mein rosenrecht

ende november, ein sanfter wind aus dem süden bringt frühlingshafte temperaturen in mein weinbergtal: fast zwanzig grad. eine makellose kuppel von himmlischem blau da draußen, wenn ich aus dem bürofenster schau. so lange es etwas so schönes gibt, darf ich doch eigentlich nicht traurig sein?!




es hilft nichts! der selbst gekaufte blütenwunderbusch auf dem balkon heitert mich längst nicht mehr auf. meine eigenen durchhalteparolen öden mich an: ich stecke mitten in der depression.

die einsamkeit frisst mich auf, und ich muss mich besinnen auf diesen winzigen funken in mir drin, der bisher noch immer allen meinen lebenskatastrophen ein schnippchen geschlagen hat.

ich ziehe mich tief in mich zurück und köchel auf kleiner flamme. herbst in der seele. die hat umgeschaltet auf notstromaggregat, ist nur noch mit überleben beschäftigt. nur meiner würde zuliebe funktioniere ich nach außen so gut es geht. ich wasche mir das gesicht und parliere gepflegte höflichkeiten.

alles, alles! alles was jetzt heilen hilft, hat recht!

ich tendiere leider dazu, ein schlechtes gewissen zu kriegen, wenn ich nicht perfekt funktionieren kann. deswegen muss ich mich in jeder krise aufs neue selbst ganz energisch darauf hinweisen, dass es mein gutes menschenrecht ist, mich immer wieder in mich zurückzuziehen, die quellen meiner kraft zu besuchen und dann gestärkt wieder in die welt zurückzukehren.

pause!
wie die rosen da draußen, die ich so sehr liebe – die blühen ja auch nicht pausenlos!

gestern habe ich die töpfe aneinandergeschoben und reiser dazwischengesteckt, damit sie nicht so frieren im zu erwartenden winter.

neulich mal, da fragte mich jemand
"wenn du eine blume wärest ..... welche?!"

da habe ich gar nicht lange überlegt,
eine rose bin auch ich, ohne zweifel!

keine passionsblume mit schlanken ranken,
die tagtäglich in mich beängstigender regelmäßigkeit
immer dieselben diffizil-perfekten blütenwunderwerke
verprasst und dabei lang und länger wird.

ich bin eine rose
und habe mein rosenrecht auf lange pausen,
in denen ich einfach nur ein stacheliger stock bin
mit nix dran
was zu bewundern wäre

unter 20 grad mach' ich sowieso nix
rühr' mich bloß nicht an!

dann brauche ich meine zeit
und pflege und geduld
winterschutz und läusepflaster

bis es wieder wärmer wird
und dann treibe ich aus, aber hallo!

blätter groß und grün und glänzend
zweige wehrhaft mit neuen stacheln, schick!
eine blüte nach der anderen
mit duft ohnegleichen
ein sonnenfeuerwerk!

wehe, es regnet kühle winde.
dann bin ich indigniert und kriege den rost.

trotzdem respektieren mich alle
so, wie ich bin.
ich kriege dünger wenn ich brauche
und keiner käme im winter auf die idee
ungeduldig an mir rumzuzerren

bloß weil ich nicht immer grün bin
wie der stinkende buxbaum nebenan.

mit rosenrecht
und guter pflege
blühe ich bis zum frost
wenn ich will.
irgendwie stachelig bin ich wohl immer.

es bleibt eine große unterschwellige sehnsucht
nach südlicher zuwendung.

ich bin eine frau
ich bin ein zyklisches wesen.

wie die rosen, wie der mond:
mal ganz, mal halb, mal gar nicht da.

im grunde geht es mir gut
solange ich mich selbst respektiere
so wie ich bin!

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wortgeplänkel I - zeit

„eine zeitlang“, diesen ausdruck benutzte ich neulich einmal in einem anderen zusammenhang.

„täglich eine zeitlang“, so schrieb ich, „tue ich dieses oder jenes“ – und dann habe ich den begriff auch noch gesteigert bzw. geradezu verdoppelt, indem ich behauptete, ich täte dieses oder jenes manchmal sogar „zwei zeiten lang“.

gerade so, als ob ich wüßte, wie lang eine zeit sei, oder gar so als ob ich die alleingültige formel erfunden hätte, was die zeit ist.



du dummchen, wird jetzt jemand dazwischenrufen, das brauchst du gar nicht erst erfinden, das hat doch längst jemand anders erledigt, samt nobelpreis dafür gekriegt! seither messen wir die zeit in sekunden, minuten, stunden, tagen, wochen, monaten und jahren. und damit man immer weiß, wie spät es ist, hat der mensch eine uhr.

aha. natürlich habe auch ich eine uhr – mehrere sogar. und meistens weiß auch ich ziemlich genau, wie spät es ist. denn nur noch ganz wenige uhren gehen nach der wiener wasserleitung (meine blaue badezimmeruhr, zum beispiel).

uhren gehen neuerdings (um zeitgenau zu sein, seit 1978) nach der atomuhr. die deutsche atomzeit wird hergestellt vom physikalisch-technischen-bundesamt in braunschweig. damit die dort im ptb keine unzeiten herstellen, gibt es ein bundesdeutsches zeitgesetz.

