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Donnerstag, 22. Oktober 2009

besondere maßnahmen VI - haarsträubende haarabschneiderei

manch eineR sagt, ich hätte haare auf den zähnen. das mag sein, aber die sind die meiste zeit gut gekämmt.

bisweilen habe ich haare in der tastatur. aber die werden immer weniger, seitdem die katzen nicht mehr da sind.

ich habe noch drei goldene barthaare am kinn, so richtig dicke stoppelige. das vierte ist schon weiß. regelmäßig vor wichtigen terminen denke ich darüber nach, ob ich sie auszupfe oder nicht.

die meisten haare habe ich auf dem kopf, wuschelgelockt – und die wollen immer gut frisiert sein.



das aber ist nicht so einfach, wie es sich anhört. ich bin schon öfter heulend und fluchend vom friseur nach hause gekommen als vom zahnarzt.

irgendwie scheint das eine schwierige sache zu sein, gelockte haare in eine lockige frisur zu verwandeln, und ich habe nur selten erlebt, dass das jemandem bei mir auf anhieb gelungen wäre. es ist übrigens keine frage des geldes, ob es gut wird oder nicht. die eine kann es – der andere nicht.

einer, ders konnte, war mein polnischer frisör in berlin. andré. sehr charmant. sehr schwul. als ich ihn kennenlernte, war er noch lehrling in einer kleinen vorstadt­klitsche. da ging ich normalerweise nie rein, weil dieser laden nichts anderes erwarten ließ als eben genau neuköllner vorstadthaarschnitte: super­blonde dauer­wellen mit noch superblonderen strähnchen, passend zu spackig sitzenden glitzer­leggings, knatschblauem lidschatten und quietscherosa lippen­stift. cindy von marzahn hatte sich damals noch nicht erfunden, aber die ureinwohnerinnen von berlin-neukölln sahen schon immer so aus.

ich war wohl auf einem meiner immer wiederkehrenden „ab-sofort-muss-alles-anders-werden“-trips. die beginnen oft mit einem spontanen frisörbesuch, welcher dann wiederum leider oft in obigem heulen-und-fluchen endet, womit dann wieder alles beim alten wäre.

ganz spontan und wagemutig landete ich dies eine mal also in der neuköllner vorstadtklitsche beim lehrling auf dem frisierstuhl. aber bloß, weil die damen alle beschäftigt waren. andré war der einzige mann im laden. ich war skeptisch, ließ ihn aber machen. andré machte. charmant und liebevoll. vergnügt auf irgendeiner droge. aber gekonnt und perfekt. es war kaum zu glauben: ich verließ den frisör­laden …. und ich gefiel mir gut!

seither und solange ich in berlin blieb, ließ ich an meinen charakterkopf nur noch andré aus polen. egal in welchem salon er nach der lehre arbeitete, ich reiste ihm hinterher, kreuz und quer durch die große stadt. ich wurde sein haarschneide-groupie, und ich bereute es nie. seine schnitte waren jedes mal haargenau, von ausgesucht pfiffiger eleganz, wunderbar ausgeglichen in den proportionen und immer passend zu meinem typ:

nie zuvor hatte ich die erfahrung gemacht, dass mein widerspenstig krauser kopf auf so viele verschiedene arten schön sein konnte.

andré hatte - was haare angeht - den richtigen blick für den goldenen schnitt. das hat er mir viel später einmal erklärt. wenn er einen menschen vor sich sah, dann ratterten wie die rollen in einem spielautomaten ungefähr drei dutzend verschiedene frisuren durch seinen kopf, die zu demjenigen passen könnten. seine inneren bilder rasteten ein bei genau den drei haarschnitten, in denen sich die kundin dann auch selbst schön finden würde. ein genie! und doch so unprätentios in seiner art. ich blieb ihm lange jahre treu.

das änderte sich erst, als ich ans andere ende der republik zog. zwar verband ich meine berlinbesuche anfangs – ganz jetset! - immer noch mit einem haar­schneidetermin 'chez andré'. aber dann verlor ich ihn aus den augen: meine berlin-besuche wurden seltener, der kontakt brach ab, er arbeitete nicht mehr im alten laden, seine telefonnummer stimmte nicht mehr, und ich fand ihn nie wieder.

nun bin ich angewiesen auf die hiesigen friseure, sozusagen „verloren in der provinz“! es ist fürchterlich. vom billigen haarabschneider am fließband bis hin zum sogenannten edel-coiffeur habe ich sie alle durchprobiert.

