Montag, 22. Dezember 2014

Jahreszitat 2015

Wie jedes Jahr sitze ich auch in diesem Dezember mit dem Kalender und blättere mich durch die vergangenen zwölf Monate.

Was war wichtig? Was habe ich bewegt? Was hat mich bewegt? Welche Richtung möchte ich dem kommenden Jahr geben? Welcher Gedanke wird mich leiten?

In 2014 erlaubte ich mir, in keine Schublade zu passen und trotzdem wunderbar zu sein - und begann das Jahr noch in der Neujahrsnacht mit einem Versprechen an mich selbst:

"Ich muss ans Meer. For good! In diesem Jahr noch mach ich's wahr."

Tsukioka Yoshitoshi,
Abkühlung am Fluss
(Quelle: Wikimedia Commons)

Viele Flüsse, Ströme, kleine Bäche, kleinste Rinnsale sind ins Meer unterwegs, werden irgendwann vereint zum Ozean. Was so ein Wassertropfen kann, das sollte doch auch mir gelingen? Schließlich besteht auch ein Mensch zu 70% Prozent aus Wasser. Noch dazu steht mein Mond in den Fischen.

Vielleicht rührt daher meine Sehnsucht. Ans große Wasser!

Das Schicksal hat mich zur Landratte gemacht. Aber jetzt, mit 50plus, da könnte ich doch den Strömen meiner Sehnsucht folgen, mit ihnen an die See ziehen.

Salzwasser auf meiner Haut! Nicht nur in den seltenen Ferien, nicht immer nur geweint.

Seither bin ich mit Planungen, Vorbereitungen und der Realisierung meines Lebenstraums beschäftigt.

Es ist anstrengend. Es ist aufregend. Veränderungen nicht nur im Außen.

Auch die Veränderungen in meinem Innern sind so dermaßen aufwühlend, dass ich mich hier im Blog seit Monaten nicht „äußern“ konnte. Konnte nicht nach außen tragen, was innen gärt, noch unsortiert ist. Kann es auch jetzt nicht.

Nur so viel:

Ich schwimme. Den Kopf über Wasser. Bewege mich auf mein Ziel zu, mit all meiner Kraft. Manchmal werde ich von kosmischen, oft auch von menschlichen Energien unterstützt – dann ruhe ich ein wenig aus, lasse mich treiben, wieder ein Stück weiter. Die Richtung stimmt. Meerwärts.

Mein Leben lang bin ich einem Irrtum aufgesessen. Der Spontispruch meiner Jugend 

„Nur tote Fische schwimmen mit dem Strom“

- oder, wie Konfuzius sagte 

„Um an die Quelle zu gelangen, muss man gegen den Strom schwimmen“

- der stimmt für mich nicht mehr! Inzwischen kenne ich die Quellen meiner Kraft. Weiß, wo sie liegen und wie ich daraus schöpfen kann. Aber das ist die falsche Richtung für eine, die genug hat von den tröpfelnden Rinnsalen, die sich endlich verströmen will und deren Ziel das große Ganze ist.

Praktischerweise hat Konfuzius auch gleich das Gegenteil von sich selbst behauptet:

„Nur wer mit dem Strom schwimmt, wird das Meer erreichen.“

Wer also ans Meer, wer ins Meer will, die muss mit dem Strom schwimmen. Das ist nicht weniger anstrengend als flussaufwärts. Denn auch meerwärts heißt es, den Kopf oben, den Überblick behalten und nicht in der Masse untergehen, nicht in den Netzen der Schlepper landen.

Sonst ist alles kraftzehrende Schwimmen völlig vergebens. Wer ans Meer will, braucht eine tierische Kondition.

Unterwegs ans Meer meiner Träume bin ich durch Rinnsale, durch Bäche, durch Flüsse geschwommen, beinahe in den Stromschnellen an Felsen zerschellt, bin festgesessen in geschlossenen Schleusen und fast ertrunken im Strom der Erschöpfung.

Es war nicht immer schön, das viele Kopfunter, das lange Strampeln auf dem Trockenen. Auch das dumpfe Dümpeln im trüben Teich, dem ich zu Beginn in grandioser Verirrung ozeanische Ausmaße andichtete. Ich wäre fast darin erstickt.