das zeitgesetz regelt die gesetzliche zeit. es macht die zeit allerdings nicht selbst, es verwaltet sie bloß – auf dass der amtsschimmel immer pünktlich dahergeritten komme.

damit die leute sich nicht ständig verpassen - egal ob sie gesetzliches mit ihrer zeit tun oder nicht - wird die gesetzliche zeit mehr oder weniger regelmäßig und zeitgleich in den medien verkündet.

aber nicht in allen ganz genau, sondern bloß im fernsehen und im radio. ausgerechnet in dem medium aber, das nach der zeit benannt wurde - nämlich der zeitung - wird die zeit nicht ganz genau verkündet, sondern eher vage. am ungenauesten ist die geschriebene zeit, also die zeitangabe, die man aus zeit-schriften erfährt.

früher hatten wir noch die zeitansage im telefon, erinnert ihr euch? die gibt es heute auch noch, aber nicht mehr unter der nummer 119. als kind war ich davon völlig fasziniert und habe der netten dame vom amt mit ihrem piep sehr oft und sehr lange zugehört.

aber selbst, wenn die heutige computerstimme mit sinuston mir noch so genau sagen kann, wie spät es ist – damit weiß ich doch immer noch nicht, wie lang 'eine zeit lang' ist.

ist eine zeit so lang wie das ticken des weckers braucht, um die zeit in scheiben zu hacken?

oder ist eine zeit so lang wie der kuckuck in der nachbarswohnung benötigt, um sich dröhnend aus seinem uhrenkästchen herauszukatapultieren und mir mit metallischem ruf meinen mittagschlaf zu zerstören?

woher weiß ich, wenn meine freundin erzählt, sie sei eine zeit lang verheiratet gewesen, wie lang ihre zeit war?

ist ihre verheiratete zeit genau so lang wie meine, wenn ich sage 'ich bin schon eine ganze zeit lang single'?

ist 'eine ganze zeit lang' mehr als 'eine (einfache) zeit lang'? es hört und fühlt sich irgendwie so an – obwohl doch eins schon ein ganzes ist und kein kaputtes bruchstück …. oder irre ich mich?

spannend finde ich auch, dass zeit als kostbar gilt, obwohl sie doch von niemandem hergestellt wird – man sie also eigentlich auch nicht verkaufen kann.

die menschen verkaufen ihre zeit aber doch, gegen jede logik! zeit ist geld, sagen sie dann, werden ganz hektisch und haben überhaupt gar keine zeit mehr.

seltsam ist auch, dass die zeit verschiedener menschen unterschiedlich viel wert ist. frauenzeit zum beispiel ist weniger wertvoll als männerzeit. durchschnittlich gesehen. das weiß man nicht erst, seitdem die neuesten statistiken mal wieder beweisen, dass frauen nicht nur in unserem land ein fünftel bis ein drittel weniger geld für ihre arbeit erhalten als männer.

aber wieso? jeder mensch hat täglich die gleichen vierundzwanzig stunden zeit, um sein leben zu leben und um alles zu tun, was gut und wichtig ist. frauen haben nicht mehr zeit als männer. warum sollen wir mehr lebenszeit investieren, um denselben lohn zu erhalten?

das verstehe ich nicht. noch weniger aber kann ich verstehen, dass nicht nur arbeitszeit mit geld bezahlt wird.

gerade heute erst las ich in unserem ländlichen jedewoche-kostenlosimbriefkasten-anzeigenkäseblatt eine stellenanzeige, in der ein/e „freizeitverkäufer/in“ gesucht wird.

ja wie jetzt? soll ich nicht nur meine arbeitszeit, sondern auch noch meine freizeit verkaufen? auch das noch? ist freizeit dann mehr wert als arbeitszeit oder weniger? wie lang ist überhaupt eine freizeit, wenn ich sie verkaufe?

wenn ich eine zeit lang meine freizeit verkaufe: was passiert mit der nicht verkauften arbeitszeit? und vergeht die zeit dann doppelt so schnell? schnell vergeht die zeit doch sowieso, egal ob ich sie verkaufe oder nicht!

denn während ich hier eine zeit lang über die zeit schrieb, ist es draußen schon dunkel geworden – und wie lang meine zeit lang ist, weiß ich immer noch nicht.

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unfug en gros & en détail II - sonnenstrahlenkinder

sonntags mache ich gern einen sonntagsspaziergang. wenn niemand mitgeht, laufe ich allein auf und ab, in den weinbergen hinterm haus. die reben sind längst abgeerntet. 





so ging ich also gestern in gedanken vor mich hin. auf sonnenstrahlen wartete ich allerdings vergeblich. mein gedankengang führte mich zurück ins jahr 2002, als ich hier noch ganz neu war: frisch vom tosenden kurfürstendamm hinein in ein badisches winzerdorf, wo es bis heute noch nicht einmal eine ampel gibt.

damals um mich herum duftender frühling und heiterer sonnenschein – und ich war sehr unsicher, wie das wohl werden würde, als trockene alkoholikerin mitten im wein zu leben.

da habe ich mir die geschichte mit den sonnenstrahlen ausgedacht, um den weinbeeren eine für mich neue bedeutung zu geben, ihnen quasi den alkohol zu entziehen.