es ist zum verzweifeln. sie schaffen es einfach nicht! die eine versteht meine beschreibung nicht – gerade so als ob ich chinesisch rede. die andere sagt „so eine frisur lernen wir hier schon seit jahren nicht mehr“ und die dritte behauptet ganz frech „es gibt kundinnen, die wollen zwei frisuren gleichzeitig“.

sage ich „bitte nur die spitzen“, wird der ehemals wuschelige stufenschnitt stramm über den kamm gezogen und auf eine länge getrimmt. ich bin doch kein pudel!

bitte ich um einen 'wuscheligen nacken' - endet das ganze in einer spießig runden kante mit entenschwanz.

gehe ich zum teuersten laden in stadtmitte, wird es zwar ordentliches handwerk, aber bieder und langweilig.

auch derzeit wage ich mich kaum ohne kopftuch auf die straße. bei meinem letzten friseurversuch schnippelte die lady mit der effilierschere an meinen natur­locken herum. an naturlocken! mit der effilierschere! ohne etwas zu sagen, versteht sich.

ich merke es ja immer erst hinterher, was passiert ist – weil ich vor dem großen frisörspiegel nie die brille aufhabe. als ich sie wieder anzog, war meine locken­pracht zum wischmopp verkommen.

in der hoffnung, dass sich das über nacht von alleine wieder krummlegt, zahlte ich und ging. aber irrtum: der wischmopp blieb auch nach dem waschen ein wischmopp.

am nächsten tag ging ich wieder hin. wir hatten vereinbart, dass ich noch mal kommen dürfe, wenn es mir auch nach 'einmal drüber schlafen' denn so gar nicht gefiele. 'nicht gefallen' war der reine euphemismus. ich war kreuz­unglücklich!

diejenige welche den schaden tags zuvor angerichtet hatte, mochte keinen zweiten versuch an mir wagen. die dann zuständige kollegin zog stramm, kämmte glatt und schnitt wie ein feldwebel; musste hier noch was angleichen und da noch was korrigieren, bis aus dem kinnlangen wischmopp eine nur noch halbwischmopp­hafte kurzhaarfrisur geworden war. kurzhaar! am tag zuvor waren die locken noch schulterlang gewesen. da war ich doppelt bedient.

das allerschlimmste: sie hat die haare gegen meine anweisung vorne so kurz abgeschnitten, dass ich sie nicht einmal mehr hinters ohr klemmen kann. das grenzt an körperverletzung. denn dadurch fallen mir die haare ins gesicht, baumeln ständig vor den augen und triggern mir kopfschmerzen.

deswegen ist für die nächsten mindestens sechs monate wieder einmal die variante haarband angesagt. manchmal denke ich, meine haare sind inzwischen mindestens so prekär wie ich. das ist gar nicht gut für meinen selbstwert.

so langsam weiß ich auch nicht mehr, wo ich zum haareschneiden noch hingehen soll. in solchen augenblicken finde ich mein kleines landleben überhaupt nicht mehr lustig und habe ganz dolles heimweh nach meinem großen ollen berlin.


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1 Kommentar :

  1. Das ist ja zum Haareraufen!
    Wie gut, dass Dir Schals, Bänder, Reife und Tücher gar vortrefflich zu Gesicht stehen, dennoch verstehe ich dass das nix ist gegens richige Ver-Locken.

    Meinen persönlichen André, den gibts auch - der heißt übrigens Elli und wirkt mit seinen Zauberhänden und seiner intuitiven Kundenrastermehtode im 800 km von hier entfernten Speyer, das einzige was ich an dieser Stadt vermisse... ich war seit meiner Auswanderung nach Ostseeanien noch nie so mutig, jemand andren einschneidend an mich ranzulassen... und daher kann ich Dich nicht nur zu gut verstehen, sondern werde weiterhin - tief gewarnt vor solcherart leichtsinnigen Vorhaben - den ersten Lübecker Friseurbesuch nun doch noch weiter hinausschieben... so lange, bis ein nicht näher bestimmbarer, mir nach dieser Lektüre kaum vorstellbarer Notfall eintreten sollte.

    Mein Mitgefühl ...ähem, und verzeih wenn ich dennoch ob Deiner eloquenten Schilderung an manchen Stellen dann schon ein wenig dreckig grinsen musste und mich drüber streckenweise auch amüsiert habe....;-)

    Übers-Haar-Streichler (soweit noch Streichel-Bares vorhanden)
    von IngMarie

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