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Mittwoch, 19. August 2009

honorarspitzen

eine freie journalistin zeichnet sich dadurch aus, dass sie verschiedene auftraggeberInnen hat, für die sie regelmäßig unabhängig recherchiert und textet und daraufhin angemessen bezahlt wird. das ist der idealfall und klingt super.

141 karat: diamant im sonnenlicht
die real existierende freie journalistin hat ebenfalls verschiedene auftraggeberInnen, für die sie gerne arbeiten möchte. diese haben sich jedoch im lauf der letzten jahre immer mehr zu auftragnichtgeberInnen gewandelt. oder anders: die anforderungen werden immer mehr in die höhe geschraubt, die honorare sinken. das ist nix neues und in vielen anderen bereichen ähnlich.

früher - also bis vor ein paar jahren - da habe ich mich von meiner arbeit ernähren können. ich war nie reich, aber 'es' hat geREICHt: hier ein paar tage in einer magazinredaktion, dort ein beitrag fürs radio, mal eine webseite getextet und als honigbonbon internationale festivals moderiert. tagessätze zwischen 100 und 700 euro, je nachdem was ich gemacht habe.

das mag jetzt viel klingen, aber ich bitte zu bedenken, dass es ein solches honorar nicht jeden tag gab; dass dieses honorar versteuert wird; dass davon kranken- und andere versicherungen und altersvorsorge und ein eigenes büro und fahrtkosten und vorbereitungs-/recherche-zeiten und die steuerberaterin und ein polster für krankheitsbedingte ausfallzeiten oder auch mal ein urlaub finanziert sein wollen. also all das, was für 'normale' arbeitnehmer sonst der arbeitnehmer übernimmt. für mich und die zwei katzen war es irgendwie genug. eine familie hätte ich davon niemals ernähren können.

heutzutage muss ich darum kämpfen, für ein zweistündiges seminar an der VHS ein dozentInnenhonorar von 50 euro durchzusetzen. ein halber tag vorbereitungszeit? pfffft! fahrtkosten? bürokosten? pfffft! steuern, sozialversicherung? pffftpfffft! unterm strich bleibt ein stundenbruttolohn, den ich mich schämen würde, schwarz meiner putzfrau anzubieten.

oder der verleger neulich, der einen beitrag für ein hochkulturhaltiges buch von mir wollte. einen tag recherchen teils in staubigen archiven, vor ort besichtigung …. historische zusammenhänge habe ich herausgefunden, die sonst noch nirgendwo gedruckt standen – und nicht zuletzt einen wunderbaren, schönen text formuliert! als ich mich mit dem honorar am – ohnehin schon geringen – zeilenhonorar der örtlichen tageszeitung orientierte, war er beleidigt. ich hatte sagenhafte 86 euro brutto gefordert, das war nun wirklich zuviel! „ja, wenn sie das brauchen …,“ hat er zu mir gesagt. mein artikel wurde zwar gedruckt, auch das honorar wurde bezahlt. aber der verleger hat sich nie wieder bei mir gemeldet. nicht einmal zur buchreleaseparty wurde ich eingeladen, von einem sonst allgemein üblichen belegexemplar ganz zu schweigen.

für auftraggeber sind neuerdings textbörsen im internet der allerletzte schrei: die nennen sich text-broker wie echte börsianer. oder text-ochsen, weil autorInnen sich dumm ackern dürfen (z.b. textbroker oder textox - und nein! ich setze jetzt hier keinen link rein). geworben wird mit slogans wie „Über 19.000 Autoren schreiben Ihre Fachartikel, Rezensionen, Reiseberichte, Übersetzungen ... in beeindruckendem Umfang ... zu günstigen Tarifen.“

für autorInnen stellt sich das wie folgt dar: bei der anmeldung musste ich einen - bislang unveröffentlichten! - probetext einreichen. anhand des probetextes wurde meine „schreibe“ bewertet. auf einer skala von 1 (beherrscht das alphabet) bis 5 (pulitzerpreisverdächtig) kriegte ich immerhin eine 4. ich war entzückt. geldsegen, ich komme!

die ernüchterung folgte gleich in der nächsten zeile, die mir ein worthonorar von 1,5 eurocent pro stück in aussicht stellte. in worten: anderthalb! cent! pro wort! für diesen eintrag in meinem weblog wären das immerhin 1160 cent (virtuell, versteht sich).

in echt gibt es dann – in meiner textqualitätsstufe - aber nur aufträge mit höchstens 1,2 cent pro wort. ein sogenannter 'auftrag' sieht dann in etwa so aus: „Konditionen: 1,20 Cent pro Wort // Kategorie: Fernsehen // Termin bis Fertigstellung: 1 Tag(e) ab Annahme // geforderte Anzahl Wörter: 150 – 200 // Einstufung: 4 // Verdienstspanne: 1,80 € - 2,40 € // Bitte schreiben Sie einen sachlichen und hilfreichen Text zum Thema HD+.“

auftraggeber bleiben anonym, ich verkaufe zum dumpingpreis sämtliche rechte an meinem text. die textbörsianer übrigens kassieren 30% vom honorar als provision vom auftraggeber plus eine fixe auftragspauschale.