diese geschichte fiel mir gestern wieder ein, als ich von den letzten noch übrigen weinbeeren naschte. die waren so süß, dass mir ganz warm wurde ums herz!

nun lest selbst, was es mit den sonnenstrahlen und den weinbeeren auf sich hat:
sonnenstrahlenkinder, von denen haben wir hier wahrlich genug. sie schlafen in den weinbeeren.

erst einmal gibt es die großen sonnenstrahlen, sozusagen die erwachsenen. die reichen von der sonne bis zur erde.

aber die sonnenstrahlenkinder, die sind noch viel viel kürzer und schaffen den weiten weg von der sonne bis zur erde nicht alleine.

deswegen benutzen sie die großen sonnenstrahlen wie eine rutschbahn: sie kullern und purzeln darauf wild durcheinander von der sonne zur erde.

am liebsten an warmen, wolkenlosen sonnentagen. dann sind die großen sonnenstrahlen schön warm und stabil und es kann nichts schief gehen.

den ganzen tag flirren und flimmern die kleinen sonennstrahlen dann auf der erde herum, lustig umeinander.

du hast sie bestimmt schon einmal miteinander spielen sehen – im sommer auf einer waldlichtung oder unter dem großen busch im garten oder wenn sie mit den schmetterlingen um die wette flattern ....

wenn die sonnenstrahlenkinder vom vielen spielen müde sind, dann machen sie ein mittagsschläfchen. dazu legen sie sich am liebsten eng zusammengekringelt in die weintrauben.

eigentlich sind immer bis zum abend alle sonnenstrahlenkinder wieder wach. sie können nämlich noch nicht alleine zur sonne zurück. dazu sind sie ja noch viel zu klein.

statt dessen setzen sie sich kurz vor sonnenuntergang auf die füße von den erwachsenen sonnenstrahlen. die erwachsenen sonnenstrahlen rollen sich dann von unten nach oben zusammen bis hoch zur sonne und nehmen so die kleinen sonnenstrahlen wieder mit zurück.

nur manchmal wird ein kleiner sonnenstrahl nicht rechtzeitig wieder wach und bleibt zusammengekringelt in der weintraube liegen bis nach sonnenuntergang. oder es kommt ein gewitter und die großen sonnenstrahlen müssen früher zurück als geplant.

dann verpassen die kleinen sonnenstrahlen den rückweg.

aber das macht ihnen gar nichts! denn sie wissen ja, dass die großen sonnenstrahlen und die anderen sonnenstrahlenkinder am nächsten tag wiederkommen. oder spätestens übermorgen!

also bleiben sie einfach weich und warm, wie sonnenstrahlenkinder nun mal sind, ganz zufrieden mit sich zusammengekringelt in ihren weintrauben liegen.

die weintrauben freuen sich über den lieben besuch und werden vor lauter glück ganz dick und rund.

und deswegen schmecken weintrauben so gut und so süß: weil die sonnenstrahlenkinder darin geschlafen haben!

die geschichte eignet sich bestens zum vorlesen, für große und kleine leute gleichermaßen. für die erwachsenen habe ich den letzten satz geändert. der hieß ursprünglich „weil es schlafende sonnenstrahlenkinder sind“. alle kinder fanden diese idee ganz wunderbar. vor allem, weil die sonnenstrahlenkinder dann im eigenen bauch weiterspielen, wenn sie wieder wach sind - das kribbelt so schön.

aber manch erwachseneR hatte wohl irgendwie kannibalische vorstellungen und ein großes problem damit, die weinbeeren samt innenliegenden sonnenstrahlenkindern zu vernaschen.

mir egal. macht's wie ihr wollt!

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besondere maßnahmen VII – gehe zurück auf los

.... und ziehe nicht monatlich deutsche euro 1000 ein!

mit gut 1500 euro brutto dotiert war die sekretärinnen-stelle, auf die ich mich kürzlich beworben habe. öffentlicher dienst, 85 % teilzeit. zunächst befristet auf viereinhalb monate. nach abzug aller steuern, abgaben und sozialversicherungen wären davon rund zwei drittel übrig geblieben. kaum mehr als mein arbeitslosengeld, aber immerhin.




um es vorweg zu nehmen: ich habe die stelle nicht gekriegt. einmal mehr heißt es also für mich: ätschbätsch! vergeblich bemüht, umsonst gehofft – alles bleibt wie es ist. es ist nicht einmal der hauch der idee einer ahnung von besserung meiner derzeitig prekären lage in sicht.

ich war eingeladen! diese unerhörte ehre ist mir in den jahren seit meinem vierzigsten geburtstag nur ganz ganz selten widerfahren. das letzte persönliche bewerbungsgespräch liegt mehr als vierzehn monate zurück.

damals hatte ich sogar eine mündliche zusage für eine der drei neu zu besetzenden stellen erhalten. wochen später lag dann doch wieder nur der ungeliebte große umschlag mit nichtssagender standardabsage im briefkasten. haha – reingefallen! auf mündliche absprachen kann man sich doch heutzutage nicht mehr verlassen, du dummerchen!