Aber es war wohl alles wichtig.

Noch bin ich nicht am Ziel, kann das Meer noch nicht sehen. Doch es ist nicht mehr weit. Alles ist im Fluss. Noch ist es anstrengend, und ich robbe bisweilen mit letzter Kraft. Aber ich bin gut unterwegs, und ein Ende dieser beschwerlichen Reise ist in Sicht. Ein paar große beängstigende Anstrengungen noch, dann …

Ein Aufatmen, ein frischer Wind um die Nase, ein neuer Horizont vor Augen – bald!

Mittlerweile bin ich mit allen Wassern nicht nur gewaschen. Deswegen soll mein Motto für das Jahr 2015 auch etwas mit dem Meer zu tun haben. Ich habe verschiedene Textstellen gefunden:
  1. Das Meer verweigert auch den kleinsten Flüssen nicht den Zutritt. Daher seine Tiefe. (aus Japan)
  2. „Einmal ans Meer gelangt, sprichst du nicht mehr von Nebenflüssen.“ (aus Persien, von Sufi-Meister Hakim Sanai, 12. Jhdt.)
  3. „Wer die schiere Weite des Meeres erfahren hat, dem gefällt kein anderes Gewässer mehr.“(aus China)
Alle Varianten sind scheinbar ähnlich, haben für mich aber in Nuancen unterschiedliche, fast gegensätzliche Bedeutungen.

Im japanischen Sprichwort und in der chinesischen Version steckt das hierarchiefreie Nebeneinander von verschiedenen Aspekten mit unterschiedlichen Qualitäten. Auch Kleines ist unverzichtbar, weil Großes sonst nicht möglich wäre. Weil auch die kleinen Gewässer als Wegweiser, Richtungsgeber und Bestandteil des Ganzen wichtig sind. Kein quantitatives Mehr oder Weniger, kein wertendes Besser oder Schlechter – einfach ein qualitatives Anders, ein gleichberechtigtes 'sowohl als auch'. Das mag ich.

Das arabische „nicht mehr sprechen von“ mag bedeuten, angesichts des ozeanisch überwältigenden großen Ganzen, den lästigen Kleinkram, der unterwegs so bedeutungsschwer war, nun anders einzuordnen, für weniger wichtig zu halten und die Mühsale des Wegs vergessen zu können, wenn man am 'höchsten' Ziel angelangt ist. Das finde ich in Ordnung, alles zu seiner Zeit.

Es könnte aber auch bedeuten, die kleinen Flüsse für unwichtig zu erklären, sie einem höheren Ziel zu 'opfern'. Den plätschernden Schwätzern keine Aufmerksamkeit mehr zu schenken, wenn „das einzig Wahre“ gefunden ist. Das ist diskriminierend. Das mag ich nicht so. Denn auch der Weg ist das Ziel.

Mir gefällt eine weitere chinesische Variante am besten, weil sie alle Deutungen in sich birgt, eine wertfreie Mischung der anderen Zitate ist:

„Wer einmal das Meer gesehen hat, 
betrachtet die kleinen Flüsse mit anderen Augen.“

Wer das Große kennt, für den haben Kleinigkeiten eine andere Bedeutung. Die Erfahrung macht den Unterschied.

Zum großen Wasser will ich hin. Den Spätsommer und den Herbst meines Lebens verbringen. Bei Vollmond auf dem Steg am Wasser sitzen, die Füße im salzigen Nass erfrischen. Ob mich die kleinen Wässerchen dann noch werden trüben können, das wollen wir doch mal sehen.

Damit ist mein Jahreszitat für 2015 gekürt und erklärt.

Die kommenden zwölf Monate werden zeigen, was an Deutungsmöglichkeiten und Bedeutungen sonst noch darin steckt.
Vielleicht habt IHR ja auch noch eine Idee? Lasst es mich wissen!

