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Sonntag, 17. Oktober 2010

rituale no. 2 – la caffettiera

ich schrieb es schon mal zu anfang des jahres, als ich von meinem sonntagsfrühstück berichtete, dass mir rituale - also die kleinen selbstgewählten regelmäßigkeiten im alltag - halt geben.

hat eigentlich irgend eineR von euch gemerkt, dass ich da im februar ein kochrezept verbraten habe? so weit war es gekommen mit mir! ‚damals‘ gehörte ich zur arbeitenden bevölkerung, meine akkus waren ziemlich leer: eier mit speck füllten meine kreativen lücken.

espressokocher: VeV viganò, 1990

zur zeit bin ich wieder freie radikale. das bedeutet: ich produziere drei bis vier texte in der woche, gebe kurse zwei bis drei mal im monat. den rest der zeit bin ich damit beschäftigt, meinen alltag zu organisieren, irgendwie wieder boden unter die füße zu bekommen und diese bodenhaftung dann auch möglichst zu behalten.

rituale sind da ganz besonders wichtig, weil sie mir helfen, struktur in mein leben zu bringen. die bereits erwähnten ‚eier mit speck‘ gibt es bei mir ungefähr einmal in der woche. es gibt auch rituale, die finden täglich statt. ganz regelmäßig, ohne ausnahme.

die rede ist von meinem allerliebsten lieblingsritual. damit beginnt mein tag. ein tag, der so nicht beginnt, ist keiner:

das kaffeekochen. mit dem italienischen espressokocher. seit dreißig jahren geht das schon so. quasi jeden morgen. verschone mich bloß mit filterkaffee!

meine erste caffettiera bekam ich mit achtzehn. von einem italienischen freund aus rom. die war noch aus aluminium, in der typischen achteck-form, per due tazze. bei uns im rheinland kannte man das damals noch nicht. für die ersatzteile fuhr ich ‚mal eben‘ nach roma. den schlüssel für die wohnung in tiburtina hinter der stazione termini besitze ich noch heute.

später wurden meine espressokocherinnen größer. die aktuelle ist aus edelstahl, natürlich aus italien, sechs tassen. sie bedient mich seit zwanzig jahren mehrmals täglich. es ist jeden morgen dasselbe in meiner kleinen zwergenküche, ein fest einstudierter tanz:

caffettiera von der anrichte nehmen. vierteldrehung nach rechts. ober- und unterteil auseinanderschrauben. sieb herausnehmen. kaffeerest vom vortag in den müll schnicken. alle teile kurz abspülen. trocknen. wasser ins unterteil einfüllen. vierteldrehung links. unterteil absetzen. sieb einsetzen. halbe drehung rechts: kaffeedose mit links vom regal nehmen. den kaffeelöffel, der immer obenauf liegt, in die andere hand. halbe drehung zurück nach links, derweil den deckel von der dose abnehmen. drei portionen pulver ins sieb füllen. kaffeelöffel leicht auf den siebrand schlagen, damit letzte pulverkörnchen abfallen. halbe drehung nach rechts. derweil deckel auf die kaffeedose drücken. dose im regal abstellen und löffel obenauf legen. viertel drehung nach links. caffettiera-oberteil von der spüle nehmen. viertel drehung nach links. oberteil aufs unterteil schrauben. gut festzurren. dabei richtigen drehmoment abpassen.

dann wird‘s sportlich: griff nach links oben, leichte körperdehnung: da steht der rote campinggaskocher im regal. der espresso muss aufs feuer. in berlin hatte ich gasherd und passende verkleinerungsringe. hier in dreyeckland südwest habe ich nur eletroherd. schrecklich. damit kann man aufwärmen, aber nicht kochen. erst recht keinen kaffee. etwa alle zehn bis vierzehn tage braucht der kocher eine neue kartusche.

den gaskocher auf die anrichte stellen. caffettiera obenauf mittig ausrichten. anzünden mit streichholz. feuer zu feuer. ende des ersten akts.

es geht gleich weiter mit einer halben drehung und griff nach rechts rückwärts: die stehen die großen milchkaffeeschalen im regal. die lieblingstasse für den tag auswählen, körperdrehung zurück, tasse abstellen. vierteldrehung nach links, kühlschranktüre öffnen, milchtüte aus der tür nehmen, kühlschranktüre schließen. etwas milch in die tasse füllen. dabei zähle ich bis drei. dann ist immer gleich viel milch in der großen tasse. milchtüte zurück in den kühlschrank.