diesmal waren außer mir nur zwei andere kandidatInnen eingeladen. die derzeitige stelleninhaberin ist eine bekannte von mir. sie wird zum jahresende die stadt verlassen, hatte mir den tipp gegeben, mich zu bewerben und mich sogar ihren vorgesetzten empfohlen – da hatte ich mir realistische chancen ausgerechnet.

in den schönsten farben hatte ich mir ausgemalt, wie schön das sein könnte, nach all den jahren wieder finanziell unabhängig zu sein und nicht mehr zu diesem blöden hartz-amt zu müssen. wenn zwar auch weiterhin sparsam, so doch selbst über mein geld entscheiden zu können!

auch wenn ich dort kaum mehr verdient hätte als mein arbeitslosengeld: abzüglich der dann fälligen fahrtkosten, GEZgebühren und höherer krankenkassenzuzahlung hätte ich sogar einiges weniger gehabt als jetzt. aber egal! ich will arbeiten! für geld!

im gespräch fand ich mich gut: angemessen souverän, nicht zu dick aufgetragen, meine hochbegabung nicht raushängen lassen. immer gut blickkontakt gehalten, auch mal gelacht, bei fangfragen weder patzig geworden noch aufmüpfig.

tja. ich war wohl gut – aber nicht gut genug.

fairerweise kam die telefonische absage noch am selben tag. man habe lange diskutiert und die entscheidung sei sehr schwer, dann aber doch auf die mitbewerberin gefallen: weil die mehr 'vom fach' sei.

aha. mal wieder so eine typisch deutsche absage: wer einen schein hat mit stempel drauf gilt als 'vom fach'. jahrzehntelange erfolgreiche erfahrung ohne schein mit stempel gilt nicht als 'vom fach'.

am telefon habe ich mich noch sehr zusammengerissen. diese eiskalte personalerblondine wollte ich auf keinen fall merken lassen, wie sehr ihre absage mich in einen abgrund der hoffnungslosigkeit stürzte. ich blieb höflich, korrekt und freundlich, bedankte mich sogar für den schnellen bescheid und die persönlichen worte.

nachdem ich das telefon abgestellt hatte, ging gar nix mehr. meine perspektive war futsch, meine façon auch und ich habe den nachmittag, den abend und die nacht durchgeheult. bin mit tränen im gesicht wach geworden und habe mir den frühstückskaffee versalzen.

soll ja ganz gut sein, wenn man gleich weinen kann, weil es den ganzen psychostressdreck rausspült aus körper und seele. bloß ist in meinem leben schon seit langem immer so dermaßen viel psychostress, dass ich mich innerhalb der letzen jahre nicht an einzigen tag erinnern kann, an dem ich nicht zumindest eine zeitlang heulend in der ecke gesessen wäre. oft waren es eher zwei zeiten lang oder mehr.

so viel augenantifaltencrème kann ich gar nicht benutzen, um diese tränensäcke jemals wieder auszubügeln. hartz4 macht häßlich!

im lauf des vormittags spürte ich, wie meine verzweifelte enttäuschung sich allmählich in wut verwandelte. wie konnten die sich das nur entgehen lassen?! diese einmalige chance?! mich hochqualifiziertes goldschatzstück zu einem solchen dumpinglohn?! pah! selber schuld!!

jetzt, aus etwa dreißig stunden abstand betrachtet, war dieses bewerbungsgespräch eines der fiesesten, die ich jemals erlebt habe.

habe ich eigentlich schon erwähnt, dass ich mich auf ein hochschul-sekretariat mit publikumsverkehr beworben habe? dass in der 'prüfungskommission' zwei lehrstuhlinhaberinnen, die personalerchefin und eine personalrätin saßen?

die vier haben es nicht einmal gemeinsam geschafft, mir auch nur ansatzweise mitzuteilen, welche aufgaben ich dort eigentlich zu erfüllen gehabt hätte. es gab nicht eine einzige frage, in der eindeutig nach für die zu besetzende stelle notwendigen qualifikationen gefragt wurde.

statt dessen spielten sie mit mir spekulatives stehgreiftheater:

„stellen Sie sich vor, Sie kommen an ihrem ersten arbeitstag hierher und niemand ist da. die ganze hoschschule ist leer. wie kommen Sie an die informationen, die Sie brauchen, um Ihre arbeit zu erledigen?“ wie bereits gesagt, man hatte mir weder mitgeteilt, was denn meine arbeit eigentlich sei – noch wie die aufgaben unter den insgesamt drei fakultätssekretärinnen aufgeteilt sind.

ich sagte nicht, dass ich wohl kaum ins gebäude reingekommen wäre, wenn nicht einmal der hausmeister da wäre. ich habe auch nicht gesagt, dass ich mich dann erst mal hinsetze und in meinem eigenen kalender nachschaue, ob ich mich vielleicht im datum geirrt haben könnte und aus versehen an einem sonntag gekommen bin. erst recht nicht habe ich gesagt, dass ich mir dann erst mal nen kaffee kochen, ne halbe stunde warte, ob noch jemand kommt und – wenn das nicht der fall sei, stinkesauer wieder heimgehen würde. unausgesprochen blieb auch, dass ich es für ausgesprochen unkollegial hielte, mich an meinem ersten arbeitstag ohne einarbeitung so dermaßen auflaufen zu lassen. für mich wäre das ein kündigungsgrund.

