Besondere Ereignisse erfordern besondere Maßnahmen. Denn irgendwas is' immer ....
[über den Umgang mit Katzen & Vermietern - und andere wichtige Dinge im Leben einer Frau]
das büro für besondere maßnahmen feiert geburtstag. wir werden zwar erst zwei - aber für eine besondere maßnahme ist das schon ganz schön lebenslang!
rosenduft: compassion - design: mo jour
seit zwei jahren lasse ich euch teilhaben an den besonderen maßnahmen, mit denen ich die besonderen aufgaben meines lebens, meines alltags bewältige. anfangs kamen sie ungefähr wöchentlich, und ich habe sie nummeriert. irgendwann habe ich – zahlenmäßig – den überblick verloren.
eine zeitlang gab es sogar kurze maßnahmen. kleine pausenfüller, weil es nur so aus mir heraussprudelte. die kommen vielleicht auch irgendwann wieder. derzeit sprudelt es bei mir nicht so dolle, aus gründen.
als ob's geplant wäre wie ein geburtstagsgeschenk vom allmächtigen server, zeigt mir meine statistik seit ein paar tagen genau hundert regelmäßige leserInnen an. schick! ich weiß, dass andere über diese zahl von oben herab lächeln werden. für mich aber ist das echt viel.
schließlich ist das büro für besondere maßnahmen ein nischenprodukt. hier gibt es im allgemeinen nix zu gewinnen (ausnahmen zersetzen die regel). ich reite nicht auf mainstreamwellen. zeitgeschehen findet bei mir fast nicht statt. das hier ist ganz eigen, und ich freue mich immer noch über jeden einzelnen klick, jeden tag aufs neue. danke euch allen!
natürlich nehme ich es so nebenbei sehr gerne mit, dass ich nun von der gamma-bloggerin zur beta-bloggerin aufgestiegen bin. fürs alpha-bloggen brauche ich mindestens tausend klicks am tag. also haltet euch ran!
wer diese blogger-schubladisierung erfunden hat, ist mir nicht bekannt. irgendwer braucht halt kategorien. so eine einordnung lehne ich im grunde kategorisch ab. das ist wie mit der sogenannten ersten, zweiten und dritten welt. die nummer sagt gar nichts - weder über die qualität der regierungen noch über das wohlbefinden der einzelnen menschen. es hilft nur denen da oben, ihr gewissen zu beruhigen, weil sie sich dann besser fühlen können, wenn sie in der teuersten etage wohnen.
ob ich nun zwölf leserInnen habe oder zwanzigtausend – das sagt über die qualität meiner inhalte erst mal gar nichts. vielleicht gibt es aufschluss über meine marketing-qualitäten (ausbaufähig - hilfe!).
mehr klicks ließen auch nicht unbedingt den schluss zu, dass sich mehr menschen wirklich für meine inhalte interessieren. ich könnte ja auch ständig nur über gewinnspiele schreiben; ich könnte so tun, als ob ich mehrmals täglich millionen verlose ... und hätte millionen leserInnen!
okay okay, ich werde darüber nachdenken! angesichts meiner prekären lage und als als besondere maßnahme wäre so ein geschäftsmodell vielleicht durchaus einen versuch wert. dann lebe ich von werbung, sms-gebühren und teuren 190er-nummern. zeit und kraft für inhalte wäre dann wohl keine mehr.
mit dem gewinnspiel* fange ich aber probeweise gleich mal an, schließlich habe ich einen grund zu feiern, das getränk dazu ist auch vorhanden und ihr seid alle herzlich eingeladen:
meine besondere maßnahme zum zweiten blog-geburtstag ist ein kleiner wettbewerb!
ich suche die „besonderste maßnahme 2011“. zu gewinnen gibt es unter anderem eine flasche champagner** – und ich freue mich auf viele viele beiträge!
außerdem habe ich ganz wunderschöne notizblögge (note-blogs) erfunden (siehe foto) und mit ganz viel liebe selbst gefummelt, innendrin ist feinstes cremegelbes umweltfreundliches TCF-papier! die gibt es ebenfalls zu gewinnen! darauf könnt ihr dann eure eigenen besonderen maßnahmen allerbestens festhalten.
*ps.
sponsorInnen für das blog sind weiterhin zahlreich willkommen! sonst läuft das mit dem gewinnspiel verkehrt und ich gewinne mal wieder nix, sondern habe nur ausgaben ....
**pps.
falls der/die gewinnerIn no 1 keinen champagner mag [das kenn' ich ;-)] gibt es etwas anderes. in diesem fall geht die flasch' an no. 2
„paket vom optiker!“ der postbote sang es schon im treppenhaus und kriegte sich gar nicht mehr ein: „paket vom optiker!“ strahlend überreichte er mir den schmalen karton. als ob er den inhalt bestens kannte. ich hingegen war total überrascht.
