Samstag, 25. Mai 2013

das stärkste t-shirt von hess natur

seit vielen jahren schon kaufe ich einen teil meiner kleidung bei hessnatur, aus den besten naturmaterialien, bio und fair produziert.

die preise erscheinen nur auf den ersten blick ein bißchen hoch - aber das amortisiert sich schnell: fast alle stücke sind bei mir zu lieblingsstücken geworden, die mich jahrelang begleiten, manches auch schon länger als ein jahrzehnt.

als es mal eine zeitlang einen second-season-laden in freiburg gab, war ich dort stammkundin: da ich nur wenig geld habe, kann ich mir billige klaotten einfach nicht leisten: ich will gute qualität, die lange hält, 'was hermacht' und ohne schlechtes gewissen tragbar ist.

hessnatur - t-shirt no. 1311 - farbe aster

nun produziert hessnatur ein neues t-shirt aus bio-baumwolle, genannt "das stärkste". vorab dürfen es 3000 hessnatur-insider testen - und ich bin eine davon. da habe ich endlich auch einmal glück gehabt im leben und etwas gewonnen!

gleichzeitig habe ich allerdings auch mal wieder pech, denn - leider - gefällt mir die farbe nicht - zumindest nicht für ein kleidungsstück, das sich an meinem körper befindet.

während die herren sich über ein elegantes dunkelnachtblau freuen konnten, wurden wir mädchen mit "irgendwie rosa" abgespeist - ein farbton namens 'aster'.

ich würde es tragen, ausnahmsweise. aber dieses dunkle pink steht mir einfach nicht, und ich sehe ganz krank darin aus. das bedaure ich wirklich sehr. der stoff fühlt sich nämlich toll an und das hemd ist hochwertig verarbeitet.

hier gibt es ein video über die produktion:



wahrscheinlich könnte ich meine no 1311 teuer bei ebay verticken. ist schließlich ein limitiertes exclusiv-exemplar. das würde ich aber hessnatur gegenüber nicht fair finden.

also habe ich mir gedacht: ich gebe es weiter an eine meiner treuen blogleserinnen. für umme und unter der bedingung, dass diejenige dann auch den produkttest macht. der ist nicht schwer, es gibt jede woche eine kleine aufgabe zu erfüllen, sechs wochen lang.

das hemd hat größe 44/46, einen v-ausschnitt, ist noch ungewaschen, 68cm lang und am saum 60cm breit.

wer's haben will, schreibt bitte unten einen kommentar - bitte noch keine postanschrift angeben. falls mehr als eine "hier!" ruft, wird verlost. die gewinnerin werde ich am dienstag, den 28. mai bekannt gegeben; sie meldet sich dann bitte umgehend, so dass ich das schöne hemd am 29. mai verschicken kann und es noch vor dem nächsten wochenende bei ihr eintrifft.


ps.
für diese werbesendung über nessnatur erhalte ich kein geld. das honorar wurde quasi mit dem t-shirt abgegolten ;-)
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Mittwoch, 1. Mai 2013

kalte raucherin

innerhalb von sieben jahren, so sagt man, habe sich jede zelle des körpers einmal erneuert. statistisch gesehen, versteht sich. manche öfter, manche seltener. in jungen jahren schneller, im alter langsamer.

im kopf wahrscheinlich seltener, denn mein gehirn kann mich sehr gut an dinge erinnern, die länger als sieben jahre zurückliegen.

Wasserwelt mit guter Luft (Rheinfall bei Schaffhausen)



wie auch immer: ab heute hat keine einzige zelle meines körpers jemals mit von mir selbst inhaliertem nikotin zu tun gehabt. statistisch gesehen, versteht sich.

mein gehirn kann mich nämlich noch sehr genau daran erinnern, wie das war, damals …

die ersten zigaretten rauchte ich mit siebzehn. nicht, weil ich das schick fand oder gar appetitlich. neinnein, ganz im gegenteil. der vater rauchte ja auch, und das stank mir ganz gewaltig. schon seit kinderzeiten.

die ersten zigaretten rauchte ich, um zu üben. man stelle sich das vor. damit ich bei den joints mit den männern nicht immer so husten musste, denn das war mir peinlich. das war mädchen!

die wenigen versuche mit hasch gab ich jedoch nach kurzer zeit wieder auf. THC war eindeutig nicht meine droge: sie machte mich stoned. im wahrsten sinne des wortes: sobald die wirkung einsetzte, saß ich unbeweglich in der ecke, konnte mich nicht mehr rühren, konnte auch nicht reden und war schwer wie ein stein.