die schöne tasse mit dem schluck milch kommt jetzt für dreißig sekunden in die mikrowelle. dann ist die milch warm, die tasse ebenso. nichts ist schlimmer, als heißen kaffee in eine kalte tasse zu füllen. pfui!

bis der kaffee sich gemacht hat, haben wir eine kurze pause. zeit genug, um das katzenfutter zu richten oder die spülmaschine auszuräumen.

wenn der espresso aus dem röhrchen sprotzelt und faucht – oh wie ich dieses geräusch liebe, und erst den duft dazu! - dann wird die milch mit dem schneebesen schaumig gerührt. hauptsache, die milchhaut ist mikroskopisch klein zerstückselt. die mag ich nämlich nicht.

dann den espresso schwungvoll hinein, möglichst nach latte art ein herzchen in den schaum dekoriert. caffetiera abstellen, den feuerwehrroten gaskocher wieder hoch ins regal mit leichter drehung und dehnung nach links oben. zurück auf den boden, griff ins regal geradeaus hinter dem herd: kleine kakaowolke auf den milchschaum stäuben. fertig.

und dann. dann! jaaaaa!

während ich dies schrieb, habe ich zwei mal kaffee gekocht. es ist aber auch zu schön.


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Kommentare :

  1. So ähnlich fängt mein Tag auch an... allerdings finde ich mich mit dem Elekotoherd ab, denn für einen Campingkocher ist in der Miniküche leider kein Platz mehr (vielleicht wenn ich endlich die überflüssige Rancilio verkauft habe?). Hab die Caffetiera beim Schatz kennen und lieben gelernt und genieße das morgendliche Warten auf den ersten Schluck..

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  2. Hallo Mojour,
    hey, das kenne ich auch, so ein Kaffeeritual. Bei mir ist es die French Press und ich nehme sie jeden Sonntag Morgen in Betrieb. :-)
    Liebe Grüße,
    Grenzwächterin

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  3. Wir haben ja schon einmal darüber gesprochen, liebe Mo und ich bin nach wie vor deiner Meinung: Das ist der beste Kaffee von allen.
    Aber: Ich trinke viel zu viel davon, um mir jede Tasse so wunderbar aufzubrühen. Deshalb bleibt es für mich vorerst bei der Kaffeemaschine.
    Herzliche Grüße aus Kiel,
    Svenja

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  4. @ Frau Vivaldi: genau, das warten gehört dazu, die geduld - und dann die belohnung, wenn in der frühen morgenstille der milchschaum auf dem duftenden caffè leise knistert

    @ gw: stimmt, eine french press hatte ich auch mal, zu wg-zeiten. da brauchten wir mehr kaffee und zwar schnell! ich habe sie dann weggeräumt, weil der kaffee darin so schnell kalt wurde.

    @ svenja: echt schade, dass unsere kaffeetassen so weit auseinanderstehen. fast 1000km sind eine zu große distanz, um sich dabei freundlich in die augen zu schauen - egal mit welcher methode das gesöff gebraut wurde

    :-)

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  5. @Mo: lach... Das hast du süß geschrieben. Ja, das finde ich auch. Falls du irgendwann doch einmal in Richtung Norden ziehen solltest, werden wir das ändern. Versprochen.

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  6. Liebe Mo jour, ich versteh das bestens! Wenn ich morgens sehr früh irgendwo sein muss steh ich notfalls auch um vier uhr auf, um in Ruhe einen Kaffe, oder auch zwei, zu trinken. Wenn ich das nicht tue, dann bin ich entweder ganz ungewöhnlich revolutionär drauf, bekomme direkt an der Haustür einen gereicht oder fühle mich wie eine leibeigene, was die realistischste der Ausnahme-reaktionen ist.
    Deswegen: mrgens Kaffee kochen, egal wie früh, und ganz wichtig: Zeit haben ihn zu trinken. und dabei doof zu gucken.
    Halt ist so wichtog :-)

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  7. @smilla, genau so ist es! in zeiten, in denen ich mit früher nachrichtenschicht schon vor fünf im funkhaus sein musste: da habe ich - noch nachtblind - um dreiviertel vier kaffee gekocht, damit genügend zeit bleibt, zu mir zu kommen und nicht das gefühl zu haben, den ganzen tag über völlig fremdbestimmt zu sein.

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