„ein paket vom optiker?“ dachte ich. „komisch. die brille habe ich doch längst abgeholt. die wäre auch nicht so groß und so schwer.“ ich trug sie auf der nase, dreizehn gramm leicht.
langsam ging ich die stufen zu meiner wohnung hoch, betrachtete das paket von allen seiten. „hab' ich etwa was gewonnen?! na, das kann ja heiter werden.“
dann erinnerte ich mich, dass ich mich über die neue brille beschwert hatte. aus optischen gründen. wenn ich damit vor dem pc sitze, ist es eine verschwommene qual statt scharfsichtiger klarheit. als entschuldigung hatte man mir ein kleines präsent versprochen.
also eine entschuldigung sollte in meinem paket sein. quadratisch. länglich. schwer. zerbrechlich. ich hatte keine ahnung. wirklich nicht. ich rätselte: „hoffentlich ist das nicht irgendeine häßliche blumenvase in brillenform ….“ - bei meinem glück mit geschenkten gäulen ein durchaus berechtiger gedanke.
wieder in der wohnung, machte ich mir erst einmal einen kaffee. das ist so ein altes magisches denken von mir. je länger es mir gelingt, meine neugier im zaum zu halten und geduldig zu sein, umso besser wird der inhalt von briefen und paketen. da bin ich mir sicher! zumindest wird er weniger schlimm.
während der kaffee sich machte, legte ich mein altes päckchen- und brieföffnermesser schon mal zurecht. nach dem ersten schluck milchkaffee – aaaah! noch einmal tief luft holen und dann ran an die verpackung. ich liebe geschenke und war voller vorfreude!
ihr seht, was drin war im karton: eine flasche champagner. veuve emille brut. nicht gerade der allerteuerste, aber ein solides gesöff.
shice.
es hätte doch echt mal ein geschenk sein können, über das ich mich richtig freue und das ich auch behalten darf. statt dessen schickt mir der optiker die tödliche versuchung - und das auch noch in zeiten allerdünnster haut.
ich hätte den champagner gerne getrunken. sekt und champagner habe ich früher sehr geliebt. weil der nicht betrunken macht (dachte ich), sondern leicht und heiter, ein bißchen 'kieksig'. auch nach fast zwölf alkoholfreien jahren weiß ich noch genau, wie lecker das schmeckt. und wie schön der kribbelt, nicht nur in meinem bauch. ooh ja!
nur zu gern würde ich mir wieder mal die kante geben, ferien haben zumindest im kopf und den ganzen ollen lebenskokolores einfach für eine weile vergessen dürfen.
aber von sucht gibt es – genauso wie von erwerbslosigkeit - keinen urlaub. wenn ich jetzt wieder anfange, wäre es vorbei mit meiner würde, der anfang vom ende.
es würde nicht bleiben bei dem einen glas, der einen flasche. selbst, wenn ich es noch so wollte. eine zeit lang würde es vielleicht gehen. aber dann würde ich mehr wollen. viel mehr. so viel, dass ich ratzfatz wieder auf meinem damaligen level wäre von mindestens einer flasche wein am tag und darüber hinaus.
das nennt man suchtgedächtnis. das suchtgedächtnis ist ein ziemlich komplexer vorgang. es hat nichts zu tun mit 'charakterschwäche', wenn eineR nicht mehr aufhören kann nach dem ersten glas.
der körper will mehr, nicht die psyche. das suchtgedächtnis ist eingebrannt in den synapsen und sonstewo, quasi unlöschbar auf meiner internen festplatte. nicht bloß im arbeitsspeicher. auch kein fehler im betriebssystem, der mit einem flotten update dauerhaft zu beheben wäre.
nix da. es hat mit dem ADH zu tun. und mit dem MEOS.
wissenschaftlich kann ich das nicht erklären, dazu fehlt mir der hintergrund. aber ich kenne die groben zusammenhänge. die vorgänge in meinem körper, die mit alkoholkonsum und alkoholabbau zu tun haben, stelle ich mir vereinfacht vor wie einen netten kleinen zeichentrickfilm.
oder einen film von woody allen: „was sie schon immer über alkohol wissen wollten, aber sich nie zu fragen trauten, weil sie angst haben, ganz damit aufhören zu müssen, sobald sie die antwort kennen.“
der // zeichentrickfilm // geht ungefähr so:
wenn ich alkohol in meinen körper schütte, sind das anfangs sehr nette, lustige gesellen. das macht erst mal spaß. aber je mehr davon und je länger die in meinem körper in den blutbahnen und sonstewo zirkulieren, umso mehr verwandeln sie sich in brutale rabauken. sie grölen und prügeln, die reinsten stoffwechsel-hooligans.
dann schreit das gehirn: „was ist denn das für eine schlägertruppe?! die wollen wir nicht mehr, die sind ja giftig! leber! mach was!“
dann macht die leber was: sie produziert das alkohol-abbau-enzym alkoholdehydrogenase, kurz ADH. der magen hilft ihr dabei.
die zwei sind ein gutes team und putzen schön was weg. die jungs werden zahm, schlafen ihren rausch aus und am nächsten morgen geht es uns wieder gut.
wenn wir jetzt aber noch mehr alkohol-jungs oben reinlassen, dann machen die beiden irgendwann schlapp. so viel arbeit auf einmal, daran sind sie nicht gewöhnt. die folge?
