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Donnerstag, 23. September 2010

loslassen

pünktlich zum herbstanfang kullerte mir die erste kastanie vor die füße. da war ich bei fast sommerlichen temperaturen mit dem fahrrad unterwegs. bergab. mit rückenwind. trotzdem habe ich gebremst und die kastanie in meine hosentasche gesteckt.


weil ich das jedes jahr so mache. die kastanie, sagt man, verbessert die willenskraft. in ihr steckt die ganze kraft des sommers. diese kraft soll mich über den winter tragen. die erste kastanie nach den großen ferien macht mich stark. deswegen hebe ich sie auf und nehme sie mit.

was denn, der sommer schon wieder vorbei? ja. schon vorbei. der kastanienbaum trennt sich von seiner jahresproduktion an fortpflanzungsmitteln. eine gute zeit für mich, um auch selbst loszulasssen. oder zumindest ‚loslassen zu üben‘.

loslassen ist wichtig. es erleichtert, kann mich aber nicht nur heiter, sondern auch traurig stimmen. es ist immer auch ein abschied im loslassen, das gefühl von wehmut. ein weh und ein mut – alles zugleich!

loslassen ist wichtig, aber es ist nicht immer einfach. ich bemühe mich schon im alltag, nicht allzuviel anzusammeln. dann muss ich auch nicht so viel loslassen am ende.

also habe ich zum beispiel mit mir selbst so eine art vereinbarung getroffen, dass ich für jedes kilo zeug, das ich in meine wohnung hereintrage, irgendein anderes kilo zeug wieder hinausbringe. es funktioniert nicht immer. aber es hilft mir, nicht völlig dem sammeltrieb zu verfallen.

die chinesen haben ein sprichwort: wenn das alte nicht geht, kann das neue nicht kommen.

loslassen schafft platz. materiell - in der wohnung. immateriell - in der seele, im herzen.

alten kummer, alten groll loszulassen ist genau so wichtig wie endlich diesen karton wegzuwerfen mit alten verbindungskabeln aus meinen längst vergangenen ü-wagen- und pressekonferenz-zeiten. damit mache ich ganz sicher keine reportage mehr. loslassen. weg damit.

tonnenschwere steine. alte blumentöpfe, ganz verkrustet. weg damit.

manchmal passiert das loslassenkönnen wie von selbst: da gab es eine böse alte seelenwunde, eine kränkung sondergleichen. weil mal ein mann, den ich damals sehr liebte und von dem ich dachte, dass wir glücklich miteinander wären, mich schnöde gegen eine andere ausgetauscht hat. bescheid gesagt hat er mir natürlich erst, als sein frauentausch für ihn schon längst in trockenen tüchern war: „ich liebe dich halt nicht mehr.“ aus und vorbei. gründe konnte er mir nicht nennen. die andere wärmte ihn besser als ich. so war das halt. der schuft.

das chinesen-sprichwort also etwas abgewandelt: wenn der alte nicht geht, kann der neue nicht kommen.

viele jahre habe ich dem nachgetrauert. so sehr war ich verletzt und vor den kopf gestoßen. traue niemals einem mann und erst recht nicht traure um einen. ich kann aber auch hartnäckig sein in meiner trauer. bis ich neulich im internet zufällig über ein aktuelles foto von meinem ehemaligen prinzen surfte. da sieht der so was von bieder und fettig aus, und erst dieser alberne ziegenbart – also neee. zack! entzaubert. let him go. wozu google nicht alles gut sein kann.

nicht nur die kastanie lässt los. von heute an ist herbst. die meisten bäume werden demnächst ihre blätter loslassen. kräfte konzentrieren im innern. in den hügeln ringsum ist die weinlese in vollem gange. ernten, was geworden ist. loslassen, was im kommenden winter nur noch lästiger ballast wäre.

pflanzen haben es da einfacher als unsereins. die können nicht denken. die trauern nicht um ihre verlorenen früchte und blätter. außerdem geht im nächsten frühjahr sowieso alles wieder von vorne los.