mag sein, andere haben das genossen. ich nicht. mir war auch nicht nach lachen zumute. statt dessen wurde mir oft übel. außerdem konnte ich die wirkung nicht kontrollieren: weder wann es anfing, noch wie stark es war, noch wie lange es dauerte. das war mir unheimlich.

vom kiff versteinert war ich mir und dem drumherum wehrlos ausgeliefert. das ging nicht. zumal dieser zustand bisweilen von anwesenden herren durchaus ausgenutzt wurde. zum glück kann ich mich nicht an alle erinnern.

nur einmal, weiß ich noch, da hatte ich echt spaß. das war 1982, auf ko samui am strand, in der bambushütte mit dem palmendach. wir hatten grüne kekse gegessen. sehr lecker. die wirkung setzte sehr spät ein und sehr heftig. den mann, der dabei war, mochte ich sehr.

als er mich verließ, ließ ich den shit und wandte mich verstärkt dem alkohol zu. das hatte ich damals besser unter kontrolle in menge und wirkung.

die zigaretten aber blieben, an die hatte ich mich gewöhnt, und sie sollten mich fast drei jahrzehnte lang begleiten. mo jour, ganz dame von welt: lässig am tresen lehnend, in der einen hand das glas mit drink nach wahl, in der anderen hand die zigarette, geistreich plaudernd, charmant und unschlagbar unnahbar.

mit dem drink nach wahl, das hat nach meinem entzug im herbst 1999 auch ohne alkohol funktioniert. die „wasserwelt“ im berliner hansaviertel am tiergarten wurde damals zu einer meiner lieblingsbars. man servierte die leckersten alkoholfreien getränke der stadt. welch ein genuss!

orte wie die wasserwelt halfen mir in den anfängen meiner abstinenz, nicht dem traurigen gefühl von verzicht zu erliegen und rückfällig zu werden.

heutzutage aber taugt die phantasie der rauchenden, trinkenden kultur- & musik-journalistin und polyglotten weltreisenden nicht mehr zur coolen selbstinszenierung. denn an vielen tresen der welt ist inzwischen rauchverbot. wenn die protagonistin zum qualmen vor die tür muss, stirbt die illusion.

was bin ich da froh, dass ich mit dem nikotin rechtzeitig aufgehört habe. vor sieben jahren nämlich, am 30. april 2006, rauchte ich meine letzte zigarette.

nach dem ersten rauchfreien jahr, so heißt es, gilt eine ehemalige raucherin dann als nichtraucherin. diese bezeichnung finde ich nicht zutreffend und irreführend.

nichtraucherInnen haben nach meinem verständnis niemals im leben geraucht, niemals angefangen. ein paar probezichten vielleicht, aber das sollte es dann gewesen sein.

wer nikotinsüchtig ist und aufhört, hat meist einen ordentlichen entzug, der ziemlich lange dauern kann und den gesamten stoffwechsel betrifft.

für mich war es viel schwieriger „die erste zigarette stecken zu lassen“ als „das erste glas stehen zu lassen“. porca miseria*, was hat mich das nikotin gezickt!

mittlerweile habe ich nur noch ganz ganz selten das bedürfnis nach einer zigarette. dann horche in mich hinein und stelle fest, dass es meist etwas ganz anderes ist, das mir in dem augenblick gerade fehlt. etwas, das mit nikotin überhaupt nichts zu tun hat.

pause machen zum beispiel. mit den händen und mit dem kopf nichts tun, das fällt mir immer noch ganz schwer, wenn ich dabei nicht einem blauen dunst mit lustigen rauchringen hinterhersehen kann.

es soll ja menschen geben, denen macht so ein nikotinentzug überhaupt nix aus. die hören auf und gut is. bei mir war das anders. ich habe wirklich gelitten.

aber ich habe durchgehalten. mit kognitiver disziplin, ganz ganz viel geduld und sehr viel schokolade. dazu gummibärchen in krankenhausmengen. was hilft, hat recht.

heute bezeichne ich mich - analog zur „trockenen alkoholkerin“ als „kalte raucherin“. das bringt für mich angemessen zum ausdruck, welch eine enorme anstrengung und leistung es sein kann, etwas NICHT zu tun. erst recht, wenn eine danach süchtig ist. dass mir das bis heute gelingt, darauf bin ich stolz.

als im sommer 2008 in den meisten kneipen bundesweit ein rauchverbot eingeführt wurde, war ich dankbar. lecker essen gehen ohne nikotinschwaden. das fand ich sogar als noch-raucherin sehr unappetitlich. da war ich paradox.

in nordrhein-westfalen tritt heute ein noch viel umfassenderes rauchverbot in kraft, das ebenso streng ist wie in bayern. das finde ich gut. das wünsche ich mir für baden-württemberg auch. wer sich vergiften möchte, möge das bitte bei sich zu hause tun und nicht noch andere da mit hineinziehen.

dass ich das rauchen (und trinken) nicht erst noch aufhören muss, dass ich den entzug hinter mir habe - darüber bin ich sehr erleichtert. das ist eine hart erkämpfte erfolgsgeschichte in meinem leben.