am nächsten tag geht es allen körperteilen dreckig. am schlimmsten ist es im kombinierkästchen: da haben wir einen kater. das ist so ein fieses fettes tier, dass einem schwer auf dem kopf rumhängt, seine krallen in unsere kopfhaut schlägt und den schwanz vor unseren augen hin und her baumeln lässt. ihr wisst schon: verirrte, schlecht gelaunte alkoholjungs randalieren in den blutbahnen.
wenn das passiert, dann kriegt die leber eine krasse diskussion: „ey du faule leber, hasse nich' genug enzym? jetz' gehz uns konkret dreckig und du bisse schuld, du fette assibratze! servier das nich' noch mal, sonz messer isch disch krankenhaus. ischwör...“
die leber kann zwar nix dafür, wenn jemand anders so viel alkohol in ihren körper kippt, aber sie hat keinen bock auf prügel. sie schweigt und merkt sich, wieviel enzym sie produziert hat und dass das zu wenig war. beim nächsten mal produziert sie dann mehr und schneller.
wenn noch mehr alkohol kommt und noch mehr, dann schafft die leber das nicht mehr alleine. auch nicht, wenn der magen ihr hilft. dann delegiert sie einen teil von den saufjungs ans MEOS.
das geht nicht von heute auf morgen. es braucht eine gewisse gewöhnung, viele wiederholungen größerer alkoholischer raufboldclubs, immer wieder, über längere zeit. die leber ist ein toughes stück. bei erwachsenen menschen dauert das ungefähr fünf bis fünfzehn jahre. bei jugendlichen im alter von 15 – 25 jahren dauert es fünf bis fünfzehn monate, und bei kindern unter 15 hat die leber den bogen schon nach fünf bis fünfzehn wochen raus.
dann weiß sie bescheid, wieviel sie selbst produzieren muss und wieviel das MEOS übernehmen muss, so dass alle alkoholjungs unschädlich gemacht werden. weil sie so viel braucht, dass sie sich dann keine pause mehr gönnen darf, wenn sie mal angefangen hat, produziert sie quasi in vorauseilendem gehorsam immer sofort die zuletzt benötigte höchstmenge, sobald auch nur ein tropfen alkohol in ihre nähe kommt.
immer. alkoholjungs im anmarsch? zwei? na dann mal los! gestern waren es am ende achtundzwanzig! MEOS, du auch, mach hinne!
wenn also wieder 28 alks kommen, ist alles paletti, die leber packt ihr pensum, das MEOS übernimmt den überschuss.
ungefähr in dem augenblick, wo die leber ADH nicht mehr nach bedarf, sondern auf vorrat produziert und das MEOS sich einschaltet, übernimmt das suchtgedächtnis die kontrolle. genau das ist der 'point of no return'. die sucht ist ausgebildet, irreversibel.
leider hat nämlich die leber ein besseres gedächtnis als jeder elefant. sie wird den zuletzt erreichten höchststand nie wieder vergessen! nie. nicht nach einer alkoholfreien woche, nicht nach einem monat oder einem jahr, auch nicht nach zehn oder zwanzig abstinenten jahren. dieses leberluder ist nachtragend bis an unser lebensende.
zu dumm. wenn jetzt nämlich ich oder ein anderer alkoholsüchtiger mensch mal wirklich weniger trinken will als die übliche tagesdosis, dann kommt zwar die leber damit klar – aber nicht der rest vom body. weil die leber unaufgefordert ihr höchstpensum produziert, sobald sie einmal angefangen hat. auch wenn wir das ausnahmsweise mal nicht brauchen.
ist aber noch 'unbenutztes' alkoholabbauenzym vorhanden, dann ist die leber 'sauer' und beschwert sich bei den synapsen im hirn: „ey, ihr da oben! wozu mach ich mir denn hier die ganze enzymproduktionsarbeit!? guck mal, so viel übrig, steht hier alles noch rum! das schütte ich jetzt aber nicht weg. schick mehr alkohol!“ und schon ist es vorbei mit meinen guten vorsätzen „heute trinke ich aber mal weniger alkohol.“
tja. netter versuch, mal nur ein glas champagner trinken zu wollen statt wie sonst – oder wie früher - immer die ganze flasche. zu dumm aber auch, dass meine leber sich sofort daran erinnern würde, wieviel sie damals - zu meinem letzten lustigen besäufnis im sommer 1999 - zuletzt gebraucht hat.