für menschen ist das nicht so einfach. im großen gesehen, haben wir nur einen einzigen zyklus. wenn es einer den lebenssommer verhagelt, sehnt sie sich nach der jugend zurück, möchte noch mal von vorne anfangen dürfen – damit der herbst und der winter nicht so karg und so kalt werden.

pech gehabt. die jugend ist vorbei. loslassen die alten geschichten! unwiederbringbar. das leben fängt nicht irgendwann an, wenn ich dieses noch und jenes noch erledige und durchhalte. nein. das leben geht einfach immer weiter. und irgendwann war‘s das dann.

ausatmen. loslassen.

es ist vollmond heute, zum herbstanfang. bei abnehmenden mond fällt das loslassen angeblich leichter. ab jetzt also: ausatmen. loslassen.

einen neuen anlauf nehmen, tief einatmen – und loslassen mit dem ausatmen. es geht. es geht.

ich beginne mit einfachen übungen:

zeug bei ebay verkaufen, zum beispiel. das verstopft doch nur die ecken. die nicht benutzte caffetiera. ausatmen. loslassen. die schöne alte indische tagesdecke. ausatmen. loslassen. ein paar bücher, die ich sicher nicht noch einmal lesen werde. ausatmen. loslassen. das epiliergerät. ausatmen. loslassen. jedes kilo weniger zählt.

schwieriger ist es mit dem seelenballast, mit altem groll. ausatmen. mit grindigem kummer. ausatmen. ungeweinte tränen. atmen hilft. auch wenn es nicht so locker sitzt. ausatmen. loslassen. immer wieder. ich übe. das einatmen kommt von alleine. aktiv ausatmen ist wichtiger. bei schwierigen dingen zählt jedes gramm einzeln.

ich schau die kastanie an und weiß, was ich zu tun habe. weg ist weg: da weiß ich immer, wo es ist.

die inventur geht weiter ...


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Kommentare :

  1. Liebe Mo, welch ein wunderschöner, einfühlsam geschriebener Text. Ja, das Loslassen ist auch mein großes Thema. Ich versuche alles, aber momentan fällt es mir schwerer, als je zuvor. Tagsüber schaffe ich das ganz gut, aber in meinen Träumen holt mich die Vergangenheit immer wieder ein. Nacht für Nacht.
    Aber ich weiß, dass ich auch das hinbekommen werde, um endlich frei zu sein, für neue Gedanken.
    Alles Liebe,
    Svenja

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  2. Liebe Mo Jour: Danke!
    Ich bin gerade damit fertig, mein Wohnzimmer für den Umzug einzupacken. Und die Seele liegt ja auch immer mit dabei in den Kisten zwischen den Büchern und in den Blumenvasen.
    Ja: ausatmen, loslassen...
    Und nach dem Schlafzimmer werde ich Deinen Text noch einmal lesen :-)

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  3. Laß los - und zwar alles, was belastet. Ballast eben. Ballast in und auf den Schränken und nicht zuletzt Seelenbellast.
    Letzteres dürfte so ziemlich das Schwerste sein. Wir alle tragen schöne und schäbige Erlebnisse und Erinnerungen mit uns herum.

    Ich habe es nach vielen Jahren geschafft, in meinem Kopf und Herzen überwiegend die schönen Momente zu sammeln. Wie du schon sagst: gestern ist passé. Vorbei. Futsch. Keine Wiederholung, keine zweite Chance, etwas zu ändern oder zu korrigieren.
    Nach vielem Nachdenken und Überlegen habe ich -zumindest für mich- auch festgestellt, daß ich nichts ändern und korrigieren würde. Selbst wenn ich die Chance hätte... Die Vergangenheit war nicht immer toll oder easy, aber sie hat mich zu dem gemacht, was ich heute bin. Und damit bin ich verdammt-nochmal hochzufrieden!!!