„was tun Sie, wenn einer der professoren Sie unangemessen laut und ungerecht vor anderen herunterputzt und niederbrüllt?“ - „wie gehen Sie damit um, wenn eine professorin merkt, dass Sie gerne texten und Ihnen immer öfter solche aufgaben überlässt? zusätzlich?“ - „was machen Sie, wenn dann auch die kollegin merkt, dass Sie das gut machen und neidisch wird, weil Sie bei den professoren so gut dastehen?“

solcherlei fragen ließen mich vermuten, dass es sich bei der ganzen abteilung in der tat um einen ziemlich unkollegialen haufen durchsetzungsunfähiger profilneurotiker und pädagogisch wertloser choleriker handelt. insgesamt hatte ich den eindruck, dass hier nicht eine sekretärin gesucht wurde, sondern eine konfliktmanagerin und mediatorin, die den kommunikationsstau gegen größte widerstände wieder in fluss bringen soll.

„.... und wenn die kollegin Ihnen dann auch noch textaufgaben zuschustert, weil Sie weiß, dass Sie das gut können und sie selbst macht es nicht so gerne?“ - „.... und wenn Sie so viel texten, was ja keine klassische sekretariatsaufgabe wäre – würden Sie dann nicht mehr geld haben wollen?!“ - ja wie jetzt?! ziehen die mir geld ab, wenn ich mal zwei stunden mit niederqualifiziertem fotokopieren zubringen muss?!

„.... es wird niemand mehr da sein, der Sie einarbeiten kann, wenn Sie im januar hier anfangen. wären Sie bereit, im monat vorher 'sich einzubringen' (ohne bezahlung versteht sich!) und sich das wichtigste zeigen zu lassen?“

ja. gegen jede überzeugung, dass einarbeitung zur arbeitszeit gehört: ich wäre dazu bereit gewesen, als diese frage im bewerbungsgespräch gestellt wurde. ich wollte die stelle. ich wollte arbeiten.

aber jetzt, nachdem ich mich noch einmal gut sortiert und alles revue habe passieren lassen, bin ich geradezu dankbar, dass ich diesen job in einer so staubig unkollegialen atmosphäre nicht werde machen müssen. das riecht doch geradezu nach kompetenzrangelei, respektloser unachtsamkeit, diffuser überforderung und mobbing schon im ansatz. typischer frauenjob eben. mit typisch niedrigem frauenlohn obendrein.

bei allem inneren aufruhr, übrigens, war ich nicht eine sekunde damit beschäftigt, darüber nachzudenken, ob ich diese blöde katastrophe in einer badewanne voll schampus ersäufen soll und mich gleich mit.

ich stelle also fest, dass ich über eine ganz erstaunliche resilienz verfüge. das macht mich nicht reich – aber stark. und es bereichert mein leben!

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matronenspeck

als kleines mädchen war ich ziemlich dünn und immer sehr blass. das hat den eltern nicht gefallen. sie wollten eine andere tochter. keine blasse dünne.




also schickten sie mich in ein kindermästheim. das war im sommer, bevor für mich die schule anfing.
ich war sechseinhalb jahre alt. ich wurde in den zug gesetzt - mit schild um den hals - und musste allein hinfahren. allein dort bleiben. lange sechs wochen lang. allein und krank wieder zurückfahren. ich hatte schreckliches heimweh die ganze zeit und ich weinte jede nacht.

ich war fest davon überzeugt, dass die eltern mich nicht mehr wollten. dass ich irgend etwas falsch gemacht hatte. was genau, das hatten sie mir nicht gesagt. aber es konnte nicht anders sein, als dass sie mich abstoßend fanden. warum sonst hätten sie mich so abgestoßen einen ganzen langen sommer lang?

im kinderquälheim war ich mit fünf anderen mädchen in einem zimmer eingepfercht. nachts war die türe abgeschlossen. es war uns verboten, aufs klo zu gehen. denn wir hätten uns ja dort mit den jungs aus dem anderen stockwerk treffen können. da waren die nonnen sehr streng. ich war sechs. ich wäre niemals alleine nachts durchs haus geirrt. schließlich hatte ich angst vor den großen jungs, und ich hätte alles getan, um ihnen nicht auch noch nachts begegnen zu müssen.

trotzdem war es schlimm, nachts eingeschlossen zu sein. in der mitte des zimmers stand ein pisspott mit henkel. für alle. wir plätscherten abwechselnd im dunkeln und schämten uns in grund und boden.

die schwarzen nonnen gaben sich alle mühe, mich innerhalb von sechs wochen von „blass und dünn“ upzudaten auf die version „prall und rosig“. dazu schaufelten sie mir von ihrem doofen nonneneintopf immer die größten portionen auf meinen teller. ich wurde gezwungen, genau so viel zu essen wie die vierzehnjährigen großen jungs auf der anderen seite der langen tischreihen.

ich flehte und bettelte um kleinere mengen. die küchennonnen waren unerbittlich. sechs wochen lang. ich kämpfte unter tränen mit meinen bauarbeiterportionen. ich schaffte es kaum. ich habe immer sehr lange gebraucht. so viel hunger hatte ich doch gar nicht. das passte doch alles gar nicht rein in meinen kleinen kinderbauch.