*ps.
tolle und kostenlose unterstützung fürs rauchfrei werden gibt es übrigens bei der BundesZentrale für gesundheitliche Aufklärung in Köln.

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Dienstag, 30. April 2013

bloggerin schenkt paradies

erinnert ihr euch?

vor einer woche habe ich hier am 23. april 2013 als kleinen beitrag zum welttag des buches die "passage ins paradies" vorgestellt. "blogger schenken lesefreude" hieß die aktion, an der ich mich beteiligt und das buch zur verlosung freigegeben habe.

mehr als zwanzig leserInnen haben sich in den kommtaren beteiligt - und ich hatte heute die schöne aufgabe, eine gewinnerIn zu ermitteln.

da Ginivra, meine allerliebste Chief Executive Cat im Büro für besondere Maßnahmen, in der disziplin "Glückskatze" über weitreichende erfahrungen verfügt, habe ich diesen verantwortungsvollen job gerne an sie delegiert:

Glückskatze verlost Paradies
sie hat viel raschelndes aufhebens gemacht um ihre wahl - und nun steht fest:

gewonnen hat die Regenfrau vom blog "Gedanken einer Müßiggängerin" - herzlichen glückwunsch!

allen anderen ein dickes dankeschön fürs mitmachen an dieser wunderbaren aktion - und vielleicht bis zum nächsten mal ...


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Dienstag, 23. April 2013

passage ins paradies

welttag des buches am 23. april
- blogger schenken lesefreude -
buchverlosung!

heute vor dreihundertsiebenundneunzig jahren starb William Shakespeare. angeblich. dieser literarische trauertag wurde 1995 von der UNESCO zum Welttag des Buches erklärt.


aus diesem anlass haben die GeschichtenAgentin Dagmar  und Christina von Pudelmützes Buchwelten  die aktion „Blogger schenken Lesefreude“  gestartet, an der sich nun in dieser woche mehr als 1000 (!sic!) blogs beteiligen und je mindestens ein buch verlosen.

da habe ich gar nicht lange gefackelt, mich sofort in meine umfangreiche bibliothek begeben und ein buch herausgesucht, das eines internationalen welttags würdig ist.

Passage im blühenden Rosmarin

dieses buch ist entstanden, weil es auf dieser welt viele menschen gibt, die nicht immer nur sesshaft ihr leben lang an einem einzigen platz hocken, sondern - aus vielerlei gründen - ihren geburtsort verlassen und woanders hingehen. weite reisen, kurze reisen, für länger oder für immer. freiwillig oder weil es dort, wo sie herkommen, sehr ungemütlich ist.

je nachdem wieviel geld sie in der tasche haben und wie lange sie bleiben, nennt man sie touristen, geschäftsreisende, einwanderer oder flüchtlinge. flüchtlinge werden in vielen ländern nicht gerne gesehen, weil sie - angeblich - nur geld kosten und nichts mitbringen. das ist leider auch bei uns und in den anderen ländern der EU so.

ich finde das ja quatsch, weil die erde niemandem gehört, und eigentlich müsste jedeR jederzeit an jeden beliebigen ort gehen dürfen. wenn mein pass nicht deutscher wäre, und wenn badisch südwest nicht zu deutschland gehörte, dann wäre ich jetzt auch ein flüchtling und würde vermutlich wieder zurück geschickt nach nordost, wo ich vorher war und nicht mehr leben wollte. aber ich habe glück: auf der fast 1000km-strecke zwischen berlin und dem Büro für besondere Maßnahmen gibt es keine staatsgrenze, und ich darf bleiben ohne visum, ohne aufenthaltsgenehmigung. einfach so und solange wie ich will. dafür bin ich dankbar.

anderen reisenden geht es nicht so gut, sie brauchen unsere unterstützung. Ute Bock in Wien zum beispiel, sie hilft flüchtlingen mit ihrem verein, organisiert spenden, bildung und soziale unterstützung.