// ende des zeichentrickfilms //
für mich ist es eine große erleichterung, um diese inneren stoffwechsel-zusammenhänge der alkoholsucht zu wissen. es hat mir geholfen, von dem seltsamen anspruch wegzukommen, den viele menschen an trockene alkoholikerInnen haben und den diese auch - aus falschem ehrgeiz, unwissen oder scham - an sich selbst stellen:
irgendwann mal wieder 'normal' trinken zu können, wenn ich nur tapfer lange genug abstinent bin. pustekuchen! das wird niemals funktionieren, never ever niemals nicht. eine kurze zeit lang vielleicht. aber über kurz oder lang lässt die eigene leber mir gar keine andere wahl, als wieder so viel zu trinken wie damals am schluss. bloß damit sie ihr zeugs los wird.
deswegen ist es für trockene alkoholiker nicht nur 'leichter', überhaupt keinen alkohol zu trinken als nur ab und zu ein glas. es ist die einzige möglichkeit, um die sucht auf dauer im zaum zu halten.
genau deswegen bleibt auch mein champagner zu. schließlich ist mein name nicht „ame weinhaus“ - sprich: ['eimi 'wainhaus]; falls ich mich jemals wieder auf eine bühne oder vor ein mikrofon stelle, dann sicher weder torkelnd noch lallend. in dieser hinsicht ist Amy Winehouse kein vorbild für mich. aber ihre stimme, hach! ihr song über die rehabilitationsverweigerung ist grandios. absolut typische, nasse suchtdenke!
ich überlege also noch, was mach ich mit der flasch?! es ist ein bißchen gefährlich, die in meiner wohnung stehen zu lassen. ein bißchen sehr gefährlich sogar. man sollte es nicht meinen, aber das ding im karton in der hintersten ecke des büroschranks zwickt mich.
zum wegwerfen ist sie mir zu kostbar – dafür lebe ich zu prekär, und champagner ist schon was besonderes für mich. die witwen-brause einfach nur an die/den erstbesteN zu verschenken, fände ich ein bißchen .... schade drum. bei ebay verkauft es sich schlecht, das habe ich schon recherchiert. eintauschen gegen 7-zwerge-kindersaft geht leider auch nicht.
soll ich eine tombola veranstalten? oder einen wettbewerb? was meint ihr? was mach' ich bloß mit der droge!?
heute vor genau sieben jahren bin ich zum ersten mal in dieser wohnung aufgewacht. mit ganzer absicht hatte ich mir zum 'erstlingsschlafen' die kürzeste nacht des jahres gewählt, die sommersonnenwende. zur schönen aussicht gab es nur mein bett und - natürlich – alle notwendigen utensilien für meinen geliebten frühstücksmilchkaffee.
alle meine anderen dinge kamen erst ein paar tage später. es war gigantisch schön, in der leeren wohnung zu sein, platz zu haben für mich und meine gedanken: es war ein bißchen wie camping, ein picknick mit mir selbst.
die wohnung war für meine verhältnisse relativ teuer, mit meiner arbeitslosenhilfe aus einer teilzeitstelle als kulturredakteurin in berlin konnte ich sie mir so gerade eben leisten.
aber ich kenne mich doch und mein prekäres inneres gleichgewicht: seit vielen jahren weiß ich, dass meine vier wände hell und luftig sein müssen, damit ich mich auf dauer darin wohlfühlen, die depressionen im zaum, die multiplen traumata bändigen, einen rückfall in die alkoholsucht verhindern – und damit meine erwerbsfähigkeit erhalten - kann.
also spare ich lieber an anderer stelle. nach abzug der miete blieb mir auf einen euro unterschied genau das, was ein halbes jahr später 'regelbedarf hartzIV' heißen sollte. vor dem arbeitslosengeld 2 hatte ich keine allzu große angst. schließlich hatte der damalige superminister für wirtschaft und arbeit, wolfgang clement, im jahr 2004 hoch und heilig versprochen „niemand, der jetzt arbeitslosenhilfe erhält, wird nachher mit hartzIV schlechter dastehen“.
außerdem hatte ich überhaupt nicht vor, so lange erwerbslos zu bleiben, sondern statt dessen große und durchaus berechtigte hoffnung, ganz bald wieder eine feste stelle zu finden.
damals steckte ich mitten in einer weiteren ausbildung zur projektmanagerin, die ich im herbst des jahres sehr erfolgreich abschloss.
aus beidem wurde nichts: weder fand ich feste arbeit, noch hielt der alte mann sein versprechen.
seit inkrafttreten der hartzIV-gesetze am 01.01.2005 gilt meine schöne aussicht 'amtlich' als 'unangemessen'. ebenso lange lege ich 'dem amt' ein attest, ein gutachten nach dem anderen vor zum nachweis dafür, dass aus gesundheitlichen gründen ein zwangsumzug für mich unzumutbar ist. dieses verfahren wird – je nach gusto des 'amtes' - jährlich oder halbjährlich wieder neu aufgelegt.
um dem nachdruck zu verleihen, wird die überprüfung meiner 'umzugsfähigkeit' vom amt gerne auch mal mit einstellung aller zahlungen kombiniert. oder mit der auflage, die arbeitslosenhilfe monat für monat neu beantragen zu müssen, weil sich mein gesundheitszustand ja zwischenzeitlich bessern könnte.
natürlich ist das gegenteil der fall: die schreiben des amtes versetzen mich regelmäßig in angst und schrecken, ich reagiere mit stärkeren depressionen und schlimmerem. diesen entsetzlichen druck auszuhalten, ohne wieder alkohol zu trinken, wird immer schwieriger.
ich bin heute nur noch ein verzeifelter, heulender schatten der lebensmutigen und zuversichtlichen frau, die vor sieben jahren in diese wohnung einzog.