alle anderen kinder waren wütend auf mich, denn sie mussten immer auf mich warten. es gab keinen nachtisch, bevor nicht alle teller leergegessen waren. es durfte niemand aufstehen, bevor nicht auch noch der nachtisch verputzt war. ich habe immer am längsten gebraucht von allen. mit grießpudding kann man mich bis heute in die flucht schlagen.

auch die nonnen waren wütend auf mich, weil sie nicht mit dem abwasch anfangen konnten, bevor nicht alle kinder den saal verlassen hatten. ich brachte ihren großen plan durcheinander, weil ich zu langsam aß. ich war schuld.

einmal waren sie so wütend, dass sie mich mit meinem halbvollen teller in die küche zerrten. sie setzten mich zwischen berge von dreckigem ess- und kochgeschirr und befahlen mir, dort aufzuessen. die anderen kinder sollten einen ausflug machen. da konnte man nicht auf mich warten.

mir war schon übel von meiner großportion in dem speisesaal, wo immer ein ekliger mischgeruch von linoleumputzmittel und eintopfdünsten in der luft hing. der gestank der essensreste mit spüli gab mir vollends den rest, und ich übergab mich auf den küchenboden.

am ende meiner sogenannten kinderkur wurde ich krank: mit fieber wurde ich in den zug nach hause verfrachtet. allein. bleich wie die wand kam ich bei den eltern wieder an. die waren sauer auf mich, weil ich meinen schulanfang verpasste. in den windpockenwochen nahm ich allen nonnenmastspeck wieder ab.

ich glaube, damals hat es angefangen, dass ich nicht mehr normal essen konnte. ich aß entweder zu viel oder zu wenig. die mutter war nie ganz zufrieden mit mir. auch meine helle haut passte nicht in ihr bild vom „wunschkind“.

trotzdem war ich viele jahre lang ziemlich schlank. fraulich. normal. mit 18 war ich 176 zentimeter lang und wog 62 kilo. die mutter sagte ständig „paß auf dass du nicht zu dick wirst“. dünn durfte ich nicht sein. aber ein bißchen dickere haut auf den rippen passte auch nicht in ihr bild vom „wunschkind“, das zu sein sie bis heute nicht aufhört mir zu beteuern.

also passte ich auf, dass ich nicht zu dick wurde und aß eine weile so gut wie gar nichts mehr. ich wog noch 55 kilo und war sehr blass.

das nichtessen habe ich nicht länger als ein paar monate durchgehalten. danach nahm ich schnell wieder zu. mehr als vorher ging aber auf gar keinen fall. also spuckte ich wieder aus, was mir zu viel erschien.

ich schämte mich schrecklich. nun verschwendete ich auch noch lebensmittel, indem ich sie erst in mich hineinstopfte und mir kurz drauf den finger in den hals steckte. die mutter hat nichts gemerkt. angeblich. all die jahre nicht.

die bulimie habe ich fast zehn jahre lang betrieben. mal mehr, mal weniger. ich hielt mein gewicht unter 65 kilo. die mutter misstraute ihren argusaugen „kind, du bist doch nicht etwa dicker geworden?“

erst mit mitte dreißig nahm ich ein paar kilo zu. blieb aber immer noch weit unter dem, was in westeuropa als „normalgewicht“ bezeichnet wird.

mehr als drei jahrzehnte habe ich gegen meinen körper gekämpft und habe es doch nie allen recht machen können. irgendwann vor ein paar jahren habe ich dann einfach aufgehört, mich dünne zu machen und bin ge-wichtig geworden.

niemand, der mich jetzt sieht im matronenspeckmantel meiner wechseljahre, würde darunter ein so langjähriges schlankes unglück vermuten.

kein wespentaille mehr, statt dessen trage ich eine weiche hülle von nichtmehrraucherspeck durch die welt, vermischt mit medikamentennebenwirkungsspeck, stoffwechselveränderungsspeck, hartz4kummerspeck, keinerliebtmich-ichbraucheschokoladespeck und – ganz neu! - drei kilo katzentrauerspeck.

so ist das leben eben.

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die letzte rose im herbst

als ich vor mehr als sieben jahren in den süden zog, entdeckte ich den duft der rosen für mich.

schon seltsam, dass ich bis in meine lebensmitte dafür gebraucht habe. natürlich habe ich rosenduft auch vorher gemocht. aber niemals war er so wichtig für mich, dass ich ihn für immer um mich gewünscht hätte.

die rosen, die ich im blumenladen kaufte, die ich geschenkt bekam und die meine großstadtwohnung schmückten: sie ernährten mich allein optisch, berührten nur selten olfaktorisch meine seele.

zu meiner ersten wohnung auf dem land gehörte ein kleiner garten. keine frage – da musste eine rose her! ich brachte irgend eine mit aus dem baumarkt. ohne wissen und ohne den hauch einer ahnung, dass ich eine der schönsten und wertvollsten rosen überhaupt erwischt hatte, und dass diese der grundstock werden sollte für eine stachelige duftleidenschaft.



