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Sonntag, 13. März 2011

erdbeben - seelenbeben

am frühen morgen des 11. märz erreichten mich die ersten nachrichten von einem schweren erdbeben in japan.

blick auf den fuji (halbinsel izu)

ich nahm es wie beiläufig zur kenntnis. erdbeben gibt es in japan täglich, habe ich selbst miterlebt. einfach eine weitere katastrophenmeldung. ein freitagsbeben, nichts weiter.

die nachrichten ließen nicht locker. erdbeben. tokyo. jisshin. tohoku. sendai. große flutwelle. fukushima. tsunami. kernkraftwerke betroffen. fukushimadaiichigenpatsu 福島第一原発 AKW Fukushima 1 evakuiert ...

seit freitag nachmittag sitze ich wie gebannt vor fernseher und pc im multitasking, kann einfach nicht fassen, was passiert ist und noch passiert. tv in deutsch, auf dem laptop den japanischen sender NHK livestream - abwechselnd im japanischen o-ton und englischer übersetzung. mir ist schlecht. aber ich kann mich auch nicht trennen.

diese schrecklichen bilder, immer wieder. je schrecklicher die nachrichten, desto versteinerter die gesichter der nachrichtensprecherInnen. sie beten tote, betroffene orte, zahlen und immer wieder genshiryokuhatsudensho AKW vor sich her wie ein frühstücksmantra.

einmal mehr weiß ich, warum aus meiner karriere als nachrichtenredakteurin im öffentlich-rechtlichen rundfunk nichts geworden ist. ich habe es einfach nicht ausgehalten, all diese katastrophen, hiobsbotschaften und verlogenen politikerstatements in unkommentierte drei-satz-botschaften zu packen.

die profis nennen das „professionelle distanz“. die ist unbedingt notwendig, um sich selbst zu schützen. eine fähigkeit, über die ich nicht verfüge. tränenüberströmte nachrichtensprecherinnen sind nicht vorgesehen. mein innerer emotionaler druck war so groß, dass ich nur noch mit entsetzlichen kopfschmerzen vor dem ticker saß.

die, die jetzt über und aus japan mit großer fassung berichten, haben meinen allergrößten respekt. diese professionelle distanz darf man nicht mit gefühllosigkeit verwechseln: es ist allerhärteste arbeit, angesichts der schrecklichen nachrichten und bilder aus japan - gegen die selbst die schockierendste horrorgeschichte von stephen king daherkommt wie seichter kindergartenkram - die eigenen gefühle im zaum zu halten.

die bilder und töne aus japan sind entsetzlich. dahinter verbirgt sich unvorstellbares leid und große gefahr. es ist fast unerträglich, nicht eingreifen, nicht helfen zu können - und dennoch alles wie live im TV mitansehen zu müssen.

ich weine, ich wüte. so viel leid. so hilflos. renne in der wohnung auf und ab. starre wieder fassungslos.

würde ich noch alkohol trinken, dann gäbe ich mir jetzt die kante. besinnungslos. diese option fällt aus. also heißt es aushalten.

aushalten, dass es dinge gibt auf dieser welt, in diesem leben, die außerhalb unserer kontrolle sind; gegen die es keine versicherung gibt. sie passieren genau jetzt. im grunde passieren sie ständig, irgendwo auf der welt.

mich treiben fragen um von so dermaßen grundsätzlicher art. dass ich noch nicht einmal weiß, ob antworten jetzt wirklich helfen könnten.

natürlich weiß ich, dass es niemandem hilft, weder in japan noch sonstewo, wenn jetzt ich hier eine mitleidsdepression kriege, in der relativen sicherheit meines bequemen sofas mit funktionierender zentralheizung. aber gelassene heiterkeit geht auch nicht, will mir ganz und gar nicht nicht gelingen.

ich habe eine weile in japan gelebt, bin damals grinsend und gruselnd vor dem atomkraftwerk gestanden, das meer direkt daneben. alles so friedlich und doch lauernde, unkontrollierbare tödliche gefahr, von menschen gemacht. tschernobyl hatten wir damals schon hinter uns.

als ob die gefahren, die von natur aus lauern, nicht schon genug wären auf diesem planeten, muss die zuvielisation auch noch die allergefährlichsten dinge obendrauf setzen.

wenn ich als einzelne frau so potentiell selbstschädigend handele, kriege ich eine einweisung in die klapse. erst recht, wenn ich dabei auch noch leib und leben von millionen anderen menschen riskiere.

keine unserer regierungen muss sich für den unfug verantworten, niemand von den gemeingefährlichen profilneurotikerInnen muss in die klapse - im gegenteil: selbst ich als kleine ministeuerzahlerin subventioniere den ganzen wahnsinn auch noch.

während japan aufs schlimmste erschüttert wird, während dort riesige wellen ganze städte fortspülen, während atomkraftwerke bersten mit unabsehbaren folgen - zickt mein neuer nachbar rum, weil an seinem neuen auto zwei kleine kratzerchen sind von ca. 3 und 5,5 mm länge. die habe ich verursacht, als ich vergeblich versuchte, mein garagentor zu öffnen, das er mir mit seinem neuen auto über mehrere tage zugeparkt hatte. nun will er, dass ich (bzw. meine haftpflichtversicherung) ihm eine komplette neulackierung der gesamten autorückseite bezahle.

schön für den jungen mann, dass er keine anderen sorgen hat, als seine als motorhaube getarnte schwanzverlängerung makellos zu halten. der aktuelle stand in japan: mindestens zig-tausende tote, hunderttausende obdachlos, zwei geschmolzene reaktorkerne, verseuchte anwohner, hunderttausende evakuiert ....

an meiner tankstelle sinken die benzinpreise um satte 10 cent und liegen seit wochen erstmals wieder unter 1,50 euro. wo ist die logik? ist da eine?

der japanische wetterbericht sagt sonniges vorfrühlingswetter voraus. nachts immer noch bitterkalt. aber im süden des landes naht die kirschblüte. das interessiert niemanden mehr. wichtig ist nur die windrichtung: zieht die atomwolke über land oder aufs meer?

bilder von hilflosen hilfstruppen, die ratlos vor einem meer von trümmerhaufen stehen. häuserteile, autowracks, brettersplitter, schlammbedeckt bis zum horizont - und dazwischen menschen - überlebende? tote? wie finden? wie vorgehen? wo anfangen?

im japanischen fernsehen steht die sprecherin vor landkarten, mit ortsnamen und zahlen gespickt. wie sonst die aktuellen temperaturen des wetterberichts, listet sie heute strahlend die zahlen der menschen auf, die evakuiert und gerettet werden konnten.

mittlerweile mehr als 300 000.

aus den atomkraftwerken weiß der japanische sender nichts neues zu berichten.
in der ARD läuft die sendung mit der maus.


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Kommentare :

  1. Schwer genug das alle zu fassen auch wenn man nie in Japan gewohnt hat. Hast Du immer noch auch Freunde da? Das ist fast immer der erste Gedanke: Wo sind die Menschen die ich kenne... wie geht es ihnen?

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  2. wenn man die orte und menschen persönlich kennt, scheint die eigene betroffenheit immer größer zu sein. dabei ist das leid anderswo nicht weniger schlimm: all die katastrophen der letzten jahre - erdbeben, taifune, oilspill, tsunami, überschwemmungen, politische unruhen .... ganz egal wo: jedeR toteR ist eineR zuviel.

    ja, ich habe noch leute in japan. ich erreiche sie nicht.

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