durch den druck ruiniert 'das amt' nicht nur meine gesundheit, sondern es produziert auch zusätzliche kosten: häufigere arztbesuche, atteste, gutachterliche überprüfungen, mehr medikamente, längere krankschreibungen, gerichtsgebühren, anwaltshonorare, porto-kopien-und-fahrtkosten, zusätzliche therapeutische sitzungen, sogar ein klinikaufenthalt im vergangenen jahr und damit unnötige verlängerung meiner erwerbsunfähigkeit sind teure folgen der amtlichen schikanen.
dem 'amt' aber ist das schnurzepiep. es will einen teil meiner miete einsparen. wenn das an anderer stelle anderer leute geld kostet oder meine gesundheit (und damit mein leben) ruiniert – dann ist das egalegalegal.
das derzeitige verfahren zieht sich nun schon ein knappes halbes jahr hin. einen tag vor dem jahreswechsel erhielt ich am 30.12.2010 die amtliche mitteilung, dass nun alles wieder neu aufgerollt wird. seitdem habe ich keine ruhige minute mehr. angst und panik ziehen mir den letzten boden unter füßen weg – und der war ja im herbst des vergangenen jahres ohnehin schon sehr dünn und brüchig.
mit der maßgeblichen beurteilung, ob mir ein umzug zumutbar ist oder nicht, wird regelmäßig der ärztliche dienst der arbeitsagentur beauftragt. je nachdem, welcher arzt gerade dienst hat, ist immer jemand anders zuständig.
diesmal habe ich es zu tun mit einem doppelten doktortitel: dr. med. dr. med. vet.! dieser tierarzt aus rostock, den in mecklenburg-vorpommern scheinbar nicht mal mehr die schweine* wollten, ist wohl gerade noch gut genug, um westdeutsche arbeitslose zu begutachten. jedenfalls scheint er all seinen frust, dass er als arzt in der zone gescheitert und nun im badischen arbeitsamt gelandet ist, an multipel traumatisierten wessis auszulassen:
der dr.dr. hat sich schriftlich per fragebogen ein paar angaben zu meinem allgemeinen gesundheitszustand beantworten lassen. einmal von mir, einmal von meiner ärztin. weder hat er die mich behandelnde fachärztin zu ihrer einschätzung meiner „umzugsfähigkeit“ befragt, geschweige denn hat er mich einmal persönlich eingeladen und begutachtet.
der dr.dr. entscheidet alles auf dem geduldigen papier, ignoriert sämtliche atteste von mich schon seit jahren behandelnden menschen und tut nun so, als würden alle ärzte und ärztinnen, fachärzte und fachärztinnen und therapeutinnen und sogar die chefärztin der reha-klinik heiligendamm für mich lügen. er als 'sozial-mediziner' sei schließlich übergeordnet und er findet, dass einem zwangsumzug überhaupt nichts im wege steht.
amtsärzte sind unanfechtbare götter. ihre gutachten sind gesetz, ganz egal wie sie zustande kommen. es gibt keinerlei juristische handhabe.
'das amt' will also nun, dass ich – trotz gegenteilig lautender atteste – innerhalb kürzester zeit eine neue wohnung finde, die 45m² groß ist und maximal 275 euro kaltmiete kostet. wer den südwesten und die hiesige universitätsstadt kennt, der weiß, dass das eine kafkaeske aufgabe ist.
am wochenende erhielt ich vom amt bescheid, dass meine volle miete für drei weitere monate übernommen wird, bis zum 30. september 2011. ein kleines aufatmen.
meine befürchtung war, dass schon am monatsletzten (also in 10 tagen) schluss sei, dass ich dann meine miete nicht mehr zahlen kann und demnächst obdachlos werde. insofern gibt es eine letzte gnadenfrist. es ist noch längst nicht wieder gut. aber es ist mal für einen kleinen augenblick weniger schlimm.
all denen, die mich persönlich kennen und sich fragen, warum ich mich lange nicht gemeldet habe – und denjenigen, die sich wundern, dass ich hier in den vergangenen monaten nur noch so wenig schrieb - das ist die antwort:
es ging mir im herbst beschissen. ich wusste gar nicht, dass eine steigerung dessen noch möglich war. aber jetzt geht es mir noch schlechter.
die angst lähmt mich. ich habe keine kraft mehr, bin nur noch mit überleben beschäftigt, setze vorsichtig einen fuß vor den anderen. stürze, stehe wieder auf und versuche, nicht allzusehr in alte selbstschädigende muster zurückzufallen oder gar neue zu entwickeln. es gelingt mir nicht immer, ich entgleise mir oft.
eines aber gelingt mir doch, und dafür bin ich unendlich dankbar: ich bin ohne alkohol. tag um tag, meiner würde wegen.
nicht genug zu verdienen, nicht allein für den eigenen lebensunterhalt sorgen können, das ist schon schlimm genug. aber auch noch zum umzug gezwungen bzw. geradewegs in die obdachlosigkeit gedrängt zu werden und damit auch noch die allerletzte sicherheit zu verlieren - das ist die hölle.
dennoch bin ich entschlossen zu kämpfen und werde versuchen - wenn nötig - auch das bei lebendigem leibe und ohne drogen auszuhalten.