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Sonntag, 26. Oktober 2014

Sommerzeit – Winterzeit

Es ist jedes Jahr die gleiche Prozedur:

Nicht nur am ersten Sonntag nach dem Frühlingsanfang im März stellt sich am frühen Morgen nicht wie sonst als erstes die Frage, ob eine ihr Frühstücksei heute lieber gekocht oder zur Abwechslung mal Sunny-Side-Up möchte.

Winterzeit-Berg

Statt dessen ein kurzsichtiger, noch ein wenig nachtblinder Blick zur Uhr an der Wand: „Muss ich die Uhr nun eine Stunde vor oder eine Stunde zurückstellen?“ 

Genau so lautete auch heute Morgen – am letzten Sonntag im Oktober – die bange Frage.

Glücklich ans Spiegeleier braten macht sich nun diejenige, deren Uhr funkferngesteuert sich in tiefschlafender Nacht um drei Uhr wie von Geisterhand geschoben von selbst auf zwei Uhr zurückgedreht hat.

Auch alle, die schon vor dem Frühstückstablett das Tablet oder ihr Smartphone auf dem Nachttisch liegen haben, wissen aufwandsfrei Bescheid: Die Technik erledigt das Umstellen der Zeit von alleine. Wer es nicht weiß, merkt noch nicht einmal etwas davon und braucht keinerlei Gedanken daran zu verschwenden, wie man das Sommer- oder Winterzeitliche nun am besten segnet.

Statt dessen freuen die unwissend Glückseligen sich dotterweich auf ein glücklich freilaufendes Hühnerei mit handgezupftem Jahrgangsmeersalz.

Ich hingegen kriege vor der zweiten Tasse Kaffee sowieso keinen Bissen runter. Das ist gut so, denn auf diese Weise habe ich ausreichend Zeit, mich bei jeder meiner ungefähr acht Uhren ausführlich mit dem Phänomen der Zeitumstellung zu beschäftigen.

Vor oder zurück? Zurück oder vor?

Eigentlich sollte man das wissen. Weihnachten ist ja auch jedes Jahr am selben Tag. Wieso also ist das mit der einen Stunde Zeitunterschied so schwierig?

Schließlich wurde die Sommerzeit bei uns schon in den siebziger Jahren des letzten Jahrhunderts wieder eingeführt. Vor mehr als 40 Jahren also. Das sind mehr als zwei Drittel meines Lebens! Die Mehrheit der Deutschen ist so jung, dass sie es überhaupt nicht anders kennt.

Und trotzdem muss es regelmäßig alle Jahre wieder in allen Medien aufs Neue ausführlich erklärt werden. Sogar zwei Mal im Jahr: Am ersten Wochenende nach Frühlingsanfang wird die Uhr um eine Stunde vorgestellt – und am letzten Wochenende im Oktober um eine Stunde zurückgedreht.

Für mich hat sich da eine kleine Eselsbrücke als sehr hilfreich erwiesen:

Die Sommerzeit wurde nach der Ölkrise von 1973 eingeführt. Damals gab es im November und Dezember sogar autofreie Sonntage, und auf den Autobahnen konnten wir an diesen Tagen Rollschuh laufen oder Fahrrad fahren!

Es ging ums Energie sparen. angeblich. Morgens ist es im Sommer sowieso schon so früh hell, dass man sein Frühstücksei auch ohne elektrisches Licht gebacken kriegt – selbst wenn man eine Stunde früher aufsteht.

Deswegen wird uns mit der Umstellung auf die Sommerzeit sozusagen eine Stunde Lebenszeit geklaut: Nämlich genau die sechzig Minuten zwischen zwei und drei Uhr früh. Die erleben wir in dieser Nacht gar nicht, weil es sie nicht gibt.

Man könnte auch sagen, dass wir diese Stunde nur „ausleihen“ – denn bei der Umstellung auf die „Winterzeit“ erhalten wir genau diese sechzig Minuten zwischen zwei und drei Uhr zurück und erleben sie dann Ende Oktober – also in der vergangenen Nacht – gleich zwei Mal.

Man könnte sich auch fragen: Zeit ist Geld, und wenn ich eine Stunde meiner nächtlichen LebensZeit für ein halbes Jahr ausleihe, wie sieht es dann mit den Zinsen aus?