um auf ein monatliches honorar von – sagen wir mal vorsichtig - 1500 euro zu kommen (davon bliebe mir nach den oben beschriebenen abzügen einer selbständigen zum leben etwas weniger als harzt4 übrig), müsste ich 125.000 wörter produzieren. macht bei zweiundzwanzig arbeitstagen 5.681 wörter am tag, bei einem achtstunden-arbeitstag 710 wörter pro stunde – immer nur OUTPUT! recherchen oder die auftragsabwicklung erledige ich natürlich in unbezahlten überstunden, krank sein oder mal urlaub machen ist ohnehin unanständig - und denken tu' ich sowieso mit dem knie ….

als ich das zum ersten mal las, war ich so deprimiert, dass ich quasi zwei tage bewegungslos in der ecke saß und ungläubig vor mich hin stierte. wer schreibt zu solchen konditionen? wer kann sich das leisten?

nach den zwei tagen kam ich zu dem entschluss, mir solcherlei sittenwidrige selbstausbeutung aus gesundheitlichen gründen sowie aus gründen der menschenwürde zu verbieten.

dafür bin ich mir zu prekär!


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Kommentare :

  1. Mo Jour, ich sah deinen Kommentar auf meinem Blog, und jezt habe ich deinen "Anfang" und die "letzten drei" gelesen - auf deutsch. Für Spass habe ich auch die automatische Übersetzung probiert, aber fand dass ich vermutlich den Originaltext besser verstehe ;) Vielleicht komme ich zurück. Englisch fliesst aber viel leicther als die deutsche Sprache für mich. Eine Frage: Ist es jetzt gewönlich nur Kleinschrift zu benutzen?

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  2. liebe, dear DawnTreader!
    Vielen Dank für Deinen Kommentar - ich habe mich sehr gefreut!
    Dein Deutsch ist ausgezeichnet, but we might meet halfway and write in English?!

    To answer your question: Well, I prefer to write Kleinschrift in German too, as it is usual in many other languages. In school, however and in official writings, it is not allowed yet (unless you don't care about not being taken serious). still, in my private spaces (diaries, letters etc) I have been doing so since I was a school girl. Is it more difficult for you to read and understand my stories like this? Because, if yes: I might be a good girl and write correct German for my foreign friends :-)

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  3. Spielt keine Rolle, ich war nur neugierig. Ich habe zwishen etwa 1970-1987 Deutsch gelernt und beruflich verwendet; aber in den letzen 20 Jahren habe ich die Sprache kaum gebraucht.

    Times and habits change, including languages...

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  4. Liebe Mo Jour,
    dein Artikel ist brillant. Und du sprichst mir aus der Seele. Ich bin auch Journalistin und habe die Angebote von "Textbroker" und Co. gesehen: Das ist Selbstausbeutung, kein Freelancer kann davon leben. Das ist etwas für Schüler und Studenten, die erste Gehversuche machen möchten. Wir sollten uns nicht ausbeuten lassen. Halte durch mit deiner Verweigerung und deiner Willenskraft. Weiterhin viel Erfolg.

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  5. liebe rieke!
    herzlichen dank für dieses feedback! das wort "brillant" in verbindung mit "prekär" ist mir eine wonne ;-)

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  6. Liebe Mo, genau so isses! Und das ist eine Sauerei! Ein Kunde, für den ich seit sechs Jahren Newslettertexte schreibe, stets zu deren großen Zufriedenheit, hat einen neuen Abteilungsleiter, und dieser Mann (Yuppie) meint, mein Honorar (das sich seit drei Jahren nicht verändert hat), sei zu hoch. Dabei hat er auf Honorarsätze besagter Textagenturen bezogen. Ich soll also für 1,5 Cent pro Wort schreiben.
    Der Mann kann mich mal. Bevor ich mein Hirnschmalz verschenke, gehe ich lieber putzen.

    Übrigens: was für Typen "bewerten" eigentlich die Schreibqualität der Autoren? Welche Qualifikation können die nachweisen??? Und dass man denen einen unveröffentlichen Text präsentieren soll, ist eine weitere Frechheit.

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  7. liebe Renate, es ist wirklich unglaublich, was sich die auftraggeber da erlauben - und es dir dann auch noch direkt ins gesicht sagen. für solche hungerlöhne arbeiten kann nur, wer anderweitig ein auskommen hat und die schreiberei als hobby betreibt. oder aber arbeitslose, deren lebensunterhalt aus steuergeldern finanziert wird. was wiederum bedeutet, dass die geizistgeilunternehmer sich ihren privaten reibach indirekt mit öffentlichen mitteln subventionieren lassen und damit profit auf unser aller kosten machen.

    es ist ein skandal. aber dürfen wir das laut sagen? wir müssen! es ist und bleibt das wichtigste von allem, das laut zu sagen (und im klartext zu schreiben) was ist. lass uns aufmüpfige mutschreiberInnen bleiben.

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