hartzIV ist folter. vielleicht sollten wir alle mal dem herrn clement unsere rechnungen schicken.
ps. * ich bitte an dieser stelle alle schweine und ganz mecklenburg-vorpommern um verzeihung für diese entsetzlich abwertende bemerkung, die ich nur im bezug auf den dr.med.dr.med.vet. ernst meine. das ist vielleicht die schlimmste aller folgen von harz4: dass es so kränkt, so demütigt - so krank und so verbittert macht.
die vollmondfinsternis ist zwar schon drei tage her. da ich hier aber nicht unter aktualitätszwang stehe, erlaube ich mir, mein altes bierglas nachträglich noch einmal herzuzeigen.
das vollmondbier ist inzwischen genauso verblasst wie der vollmond von neulich.
ich habe das glas dem brauer abgeschwatzt. damals, als ich noch bezahlte journalistin war und für den sender multikulti auf der berliner karl-marx-allee vom ersten internationalen bierfestival berichtete.
was die redaktion sich vorgestellt hatte, weiß ich nicht. eher etwas folkloristisches, nehme ich an. biertrinkerInnen aller nationen mit ihren jeweils heimischen saufritualen womöglich.
es war dann doch eher ein kollektives besäufnis, männlich dominiert und mit viel rumtata. „bier, mann und gebrüll“ gehören schließlich untrennbar zusammen.
obwohl ich damals noch alkohol trank und auch bier sehr gern mochte, war mir die veranstaltung nicht geheuer. zu laut. zu plump. zu viele menschen auf einmal, zu viele dicke bäuche ….
es war schwer, das „internationale“ zu finden. es gab eine oder zwei buden, die verkauften bier in flaschen und dosen aus einhundertfünfzig ländern. oder so. fast alle anderen anbieter waren brauer aus deutschland, aus deutschland und aus bayern.
auf der suche nach den nicht ganz so kommerziellen zwischentönen landete ich beim schweizer vollmondbier. bio. in vollmondnächten gebraut. mit der ganzen kraft des vollen mondes. das war damals noch neu. mittlerweile hat sich die methode auch in deutschland etabliert.
ich hielt mich mit dem konsum zurück, musste ja nach den interviews mit möglichst klarem kopf wieder zurück in die redaktion, o-töne schneiden, text schreiben, beitrag produzieren im studio …. journalistinnenalltag eben.
ein glas aber gönnte ich mir im getümmel vor ort, eben jenes. es hat mir geschmeckt, schließlich hatte ich durst. aber auch bio-alkohol macht besoffen und geht auf die leber, da gibt es nix zu deuteln. der brauer freute sich über das medieninteresse (mich), war sehr charmant und schenkte mir das glas mit schweizer akzent.
aus dem souvenirglas habe ich noch zwei jahre lang bier getrunken, später dann saftschorle oder wasser.
die kraft des vollmonds steckte für mich nicht in dem bier, sondern war mit der zeit auf das glas übergegangen. auch wenn ich kein vollmondbier mehr daraus trank. auch, wenn mein apfel- oder ananassaft mit großer wahrscheinlichkeit nicht an vollmond gepresst war. irgendwie hat mir dieses glas immer kraft gegeben. das magische denken meiner kindheit habe ich mir bis heute nicht nur bewahrt. es scheint im gegenteil immer stärker zu werden.
leider war der aufdruck nicht spülmaschinenfest und ist über die jahre verblasst. damit verblasste natürlich auch seine vollmondwirkung. ist doch klar. versteht doch jeder! eine ganze weile schon stand das glas also ungenutzt im küchenschrank, hinterste ecke. zur mondfinsternis habe ich nun beschlossen, mich davon zu trennen.
zeit des ausatmens. zeit des loslassens. kleine schritte.
es sieht so aus, als ob ganz gewaltige veränderungen auf mich zukommen.
ich habe angst, aber ich muss dem entgegengehen.
bevor heute abend deutschlands näxt top modell (gntm 2011) in die drittletzte runde geht, möchte ich schnell noch ein paar gedanken äußern zu fraulichen äußerlichkeiten.
es ist ja nicht neu, dass viele frauen meinen, sie müssten ihr äußeres verändern und sich körperlich, geistig und seelisch den jeweils aktuell als schön angesehenen normen anpassen – um überhaupt gesehen zu werden; schlimmer noch: um sich überhaupt sehenswert und wahrgenommen zu fühlen.
ich schließe mich da leider nicht aus und befinde mich in bester gesellschaft:
das war schon zu sapphos zeiten so, in ihrem mädcheninternat auf der wunderschönen insel lesvos, vor zweieinhalb jahrtausenden: wimperntusche war damals aus gebranntem kork.
auch kleopatra, die herrin der vollkommenheit, benutzte dekorative kosmetik aus edelsteinpulver und badete in ziegen- oder eselsmilch. lebte sie heutzutage, dann sicher nicht ohne personal trainer.
im mittelalter schmierten sich die frauen hochgiftiges bleiweiß ins gesicht, denn nur blasse haut war vornehm. das kostete nicht nur viel geld, sondern auch die gesundheit.