Nun, was die Zeitzinsen angeht, so fühle ich mich reich beschenkt:

Ich bin ein Wesen, das eher abends lebt und sich tagtäglich freut, wenn es abends eine Stunde länger hell ist.

Jeden Frühlingssommertag, sieben Monate lang, konnte ich die Welt abends eine Stunde länger sehen und meine (meist Frei-) Zeit genießen; konnte noch bei Tageslicht spazieren gehen oder im Garten werkeln, am See sitzen oder mit der/dem Liebsten in den Sonnenuntergang reiten.

Dafür gebe ich doch gern eine Stunde aus der Frühlings-Tagundnachtgleiche her, wenn es im Anschluss mehr als zweihundert Mal die gleiche Zeit in Lichtzinsen gibt. Das nenne ich mal einen Deal!

Umso trauriger bin ich Jahr für Jahr Ende Oktober, wenn ich dann zwar meine im Frühjahr verliehene Lebenszeitstunde zurück bekomme und eine Nacht lang eine Stunde länger schlafen darf – ansonsten aber der deutschgraue Winterherbst mit einem Schlag pünktlich zum Fünf-Uhr-Tee auf stockdunkel schaltet.

Spätestens dann, wenn mit der Winterzeit auch die Witterung auf deutschgrau umschaltet und kaum noch über drei Grad Nieselregen hinauskommt, möchte ich mir am liebsten den Bauch mit buntem Herbstlaub füllen und mich in den Winterschlaf begeben.

Daraus würde ich erst zur nächsten Zeitumstellung erwachen, wenn es wieder heißt: Eine Stunde der Nacht abgeben. Ausgeschlafen genug wäre ich dann ja wohl.

Da ich als Mensch für diese Art der Realitätsflucht aber genetisch nicht eingerichtet bin, hilft nur eines:

Genau hinsehen, welche meiner acht Uhren sich in der Nacht schon automatisch angepasst haben. Den Rest eine Stunde vorstellen. Oder zurückdrehen.

Und dann die Sonntagseier braten. Die gibt es während der Winterzeit immer mit Speck, nach alter rheinländischer Tradition.

Schließlich bedarf es einer tierischen Kondition, um die kommenden dunklen fünf Monate lebendig und locker zu überstehen.

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Sonntag, 19. Oktober 2014

Wellengang

Mein Leben lang schon habe ich mich nach dem Meer gesehnt, mit allen Sinnen. Ich sehne mich nach der See, nach den Geräuschen und Gerüchen von Wasser und Wellen. Nach dem Gefühl von Salzwasser auf der Haut und Sand zwischen den Zehen.

Ostsee bei Warnemünde

Ich weiß nicht, ob irgend jemand diese Sehnsucht in all ihrer Heftigkeit nachvollziehen kann. Sie ist so dermaßen groß, dass ich das Wort „sehnen“ in Gedanken immer mit Doppel-E schreibe und ohne H: see-nen. Ich sehne mich nicht nur, ich seene mich an die See.

Das See-seenen ist stärker als die Sehnsucht nach anderen Orten. Die See gibt mir eine innere Ruhe wie nichts sonst auf der Welt. Die Seensucht nach der See ist bisweilen sogar stärker als die Sehnsucht nach Menschen, Tieren oder anderem für mein Wohlergehen Wichtigem.

Sobald ich die Wellen höre, sobald ich das Salz rieche, sobald ich an der Wasserkante stehe – dann geht es mir gut. Oder zumindest besser.

Mein Puls verlangsamt, der Atem beruhigt sich und wird tiefer, ich kriege wieder Luft, meine Augen ruhen entspannt im fernen Horizont  und sogar der Tinnitus scheint zu verstummen im Rollen der Wassermassen.

Eine Reise, die mich nicht auch ans Meer führt, fühlt sich nicht wie Urlaub an, entspannt mich nicht wirklich. Diese große Wirkung kann ich weder rational begründen noch logisch erklären. Ich spüre sie einfach – auch wenn es dafür kein Messgerät gibt.

Die Seensucht nach dem Meer ist in mir. Immer. Und die Wirkung setzt ein, sobald ich an der Wasserkante stehe. Immer.