so ist die anthologie „Passage ins Paradies“ entstanden. als buch von und für menschen, die um die welt gereist sind, um einen lebenswerten ort zu finden. es ist ein buch, das zu weltreisen im eigenen kopf verführt und nun auch selbst um die welt reisen soll - deswegen verlose ich es hier.
"Der Wind kennt keine Grenzen, und er hat keinen Pass. Er zieht über alle Länder hinweg, weht Zeitungen durch die Straßen und Düfte um die Ecke. Wir haben ihn auf Reisen geschickt. Er kam zurück mit einer ganzen Menge Geschichten, wie sie unterschiedlicher nicht sein könnten."
... schreibt der Residenz-Verlag selbst dazu und hat dreißig grenzenlose geschichten in diesem buch versammelt, von dessen erlös ein teil dem flüchtlingsprojekt von Ute Bock zugute kommt.

unter den autorInnen sind Doris Dörrie und Janosch, Christine Nöstlinger und Michael Ende. das buch ist für kinder ab 10 jahre, hat 2009 den kinder- und jugendbuchpreis der stadt wien erhalten - sprüht nur so voller lebendiger impulse und ist für erwachsene nicht weniger spannend.
Passage ins Paradies - Grenzenlose Geschichten
Hrsg. Verein Ute Bock, illustriert von Annett Stolarski
Residenz-Verlag, St. Pölten (A) 2008, ISBN 978-3-7017-2043-9
Hardcover - einmal gelesen, sehr guter zustand
wer es gewinnen möchte, schreibt einfach einen kommentar unter diesen text. einsendeschluss ist am 29.04.2013, 23:59 Uhr, die gewinnerIn wird am 30. april 2013 per los ermittelt und per email benachrichtigt, ich gebe keine daten an dritte weiter und schließe den rechtsweg aus.

viel glück!

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ps.
auch Ginivra nebenan verlost ein buch - "Die einäugige Katze" - was sonst?!

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pps am 30.04.2013
hier geht es zur bekanntgabe der gewinnerin: http://mojour.blogspot.de/2013/04/bloggerin-schenkt-paradies.html

Montag, 15. April 2013

den schmerz zurückgeben

mehr als dreißig jahre sind vergangen, seitdem ich - kurz nach meinem 18. geburtstag - bei den eltern auszog. 150 mark warm kostete meine erste eigene wohnung - zwei kleine zimmer zur untermiete bei einem lehrer-ehepaar in der kölner südstadt. die eltern gaben mir das kindergeld und ein bißchen mehr. was ich sonst noch brauchte, verdiente ich mit diversen jobs.

die erste Pusteblume, April 2013

in der schule verstand das niemand: „warum ziehst du denn aus, wo doch deine mutter für dich kocht und die wäsche wäscht? und der schulweg dauert jetzt auch viermal so lange.“ sie hatten ja recht.

aber ich hielt die enge bei den eltern nicht mehr aus. wie eng es tatsächlich war in geistiger und emotionaler hinsicht, das mochte ich mir damals noch gar nicht eingestehen. ich redete mich auf die quadratmeter raus, die enge dunkle wohnung, das gemeinsame zimmer mit der jüngeren schwester. unerträglich, schon lange.

zu diesem zeitpunkt hatte ich das schlimmste erfolgreich verdrängt. es hätte sowieso niemand hören wollen, wie es mir wirklich ging. offiziell hieß es „wir können doch über alles reden.“ klar. aber wenn ich mal ein problem hatte, kam die ansage: „da musst du jetzt alleine durch. da kann dir keiner helfen.“ tja.

die eltern hatten mich gut dressiert: sobald ich etwas sagte, das nicht in ihr bild vom unkomplizierten vorzeige-wunschkind passte, gar eine eigene meinung kundtat - dann gab es böse worte, keifen und fauchen. bestenfalls zynische bemerkungen und eiskalte gleichgültigkeit.

wenn ich fror oder traurig war, schob ich das aufs schlechte wetter. besser so. das gab wenigstens nicht noch zusätzlich miese stimmung. es war oft schlechtes wetter. ich lernte, mich und mein unglück unter den teppich zu kehren und verstummte.

ich kehrte in meiner seele so gründlich, dass ich die lügen der eltern verinnerlichte und selbst daran glaubte, dass alles immer schön und harmonisch war. wie konnte ich damals wissen, dass meine traurige kindheit mich ein leben lang verfolgen würde?

zwar hatte ich den - ohnehin seit jahrzehnten nur spärlichen - kontakt zu den eltern im sommer 2008 ganz abgebrochen. doch dann hatte der vater im sommer 2012 den kontakt zu mir gesucht.

aber er wollte weder reden noch hören, wie es mir wirklich geht. weder er noch die mutter wissen bis heute, was ich für ein mensch geworden bin. es scheint sie auch nicht zu interessieren.

