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Mittwoch, 14. Juli 2010

ein wespennest gestochen

vier stück. in jedem dachfenster eines. wespennester. kleben von außen unter der abdeckung der fensterrahmen. seit wochen schon. ungefähr zehn zentimeter im durchmesser. pro stück zwei bis drei dutzend wespen. oder mehr.

nestbau: gallische feldwespen

womöglich schon seit jahren, jedes jahr wieder - und ich habe sie erst dieses jahr entdeckt. zumindest eines war schon im vergangenen jahr da. das eine am großen bürofenster. das mit der schönen aussicht.

entdeckt habe ich die tierchen, als im spätsommer die schwarzen larven aus den waben rutschten, bei geöffnetem fenster auf mein sofa glitschten und doofe schwarze flecken hinterließen. zuerst dachte ich, da scheißt mir was in die wohnung. aber niemand hat mich beschissen.

das waren wespenlarven. weil das nest nicht waagerecht gebaut ist, sondern schräg über kopf. komisch, dass die wespen das nicht wissen. man baut doch kein nest mit larvenrutsche.

bei mir jedenfalls purzelten ihre larven auf den teppich. erst fand ich's eklig. dann habe ich mich informiert. nicht gefräßige deutsche wespen siedeln an meiner hütte, sondern zierliche gallische feldwespen. die sind geradezu friedfertig unanggressiv und sehr nützlich. jedenfalls stechen sie fast gar nicht. sind also harmlos.

danach fand ich meine zahlreichen schwarzgelben mitbewohnerinnen eher spannend: alles, was sich um die moskitos in meiner nähe kümmert, ist mir willkommen.

in diesem jahr habe ich das erste nest entdeckt, als ich während der beginnenden hitzewelle ein großes nasses tuch von außen auf das dachfenster gelegt habe. das mache ich jeden sommer. für die verdunstungskühle. das hilft mir, in der wohnung nicht allzu sehr zu schwitzen. sonnig warme südwestseite, die mit der schönen aussicht.

als ich etwas ungelenk mit dem großen schweren handtuch hantierte, haben sie sich wohl gestört gefühlt. eine von allen hat mich gestochen. es war weniger schlimm als ein mückenstich, tausend mal harmloser als ein bremsenbiss.

erst hatte ich angst. dann habe ich mich noch einmal schlau gemacht. habe überlegt, das nest entfernen zu lassen. wespen stehen unter naturschutz. kann ich nicht selbst machen. da muss ein wespenbeauftragter her. ist allein auch zu gefährlich. ein wespenbeauftragter kostet geld. geld habe ich nicht so viel.

hin und her habe ich überlegt. eine freundin sagte „das musst du nicht selbst zahlen. ist vermietersache. das nest ist da schließlich, weil die baulichen gegebenheiten das möglich machen.“

ich habe weiter hin und her überlegt. den vermieter informieren? der schert sich einen dreck um naturschutz, streicht nur mit totenkopfgiftiger farbe, fährt ein benzinverbrauchsintensives auto. er gehört zur goldenen generation: kurz nach dem krieg geboren, ein leben lang nur aufschwung erlebt, von der lehre bis zur rente im selben betrieb – er kann es sich leisten, unseren planeten zu verprassen.

die armen wespen. hätte ich dem vermieter davon erzählt, der wäre gleich mit der giftspritze gekommen, hätte alle nester effektiv und gnadenlos ausgeräuchert: mich, meine wohnung und die katze wahrscheinlich gleich mit.

ich konnte mich nicht entscheiden. da die wespen wirklich nicht aggressiv sind und sich im grunde für nichts interessieren außer ihren nestbau, habe ich sie erst mal geduldet.

so nach und nach entdeckte ich an allen anderen schrägen dachfenstern je eine weitere dieser akkuraten architektonischen naturschönheiten, gebaut von gallischen feldwespen.

ich gewöhnte mich daran. so leben wir nun schon seit mehreren wochen als hausgemeinschaft. vier wespennester und ich. erstens bin ich sowieso nur noch bis ende des monats hier. wenn ich dann zurück komme im september, ist die wespenflugsaison quasi vorbei. kein grund zur panik.

kein drama also, die wespen und ich. bis gestern abend eines der nester sich löste und mir fast auf den kopf fiel: am fenster im bad, direkt über dem klo. da saß ich.

wenn so ein nest abstürzt, sind drei dutzend wespen irritiert. dann stechen sie natürlich doch, weil sie angst haben um ihre brut: die arbeit eines ganzen sommers dahin, das lebenswerk von dreißig wespen zerstört.

also doch ein kleiner grund zur panik, aber ich hatte glück. das nest fiel mir nicht auf den kopf, sondern blieb hängen am fenstergriff. da hing es dann. direkt über mir. drei dutzend irritierte wespen.

ich wusste nicht, wie ich dieses noch bewohnte und bestens bewachte wespennest an einen absturzsicheren platz hätte bugsieren können, ohne selbst zerstochen zu werden.

nicht einmal das fenster hätte ich schließen können, ohne einen wespenaufruhr zu riskieren. das lose wespennest hätte jederzeit - auch ohne weitere erschütterung - vollends abstürzen können.

niemals in meinem leben hatte ich angst, dass der himmel mir auf den kopf fallen könnte. aber vor bewohnten wespennestern habe ich respekt. ich wäre sicher nicht daran gestorben. aber ich hatte angst.

da habe ich es getan. ich habe die giftspritzdose geholt und gut zwei dutzend französische feldwespen ermordet. es war vorsorgliche notwehr. es tat mir unendlich leid. das verlassene nest habe ich später in die dachrinne geschubst. es war ganz leicht.

nun sehe ich immer wieder wespen, die ganz ratlos umherfliegen an dieser stelle am badezimmerfenster über dem klo, wo bis gestern ihr arbeitsplatz war. ich bin zerknirscht. ich habe alle leichen um verzeihung gebeten. alle überlebenden auch.

jetzt habe ich nur noch drei wespennester. ich werde versuchen, bis zur abreise die fenster nicht allzu oft zu öffnen.


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Kommentare :

  1. menschenskinder, das nenn ich mal eine ehrenwerte einstellung einer bedrohten tierart gegenüber....also ich müßte es entfernen lassen, da ich allergisch bin.

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  2. seit gestern diskutiere ich heftig mit mir selbst, wie ehrenwert ich denn überhaupt noch sein will: auch das wespennest am küchenfenster ist abgestürzt und hängt nun locker in der griffleiste - zwei dutzend irritierte wespen genau oberhalb der spüle, dem zentral strategischen wasserplatz - genau über meinem kopf ....

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