Vielleicht liegt es daran, dass mein Horoskop den Krebs im Aszendenten hat. Das vorsichtige Wassertier, das Konfrontationen scheut und sich den Dingen eher schüchtern von der Seite nähert statt frontal darauf zu zu steuern. Und sich ins Wasser flüchtet, wenn es gefährlich wird.

Vielleicht liegt es auch an etwas ganz anderem. Was im Grunde aber egal ist.

Wichtig ist für mich vor allem, dass ich weiß, was mir gut tut.

Besonders gut tut mir ein ausgedehnter Wellengang.

So nenne ich meine Spaziergänge und Wanderungen am Strand, immer an der Wasserkante entlang. Am liebsten mit nackten Füßen, wenn die Temperaturen von Luft und Wasser es zulassen. Dann plitsche ich mit den Fußsohlen in die Wellen, die sanft am Strandsand lecken, bevor sie sich wieder zurückziehen oder versickern.

Diese Wellengänge können meine Konzentration vollständig in Anspruch nehmen. Wasser, Wind, Horizont, Sand, Steine, Buhnen, Boote, Segelschiffe, Seetang, Möwen, Muscheln, meine Füße halb im Wasser, Schritt für Schritt ... Nichts kann mich dann ablenken, meine Gedanken sind fokussiert, der Geist wird ruhig.

Es ist eine Art Meditation. Es ist MEINE Art der Meditation, die mir hilft wie keine andere, in meine Mitte zu finden, selbst wenn die Welt um mich herum in Stücke fällt.

Ausatmen. Einatmen. Sein. Jetzt.
Es wird Zeit.

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Montag, 28. Juli 2014

Rose Sélavy

- Rosenworte am Montag -

Als Künstler fasziniert er mich seit meiner Studienzeit: Marcel Duchamp (*28. Juli 1887), voll feiner Ironie in seinen Werken, hintergründig und aufmüpfig, intelligent und immer mit mindestens einem Augenzwinkern, dada und surreal. Eine seiner wichtigsten Arbeiten nannte er selbst "Das unbekannte Meisterwerk".

Duftendes Leben, Liebe, Rose

Rose Sélavy war eines seiner Pseudonyme, dem er später - wegen der klareren Aussprache - noch ein kleines "r" voransetzte:

rRose Sélavy - Eros, c'est la vie, a rose ... Die Liebe - das ist das Leben. Dazu ließ er sich von Freund Man Ray in Frauenkleidern fotografieren.

Mit Wortspielen solcher Art gab Duchamp der Kunstwelt Rätsel auf und verwirrte sein Publikum, indem er u.a. den Zufall konservierte und wiederholbar machte in seinen "Norm-Stoppagen", die heute zur Sammlung des MoMA Ney York gehören.

Kunst kommt nicht immer von Können. Wobei Können in Verbindung mit Kunst sicher nicht von Schaden ist. Können allein reicht aber bei weitem nicht aus, damit so etwas wie Kunst entsteht.

Marcel Duchamp hat aufgeräumt mit dem Mythos, dass Kunst immer nur gut sein muss. Statt dessen hielt er Kunst für "die einzige Tätigkeitsform, durch die der Mensch als Mensch sich als wahres Individuum manifestiert".
"Ich möchte ganz einfach sagen, daß Kunst gut, schlecht oder indifferent sein kann, aber daß wir sie, gleich mit welchem Beiwort, Kunst nennen müssen: schlechte Kunst ist immer noch Kunst, wie ein schlechtes Gefühl doch ein Gefühl ist."
Hier entlang geht es zu einem Interview der BBC mit Marcel Duchamp, entstanden in seinem Todesjahr 1968. Ironisch und heiter wirkt der Künstler über seinen Tod hinaus. Auf seinem Grabstein in Rouen steht:
"D'ailleurs, c'est toujours les autres qui meurent"
(Übrigens, es sind immer die anderen, die sterben.)

Wer tiefer eintauchen möchte in die Welten des Marcel Duchamp, dem empfehle ich die Bücher von Thomas Zaunschirm, der es in seiner Zeit als Gastprofessor in Freiburg verstanden hat wie kein anderer, Kunst spannender als jeden Krimi zu vermitteln.
(Damals, in den 80er Jahren, als mein Leben noch Inhalte hatte ...)