schon immer waren auch mit dem aussehen sich befassende sprichwörter widersprüchlich. einerseits „wahre schönheit kommt von innen“ - andererseits „die inneren werte einer frau sieht man(n) nicht auf den ersten blick.“
denke ich an die neuzeitliche perversion innerer qualitäten in form von silikonbusen, möchte ich den buchstaben „h“ in „wahre“ am liebsten weglassen.
wenn ich den silikongriff meines bügeleisens betrachte oder die neumodische kuchenbackform – wie gammelig die schon nach kurzer zeit aussehen …. so was in meiner brust oder sonstewo im körper?! nee. näh!
in meiner bibliothek steht ein buch aus dem präsilikonischen zeitalter. „schön sein – schön bleiben“ heißt es, von Lilo Aureden, erschienen 1955 im bertelsmann verlag. es ist älter als ich, irgendwann als studentin habe ich es der mutter abgeschwatzt.
wenn ich mich mal so richtig amüsieren und gleichzeitig gruseln will, dann nehme ich dieses buch zur hand. es ist schon etwas vergilbt, die schrift wirkt altmodisch. dafür ist es voller charmanter zeichnungen sowie wunderbarer schwarzweiß- und farbfotos.
das beste: mein buch ist gleichzeitig übersprudelnder quell allgemeingültiger, zeitloser schönheitstipps als auch immerwährender heiterkeit: mein wirtschaftswunderkosmetikknigge.
egal ob haare gesicht figur geschmack pediküre minderwertigkeitskomplexe falten männer oder haferflockensuppe: frau aureden kannte sich mit allem aus. manches kommt einem heute seltsam abstrus vor, anderes wiederum ist sehr „vernünftig“.
viele der tipps finden sich – leicht abgewandelt - auch heute noch in den ..igitte-zeitschriften dieser welt. sie werden wahrscheinlich nicht erst seit 1955 alljährlich wieder aufgewärmt – und fraglos auch von den heutigen top models noch beherzigt.
„Locker sei der Gang … ein federnder Katzenschritt, nicht betont und nicht nachlässig, aber gelassen! (50)“ den catwalk üben sie heute noch – wenn es sein muss wie anno dunnemal mit einem dicken buch auf dem kopf.
nur die absatzhöhe war damals eine andere: der berufstätigen frau wurde ein grundbestand von vier(!) paar schuhen empfohlen (385): ein paar schwarze pumps (4cm hoch), ein paar braune trotteurs (ebenfalls 4cm hoch), ein paar „gute“ für einladung und gesellschaft (> 4 cm) und ein paar leichte flache weiße sommerschuhe.
nix da mit 15cm high heels! die gab es bis vor kurzem sowieso nur im sexshop. frau klum, die eiserne laufstegschönheit, hat sie uns angezwungen. kaum zu glauben, dass dieselbe frau auch korkfussbettpantoletten designed (hat).
meine schönseinbibel sagt: „Der Schuh ist für den Fuß da, nicht umgekehrt (386).“ genau. sehr „vernünftig“.
sehr amüsiert hingegen hat mich der busenwickel. er erinnert mich daran, wie damals in japan meine geisha-mamasan mir die 75C-brust flachgebunden und die schlanke taille mit einem handtuch ausgestopft hat, damit der kimono auch richtig saß.
die idealsilhouette für eine japanerin ist nicht wie bei uns die einer cocacola-flasche, sondern ähnelt eher einem ess-stäbchen.
mein journalistischer selbstversuch mit der angeblich von den pariserinnen bevorzugten brustbandage (283) ist bislang an der fehlenden anwesenheit von geeigneten hilfspersonen gescheitert:
immerhin muss die behandlung mit in essigwasser getränkten stoff- und elastikbinden drei mal überkreuz gewickelt, mit leukoplast befestigt und „sechs wochen hintereinander zweimal wöchentlich“ durchgeführt werden, später wöchentlich einmal und am ende alle vier wochen.
nach einem halben jahr wird eine dann für ihre ausdauer belohnt, angeblich. und zwar mit einem „kunstvoll nach oben gebetteten busen“. na dann gute nacht, mein herz!
wenn ich all diese tipps auf den über 450 kleinstbedruckten seiten nur schon früher beherzigt hätte, ach! aber jetzt ist es zu spät, mein geschmack is(s)t verirrt, die figur ruiniert, eine freie radikale „läuft, Ohne Haube, ohne Kragen, Schlotterbusig durch das Land (H. Heine)“. wie sonst?!
dennoch geht mir auredens gnadenloses geschmacksurteil nicht aus dem kopf: „Ältere Damen können sich nur die Kombination Schwarzweiß oder umgekehrt, auch Taubengrau mit Schwarz und Taubengrau mit Weiß gepunktet leisten (367).“
ich tu alles, meine liebe, aber niemals nicht weiß gepunktet!
frau aureden! frau klum! und alle anderen selbsternannten oder ferngesteuerten schönheitspäpste und -päpstinnen dieser welt, wisst ihr was?!
so lange ich schön bin, ist mir mein aussehen egal!