innerhalb weniger monate war meine baumarktrose meterhoch. schwer vom duft der blütenbüschel bogen sich die ranken. seither verduftet sie auf meinem schreibtisch, aromatisiert meinen tee und verwandelt mein schnödes badesalz in ein luxuriöses blütenblättermeer. jedes jahr aufs neue, von mitte mai bis weit in den herbst:

compassion heißt sie, das mitgefühl: kitschig rosa, manchmal mit gelbem schimmer oder irgendwie lachs – je nach wetter und dünger und alter ändert sie immer wieder einmal ihre farbe. der duft aber bleibt. daran erkenne ich sie mit geschlossenen augen.

zu meiner jetzigen wohnung gehört kein garten mehr, aber ich darf ein paar kübel auf das sonnige garagendach der vermieter stellen: dort wohnt meine compassion jetzt. im großen topf blüht sie nicht mehr so üppig wie anfangs im vulkanerdeboden. aber auch in diesem jahr hat sie sich wieder an mich verschwendet und mir dutzende blüten beschert.

heute habe ich ihre für dieses jahr wohl letzte sich öffnende knospe geschnitten. sie wirkt schon etwas müde nach den ersten frostigen nächten, und in ihren duft mischt sich ein hauch von melancholie.

weiterer knospennachwuchs ist keiner mehr in sicht. auch nicht von den anderen rosen, die im lauf der jahre dazu gekommen sind: dreizehn stachelige dornenfeen hüte ich inzwischen auf des vermieters garagendach. jede anders und jede willkommen in ihrer eigenen art.

so befindet sich meine compassion nun in bester gesellschaft. ihre liebste freundin ist eine dunkelrote, besonders stachelige mit namen 'fisherman's (girl-)friend'. dieses englische duftwunder kam im letzten jahr zu uns, geschenk einer lieben lieben freundin.

die rosen sind mir ein großer trost geworden und luxus in meinem prekären leben. in vielen anderen dingen habe ich gelernt, bescheiden zu werden, ohne verzichten zu müssen. es ist alles eine frage der würde. aber rosenduft muss sein!

wenn das internet duften könnte, würde das portrait der compassion auch vor eurem bildschirm jetzt ein feines rosenaroma verbreiten. vor meinem steht sie ja noch einmal in echt. aber pixel sind - in diesem falle: leider - geruchlos.

nicht mehr lang, dann werden auch ihre letzten blätter fallen. für lange monate wird meine schöne rose nichts anderes sein als ein stacheliger störrischer stock mit nichts dran.

so ist das im herbst. die ernte ist eingefahren. ehe der winter kommt heißt es, sich von vielem zu verabschieden, ballast abzuwerfen.

der duft der rose ist für mich nicht ganz verloren: ich habe ihn konserviert in meinem badesalz, um meiner erinnerung auf die sprünge zu helfen im winter. damit ich nicht vergesse, dass nach langer kalter eiszeit auch in meinem leben wieder duftender sommer werden wird. irgendwann.

ich muss nur ganz ganz fest daran glauben.

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besondere maßnahmen VI - haarsträubende haarabschneiderei

manch eineR sagt, ich hätte haare auf den zähnen. das mag sein, aber die sind die meiste zeit gut gekämmt.

bisweilen habe ich haare in der tastatur. aber die werden immer weniger, seitdem die katzen nicht mehr da sind.

ich habe noch drei goldene barthaare am kinn, so richtig dicke stoppelige. das vierte ist schon weiß. regelmäßig vor wichtigen terminen denke ich darüber nach, ob ich sie auszupfe oder nicht.

die meisten haare habe ich auf dem kopf, wuschelgelockt – und die wollen immer gut frisiert sein.




das aber ist nicht so einfach, wie es sich anhört. ich bin schon öfter heulend und fluchend vom friseur nach hause gekommen als vom zahnarzt.

irgendwie scheint das eine schwierige sache zu sein, gelockte haare in eine lockige frisur zu verwandeln, und ich habe nur selten erlebt, dass das jemandem bei mir auf anhieb gelungen wäre. es ist übrigens keine frage des geldes, ob es gut wird oder nicht. die eine kann es – der andere nicht.

einer, ders konnte, war mein polnischer frisör in berlin. andré. sehr charmant. sehr schwul. als ich ihn kennenlernte, war er noch lehrling in einer kleinen vorstadt­klitsche. da ging ich normalerweise nie rein, weil dieser laden nichts anderes erwarten ließ als eben genau neuköllner vorstadthaarschnitte: super­blonde dauer­wellen mit noch superblonderen strähnchen, passend zu spackig sitzenden glitzer­leggings, knatschblauem lidschatten und quietscherosa lippen­stift. cindy von marzahn hatte sich damals noch nicht erfunden, aber die ureinwohnerinnen von berlin-neukölln sahen schon immer so aus.

ich war wohl auf einem meiner immer wiederkehrenden „ab-sofort-muss-alles-anders-werden“-trips. die beginnen oft mit einem spontanen frisörbesuch, welcher dann wiederum leider oft in obigem heulen-und-fluchen endet, womit dann wieder alles beim alten wäre.