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Donnerstag, 24. Juli 2014

Loveparade 2010

Vier Jahre ist das heute her: Zuerst hörte ich die News im Radio, dann sah ich sie im Fernsehen, im Internet: Massenpanik bei der Loveparade in Duisburg. Viele Tote, noch viel mehr Verletzte.

Auch heute kein Ausweg:
Der Pfad ins Licht endet an einem Zaun.

Es war ein Samstag. Nur wenige Tage vorher war ich – wieder einmal – arbeitslos geworden und war beschäftigt mit den letzten Vorbereitungen für einen bevorstehenden Klinikaufenthalt. Sechs Wochen sollte ich an die Ostsee fahren. Wegen Tinnitus und Kopfschmerzen, wegen Depressionen, wegen Burnout, wegen posttraumatischer Belastungsstörung. Ich hatte darum gekämpft, freute mich sogar darauf und konnte noch nicht ahnen, dass es mir hinterher schlechter gehen würde als vorher.

Ich hörte beim Kofferpacken die Nachrichten und konnte doch nicht verstehen, was und wie passiert war. Loveparade. Hm. In Duisburg? Hm.

Anfang der 1990er Jahre hatte ich die Anfänge der Loveparade in Berlin auf dem Kurfürstendamm miterlebt – dieses kleine liebenswerte Spektakel.

In den späteren, etablierten Jahren der Loveparade habe ich die kommerzialisierte Massenveranstaltung gemieden bzw. weiträumig umfahren. Das interessierte mich nicht. Es war nicht meine Musik. Es war zu laut, zu viele Menschen auf einen Haufen, zu heiß.

Regelmäßig am Sonntagmorgen danach fuhr ich mit dem Rad durch meinen geliebten Tiergarten und war entsetzt über den Gestank nach Fäkalien und Alkoholika, die Massen an Müll und untoten durchgeknallten Partyleichen, die zerstörten Wiesen, Beete, Bäume, Hecken.

Am Schlimmsten aber war mir die Totenstille. Kein einziger Vogel war zu hören – als seien sie allesamt tödlich getroffen durch das Dröhnen der Bässe von den Bäumen gefallen.

Jahr für Jahr musste der Tiergarten quasi neu angelegt werden. Ich habe die Loveparade jener Jahre gehasst – und war froh, als sie in Berlin nicht mehr stattfinden durfte.

Meine Meinung dazu war schlicht: Wer den Dreck macht, soll ihn auch wegräumen bzw. die Kosten übernehmen für dessen Beseitigung und die Wiederherstellung der Schäden. Wer Party will, muss auch die Konsequenzen tragen und darf das Ganze nicht verlogen als „Friedensdemo“ deklarieren, um Geld zu sparen.

Aber nun Duisburg. Wie kam die Loveparade da plötzlich hin? Das war völlig an mir vorbeigegangen, war mir so schnurzepiep wie Babynahrung: Zwar irgendwo vorhanden und für manche anderen Menschen vielleicht wichtig, berührte mein Leben aber nicht.

Ich sah Duisburg vor Augen. Düsterstes Duisburg meiner traurigen Kindheit. Dunkelschwarz rußverschmutzt und regennassgrau. Die schlimmsten Zeiten, die bösesten Verletzungen hatte ich in Duisburg erlebt. Flashback.

Die Treppe, die für manche Rettung und
für andere eine tödliche Falle war

Den Karl-Lehr-Tunnel erinnerte ich. Der war schon immer finster. Lang und düster. Voller Gefahren. Laut und ohne Zuflucht. Dunkle Straße. Unheimlich. Kaum Licht. Zu viele Autos, die gnadenlos vorbeirumpelten.

Warum waren da jetzt Menschenmassen, um Musik zu hören und zu feiern? Unvorstellbar. Das passte einfach nicht zusammen. Der Karl-Lehr-Tunnel war in der Erinnerung meines inneren Kindes ein Ort, an dem das Wort „Sommerparty“ nicht stattfand, keinen Platz hatte – und ist es bis heute.