es war alles so wie früher. er klopfte seltsame sprüche, heischte aufmerksamkeit. die mutter beschimpfte mich am telefon, beleidigte mir liebe menschen. unfähig zu jeglicher selbstkritik. wenn ich früher erzählte, dass es mit nicht gut geht, fing sie an zu weinen. dann musste ich nicht nur mit meinen eigenen existentiellen problemen fertig werden, sondern auch noch die mutter trösten. wenn es mir nicht gut geht, will sie auch nicht mit mir reden. sie legte bald auf.

in mir kam alles wieder hoch. meine sorgsam verdrängte angst und verzweiflung aus kinderzeiten, die einsamkeit, das gefühl des ausgelieferten verlorenseins - und die gedeckelte wut. oh diese wut. ich weiß gar nicht, wie so viel hass in mir platz haben kann.

die ignoranz der eltern, ihre verlogene selbstzufriedenheit haben mich einmal mehr zutiefst verletzt. ich weiß, die hoffnung stirbt zuletzt. ich hatte wirklich darauf gehofft, dass sie ihre bitte um „wiederannäherung“ ernst gemeint hätten. hatten sie aber nicht. bzw., was sie darunter verstanden, war eine fortsetzung meiner qual mit denselben alten mitteln: sie sind tolle unfehlbare eltern, und ich habe gefälligst den mund zu halten. wenn es mir immer noch nicht gut geht, dann kann das nur daran liegen, dass meine therapeuten schlechte arbeit machen. genau.

die eltern sind der meinung, dass therapie den alleinigen zweck hat, ihre elterliche feindseligkeit und den emotionalen missbrauch klaglos auszuhalten. so wie früher, als ich ihr verhalten aufgrund mangelnder vergleichsmöglichkeiten für normal halten musste. wenn das kind aber auf die idee kommt, sich lieber nicht mehr quälen lassen zu wollen, dann haben offensichtlich die psychologen versagt.

im letzten sommer begann ich also, einen brief an die eltern zu schreiben. weil sie nicht reden wollten. ich schrieb ihnen, wie es mir als kind ging, was mir passiert ist, wie verzweifelt und hilflos und unglücklich ich war. wie sehr die angst mich aufgefressen hat. dass ich schon als schulmädchen vaters schnaps trank, mit 15 (heimlich) die erste therapie machte und vom taschengeld bezahlte, mit 16 den ersten suizidversuch ….

der brief ist sehr lang geworden. weil sie sich immer beschwert haben, dass meine schrift so unleserlich sei, habe ich den brief gedruckt.

ich habe - wieder sehr rational - auch geschrieben, dass ich nicht davon ausgehe, dass sie irgend etwas absichtlich getan haben, um mir weh zu tun. dass ich sehr wohl weiß um ihre verletzte kriegskindheit und sie sicher alles so gut gemacht haben wie sie nur konnten.

aber sie konnten es nicht, und es war nicht gut: die eltern waren durchaus daran beteiligt, dass aus mir hochbegabtem, sensiblen, kreativen kind ein seelisches wrack geworden ist, das - frühkindlich mulitpel traumatisiert - auf ein dutzend suizidversuche, eine lange suchtgeschichte und unzählige selbstverletzungen bis zum heutigen tage zurückblickt. sie sind die menschen, die mir in meinem leben am meisten geschadet haben.

so sehr viel schmerz habe ich in diesen brief gelegt, dass er kaum zu schließen war, und ich habe ihn sofort danach auf den weg gebracht. keine minute länger wollte ich weder brief noch schmerz im haus haben. vielleicht auch aus angst, ich könnte es mir über nacht anders überlegen und einmal mehr die eltern verschonen, ihnen ihre lebenslügen lassen - so wie ich es als kind bei strafe gelernt habe.

es ist noch nicht ausgestanden. die wut in mir kocht weiter, der hass frisst mich von innen. lässt mich mir selbst dinge antun, die ich nicht meinen ärgsten feinden wünsche. obwohl ich ihnen nur schrieb, wie ich meine kindheit und jugend erlebte, habe ich ein schlechtes gewissen: wie konnte ich den alten leuten, beide über 80, das antun?

dennoch: in mir ist es bedeutend friedlicher geworden. beim schreiben des briefes habe ich viel geweint, geflucht und gespuckt. das innere kind immer auf dem schoß. zwischendurch musste ich ihr einen schokoladenkuchen backen. sonst hätten wir das nicht ausgehalten.

wir haben uns den schmerz angesehen. stück für stück. mit großer kraft. haben ihn gesammelt, in die tüte gepackt und an die verursacher zurück geschickt.

return pain to sender.

ob und wie die familiengeschichte sich nun weiterdreht, bleibt abzuwarten.

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