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Samstag, 18. Juni 2011

blasser vollmond

die vollmondfinsternis ist zwar schon drei tage her. da ich hier aber nicht unter aktualitätszwang stehe, erlaube ich mir, mein altes bierglas nachträglich noch einmal herzuzeigen.


das vollmondbier ist inzwischen genauso verblasst wie der vollmond von neulich.

ich habe das glas dem brauer abgeschwatzt. damals, als ich noch bezahlte journalistin war und für den sender multikulti auf der berliner karl-marx-allee vom ersten internationalen bierfestival berichtete.

was die redaktion sich vorgestellt hatte, weiß ich nicht. eher etwas folkloristisches, nehme ich an. biertrinkerInnen aller nationen mit ihren jeweils heimischen saufritualen womöglich.

es war dann doch eher ein kollektives besäufnis, männlich dominiert und mit viel rumtata. „bier, mann und gebrüll“ gehören schließlich untrennbar zusammen.

obwohl ich damals noch alkohol trank und auch bier sehr gern mochte, war mir die veranstaltung nicht geheuer. zu laut. zu plump. zu viele menschen auf einmal, zu viele dicke bäuche ….

es war schwer, das „internationale“ zu finden. es gab eine oder zwei buden, die verkauften bier in flaschen und dosen aus einhundertfünfzig ländern. oder so. fast alle anderen anbieter waren brauer aus deutschland, aus deutschland und aus bayern.

auf der suche nach den nicht ganz so kommerziellen zwischentönen landete ich beim schweizer vollmondbier. bio. in vollmondnächten gebraut. mit der ganzen kraft des vollen mondes. das war damals noch neu. mittlerweile hat sich die methode auch in deutschland etabliert.

ich hielt mich mit dem konsum zurück, musste ja nach den interviews mit möglichst klarem kopf wieder zurück in die redaktion, o-töne schneiden, text schreiben, beitrag produzieren im studio …. journalistinnenalltag eben.

ein glas aber gönnte ich mir im getümmel vor ort, eben jenes. es hat mir geschmeckt, schließlich hatte ich durst. aber auch bio-alkohol macht besoffen und geht auf die leber, da gibt es nix zu deuteln. der brauer freute sich über das medieninteresse (mich), war sehr charmant und schenkte mir das glas mit schweizer akzent.

aus dem souvenirglas habe ich noch zwei jahre lang bier getrunken, später dann saftschorle oder wasser.

die kraft des vollmonds steckte für mich nicht in dem bier, sondern war mit der zeit auf das glas übergegangen. auch wenn ich kein vollmondbier mehr daraus trank. auch, wenn mein apfel- oder ananassaft mit großer wahrscheinlichkeit nicht an vollmond gepresst war. irgendwie hat mir dieses glas immer kraft gegeben. das magische denken meiner kindheit habe ich mir bis heute nicht nur bewahrt. es scheint im gegenteil immer stärker zu werden.

leider war der aufdruck nicht spülmaschinenfest und ist über die jahre verblasst. damit verblasste natürlich auch seine vollmondwirkung. ist doch klar. versteht doch jeder! eine ganze weile schon stand das glas also ungenutzt im küchenschrank, hinterste ecke. zur mondfinsternis habe ich nun beschlossen, mich davon zu trennen.

zeit des ausatmens. zeit des loslassens. kleine schritte.
es sieht so aus, als ob ganz gewaltige veränderungen auf mich zukommen.
ich habe angst, aber ich muss dem entgegengehen.

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Kommentare :

  1. Es gibt Gläser, die sollte man nicht in die Spülmaschine stecken. Das weiß ich aber auch erst, seit ich an genau jenem Ort vier wunderbare alte und handgeschliffene Gläser versaut habe ...

    Liebe Grüße vom Ammersee in die alte Heimat - von Renate

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  2. liebe renate,
    dass kostbare alte kristallschätzchen und andere empfindliche gläser in der spüma einen nicht zu entfernenden grauschleier kriegen können, das habe ich auch ganz zu anfang meines 'spülmaschinen-besitzerinnen-daseins' (ab etwa 2001) bemerkt - und abgebucht auf mein konto "erfahrungen sollseite".
    so etwas passiert mir heute nicht mehr ungewollt.
    das vollmondglas hingegen ist noch ganz klar, bloß der aufdruck verblasst .... das darf er aber auch, nach all den jahren intensiver benutzung. ein bißchen wie ein altes foto, das mit der zeit unscharf geworden ist.
    die dinge sind nun mal vergänglich, und das soll man ruhig sehen können.
    mit dem herzen bin ich zu sehr japanerin, um das nicht auch wichtig und schön zu finden.
    wabi-sabi ist das stichwort

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  3. Schade, dass du dich von dem Glas getrennt hat. Aber andererseits verstehe ich dich ... es gibt einfach Zeiten, in denen man sich trennen muss. Von Dingen und/oder Menschen.

    Liebe Grüße
    Renate

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