Ich sah die Berichte im Fernsehen, fand Berichte und Videos von Augenzeugen im Internet. Am eindrücklichsten, am verstörendsten waren die Filme von "Pizzamanne". Es war schrecklich, nahm mich mit, ich sah es mir trotzdem immer wieder an.

Auch noch, als ich schon längst in der Klinik war. Es schien meine eigenen Katastrophen zu relativieren, wenn ich mit den Opfern der Duisburger Loveparade fühlte und litt, mit den Überlebenden, den Familienangehörigen und Freunden.

Gleichzeitig gab es mir das Gefühl, mit meinem endlosen Schmerz, für den es in meinem Leben sonst weder Ort noch Zeit noch Raum gibt, nicht ganz alleine zu sein.

Es ist ein Paradox, und so schrecklich das klingen mag: In dieser Zeit war ich eine Trittbrettfahrerin des Schmerzes.

Es hat eine Weile gedauert, bis ich mir auf die Schliche kam. Es ist eine Methode, die ich nicht nur dieses eine Mal angewendet habe. Es scheint fast so, als würde der eigene Schmerz nicht ausreichen, um angenommen und betrauert zu werden. Als würde man einen Verstärker brauchen. Eine Art von offiziell anerkannter Wunde, weil man mit dem eigenen Schmerz niemandem mehr kommen darf, nirgendwo ernst genommen und erst recht nicht getröstet wird.

Im vergangenen Februar hatte ich die Gelegenheit, mir die Gedenkstätte für den 24. Juli 2010 in Duisburg einmal anzusehen. Ich war lange dort und habe versucht, mir die Situation damals vorzustellen. Es ist mir nicht ansatzweise gelungen.

Gleichzeitig hatte ich das Bedürfnis, mich an diesem Ort bei den Opfern zu entschuldigen. Weil ich mir ihren Schmerz zu eigen gemacht habe. Unberechtigterweise.

Bis heute verstehe ich nicht, dass die Hauptverantwortlichen keine Verantwortung für das große Unglück übernommmen haben:

Veranstalter Schaller, der mit der Loveparade sein Geld verdient hat. Und Bürgermeister Sauerland, der die Loveparade unbedingt in seiner Stadt haben wollte. Mag sein, juristisch ist ihnen nicht beizukommen. Aber darum geht es nicht. Moralisch, menschlich haben in meinen Augen beide versagt. Durch ihr ignorantes Schweigen, ihr feiges Abtauchen und rückgratloses Wegducken haben sie alles nur noch schlimmer gemacht.

Natürlich bin ich nicht in der Position, zu richten. Es geht auch nicht um Rache oder Wiedergutmachung für etwas, das niemals wiedergutzumachen ist. Mit den Folgen ihrer Un-Taten müssen die beiden Herren alleine fertig werden.

Letzter Trost: Die Teddy-Zwillinge

Als ich im Februar dort war, hat es geregnet. Es war so grau, wie Duisburg eben grau sein kann. Ich hatte mein inneres Kind an der Hand, sie stand lange vor den Teddybären und den Blumen. Dann sah sie mich an und sagte „Hier war das nicht. Komm ich zeig's dir.“ Dann sind wir zum Bahnhof gelaufen und nach Ruhrort gefahren.

So habe ich es wieder auseinandersortiert: Den eigenen alten Schmerz habe ich mit dem Kind angesehen, an den anderen Orten. Dazu – vielleicht – ein andermal mehr.

Den aktuellen Schmerz darüber, dass in unserer Zeit Vergnügungs- und Profitgier auf Kosten von Menschenleben stattfinden, den habe ich in der Lücke im Karl-Lehr-Tunnel betrauert. Den überlebenden AugenzeugInnen, den überlebenden Verwandten und FreundInnen der Opfer gilt mein ganzer Respekt sowie großer Dank dafür, dass sie diesen Ort des Gedenkens gegen viele Widerstände geschaffen haben.

Es ist ein wichtiger Platz geworden von großer Symbolkraft, die weit über die einzelnen Schicksale aller, die von der Katastrophe Loveparade 2010 betroffen waren und sind, hinausreicht.

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