ganz spontan und wagemutig landete ich dies eine mal also in der neuköllner vorstadtklitsche beim lehrling auf dem frisierstuhl. aber bloß, weil die damen alle beschäftigt waren. andré war der einzige mann im laden. ich war skeptisch, ließ ihn aber machen. andré machte. charmant und liebevoll. vergnügt auf irgendeiner droge. aber gekonnt und perfekt. es war kaum zu glauben: ich verließ den frisör­laden …. und ich gefiel mir gut!

seither und solange ich in berlin blieb, ließ ich an meinen charakterkopf nur noch andré aus polen. egal in welchem salon er nach der lehre arbeitete, ich reiste ihm hinterher, kreuz und quer durch die große stadt. ich wurde sein haarschneide-groupie, und ich bereute es nie. seine schnitte waren jedes mal haargenau, von ausgesucht pfiffiger eleganz, wunderbar ausgeglichen in den proportionen und immer passend zu meinem typ:

nie zuvor hatte ich die erfahrung gemacht, dass mein widerspenstig krauser kopf auf so viele verschiedene arten schön sein konnte.

andré hatte - was haare angeht - den richtigen blick für den goldenen schnitt. das hat er mir viel später einmal erklärt. wenn er einen menschen vor sich sah, dann ratterten wie die rollen in einem spielautomaten ungefähr drei dutzend verschiedene frisuren durch seinen kopf, die zu demjenigen passen könnten. seine inneren bilder rasteten ein bei genau den drei haarschnitten, in denen sich die kundin dann auch selbst schön finden würde. ein genie! und doch so unprätentios in seiner art. ich blieb ihm lange jahre treu.

das änderte sich erst, als ich ans andere ende der republik zog. zwar verband ich meine berlinbesuche anfangs – ganz jetset! - immer noch mit einem haar­schneidetermin 'chez andré'. aber dann verlor ich ihn aus den augen: meine berlin-besuche wurden seltener, der kontakt brach ab, er arbeitete nicht mehr im alten laden, seine telefonnummer stimmte nicht mehr, und ich fand ihn nie wieder.

nun bin ich angewiesen auf die hiesigen friseure, sozusagen „verloren in der provinz“! es ist fürchterlich. vom billigen haarabschneider am fließband bis hin zum sogenannten edel-coiffeur habe ich sie alle durchprobiert.

es ist zum verzweifeln. sie schaffen es einfach nicht! die eine versteht meine beschreibung nicht – gerade so als ob ich chinesisch rede. die andere sagt „so eine frisur lernen wir hier schon seit jahren nicht mehr“ und die dritte behauptet ganz frech „es gibt kundinnen, die wollen zwei frisuren gleichzeitig“.

sage ich „bitte nur die spitzen“, wird der ehemals wuschelige stufenschnitt stramm über den kamm gezogen und auf eine länge getrimmt. ich bin doch kein pudel!

bitte ich um einen 'wuscheligen nacken' - endet das ganze in einer spießig runden kante mit entenschwanz.

gehe ich zum teuersten laden in stadtmitte, wird es zwar ordentliches handwerk, aber bieder und langweilig.

auch derzeit wage ich mich kaum ohne kopftuch auf die straße. bei meinem letzten friseurversuch schnippelte die lady mit der effilierschere an meinen natur­locken herum. an naturlocken! mit der effilierschere! ohne etwas zu sagen, versteht sich.

ich merke es ja immer erst hinterher, was passiert ist – weil ich vor dem großen frisörspiegel nie die brille aufhabe. als ich sie wieder anzog, war meine locken­pracht zum wischmopp verkommen.

in der hoffnung, dass sich das über nacht von alleine wieder krummlegt, zahlte ich und ging. aber irrtum: der wischmopp blieb auch nach dem waschen ein wischmopp.

am nächsten tag ging ich wieder hin. wir hatten vereinbart, dass ich noch mal kommen dürfe, wenn es mir auch nach 'einmal drüber schlafen' denn so gar nicht gefiele. 'nicht gefallen' war der reine euphemismus. ich war kreuz­unglücklich!

diejenige welche den schaden tags zuvor angerichtet hatte, mochte keinen zweiten versuch an mir wagen. die dann zuständige kollegin zog stramm, kämmte glatt und schnitt wie ein feldwebel; musste hier noch was angleichen und da noch was korrigieren, bis aus dem kinnlangen wischmopp eine nur noch halbwischmopp­hafte kurzhaarfrisur geworden war. kurzhaar! am tag zuvor waren die locken noch schulterlang gewesen. da war ich doppelt bedient.

das allerschlimmste: sie hat die haare gegen meine anweisung vorne so kurz abgeschnitten, dass ich sie nicht einmal mehr hinters ohr klemmen kann. das grenzt an körperverletzung. denn dadurch fallen mir die haare ins gesicht, baumeln ständig vor den augen und triggern mir kopfschmerzen.

deswegen ist für die nächsten mindestens sechs monate wieder einmal die variante haarband angesagt. manchmal denke ich, meine haare sind inzwischen mindestens so prekär wie ich. das ist gar nicht gut für meinen selbstwert.

so langsam weiß ich auch nicht mehr, wo ich zum haareschneiden noch hingehen soll. in solchen augenblicken finde ich mein kleines landleben überhaupt nicht mehr lustig und habe ganz dolles heimweh nach meinem großen ollen berlin.

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