Lilo Aureden, Schön sein - schön bleiben
C. Bertelsmann Verlag Gütersloh 1955, 480 Seiten
ein rentnergarten ist – wie das wort schon sagt – das gegenteil vom kindergarten. wo kinder wachsen, lebendig laut und bunt sind und sich täglich entwickeln, sind ältere leute eher ruhig in sich zurückgezogen, bewegen sich nicht mehr so viel und bevorzugen gedeckte farben.
Buchs im Rentnergarten
wenn kinder in ihren garten gehen, dann wollen sie herumtollen und barfuß über taufrisches gras hüpfen. sie wollen wilde bienen sehen und torkelnde schmetterlinge an kunterbunten blumen.
den älteren leuten ist so viel aufruhr zu viel. das macht arbeit. deswegen gibt es im rentnergarten keine wiesen mehr und keine bunten blumen. und erst recht kein unkraut!
pflegeleicht soll es sein, das seniorenbeet, das ganze jahr über adrett anzusehen ohne dramatische veränderungen.
seit ein paar jahren schon beobachte ich diese entwicklung. immer mehr gärten und vorgärten werden zu steinwüsten, sparsam bepflanzt mit immergrünem buchs, mit zypressen und falschen lebensbäumen. alles pflanzen, die diese bezeichnung kaum verdienen, weil sie sich nur unmerklich verändern.
thuja, buxbaum, efeu - gehören meiner meinung nach höchstens auf den friedhof (bloß bitte auf keinen fall auf mein grab, falls ich da mal lande). mögen vielleicht ältere menschen diese gewächse genau deswegen? wegen des grufti-looks? weil sie öfter auf den friedhof gehen als junge leute? weil mit den jahren immer mehr verwandte, freunde und bekannte schon für immer dorthin gezogen sind?
mag ja sein. dass manche menschen sich aber schon zu lebzeiten die friedhofsoptik in den eigenen vorgarten holen, wird mir immer fremd bleiben. brauchen sie es wirklich so nahe vor augen, dass ihre tage gezählt sind, dass der countdown schon läuft?
natürlich würden sie sich das niemals eingestehen. das neue gartendesign hat allein praktische gründe, sagt der rentnergärtner dann trotzig mit vorgeschobener unterlippe. außerdem heißt das im gartenfachmann-fachjargon natürlich nicht rentnergarten, sondern marketing-speak neumodisch "steingarten im toskana-stil".
schon klar. spitzkantiger grauer schotter, buxbaumkugeln und säulenzypressen waren schon immer die erkennungszeichen der toskanafraktion, wussten Sie das nicht?!
"Toskana" im Markgräflerland
ich hatte da zwar andere toskanatypische klischees im kopf - wie brunello di montalcino, den pittoresken ponte vecchio oder uralte knorrige olivenbäume - aber man lernt ja nie aus. auch eine freie radikale kann und will nicht alles wissen.
toscana feeling durch mediterranes design, das klingt weltmännisch, weitgereist und wohlhabend. das ist dolce far niente und macht was her! aber nicht nur den nachbarn beeindrucken und neidisch machen soll der rentnergarten, er soll auch pflegeleicht sein. so steht es in den hochglanzprospekten der rentnergartenprofis.
pflegeleicht ist eines meiner alltime-bestgehassten wörter. das kommt in einer reihe mit bügelfrei, praktisch und zeitsparend. gleichbedeutend mit stil- und lieblos, unachtsam und scheintot.
das allertoskanatypischste am rentnergarten ist wohl die tatsache, dass dort noch nicht einmal mehr unkraut wächst. schluss mit dem wildwuchs, sturm und drang ist kindergartenkram! ein dickes vlies liegt als grasverhüterli zwischen erdreich und schotterschicht. da wächst garantiert nichts durch. die faden stoffbahnen werden sorgsam mit steinen bedeckt, bis sie unsichtbar sind. soll keiner sagen können, dass das unordentlich aussieht!
irgendwie kann ich das ja noch nachvollziehen, diese unkrautphobie. unkrautjäten ist das bügeln des gartens. grauslige pflicht – wenn man denn meint, es tun zu müssen. körperlich anstrengend ist es obendrein, in gebückter haltung oder knieend im beet unwillkommenes grünzeug samt wurzeln aus dem boden zu rupfen. das ist beschwerlich, nicht erst im alter – aber dann erst recht. unkrautfreie beete sind wie bügelfreie hemden: es gibt sie nicht wirklich. wer daran glaubt, macht sich selbst etwas vor.
zurück zum rentnergarten: auch das büro für besondere maßnahmen hat neuerdings ein stückchen pseudo-toscana am haus. sehr sauber. sehr ordentlich. sehr steril. sehr leblos.
weil das für die hausleute praktisch ist. es ist so dermaßen praktisch, dass man jetzt auf dem balkon im ersten stock keine blumenkästen mehr bepflanzen darf, weil sonst die herabfallenden geranienblütenblätter auf den schönen grauen steinen landen und letztere unschön bunt verfärben könnten.
da bin ich jetzt aber echt froh. geranien konnte ich noch nie leiden, dieses spießige gewächs!