nicht das knie vom opa. das ist der gb.
„hat der gb uns auch lieb?“ fragt das fünfjährige mädchen.
„das weiß ich nicht.“
„warum sitzen wir dann hier?“ fragt das fünfjährige mädchen und klettert von dem knie wieder runter.

dann nimmt sie mich an der hand und wir müssen gehen weil sie sagt, sie hält es nicht eine minute länger aus. der mann meines herzens mit den schönen händen, der von dem inneren dialog ja gar nix mitkriegt, wundert sich nur und hält mich für ferngesteuert. so eine kann man(n) doch nicht lieben, die einfach aufsteht und geht und nicht einmal selbst weiß warum. denn der dialog mit dem inneren kind, davon wußte ich in dem augenblick tatsächlich noch nichts. von ihren streichen erzählt mir die fünfjährige immer erst später. wenn überhaupt.


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Kommentare :

  1. So eine kann Man(n) lieben. Wenn auch nicht jeder die Weisheit dazu hat.

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  2. ich bin erst mal sprachlos..
    ferngesteuert ist es nicht, eher innengesteuert, mitteilen hilft, und raum. für das mädchen, und annahme.
    du bist immer sehr mutig beim schreiben wie es in dir aussieht und was so los ist. lg smilla

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  3. @ lily - mir ist bislang noch keiner begegnet, den ich ausgehalten hätte, der mich ausgehalten hätte. ich war immer allein, von kurzgeschichten einmal abgesehen.

    @ smilla - ist es mutig? oder eher verzweifelt? ich habe mein leben lang so getan "als ob" ich eine andere wäre. musste so tun, um zu überleben.
    als journalistin habe ich so lange über andere(s) geschrieben, über das 'außen'. das war einfach.
    hier im büro für besondere maßnahmen bin ich "die bestimmerin" und habe jeden geburtstag.
    das pseudonym erleichtert es mir sehr, zumindest ab und zu auch meinen inneren aspekten raum zu geben, die sonst gesellschaftlich nicht so erwünscht sind - und das laut zu sagen, was ist.
    ohne so zu tun, als ob.
    es hilft mir heilen, wenn ich solche textschnipsel wie den obigen (der schon etwas älter ist, aber doch immer noch aktuell) frei- und loslassen kann. das hoffe ich zumindest.

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  4. Dass es sie gibt, heißt nicht, dass sie an jeder Ecke zu finden sind. Ich glaube auch, dass Aushaltbarkeit -in die eine wie die andere Richtung- voraussetzt, dass man selbst lernt, mit allen denen zu leben, die in uns sind. Mit ihnen zu leben, sie zu lieben, und damit auch anderen, Äußeren die Möglichkeit zu eröffnen, sie zu erkennen und zu beschützen und ihnen zu ihrem Recht auf Leben zu verhelfen. Aber das ist, zugegeben, eher utopisch.
    Lieben Gruß in Richtung B-Berg,
    Lily

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  5. Liebe Mo Jour,

    ich bin gerade über dein Blog gestolpert, lese diesen Eintrag als erstes - wie wundervoll du das aufgeschrieben hast. Dein Text berührt mich sehr; ich denke: genauso isses.

    Du fasst in Worte, was ich meinem "gb", der immer alles wissen will, nie erklären kann. Mein inneres Kind ist sehr verschwiegen und wir gehen so oft, weil sie es nicht mehr aushält. Mal sehen, ob sie irgendwann zur Plaudertasche wird und mir ein wenig mehr mitteilt :) und ich ein wenig mehr im Moment bleiben kann. Bestimmt :)
    Viele Grüße
    Vanessa

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  6. es ist selten, dass mich gleich ein erster text in den bann zieht.

    danke
    hierhergeflogen von gesellschaftistkeintrost und ein wenig trost gefunden

    profin

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