    Ich bin ich, du bist du. Und wie wir sind, ist es okay!
    Tschakkaaaaa :-)
    Sanna

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  4. @svenja - freut mich, wenn du's gern gelesen hast. ja, im schlaf ist loslassen fast noch schwieriger .... ich wünsche dir, dass es besser wird, atemzug um atemzug!

    @frau auge - mitten im umzug?! na das passt ja. jeder umzug war für mich eine zäsur. was bleibt zurück? was nehme ich mit? von den dingen wie von mir. eine in jeder hinsicht anstrengende (und auch schöne?) zeit, wenn alles einpackt wird, einmal durch die luft wirbelt und woanders wieder sicher landen soll. ich wünsche gutes gelingen!

    @sanna - das klingt sehr friedlich, wie du das von dir erzählst. danke, dass du deine guten erfahrungen hier teilst!

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  5. Hallo liebe Mojour,
    ich lese hier schon eine Weile mit, aber jetzt möchte ich dir auch mal was schreiben. Mir geht es genau wie Frau Auge, am Freitag werde ich in ein ganz anderes Bundesland umziehen, um ein Studium zu beginnen. Pünktlich zum Herbst werde ich also einen anderen Lebensabschnitt beginnen, hoffentlich werde ich dabei auch ein paar Altlasten los. Deine Texte berühren mich immer im Innersten, weil mir vieles, was du berichtest, schmerzlich bekannt vorkommt und es auch ein Trost ist, dass ich nicht die einzige bin mit solchen seelischen Verletzungen. Seltsamerweise lese ich nur im Internet oder in diversen Publikationen davon, nie begegnet man solchen Leuten im echten Leben. Klar, man kann den Menschen nicht hinter die Stirn schauen, deshalb bin ich für die Erfindung des Internets grenzenlos dankbar.
    Viel Kraft und Frieden auf deinem Weg!

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  6. liebe lisa - vielen dank für deine unterstützung!

    kaum vorstellbar, dass eine, die so jung ist, jetzt ein studium zu beginnen, schon von 'altlasten' schreibt. großen dank für deine offenheit, dein vertrauen.
    im 'echten leben' trage ich auch kein schild an der stirn mit blinkenden lettern .... ich überlege genau, wem ich was erzähle. seitdem ich aber relativ offen mit meinen lebensthemen umgehe, begegne ich (leider) sehr vielen verletzten frauen. manche habe ich auch kennengelernt über besuche in den selbsthilfegruppen für trockene alkoholikerinnen. es sind so erschreckend viele, die versucht haben, ihren schmerz mit alkohol oder tabletten zu betäuben/zu vergessen.

    wie yael/gesche es mal schrieb: "es ist, als ob es eine normalität hinter der normalität gäbe, die keiner sehen will." ich wünsche dir kraft: fürs notwendige loslassen und für den neuanfang!

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  7. Hallo Mo Jour,
    vielen Dank für deine lieben Worte, ich wollte schon früher zurückschreiben, aber ich musste auch erst mal in meinem neuen Domizil ankommen. Tja, das mit den Altlasten ist so eine Sache... man glaubt mir selten, dass ich als junge Frau auch schon ein bißchen Lebenserfahrung habe und unschöne Dinge erlebt habe. "Du bist doch noch grün hinter den Ohren! - Du weißt doch gar nichts vom Leben!" etc. Das ist jetzt kein Vorwurf an dich, ich denke, du hast das nicht so gemeint (im übrigen bin ich mit 26 nicht mehr ganz so jung, wie mein Babygesicht viele Leute vermuten lässt ;-), ich bin beinahe die Klassenomi). Für mich wird es Zeit aus meinem Schneckenhaus herauszukriechen und das Leben zu nehmen wie es ist, anstatt mich beleidigt zurückzuziehen und meckern, dass mein Leben nicht vorwärts kommt. Das ist meine Hauptaltlast aus der alten Stadt.
    Alles Liebe

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